Skip to main content

Full text of "Oesterreichs Bedränger : die Los-von-Rom Bewegung ; Studien über politische, religiöse und sociale Zustände der Gegenwart"

See other formats


OE5TEKREI(J15 
' BEDRÄNQER ^ 

Die Los-von-Rom Bewegung, 



Studien über politische, religiöse 
und sociale Zustände der Gegenwart 

von 
RUDOLF VRBA. 



PRAG 1903. 

Selbstverlag. 

In Commission : FR. RIVNÄC, Buchhandlung 

Prag II., Graben, Palais der Landesbank. 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN. 



Druck der „Politik" in Prag. 



Vorwort, 



Nach statistischen Schätzungen wird die Erde 
jetzt rund von 1660 Millionen Menschen bewohnt. 
Davon entfallen auf Asien rund 840, Europa 390, 
Afrika 180, Amerika 150, Australien und übrige Länder 
7 Millionen Menschen. Diese grosse Menschenfamilie 
zerfällt in verschiedene Racen und zahlreiche Völker. 
Die Unterschiede der Menschenracen beziehen sich auf 
den Wuchs, Körperbildung und geistige Begabung, 

Die christliche Religion sagt, dass das ganze 
Menschengeschlecht von einem einzigen Menschen- 
paare abstamme, dass alle Menschen in ihrem Wesen 
einander gleich sind. Jede Behauptung, dass eine Na- 
tion oder Race berufen sei über eine andere zu herr- 
schen, andere auszubeuten angeblich aus dem Grunde, 
weil die und jene Race, das und jenes Volk »minder- 
werthig« sei, also von anderen angeblich höher ste- 
henden beherrscht und ausgebeutet werden könne 
oder gar solle, ist wider die christliche Religion, ist heid- 
nischen Ursprungs. Die Geschichte ist voll von blu- 
tigen Seiten, welche uns Belege geben, wie ganze 
Völker ausgerottet wurden. Die Indianer wurden in 
Amerika bis auf wenige Ueberreste von der weissen 
Rage vollständig vernichtet. In Armenien herrscht seit 
dem Jahre 1896 ein ununterbrochenes systematisches 
Morden der Armenier von Seite der Türken, auch 
das kleine Volk der Boeren in Südafrika sollte 
von den Engländern ausgerottet werden, die gelbe 
Rage will in ihrem Gebiete keinen Weissen dulden. 
Wir sehen, dass unter dem Schlagwort, dass das eine 
Volk berufen sei das andere zu beherrschen, die furcht- 
barsten Blutmetzeleien und grässlichsten Gräuel auf 
der Erde verübt werden. Sollte das Bestreben gewisser 
» Herrenvölker < die Erde unter sich zu vertheilen 
weiter um sich greifen, würden die kleineren Nationen 
■dem Tode geweiht sein. Aber Gott der Heerschaaren, 



vor dessen Antlitz tausend Jahre wie ein Tag sind, 
welcher die zahlreichen Völker und ihre Sprachen 
entstehen Hess, lenkt auch weiter die Geschicke des 
Menschengeschlechtes. 

Er hat schon stolze Völker und Reiche von ihrer 
Höhe gestürzt und verschwinden gemacht. Vorliegende 
Arbeit verfolgt keinen anderen Zweck, als die christ- 
liche Idee, dass es keine Völker, die berufen wären 
angeblich wegen ihrer höheren Eigenschaften, die sie 
sich nur selbst zusprechen, über andere zu herrschen, 
von rechtswegen nicht geben dürfe, darzuthun und 
zu verbreiten. 

Wenn unter den Menschen das Gebot Christi : 
»Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst« verschwinden 
oder nur auf jene beschränkt bleiben sollte, die sich 
mit gleicher Nationalität ausweisen können, dann 
wird es zu solchen Umwälzungen und Kämpfen kom- 
men, dass gegenseitige Ausrottung das Ende sein wird. 
Damit wird aber die Erde verwüstet und der Sieger 
ist selbst nicht sicher, ob er von einer anderen kräf- 
tigeren Race überwunden wird. Schon jetzt werden 
Stimmen laut, dass Europa sehr leicht der gelben 
Rage zur Beute fallen könne. Also wäre es den Pre- 
digern der berüchtigten Herrenmoral sehr anzurathen, 
sie möchten sich etwas bescheidener geberden, denn 
es könnte einmal der Tag kommen, wo an ihnen 
selbst die Herrenmoral zur That werden könnte und 
das von einer Seite, von welcher es ihnen am we- 
nigsten wünschenswerth erscheinen würde. 

Smichov-Prag, 1. April 1903. 

Rudolf Vrba. 



I. Die Nationalitätenpolitik bei den alten klassischen 
Völkern, vornehmlich bei den Römern. 

Um die herrschenden Strömungen der Gegenwart 
zu verstehen, ist es sehr nützlich auf die mächtigen 
Völker vor Christi zurückzugreifen. Es ist nichts 
neues unter der Sonne. So auch das Streben grosser 
Völker und Staaten alles zu erobern und alles für 
sich zu okkupieren. Zudem geben auch die riesig 
entwickelten Kommunikationsmittel, Eisenbahnen, 
Dampfschiffe, Telegraphen und Kabel die Möglichkeit 
Zeit und Entfernung auf das mindeste Mass herab- 
zudrücken, somit sind Bildungen von grossen Staaten 
sehr dadurch begünstigt. Man sehe England, Russland 
und Nord-Amerika an. Das haben die alten Völker 
nicht gekannt. Die antike Welt hat nur ein grosses 
Staatengebilde erlebt, das Römerreich. Die Römer 
waren ein Räubervolk im wahrsten Sinne des Wortes, 
ihre Geschichte ist nur Raub und Unterjochung 
besiegter Völker. Als das römische Reich die grösste 
Ausdehnung unter den Kaisern erreichte, waren die 
Cäsaren darauf bedacht, dem ganzen Reiche ein 
einheitliches Gepräge zu geben, es war dies der erste 
centralistische Staat im heutigen Sinne. Das Bemühen 
der Cäsaren die unterjochten Nationalitäten zu bre- 
chen oder ihre Unterschiede wesentlich abzuschleifen, 
war fast vom völligen Erfolge begleitet. Die Völker 
verloren ihre angestammte Kraft, nur die Juden und 
die alten Aegypter widerstanden der Entnationali- 
sierung, die Germanen und Slaven waren zu weit 
von Rom entfernt. Das ganze damalige römische 
Europa, also das heutige Italien, Spanien, Frankreich, 
ein Theil der Alpenländer, ein Theil Englands und 
der Balkanhalbinsel, sowie der Süden Ungarns, ganz 
Nordafrika, kurz, wo die Macht der römischen Kaiser 



6 



hinreichte, herrsche römische Sprache und Sitte, der 
Orient aber war hellenisch, hier herrschte das Grie- 
chische, welches bis an die Ufer des Indus verstanden 
wurde. Selbst im westlichen Theile des römischen 
Reiches war Griechisch die Sprache der Gebildeten. 
Die Römer Hessen es sich aber nicht nehmen, auch 
im Orient alle amtlichen Edikte in lateinischer 
Sprache zu verlautbaren, Latein war die Staatsprache, 
ihr musste« sich auch die stolzen Hellenen fügen 
und bei Amtshandlungen und Gerichten sich eines 
Dolmetschen bedienen, falls sie des Lateinischen nicht 
mächtig waren. Im ganzen römischen Reiche bedienten 
sich sämmtliche Verwaltungsbehörden, der Gerichts- 
apparat und die Armee der officiellen Sprache, des 
Latein. Plutarch behauptete, dass alle Menschen La- 
tein sprechen. Kaiser Claudius beraubte einen Abge- 
ordneten aus Lycien des römischen Bürgerrechtes» 
weil er des Latein nicht mächtig war. 

Bei den Griechen war der Inbegriff aller 
Pflichten des Bürgers : mit seiner ganzen Persönlichkeit 
im Staate aufzugehen. Alles sei gerecht, was dem 
Staate fromme. Alle Griechen, verbunden durch die 
Gemeinsamkeit der Sprache, Sitten und Götterweseu 
fühlten sich im Gegensatze zu den Nichtgriechen, 
den Barbaren, als ein über alle bevorzugtes Volk. 
Sokrates sprach die allgemeine Meinung der Nation 
aus, wenn er den Göttern täglich dankte, dass er 
Mensch und nicht Thier, Mann und nicht Weib, 
Grieche uud nicht Barbar sei. Zwischen Griechen 
und Barbaren gab es nothwendig nur Feindschaft, 
der Grieche war von den Göttern dazu berufen, über 
alle Barbaren zu herrschen. Es galt nur das Recht 
des Stärkeren und Thukidides betont ausdrücklich, 
dass es echt menschlich sei, Andere zu unterdrücken, 
dass man selbst nicht unterdrückt werde. Perikles 
sagte vor den Athenern, dass man den Hass 
Anderer verachten solle, wenn man nur von ihnen 
gefürchtet werde. Die Römer hatten folgende Merk- 
male. Sie assimilierten fast alle Völker, die mit ihnen 
in Berührung kamen. Ihre Selbstsucht kannte kein 
anderes Ziel als die Weltherrschaft. Sie überwanden 
die Völker, weil sie den Erfolg und Gewinn des 



Ganzen, des Staates stets dem eigenen Priwatgewinn, 
persönlicher Lust und Bequemlichkeit unterordneten. 
Geiz und Habsucht bildeten die Grundlage des rö- 
mischen Charakters. Die Kriege wurden nicht etwa 
um die Ehre und den Ruhm, sondern der Eroberung 
willen geführt, sie dienten als Hauptquelle der Be- 
reicherung. Alles öffentliche und private Leben der 
Römer war auf dem römischen Rechte aufgebaut. 
Die Grundlage dieses Rechtes ist der schroffste Begriff 
von Mein und Dein, also dem Privateigenthum. Der 
Entstehungsgrund des Rechtes ist das Nehmen mit 
der Hand, die Mancipation, also die Stärke des 
eigenen beutemachenden Armes. Recht ist, was mit 
der Gewalt vertheidigt werden kann, so lehrten die 
Römer vor zweitausend Jahren und früher und nach 
diesem Grundsatze wird heute noch vorgegangen, 
man sehe nur die Vernichtung der südafrikanischen 
Boerenrepubliken durch den englischen Raubzug. 
Was die Römer den besiegten Völkern abnahmen, 
das hielten sie für ihr Eigenthum. 

Nach der Ansicht antiker Völker standen sich 
Menschen, die nicht zu demselben Staate gehörten, 
als „Hostes" — Feinde — einander gegenüber. 
Zwischen Römern und Nichtrömern galt nur das 
Recht des Stärkeren, genau so wie es heute die 
Alldeutschen gegen nichtdeutsche Völker in die Welt 
proklamieren. 

n. Römer und Juden. 

Ein seltenes Schauspiel nationalen Zweikampfes 
bietet die Unterjochung der Juden durch die Römer. 
Hyrkan IL und Aristobul, Söhne der Salome, riefen 
einander sich befehdend die Römer zu Hilfe. Im J. 63 
kam dann auch Pompejus vor die Mauern Jerusalems, 
eroberte die Stadt, betrat mit seinem Stabe den 
Tempel, .drang selbst in das AUerheiligste ein, wohin 
bisher noch kein NichtJude gedrungen war. Römer 
und Juden waren überzeugt, dass sie zum Herrschen 
über andere Nationen von der Gottheit auserwählt 
seien. Herodes, der römische Vicekönig, wüthete denn 
37 Jahre lang über dem Judenvolke, wie oft trachtete 
man ihm nach dem Leben, so oft nahm er furchtbare 



8 



Rache an den Juden, die er zu Hunderten hin- 
richten Hess. Am Hauptein gange des Tempels Hess 
er einen goldenen römischen Adler befestigen, um 
die Juden zu verhöhnen. Die heiligen Gewänder, die 
der Hohepriester an den hohen Festtagen trug, nahm 
Herodes in seinen Gewahrsam und gab sie nur 
heraus, wenn sie gebraucht wurden. Der Steuerdruck 
der Römer war so grausam, dass die Steuerpächter 
und Zöllner von den Juden gemieden und als Aus- 
wurf angesehen wurden. Die Tempelsteuer mussten 
die Juden jetzt dem Jupiter Gapitolinus nach Rom 
zahlen. Sie wurde mit schamloser Härte eingetrieben. 
Suctonius sagt, dass ein 90j ähriger Greis untersucht 
wurde, ob er Jude sei und die Jupiter-Tempelsteuer 
zu zahlen habe. Die Juden erhoben sich nun, wurden 
aber von den Römern grausam niedergeschlagen, 
das Land wurde verwüstet, tausend kleinere Ort- 
schaften und 50 grössere Städte dem Erdboden 
gleichgemacht, 480 Synagogen wurden zerstört und 
weit über eine halbe Million jüdischer Kämpfer von 
den Römern getödtet. Das geschah gegen Ende des 
ersten Jahrhundertes nach Christus, die römische Welt- 
herrschaft hat damit ihren Abschluss erlangt. Das 
römische Reich umfasste sämmtliche Länder und 
Gebiete um das mittelländische Meer und zählte 
circa 50 Millionen Menschen, Rom allein zählte etwa 
2 Millionen Menschen. Der Sturz dieses Reiches war 
bedingt aus vielfachen Gründen. Der grösste davon 
war der, dass die Römer zur Zeit der Nerone, Gali- 
gulas etc. vollständiger Sittenlosigkeit sich hingaben 
und dann ging die Kraft dieses Volkes vollständig 
in Brüche. 

IIL Die Bildung von grossen Nationalstaaten in 
neuester Zeit. 

Heute nach zweitausend Jahren sind /ömisch- 
heidnische Anschauungen im Völkerrecht wiederum 
massgebend. Ländergier und Eroberungssucht sind 
zu einer Epidemie geworden, welcher mächtige Völker 
und Staaten jetzt huldigen. Diese Erscheinung, die 
im pohtischen Leben der Völker gegenwärtig so 
stark hervortritt, erhielt in Amerika und England 



den bezeich-nenden Namen: Imperialismus. Das Wort 
erinnert an das antike imperium romanum. So wie 
die Römer im Alterthum die Herren über den 
grössten Theil der damals bekannten Welt waren, 
so streben die Grossmächte derzeit, jede für sich, 
nach der Weltherrschaft. Uebrigens kann in dieser 
Beziehung nicht nur das alte römische Reich als 
Vorbild dienen. Expansive Politik wurde zu allen 
Zeiten betrieben, vielleicht schon lange vor Errichtung 
des assyrischen Reiches, aber niemals, mit Ausnahme 
des ersten Napoleon, hat das Streben nach Macht so 
grossartige Proportionen angenommen, als in unserer 
Zeit und selten ist es wohl so unverhüllt in Gegen- 
satz zu jedem Rechtsgefühl getreten. 

Dieses Streben nach Macht erscheint unter ver- 
schiedenen Formen; doch ist der englische Imperi- 
alismus am typischesten, lieber seinen Zweck und 
seine Berechtigung werden seit einiger Zeit in engli- 
schen Zeitschriften lebhafte Discussionen geführt; 
denn in England werden seit jeher alle socialen und 
politischen Fragen einer genauen Prüfung und Erör- 
terung unterzogen. Der englische Imperialismus ist 
sozusagen verkörpert in der Person des Golonial- 
ministers Josef Ghamberlain, der in früheren Jahren 
ein hervorragender Geschäftsmann und werkthätiger 
Förderer der Stadt Birmingham war. Als er 1876 in 
einem Alter von vierzig Jahren ins Unterhaus gewählt 
wurde, war er ein Anhänger Gladstone's und stark 
socialistisch angehaucht. Die irländische Homerule- 
Frage wurde die Veranlassung, dass er seine poli- 
tischen Ansichten änderte. Die Mängel und Uebel- 
stände in der Verwaltung Irlands entgingen ihm 
allerdings nicht, aber die Erhaltung der Reichseinheit 
erschien ihm als Hauptbedingung für Zugeständnisse 
an die irische Nationalpartei. Er sagte sich daher 
1886 von Gladstone los und wurde Imperialist. 
Das beste Mittel zum Schutze des Reiches und zur 
Hebung des Wohlstandes desselben erblickte er in 
einem Handels- und Vertheidigungsbündnisse mit den 
sich selbst regierenden Golonien, sowie in der Aus- 
dehnung der englischen Herrschaft über möglichst 
weite Gebiete. Gelegentlich einer Reise nach Ganada 



10 



lernte er Nordamerika kennen, was nebst seiner Ver- 
heirathung mit einer Amerikanerin dazu beitrug, in 
ihm jene gewissen pananglikanischen Tendenzen 
wachzurufen, für die er unzählige Male mit grösstem 
Erfolge Propaganda machte. Nachdem er 1895 Staats- 
sekretär für die Golonien geworden, war er unablässig 
bemüht, für eine Annäherung der Golonien an das 
Mutterland zu wirken und seine vielseitig verdammte 
Haltung in der Transvaalfrage beruht jedenfalls haupt- 
sächlich auf seiner ausgeprägt imperialistischen An- 
schauungsweise, weniger auf Rücksichtslosigkeit im 
Charakter oder auf Privatinteressen. Sein Ziel ist die 
Gentralisirung des grossbritannischen Reiches auf 
Grundlage eines Zoll- und Defensivbündnisses zwi- 
schen Mutterland und Golonien. Ausser dieser Gen- 
tralisation des Reiches schwebt ihm als weiteres 
wünschenswerthes Ziel ein künftiger Pananglikanismus 
vor, der durch den Ans€hluss der Vereinigten Staaten 
an das britische Weltreich verwirklicht werden soll. 
Die Leidenschaftlichkeit, mit welcher Ghamber- 
lain's Ideen in den hervorragenden englischen Zeit- 
schriften immer und immer wieder erörtert werden, 
ist ein Beweis dafür, dass die Sache keine blosse 
theoretische Frage ist. Auf dem Imperialismus beruht 
ja nicht nur die Entwicklung der politischen, sondern 
auch die der socialen Verhältnisse des Inselreiches. 
Es handelt sich um die ganze Zukunft des englischen 
Volkes. Die grösste Schwierigkeit für die Verfechter 
des Imperialismus bildet die Lösung der Frage, welche 
Stellung die Golonien zum Mutterlande einnehmen 
sollten oder würden, nachdem sie durch gemeinsame 
Verpflichtungen und Interessen an dasselbe gekettet 
wären. Müssten die Golonien die Lasten des Mutter- 
landes mit tragen, so müssten sie billigerweise auch 
durch Repräsentanten theilnehmen dürfen an der 
Entscheidung von Fragen, die das Reich betreffen. 
In der Juli-Nummer 1900 von „The Quarterly Review" 
fordert ein Artikelschreiber die Errichtung eines „Im- 
perial concil", eines Reichsrathes, in welchem die 
Golonien geradeso wie das Mutterland vertreten sein 
sollten. Ein anderer Artikelschreiber bestreitet in der 
Juli-Nummer von „The Edinburgh Review" dagegen 



11 



die Möglichkeit und den Nutzen einer solchen Reichs- 
repräsentation ; die Engländer sollen nicht zugeben, 
dass Männer aus anderen Ländern an den Erwä- 
gungen und Beschlüssen über Gesetze und sociale 
Einrichtungen theilnehmen, eher solle das Alte mit 
all seinen Mängeln weiter bestehen. Flie und da findet 
man aber auch Äusserungen gegen den Imperialismus. 
So enthielt die November-Nummer der „Westminster 
Review" (1900) einen scharfen Artikel „Imperialism 
in extremis, alias shabby Imperialism", dessen Ver« 
fasser sich mit Abscheu gegen ein politisches System 
wendet, welches Macht vor Recht gelten lässt. Er 
sagt: Englands imperialistische Politik sei eine Serie 
von Verbrechen und Fehlern gewesen; grobe Selbst- 
sucht sei ihr zu Grunde gelegen; sie sei eine Politik 
der Raub- und Mordlust gewesen. In China haben 
die Engländer ihr Opium eingeführt, wodurch einige 
englische Kapitalisten sich bereicherten, während dia 
Bevölkerung Chinas demoralisirt wurde. In Indien 
habe die englische Staatskunst in einem Aussaugungs- 
System bestanden, dessen Früchte sich in der Hungers- 
noth zeigen, die Jahr und Jahr fürchterliche Opfer in 
dem von der Natur so reich ausgestatteten Lande 
fordere. In Afrika und auf Irland feiere die englische 
Politik ebenso traurige als schimpfliche Triumphe. 
Die inneren Verhältnisse Englands werden ganz und 
gar vernachlässigt. Das Grundbesitzsystem werde un- 
verrückt beibehalten mit all seinen verhängnissvollen 
socialen und ökonomischen Konsequenzen; ebenso 
dürfen andere Misstände fortbestehen. Der Verfasser 
des Artikels fordert darum, dass ganz neue Bahnen 
eingeschlagen werden müssen. Die Bewohner des 
Reiches ausserhalb Englands müssen sich frei nach 
eigenem Gutdünken entwickeln dürfen. England müsse 
zufrieden sein mit seinem mehr als hinreichend 
grossen Gebietsumfang und von weiteren Eroberungen 
ablassen. England müsse anderen Mächten voran- 
gehen als Muster moralischer Stärke und gesunder 
Vernunft, indem es Wege einschlägt, die nicht zu 
Arsenalen und Marinestationen führen, sondern zu 
freundschaftlichen Verbindungen zwischen den Men- 
schen und zur Auffindung von Mitteln zur Erleich- 



12 



terung und Verschönerung des menschlichen Lebens. 
Der Imperialismus hat bekanntlich auch in den Ver- 
einigten Staaten Wurzel gefasst, wiewohl die weiten 
Gebiete der Republik ihren Bewohnern hinlänglich 
Gelegenheit zur Ausbreitung und Thätigkeit bieten. 
So schreibt in der September-Nummer von „The 
Nineteenth Century" (1900) der Amerikaner Bladley 
Martin über „Amerikanischen Imperialismus": „Die 
Philippinen sollen für die Vereinigten Staaten die 
Brücke werden nach dem chinesischen Handels- 
markte. Die imperialistische Politik wird uns er- 
weiterte Interessen bringen und zugleich wie ein 
Sicherheitsventil wirken, welches unsere überflüssige 
Energie ableitet." Dass die imperialistische Staats- 
kunst Verwüstung und Unglück über die Völker 
bringen würde, die nicht das Glück haben, der angel- 
sächsischen Race anzugehören, das kümmert die Ver- 
fechter des Imperialismus nicht; die befassen sich 
überhaupt nicht mit einer wissenschaftlichen Aus- 
einandersetzung oder tieferen Untersuchung des frag- 
lichen Staatsproblems. Ihre Aufsätze sind meistens 
nur eine Art Programmartikel, die in kurzer Form 
und entschiedener Sprache die Vortrefflichkeit des 
Systems klar zu machen suchen. Der Imperialismus 
charakterisirt sich dadurch, dass Staats- und National- 
interesse Hand in Hand gehen, ohne alle Rücksicht 
auf Humanitäts- und Rechtsgefühl. Dass ein solches 
System Opposition wecken muss, ist klar, aber diese 
ist erst in Bildung begriffen und wird durch die 
Machtmittel der Regierenden an energischem Auf- 
treten gehindert. 

Unsere Zeit ist denn auch diesen Bestrebungen 
sehr günstig. Während die Römer annektierte Län- 
der durch Anlegung von Reichsstrassen ihrer Macht 
anzuketten genöthigt waren, sind heute Zeit und Raum 
wesentlich verringert durch Eisenbahnen und Dampfer. 
Zu dem stellt sich noch der oberirdische und unter- 
seeische Telegraph, der es ermöglicht, dass von einem 
Gentrum aus mächtige Staatsgebilde geleitet werden 
können. Englands Weltherrschaft ist schwer denkbar 
ohne seine unterseeischen Kabeltelegraphen, mit 
denen es die ganze Welt umzingelt hat. Ist doch 



n 



Afrika allein dreifach vom englischen Kabel um- 
geben. 

Die Eisenbahnen der Erde bieten jetzt folgendes 
Bild dar. Das Anlagekapital der Eisenbahnen der 
Erde wird auf rund 155 '/o Milliarden Mark berechnet. 
Eine Rolle von Zwanzig-Markstücken, die diesen Be- 
trag enthielte, würde, wie das Archiv dazu bemerkt^ 
eine Länge von etwa 10.900 Kilometer haben, und zu 
ihrer Verladung würden etwa 6220 Eisenbahnwagen 
von je 10.000 Kilogramm Tragfähigkeit erforderlich 
sein. Die ersten Eisenbahnen wurden eröffnet in Eng- 
land im Jahre 1825; 10 Jahre später, im Jahre 1835, 
folgten Deutschland und Belgien. Die letzten euro- 
päischen Staaten waren Rumänien, das 1870, und 
Serbien, das erst 1884 eine Eisenbahn eröffnet hat. 
Im Jahre 1840 hatte man in Europa 2925 Kilometer 
Eisenbahnen in Betrieb ; im Jahre 1860 waren es 
rund 52.000 Kilometer, 1880 bereits 169.000 und 
Ende des verflossenen Jahrhundertes 283.525 Kilo- 
meter. In den übrigen vier Erdtheilen und auf der 
gesammten Erde entwickelte sich, Kilometer-Betriebs- 
länge gerechnet, das Eisenbahnnetz in diesen Zeit- 
abschnitten in folgenden Sprüngen: 





1840 


1860 


1880 


1900 


Amerika . . 


. 4754 


53.935 


174.666 


402.171 


Asien . ^ 


— 


1.393 


16.287 


60.301 


Afrika . . . 


— 


455 


4.646 


20.114 


Australien . 


— 


367 


7.847 


24.014 



GesammteErde 7679 108.012 372.429 790.125 
In dieser Uebersicht fällt namentlich die sprung- 
hafte Entwicklung des amerikanischen Eisenbahn- 
wesens auf, das an Betriebslänge im Jahre 1860 noch 
hinter dem europäischen Eisenbahnnetz zurückstand, 
es aber bis Ende 1880 bereits um 5000 Kilometer 
überholte und ihm Ende des Jahrhundertes, obwohl 
das europäische Netz um rund 114.000 Kilometer 
sich vergrösserte, um weitere 120.000 Kilometer 
voraneilte. An dieser staunenswerthen Entwicklung der 
amerikanischen Eisenbahnen sind in erster Linie die 
Vereinigten Staaten betheiligt: im Jahre 1860 waren 
sie hinter dem europäischen Netz um 2500 Kilometer 



14 



zurück, im Jahre 1880 war der Vorsprung Europas 
sogar 15.000 Kilometer. Am Ende des verflossenen 
Jahrhunderts hatten sie das „alternde Europa" um 
27.500 Kilometer überholt. In dieser rapiden Ent- 
wicklung des amerikanischen Verkehrswesens gerade 
in den letzten 20 Jahren ist die Erklärung zu suchen, 
warum sich der wirthschaftliche Wettbewerb der Ver- 
einigten Staaten auf allen Gebieten den europäischen 
Staaten in so überraschender Weise fühlbar gemacht 
und sich bis zu einer Gefährdung der europäischen In- 
dustrie und Landwirthschaft entwickelt hat. Unter den 
einzelnen Staaten haben die Vereinigten Staaten von 
Amerika das grosse Eisenbahnnetz, 311.034 Kilo- 
meter; das zweitgrösste Netz hat Deutschland mit 
51.391 Kilometer; darauf folgt das europäische Russ- 
land mit 48.107, Frankreich mit 42.827, Britisch-Ost- 
indien mit 38.235, Oesterreich-Ungarn mit 36.883, 
Grossbritannien und Irland mit 35.186, Britisch-Nord- 
amerika mit 28.697 Kilometer. Dazu kommt die un- 
geheuere Handelsflotte, welche die einzelnen durch 
Oceane getrennten Welttheile verbindet. Ende 1901 
zählte die Handelsflotte der Welt 29.628 Schiffe 
und zwar sind das Fahrzeuge von 100 Tonnen auf- 
wärts. Nach dem Raumgehalt sind sie vertheilt auf: 
Grossbritannien 14,431.072 Tonnen, Vereinigte Staaten 
von Amerika 3,337.156 Tonnen (nach Abzug der auf 
den grossen Seen beschäftigten Schiffe verbleibt indess 
für die eigentliche Seehandelsflotte nur ein Bestand 
von 1,342.913 Tonnen), Deutschland 3,138.568 Tonnen, 
Norwegen 2,632.757 Tonnen, Frankreich 1,519.922 
Tonnen, Italien 1,159.082 Tonnen, Russland 800.334 
Tonnen, Spanien 784.537 Tonnen, Japan 690,581 
Tonnen, Schweden 690.581 Tonnen. Ende des 18ten 
Jahrhundertes betrug der Welthandel 6, Ende 1900 aber 
rund 90 Milliarden Mark. So hat das Verkehrswesen 
die Nationen der Welt einander gewaltig genähert. 

Einzelne mächtige Staaten ringen auf diesem Ge- 
' biete nach der Weltherrschaft, die Gier nach Reich- 
thum ist überal erwacht. Grosse Nationen wollen sich 
nach Art der alten Römer in den Provinzen bereichern. 
Der wirthschaftliche Kampf der Kulturstaaten der Erde 
ist in folgenden Zahlen ausgedrückt. Die Ein- und 
Ausfuhr betrug zusammen 



15 



Jahr 1882 1900 

Millionen Mark 

England 12.039 15.323 

Deutschland 6.323 10.377 

Nordamerika 6.051 9.585 

Frankreich 6.801 6.874 

Niederlande 2.918 5.914 

Russland 3.838 4.105 

Belgien 2.376 3.173 

Oesterreich-Ungarn 2.441 3.056 

Italien 1.927 2.460 

Schweiz . ... 1.123 1.535 

Indien 3.065 4.294 

Australien 2.365 3.008 

China 940 2.985 

Japan 295 2.066 

Zwei Drittel des gesammten Welthandels fallen 
auf Europa. Vier Fünftel des Welthandels werden auf 
dem Meere und nur ein Fünftel auf dem Festlande 
abgewickelt. Darnach kann man auch das Wort Kaiser 
Wilhelms taxiren : Deutschlands Zukunft sei auf dem 
Wasser. 

Es ist erwähnt worden, dass sich der Gesammt- 
welthandel im Jahre 1900 auf 88 Milliarden Mark, im 
Jahre 1882 auf 61 Milliarden Mark belief. Da hiebei 
der Ein- und Ausfuhrhandel zusammen gemeint ist 
und bei dieser Berechnung jede Waare mindestens 
zweimal (als Ausfuhr des einen und als Einfuhr des 
anderen Landes) erscheint, stellt sich der Werth der 
im Welthandel wirklich umgesetzten Handelsgüter 
auf nur 44, beziehungsweise 30 »/a Milliarden Mark. 
Die Menge dieser Güter kann wegen der Verscheiden- 
heit der statistischen Angaben der einzelnen Länder 
nicht berechnet werden. Da aber in älteren Zeiten 
fast nur Kostbarkeiten und feinere Genussmittel (Ge- 
würze etc.) im internationalen Handel vorkamen, wäh- 
rend jetzt sogenannte Massengüter (Getreide, Kohle 
u. s. w.) das Hauptkontingent stellen, so ergibt sich, 
dass die im Welthandel bewegten Waarenmengen 
noch beträchtlich mehr zugenommen haben als die 
Waarenwerthe. Scheidet man die Staaten in Industrie- 
staaten und in solche mit vorwiegend landwirthschaft- 



IG 



liehen Betrieben, so findet man, dass erstere vom 
Auslande hauptsächlich Nahrungs- und Genussmittel 
(Vieh und Rohmaterialen) zur Ernährung und Be- 
schäftigung ihrer nach Millionen zählenden Arbeiter- 
heere beziehen, während letztere in den Industrie- 
staaten willkommene Abnemehr für ihre landwirth- 
schaftlichen Produkte und ihre Rohstoffe finden und 
von ebendaher die Fabrikate beziehen, die sie selbst 
aus Mangel an einer höher entwickelten Industrie 
nicht herzustellen vermögen. Zu den Hauptrepräsen- 
tanten der ersten Gruppe (Industriestaaten) gehören 
Deutschland, die Vereinigten Staaten und England ; 
aus der Gruppe der Länder mit vorzugsweise land- 
wirthschaftlichen Betrieben ist vor allem Russland zu 
erwähnen. Aus dieser Gegenüberstellung geht hervor, 
das die Länder der Erde in einem unausweichlichen 
wechselseitigen Handelsverkehr stehen müssen, und 
dass es undenkbar ist, dass ein Land sich ganz un- 
abhängig machen kann von fremden Märkten. Alle 
Mächte der Erde sind auf einander angewiesen und 
können weder die Zufuhr fremder Güter noch die 
fremden Absatzmärkte für ihre eigenen Erzeugnisse 
entbehren. 

Das fieberhafte Streben nach Reichthum und 
Macht, nach Weltherrschaft und das Ansichreissen 
des Welthandels, dieser riesige Konkurrenzkampf der 
Nationen hat denn auch im Laufe des 19. Jahrhun- 
dertes die Stellung einiger Kulturstaaten vollständig 
verändert. Durch Aufhebung der Leibeigenschaft und 
Freigabe der Produktion, durch Entwickelung der 
Industrie ist zunächst die Bevölkerung einzelner Kul- 
turstaaten in ungeahnter Weise angewachsen. Die Be- 
völkerung Europas ist nach Juraschek's Berechnung 
folgen dermassen angewachsen : 

Jahr 1800 190O 

Millionen Einwohner 

Russland 38-8 106-8 

Deutschland 24-5 öö'S 

Oesterreich-Ungarn 24'3 47*0 

Frankreich 26-9 38-7 

England 16-2 41-4 

Italien 16-8 32*4 



IT 



Jahr 1800 1900 

Millionen Einwohner 

Spanien ll'ö 17*7 

Türkei 7-3 9-8 

Schweden-Norwegen 3*2 7*3 

Belgien 3-2 6*5 

Portugal 3-0 5*9 

Durch die europäische Auswanderung ist noch 
ein anderes gewaltiges Staatsgebilde gewachsen, Nord- 
Amerika. Die Vereinigten Staaten Nordamerikas hatten 
im Jahr 1800 nur 53 Millionen Einwohner und zählten 
im Jahr 1900 : 76*1 Millionen Menschen. Wir haben 
demnach die gewaltigen Staatsgebilde vor uns in 
England, Russlaad, Deutschland U.Nordamerika. Diese 
ringen den Konkurrenzkampf um die Weltherrschaft, 
vorderhand jeder in seiner ihm zunächst gelegenen 
Macht- und Interessensphäre. Sehen wir uns ein 
wenig diese vier Grossraächte näher an. 

England mit den Golonien hatte Ende des Jahres 
1901 eine Ausdehnung von 28 Millionen Quadrat- 
Kilometer mit 389 Millionen Einwohnern. Russland 
hatte eine Ausdehnung von 22 Millionen Quadrat- 
Kilometer mit 131 Millionen Einwohnern. Vereinigte 
Staaten Nordamerikas 9*8 Millionen Quadrat-Kilometer 
mit 86 Millionen Einwohnern. Frankreich mit den 
Golonien hatte 6 Millionen Quadrat-Kilometer und 
84 Millionen Einwohner. Die Schutzgebiete Deutsch- 
lands umfassten 2V2Minionen Quadrat-Kilometer mit 
12*4 Millionen Einwohnern. Alle diese Riesenbe- 
sitzungen sind sozusagen im Laufe der letzten 
50 Jahre entstanden. So haben sich die Weltmächte 
um den schwarzen Erdtheil im Laufe der letzten 
Jahre brüderlich getheilt. Es besitzt dort England 2*7, 
Frankreich 3*8 Millionen Quadratmeilen, Deutschland 
933.380, Portugal 790.124 Quadratmeilen. Einsichtige 
Staatsmänner sind diesen riesigen Staaten nicht 
absonderlich geneigt. Je grösser der Länderbesitz, 
desto schwieriger wird die Verwaltung. Londoner 
„Morning Post" veröffentlichte Anfangs August über 
den Niedergang Grossbritanniens einen langen Artikel, 
in welchem unter Anderem folgendes zu lesen war. 

2 



18 



Das grösste Handelsreich der Welt wird von 
einer Aristokratie regiert, die jedes Geschäft verachtet 
und nichts davon versteht. Die Folge ist, dass die 
britischen Eisenbahnen blos den Interessen der 
Aktionäre dienen, dass sie ausländische Erzeugnisse 
um mehr als die Hälfte billiger transportiren, als 
heimische Produkte, dass alle Privatunternehmungen 
stark besteuert und in ihrer Existenz vernichtet werden 
zu Gunsten von Trusts und Monopolen von der einen 
oder der andern Sorte. Der britische Boden in einem 
Umkreise von 40 Meilen um London, das schönste 
Korngebiet der Welt, liegt brach und hat nur um 
Weniges grösseren Werth als das Veldt in Südafrika. 
Die Dörfer sind entvölkert, die Arbeiter wurden durch 
die Gefahr des Hungertodes in die Städte getrieben, 
wo sie verkommen und degeneriren England kaufte 
im Jahre 1901, um seine Industriebevölkerung zu 
ernähren, Nahrungsmittel für 320 Millionen Pfund 
Sterling, also ungefähr für 7700 Millionen Kronen 
österr. Währung. In ihren aus einem einzigen Zimmer 
bestehenden Heimen sind sie wie die Heringe 
in einem Fass dicht nebeneinander verpackt. So 
führen sie in schmutzigen, krankheiterregenden Spe- 
lunken eine namenlos elende Existenz und überdies 
werden sie zu Opfern der ungerechten Gesetze und 
einer unwissenden und unzulänglichen Verwaltung. 

Das Parlament wird ausgespielt und das Volk hat 
keine wirkliche Vertretung. Wenn es zu einer Wahl 
kommt, erwählt sich jede der beiden politischen 
Parteien einen Kandidaten. Der Konservative ist in 
der Regel ein Eisenbahndirektor, der Liberale ein 
Bierbrauer, und das Volk hat zwischen diesen zwei 
Leuten zu wählen, von denen Keiner geeignet ist,. 
ausser seinem eigenen Interesse irgend etwas zu 
vertreten. Ihr Zweck bei ihrem Eintritt ins Parlament 
ist nicht der, den Interessen des Landes zu dienen^ 
sondern der, den Interessen ihrer Gesellschaft Dienste 
zu erweisen. Ihr Patriotismus ist durch die Liebe zu 
den zehnperzentigen Dividenden eng begrenzt. Lord 
Salisbury legte gegenüber dem House of Gommons 
immer eine gerechtfertigte Verachtung an den Tag. 
Die Häupter der einzelnen grossen Staatsdepartement» 



19 



sind dem Unterhause verantwortlich und können immer 
befragt werden, wenn sich das Parlament in Session 
befindet; der gewesene Premier trachtete daher 
sorgfältig dahin zu wirken, dass die Inhaber der 
grossen Departements gerade über das betreffende 
Amt, das ihnen anvertraut wurde, so wenig als möglich 
wissen. So wurde beispielsweise Mr. Hanbury Vor- 
steher des Board of Agriculture, weil ihn seine ganze 
vorherige Thätigkeit für das Postamt qualificirte ; 
Lord Londonderry aber wurde zum Chef des Post- 
amtes ernannt, weil seine ganze Erziehung ihn für 
das Ackerbauministerium befähigte. Hier hätte er 
lästig sein können! Die Folge ist, dass es keine 
gehörige Kontrole der öffentlichen Ausgaben gibt. 
Jedes grosse Staatsdepartement ist in demselben 
chaotischen Zustande, in welchem sich, wie sich zu 
Beginn des südafrikanischen Krieges herausstellte, 
das Kriegsministerium befand. Reformen sind un- 
möglich. Die Eisenbahngesellschaften, die Bierbrauer, 
die Kirche und der Grundbesitz stimmen im Parla- 
mente miteinander und vertheidigen sich gegenseitig 
Wenn man bedenkt, dass im gegenwärtigen Parla- 
mente 200 Eisenbahndirektoren sitzen, kann man 
sich leicht ausmalen, dass eine jede Legislation ein- 
fach paralysirt wird. 

Die Presse, von welcher man meint, dass sie die 
freieste und unabhängigste in der Welt sei, ist that- 
sächlich von den Finanzinteressenten ausgehalten. 
Oeffentliche Gesellschaften bitten das Parlament fort- 
während um neue Rechte, sie sind gezwungen, aus- 
giebig zu annonciren, und die Presse macht bei der 
Vertheilung ihrer Gunstbezeugungen weise Unter- 
scheidungen, Unser Eisenbahnsystem würde einer 
südafrikanischen Republik unwürdig sein, aber kein 
einziges grosses Journal in London oder in der Pro- 
vinz ist patriotisch genug, durch einen Angriff auf 
dieses System die Annoncen der Eisenbahnen zu 
verlieren. Mittlerweile richten diese Eisenbahnen die 
heimischen Industrien und besonders die Landwirth- 
schaft zugrunde. Vom 1. Jänner bis Mitte August ist 
das Land der Nahrungsmittel entblösst, es gibt 
während dieser Zeit im Lande nie mehr Brod, als 

■ 2* 



20 



für fünf Wochen ausreicht. Sollte Grossbritannien 
durch eine Vereinigung europäischer Mächte zeitlich 
im Frühjahr irgend eines beliebigen Jahres angegriffen 
werden, so wäre die Nation ausschliesslich auf die 
Tüchtigkeit ihrer Flotte angewiesen und jede Nieder- 
lage würde für England den Hungerstod oder einen 
demüthigenden Frieden bedeuten. Diese Thatsachen 
sind der Regierung, dem Parlamente und der Presse 
wohl bekannt, aber Niemand kümmert sich darum. 
Die Nation geht abwärts und Niemand ist da, sie 
wieder aufzurichten. Es würde ein arges Erwachen 
geben, wenn wir in einen neuen europäischen Krieg 
hineingetrieben werden sollten. Man sieht also, dass 
die inneren Zustände des grössten Reiches der Welt 
(abgesehen von China) nicht gerade die besten sind. 
Noch schlimmer sieht es in den englischen Golonien aus. 
Indien wird von den Engländern systematisch 
ausgeraubt. Das 220 Millionen Köpfe zählende in- 
dische Volk muss jährlich rund 750 Millionen Kronen 
Ost. Währung Steuer entrichten, welches Geld nach 
England wandert. Der englische Politiker Digby 
schildert Englands Wirthschaft in Indien mit fol- 
genden Worten. Die Netto-Rcvenuen Indiens für 
1901-1902 weisen ein Deficit von über 2,000.000 
Pfd. St. auf, und dieser Fehlbetrag würde noch viel 
grösser sein, wenn nicht dem Opiumhandel seitens 
der Regierung eine so bedeutende Erleichterung 
zutheil geworden wäre, eine Thatsache, deren sich 
das „christliche" England zu schämen hat. Wie ent- 
setzlich das Land unter der britischen Misswirthschaft 
zu leiden hat, geht u. a. aus der Thatsache hervor, 
dass von 1800 bis 1825 nur viermal eine nsnnens- 
werthe Hungersnoth stattfand, wogegen von 1875 bis 
1900 nicht weniger als 22 mal die fürchterlichste 
Hungersnoth wüthete und ungezählte Opfer forderte. 
Bis jetzt haben sich die Eingeborenen hauptsächlich 
durch die Lehren ihrer Religion und Philosophie zu 
einem stillschweigenden Dulderthum zwingen lassen, 
aber seit der Einführung des Ghristenthums und west- 
licher Givilisation, respective seitdem diese beiden 
grössere Ausdehnung annehmen, rückt die Gefahr 
wieder mehr in den Vordergrund, dass die Inder 



21 



eines Tages zu der Ueberzeugung gelangen, es dürfte 
doch wohl besser für sie sein, wenn sie eine Erlösung 
von den unerträglichen Leiden und Bedrückungen 
wieder einmal bei dem „Gott der Schlachten" suchen 
würden. 

Indien ist im Laufe des vergangenen Jahrhunderts 
thatsächlich von England ausgeplündert worden, und 
es lässt sich ausrechnen, dass das Land in dem ge- 
nannten Zeitraum nicht weniger als eine ganze 
Milliarde Pfund Sterling an seine Beherrscher und 
Bedrücker hat abgeben müssen. Dabei werden die 
Inder principiell auf dem Standpunkt einer niedrigeren 
Race gehalten, britische Beamte füllen alle Posten 
in der Givilverwaltung aus, und der Inder ist nichts 
weniger als ein freier Mann, er ist ein Helot in 
seinem eigenen Vaterlande. Während des ganzen 
vergangenen Jahrhunderts hat auch nicht ein einziger 
Inder ein Amt von irgendwelcher nennenswerthen 
Bedeutung ausgefüllt, und an eine Aenderung in 
dieser Hinsicht ist gar nicht zu denken. Sozusagen 
der gesammte landwirthschaftliche und industrielle 
Reichthum Indiens ist heute in britischen Händen, 
und die Ergebnisse und Vortheile desselben kommen 
fast nur und fast ganz ausschliesslich den Briten 
zugute. Ein mehr als schlagender Beweis für das in 
der Landvvirthschaft obwaltende Missverhältniss wird 
durch die Thatsache erbracht, dass der Totalwerth 
aller in Indien in einem guten Jahre erzielten Ernten 
sich auf etwa 172,000.000 Pfd. St. belauft, wovon 
eine Bevölkerung von 220 Millionen Menschen pro- 
fitiren soll. Bei solchen Zahlen kann es natürlich 
nicht wundernehmen, dass die Hungersnoth mit 
jedem Jahre an Umfang und Fürchterlichkeit zunimmt, 
und dass von 1854 bis 1901 nicht weniger als neun- 
undzwanzig Millionen Menschen in Indien Hungers 
gestorben sind, wie die officiellen Ausweise ergeben 
und beweisen. 

Die britischen Truppen in Indien kosten das 
Land jährlich allein über 5,000.000 Pfd. St. und die 
ungeheuer hoch bezahlten englischen Givilbeamten 
verschlingen eine noch bedeutend höhere Summe, 
speciell durch die ausserordentlich reichen Pensionen 



99 



für verabschiedete Beamte, deren Zahl des häufigen 
Wechsels wegen Legion ist. Alles in allem ist der 
Bericht des Mr. Digby eine Schilderung der Schmach, 
der fürchterlichsten Leiden, der Gewissenlosigkeit und 
der schlimmsten Heuchelei auf Seiten der officielien 
Vertretung Grossbritanniens in Indien, und man 
kann aus dem ganzen Werk ersehen, dass der Schrei- 
ber im tiefsten Herzen von der fürchterlichen Tragödie, 
die sich jahraus jahrein in Indien abspielt, berührt 
worden ist und als ehrlich denkender Mann und 
Patriot jetzt vor allen Dingen den Wunsch hat, die 
Indifferenz seiner Regierung und seiner Landsleute 
in .das Gegentheil umzuwandeln, da er vermeiden 
will, dass eines Tages auf die eine oder die andere 
Weise die britische Herrschaft in Indien ein unrühm- 
liches Ende findet. 

IV. Bestrebungen der Alldeutschen nach einer Welt- 
herrschaft. 

Unter den europäischen Grossmächten zeigen sich, 
besonders in Deutschland, letzter Zeit starke Bestre- 
bungen nach einer Weltherrschaft des deutschen Volkes. 
Die Bewegung umfasst vorderhand einen Theil der 
deutschen Bevölkerung im deutschen Reiche und in 
Oesterreich, die sich selbst den Namen Alldeutsche 
beilegen. Das Ziel dieser Bewegung ist zuerst Vereini- 
gung aller Deutschen unter einer politischen Obrig- 
keit, dem jetzigen Hause Hohenzollern, dann die all- 
mählige Ausdehnung der Herrschaft der deutschen 
Nation auf andere Völker und Ländergebiete. Das 
erste Ziel der Alldeutschen ist zunächst die Zertrüm- 
merung Oesterreichs, oder mit anderen Worten die 
Angliederung der „Ostmark" an das deutsche Reich. 

Die Proklamation des Alldeutschen Verbandes, 
dessen Geschäftsstelle in Berlin West 35, Kurfürslen- 
strasse 44 angegeben ist, sagt folgendes: „Der all- 
deutsche Verband erstrebt eine kräftige Belebung der 
deutschnationalen Gesinnung, die Erhaltung deutscher 
Art und Sitte in Europa und über See, und die Zu- 
sammenfassung des gesammten Deutschthums auf der 
ganzen Erde; er ist ein Erziehungsverein und ein 
Agitationsverein. Erzieherisch will der Verband wirken, 



23 



insofern er unser Volk lehren will, die nationalen 
Interessen über das Getriebe und Gezänk der politi- 
schen und wirthschaftlichen Parteien zu stellen; agi- 
tatorisch will er wirken, insofern er einmal überall 
da in die Schranken tritt, wo deutsche Volksgenossen 
um die Erhaltung ihrer Eigenart mit einem fremden 
Volksthume im Kampfe stehen ; weiter aber indem er 
darauf dringt, dass dem deutschen Volke der ihm 
gebührende Antheil an der Weltherrschaft und Welt- 
wirthschaft nicht vorenthalten werde. Das deutsche 
Volk ist ein Herrenvolk; als solches soll es auch von 
den andern Mächten überall auf der ganzen Erde ge- 
achtet und beachtet werden. Der Verband ist nicht der 
Ansicht, dass die deutsche nationale Entwicklung mit 
den Erfolgen des Krieges von 1870/71, so gross und 
herrlich sie auch gewesen sind, endgiltig abgeschlossen 
sei; er ist vielmehr überzeugt, dass mit der damals 
errungenen Stellung dem deutschen Volke eine ganze 
Reihe neuer und grosser Pflichten und Aufgaben zu- 
gewachsen sind, deren Ausserachtlassung den Unter- 
gang unseres Volksthums zur Folge haben würde. Zu 
diesen Aufgaben zählt in Europa ein enger wirthschaft- 
licher und staatsrechtlicher Zusammenschluss mit den 
übrigen Staaten germanischer Art, also zunächst mit 
Oesterreich, den beiden Niederlanden und mit der 
Schweiz ; Hand in Hand damit hätte der Erwerb eines 
geeigneten Kolonialbesitzes in den überseeischen Ge- 
bieten zu gehen, der uns nicht nur den nöthigen Ellen- 
bogenraum für unsere jährliche Bevölkerungszunahme 
von 600.000 Köpfe böte, sondern der uns auch wirth- 
schaftlich unabhängig vom Auslande stellte. Der Ver- 
band zählt jetzt an 10.000 Mitglieder und 70 Orts- 
gruppen, wovon 24 im Ausland. Zur Verbreitung seiner 
Anschauungen dient die von ihm ins Leben gerufene 
Wochenschrift „Die Alldeutschen Blätter". Der Mit- 
gliedsbeitrag beträgt einschliesslich des Bezugsgeldes 
für letztere 5 Mk jährlich." 

In seiner Schrift „Der Kampf um das Deutsch- 
thum" sagt Fritz Bley folgendes : Wenn wir die Welt- 
geschichte nicht in der hergebrachten Schulmeisterart 
vom beschränkten europäischen Standpunkte, sondern 
aus dem Gesichtswinkel der Veredelung der Mensch- 



24 



heit betrachten, so rufen wir unwillkürlich dieselben 
zwiespaltigen Empfindungen in uns wach, die wir aus 
der Beschäftigung mit den Naturwissenschaften davon- 
getragen haben. Nicht ohne inneren Kampf dringt man 
in beiden Zweigen der Forschung zu klarem Erkennen 
vor. Hier wie dort der Kampf üms Dasein, aus dem 
die bessere Art als Siegerin hervorgeht: so lehrt die 
Regel. Völker tauchen auf und verschwinden. Wie im 
Walde auf morschen Pflanzenresten der junge Nach- 
wuchs emporschiesst dem Lichte zu, das die Kronen 
der stärkeren Nachbaren ihm frei lassen, so gründen 
die Herrenvölker der Erde ihre Reiche auf dem von 
minderwerthigen Arten ihnen bereiteten Boden. Völker 
und Pflanzen sind eben zeugsame Wesen, die einen 
von Menschen, die anderen von Zellen gebildet, die 
einen wie die anderen abhängig von den günstigen 
oder schädlichen Bedingungen ihrer Umgebung und 
der inneren Kraft ihrer Art." 

Weiter schreibt Fritz Bley: „Mit dem Eintritte des 
Ghristenthums in die Weltgeschichte scheint der völki- 
sche Gedanke eine Zeitlang seine Geltung zu verlieren. 
Eine Umwerthung ohne Gleichen beginnt namentlich, 
als der arianische Glaube dem katholischen gewichen 
ist. Hatte der Stifter des Glaubens, der die Mühseli- 
gen und Beladenen zu sich rief und mit den Zöllnern 
und Sündern sich zu Tische setzte, den verachteten 
Sklaven und Fremden den Trost des himmlischen 
Vaters gebracht, so beginnt nun eine Verhätschelung 
des Schwächlichen, Weibischen, die zum Niedergange 
der Menschheit hätte führen müssen, wenn sie gesiegt 
hätte, was sicherlich nicht im Wunsche des Herrn 
und Heilandes lag. Er, der die Blumen auf dem 
Felde und alle Schönheit der Schöpfung so liebevoll 
umfasste, war sicherlich weit entfernt von jener Büsser- 
verzückung entnervter Schwärmer, die diese ganze 
Schöpfung, in der uns Gott sich offenbart, als elendes 
Marter- und Siechenhaus hinstellen wollten. Es war 
unmöglich, dass diese Verzerrung der Menschenliebe 
Jesu Christi sich dauernd behauptete. Wenn sie über- 
haupt noch immer einen Theil der christlichen Welt 
beherrscht, so dankt sie das vornehmlich der plan- 
mässigen Erziehung, in die das zur Weltherrschaft 



25 



strebende Papsthum die katholische und mittelbar 
dadurch die ganze christliche Welt genommen hat» 
Es ist durchaus bezeichnend für dies Verhältnis, dass 
gerade die beiden Völker, in denen die gesündeste 
Lebenskraft steckt, sich dieser Zwingherrschaft knecht- 
seliger Weltflucht trotzig widersetzt haben: die Deut- 
schen und die Tschechen in der Reformation und in 
dem Hussitenthum. Die deutsche Welt sträubte sich 
im Ritter- und Bürgerthume des Mittelalters gegen 
die mönchischen Selbstquälereien aus dem Trotze der 
starken Persönlichkeiten heraus ; Johann Hus wandelte 
bereits auf ganz anderen Spuren, wie Martin Luther. 
Dem tschechischen Glaubensreiniger ging es nicht um 
das Recht der freien Selbstbestimmung, für das Luther 
zu Worms kämpfte, sondern um den völkischen Staats- 
gedanken, den er durch das christlich-katholische 
Kaiserthum zu Unrecht seiner tschechischen Volks- 
genossen niedergehalten meinte. Schärfer als in Luther 
tritt aber in den Niederlanden der völkische Gedanke 
in den Streit gegen die Anmassung der volkslosen 
Priesterherrschaft, immer stärker und kräftiger zur 
Herrschaft ringend. Wie klug und fein gesponnen auch 
der Staatsgedanke der römischen Priesterherrschaft 
war, den Sieg konnte er im gesunden Deutschthume 
nicht erringen, denn er stützte sich nicht auf das den 
Deutschen aus tiefer Naturanschauung und starkem 
Lebensgefühle unverletzbar heilige Recht des Stärkeren^ 
Besseren, Schöneren, sondern auf das angemasste Recht 
alles Verächtlichen, Schlechten und Gemeinen." 

Hier ist also ganz offen das Faustrecht gegenüber 
kleineren schwächeren Nationen proklamiert, genau so, 
wie es die Engländer mit den Boeren gethan haben» 
Seit einer Reihe von Jahren arbeiten zahlreiche reichs- 
deutsche Blätter an der Verwirklichung der gross- 
deutschen Idee im Sinne des alldeutschen Verbandes. 
Wir führen hier nur einige Beispiele an. So brachte 
die Berliner „Gegenwart" Ende August 1902 einen 
Artikel mit der Aufschrift „Deutsche Slavenpolitik und 
das Habsburger Reich". Darin steht folgendes zu lesen: 
„Das Schwarzenberg'sche Siebzigmillionen-Reich war 
kein Wahn und thalsächlich eine deutsche Macht — so 
heisst es da — deren Wirklichkeit Preussen in Olmütz 



2Q 



und im Krim-, sowie im italienischen Kriege bitter an 
sich erfahren hat. Oesterreich selbst stärkte den deut- 
schen Kitt in seinem Inneren. Da Preussen nicht 
die Zeche bezahlen wollte und andererseits die Kraft 
Deutschlands für undeutsche Zwecke, besonders in 
Italien, eingesetzt wurde, so musste der österreichische 
Plan scheitern. Aber sein Zerstörer schuf wohlweislich 
sodann das österreichische Bündniss, das er schon in 
Pressburg erwogen hatte. Auch heute ist die Einheit 
des deutschen Mitteleuropas, trotz der fremden Ein- 
sprengsel, kein leerer Traum. Unbeschadet der Selbst- 
ständigkeit seiner Theile bildet das deutsche Volks- 
thum den wirklichen Kern einer thatsächlichen Welt- 
macht. Von der vlämischen Scheide bis zum ungarischen 
Deutschthum nahe der Donaumündung, von Triest 
bis zur Königsau, und den baltischen Landen regt 
sich ein Volksfühl. Das kleindeutsche Reich und das 
habsburgische Staatswesen mit den deutschen Aussen- 
landen in den Alpen und an der Rhein- und Scheide- 
mündung bilden ein einheitliches Volksgebiet, das 
noch Karl V. in vollem Umfang beherrschte. Italien 
und Spanien wurden der Fluch unseres Volkes, das 
noch heute Hochburgund, den grössten Theil Loth- 
ringen und die französischen Niederlande in seines 
Erbfeindes Hand lassen muss. Gegenüber den euro- 
päischen Weltmächten in der sarmatischen Ebene und 
auf den britischen Eilanden, sowie dem amerikanischen 
Riesen kann sich auch das neue deutsche Reich nur 
durch die Zusammenfassung seiner ursprünglichen 
Kräfte und Wiederherstellung seiner alten Grösse an 
Volkszahl und Bodenfläche unter bündischen Formen 
bei aller Schonung der Unabhängigkeit seiner Glieder 
dauernd behaupten. Das einzige Hemmniss bildet der 
slavisch-magyarische Hass, dem zu begegnen das 
deutsche Volksthum im engeren Deutschland und 
Oesterreich längst ausreichen würde, drohte nicht die 
bereite Hilfe des grössten Slavenreiches und seines fran- 
zösichen Verbündeten, der leider noch täglich sprach- 
liche Eroberungen in der allemannischen Schweiz und 
dem fränkischen Belgien macht. Hier liegt die euro- 
päische Bedeutung unserer Polenpolitik, die für uns 
auch zur Weltmachtsfrage wird . . . Unser Gedanken- 



27 



gang hat uns in die Weltpolitik geführt, und unter 
diesem Gesichtswinkel müssen wir unser Verhältniss 
zum eigenen und österreichischen Slaventhum auf- 
fassen. Es kann kein Zweifel bestehen, dass wir ein 
dringendes Interesse an der Aufrechterhaltung der 
habsburgischen Monarchie haben, deren staatlicher 
Zerfall auch unser Unglück wäre, da wir dann fraglos 
Partei für unsere dort bedrängte Volkheit nehmen 
müssen. Aber das dortige Deutschthum hat die ernste 
Pflicht, nicht über die reichsdeutsche Grenze zum 
Anschluss an uns unter Aufgabe des österreichischen 
Staates zu blicken, sondern diese deutsche ostmärki- 
sche Schöpfung gegenüber dem slavisch-magyarischen 
Ansturm zu erhalten. Eine Auslandshilfe für diese 
interessanten Völkerschaften wird unser Schwiert schon 
Yerhindern und damit das Donaukaiserreich stützen 
und nicht selbstsüchtig stürzen, wie die unverbesser- 
lichen, beinahe schon entdeutschten Klerikalen, die 
ihren konservativen Sinn damit fast verleugnen, als 
Berather der Hofburg glauben machen wollen. Die 
deutsche Zerrissenheit in beiden Leithaländorn ist ja 
das ganze Unglück dieses Staates und eine echt deut- 
sche Eigenschaft, die schon das deutsche Gepräge des 
Landes bezeugt. Aber weitere Versuche der Verslavung 
verträgt dieses deutsche Staatswerk im Osten nicht. 
Auch für Oesterreich möge unsere thatkräftige Abkehr 
von der früheren gefühlsseligen Polen-Verhätschelung 
ein beredter Wink zum Wandel sein." — Da liegt 
ein Beleg dafür vor, wie man sich in seriösen reichs- 
deutschen Kreisen, die nicht auf den vulgären Pan- 
germanismus eingeschworen sind, das Verhältniss zu 
Oesterreich-Ungarn denkt: dieses soll ein blosser 
Appendix des Deutschen Reiches sein, dessen welt- 
politische Pläne es gehorsam zu fördern hat. Thut 
es das nicht, dann wird das — deutsche Schwert 
eingreifen. Wie die Berliner „Gegenwart", so denken 
sehr massgebende politische Kreise in Berlin. In W i e n 
aber schweigt man dazu ... Es hat den Anschein, als 
ob in Wien gewisse Byrokraten lieber schwarz und 
weiss als schwarz und gelb angestrichen sein wollten. 
Am deutlichsten spricht Dr. Zimmler in seiner 
Schrift ,,Sprachgrenze und Deutschthum", erschienen 



28 



in der Zeitschrift „Globus" und als Separatabdruck: 
bei Vieweg in Braunschweig. Dieser Herr, ein Deutscli- 
Böhme spriclit die Sache ganz offen so aus: „Man 
sollte meinen, dass nach den Ereignissen der letzten 
Jahre jedem Denkenden klar sein müsste, dass der 
Sprachenkampf in Böhmen und Oesterreich nicht 
nur eine innere Angelegenheit dieses Staates ist. 
Trotzdem gibt es noch allzu Viele, selbst in sonst 
gut deutsch gesinnten Kreisen, die glauben, der 
Kampf vor den Thoren des Reiches gehe sie nichts 
an, oder die infolge unerquicklicher Parteistreitig- 
keiten im deutschösterreichischen Lager sich zu einem 
absprechenden Urtheil über das gesammte Deutsch- 
thum in Oesterreich hinreissen lassen. Wer solche 
Anschauungen hegt, vermag nicht über die Grenzen 
des Reiches und die Tagespolitik hinauszublicken» 
Man nehme nur eine Völkerkarte Mitteleuropas zur 
Hand, wie sie jeder Schulatlas bietet, um die Be- 
deutung Deutsch-Oesterreichs im Allgemeinen und 
Böhmens im Besonderen für die Lebensinteressen (!) 
des ganzen deutschen Volkes zu verstehen. Man be- 
achte dabei, wie das cechische Gebiet sich zwischen 
Schlesien und Baiern, zwischen Berlin und Wien 
wie ein brennender Keil hineinschiebt, wie wichtige 
Verkehrswege zwischen Oder- und Elbegebiet einer- 
seits, Donau, Alpen und Mittelmeer andererseits durch 
cechisches Sprachgebiet führen, wie das deutsche 
Sprachgebiet gerade in der Mitte seiner nord-südli- 
chen Ausdehnung durch das ßechische eingeschnürt 
wird, dann muss man zu der Ueberzeugung kommen^ 
dass Böhmen und ganz Oesterreich schon um unserer 
(Deut-^chlands?) nationalen Zukunft und Selbsterhal- 
tung willen nicht in fremde Hände gerathen dürfen. 
Die Deutschen Oesterreichs bilden einen beträchtli- 
chen Theil des deutschen Volkes, dessen geistige 
und sprachliche Gemeinschaft sich nicht durch poli- 
tische Grenzen willkürlich zerschneiden lässt. Das 
deutsche Sprachgebiet in Oesterreich bedeckt eine 
Fläche, die mehr als ein Fünftel vom Gebiete des 
Deutschen Reiches beträgt. Fast dasselbe Verhältniss 
besteht zwischen der Bevölkerung beider Gebiete. 
Man denke sich für einen Augenblick Deutsch-Oester- 



29 



reich von slavischen Völkern bewohnt; man wird 
dann sofort ermessen können, welchen unschätzbaren 
Schutzwall das Deutsche Reich an dem deutschen 
Sprachgebiet Oesterreichs besitzt. Ohne dieses wären 
wir auf der gesammten Gränze von den Sudeten bis 
zum Bodensee der gleichen Bedrohung des deutschen 
Besitzstandes wie an den östlichen Grenzen ausge- 
setzt. Jede Schmälerung des deutschen Gebietes jen- 
seits der Grenze bedeutet eine Schwächung des 
gesammten Deutschthums, einen Fortschritt des 
Slaventhums. Mit jedem deutschen Dorf, das an der 
Sprachgrenze verloren geht, löst sich ein Stein aus 
der Schutzmauer gegen den slavischen Osten Europas. 
Das geschlossene deutsche Sprachgebiet und die 
grossen Sprachinseln, welche die Brücke von dem 
Oder- zum Donaugebiet bilden, fallen in den Bereich 
der Lebensinteressen des gesammten deutschen Volkes. 
Es steht in Oesterreich immer noch die Frage zur 
Entscheidung, ob deutscher oder slavischer Einfluss 
das Reich regieren soll. Die Deutschen können die 
Thatsache des Aufkommens der slavischen Völker- 
schaften nicht ignorieren, die Slaven dürfen nicht 
vergessen, dass ohne die Deutschen Oesterreich un- 
möglich ist. (Ohne die Slaven etwa ja?) Im letzten 
Grunde liegt das Uebel in der ungeographischen Ge- 
staltung Oesterreichs, das seit 1867 einen Rumpf- 
staat bildet, dem alle Vorbedingungen der Langlebig- 
keit fehlen (!), der nur in Anlehnung an Ungarn 
oder Deutschland leben kann. (?) Ein Oesterreich 
unter deutscher Führung wird mit beiden in engem 
Einvernehmen fortbestehen können. Ein slavisches 
Oesterreich bildet für beide eine drohende Gefahr 
und birgt die Keime europäischer Verwickelungen 
in sich, da es nur (?) im Schutze Russlands und 
Frankreichs bestehen könnte. Die Entscheidung muss 
in Böhmen fallen, dort steht nicht nur die Zukunft 
Oesterreichs, sondern auch Deutschlands auf dem 
Spiel. In Prag sind noch nicht zum letztenmale die 
Geschicke Mitteleuropas entschieden worden. Das 
Unheilvollste wäre die Aufrichtung des cechischen 
Nationalstaates. In Prag würden dann russische und 
französische Einflüsse massgebend sein; die Cechen, 



30 



auf fast allen Seiten von deutschen Staaten umgeben, 
niüssten an jenen Rückhalt suchen. Es ist noch nicht 
vergessen, dass dereinst der Führer der Gechen 
Napoleon III. aufforderte, über Prag nach Berlin zu 
marschieren. Die Deutschen Böhmens, der cechischen 
Mehrheit preisgegeben, würden den Verzweiflungskampf 
aufnehmen, Deutsch-Böhmen ein zweites Schleswig- 
Holstein werden." — Das ist doch deutlich gespro- 
chen. Oesterreich soll nur als eine Art Satrapie des 
„Deutschen Reiches" existiren dürfen und hat seine 
innere Politik mit der Berliner Scheere zuzuschneiden,, 
sonst ist seine „Langlebigkeit" in Frage gestellt. Hier 
handelt es sich nicht um die Phantasien eines Schwär- 
mers, hier handelt es sich um den Ausdruck von 
Anschauungen weiter politischer Kreise im „verbün- 
deten" Nachbarreiche. In Oesterreich will man freilich 
das Alles nicht sehen. Wohin soll dann diese Dul~ 
düng führen? 

Ueber die nationalen Aufgaben der Alldeutschen 
hat im Monate Mai 1901 der Führer der deutsch- 
socialen Partei Abgeordneter Liebermann in Braun- 
schweig folgendes vorgebracht: „Zunächst muss kurz 
die Frage beantwortet werden, was das eigentliche 
Kennzeichen einer Nation, eines Volkes ist. Ich meine, 
der Begriff Nation lässt sich so erklären, dass die- 
jenigen, die sich zu derselben rechnen, eine gemein- 
same, durch viele Generationen zurückzuführende Ab- 
stammung haben müssen, dass also gleiches Blut in 
ihren Adern fliesst, dass infolgedessen unbeschadet 
der Verschiedenheit der Einzelwesen eine Summe über- 
einstimmender körperlicher und geistiger Eigenschaften 
bei ihnen vorhanden ist, dass sie ein grosses zusam- 
menhängendes Hauptsiedelungsgebiet innehaben, dass 
sie durch eine lange Reihe von Jahrhunderten eine 
gemeinsame Geschichte miteinander durchlebt haben, 
und dass sie eine gemeinsame Sprache sprechen. 
Das Merkmal der gemeinsamen Sprache allein reicht 
nicht hin, um die Zusammengehörigkeit zu einer 
Nation zu beweisen. Denn eine Sprache kann man 
erlernen, für den Begriff der Nation aber kommt es 
auf eine Summe meist ererbter Merkmale an. Wir 
würden uns doch wohl sehr wundern, wenn die bei 



Bl 



uns wohnenden Thee-Ghinesen oder Japaner, sobald 
sie deutsch gelernt haben, behaupten wollten, sie- 
seien Deutsche und darauf nun beanspruchten, bei 
uns Offiziere oder Richter zu werden, Lehrer unserer 
Kinder zu sein, die Ministersessel zu besetzen oder 
in unsern Volksvertretungen das Wort zu führen. 
Die grossen Nationen der Gegenwart sind allerdings 
durchweg nicht völlig reine Nationalitäten. Sie haben 
vielmehr durch den Weltverkehr mehr oder minder 
umfangreiche Beimischungen andern Volksmetalles 
bekommen. So hat unser deutsches Volk Beimischun- 
gen von slavischen, französischen, wendischen Ele- 
menten. Aber diese sind aufgegangen in unserem 
Volksganzen und der Grundcharakter ist derselbe 
geblieben. Die Beimischungen können sogar den 
Werth der gesammten Eigenschaften eines Volkes 
erhöhen. Die Vorbedingung zu der Möglichkeit einer 
solchen Volksmischung ist aber Rassenverwandschaft^ 
wie sie bei den Europa bewohnenden Kulturvölkern 
besteht. Sie ist unmöglich zwischen Weisen und 
Schw^arzen, Weissen und Rothen (Indianern), Weissen 
und Gelben (Mongolen), und sie ist auch, wie die 
Geschichte beweist, zwischen weissen arischen Men- 
schen und Semiten unmöglich. Aus solchen Mischun- 
gen gehen keine lebensfähigen neuen Volks-Individua- 
litäten hervor. Es bestehen enge Wechselwirkungen 
zwischen dem Körperbau, der Organisation des Ge- 
hirns und den geistigen und seelischen Eigenschaften 
des Menschen. Die Natur kennzeichnet deutlich, wo 
die Möglichkeit einer Rassenmischung aufhört. 

Die erste vornehmste nationale Pflicht und Auf- 
gabe für jedes Volk ist die Selbst-Erhaltung, d. h. 
nach aussen die Sicherung des Raums, auf dem es 
lebt, der Grenzen des Vaterlandes, und im Innern 
die Erhaltung, Pflege und Förderung der völkischen 
Eigenart, der Volkssitte und der Volksideale. Und 
da die politischen Grenzen, die durch die geschicht- 
lichen Ereignisse sich gebildet haben, meist nicht 
alle Besiedelungsgebiete eines Volkes umschliessen, 
so haben die Nationen die Aufgabe, überall ihr Volks- 
thum zu fördern und zu stärken, auch wo es zer- 
sprengt und verstreut zwischen andern Nationen 



32 



wohnt und den Kampf um seine nationale Eigenart 
führt. Das deutsche Volk ist etwa in folgender Weise 
über die Erde vertheilt: 



Deutsches Reich 

Oesterreich 

Ungarn 

Schweiz 

Luxemburg 


52-6 Mill. — 59-78 v. H. des Ge- 

10-0 „ =11-36 „ sammtbe- 

2-2 „ = 2'50 „ Standes an 

2-1 „ = 2-38 „ Deutsche. 

0-2 „ == 0-23 „ 


Hochdeutsche 

Belgien 
Holland 


67-2 Mill. = 76-35 v. H. 

3-3 „ = 3-75 „ 

5-0 „ = 0-68 „ 



Niederdeutsche 8-3 Mill. = 9-43 v. H. 
Geschlossenes deut- 
sches Sprachgebiet 75-5 „ = 85-80 „ 

Sonst in Europa 1-5 „ = 1-71 „ 

In Europa zus. also 77 Mill. = 87*51 v. H. 

Amerika 10 „ =-11-36 „ 
Afrika, Asien, Au- 
stralien 1 „ = 1-14 „ 



Ueberhaupt etwa 88 Mill. --= 100 v. H. 

Aus dieser Vertheilung der Deutschen über den 
Erdball ergeben sich unsere nationalen Pflichten. Wir 
haben einen näheren Zusammeuschluss zwischen den 
Deutsch-Oesterreichern und uns vorzubereiten und 
anzustreben. Das geht ohne Hochverrath und ist auf 
dem Wege von Bündnissen und Verträgen durchaus 
zu erreichen. Wir müssen das in Oesterreich beson- 
ders bedrohte Deutschthum mit unseren Sympathien 
stärken. Der Kampf, den die Deutsch-Oesterreicher 
um ihre Sprache führen, ist auch unser iCampf. Sie 
bilden das äusserste Bollwerk des Deutschen Reiches. 
Sollten sie unterliegen, so würde das Slaventum uns 
mit noch viel grösserer Macht als gegenwärtig inner- 
halb unsrer Reichsgrenzen bedrohen. Desgleichen ist 
es unsere nationale Aufgabe, einen engeren Zusammeu- 
schluss der Hochdeutschen und Niederdeutschen an- 
zubahnen, so dass ein geschlossenes deutsches Sprach- 
gebiet, worin 75'5 Millionen Einwohner, also 85*80 
V. H. der gesammten deutschen Bevölkerung auch po- 
litisch ein zusammengehöriges Ganzes bildet und seine 



33 



Macht in die Wagschale werfen kann für die deutschen 
Ziele und Aufgaben auf der Erde. Es ist unsre na- 
tionale Aufgabe, die Bewohner unsrer Grenzgebiete 
davor zu bewahren, dass sie im Polen-, Tschechen-, 
Dänen- oder Franzosentum untergehn. Die zeitweilig 
ins Ausland gehenden Deutschen sollen sicher des 
deutschen Schutzes und im geistigen Zusammenhang 
mit der Heimat überall stolz und freudig ihr Deutsch- 
tum bekennen. Die Deutschen, die dauernd jenseits 
der Meere eine neue Heimat suchen, sollen nicht wie 
früher als Gulturdünger in andern Nationalitäten 
aufgehn, sondern die Anhänglichkeit an die alte 
Heimat aufrecht erhalten und ihr Volksthum bei- 
behalten. Am leichtesten wird das der Fall sein in 
deutschen Golonien, aber es ist auch erreichbar 
innerhalb fremder Staatengebilde, wie wir das an 
den deutschen Niederlassungen in Südamerika und 
an einigen durchaus deutschen Städten und Distrikten 
in Nordamerika sehen. Wo immer auf dem Erden- 
runde Volksstämme germanischen Blutes um Erhal- 
tung ihrer Eigenart und Selbstständigkeit kämpfen, 
da ist es unsere Aufgabe, ihnen beizustehn und aus 
diesem richtigen Gefühle heraus steht auch unser 
gesammtes Volk mit verschwindenden Ausnahmen mit 
seinen Sympathien auf Seiten der kämpfenden Buren. 
Wir wissen, dass in jenem Kampf die Entscheidung 
fällt, ob Südafrika englisch oder niederdeutsch wer- 
den soll. Wir zweifeln aber nicht mehr an einer ent- 
giltigen Niederlage des Engländerthums, so dass damit 
unsre Golonien in Südost- und Südwestafrika auch 
für die Zukunft gesichert erscheinen. Unser National- 
stolz und unsre Gefühle für deutsche Ehre erfordern 
es, dass wir unbekümmert, ob es bei der jeweiligen 
Stimmung unsrer Reichsregierung missliebig oder 
nicht ist, diese Auffassung auch offen aussprechen. 
Das Deutsche Reich, als die grösste politische 
Zusammenfassung der Deutschen, hat grosse Ver- 
pflichtungen für die Zukunft des Germanenthums. 
Es ist der Anfang für das Germanenreich oder besser 
für den Germanenbund der Zukunft. Um seine Gross- 
machtstellung, die es sich auf den Schlachtfeldern in 
Böhmen und in Frankreich endgiltig erkämpft hat, 



34 



behaupten zu können, muss es Sorge tragen, seine 
langen Landgrenzen vor allen den feindlichen Nach- 
barn, die uns umgeben, zu schützen. Es ist also eine 
nationale Aufgabe ersten Ranges für uns, alle die sociale 
Einrichtung zu bewahren, auf denen die Stärke und 
Schlagfertigkeit unsres Heeres beruht. Wir sehen in 
unserm, auf dem altgermanischen Grundsatze allge- 
meiner Wehrpflicht beruhenden Volksheer nicht nur 
das beste Instrument zur Sicherung des Weltfriedens, 
zum Schutze unsrer Grenzen und zur Aufrechterhal- 
tung des Friedens im Innern, sondern wir sehen darin 
auch eine Volkserziehungsanstalt ersten Ranges. 

Der Heeresschulung verdankt unser Volk seine 
geistig und körperlich aufrechte Haltung, wodurch es 
sich vor den andern Völkern der Erde seit lange 
auszeichnet. Wir sehen in unsrer Heereseinrichtung 
auch ein Mittel zur Beförderung des Geldumlaufs im 
Lande und zur Beförderung von Handel, Gewerbe 
und Verkehr. Die grossen Summen, die für das Heer 
ausgegeben werden, sind nicht unproduktiv angelegt. 
Sie werden im Lande verausgabt und werden der 
Gefahr entzogen, von dem Moloch Börse aufgesogen 
zu werden. Natürlich muss wie bisher strenge vor- 
sorgliche Sparsamkeit bei unsern Heeresausgaben ge- 
übt werden. Es darf der Vertretung des Deutschen 
Volkes in keiner Weise das Recht geschmälert wer- 
den, im einzelnen die Heeresausgaben zu kontrol- 
lieren. Mit der nationalen Aufgabe der Erhaltung 
unsrer politischen Wehrkraft hängt, wie ich schon 
sagte, eng zusammen die Erhaltung und Stärkung 
der socialen Grundlagen, auf denen jene Wehrkraft 
beruht. Also in erster Linie die Erhaltung der Bauern- 
kraft, die die Kraftquelle für unser gesammtes Volk ist 
und die Erhaltung derjenigen geschichtlich gewor- 
denen Stände, die im Laufe der Jahrhunderte dem 
Heere die geeigneten Führer gegeben haben. Aber 
wir haben unsre Grenzen nicht nur auf dem Fest- 
lande zu sichern. Aus der Grossmachtstellung Deutsch- 
lands ist seine Weltmachtstellung hervorgegangen, 
die uns weitergehende nationale Aufgaben auferlegt. 
Lange Meeresküsten bilden die Basis unsres Verkehrs 
über See. Sie bedürfen auch der Sicherung. Die Volks- 



35 



verinehrung der germanischen Race ist eine überaus 
starke. Der Ueberschuss der Gebornen über die Ge- 
storbenen betrug im Durchschnitt alljährlich in den 
Jahren 

1872—80 im deutschen Reiche 545.407 
1881—90 „ ,, „ 551.308 

1891—99 „ „ „ 7 -.^6.988 

die überseeische Auswanderung in denselben Zeit- 
räumen im Durchschnitt 

549.744 

1,342.423 

507.566 

Der Abgeordnete Liebermann verlangt nun für 
das deutsche Volk einen freien Raum. Das kann nur 
auf Kosten des Nachbars geschehn. Reichsdeutsche 
Blätter lassen sich auch aus Oesterreich Stimmungs- 
bilder einsenden, in welchen das Sehnen nach der 
Annexion Oesterreichs durch Deutschland ausgespro- 
chen wird, ja als eine Nothwendigkeit der Zukunft 
dargestellt wird. Ein solches Stimmungsbild brachten 
die berliner „Deutschsocialen Blätter" am 3. Oktober 
1901. Der Artikel lautet: Dieser Tage ist uns von 
einem „Deutschen aus Böhmen eine Zuschrift zuge- 
kommen, die sehr viel Wahres und Treffendes ent- 
hält und geeignet ist, so manche auffallende Erschei 
nung unter den Deutschen in Böhmen zu erklären ; 
wir veröffentlichen daher diese Zuschrift nachstehend 
ihrem vollen AVortlaute nach. Sie lautet: 

Geehrter Herr Redakteur! 
Unter allen politischen Tages- und Wochen- 
blättern, die mir zu Gesichte kommen, haben Sie 
bisher die Verhältnisse unter der deutschen Bevöl- 
kerung Böhmens am richtigsten beurtheilt. Gestatten 
Sie daher auch mir, einem Deutschen aus Böhmen, 
der in Deutschböhmen lebt und alt geworden, einige 
Bemerkungen, die durch einen Artikel im „Pester 
Lloyd" angeregt wurden. Der „Pester Lloyd" vom 
12. September d. J. brachte nämlich unter dem Titel- 
«Die Alldeutschen in der Wahlbewegung" von einem 
österreichischen Abgeordneten, den die Redaktion 



36 



selbst als „zu den hervorragendsten und angesehen- 
sten Abgeordneten der deutschen Linken im öster- 
reichischen Parlamente zählend" bezeichnet, einen 
längern Artikel, in dem so manches Wahre enthalten 
ist, der aber einiger wesentlichen Ergänzungen und 
Berichtigungen bedarf. Der Verfasser des Artikels 
sagt ganz richtig: „Wenn die Alldeutschen bei den 
jetzigen Landtagswahlen grössere Erfolge erzielen,, 
und namentlich die Fortschrittspartei mit Erfolg aus 
dem Felde schlagen werden, so verdanken sie, wenn 
nicht alle Anzeichen trügen, diese Erfolge nicht ihrem 
Programm, sondern dem Anreiz, den die schärfere 
Tonart auf abgespannte, in ihren politischen Hoff- 
nungen so oft getäuschte Wählerschaften ausübt." 
Dieser Satz ist vollständig richtig, und wer die Ver- 
hältnisse in Deutschböhmen kennt, wird dies bestä- 
tigen. Und hieran anschliessend ist auch der folgende 
Satz „Woher kommt aber die Anziehungskraft der 
Partei der schärfern Tonart? Sie ist das Ergebnis 
eines allmählich entwickelten, in geschichtlichen That- 
beständen begründeten Pessimismus der deutsch- 
freisinnigen Wählerschaften." Ganz richtig! Sie ist 
aber auch das Ergebnis der Unzufriedenheit, der 
vollständigen und höchsten Unzufriedenheit mit der 
ganzen Wirtschaft in Oesterreich, mit allen politischen,, 
nationalen, wirtschaftlichen, kulturellen Verhältnissen, 
kurz, mit der ganzen Regiererei, wie sie seit dreissig 
Jahren in Oesterreich betrieben wird. Diese Unzu- 
friedenheit hat sich ganz allmählich entwickelt und 
ist immer grösser geworden; es bedurfte nur eines 
geringen Impulses, um sie auch praktisch zum Aus- 
druck zu bringen. Diesen Impuls hat sie nur seit 
dem Auftreten der Alldeutschen durch deren schär- 
fern Ton erhalten, und daher erklären sich auch die 
Erfolge, die diese schärfere Tonart bis jetzt erzielt 
hat und zweifellos noch viel mehr erzielen wird. 
Wenn heute ein redegewandter, muthiger, unerschrock- 
ner und rücksichtsloser Agitator auftreten würde^ 
der die Partisane der Alldeutschen Partei an Radi- 
kalismus noch übertrumpft, so würde er zweifellos 
noch grössere Erfolge erzielen, und selbst die All- 
deutsche Partei aus dem Felde schlagen. 



37 



Woher kommt aber diese grosse Unzufriedenheit 
mit allen Verhältnissen in Oesterreich unter der 
deutschen Bevölkerung Böhmens, und nicht blos 
Böhmens, sondern der ganzen deutschen Bevölkerung 
Oesterreichs überhaupt? Diese grosse Unzufriedenheit 
und deren Folgeerscheinung, der Radikalismus, ist 
durchhaus nicht plötzlich entstanden, sie ist eine 
breite und tiefe Volksströmung, deren Ursachen von 
Tag zu Tag in stärkerm Masse wirken. Sie ist kein 
künstliches Produkt, sondern hervorgegangen aus der 
moralischen und materiellen Noth des Volkes, das 
sich einfach dagegen wehrt, elend zu Grunde zu 
gehn, während ein kleiner, fremder, zumeist einge- 
wanderter Theil der Bevölkerung Reichthümer auf- 
speichert. Die deutsche Bevölkerung, und namentlich 
in Böhmen, hat es endlich einmal satt, immer nur 
als Ausbeutungsobjekt für fremde Nationen und 
fremde Interessen zu dienen. In Oesterreich regieren 
die Magyaren, die Polen, die Tschechen und die 
Juden; — die Deutschen haben blos das Vergnügen, 
für die Bedürfnisse des Staates zum grössten Theile 
aufzukommen, und zu zahlen ! Was ist in den 
letzten dreissig Jahren nicht alles geschehen, um nur 
— wenigstens äusserlich — eine Art Scheinkonsti- 
tutionalismus aufrecht zu halten. Diesem Phantom 
und der Grossmachtspielerei musste alles geopfert 
werden ! Mit der Einführung des Dualismus begann 
dieser Zustand. Der Ausgleich mit Ungarn, dessen 
Erneuerung alle zehn Jahre, dann die Quote usw., 
erfordern kolossale Mittel und diese muss Oesterreich 
fast allein tragen, Dank der famosen Bestimmungen 
der Ausgleichsgesetze und alles dessen, was drum 
und dran hängt. Und da in Oesterreich fast nur die 
deutschen Provinzen aktiv sind, und in diesen fast 
nur die gewerbliche und industrielle Bevölkerung, — 
so hat diese eigentlich fast allein für alles zu sorgen. 
Daher der ungeheure Steuerdruck; und die deutsche 
Bevölkerung an der Grenze des Deutschen Reiches, 
also in Deutschböhmen, hat am besten Gelegenheit, 
im vielfachen Verkehr mit Deutschland hierüber 
Vergleiche anzustellen. Eines unsrer deutschöster- 
reichischen antisemitischen Blätter hat erst vor ganz 



38 



kurzer Zeit einen Artikel gebracht, in dem auf Grund 
der bestehenden Bestimmungen die Belastung des 
Hausbesitzes z. B. in Wien mit jener in Berlin und 
Dresden verglichen wird; aus diesem Artikel ist 
ersichtlich, dass die Gebäudesteuer für ein Haus, 
das z. B. 10.000 Mark Miethe trägt, in Dresden 210 
Kronen, in Berlin 639'60 Kronen und in Wien 
4205'70 Kronen beträgt. Und so wie es mit der 
Gebäudesteuer, so ist es in demselben Verhältniss 
auch mit den übrigen Steuern; die Steuerlast ist in 
Oesterreich einfach unbeschreiblich! Und dazu die 
hohen indirekten Steuern ! Und das sehen meine 
Landsleute in Deutschböhmen recht gut, und sie 
vergleichen auch alle übrigen Verhältnisse, wie sie 
herüben in Oesterreich sind, mit dea gleichartigen 
Verhältnissen drüben im Deutschen Reiche, und dann 
ist es kein Wunder, wenn man gar oft den Wunsch 
aussprechen hört: „Wenn es nur schon bald dazu 
käme, wozu es ja doch früher oder später kommen 
muss und kommen wird; dann hätten wir doch 
wenigstens erträgliche Zustände; die jetzigen Zustände 
in Oesterreich sind aber unerträglich!" Und es ist 
ja wahr. Seit dreissig Jahren ist in Oesterreich nichts 
geschehen, was zur Wohlfahrt des Volkes dienen 
könnte. Nichts, rein gar nichts! Im Gegentheile; die 
Ausbeutung der arbeitenden gewerblichen und land- 
wirtschaftlichen Bevölkerung durch den Grosskapi- 
talismus wurde auf alle mögliche Art gefördert und 
begünstigt. Alles frisst am Wohlstande des eigent- 
lichen Volkes! Das gesammte Aktien- und das Kartell- 
wesen, die Bildung der Ringe und Truste, der 
Eisen- und Kohlenwucher, der Getreide-Terminhandel, 
das total verfahrene Eisenbahnwesen mit seinen 
Betriebsdeficiten (die schlechten, nichtstragenden ga- 
lizischen Bahnen sind im Staatsbesitze, die guten 
und vorzüglich rentierenden Bahnen gehören den — 
gelauften und ungetauften Juden): die verunglückte 
Valuta-Regulierung, die uns nichts gebracht, als eine 
masslose Vertheuerung aller Lebensbedürfnisse (in 
Wien kostet alles im Durchschnitt doppelt soviel, 
Avie in Berlin oder Dresden) usw. 

Und allem diesen sehen die österreichischen 



39 



Regierungen der letzten Jahre unthätig zu; sie sind, 
auch wenn sie etwas thun wollten, zu schwach, 
gegen die übermächtigen Geldjuden und andere 
Faktoren aufzutreten; sie sind zu schwach, um 
ernstlich und mit kräftiger Hand einzuschreiten. Die 
Regierungen thun nichts gegen die schrecklich um 
sich greifende Verwilderung und Verrohung der 
Jugend, nichts gegen die haarsträubenden Zustände 
an den Universitäten mit ihrem gradezu hochver- 
rätheri sehen Treiben, nichts gegen die Wirthschaft in 
Galizien, die jetzt bei den Landtagswahlen so offen 
zu Tage getreten, im Gegentheil, der Polenklub regiert 
in Oesterreich ; sie thut nichts gegen das wüste 
Treiben der unreifen Vagabunden, dem die Polizei 
ohnmächtig gegenübersteht; nichts gegen die un- 
glaublich gesteigerte Herrschaft des Judenthums, das 
sich bereits mächtig genug fühlt, in allen öffentlichen 
Angelegenheiten allein massgebend aufzutreten, — 
kurz, w^ohin man in Oesterreich sieht, überall wunde 
Stellen. Dazu die oft merkwürdigen, lebhaftes Kopf- 
schütteln erregenden und sich oft widersprechenden 
Urtheile der Justizbehörden, von unten bis oben, ja 
bis zum Verwaltungsgerichtshof hinauf, der nichts 
ist als eine Versorgungsanstalt für abgethane Minister; 
— denn das Protektionswesen bei der Besetzung 
sicherer Posten in den Gentralstellen, wo junge, 
unerfahrene Leute, blos weil sie Ministersöhne oder 
Abgeordneten-Neffen sind, die höchsten Stellen er- 
reichen und in den wichtigsten Fragen entscheiden, 
während alte, erfahrene Leute auf die Seite geschoben 
werden, worauf der Umstand zurückzuführen ist, 
dass wir in Oesterreich lauter schlechte Gesetze haben 
usw. usw. Und so kommt es, das? die eigentliche 
steuerzahlende Bevölkerung in Oesterreich immer 
mehr verelendet, während die Juden und die mit 
ihnen verbundene Hochfinanz alles an sich reissen, 
so dass die totale Verarmung der österreichischen 
Bevölkerung nur mehr eine Frage von kurzer Zeit 
ist Und da wundert man sich, dass die Unzufrieden- 
heit mit dieser ganzen Wirthschaft immer mehr zum 
Radikalismus treibt, und dass diejenigen die meisten 
Erfolge erzielen, die die schärfste Tonart anschlagen. 



40 



die dem österreichischen deutschen Volke die baldige 
Erlösung von der Herrschaft der Juden, der Tschechen, 
der Polen und der Magyaren versprechen! 

Wir wollen dem Einsender dieses Artikels in 
Manchem recht geben, doch geben wir ihm zu be- 
denken, dass der Haushalt des Deutschen Reiches 
pro Jahr 1902 mit einem Abgang von rund 50 
Millionen Mark abgeschlossen hat. 

Und was die Juden anbelangt, so sind die 
Deutschen im Deutschen Reiche wohl etwas besser 
daran, aber Hab und Gut ist ebenso vertheilt zwischen 
Christ und Jud in Oesterreich wie in Deutschland. 
Hier der Beweis. Ueber die Ergebnisse der seit kur- 
zem in Baden eingeführten katholischen Kirchensteuer 
gibt das neue statistische Jahrbuch für lüOl insofern 
werthvolle Aufschlüsse, als sie einen Vergleich der 
der allgemeinen Kirchensteuer unterliegenden Steuer- 
kapitalien der Evangelischen, der Katholiken und der 
Israeliten ermöglichen. Die Kapitalrentensteuer-Kapi- 
talien der Evangelischen belaufen sich im Jahre 1900 
auf 733-0 Mill. M., die der Katholiken auf 471-3 Mill. 
M., die der Israeliten auf 142-.) Mill. M., ausgerechnet 
auf den Kopf nach der Seelenzahl vom 1. Dezember 
1900 — wo in Baden 701.96 i Evangelische, l'l Mill. 
Katholiken, 8356 Altkatholiken und 26.132 Israeliten 
gezählt wurden — stellt sich das Verhältnis wie folgt: 
i044-30 M. für die Evangelischen, 419-70 M. für die 
Katholiken und 5452*20 M. für die Israeliten. Die 
Grund-, Häuser-, Gefäll- und Gewerbesteuerkapitalien 
betragen für den evangelischen Theil 1042-1 Mill. M., 
für den katholischen 1296-6 Mill. M., für die Israeliten 
153-1 Mill. M., also für den Kopf 1484-60 M., 1154-30 
M. und 5857-40 M. Die Einkommensteueranschläge 
stellen sich für die Evangelischen auf 119-2 Mill. M., 
die Katholiken auf 101-5 Mill. M., die Israeliten auf 
24-3 Mill. M. ; dies ergibt auf den Kopf 169-8, 9050 
u. 931-30 M. Die Verwirklichung des Planes der All- 
deutschen kann natürlich in erster Linie nur auf 
Kosten Oesterreichs geschehn. In der That, die Zer- 
trümmerung Oesterreichs scheint das Endziel aller 
preussischen Politik zu sein. Spricht doch die ganze 
Vergangenheit Preussens dafür. Schon das Brutei des 
heutisren Preussens ist sehr wenig: ehrenhaft. 



41 



„Im Jahre 1525 säkularisirte der Hochmeister 
des deutschen Ordens, Albrecht von Brandenburg, 
das preussische Ordensland und machte sich unter 
Genehmigung seines Lehnsherrn, des katholischen 
Königs von Polen, laut Vertrag vom 8. April 1525 
zum ersten Herzog von Preussen, wodurch er sein 
Land zur Wiege des preussischen Staates erhob." 

Also der Anfang Preussens ist von Rechtswegen 
promptes Kirchengut. Die besten Ländergeschäfte 
machte der grosse Kurfürst Friedrich Wilhelm beim 
Abschluss des westphälischen Friedens, annektierte 
Pommern und Ostpreussen. Friedrich der Grosse be- 
reicherte sich auf Kosten Oesterreichs durch Schlesien, 
dann annektierte erWestpreussen. Während der Kriege, 
mit denen Friedrich der Grosse Oesterreich bedrängte, 
unterhielt er in Böhmen fortwährend bezahlte Agenten, 
welche das Land fort und fort bereisten und für das 
preussische Regime praeparierten. Im Jahre 1732 hat 
der protestantische Prediger Liberda mit 6 Gehilfen 
für ein Honorar von 200 Thalern böhmische Unter- 
thanen zur Auswanderung nach Preussen bewogen, 
er hat ihrer über 2000 gewonnen. Böhmische Prote- 
stanten haben im Jahre 1775 direkt Friedrich aufge- 
fordert, das Land Böhmen zu annektieren. Die Ab- 
sichten Bismarks sind ja allbekannt. Der ehemalige 
ungarische Revolutionsgeneral Stephan Türr erzählt 
im „Pesti Hirlap" folgendes : „Zur Zeit des 1866er 
Krieges lies Bismarck die ungarische Legion organi- 
sieren; er betonte, dass er die berechtigten Aspira- 
tionen der ungarischen Nation unterstütze. Kaum ein 
Jahr später bot sich mir in Belgrad Gelegenheit zu 
erfahren, dass der dortige preussische Geschäftsträger, 
so dass ich es mit meinen Ohren hörte, ungarisches 
Gebiet den serbischen Staatsmännern versprach. 1867 
sagte mir Bismarck nur zu deutlich, welche Absich- 
ten er mit Oesterreich habe. Durch mich Hess er den 
Italienern sagen, dass „Italien mit Hilfe Preussens das 
Trentino bekommen könne." aber er fügte hinzu, dass 
er Triest nicht in die Hände der Italiener gelangen 
lassen wolle, weil das „ein Zukunftshafen Deutschlands" 
ist. Ich sagte dies schon mehrmals, als der eiserne 
Kanzler noch lebte. Und ich eitlere heute neuerlich 



42 



diese Worte, weil ich die pangermanischen Herren 
aufmerksam zu machen wünsche, dass der Ausflug, 
den sie auf den Sachsenboden und für das Banat 
planen, Verdacht wecken wird, nicht bloss im Kreise 
des Ungarthums, sondern auch bei den österreichi- 
schen Völkern." Und da hört man sogar k. k. Beamte 
„Heil Bismarck!" rufen. — Am weitesten gediehen 
ist in dieser Art eine Brochüre bei Lehmann in Mün- 
chen erschienen unter dem Titel: Oesterreichs Zu- 
sammenbruch und Wiederaufbau." In diesem Produkt 
der alldeutschen Propaganda ist die Theilung Oester- 
reichs auf dem Papiere für die Zukunft vollständig 
durchgeführt. Den alldeutschen Gedanken verbreiten 
in Deutschland systematisch nicht allein die Presse, 
sondern auch zahlreiche Vereine. Neben dem all- 
deutschen Verein sind hier zu nennen der Schulverein 
zur Erhaltung des Deutschthum im Auslande und 
andere derartige Organisationen. Aus der Hauptver- 
sammlung des allgemeinen deutschen Schulvereines 
in Stuttgart vom 20. Mai 1902 entnehmen wir folgen- 
des. Der vor mehr als zwei Jahrzehnten von patrio- 
tischen Männern in Berlin gegründete Verein war der 
erste nationale Schutzverein, der sich die Aufgabe 
stellte, das Deutschthum im Auslande zu schützen und 
zu erhalten. Er war ein Ausfluss des Aviedererstarkten 
Selbstgefühls, das die Gründung des Reiches den 
Deutschen gegeben hatte. Es ist kein pädagogischer 
oder schultechnischer Verein, wie irrthümlich nach 
seinem Namen bisweilen angenommen wird. Sondern 
er estrebt einzig und allein deutsch-kulturelle Ziele. 
Er kennt für seine Thätigkeit keinerlei Unterschiede 
der Religion, der Konfession, der politischen Partei- 
stellung. Er kennt nur Deutsche, die ihrem Deutsch- 
thum treu bleiben und seine Hilfe dazu annehmen 
wollen. Er erwartet von jedem Deutschen im Aus- 
lande, dass er ein guter Bürger seines besonderen 
Staates sei, wünscht aber und wirkt dahin, dass er 
zugleich auch ein guter Deutscher bleibe und deutsche 
Sprache, Sitte und Kultur sich unverkürzt bewahre. 
Wer die Jugend gewinnt, der hat die Zukunft; wer 
sie verliert, hat alles verloren. Darum wendet der 
Verein seine Mittel für die deutschen Stammes- 



4a 



genossen an der Sprachgrenze und in gemischt- 
sprachigen Gegenden hauptsächlich zur Gründung 
und Erhaltung deutscher Schulen auf, und nur aus 
diesem Grunde führt er den Namen „Allgemeiner 
deutscher Schulverein". Der Sitz des Hauptvorstandes 
ist in Berlin; der Verein gliedert sich weiter in Lan- 
desverbände and Ortsgruppen. Sehen wir in das uns 
befreundete und verbündete Oesterreich hinein. Wie 
hat das Deutschthum dort zu kämpfen, um sich iti 
seiner, kraft uralter Kulturarbeit ihm gebührender 
Stellung zu behaupten. In Böhmen und Mähren 
gegen das Tschechenthum, in Galizien gegen die 
Polenwirtschaft, in Krain und Küstenland gegen 
den ausserhalb der verantwortlichen Regierung ge- 
züchteten Chauvinismus des Magyarenthums, im süd- 
lichen Tirol gegen die welschen Autonomiebestre- 
bungen und die Minierarbeit der Lega Nazionale. 
Nicht allen in Oesterreich eingeborenen Deutschen 
ergeht es so gut, wie verhältnismässig noch den 
Deutschböhmen, die in zahlreichen Schutzvereinen sich 
zur Wehre setzen und neuerdings, vom Mittelpunkt 
der Prager deutschen Universität aus, die „deutsche 
Arbeit" in Buch und Monatsschrift zur Geltung bringen. 
Unter den Klängen der Musik traten Nachmittag 
2 Uhr die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen 
Schulvereins aus dem Arbeitsraum des Vertretertages 
unmittelbar in den Prachtsaal der Liederhalle zum 
Festessen hinüber. Wie die Glieder einer Familie, in 
Freundschaft und Vertraulichkeit, ordneten sich die 
Anwesenden zur frohen Tafel . . . Den Reigen der 
Toaste eröffnete Dr. ßrüxner-Stuttgart, indem er mit 
hinreissender Begeisterung das Hoch auf Kaiser Wil- 
helm und auf den König von Württemberg ausbrachte ; 
wenn drirch eine Naturgewalt eine ganze Stadt mit 
30.000 Einwohnern vom Erdboden vertilgt werde, 
dann rege sich das Mitleid und jeder wolle helfen; 
wie aber, wenn hundert deutsche Städte in Böhmen, 
Mähren und anderen bedrohten Gegenden mit 300.000 
Einwohnern uns verloren gingen, müsse da erst die 
deutsche Hilfe eintreten ! Der Kaiser und der König 
seien unsere Vorbilder in nationaler Kraft undThat; 
dem Kaiser und dem Könige gelte die treue Huldi- 



44 



gung des Allgemeinen Deutschen Schulvereins. Major 
Kressmann-Karlsruhe, als Norddeutscher in Süd- 
deutschland, sprach auf Stuttgart, Prof. Mentz-Jena 
auf Dr. Brüxner, Frau von Radnoftai-Dresden mit 
vieler Anmut auf die Stuttgarter Frauengruppe, Dr. 
Harnischfeger-Frankfurt a. M., dem das Herz auf dem 
rechten Flecke sitzt, auf die sog. „berühmten sechs 
Berliner Herren", den Hauptvorstand. Sehr eindrucks- 
voll gedachte Dr. Weiss-Bremen derer, die durch 
Beruf oder Krankheit abgehalten seien, persönlich zu 
•erscheinen, insbesondere des von schwerer Krankheit 
Aviedergenesenden wackeren Pfarrers Gamper in Dres- 
den. Eingelaufene Depeschen wurden mit Beifall und 
Dank verlesen, darunter die des Chefredakteurs der 
Yossischen Zeitung, Dr. Bachmann, des Herrn Dr. 
Hedinger „aus Roseggers Heimat", vom Deutschen 
Schulverein im Wien, von der „ Nordmark " in Troppau. 
Nicht in demselben Grade wie die Aufgaben und 
Arbeiten des Vereins sind seine Mittel gewachsen. 
Dies muss offen und deutlich zum Ausdruck gebracht 
werden, damit sich unsere national gesinnten Mit- 
bürger besser rühren; denn mit einem gleichgültigen, 
passiven Volk sind keine grossen Ziele zu verfolgen. 
Die Mitgliederzahl hat um einige Hundert zugenom- 
men: voriges Jahr waren es rund 32.400, dies Jahr 
sind es 33.000; aber im Vergleich mit der Bevölke- 
rungszunahme ist dies kaum als ein Steigen zu be- 
trachten. Von 1899 auf 1900 waren wir doch um 
2000 hinaufgegangen. Dabei trifft die Werbekomis- 
sion des Hauptvorstandes gewiss kein Vorwurf. Diese 
hat vielmehr mit Eifer und Umsicht ihres Amtes ge- 
waltet, hat schlafende Ortsgruppen aufgerüttelt und 
neue begründet, auch unsere Ansichtspostkarten ver- 
mehrt, namentlich um ein Bild von der Johannes- 
burger Schule, und den Schulvereinsschriften ein sehr 
interessantes Heft hinzugefügt, betitelt „Die Deutschen 
Schulen im Ausland", von Dr. Ernst Kapff. Die Ge- 
sammteinnahmen sind von rund 176.000 Mark auf 
180.000 Mark gestiegen; wir danken dies besonders 
der grossartigen Energie einiger Frauen-Ortsgruppen, 
voran Berlin und Darmstadt, sowie den Burschen- 
schaften, die ihren vorigjährigen Beitrag von 600 M. 



45 



auf 1570 M. erhöht haben; solch gewichtige Hilfe von 
den Müttern und der studierenden Jugend eröfthet 
uns einen ermutigenden Ausblick in die Zukunft. 

Die meisten Unterstützungen gingen, wie ge- 
wöhnlich, nach Böhmen und Mähren (33.000 M.); 
die für überseeische sind gegenüber dem Vorjahr auf 
das Doppelte gewachsen. Mit Stipendien hat die 
Hauptleitung 18 Studierende aus dem deutschen 
Auslande unterstützt, im Gesammtbetrage von 4100> 
Mark, ferner haben der Landesverband Thüringen 
(Prof. Rein, Jena), die Ortsgruppen Marburg (Prof. 
Th. Fischer) und Breslau (Prof. Voigt) Stipendien 
verliehen. Zu wünschen wäre, dass noch weitere 
Landesverbände und Ortsgruppen, in deren Bezirke- 
Universitäten oder technische Hochschulen sich be- 
finden, Stipendien für deutsche ausländische Studie- 
rende errichten. Für Büchereien haben wir zirka 2000* 
Bände angekauft und sie nach Gahzien, Böhmen, 
Mähren, Steiermark, Osteuropa uud Brasilien geschickt.. 

Auf diese Weise wird von manchen derartigen 
Organisationen für den grossdeutschen Plan gear- 
beitet. Nach den neuesten Erhebungen sollen die 
Deutschen an der Zahl folgendermassen angewachsen 
sein. Im Deutschen Reich selbst beträgt die Zahl der 
Deutschen nach der jüngsten Zählung vom 1. De- 
zember 1900 im ganzen 52,113.159. Etwas älter sind 
meist die Zählungen, deren Ergebnis die folgenden 
Daten sind. Nach der Zählung von 1890 hatte Oester- 
reich damals 8,662.000 Deutsche; für Ungarn liegt 
jetzt das endgiltige Ergebnis der Zählung vom 31. De- 
zember 1900 vor, wonach die Zahl der dortigen 
Deutschen 2,133.181 beträgt, eine Zahl, die hinter- 
der Wirklichkeit aber sicher erheblich zurückbleibt. 
Alle folgenden Zahlen sind das Ergebnis von möglichst 
genauen Schätzungen auf Grund des Materials der 
jeweils jüngsten Volkszählung. Danach gab es Deutsche- 
im Jahre 1895 in Bosnien und Herzegowina 30.000, 
1891 in Liechtenstein 9400, 1888 in der Schweiz 
2,083.000, 1895 in Luxemburg 200.000, 1890 in Belgien 
3,420.000, 1889 in den Niederlanden 5,094 800, 1896 
in Frankreich 500.000, 1890 in Dänemark 50.000, in 
Schweden 5000, in Norwegen 2000, 1891 in Gross- 



4ß 



britannien und Irland 100.000, 1897 in Russland 
2,001,840, 1894 in Rumänien 50.000, 1895 in Serbien 
6400, 189B in Bulgarien 3600, 1890 in der Türkei 
15.000, 1896 in Griechenland 1000, 1898 in Italien 
50.000, 1897 in Spanien 3000, 1890 in Portugal 1000. 

Das macht alles in allem eine Kopfzahl von 
76,536.000. Auf das geschlossene deutsche Sprach- 
gebiet fallen davon etwa 72,000.000. Zusammen bilden 
diese Deutschen mehr als ein Fünftel der gesammten 
europäischen Bevölkerung. 

Nach Mulhalls Berechnung waren die Völkerver- 
hältnisse Europas folgendermassen beschaffen. 

Gesammtzahl der Bevölkerung Europas 
Jahr 1801 1890 

161,800.000 401,700.000 

, Von einem Hundert Einwohner sprachen 

im Jahre 1831 1890 

englisch 12-7 27-7 

französisch 19-4 12-7 

deutsch 18-7 18*7 

italienisch 9*3 8 3 

spanisch 16*2 10*7 

portugalisch 4*7 3*2 

russisch . . . . 19* — 18 7 

Ob diese Zahlen der Wirklichkeit entsprechen, ist 
allerdings fraglich. 

Innerhalb des deutschen Reiches wird mit 
«eiserner Rücksichtslosigkeit an der Alleinherrschaft 
der Preussen gearbeitet. Wir sagen der Preussen, 
denn von ihnen geht ja hauptsächlich diese Bewegung 
aus. Die Früchte zeigen sich am deutlichsten in 
Elsass-Lothringen. 

Als es sich im Jahre 1898 darum handelte, das 
deutsche Reichspressgesetz vom 7. Mai 1874 in Elsass- 
Lothringen einzuführen, war auch vorgeschlagen 
worden, eine Bestimmung aufzunehmen, wonach das 
Erscheinen französischer Zeitungen im Reichslande 
behördlich verboten werden könnte Der Landes- 
ausschuss lehnte jedoch diesen Vorschlag als eine 
zu wenig pressfreundliche Massregel ab. Gleichzeitig 
wurde in den damaligen Verhandlungen hervorge- 



47 



hoben, dass die in französischer Sprache erschei- 
nenden Strassburger Blätter von Jahr zu Jahr ohnehin 
an Abonenten verlieren und somit in ihrem Einflüsse 
und ihrer Bedeutung zurückgingen. Die Wahrnehmung 
wird, wie man der Süddeutschen Reichscorrespondenz 
aus Strassburg meldet, durch die Thatsachen bestätigt. 
Als z. B. vor etwa Jahresfrist in Metz eine neue ka- 
tholische Zeitung gegründet werden sollte, da wurde 
von den beteiligten Kreisen mit Entschiedenheit betont, 
dass die neue Zeitung in deutscher Sprache erscheinen 
müsse, wenn anders sie auf eine genügende Zahl von 
Abonnenten und Lesern rechnen wolle, um die von 
ihr vertretenen Interessen mit Erfolg vertheidigen zu 
können. Und so entstand die Lothringer Volksstimme. 
Ferner hat die Volkszählung vom 1. Dezember 1900, 
bei der zum erstenmale die Muttersprache der orts- 
anwesenden Bevölkerung im einzelnen ermittelt 
wurde, ergeben, dass die französisch sprechende Be- 
völkerung des Reichslandes geringer ist als man ge- 
wöhnlich annahm. Es ist dabei zu b:achten, dass im 
Jahre 1900 eine Individualzählung stattgefunden hat, 
während bis dahin nur eine schätzungsweise Ermit- 
telung des geschlossenen französischen Sprachgebietes 
vorgenommen wurde. Die durch die jetzige Individual- 
zählung ermittelten 198.173 Personen, die als Mutter- 
sprache Französisch angegeben haben, umfassten 
auch die ausserhalb des französischen Sprachgebietes 
im Lande zerstreuten Angehörigen der französischen 
Muttersprache. Solcher sind 87.010 gezählt worden. 
Dem Reste von 111.163 französisch Sprechenden 
stehen im französischen Sprachgebiete bereits 48.756 
Personen gegenüber, deren Muttersprache Deutsch 
ist, hauptsächlich infolge der deutschen Einwanderung 
dorthin. Demnach hat sich das früher als rein fran- 
zösisch anerkannte Sprachgebiet, besonders in Loth- 
ringen, an Umfang bedeutend verringert, und mehr 
als drei Viertel dieses Gebietes sind jetzt sprachlich 
gemischt. Der preussischen Polenpolitik können wir 
vielleicht ein besonderes Kapitel widmen. Auf diese 
Weise haben wir hoffentlich eine Uebersicht von der 
alldeutschen Bewegung erhalten und ihre Ziele und 
Bestrebungen kennen gelernt. 



48 



V. Bismarck und Oesterreich. 



Seit dem J. 1898, wo Bismarck starb, vergeht 
fast kein Tag, an welchem nicht ein Werk über Bis- 
marck, sein Leben, Wirken etc. auf dem deutschen 
Büchermarkt erscheinen möchte. Da kommt Lothar 
Bucher, dort wieder der Hebräer Moritz Busch und 
ganze Legionen anderer Bismarcks-Verherrlicher. Selbst- 
verständlich ist unsere Juden-Presse in Oesterreich 
jedesmal im Freudenrausch, wenn sich ein neuer 
Bismarcks-Bekollerter auf dem Büchermarkt anmeldet. 
Bismarck war der grösste Feind Oesterreichs. Einen 
durchschlagenden Beweis dazu erbrachte A. Kienast 
in seinem Werke: Die Legion Klapka. Eine Episode 
aus dem Jahre 1866 und ihre Vorgeschichte. (Wien 
1900, bei Seidel u. Sohn.) Wir lesen hier unter Anderem 
folgendes : 

Als Ludwig XIV. mit jenen Unternehmungen 
beschäftigt war, welche die landläufige Geschichtsbe- 
trachtung mit dem Namen der Raubkriege belegt hat, 
suchte er wiederholt dem Kaiser im Osten Feinde 
zu erwecken durch Gewinnung der Polen, durch 
Aufhetzen und ein Bündnis mit den Osmanen, oder 
durch Unterstützung und Verbindung mit den auf- 
ständischen Ungarn. Friedrich IL von Preussen suchte 
während seiner Kriege mit Maria Theresia einmal die 
Türken und Tataren zu einem Einfall in Sieben- 
bürgen oder Ungarn zu bewegen, und ein anderes 
Mal trat er mit unzufriedenen Magnaten in Beziehungen^ 
um Oesterreich von dieser Seite zu beschäftigen. 

Nach diesen . und ähnlichen berühmten Mustern 
handelte auch Bismarck im Jahre 1866. Oesterreich 
sollte in einer eisernen Umklammerung seiner Feinde 
erdrückt und für immer zu einer Macht zweiten oder 
dritten Ranges herabgemindert werden. Der Bau- 
meister des neuen deutschen Reiches begnügte sich 
nicht mit dem Plane, dass das Preussen des Nordens 
und das Piemont des Südens zugleich von entgegen- 
gesetzten Seiten angreifen und sich vor den Mauern 
der österreichischen Hauptstadt siegreich die Hände 
reichen sollten: er bereitete noch eine ganze Reihe 
von Reserven vor, deren Vorstösse das Schicksal des 



49 



Kaiserstaates besiegeln oder wenigstens während des 
Kampfes einen Theil seiner Heeresmassen fern von 
der Hauptschauplätzen festhalten sollten und während 
der Friedensverhandlungen noch immer als gefährliche 
Drohung ausgespielt werden konnten. Bismarck zog 
Serbien und Rumänien in den Kreis seiner Berech- 
nung. Am 10. Juni theilte er dem Fürsteu Anton von 
Hohenzollern mit, dass er den Legationsrath von 
Pfuel über Belgrad nach Bukarest sende, „um dort 
für die preussischen Interessen thätig zu sein". Der 
Abgesandte fand in beiden Ländern Parteien vor, 
die auf eine Theilnahme an dem Kriege gegen Oester- 
reich hinarbeiteten. In Serbien glaubte Garaschanin 
den Augenblick gekommen, ein gross-serbisches Reich 
zu gründen, das sich über die Save und bis an die 
Adria erstrecken sollte, und es war fraglich, ob der 
Fürst Michael diesem Drängen widerstehen werde. 
In Rumänien, wo der Prinz von Hohenzollern eben 
erst die Regierung übernommen hatte, gab es ähnliche 
Bestrebungen. Beide Balkanstaaten pflogen Unterhand- 
lungen über ein Bündniss ; unter ihrem Schutze sollte 
sich ein ungarisches Insurgentencorps bilden. Auf 
das seit 1848 noch immer gährende Ungarn setzte 
Bismarck in besonderer Weise seine Hoffnungen. Be- 
ziehungen zwischen Preussen, der Vormacht des Pro- 
testantismus und den ungarischen Protestanten, dieser 
geborenen. Opposition, wie Minister Bach sie nannte, 
bestanden schon früher. Friedrich Wilhelm IV. Hess 
ihnen seine Hilfe angedeihen und als die Bewegung 
gegen die Thunschen Verordnungen, welche den Ge- 
brauch der protestantischen Konvente zu politischen 
Umtrieben verhindern wollten, in Ungarn um sich 
griff, sandte der Gustav-Adolf-Verein reiche Geld- 
spenden ins Land, um die evangelischen Kirchen und 
Schulen wenigstens theilweise von der „Jesuiten- 
invasion" zu schützen. Die Anknüpfung von Beziehun- 
gen zwischen dem offiziellen Preussen und den un- 
garischen Malkontenten blieb jedoch Bismarck und 
dem Jahre 1866 vorbehalten. Dieser Staatsmann, der 
1849 in der zweiten Kammer es bedauerte, dass 
preussische Truppen nicht ebenso wie die russischen 
an dem Kampfe gegen die Revolution in Ungarn theil- 



50 



genommen, sprach 1857 in einer Denkschrift den 
Satz aus, dass eine legitime Monarchie den Bund mit 
Mächten, die aus der Revolution hervorgegangen sind, 
nicht zu scheuen brauche. Fünf Jahre später an die 
Spitze des Ministeriums berufen, wusste er je nach 
Bedarf Politik zu machen : einmal gegen die Stimme 
des Volkes und ein anderesmal im Bunde mit revo- 
lutionären Gewalten. Seine Beziehungen zu den un- 
zufriedenen Ungarn stammten noch aus Paris. Auf 
dem Punkte, den dortigen Gesandtschaftsposten mit 
der Ministerpräsidentschaft zu vertauschen, erhielt 
Bismarck ein Schreiben des Grafen Arthur Scherr- 
Thoss, das ihm für den Fall, dass er in Berlin 
„nicht bloss ein preussischer Felix Schwarzenberg, 
sondern ein deutscher Gavour zu sein gedenke, die 
redliche und nützliche Mitwirkung Ungarns" anbot. 
Graf Scherr-Thoss, ein gebürtiger Preussisch-Schlesier 
und Protestant, hatte bis zum Jahre 1841 als Kadet 
und Offizier in der österreichischen Armee gedient 
und dann Ungarn, wo er sich angekauft hatte, in 
dem Grade zu einer zweiten Heimat gemacht, dass 
er im Jahre 1848 im Insurgentenheere diente. Nach 
der Waffenstreckung von Vilagos entzog er sich 
durch die Flucht der drohenden Wiedereinreihung 
in die k. k. Armee und lebte, im Dienste der Emi- 
gration vielfach zu diplomatischen Sendungen ver- 
wendet, in Genf und Paris. Auf jenen Brief hin 
wurde er von Bismarck zu einer Unterredung einge- 
laden. Er musste ein Bild von den ungarischen Zu- 
ständen entwerfen und erhielt darauf von Bismarck 
nach seinen eigenen Berichten folgende Versicherun- 
gen : „Ich habe mir zum Ziele gesetzt, dieses Oester- 
reich niederzuwerfen, das uns auf das unwürdigste 
behandelt, uns zu seinem Vasalen erniedrigen möchte. 
Ich will Preussen aufrichten und ihm die Stellung 
verschaffen, die ihm als rein deutschem Staate gebührt. 
Ich verkenne nicht den Werth, den die Hilfe Ungarns 
für uns haben kann, und ich weiss, dass die Ungarn 
nicht Revolutionäre sind in dem gewöhnlichem Sinne 
des Wortes . . . Wenn wir siegen, wird auch Ungarn 
frei werden. Verlassen Sie sich darauf." So soll 
Bismarck zwei Jahre vor dem schleswig-holsteinischen 



51 



Krieg gesprochen haben. In Paris hatte -er übrigens 
als Gesandter Gelegenkeit gehabt, auch andere Ver- 
treter der ungarischen Emigration kennen zu lernen, 
die dort, wie die Verschwörer aus aller Herren 
Länder, beim „rothen Prinzen'' ein- und ausgingen. 
Bismarck erwies sich im Jahre 1866 als ein un- 
versöhnlicher Feind Oesterreichs, der vor keinem Mittel 
zurückschreckte. Es genügte ihm nicht, der von ihm 
geschaffenen Allianz und dem Schwerte die Entschei- 
dung zu überlassen, er suchte nach Kräften auch die 
inneren Schwierigkeiten des Kaiserstaates zu dessen 
Verderben auszunützen. Wie er die ungarische Be- 
wegung ausbeutete, so richtete er, als die Preussen 
Böhmen betraten, eine Proklamation an das „glor- 
reiche Königreich", das den Czechen im Falle des 
Sieges der preussischen Waffen Aussichten auf Ver- 
wirklichung ihrer nationalen Wünsche machte. Auch 
nach dem Frieden unterhielt Bismarck, um sich für 
den Fall eines Krieges mit Frankreich den Rücken 
zu decken, im Berliner auswärtigen Amt ein eigenes 
Bureau zur Betreibung dieser lichtscheuen Beziehun- 
gen mit den unzufriedenen Elementen in Oesterreich- 
Üngarn. Die Legion Klapka halte er, während des 
Waffenstillstandes in Ungarn einbrechen lassen, und 
um den Rücksichtslosigkeiten gegen den Besiegten 
die Krone aufzusetzen, wurde sie noch nach dem 
Friedensschluss nahe der österreichischen Grenze bei- 
sammen gehalten. Eis solches Vorgehen konnte man 
in Oesterreich nicht ohne Antwort lassen. Eine kaiser- 
liche Verordnung befahl im September 1866, dass bis 
auf Weiteres die sieben österreichischen Regimenter, 
welche den König oder Prinzen von Preussen, preus- 
sische Generale oder mit Preussen verbündete Fürsten 
zu Inhabern hatten, ohne deren Namen nur mit der 
Nummer benannt werden sollten. Zugleich resignirten 
die Erzherzoge Albrecht, Karl Ludwig und Leopold 
als Chefs preussischer Regimenter. Dem preussischen 
Hof gegenüber wurde kein Geheimniss daraus gemacht, 
dass diese Entschlüsse in der Aufstellung einer unga- 
rischen Legion gegen Oesterreich ihren Grund hatten. 
Es ist kein Zweifel, dass marj auch in Preussen ein 
solches Vorgehen von Seite Bismarck's missbilligte, 

4* 



52 



Im Jahre 1874 warf der Gentrumsabgeordnete Freiherr 
von Schorlemer-Alst im preussischen Abgeordneten- 
haus dem Fürsten von Bismarck die Aufstellung der 
Legion Klapkaund den Plan einer Insurgirung Ungarns 
und Kroatiens vor. Der Reichskanzler wusste darauf 
nur zu erwidern, dass er in einem „Akte der Noth- 
wehr", als die von Kaiser Napoleon angekündigte Ein- 
mischung die bisherigen Erfolge in Zweifel zu stellen 
drohte, zu diesem Mittel gegriffen habe ; er habe nichts 
gethan, als „Deserteure aufgenommen." Dazu ist nur 
zu bemerken, dass Bismarck die Bildung der Legion 
in Angriff genommen hatte, bevor Napoleon eine Miene 
machte, dazwischenzutreten. Zu den im Kriege er- 
laubten Mitteln gehört ein solches nicht. Als der 
preussische General von Werder die kurhessischen 
Truppen zum Treubruch und Fahnenwechsel auffor- 
derte und ihr Kommandant dies in einem flammenden 
Protest zurückwies, schrieb ein Berliner Zeitungs-Kor- 
respondent mit Recht nach dem Süden: „Wenn der- 
gleichen Verlockungen von revolutionären Regierungen 
ausgiengen, so könne das wenig befremden, aber nun 
geschehe dies von dem Repräsentanten einer Macht» 
deren Dynastie sich so viel auf göttliches Recht und 
christliche Grundsätze beruft." Angesichts des in der 
preussichen Bevölkerung sich kundgebenden Wider- 
strebens gegen den Bruderkrieg von 1866 wusste die 
der Berliner Regierung so nahestehende „Kreuzzeitung" 
sofort zu erinnern, dass das preussische „Strafgesetz- 
buch" jene, die während dieses Krieges im feindlichen 
Heere Dienste nehmen und die Waffen gegen Preussen 
tragen, mit dem Tode bestrafe. Das scharfe Urtheil, das^ 
wie wir oben anführten, General Rzikowsky über die 
ungarische Legion auf preussischer Seite fällte, war 
darum gewiss auch jedem preussischen Soldaten aus 
dem Herzen gesprochen. „In der preussischen Armee," 
so schrieb Bernhardi am 31. Mai 1866 abrathend an 
Türr, „sind gewisse Ideen von redlicher, ritterlicher 
Kriegsführung herrschend, mit denen die Bildung solcher 
Legionen in einem entschiedenen Widerspruch stehen 
würde", und in seinem Tagebuch fügt er hiezu : „Na- 
türlich sage ich in Türr's Gegenwart nicht, dass die 
Legionäre von unseren Soldaten als eidbrüchige und 



5a 



pflichtvergessene, ehrlose Gesellen ohne Zweifel mit 
der äussersten Verachtung behandelt werden würden". 
Die Politik Bismarck's kannte keine solchen Bedenken. 
So schreibt Kienast über Bismarck, Sein Werk 
sollte in Oesterreich mehr Verbreitung gefunden haben. 
Aus den Werken über Bismarck bringt die Juden- 
presse alle Augenblicke Stellen, wie sich Bismarck 
über Oesterreich aussprach. So brachte die „Neue Freie 
Presse" von einem Berichterstatter aus Friedrichsruhe 
folgendes anfangs April 1899. Bismarck wendete sich 
mit grosser Entschiedenheit gegen jene Parteien, die 
auf eine Annexion österreichischer Gebiete durch 
Deutschland hinarbeiten, und verwahrte letzteres 
gegen die Ausstreuung, dass es derartigen Bestrebun- 
gen mehr oder minder wohlwollend Vorschub leiste. 
Es könne und dürfte vielmehr eine derartige Politik 
niemals verfolgen. „Wenn die west-österreichischen 
Provinzen mit Deutschland vereinigt würden" —sagte 
Bismarck — „so wäre die Folge davon, dass wir Preus- 
sen im Reichstage nicht mehr über eine unbedingte 
Majorität verfügen könnten und dass das alte Sprich- 
wort : „Travailler pour le roi de Prusse" hinfällig 
werden müsste. Und wie denken Sie sich dann das 
Verhältniss von Berlin zu Wien, wenn diese beiden 
grossen Gentralpunkte einen und demselben Reiche 
angehören sollten, wäre unter diesen Bedingungen 
Berlin schon im Hinblick auf seine geographische 
Lage nicht gezwungen, mit der Zeit dem vielfach 
günstiger gelegenen Wien den Vorrang abzutreten ? 
Nein, das darf und wird nie geschehen. Natürlich 
spreche ich hier von einem Oesterreich, in welchem 
der deutsche Volksstamm schon vermöge seiner hi- 
storischen und kulturellen Entwicklung die ihm allein 
gebührende führende Rolle einnimmt. Es können in 
dieser Beziehung wohl noch manche politischen Wand- 
lungen eintreten, doch bin ich überzeugt, dass alle 
etwaigen Versuche, Oesterreich zu slavisiren, vergeb- 
lich bleiben werden, denn ein slavisches Oesterreich 
halte ich schlechtweg für ein Ding der Unmöglichkeit. 
Als vor Kurzem unter dem Minister-Präsidenten 
Grafen Taaffe der Versuch gewagt wurde, den Kaiser 
Franz Joseph zu bestimmen, sich in Prag die Wen- 



54 



zelskrone auf das Haupt zu setzen, habe ich dagegen, 
allerdings ohne dem Selbstbestimmungsrechte Oester- 
reichs irgendwie nahezutreten, meine warnende Stimme 
erhoben. Diese Krönung, welche unmöglich ein rein 
religiöser Akt sein könnte, wäre meiner Ansicht nach 
der Anfang vom Ende und müsste unabsehbare Fol- 
gen nach sich ziehen. Doch damit hat es zur Zeit 
keine Gefahr, zu solchen gefährlichen Experimenten 
wird sich Kaiser Franz Joseph niemals herbeilassen. 
Ich habe persöhnlich die denkbar höchste Verrehrung 
für diesen Kaiser, der so schw^ere Prüfungen bestehen 
musste und der in nie ermüdendem Pflichteifer seine 
ganze grosse Arbeitskraft in den Dienst seiner Völker 
stellt und nur das Beste seiner Länder im Auge be- 
hält Dieses Oesterreich ist schwer zu regieren, und 
der Einfluss, den die klerikale Partei und nicht minder 
der grosse Feudal-Adel auf die inneren Geschicke 
der Monarchie auszuüben suchen, erhöhen um ein 
Bedeutendes die ohnehin schon bestehenden grossen 
Schwierigkeiten. Doch wird bei alledem Kaiser Franz 
Joseph sich nicht beirren lassen, sondern fest und 
unentwegt zu uns und der deutschen Sache halten — 
hievon habe ich des Oefteren schon unumstössliche 
Beweise erhalten. Ich denke mir, dass in Oesterreich 
die Deutschen, in Ungarn die Magyaren bis zu einem 
gewissen Grade prädominiren sollen, und dass diese 
beiden Volksstämme zur Aufrechterhaltung des durch 
Deäk geschaffenen Dualismus sich treu und unver- 
brüchlich die Hände zu reichen haben. Auf einer 
weisen, gerechten und fortschrittlichen Grundlage sich 
erhebend, die grossen volkswirthschaftlichen und kom- 
merziellen Interessen mit allen Kräften fördernd, müsste 
die österreichisch-ungarische Monarchie, Hand in Hand 
mit Deutschland, einer schönen und glanzvollen Zu- 
kunft entgegengehen. Dabei soll keineswegs von einer 
Unterdrückung der slavischen Volksstämme die Rede 
sein, dieselben mögen sich ruhig weiter entwickeln 
und im Rahmen des grossen Ganzen die nöchigen 
Vorbedingungen für ihre kulturelle und nationale Aus- 
bildung finden, aber das Aushängeschild des öster- 
reichischen Kaiserstaates muss unter allen Verhältnis- 
sen ein deutsches sein und für alle Zeiten ein deutsches 



55 



bleiben. So," sagte schliesslich Fürst ßismarck, „nun 
habe ich wieder einmal frei und offen gesprochen, 
und es freut mich, bei Ihnen auch das richtige Ver- 
ständniss für meine politischen Darlegungen gefunden 
zu haben." 

Aus den Tischgesprächen Bismarcks veröffent- 
lichte anfangs Januar 1899 die „Neue Freue Presse" 
folgendes : „Oesterreich ist wie ein Haus, das aus 
schlechten Ziegeln gebaut ist, welche jedoch durch 
einen ausgezeichneten Mörtel zusammengehalten wer- 
den — wie nennen Sie diesen — Gement. Dieser 
Gement ist seine deutsche Bevölkerung Was immer 
Gutes in seinen barbarischen Provinzen gethan worden, 
ist durch die Germanisirung seiner Institutionen ge- 
schehen. Ueberail in Oesterreich wird Deutsch ge- 
sprochen; die Bewohner der verschiedenen slavischen, 
magyarischen und lateinischen Provinzen müssen sich 
des Deutschen bedienen, um sich mit einander zu 
verständigen." Und zu dem Würzburger Schriftsteller 
Anton Memminger sprach er sich Jahrzehnte später, 
kurz nach seiner Entlassung, aus, er lege auf die 
Erhaltung bayrischer Eigenart und Selbstständigkeit 
darum so viel Gewicht, weil die Baiern für Deutsch- 
land das natürliche Verbindungsglied mit Oesterreich 
seien, dessen Deutsche echt bairischen Stammes wären. 
Vorläufig sei der Bestand Oesterreichs eine Lebens- 
frage auch für Deutschland, und dies vom Gesichts- 
punkte des europäischen Friedens. „Die Deutschen 
in Oesterreich werden nicht zu Grunde gehen, wenn 
sie sich nur selbst zu helfen wissen. Sie müssen es 
machen, wie die Slaven und Ungarn, sie müssen 
unter einer Parole und Fahne marschiren — das 
Getrennt-marschiren und Vereint-schlagen ist aller- 
dings eine bewährte Regel, aber nur wenn man eine 
einheitliche Führung, wie die Moltke's, hat. Aber wenn 
gar die Ultramontanen zur Führung unter den Deut- 
schen sich drängen, dann weiss ich im voraus, dass 
es nicht auf die Einigung der Deutschen, sondern 
auf deren Zersplitterung und Schwächung abgesehen 
ist; darauf geht ja die ganze ultramontane Politik 
hinaus: In Frankreich ist sie demokratisch, in Ita- 
lien republikanisch, in Deutschland „christlich-social" 



56 



oder wenn's passt, social-demokratisch in Schwarz, 
in Oesterreich feudal-tschechisch ; sie wird sogar noch 
antisemitisch, um sich hinterrücks den Juden als 
Retter anzumelden." Die Deutschen in Oesterreich 
haben vielleicht im Laufe der Zeit etwas gelernt. Die 
österreichischen Adeligen werden in ihrer grossen 
Mehrheit überhaupt nie mehr etwas lernen. Die Tsche- 
chen hinwiederum machen denselben Fehler wie die 
Deutschen vor ihnen, sie verlangen zu viel, und so 
wird der Kaiser sich von ihren ungestümen Gelüsten 
abwenden, um eine andere Mehrheit in der Volks- 
vertretungr zu bilden." Und Bismarck schoss : „Der 
Kaiser und seine Staatsmänner werden nicht lange 
mit einer nichtdeutschen Mehrheit hausen können. 
Gerade jene Elemente, denen das Zeug zur Staaten- 
bildung abgeht, werden in der Regel masslos frech, 
unverschämt, begehrlich und selbstsüchtig, so dass 
sie dann niedergebeugt oder geknickt werden müs- 
sen." Ein sehr reiches Material darüber, wie in Preus- 
sen systematisch gegen Oesterreich gearbeitet wurde, 
veröffentlichte Poschinger in seinem grossen Werke 
über Preussens auswärtige Politik. Im dritten Bande 
heisst es da unter anderem über das Verhältniss von 
Preussen zu Oesterreich folgendermassen : 

In Preussen, wo König Fridrich Wilhelm IV. die 
Führung der auswärtigen Politik in weit höherem 
Masse als seine Domäne betrachtete, als dies später 
sein Bruder König Wilhelm that, der sich vertrauens- 
voll ganz der Führung Bismarck's hingab, durch- 
kreuzte der Monarch vielfach die Politik seines Mi- 
nister-Präsidenten, indem er zuweilen hinter dem 
Rücken Manteuffel's und gegen dessen Willen Spe- 
cialgesandte an die einzelnen Höfe sandte, welche 
durch ihre Massnahmen und Berichte vielfach die 
festen Linien der offiziellen Politik durchkreuzten und 
überdies noch das Ansehen des darüber aufgebrach- 
ten ordentlichen Gesandten schwächten. Von diesen 
Spezialgesandten, welche nach Wien beordert wurden, 
nennen wir nur den Oberstlieutenant Edwin v. Man- 
teuffel, den späteren General-Feldmarschall und Statt- 
halter von Elsass-Lothringen, welcher die Aufgabe 
hatte, die Thätigkeit des preussischen Gesandten 



57 



Grafen v. Arnim in Wien, der eine gar zu augen- 
fällige österreichfreundliche Politik befolgte, zu kon- 
troliren und ihr vielfach entgegenzuarbeiten. Ueber 
seine Unterredung mit dem damaligen Österreich!' 
sehen Minister des Auswärtigen, dem Grafen v. Buol, 
berichtet Edwin v. Manteuffel unter dem 8. Jänner 
1855 u. A. : Buol habe auf Preussen raisonnirt und 
gesagt, ich scheine den Kaiser Franz Josef von Oester- 
reich zu seinem eigenen Minister machen zu wollen. 
Dann habe er gefragt, wann ich ginge, und auf die 
Antwort, dass das vom Kaiser abhinge, habe er ge- 
sagt, der würde mich gar nicht fortlassen und ich 
würde ewig bleiben. Die Nothwendigkeit der Auffor- 
derung an Preussen, am Pariser Kongresse theilzu- 
nehmen, genire in Wien, und es müsse daher die 
Aufgabe des leitenden preussischen Ministers sein, 
durch die Presse das Nationalgefühl wegen des Igno- 
rirens Preussens bei den Konferenzen wachzurufen. 
Er, Edwin v. ManteutTel, habe in Wien so viele In- 
triguen zu besiegen, dass dabei seine Gesundheit er- 
schüttert Vi^urde. Das eine Jahr in der österreichischen 
Kaiserstadt müsse ihm der König von Preussen we- 
nigstens als doppelte Kriegszeit anrechnen, denn er 
werde wenigstens zehn Jahre früher Invalide. Der 
preussische Minister-Präsident und sein österreichischer 
Kollege standen miteinander im intimen Briefwechsel 
und Überflossen von Freundschaftsbetheuerungen aller 
Art, aber ihre Agenten und Geschäftsträger wurden 
nicht müde, den betreffenden Chefs allerlei Ungün- 
stiges und Gehässiges von dem gegenseitigen Ver- 
halten der leitenden Staatsminister zu berichten. Es 
ist zweifellos, dass der gute Wille bei Otto v. Man- 
teufifel, mit Oesterreich wohlwollende Beziehungen 
zu unterhalten, schon aus dem Grunde ein viel re- 
gerer war, als bei dem Grafen Buol, weil man sich 
vor der Militärmacht Oesterreichs scheute. Bezeich- 
nend ist in dieser Beziehung ein Schreiben Manteuffel's 
an Buol vom 18. December 1855, worin Ersterer dem 
Letzteren mit voller Ofienheit seinen sehnlichen Wunsch 
vorträgt, mit Oesterreich Hand in Hand zu gehen. Es 
heisst dort u. A. : ,,Es bedarf nur massiger Einsicht, 
darüber klar zu werden, dass in dem Verhältnisse 



58 



von Preussen zu Oesterreich die Entscheidung der 
Frage liegt, ob beide Staaten geeinigt, unwiderstehlich 
stark oder durch ihren Antagonismus beide paralysirt 
sein sollen. Geleitet von dieser Auffassung, ist es 
namentlich während der letzten noch jetzt auf Europa 
lastenden Krise fortwährend unser Bestreben gewesen, 
an Oesterreich sowohl einen Stützpunkt zu finden, als: 
auch unsererseits ihm einen solchen zu gewähren. 
Dies ist nicht immer gelungen. Wir glauben, dass 
die Schuld dieses Misslingens nicht auf unserer Seite 
gelegen, sind aber weit davon entfernt, unsere An- 
sicht für eine unfehlbare halten oder hierüber eine 
retrospektive, unfruchtbare Diskussion provociren zu 
wollen. Immerhin werden Ew. Excellenz darin mit 
mir einverstanden sein, dass das Zusammenhalten 
beider Staaten nicht von dem Willen eines derselben 
abhängig ist, sondern dass von beiden Seiten man 
sich entgegenkommen muss. Welches ist nun die 
gegenwärtige Situation? Wir wissen, dass man von 
Wien aus geflissentlich unserer Betheiligung an den 
Wiener Konferenzen widerstrebt hat, unsere dahin 
gerichteten vertraulichen Mittheilungen hat man den 
westlichen Kabineten als ein Aufdrängen zu einer 
ihnen feindlichen Mediation denuncirt, und in diesem 
Augenblick wird in Wien verhandelt, jedenfalls ohne 
uns. Es ist uns unbekannt, ob vielleicht gegen uns, 
denn auch den vertraulichsten Anfragen unseres Ge- 
sandten ist das unbedingteste Stillschweigen entge- 
gengesetzt worden. Ew. Excellenz wollen sich geneig- 
test selbst die Frage beantworten, ob es unter diesen 
Umständen und bevor wir auf dem politischen Gebiete 
klar sehen, auch nur in der Möglichkeit liegt, dass 
wir mit Enttäuschung unserer eigenen bereiten Mittel 
an einer Stelle hilfreiche Hand leisten, der wir unser 
volles Vertrauen zuwenden, deren Tendenzen uns 
aber nicht nur unbekannt gehalten werden . . . Ich 
weiss sehr wohl, dass Ew. Excellenz unsere Verhält- 
nisse mit klarem Blicke überschauen und zu wür- 
digen wissen. Sie kennen Se. Majestät unseren König 
und wissen, wie hoch er Sie schätzt, wie er über 
Oesterreich und sein VerhäKniss zu Preussen auf- 
richtig und ohne Falsch gesinnt ist, dass ihm selbst 



59 



Opfer zu bringen — die ja niciit einmal verlnngt 
werden — nicht schwer fallen würde. Ew. Exzel- 
lenz brauche ich also die Bereitwilligkeit thatsäch- 
licher Beweise von dieser Gesinnung nicht erst zu 
versichern. 

Intim war auch, wenigstens officiell, der brief- 
liche und persönliche Verkehr der Monarchen der 
beiden um die Hegemonie in Deutschland rivalisi- 
renden Reiche; Friedrich Wilhelm IV. und Franz 
Josef I. korrespondirten fleissig mit einander. Am 
18. December 1855 überbrachte der österreichische 
Gesandte Graf Esterhäzy ein Schreiben des Kaisers 
von Oesterreich an den König von Preussen, worin 
in sehr herzlichen Worten die an Russland zu stel- 
lende Friedensbasis im Orientkriege mitgetheilt war. 
Das Antwortschreiben des preussischen Monarchen 
ist gleichfalls in überaus herzlicher und verehrungs- 
voller Form gehalten, welche am besten beweist, wie 
sehr der Verfasser des Briefes bestrebt war, sich die 
Freundschaft und die Gunst des mächtigen Beherr- 
schers des Habsburger Kaiserstaates zu erhalten. Als 
Stichprobe seien daraus nur die nachstehenden Stellen 
mitgetheilt: Als ich nach längerer Zeit wieder Ew. 
Majestät theuere Schriftzüge erblickte und den schö- 
nen Ausdruck alten Vertrauens darin niedergelegt 
fand, waren es zunächst die Gefühle inniger Freude 
und aufrichtiger Dankbarkeit, welche mich erfüllten, 
und diesen Ausdruck zu geben, ist mir vor iVllem 
Bedürfniss. Nicht minder aber fühle ich mich ge- 
drängt, Ew. Majestät meinen Dank durch die That 
zu bewähren und das Vertrauen zu rechtfertigen, von 
welchem mir ein neuer wichtiger Beweis vorliegt . . . 
Ew. Majestät sprechen am Schlüsse Ihres Schreibens 
den Wunsch aus, Preussen wiederum bei dem Frie- 
denswerk betheiligt und seinen ihm gebührenden 
Einfluss bei diesen wichtigen Verhandlungen wieder- 
hergestellt zu sehen. Ich danke Ew. Majestät für 
diesen Wunsch. Ich glaube mich meinen deutschen 
und meinen europäischen Pflichten niemals entzogen 
zu haben und gedenke dies auch ferner nicht zu 
thun. Von den Verhandlungen der Wiener Konferenz 
habe ich mich nicht zurückgezogen, sondern man 



60 



hat mich sogar ausgeschlossen. Ich rechte darüber 
mit Niemandem. Die von mir in Folge dessen einge- 
nommene Stellung hat mir bisher keine Nachtheile 
gebracht, vielmehr den Beifall meines Landes und 
des grössten Theiles von Deutschland erworben. Ge- 
schmerzt hat mich dabei nur, dass ich mich momentan 
von Ew. Majestät Regierung getrennt sah. Ich werde 
die Stunde segnen, wo hierin eine Aenderung ein- 
tritt, und es wird mir zur freudigen Genugthuung ge- 
reichen, von Ew. Majestät Seite auf Ihren Ruf meinen 
Platz im europäischen Goncert einzunehmen .... 
Finde ich auf diesem Pfade Ew. Majestät, so werde 
ich nicht nur mit grosser Freudigkeit, sondern auch 
mit grösserer Kraft darauf fortschreiten; denn Preus- 
sen, Oesterreich und Deutschland im engen Vereine 
sind eine Macht ohnegleichen. Ich bitte Gott, dass er 
in Gnaden ein solches Zusammenhalten gebe!" 

Als einer der eifrigsten Freunde Preussens be- 
währte sich in seinen zahlreichen vertraulichen Zu- 
schriften an Otto V. Manteuffel der österreichische 
Finanzminister Freiherr v. Brück, welcher bekanntlich 
durch Selbstmord geendet hat. Immer wieder betont 
er es, dass es seine grösste Freude wäre, wenn das 
Verhältniss zwischen den beiden Grossmächten ein 
recht klares und ein recht gutes werden möchte. Er 
sandte mehrere Vertraute nach Berlin, so z. B. den 
österreichischen Ministerialrath v. Brentano, um an- 
lässlich wichtiger Fragen, wie z. B. der Munzkon- 
ferenz, sich der Zustimmung und der Unterstützung 
Preussens zu versichern. Er schreibt einmal unter 
dem 18. November 1855, anscheinend mit dem Brustton 
aufrichtiger Ueberzeugung : „Mir gereicht es immer 
zur grössten Freude, wenn ich zu einem recht innigen 
Verständniss der beiderseitigen Regierungen beitragen 
kann. Dann gehl: Alles, und die Stellung wird nach 
allen Seiten hin eine gebietende." Grosses Vertrauen 
brachte Freiherr v. Brück dem nach Wien gesandten 
Agenten Preussens, einem gewissen Lewinstein, ent- 
gegen, der zwischen dem Königl, preussischen Kredit- 
institut und der Wiener Nationalbank ein Geldgeschäft 
abschliessen wollte. „Ich nehme mit Vergnügen die 
Bedingungen an," schreibt er an Herrn v. Manteuffel, 



61 



„welche derselbe mir kundgab, und sobald es Ew. Excel- 
lenz gefällig sein wird, mir ein Zeichen zu geben, werde 
ich unverzüglich einen Beamten der Bank mit den 
nöthigen Vollmachten absenden lassen, um den förm- 
lichen Abschluss des Geschäftes dort vornehmen zu 
können." Auch dem anderen Antrage Lewinstein's, 
die österreichischen Banknoten im Grenzverkehr zum 
Paricourse bei Steuerzahlungen bis zu einem gewissen 
Betrage annehmem zu wollen, kam Brück sehr sym- 
pathisch entgegen ; er erkannte in dieser Offerte der 
preussischen Regierung ein sehr werthvolles Zuge- 
ständniss, das, im rechten Augenblicke angewendet, 
von heilsamem Einfluss zur Herstellung der Geldcir- 
kulation sein müsste. „Beide Anträge," so schliesst 
Freiherr v. Brück seinen Brief, „zeugen von der 
richtigen Erkenntniss der gegenseitigen Stellung und 
Beziehungen. Freud' und Leid gehen in beiden Staaten 
miteinander und was der eine dem anderen thut, 
das thut er sich auch selber an. Dieser Ausspruch 
mindert in keiner Weise den Werth, den ich auf die 
erfreuliche Erscheinung lege, die in beiden Anträgen 
so bedeutungsvoll zu Tage tritt." Als einer der ver- 
bissensten und konsequentesten Gegner Oesterreichs 
zeigte sich dagegen der überaus einflussreiche Gene- 
raladjutant Friedrich Wilhelms IV., der General v. 
Gerlach, Chef der Kamarilla, der nicht müde wurde, 
sowohl in seinen Briefen an den preussischen Mini- 
ster-Präsidenten, wie an andere Staatsmänner, und 
in seinen zahlreichen Promemorias die Absichten der 
österreichischen Politik zu verdächtigen und den Habs- 
burgischen Kaiserstaat als den europäischen Friedens- 
störer hinzustellen. 

Aus Anlass des Krimkrieges schrieb z. B. Ger- 
lach dem Minister v. Manteuffel bei der Rücksendung 
der ihm anvertrauten österreichischen Depeschen : 
„Preussen muss sich m. E. sehr in Acht nehmen, 
nicht zu weit mit Oesterreich zu gehen, um nicht 
möglicherweise mit diesem die Unannehmlichkeit zu 
erleben, vom Frankreich in der Billigkeit und Nach- 
giebigkeit übertroffen zu werden." Und in einem 
Briefe vom 30. März 1856 schimpft er auf Oesterreich 
wie ein Fischweib: „Die österreichische Hinterlist 



62 



und Gemeinheit," sagt er unter Anderem, „ist sehr 
traurig. Ich kann mir nur gar nicht denken, dtss 
diese Freundschaft mit England und Frankreich lange 
hält, da die Kollisionen schon vorhanden sind, mit 
Sardinien und Italien überhaupt, und es auf der 
Hand liegt, dass auf allen verwundbaren Stellen 
Oesterreich von Frankreich mehr zu fürchten hat, 
als von Russland. Halten Ew. Excellenz nur das Geld 
fest, was für uns zur Kriegsbereitschaft wichtiger ist, 
als selbst Festungen." An demselben Strange zog 
auch der Kabinetsrath Friedrich Wilhelms IV., Nie- 
buhr, welcher seiner Wuth darüber Ausdruck gibt, 
dass anlässlich der Neuenburger Angelegenheit der 
schon genannte Edwin v. Manteuffel als Specialge- 
sandter nach Wien delegirt wurde. In- einem Briefe 
vom 20. December 1856 schüttet er seine Galle mit 
folgenden Worten aus : „In einem Moment, wo wir 
130.000 Mann auf die Beine stellen, scheint es mir 
geradezu unwürdig, irgendwo um Hilfe zu bitten. Es 
scheint mir kompromittirend, irgend Jemanden in den 
Kampf zu ziehen und dadurch die Entscheidung über 
das Ende aus der Hand zu geben. Oesterreich gegen- 
über ist es aber unwürdiger und kompromittirender 
als irgend einer anderen Macht gegenüber. 1. Unwür- 
diger: Oesterreich harrt sehnsüchtig auf den Moment, 
in dem wir der Welt zeigen, dass wir wirklich nur 
eine sekundäre Macht sind. Oesterreich hat sich un- 
schöner gegen uns benommen als irgend eine andere 
Macht, denn Englands Roheit kommt wahrlich gegen 
die österreichischen Praktiken nicht in Betracht. Oester- 
reich gegenüber erscheinen wir als Bettler in allen 
Fällen, in denen wir Anderen gegenüber als Bittende 
erscheinen würden. Andere würden die Bitte rein 
abschlagen. Von Oesterreich haben wir zu erwarten, 
dass die Erfüllung an demüthigende Bedingungen ge- 
knüpft wird. — 2. Kompromittirender: a) Wir können 
nicht voraussehen, welche katholischen und italieni- 
schen Gesichtspunkte Oesterreich in die Schweizer 
Frage hineintragen wird — Klöster, Tessin u. s. w. 
b) Wir haben zu gewärtigen, dass Oesterreich, wenn wir 
es hineinziehen, der Frage eine Wendung geben wird, 
die uns entweder nöthigt, uns plötzlich von ihm 



63 



wieder zu trennen, oder in einer Richtung mitzugehen, 
die absolut gegen unser Interesse geht. Frankreich 
würde allerdings eine noch gefährlichere Tendenz, 
•die Mediation, hineintragen. Die ist aber so „klobig", 
dass unser Verhalten dem gegenüber nettement vor- 
gezeichnet wäre." 

Sehr boshaft äussert sich über die österreichi- 
sche Politik der Graf Brassier de St.-Simon, der 
preussische Gesandte in Turin, in seinen vielen, sa- 
tirisch gefärbten Berichten an Manteuffel. 

Unter dem 16. August 1857 schreibt er unter 
Anderem: „Wenn man in Wien noch nicht Lust hat, 
auf einen Ausgleich mit Piemont einzugehen, so dürfte 
ein Grund davon sein, dass Graf Buol seine selbst- 
gebackenen Pasteten sehr langsam verdaut. Der Haupt- 
grund scheint mir aber in der Hoffnung zu liegen, 
die man wohl in Wien noch nährt, die Oppositio- 
nellen möchten bei Gelegenheit der bevorstehenden 
Wahlen in Piemont siegen und dem verhassten Mi- 
nisterium Cavour den Hals brechen, worauf man 
dann mit dem nachfolgenden ohne Opfer der Eigen- 
liebe sich leicht arrangiren würde. Ich vermuthe, dass 
man die Sache solange hinziehen wird, bis die Frage 
entschieden ist. Wird sie, wie ich glaube, nicht den 
Wünschen Oesterreichs gemäss gelöst, dann wird 
man doch zuletzt in den sauren Apfel beissen müs- 
sen." Derselbe Brassier de St.-Simon berichtet unter 
dem 10. October 1857 eine Aeusserung des Grafen 
€avour dahingehend: „Die Oesterreicher wollen ab- 
solut eine imposante Marine haben, aber sie ver- 
gessen, dass die Mehrzahl ihrer Matrosen Italiener 
sind, und dass diese keinen Krieg gegen ihre Lands- 
leute führen werden." Und er fügt hinzu: „Cavour 
ist kein Revolutionär, aber dass er mit Händen und 
Füssen zugreifen würde, wenn Frankreich ihm sagte: 
^Komm und lass uns die Oesterreicher aus Italien 
jagen," ja, dass er einen Theil von Savoyen opfern 
würde, um die Herzogthümer oder einen Theil der 
Lombardei in Folge eines glücklichen Krieges zu er- 
werben, daran zweifle ich keinen Augenblick." Wie 
wenig der preussische Minister-Präsident Oesterreich 
traute, erkennt man aus seinem in jener Zeit an den 



64 



preussischen Geschäftsträger in Wien, den Grafen 
Flemming gerichteten Briefe, worin die folgende Stelle 
vorkommt: „Das, was ich habe vermeiden wollen, 
ist, dass es nicht den Anschein gewinne, als sänken 
wir gerührt in die Arme Oesterreichs und alles 
Geschehene sei begraben und vergessen. Diesen 
Gesichtspunkt mögen Ew. Hochgeboren, wenn die 
Gelegenheit sich dazu bietet, auch hervorheben, damit, 
die Sache doch für längere Zeit im Gedächtnisse bleibt 
und zur Vorsicht mahnt." Dass Bismarck sich so heftig^ 
gegen die Krönung Kaiser Franz Josefs I. zum böhmi- 
schen König aussprach, finden wir sehr begreiflich. 
Nach preussischem Muster jagt man legitime Könige 
aus ihrem Lande einfach hinaus, annektirt ihr Land, 
und macht daraus kurzweg — Provinz Hannover. 
Natürlich ist da jede Krönung des preussischen Königs 
zum König von Hannover überflüssig. Und das soll 
in Oesterreich auch so prakticirt werden? Als Cham- 
berlain Mitte November 1902 von England nach Süd- 
afrika abreiste, dem Schauplatz seiner Blutdurst,, 
schrieb „Daily News" über ihn folgendes: Das eng- 
lische Volk brachte dem Ghamberlain solche Ovationen 
dar, als wäre dieser Minister mehr denn der Köni^ 
selbst. Ghamberlain verstand es in der englischen Presse 
für sich Reklame zu machen und sparte dabei kein 
Geld. Jeder glaubt nun, Ghamberlain habe die grös- 
sten Verdienste um England. Indessen endete der 
Krieg mit vollständiger Verwüstung Süd-Afrikas, und 
Milliarden Volksvermögen sind vergeudet. Verübe 
einen Diebstahl von 20 Heller und du bekommst das 
Zuchthaus. Vernichte ein Volk, mache aus seinem 
Lande eine Wüste, und du wirst fast wie ein König.. 
Was „Daily News" über Ghamberlain schrieb, 
den die deutsche Presse einen englischen Bluthund 
nannte, dasselbe kann man mit noch grösserem Mass- 
stabe über Bismarck anwenden. Beide Männer sind 
einander sehr ähnlich. 

VI. Wie die grossdeutscii arbeitende Presse im deut- 
schen Reiche Oesterreich sanieren will. 

Gewisse für den preussischen König arbeitende 
reichsdeutsche Blätter geben der oesterreichischen Mo-^ 



65 



narchie eine Gnadenfrist und sind so gütig aus eigenem 
Antriebe salbungsvolle Recepte für die Rettung Oester- 
reichs kostenlos in ihren Spalten zu drucken. Ein 
derartiges aus dem berüchtigten Weifenfond fressendes 
für den preussischen König arbeitendes Blatt Hess 
nun über Oesterreich folgende Weisheit in seinen 
Spalten in die Welt hinaus. Wie kam es doch, dass 
die Mär von dem bevorstehenden Zerfalle Oester- 
reichs so viele Gläubige finden konnte? In einer Zeit, 
da sogar der „kranke Mann" am Bosporus wieder 
mit günstigeren Augen angesehen wird, sollte die 
christliche, ehrwürdige, sturmbewährte Monarchie der 
Habsburger dem Untergange geweiht sein? Wie 
konnten nur solche Gerüchte entstehen und umlaufen ? 
Der Grund liegt offenbar darin, dass seit längerer 
Zeit das Ausland aus Oesterreich-Ungarn fast nur 
von Zwist und Streit hört. Der beständige innere 
Krieg wird als eine unheilbare Krankheit aufgefasst. 
Wie der Kampf entstand, wie er geführt wird, worum 
er geht, das erweckt nur geringeres Interesse. Unsere 
rasch lebende Zeit hat keine Müsse übrig für ewigen 
Streit. Der Leser im Auslande überschlägt bereits 
die Balkanvölker, er ist daran, auch die Oester- 
reicher zu überschlagen. Einen verständlichen, grös- 
seren Zug fand er seit zwei Jahrzenten nur in Ungarn, 
er fand ihn nicht mehr im diesseitigen Oesterreich. 
Hier, in der älteren und kultivirteren Reichshälfte, 
erblickt er nur ein Chaos und sieht zumal die 
Deutschen, die Begründer Oesterreichs, die allent- 
halben als leidhche Staatsbürger bekannt sind, in 
heftigem Widerstände gegen die Staatsverwaltung. 
Darunter hat denn das Ansehen des Reiches schwer 
gelitten und als eine Folge sind dann jene Gerüchte 
aufgeflattert. Nun bildet aber Oesterreich-Ungarn einen 
Haupt- und Eckstein der europäischen Politik, und 
damit auch der Weltpolitik. Das Deutsche Reich, 
Italien, Russland, die Balkanstaaten sind durch 
Nachbarschaft, alle anderen Staaten durch den Verkehr 
und die Möglichkeit von Bündnissen an Oesterreich 
inleressirt. Die grosse orientalische Frage ruhte bisher 
unter russisch-österreichischem Siegel. Der grössere 
Theil der Westslaven steht durch Oesterreich mit 



66 



der abendländischen Kultur in Verbindung. Es wäre 
daher vergeblich, von Oesterreich-Ungarn nichts mehr 
wissen zu wollen. 

Nach dem Jahre 1866, wo Oesterreich durch 
Bismarck und Moltke aus dem Bündniss der deutschen 
Staaten blutig hinausgeworfen wurde, haben die po- 
litischen Schlaumeier Bismarck und Andrassy die 
Rollen gut vertheilt. In Oesterreich begann das Re- 
gime der Deutschliberalen, die reichlich mit Finanz- 
juden ausgestattet waren. Diese Periode dauerte 12 
Jahre. Als es nun zur Okkupation Bosniens kommen 
sollte, stellten sich die Deutschliberalen dieser Absicht 
entgegen und geriethen so in Konflikt mit der Krone. 
Das Blatt fährt dann fort. Es muss festgehalten 
werden : der Konflikt in Oesterreich war in seinem 
Ursprünge ein rein politischer, aber kein nationaler, 
letzteres ist er erst geworden, und zwar herbeigeführt 
unter bewusster Mitwirkung und unter Führung aller 
Feinde des Deutschthums. Es wurde das Losungswort 
ausgegeben „mit den Deutschen kann man nicht 
regieren". In dem Reiche Oesterreich-Ungarn dreht 
sich nämlich in der Politik (wie bei der Kaiserreise 
in Böhmen im Juni 1901 sich klar zeigte) der Streit 
der Völker um die Person des Monarchen als der 
weit überwiegenden Quelle der Macht. 

Am frühesten haben das die Magyaren begriffen 
und ihr Verhalten danach eingerichtet. Polen und 
Tschechen haben dann die Ungarn kopiert und alle 
drei in offenem oder stillem Bunde haben die Deut- 
schen aus einem grossen Theile jener Stellung ver- 
drängt, welche letztere einnahmen, solange Oesterreich 
bestanden hat. Der Konflikt der Krone mit der Ver- 
fassungspartei gab zuerst den Magyaren die Gelegen- 
heit, sich der Krone zu nähern. Obwohl zu Anfang 
heftigere Gegner der Besetzung Bosniens als die Ver- 
fassungspartei, stellten die Magyaren doch den Wider- 
stand allmählich ein. Sie besassen in Andrassy als 
Minister des Auswärtigen den besten Vermittler, und 
Andrassy, der seine leitenden Standesgenossen in die 
oben erwähnten Geheimnisse der Lage einweihte, 
wird ihnen wohl auch eröffnet haben, welche reichen 
Früchte ihnen bei gutem Verhalten blühen könnten 



67 



So ward die Zustimmung der ungarischen Parla- 
mentarier gewonnen. Von jener Zeit abrückten die 
Magyaren in die ihnen anfangs ganz ungewohnte 
Stellung des erstgeborenen Sohnes der Habsburger 
Monarchie ein. 

Es liegt in der Natur der Dinge, dass Völker 
mit aristokratischem Gefüge für derartige Aktionen 
mehr Verständniss und Eignung besitzen als ein 
Stamm mit entwickeltem Bürgerthum, Bauern thum, 
Arbeiterthum und vielseitig entfaltetem Zeitungswesen, 
wo nur allzu oft eine Partei hinter der anderen und 
ein Pressorgan hinter dem anderen treibt und daher- 
jagt. In der That waren es die Polen, die — im 
diesseitigen Oesterreich als die ersten, die sich 
öffnende, glänzende Konjunktur erkannten. Langsam 
folgten die Tschechen nach. Damit aber trat ein 
ganz neues Element auf die Bühne. Während näm- 
lich Magyaren und Polen durch Geschichte und 
geographische Lage eine gewisse getrennte und zu 
trennende Einheit besitzen, ist dies bei den Tschechen 
anders. Diese haben sich, wie ihre alten Lieder 
sagen, „über drei Ströme heranziehend", im mittel- 
sten Mitteleuropa niedergelassen, und der Gang der 
Geschichte hat Deutsche und Tschechen in grossen 
Theilen Böhmens, besonders aber in Mähren und 
Schlesien, in seltsamer Weise durcheinander gewür- 
felt, wobei die Deutschen, als Angehörige eines 
älteren Kulturvolkes, vorwiegend die besitzenden und 
leitenden Klassen bilden. In Böhmen leben — nach 
Professor H. Wieser — 37*2 Procent Deutsche und 
62'8 Procent Tschechen; dagegen bezahlen von der 
Einkommensteuer die Tschechen nur 42*4 Proc, die 
Deutschen dagegen 57*6 Procent. In Mähren und 
Schlesien liegen die Verhältnisse noch mehr zu Gun- 
sten der Deutschen. Man kann sich daher denken, 
welche unleidlichen Verhältnisse entstanden, als Graf 
Taaffe die Tschechen aufrief. Es war eine Art Revo- 
lution, und seit dieser Zeit war der Kampf bis zum 
Ende für die Deutschen eine Nothwendigkeit. Die 
Vorherrschaft der Magyaren in der östlichen Reichs- 
hälfte beruht auf der Verfassung. Auch mit den 
Polen wird eine Auseinandersetzung bei gegenseitigem 



68 



guten Willen stets möglich sein. Mit den Tschechen 
aber, wie sie seit Taaffe geworden sind, ist eine 
Verständigung ausserordentlich schwer und hier liegt 
offenbar das grosse Hinderniss für den inneren 
Frieden, dessen die Monarchie auf das dringendste 
bedarf. Nun geht das reichsdeutsche Blatt zur Schil- 
derung des czechoslavischen Volkes über. Die Ten- 
denz dieses Artikels geht dahin, das czechoslavische 
Volk auf die Stufe der Hotentoten herabzudrücken 
und der Welt zu zeigen, dass es germanisirt wer- 
den muss. 

Das Blatt schreibt: Die moderne Zeit werthet 
Nationalität und Sprache wesentlich nach dem Mass- 
stabe des durch sie vermittelten Kulturgehaltes. Nun 
sind die Tschechen eine seit unbekannter Vorzeit 
mit Deutschen gemischte Bevölkerungsgruppe, die 
zufällig noch eine slavische Mundart spricht, wie 
die aus ähnlicher Mischung entstandenen östlichen 
Preussen deutsch reden. Seit Karl dem Grossen sind 
die Tschechen bald freundlich, bald feindlich mit 
dem Deutschen Reiche verknüpft. Sie standen in 
dessen Abhängigkeit. Ihr vielbesprochenes Staatsrecht 
ist ein Theil und Glied des Staatsrechts des alten 
Deutschen Reiches. Ein selbständiges tschechisches 
Staatsrecht hat es in geschichtlicher Zeit nie gegeben. 
Durch die Verbindung mit dem Reiche der Deutschen 
wurden sie in den abendländischen Kulturkreis ge- 
zogen. Unter kräftigen deutschen Kaisern haben sie 
(wie in der Lechfeldschlacht) sich als waffentüchlig 
und (wie unter Kaiser Karl IV.) als arbeitstüchtig 
bewährt. Schlugen sie jedoch eine deutschfeindliche 
Richtung ein, so war regelmässig Blut und Sturz 
das Ende. Was haben denn die Hussitenkriege den 
Tschechen Gutes gebracht ausser einer rühmlichen 
Erwähnung bei unpraktischen deutschen Dichtern? 
Bezeichnend ist auch, dass der unselige Dreissig- 
jährige Krieg 1618 bis 1648) in Böhmen begann und 
in Böhmen der letzte Schuss in diesem heillosen 
Trauerspiele abgegeben wurde. So hnben die Tschechen 
zur Zerrüttung des alten Kaiserreiches mehr beige- 
tragen, als allgemein angenommen wird. Das in 
Europas Mitte gelegene, bergumschlossene, von der 



69 



Natur reich ausgestattete Böhmen glich stets einer 
starken Festung, aber einer Festung mit zweierlei 
Besatzung. Hätten sich die Tschechen, wie Karl IV. 
wollte, mit den Deutschen einig gehalten, so wäre 
der Gang der Geschichte ein anderer und Böhmen 
könnte heute an Mitteleuropas Spitze stehen. Eine 
glänzende Entwicklung ward durch Leidenschaftlich- 
keit in den Wind geschlagen ! Und ist es denn, im 
Grunde genommen, heute anders? Zwar die grossen 
Tage Karls IV. und mit ihnen die Aussichten auf 
eine Weltstellung Böhmens sind dahin. Verlorene 
Gelegenheiten kehren niemals wieder. Böhmen, Oester- 
reich, Mitteleuropa erscheinen jetzt klein gegenüber 
gewaltigen Weltmächten. Aber soll denn auch ein 
bescheideneres Glück in der Heimat, soll denn auch 
der goldene Frieden im Reiche für immer geopfert 
werden? 

Die Tschechen haben sich im Herzen der mittel- 
europäischen Lande niedergesetzt, mitten unter deut- 
schem Volksthum. Vor ihnen lag nun die Wahl, 
entweder sich mit den deutschen Stämmen zu ver- 
einigen, oder aber, wie sie selbst sagen, als „Pfahl 
im deutschen Fleische" in beständige bewusste Feind- 
schaft zu ihren Nachbarn zu treten. Wiederholt 
schienen sie in der neueren Zeit zu ersterem ent- 
schlossen. Aber Palacky und Rieger gaben die be- 
zeichnende Losung aus: „Ergeben wir uns nicht!" 
Und so ward denn der Krieg beschlossen, eine Wahl, 
durch die sich das Tschechenthum zu ewiger Tan- 
talusarbeit verurtheilte. Nicht als ob seine Leistungen 
geringe gewesen ! Der kleine Stamm ohne Adel, an- 
fänglich auch ohne Industrio und ohne Reichthum, 
hat wacker gestrebt und geschafft, aber leider sind 
alle seine Bemühungen zur Unfruchtbarkeit verurtheilt, 
weil sie gegen die Geographie, Geschichte und Kultur, 
gegen die Lagerung der europäischen Völker, kurz, 
gegen die Natur der Dinge gerichtet sind. Wirkliche, 
dauernde, innere Kraft erlangt ein Stamm in der 
Gegenwart nur durch originale Kulturarbeit. Welches 
originale Gut haben nun die Tschechen dem abend- 
ländischen Kulturkreise zugebracht? Die Antwort 
wird negativ ausfallen. Das ist nicht ihre Schuld, 



fO 



wohl aber ihr Verhängniss. Ein kleiner Stamm kann 
im Völkerringen des 20. Jahrhunderts keine eigene 
Kultur entwickeln, und so ist denn auch die tsche- 
chische Kultur im wesentlichen deutsche Kultur, die 
ihnen durch deutsche Vermittlung, im deutschen Ge- 
wände und mit deutsch verarbeitetem Inhalte zuge- 
kommen ist. Sieht man von der Sprache ab, so sind 
die Tschechen weit mehr deutsch als slavisch. Russen 
und Polen bezeichnen sie denn auch als die „Deut- 
schen unter den Slaven". Deutsch sind ihre Vorzüge: 
der Fleiss, die Liebe zur Arbeit, die Ausdauer, der 
Familiensinn. Deutsch sind ihre Fehler: die Theorie 
und Pedanterie, die Verbissenheit, der Mangel grös- 
seren Ueberblicks und die Unfähigkeit zur Trennung 
des Wesentlichen vom Unwesentlichen. Weil sie das 
Deutschthum schon mitten in ihrem Leibe fühlen, 
wehren sie sich so erbittert dagegen. Im Grunde ist 
es ein Kämpf gegen sich selbst, gegen ihr eigenes 
Fleisch und Blut, gegen Friede, Gedeihen, Zukunft. 
Sie wollen nicht deutsch werden, da sie schon deutsch 
sind, nur getrennt vom Deutschthum durch die 
Sprache. Die Sprache, der einzige Ueberrest ihrer 
Nationalität, ist daher das „Um und Auf" der Führer 
geworden, welche den Frieden nicht brauchen können. 
Auf einen Verfassungsparagraphen (§ 19) ge- 
stützt, welcher zu Recht besteht, aber im wirklichen 
Leben Oesterreichs (in Standesverhältnissen, Steuer- 
verhältnissen etc.) hundertfach durchbrochen ist, 
verlangen die Tschechen die Gleichstellung ihrer vor 
einigen Jahrzehnten erst zur Brauchbarkeit zurecht- 
gestutzten Mundart mit einer grossen, weitverbreiteten 
Kultursprache. Nicht der tschechische Stamm ist 
minderwerthig, wohl aber die tschechische Sprache. 
Was bietet die tschechische Sprache, die noch dazu 
sehr schwierig ist, dem Erlernenden ? Eine übersetzte 
Literatur und ein Verständigungsmittel unter einigen 
Millionen Menschen, von welchen eine grosse Zahl, 
und jedenfalls Alle, mit denen eine Verständigung 
von Werth ist, um eigenen Fortkommens halber 
schon deutsch verstehen. Nicht einmal zu den an- 
deren slavischen Mundarten gewährt das Tschechische 
den Zugang; das Russische und die südslavischen 



Tl 



Mundarten müssen vom Tschechen erst erlernt wer- 
den, nur mit den Polen kann er sich allenfalls ver- 
ständigen. Wollen die Tschechen die russische Sprache 
erlernen, so kann dies im Hinblick auf Handel und 
Verkehr den Deutschen nur erwünscht sein, aber der 
Deutsche gewinnt das Russische nicht durch Erlernen 
des Tschechischen, während der Tscheche das Deutsche 
in unendlich höherem Grade braucht, als alle sla- 
vischen Mundarten zusammengenommen. Da der 
Tscheche seinen Wohnsitz mitten unter uns gewählt 
hat, so ist — ganz ohne Zuthun der Deutschen — 
seine Verkehrs- und Bildungssprache das Deutsche 
geworden. „Stumme Hunde wollt, ihr doch nicht 
sein,'' sagte einst Erzbischof Schwarzenberg zornig 
genug zu tschechischen Alumnen, welche ungern 
Deutsch lernten ! Dass die deutsche Sprache zugleich 
die Dienst- und Verkehrssprache in Oesterreich ist, 
kann ihren Werh für die Tschechen doch nur er- 
höhen. Alle diese Dinge liegen einfach; der auswär- 
tige Beobachter kann daher den ewigen Streit in 
Böhmen kaum verstehen. Die Lösung des Räthsels 
liegt jedoch darin, dass die Tschechen das ungarische 
Beispiel vor Augen haben, wenn auch freilich, wie 
bereits dargethan, Geschichte und Verfassung das 
Analogon vollständig ausschliessen ; sowie darin, 
dass die Sprachenagitation den tschechischen Führern 
nie geschadet hat, vielmehr das Postament ihrer 
Stellung und ihres Eraporkomtnens zu Einfluss, 
Wohlstand, Macht und Würden bildet. 

Dann geht das Blatt auf die Charakteristik der 
Deutschen über. Den Deutschen in Oesterreich ist 
es lange Zeit hindurch zu gut gegangen. Mit dem 
Scheine des erstgeborenen Sohnes in der Tasche, 
waren sie eingeschlummert. Sie glaubten, die Krone 
müsste die Sorge für die Deutschen übernehmen, 
und als dies infolge des Zerwürfnisses von 1878 
sich änderte, vermochten sie sich nur schwer und 
langsam in die neue Lage zu finden. Jetzt aber be- 
ginnen sie zu begreifen. Nur das Erworbene ist 
unser! Und zum Festhalten des Ererbten und zu 
neuem Erwerben bedarf es steter Thätigkeit, Kraft 
und Opfermuth. Hätte die Regierung nach Nieder- 



72 



zwingung der Deutschen rechtzeitig eingelenkt, so 
konnte die Sammlung noch im Zeichen des Staates 
und seiner Bedürfnisse erfolgen. Da das nicht ge- 
schah, erfolgt sie unter dem Zeichen der Nationalität. 
Magyaren und Tschechen haben dabei das Vorbild 
geliefert. So haben denn auch die Deutschen die 
lange festgehaltene Sorge um den Staat zurückgestellt 
und die nationale Fahne entfaltet. Daraus folgt die 
Zusammengehörigkeit aller Deutschen. 

Die deutschen Radikalen, die vielgehassten All- 
deutschen, sind noch lange keine Unabhängigkeits- 
partei! Gegen den Vorwurf, dass sie über die Grenze 
schielen, haben sie sich ernstlich verwahrt. Sie sind 
Kinder des Systems Taaffe, von diesem künstlich 
grossgezogen; sie werden gewaltig wachsen, wenn 
jemals dies System eine Wiederholung fände, und 
sie werden ihre Zündkraft einbüssen, wenn die 
Deutschen in Oesterreich wieder die ihnen gebührende 
Stellung erlangt haben werden. Aber die deutschen 
Radikalen sind nur der Vortrab der grossen, in 
Bildung begriffenen Armee der Deutschen in Oester- 
reich. Der nationale Geist ist in stetem Wachsen. 
Beweis dafür jenes Moment, das im neuzeitlichen 
Leben als Masstab und Machtmittel am schwersten 
in die Wagschale fällt: die Wahlen. 

Durch die Bedruckung der Deutschen hervorge- 
rufen, tritt zum erstenmale in Oesterreich im Jahre 
1885 eine Deutschnationale Partei auf den Plan. Ihre 
Zahl ist 23. Bei den Wahlen von 1891 gelingt es 
noch einmal, die Nationalen auf 19 zurückzudrängen^ 
wogegen an ihrer Seite auch schon zwei Deutsch- 
Radikale auftauchen. Aber schon im Jahre 1897 er- 
folgt ein Anwachsen der Nationalen auf 42 und der 
Radikalen auf 5, und in 1901, nach den Sprachen- 
verordnungen, schwellen die Deutsch-Nationalen auf 
öl und die Deutsch-Radikalen auf 21 an. Hier hat 
man klar das Vordringen des deutsch-nationalen Ge- 
dankens. Er hat nicht nur den blasseren Liberalen, 
sondern auch den Ghristlich-Socialen, und sogar — 
zum erstenmale auf deutschem nicht bloss, sondern 
auf mitteleuropäischem Boden — auch den Social- 
demokraten Mandate abgerungen. Hier sieht man 



73 



deutlich, was geschehen wird, wenn die Kämpfe gegen 
die Deutschen eine Fortsetzung finden sollten. Weder 
Ültramontanismus noch Socialismus werden dann ein 
wirksames Schutzmittel sein gegen den national-deut- 
schen Gedanken in jener schärferen Ausprägung, wie 
er bei Magyaren und Tschechen längst vorherrscht. 
Nachdem das Blatt die kämpfenden Parteien einan- 
der gegenüber gestellt hat, wobei Licht und Schatten 
nach Massgabe des reichsdeutschen Egoismus vertheilt 
wurde, geht es nun zum Beweise über, dass die Deut- 
schen Oesterreichs erstgeborene Söhne sind. Das Blatt 
schreibt : Das Hauptziel bleibt immer der innere Frie- 
den, dieser aber wird unter den gegenwärtigen Ver- 
hältnissen nicht zu schaffen sein, ohne eine gewisse 
Scheidung der disparaten Theile. Ein idealdenkender 
Patriot (Fischhof) hat schon vor Jahrzehnten (1868) 
diesen Weg gezieigt, welcher durch das falsch geprägte 
Schlagwort von der „Theilung Böhmens" nicht ver- 
rammelt werden darf. Zusammenschmieden des Un- 
vereinbaren könnte nur durch Aufbieten höchster 
Gewalt erfolgen, allein die Verbindung wäre rein 
mechanisch und die innere Feindschaft bliebe : Ab- 
grenzung jedoch uud gesonderte Organisation führen 
zum Frieden und kann eine allmähliche Vereinigung 
vorbereiten. Die letztere nur bringt das Entscheidende : 
den Schutz der Minderheit, welchem Stamme sie auch 
angehören. Das Kuriensystem hat daher in Oesterreich 
eine grosse Aufgabe zu erfüllen. Auf dem vulkanischen 
Boden Böhmens hat es sich, im Landesschulrath und 
Landeskulturrath, schon bewährt. Die vorausgesagten 
ungünstigen Folgen für den Staat sind nicht einge- 
treten. Die getrennte Konstituirung arbeitet einfach, 
wohlfeil und zweckentsprechend. Wo früher bestän- 
diger Kampf herrschte, da ist nun Friede, aus wel- 
chem alles Gute hervorspriesst. Wer dauernden Frieden 
will, muss für die Kurien eintreten. Auch die Kurien, 
das ist selbstverständlich, können der Mitwirkung der 
Behörden nicht entbehren. Es haben sich „Interes- 
senten des Unfriedens" herausgebildet, die durch 
mildes Zureden nicht überzeugt, durch Zugeständnisse 
nur immer gieriger gemacht werden. Hier hift nur 
die geschaffene Thatsache. Schon zu ihrer Schaffung 



74 



ist ein Eingreifen der Regierung nöthig ; nur sie ist 
befähigt und verpflichtet, den todten Punkt des Partei- 
kampfes zu überwinden. Dahin gehört ferner die Sorge 
für das regelmässige Arbeiten der Kurien unter dem 
Schutze des öffentlichen Friedens. Ist jedoch diese 
Voraussetzung erfüllt,* so liegt der ungeheure Vortheil 
darin, dass dann diese Mitwirkung der Regierung 
nicht mehr die Entscheidung für den einen oder 
anderen Theil in sich schliesst, sondern mehr formal 
ist und daher rein objektiv sein kann. So werden die 
Krone wie das Ministerium von einer allezeit schwer 
zu tragenden, in vielen Fällen geradezu furchtbaren 
Verantwortlichkeit befreit, und für die streitenden 
Theile wird das Dilemma aufhören, dass immer nur 
der im Kampf Unterlegene friedenswillig ist, der augen- 
blicklich Stärkere jedoch den Krieg fortsetzt, weil 
er den Gegner gänzlich und für immer zu beugen hofft. 
Wird nun schon durch das Guriensystem ein 
Schritt zum öffentlichen Frieden in Oesterreich ge- 
macht, so gilt es, eine Hauptquelle des Unheils zu 
verstopfen : die UnvoUständigkeit und Undeutlichkeit 
der Gesetze vom J. 1867, welche das Verhältniss der 
beiden Reichshälften regeln. Sie bieten nur Umrisse ; 
die Ausführung ist dann Verhandlungen vorbehalten, 
deren Ergebniss nur für zehn Jahre Geltung hat. Da- 
durch kommt in jedem zehnten Jahre über die Habs- 
burger-Monarchie eine Art Umwälzung widrigster Art. 
Die politisch besser geleitete östliche Reichshälfte 
WQsste sich bei den Verhandlungen bisher stets neue 
und grössere Vortheile zu sichern. Die in sich un- 
einige westliche Reichshälfte kam stark zu kurz und 
empfand es sehr bitter, sollte aber, wie es die Ver- 
fassung heischt, ihre Zustimmung zu den ungünstigen 
Verträgen abgeben. Das jeweilige österreichische Mi- 
nisterium hatte den Auftrag, die parlamentarische 
Genehmigung zu beschaffen. Mit Ueberredung und 
Ueberzeugung der Widerstrebenden ging das nicht. 
Die Gegnerschaft gegen die Verträge kam naturge- 
mäss überwiegend von den Deutschen, welche etwa 
drei Viertel aller Steuern der Monarchie aufbringen 
und sich überdies, trotz allem Geschehenen, als Hüter 
und Bewahrer der Rechte und des Vermögens der 



^6 



diesseitigen Reichshälfte fühlen. Die Deutschen waren 
also für einen ungünstigen Ausgleich nicht zu haben. 
Um nun dennoch der Form zu genügen — • der Sinn 
ist leider schon entflohen ! -- galt es für das Mini- 
sterium, eine Mehrheit, zumeist aus den slavischen 
Abgeordneten, zu schaffen, die Slaven aber wollen 
theuer bezahlt sein. Sie kümmern sich den Teufel 
um den Staat oder das Reich; Sorge und Ziel ist 
nur die künstliche Auffütterung ihrer kleinen Nati- 
onaUtäten. So ward seit Taafie der Stimmenkauf zu 
einer, alle zehn Jahre wiederkehrenden Hauptaufgabe 
der österreichischen Minister. Die vielgenannten Spra- 
chenverordnungen von 1897 zugunsten Einführung 
der tschechischen Mundart in den amtlichen Verkehr 
Böhmens sollten der Kaufpreis sein für Bewilligung 
des Ausgleichs durch die Stimmen der Tschechen. 
Gegen diesen Schacher richtete sich die Obstruktion 
der Deutschen. Sie war gleichsam eine friedliche, 
unblutige Revolution der Deutschen. Seitdem wurden 
die Sprachenverordnungen zurückgezogen. Aber damit 
waren die tschechischen Stimmen verloren und mit 
ihnen gerieth der Ausgleich mit Ungarn ins Schwanken. 
An dieser Stelle befinden wir uns noch heute. 
Man erkennt nun die wahre crux Austriae ! Man 
sieht auf der Bühne den politisch geschulten und 
zugleich drohenden Magyaren mit dem Scheine in 
der Hand ; den listigen Slaven, welcher zuerst, um 
die Verwirrung zu steigern, mit allen Anderen gegen 
den Ausgleich donnert, dann aber bei Nacht — der 
Tschechenführer Kaizl hat schon seinen Namen unter 
den schlechten Ausgleich gesetzt — in das ministe- 
rielle Kämmerlein schleicht und mit einem Bündel 
von Zugeständnissen triumphirend hervorkommt ; 
endlich den Deutschen, abstrakt und ungeschickt in 
der Politik, mit guten Absichten, aber fern vom Ziel» 
er hat, nach seiner Meinung, in den Zeitungen und 
im Wirthshaus immer „Recht", aber die Anderen 
haben seine Rechte und sein Geld . . . 

Wird es im Jahre 1901 wieder so werden ? Fast 
hat es den Anschein. Wie sehr sich auch die Stellung 
des Ministeriums Koerber befestigt haben mag, der 
Ausgleich mit Ungarn wird ihm nicht geschenkt sein. 



76 



Mit welcher Mehrheit? Die Tschechen thun umsonst 
dem Staate nichts zuliebe ; die beiden „liberalen 
Völker", von denen manche Wiener Blätter formel- 
massig reden, werden sich nicht versöhnen, in dieser 
Hinsicht sind Kaiserreise, tschechische Technik u. s. w. 
vergeblich aufgewendet. Es geht den Tschechen um 
höheren Preis, sie sehen schon den Schatten eines 
slavischen „Ungarn" heraufsteigen. Soll der Wagen 
des Reichs auf dieser Bahn weiterrollen ? Wir sagen: 
,er darf es nicht". Und daraus folgt, dass die Deut- 
schen den Ausgleich von 1901 machen und bewilligen 
müssen. Lässt sich an dem Abschlüsse der beiden 
Regierungen noch etwas bessern, so möge das mit 
allem Nachdruck versucht werden. Vielleicht sieht man 
in Ungarn im Hinblick auf die Weltverhältnisse doch 
ein, dass Vortheile, im kleinen erreicht, zuweilen recht 
theuer im grossen sein können. Wir hegen jedoch 
wenig Vertrauen in dieser Hinsicht. Aber die Erklä- 
rung werde von den Deutschen in Oesterreich feier- 
lich abgegeben, dass es der letzte Ausgleich sei, der 
auf solche Art abgeschlossen wird, und sofort möge 
an die Reform der Gesetze von 1867 geschritten wer- 
den. Ein solches Vorgehen ihrer Abgeordneten werden 
angesichts der leider bestehenden Verhältnisse die 
Wähler sehr wohl begreifen. Dem Tschechen, dem 
Gegner, den Wunsch erfüllen, galt noch nie für richtig, 
und ihm das Geschäft zu machen, ist doch keine 
Klugheit! Möge derjenige, der Besseres weiss, sich 
melden ! Für ein gutaiüthiges Vertrauen auf die Wir- 
kung schöner Reden und parlamentarischer Sensation 
sind Zeit und Verhältnisse zu ernst ! 

Von dem Augenblicke jedoch, wo unsere Abge- 
ordneten (wenn auch gegen ganz bestimmte Zusagen 
im Sinne der Verbesserung der Gesetze von 1867) 
abschliessen, wird alsbald die Stellung der Deutschen 
in Oesterreich eine geänderte sein. Die auf der Kaiser- 
reise in Böhmen wahrgenommenen leisen Spuren 
wiederkehrenden Vertrauens zwischen der Krone und 
dem deutschen Stamme in Oesterreich werden auf- 
keimen und sich befestigen. Dem Deutschen wird 
der Weg geöffnet sein, um wieder die Stellung des 
Erstgeborenen im diesseitigen Oesterreich zu erobern. 



iL 



In der Wiederherstellung dieses so natürlichen Ver- 
hältnisses würden wir, dem Vorausgeschickten ent- 
sprechend, den grössten Erfolg erblicken, den Schlüssel- 
punkt zu der schon fast verlorenen Stellung der Deut- 
schen in Oesterreich. Was Machiavelli sagt, dass Reiche 
nur durch die gleichen Mittel erhalten werden, durch 
die sie einst begründet wurden, gilt auch für Oester- 
reich. Die deutsche Führung ist dadurch ausgespro- 
chen. Jener Satz gilt aber nicht nur für das Reich, 
sondern auch für die Deutschen in Oesterreich. An 
der Seite und unter Leitung der Babenberger und 
Habsburger haben sie Oesterreich begründet. Damals 
wie heute braucht in diesen vielumstrittenen Landen 
der Ostmark die konstitutionelle Idee eine Ergänzung 
durch die altgermanische Idee der Gefolgschaft. 

Zum Schlüsse sagt das Blatt, wenn Oesterreich 
so geordnet wird, dass die Deutschen die Führung^ 
inne haben, dann ist die Angliederung der Ostmark 
an das Deutsche Reich nur eine Frage der Zeit. Man 
sieht also, wie manche reichsdeutsche Blätter für die 
hohenzollerische Politik mit Dampfdruck arbeiten. 

VIL Die Alldeutschen in Oesterreich. 

Wenn im Deutschen Reich unter dem Schutze des 
berliner Hofes die Bestrebungen nach einem Gross- 
Deutschland solche Ausdehnung gewonnen haben, 
wie wir sie hier erkannt, können wir uns darüber 
schliesslich nicht wundern. Eine Nation, welche das 
Glück hatte, Siege zu erringen, ergibt sich dann 
diesem Sieges-Rausche, und sind die Mittel dazu 
vorhanden, dann kann ja zugegriffen werden. Die 
Alldeutschen im Deutschen Reiche haben zu ihren 
Bestrebungen um so grösseren Muth, als sie ja von 
ihren Gesinnungsbrüdern in der „Ostmark", also in 
Oesterreich nach Kräften unterstützt werden. Ja man 
inuss gestehen, dass die Alldeutschen Oesterreichs 
die Gesinnungsgenossen des Deutschen Reiches auf 
diesem Gebiete zu übertreffen bestrebt sind. Man 
kann behaupten, dass die Alldeutschen Oesterreichs 
preussischer gesinnt sind als die genaniiten Unter- 
Ihanen des preussischen Königs selbst. Die All- 



78 



deutschen in Oesterreicli können wir in mehrere 
Gruppen vertheilen Man findet sie im Abgeordneten- 
hause, in den Staatsämtern, an den Universitäten, in 
den, Bierstuben, Redaktionen, Volksversammlungen, 
kurz, die alldeutsche Propaganda in Oesterreich hat 
ihre Organe in allen Schichten desjenigen Theiles 
der deutschen Bevölkerung, welche dem Herzen und 
Sinne nach dem preussischen Adler zugethan ist. 
Wir wollen nur einen Ueberblick machen, damit 
wir erkennen, bis wohin der alldeutsche Gedanke in 
Oesterreich vorgedrungen ist. Alldeutsche Anwand- 
lungen haben die Führer der alten deutsch-liberalen 
Partei öfters gehabt. Beim öOjähr. Jubiläum der 
deutschen Lese- und Redehalle der deutschen Stu- 
denten in Prag sprach Ende November 1898 Dr. 
Schücker unter anderem Folgendes: „Man sucht heute 
in Oesterreich an dem Ruhme des deutschen Volkes 
zu mäkeln, man sucht den Angehörigen des deutschen 
Volkes ihre erbberechtigte Stellung in diesem Reiche 
zu schmälern; man versucht es, unsere alterworbenen 
Rechte und den Anspruch, den wir uns dadurch 
erworben haben, dass wir dieses Reich gross und 
mächtig geschaffen haben, zu unterdrücken, aber die 
Zeit, die so schwer über uns gekommen ist, hat auch 
ganze Männer gefunden, die kein Opfer scheuen und 
bereit sind, unentwegt für die Rechte des Volkes zu 
kämpfen und jede Verkürzung der Volksrechte hintan- 
zuhalten. (Stürmische Heilrufe.) Man wagt es dem 
deutschen Volke seine Berechtigung zu schmälern, 
zu einer Zeit, die für einen solchen Anschlag am 
allerwenigsten geeignet ist wo das mächtige Deutsche 
Reich seine Kräfte entwickelt und über den ganzen 
Weltball ausstreckt. Wir sind stolz darauf, Söhne, 
Angehörige eines so grossen Volksstammes zu sein 
und wenn uns Eines in dem schweren Kampfe kräftigt 
und stählt, so ist es das Gefühl der Zusammen- 
gehörigkeit mit unseren deutschen Brüdern. (Stür- 
mische Heilrufe, lebhafter Beifall.) Ich freue mich, 
dass so viele Stammesgenossen aus dem Deutschen 
Reiche hieher gekommen sind und ich bitte Sie, 
wenn Sie in die Heimat zurückkommen, dort kund- 
zuthun, dass hier ein frischer, kräftiger Zweig des 



79 



deutschen Volksstammes lebt, der nicht Willens ist 
unterzugehen, sondern kraftvollen Widerstand jeder 
Schmälerung seines Volksthums entgegensetzt. Abg. 
Dr. Funke: Meine Herren, jedes Volk hat seine na- 
tionale Eigenart und seine nationalen Güter. Eigenart 
des deutschen Volkes ist es, einzutreten für sein 
Deutschthum. (Beifall.) Das treue deutsche Herz, das 
nimmt uns Niemand. (Stürmischer Applaus und Rufe: 
Niemand! Niemand!) Das hat uns Gott gegeben und 
wir Deutsche fürchten ja sonst Niemand als Gott! 
(Beifallssturm, Händelklatschen, nicht enden wollende 
Heil !-Rufe.) 

Und sind wir denn nicht Angehörige eines gros- 
sen mächtigen Volkes? Ich erinnere mich noch als 
Jüngling der Zeiten, wo es 36 Bundesstaaten gab, 
wo Deutschland der Spott und der Hohn der ganzen 
Welt war. Diese 36 Bundesstaaten waren es, die in 
unseren Herzen die grösste Erbitterung hervorgerufen 
haben. Und jetzt, wo das Deutsche Reich so gross, 
so mächtig, so ehrfurchtgebietend dasteht, jetzt sollten 
wir vergessen, dass wir Angehörige dieses grossen 
deutschen Volkes sind? (Brausender und minuten- 
langer stürmischer Beifall.) Wir sollten vergessen, 
dass wir Angehörige dieses mächtigen, grossen 
deutschen Volkes sind, mit dem uns eine und dieselbe 
Sprache, eine tausendjährige Geschichte und die 
deutsche Kultur verbindet? Eine und dieselbe Sprache, 
in welcher unsere grossen Dichter sprechen, unsere 
Philosophen die grössten Geisteswerke schufen, 
deutsche Professoren ihre Lehren von den Kanzeln 
der Universitäten verkünden und das lebendige Wort 
der Wissenschaft in die Herzen der akademischen 
Jugend einprägen. Ich bin ein Mann, welcher die 
altösterreichische Gesinnung jederzeit an den Tag 
gelegt hat. (Jawohl! Bravo!- und Heil!-Rufe), jene 
altösterreichische Gesinnung, welche aus Oesterreich 
immer einen grossen Einheitsstaat unter deutscher 
Führung machen wollte. Und, meine Herren, das 
geistige Band, welches die Deutschen auf der ganzen 
Welt verbindet, welches sie fühlen lässt, dass sie 
einer grossen, mächtigen Nation angehören, dem 
Volke der Dichter und Denker, wie der endische 



80 



Schriftsteller gesagt hat, dieses geistige Band, welches 
auch uns Deutschösterreicher mit den Deutschen der 
ganzen Welt verbindet, das nennen wir Alldeutsch- 
land. (Tosender Beifall, endlose Heil .'-Rufe, Tücher- 
schwenken.j Und diese geistige Verbindung, die auch 
unsere Herzen erfüllt, die kann uns Niemand rauben. 

Die wichtigsten Kämpfer für die alldeutsche Idee- 
sind natürlich im Parlamente. Die Gruppe der All- 
deutschen bildeten Anfangs die Abgeordneten Schö- 
nerer, Türk, Kittel, Iro und Wolf. In den letzten 
Wahlen ist die alldeutsche Gruppe bedeutend ge- 
wachsen. Es arbeiten für den preussischen Adler 
im oesterreichischen Abgeordnetenhause unter dem 
Schutze der Immunität unmittelbar vor den Mauern 
der kaiserlichen Hofburg folgende Abgeordneten: 

Georg Schönerer, Gutsbesitzer in Rosenau, Nie- 
deroesterreich, sein Rivale Karl Hermann Wolf, Her- 
ausgeber der „Ostdeutschen Rundschau" in Wien, 
Dr. Ant. Eisenkolb, Advokat in Karbitz, Johann Hofer, 
Eigenthümer der „Egerer Zeitung" in Eger, Franco 
Stein, Herausgeber der Zeitschrift „Hammer" in Eger, 
Dr. Josef Tschan, Advokat in Bilin, Dr. Beurle, Ad- 
vokat in Linz, Wilhelm Hauck, Schriftsteller in Wien, 
Iro Karl, ebenfalls Schriftsteller in Wien, Dr. Josef 
Pommer, k. k. Gymnasialprofessor in Wien, Dr. Ant. 
Schalk, Schriftsteller in Wien, Josef Kasper, Lehrer 
in Jungbuch bei Trautenau in Böhmen, Dr. Gust. 
Schreiner, Notar in Pilsen, ein besonders rühriger 
Agitator, Ant. Seidl, Grundbesitzer in Schlesien. 

Mit diesen alldeutschen Abgeordneten arbeiten 
an der grossdeutschen Idee sehr eifrig noch die völ- 
kischen Abgeordneten. Ihre Grundsätze hat besonders 
Karl Türk in seiner Schrift „Der Kampf um das 
Deutschthum in Böhmen, Mähren und Schlesien" nie- 
dergelegt. 

Auf Seite 50 seiner Schrift sagt der gewesene 
Abgeordnete Karl Türk folgendes: Schon ein flüch- 
tiger Blick auf die Karte von Europa belehrt uns, 
dass die heutigen politischen Grenzen des deutschen 
Reiches südöstlich an Tirol und der Schweiz begin- 
nend, an Frankreich, Belgien, Holland, der Nordsee, 
Dänemark, der Ostsee nordöstlich bis Russland sich 



81 



hinziehend und östlich an Russisch-Polen, Oester- 
reichisch-Schlesien, Böhmen, dem Oberösterreichi- 
schen und Salzburgischen zurückkehrend keine natür- 
lichen Volksgrenzen sein können. Das langgestreckte 
Deutschland windet sich gleichsam zwischen Oester- 
reich und seinem westlichen Nachbarn, sich schmal 
machend hindurch ; Westösterreich sitzt ihm auf dem 
Nacken und treibt sich mit Böhmen wie ein stumpfer 
Keil weit vor bis Mitten zum Herzen Deutschlands 
gegen Dresden und das Thüringer Waldgebirge. Das 
alte Reich von der Nord- und Ostsee breit und mas- 
sig in einem geraden tüchtigen Heereszuge durch 
ganz Mitteleuropa bis an die südlich des Alpenwalles 
liegende wälsche Grenz- und Sprachscheide ziehend 
und am adriatischen Meere fussend — das war die 
richtige deutsch-volkliche Grenze. Die heutige Grenze 
des Deutschen Reiches ist durch grosse politische 
und militärisch-kriegerische Ereignisse und dynasti- 
sche Interessen gezwungen zustande gekommen. Das 
Land Böhmen, welches wie eine Trutzburg gegen die 
Mitte Deutschlands hineinragt, ist freilich ein fast für 
sich abgeschlossenes Ganzes mit seinen hohen Berg- 
zügen an der bayerischen, sächsischen und preussi- 
schen Grenze, allein in diesen Bergzügen sind zahl- 
reiche Lücken und Pässe für den freien Verkehr mit 
Deutschland, und alle Flüsse Böhmens ergiessen sich 
in die Elbe, um mit derselben vereint Deutschland 
zu durchziehen, deutsche und böhmische Schiffe zu 
tragen und endlich an Hamburg vorbei in die deutsche 
Nordsee zu strömen, als ob dies ein Anzeichen sein 
sollte dafür, dass dieses Land mit seinen Bewohnern 
von der Natur aus schon bestimmt ist, beständig mit 
Deutschland in Berührung und Fühlung zu bleiben. 
Andererseits ist aber Böhmen infolge seiner Grenz- 
gebirgszüge ein Land von hoher strategischer Bedeu- 
tung für das benachbarte Deutsche Reich. Das haben 
die deutschen Könige und Kaiser seit jeher gar wohl 
verstanden und deshalb waren sie auch frühzeitig 
und unablässig darauf bedacht, Böhmen in ein Lehens- 
verhältniss zum Reiche zu bringen und dieses Verhält- 
niss niemals lockern zu lassen. 

Der „österreichische Patriot" Türk vergiesst hier 

6 



82 



förmlich Thränen, dass Böhmen dem Deutschen Reiche 
nicht einverleibt ist. Er konstatirt, dass der Hunger 
nach diesem Lande in Berlin schon sehr alten Da- 
tums sei. 

Zur „Beruhigung" Oesterreichs empfiehlt Herr 
Türk auf Seite 82 seiner Schrift folgende sehr „christ- 
liche" Mittel : Der nationale Boykott, der ja von den 
Tschechen längst geübt wird, ist ein, für die deutsch- 
völkischen Zwecke unentbehrliches Hilfsmittel. Die 
möglichste Ausschliessung tschechischer Arbeitskräfte 
und tschechischer Produkte ist bei dem gegenwärti- 
gen Stande der Dinge eine gerechte Sache, denn wir 
haben die Pflicht, zuerst gegen unsere eigenen Volks- 
und Stammesgenossen human zu sein. Tschechische 
Biere und Fabrikate sind von Deutschen nicht zu 
kaufen, tschechische Beamte, Bedienstete und Arbeiter 
von deutschen Besitzern und Meistern nicht zu be- 
schäftigen, tschechische Schulen von deutschen Kin- 
dern nicht zu besuchen, der tschechischen Sprache 
von Deutschen jede auch mittelbare Vorschubleistung 
zu versagen. Ebenso brauchen auch tschechische 
Priester von deutschen Gemeinden nicht anerkannt 
zu werden. Wenn die bisherige Lammesgeduld der 
Deutschen gegenüber dem national werberischen Trei- 
ben der ihnen aufgedrängten tschechischen Seelsorger 
ein Ende haben wird, und die deutschen Pfarrkinder 
entschieden darauf bestehen werden, nur einen deut- 
schen Seelsorger haben und anerkennen zu wollen, 
dann werden sich die Bischöfe schon dazu herbei- 
lassen, auch deutsche Priesterseminare zu errichten, 
und sich hüten, dem erwachten Volksbewusstsein 
der Deutschen allzukeck Trotz zu bieten ! 

In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 5. 
November 1898 Hess Schönerer folgende Aeusserungen 
hören. Wenn die Loyalitätskundgebungen aus vielen 
deutschen Kreisen im heurigen Jubeljahre ausgeblieben 
sind, so mag das vielen gewissen Mächten und Kräften 
beweisen, dass man an der Dankbarkeit des Hauses 
Oesterreich bereits stark zu zweifeln beginnt, auch in 
den weitesten Kreisen der Bevölkerung von Stadt und 
Land. Wenn man sagt, Ihr beginnt beinahe Oester- 
reich zu hassen, so habe ich immer geantwortet : Ich 



83 



bin für das ehrliche Hassen dort, wo man unserem 
Volke statt Liebe Hass entgegenbringt. Es ist auch 
ein Zeichen der Zeit, wenn im Egerlande die Worte 
des Bürgers von Eger aus Schiller's „Wallenstein" 
immer erwähnl: werden : „Wir waren nicht frei, doch 
seit 200 Jahren ist die Stadt der böhmischen Krone 
verpfändet, daher rührt es, dass wir nur noch den 
halben Adler führen. Der untere Theil ist kanzellirt, 
bis etwa das Reich uns einlöst." Langsam und bewusst 
können Sie diese Worte hören im Egerlande, in Land 
und Stadt, und das sind die Früchte der Thätigkeit 
der österreichischen patentiren Regierungen : Badeni, 
Gautsch, Thun. Abg. Türk : Das Volk sieht in Deutsch- 
land seine einzige und letzte Hoffnung. Abg. Schö- 
nerer: Wir können trauern darüber, dass man am 
Ende dieses Jahrhunderts schon von einem abster- 
benden Staate Oesterreich und von einem aufleben- 
den deutschen Volke in Oesterreich spricht. Präsident : 
Das ist unzulässig. Ich muss Sie nochmals zur Ordnung 
rufen. (Lärm bei den Schönerianern.) Abg. Schönerer : 
Die deutschen Bürger, die das sagen, sind sich be- 
wusst, dass sie nicht der Baum, aber der stärkste Ast 
des Baumes sind, und sie wissen sehr wohl, dass 
dieser Ast verdorren würde, wenn der Baum nicht 
mehr gepflegt wird. Daher muss der Baum von 
uns gepflegt und es muss der Ast von uns gehegt 
werden, wenn er nicht vom Baume abfallen und ver- 
dorren soll. Redner bemerkt, der deutsche Kaiser 
Wilhelm IL habe kürzlich seinen kaiserlichen Schutz 
jedem zugesichert, der darum ansuchte. Er habe aus- 
drücklich von den Deutschen ausserhalb des Reiches 
gesprochen. Wir sind zu stolz, trotz der elenden na- 
tionalen Lage, in der wir uns befinden, seine Hilfe 
zu erbitten. Aber sie wird und muss kommen. Wenn 
die Worte Wilhelms IL nicht nur Worte wären, son- 
dern bewusst gesprochen wären in der Richtung, dass 
man bereit sei, diesen Worten gegebenen Falls auch 
Thaten folgen zu lassen . . . 

Abg. Wolf ruft : Hurrah Alldeutschland ! Abg. 
Schönerer : Heute müssen die Deutschen in Oester- 
reich hoffen, dass das Bündniss mit dem Deutschen 
Reiche je eher je lieber gelöst werde, denn dann 

6* 



.84 



werden die Kräfte frei und dann werde der deutsche 
Kaiser die Worte durch Thaten erfüllen können. Das 
Deutsche Reich werde Bundesgenossen finden, die 
eben so mächtig sind, als es Oessterreich heute ist. 
In der Militärverwaltung des Deutschen Reiches, be- 
obachtet man haarscharf die Vorgänge bei den Mel- 
dungen der Reservisten. Im Deutschen Reiche kommt 
naturgemäss schliesslich der Gedanke zum Durch- 
bruch : Auf diese Armee ist kein Verlass mehr im 
Felde. Die Elemente der Armee sind so tapfer und 
tüchtig wie früher, aber im Kriege wird es nicht 
klappen, weil der babylonische Thurmbau in der Mi- 
litärverwaltung die Niederlage von vorneherein ver- 
bürgt. Mit einem solchen Bundesgenossen wird das 
Deutsche Reich im Interesse seiner eigenen Erhaltung, 
da es noch grosse Kriege auszufechten haben wird, 
das Bündniss nicht aufrecht erhalten wollen. Der 
deutsche Kaiser wird selbst eingreifen und die Dinge 
so drehen und wenden, dass sie sich gewiss zu Gun- 
sten des Deutschen Reiches und des deutschen Volkes 
entwickeln werden. Aus Anlass des Ablebens Bismarck's 
sprach Kaiser Wilhelm II. von dem unsterblichen Ge- 
danken der deutschen Einheit und Grösse. Warum 
sagte er nicht: des Deutschen Reiches? Die Hohen- 
zollern treiben deutschnationale Politik und werden 
sie auch in Zukunft treiben müssen, und wenn ihnen 
die Ministerien Badeni, Gautsch und Thun ihre Arbeit 
erleichtern, werden wir es nicht hindern. (Beifall bei 
den Schönererianern.) 

Redner erörtert sodann die Stellung der deutschen 
Sprache in Oesterreich. Die Sprachenverordnungen 
.bestehen fort als unverschämte Verletzung der beste- 
henden Gesetze. Sie bestehen fort als Signale zum 
erbitterten nationalen Kampfe, sie bestehen fort, trotz- 
dem durch sie Parlamentarismus und Konstitutiona- 
lismus in Frage gestellt sind, und das sei nur möglich 
dadurch, dass die Deutsch-Klerikalen ihr Volk verrathen 
und sich an die Seite der Slaven stellen. Immer lauter 
werde der Ruf : „Los von Rom !" Das müsse das Schlag- 
wort sein in dieser Stunde des nationalen Kampfes, 
wo die Deutschen in nationaler Beziehung ihrer Ver- 
zweiflung nahe sind. Wenn die deutschen Vertreter 



85 



irgendwie und irgendwann im Kampfe ermüden sollten, 
wie die Vertreter des Siebenbürger Landes thatsäch- 
lich ermüdet sind, dann werden die Sprachenverord- 
nungen bleiben; wenn die deutschen Vertreter aber 
voll und ganz, rücksichtslos m diesem Kampfe ihre 
nationale Pflicht erfüllen, dann wird und muss der 
Sieg unser sein trotz Falkenhayn, trotz der Deutsch- 
Klerikalen. Die schenken wir Ihnen dann, machen Sie 
sie zu Ehrenczechen. Wir wünschen keine neue Taktik, 
wir fürchten sie sogar : wir wünschen nur Eines, dass 
uns Deutschen in Oesterreich endlich voll und ganz 
unser nationales Recht werde. Wenn man uns fragt, 
was ist Euer, der Deutschen Vaterland, so sagen wir 
immer und sagen es auch heute, das Vaterland in 
unserem Sinne ist kein Staatengebilde, kein öster- 
reichischer Staat, sondern die deutsche Stammeserde 
ist unser heiliges Vaterland. (Heilrufe bei den Partei^ 
genossen.) Sie werden wir vertheidigen jederzeit, bei 
jeder Gelegenheit, und wenn es sein muss, mit Blut 
und Eisen. (Heilrufe.) 

Welche Ziele die Alldeutschen befolgen, hat ihr 
Führer Schönerer am Volkstag in Asch, der am 8. 
September 1901 abgehalten wurde, sehr deutlich ausge- 
sprochen. Der Berichterstatter eines reichsdeutschen 
Blattes schreibt über diese Versammlung folgendes. Am 
S. September fand eine Versammlung der Alldeutschen 
zu Asch statt, in der Schönerer den Kampf wider 
die anderen deutschen Fraktionen in rücksichtsloser 
Weise fortführte. Der deutschen Volkspartei warf er 
politische Gaukelei vor und er forderte sie perempto- 
risch auf, binnen acht Tagen eine Erklärung abzuge- 
ben, ob sie wirklich für die deutsche Staatssprache 
eintrete. Die Alldeutschen wollen die deutsche Volks- 
partei bei den Wahlen in den böhmischen Landtag 
aus ihren Sitzen verdrängen, und deshalb die harten 
Vorwürfe. Man schont sich gegenseitig nicht, wie der 
an dieser Stelle bereits veröffentlichte Brief des Ob- 
mannes der deutschen Volkspartei, des Abgeordneten 
Kaiser, gegen Schönerer beweist. Leider bieten diä 
Deutschen Oesterreichs stets dasselbe Schauspiel. Sie 
wehren sich gegen den gemeinsamen Feind nicht übel, 
aber in den Zwischenpausen dieser Kämpfe hauen und 



85 



stechen sie aufeinander los, als ob jeder Einzelne ein 
Abtrünniger an der gemeinsamen Sache wäre. Uebri- 
gens ist das Auftreten der Alldeutschen noch durch 
einen anderen, weitaus wichtigeien Umstand bemer- 
kenswerth. Sie gehen, nachdem die Deutschen Oester- 
reichs seit etwa 30 Jahren unaufhörlich in der Defen- 
sive gekämpft haben, zum Angriif gegen die Slaven 
vor, verwerfen alle bloss auf die Vertheidigung ge- 
richteten Massregeln" wie die der Zweitheilung Böhmens 
und fordern die Herrschaft der Deutschen Oester- 
reichs, selb&t die Germanisirung der übrigen Stämme. 
Das ist symptomatisch für den Wandel der Zeiten. 
Man kann ihren Optimismus nicht theilen und es wird 
sich zeigen, dass sie ihre Kraft weitaus überschätzen. 
Zu den schlimmen Folgen des Fraktionswesens 
gehört es in Oesterreich wie anderwärts, dass die 
neuen Parteien kühn über all die Gedankenarbeit hin- 
wegzuschreiten wagen, die das Erbe der früheren 
Entwicklung ist. Und doch ist eine feste Tradition die 
nothwendige Grundlage für eine gesunde politische 
Entwicklung. Es war bisher ein sicherer Punkt in den 
Wirren des nationalen Programmwesens in Oesterreich, 
dass die Deutschen mit grosser Bestimmtheit auf die 
Zweitheilung Böhmens hinarbeiteten, um für sich Sicher- 
heit zu gewinnen und die nationalen Streitpunkte zu 
verringern. Seit 15 Jahren wird dieses Ziel dauernd 
verfolgt, und thatsächlich erreichten auch die Deutsch- 
böhmen, dass wenigstens zwei der wichtigsten Be- 
hörden des Landes, der Landesschulrath und der 
Landeskulturrath, in nationale Kurien getheilt wurden. 
Gegen diese Ergebnisse stürmt neuestens die alldeut- 
sche Fraktion an und behauptet, die Deutschböhmen 
setzten sich damit allzu enge Ziele. In der Ueber- 
schätzung ihrer eigenen Kraft behaupten die Alldeut- 
schen, Böhmen gehöre vollständig unter die deutsche 
Herrschaft, und es sei gefährlich, ein selbständiges 
tschechisches Sprachgebiet zu schaffen, das sich nie- 
mals wieder für die deutsche Staatssprache werde 
erobern lassen. Die Anhänger dieser Partei sprechen 
so, als ob demnächst Alldeutschland entstehen und 
auch das tschechische Gebiet in seinen Machtkreis 
einbeziehen werde. Es leuchtet ein, dass solche, die 



87 



Möglichkeit übersteigenden Vorstellungen verwirrend 
wirken müssen. Dazu kommt, dass in der grossen 
Masse des deutschböhmischen Volkes dadurch das 
Gefühl der Sicherheit erschüttert wird, mit der es 
sich bisher der Erreichung eines praktischen Zieles 
widmete. Jedem deutschböhmischen Bauer war es 
verständlich, wenn man ihm sagte, es sei seine Pflicht, 
dafür zu wirken, dass der ererbte deutsche Sprach- 
boden seinem Volke rein erhalten werde. Mit Recht 
sträuben sich alle die Männer, die in den letzten 15 
Jahren das deutsch-böhmische Volk geführt und seine 
Grenzmarken vertheidigt haben, gegen die neue Lehre. 
Die Alldeutschen behaupten, der wichtigste Programm- 
satz sei die Erringung der Herrschaft der deutschen 
Staatssprache, der Alles untergeordnet werden müsse. 
Sie vernachlässigen über einer hochfliegencjen Erobe- 
rungspolitik die Massregeln zur Vertheidigung des 
deutschen Sprachgebietes, was sich dereinst bitter 
strafen wird. 

Seitdem die Gruppe der alldeutschen Abgeord- 
neten ins Parlament eingezogen ist, haben ihre Mit- 
glieder selten eine Sitzung vorübergehn lassen, um 
nicht einer oder der andere Abgeordnete dieser 
Gruppe die Bestrebungen der alldeutschen Propa- 
ganda womöglich oft zur Geltung zu bringen. Schö- 
nerer, Stein und Eisenkolb können nicht oft genug 
im österreichischen Parlamente ihren Herzenswunsch 
aussprechen, Oesterreich möge sobald als möglich 
dem Deutschen Reiche einverleibt werden. Dabei 
gebrauchen sie in ihren Reden die schurkenhaftesten 
Mittel, um das österr. Parlament vor der ganzen Welt 
überhaupt lächerlich zu machen und leider bietet die 
Parlamentsordnung keine Handhabe, um derartige 
Menschen hinauszuwerfen, dafür sorgen die Freunde 
der Alldeutschen, die socialistischen Abgeordneten, 
dass der zügellosen Freiheit und Immunität kein 
Abbruch geschehe. Eine solche Skandalscene hat Schö- 
nerer in der Sitzung am 18. März 1902 angestellt. 
Er schloss seine Rede über die deutsche Staatssprache 
folgendermassen ab : 

Wir streben ein solches bundesrechtliches Ver- 
hältniss der deutsch-österreichischen Länder, der ehe- 



88 



maligen deutschen Bundesländer, mit dem deutschen 
Reiche an, das die Erhaltung unseres Volksthums 
dauernd sichert. Wir bekämpfen daher jede Regie- 
rung, die diesem unseren Ziele entgegenwirkt, wir 
müssen daher auch dieser Regierung die Bewilligung 
des Staatsvoranschlages verweigern. Wenn sich der 
Präsident veranlasst gesehen hat, in den letzten Ta- 
gen dem Abgeordneten Eisenkolb einen Ordnungsruf 
zu ertheilen, w^eil er in anerkennender Weise das 
deutsche Fürstengeschlecht der Hohenzollern hier 
genannt hat, so veranlasst mich das im Namen der 
Alldeutschen meine Rede zu schliessen: „Hoch und 
Heil den Hohenzollern!" (Stürmische Heilrufe, anhal- 
tender Beifall bei den Alldeutschen. Rufe bei den 
Alldeutschen: „Heil den Hohenzollern!" Lebhafte 
Entrüstungs- und Pfui-Rufe rechts.) 

Darauf reagirten die Führer der übrigen deut- 
schen Parteien. Abgeordneter Derschatta stellte fest, 
dass alle Deutschen in Oesterreich daran festhielten, 
für die Kodificirung der deutschen Staatssprache zu 
sorgen, jedoch nach gehöriger Vorbereitung und in 
einem Augenblick, in dem man bei der Inangriff- 
nahme der Lösung einer so wichtigen Frage auch 
auf die Möglichkeit eines Erfolges rechnen könne. 
Im übrigen würde er es nicht für nothwendig ge- 
funden haben, auf die demonstrativen Schlussätze 
der Rede des Abgeordneten Schönerer einzugehen. 
Die Vertreter des deutschen Volkes in Oesterreich, 
das Oesterreich geschaffen, gross gemacht und er- 
halten habe, sollten es eigentlich nicht nothwendig 
haben, zur Betonung ihrer Loyalität gegenüber Oester- 
reich und dem Hause Habsburg in die Debatte ein- 
zugreifen. Weil aber der tschechische Abg. Dr. Kramär 
den Moment benutzte, um auf die zu Missdeutungen 
geeigneten Worte Schönerers zurückzugreifen — und 
gerade das möge dem Abg. Schönerer für die Zukunft 
einigermassen zur Lehre dienen, so müsse er (Der- 
schatta), so sehr er es bedauere, nun auch den Abg. 
Kramäf mit zwei Worten berichtigen. Der volks- 
parteiliche Redner fuhr dann fort: „Abg. Kramär 
betonte, die Ausführungen des Abg. Schönerer hätten 
gezeigt, dass diejenigen, welche die deutsche Staats- 



8^ 



Sprache wünschten, welche ein deutsches Oesterreich 
wollen, die Existenz dieses Reiches als selbständiger 
Staat zu untergraben suchten, und dass ein Oester- 
reich mit deutscher Staatssprache neben dem grossen, 
mächtigen Deutschland unmöglich sei. Mit Verlaub! 
Ich glaube, wenn nicht die Gelegenheit so günstig 
gewesen wäre, hätte auch Abg. Kramäf diesen Satz 
nicht ausgesprochen. (Sehr richtig! links.) In Europa 
und auf der Welt ist Platz genug für ein grosses 
Deutsches Reich, an welchem wir auch mit allen 
Fasern unseres Herzens hängen, weil es das Reich 
unseres deutschen Volkes ist, und zugleich für ein 
Oesterreich mit der deutschen Staatssprache. Dieses 
Nebeneinanderbestehen und Zusammengehen von 
Deutschland und Oesterreich, beide Staatswesen ge- 
führt von ihren glorreichen Herrscherhäusern, ist für 
jeden deutschnational Gesinnten im Deutschen Reiche 
wie in Oesterreich das einzig erstrebenswerthe Ziel. 
Der Bund der Deutschen in Europa würde für die 
Welt einen Hort des Friedens, der Arbeit, des Fort- 
schrittes und des Erfolges bedeuten, wie man ihn 
sich schöner nicht denken könne. 

Der deutsch-fortschrittliche Abg. Funke sagte 
M. a. : „Wir alle wissen, dass die deutsche Staats- 
sprache im Interesse unsres grossen Reiches, im In- 
teresse unsrer Monarchie gelegen ist, und dass durch 
sie die Einführung der Rechte der anderen Völker- 
schaften nicht beeinträchtigt werden würde. Wir sind 
deutsch, im Geiste verbündet mit unseren Brüdern 
im Reich. Dieses Gefühl wird uns Niemand nehmen. 
Deshalb können und werden wir jedoch stets treue 
Oesterreicher sein und bleiben." 

Der dem Gentrum angehörende Obmann des 
Budgetausschusses Abg. Dr. Kathrein erklärte u. a.: 
Es sind heute hier Worte gefallen, die im österrei- 
chischen Parlamente noch nie gehört wurden, Worte, 
mit einer Tendenz, die hier nie möglich sein sollte. 
Sie verletzten uns tief und beleidigten unser patrio- 
tisches Gefühl. Namens aller Oesterreicher weise ich 
diese Worte mit tiefster Entrüstung zurück (Beifall 
und Händeklatschen im Gentrum und rechts; Zwi- 
schenrufe links und Lärm bei den Alldeutschen), 



90 



nicht deshalb, weil hier ein Hoch auf ein uns be- 
freundetes Fürstenhaus ausgebracht wurde, sondern 
weil wir Oesterreicher Alle treu und fest zu unserm 
Kaiser und zu Habsburg halten. Deshalb müssen wir 
uns durch das Auftreten des Abg. Schönerer tief ge- 
kränkt fühlen. (Beifall und Händeklatschen rechts ; 
Lärm bei den Alldeutschen.) Ich erkläre : Wir halten 
fest am Kaiserhaus und an Oesterreich! 

Ueber solche skandalöse Sitzungen des oesterrei- 
chischen Abgeordnetenhauses, welche von den All- 
deutschen angestellt wurden, berichtete ein reichs- 
deutsches Gentrumblatt folgendes seinen Lesern : Die 
Scenen, welche sich am Montag (22. April) im Reichs- 
ratheinWien abspielten, spotten jeder Beschreibung» 
Es hagelte förmlich von „gemeiner Schurke" und 
„Schuft" und „klerikaler Schafskopf" und „Hetzpfaf- 
fen". Das österreichische Parlament will durchaus, 
so scheint es, durch den rohen und gemeinen Gas- 
senton, der dasselbe, dank der Schwäche sei«es 
Präsidenten, terrorisirt und beherrscht, den Tiefstand 
unter den europäischen Parlamenten erreichen. Das 
Präsidium verharrt in olympischer Ruhe und feiert 
nach dem bezeichnenden Worte Lueger's ein „Still- 
leben" eigener Art. Das unwürdige Kompromisse 
welches der Präsident mit den Alldeutschen geschlos- 
sen und durch welches er vor ihnen geradezu kapi- 
tulirt hat, erklärt die dreiste Ueberhebung, mit welcher 
diese Partei auftritt. Aber es gibt denn doch Augen- 
blicke und Fälle, in welchen das Schweigen des Prä- 
sidiums nicht nur zu einem groben parlamentarischen, 
sondern zu einem schweren staatlichen und patrioti- 
schen Vergehen wird: Abt Treuinfels hatte in der 
ruhigsten und massvollsten Form die nur zu begrün- 
dete Beschwerde vorgebracht, dass sich im steno- 
graphischen Protokoll in einer Interpellation Stellen 
fänden, die auf eine jeden Zweifel ausschliessende 
Weise das Verbrechen der Religionsstörung enthielten. 
Von den nun folgenden Gemeinheiten, durch welche 
sich Alldeutsche und Socialdemokraten zu überbieten 
suchten, übersteigt besonders eine alles bisher Dage- 
wesene. „Der römische Fetischismus ist keine Reli- 
gion," schrie der Socialdemokrat Pernerstorfer. Und 



91 



der Herr Vicepräsident schwieg. Im österreichischen 
Parlamente darf also die katholische Religion, die 
Religion des Kaisers und seines Hauses, die Religion 
der überwiegenden Mehrheit des Volkes ungerügt be- 
schimpft werden, im österreichischen Parlamente darf 
das Staatsgesetz ungerügt in der gröbsten Weise ver- 
letzt werden! Der Alldeutsche Stein erfrechte sich 
kürz darauf, den Erzherzog Franz Ferdinand als den 
„wie es heisst (!) zukünftigen Thronfolger von Oester- 
reich" zu bezeichnen und ihm vorzuwerfen, dass er 
sich „heute schon mit den bestehenden Gesetzen 
dieses Staates in Widerspruch gesetzt habe". Und 
der Herr Vicepräsident schwieg. Solche Dinge sind 
in einem geordneten Staatswesen unerhört. Gott Dank 
ist dergleichen bei uns undenkbar. Bei solchen Zu- 
ständen kann man für Oesterreich nur wünschen, 
dass sich dort endlich ein starker Arm erhebe, der 
gewisse Elemente, die sich ins Parlament verirrt ha- 
ben, von dort hinaus dorthin befördere, wo die Gas- 
senbuben hingehören, nämlich auf die Strasse, damit 
sie von hier, wofern sich noch weiter ihren Unfug 
treiben, dorthin abgeführt werden, wo die Hoch- und 
Landesverräther ihren Sitz haben. 

Die „Neue Freie Presse" kann kaum ihre Genug- 
thuung über diese letzten Auftritte im Reichsrathe 
bemeistern. Sie geht so weit, dem Abt Treuinfels für 
dieselben verantwortlich zu machen, den „Gottesmann 
von tadellosen parlamentarischen Formen". Es ge- 
schehe ja so oft, bemerkt sie mit scheinheiligem Lä- 
cheln, dass bei einem Brande das Zündhölzchen von 
einer „behandschuhten Hand angerieben werde". Die 
„Neue Freie Presse" selbst aber schürt aus Leibes- 
kräften, um die Regierung zu einem energischen 
Kampf gegen die Kirche aufzureizen. Schon beginnt 
sie, den Boden für revolutionäre Strassendemonstra- 
tionen zu bereiten. „Gewiss," so schreibt sie, „die 
scharfe Auseinandersetzung mit der klerikalen Partei 
und ihrer unstillbaren Herrschbegierde, die in Frank- 
reich, in Spanien, in Portugal, in fast allen katholi- 
schen Ländern wahrnehmbar ist, wird früher oder 
später auch Oesterreich nicht erspart bleiben." Um 
ihren Zweck zu erreichen, spucknäpfelt die „Neue 



^2 



Freie Presse" im Ministerzimmer Körber, des „bür- 
gerlichen Ministers, der sich erkühnt, beinahe Erfolg 
zu haben, wo die hochgeborenen Grafen den schmäh- 
lichsten Bankerott haben erklären müssen". 

Was die „Neue Freie Presse" mit berechneter 
Lüge dem Abt Treuinfels vorgeworfen hat, das trifft 
bei ihr im vollen Sinne zu : sie tritt als die „behand- 
schuhte" schmeichelnde Goquette an, ist aber in 
Wirklichkeit die feile Pressdirne und die jüdisch- 
freimaurerische Weltrevolution ist ihre Zuhälterin. — 
Der alldeutsche Abgeordnete Franco Stein hat in der 
Sitzung der Delegation vom 27. Mai 1902 folgendes 
misgesprochen : 

„Ich habe mich gemässigt; ich wollte auch noch 
von einem Falschspielen etwas erzählen und habe 
dies mit Rücksicht auf die Ermahnung des Herrn 
Präsidenten unterlassen. Redner vertritt die Forde- 
rungen des Linzer Programms, nach welchem das 
Verhältniss zwischen Oesterreich und Ungarn durch 
■die Personalunion zu ersetzen, Dalniatien, Bosnien 
und Herzegowina endgiltlig in Ungarn einzuverleiben 
wäre und Galizien und Bukowina entweder mit Un- 
garn vereinigt werden oder eine Sonderstellung er- 
halten sollen, ähnlich wie Kroatien. Es ist allgemein 
bekannt, dass die Ungarn nur den Zeitpunkt abwarten, 
bis sie durch Einführung von Industrien von uns 
unabhängig sind, um dann unnachgiebig die Perso- 
nalunion durchzusetzen. Der Dualismus ist schon 
stark durchlöchert. Ein Beweis dafür ist die Honved- 
truppe mit magyarischer Armeesprache und das Vor- 
gehen Ungarns gegenüber der Volkshymne. Wenn wir 
an Stelle des so schädlichen Ausgleichs mit Ungarn 
ein ZoUbündniss mit dem Deutschen Reiche herbei- 
führen würden, würden unserer Industrie neue Ab- 
satzgebiete erschlossen werden. 

Redner bekämpft die Kanonenforderung des 
Xriegsministers. Das Schicksal des deutschen Volkes 
in Oesterreich hängt nicht von den österreichischen 
Kanonen ab, sondern von der Bestimmung des XX. 
Jahrhunderts, als dem Zeitalter der nationalen Kry- 
stallisation. Redner begnüge sich mit der Gitirung 
des Wortes : „Wenn die rechte Stunde gekommen, 



93. 



wird die Thüre des Mutterhauses für die Deutsch- 
österreicher weit offen stehen." Er wendet sich so- 
dann gegen Dr. Kramäf, dessen Rede nichts anderes- 
war, als die Denuncirung einer Partei in der Dele- 
gation, um etwa heute Abends beim Gerde oder bei 
anderer Gelegenheit als Derjenige zu gelten, der als 
der einzige in der Delegation der hochverrätherischen 
alldeutschen evangelischen Bewegung entgegengetreten 
ist. Was die Strassenbenennungen nach Bismarck be- 
trifft, sollte dr. Kramäf nicht patriotischer sein wollen^, 
als der Träger der Krone, der nach Abschluss des 
deutsch- österreichischen Bündnisses Bismarck den 
höchsten österreichischen Orden verliehen hat. Wir 
haben nie ein Hehl daraus gemacht, dass für uns als 
Alldeutsche die evangelische Bewegung eine politisch- 
nationale ist, entstanden durch das Zusammengehen 
der Gzechen mit den. Klerikalen im österreichischen 
Reichsrathe 1897, zu Badenis Zeit." Wie es in den 
^Versammlungen der Alldeutschen zugeht, darüber gibt 
uns ein deutliches Bild ein Bericht der „Ostdeutschen 
Rundschau", des Organs Karl Hermann Wolfs vom 
4. Nov. 1902. Wir drucken ihn ab ohne Kommentar. 
Alldeutsche Versammlung in Wä bring. 
Wir haben bereits im heutigen Morgenblatte über 
den glänzenden Verlauf der Versammlung berichtet, 
welche gestern, einberufen vom deutschnationalen 
Verein für Oesterreich, im Apollosaale in Währing 
stattfand. Wohl 500 deutsche Männer füllten den 
Saal bis auf das letzte Plätzchen. Die Ausführungen 
sämmtlicher Redner wurden mit einmüthiger Zustim- 
mung aufgenommen. In seinen einleitenden Worten 
wies Abgeordneter Wolf, wie wir bereits ausführlich 
mittheilten, auf das Kesseltreiben der Schönerianer 
gegen ihn hin. Der stürmische Beifall, mit dem seine 
Ausführungen aufgenommen wurden, kann als voll- 
giltiger Beweis dafür gelten, dass die Dankbarkeit im 
deutschen Volke noch nicht zum Märchen geworden 
ist, trotz aller Machenschaften Jener, die sich seine 
Führer zu nennen wagen. Auch die Ausführungen 
des Abgeordneten Schreiter, der an der Hand eines 
reichen Ziffernmateriales nachwies, mit welch' ver- 
blüffender Unverschämtheit unter dem „deutsch- 



94 



freundlichen" Ministerium Körber die Tschechisirun^ 
fortgesetzt wird, und die Rede des Herrn dr. Julius 
Rader, des alldeutschen Landtagswahl werbers für die 
Bezirke Währing und Döbling, wurden durch reichen 
Beifall gelohnt. Stürmisch begrüsst wurde der Land- 
wirth Georg Schamberger, der die Wahlumtriebe der 
Klerikalen in Oberösterreich schilderte. Zum Schlüsse 
besprach Abgeordneter Wolf die Körber'schen Grund- 
züge und wies darauf hin, dass das Heil des deut- 
schen Volkes in Oesterreich ebenso wie das des 
Staates nur in einem engeren Anschlüsse an das 
Deutsche Reich zu finden sei. Im Folgenden berichten 
wir über den Verlauf der Versammlung. Nachdem 
der Schriftführer des Deutschnationalen Vereins, Herr 
Ed. V. Stransky, den Vorsitz übernommen hatte, er- 
griff Abgeordneter Schreiter das Wort. Redner wies 
auf den schweren Kampf hin, den der deutschna- 
tionale Verein zu bestehen gehabt. Man sei in der 
Bekämpfung Wolfs nicht bei der Person allein ge- 
blieben, sondern habe auch den deutschnationalen 
Verein angegriffen. Wenn Wolf nicht eingetreten wäre, 
so hätte die Partei nicht solche Erfolge zu verzeichnen 
gehabt. 

Heute stehe die Sache leider anders! Die 
niederösterreichischen Landtagswahlen seien die erste 
Quittung für den Zwist im alldeutschen Lager. Wir 
dürfen aber darum nicht verzagen. Der Ausgang der 
mährischen Wahlen beweist, dass unsere Partei ihre 
alte Kraft noch nicht verloren hat. Sie wird wieder 
wie früher von Erfolg zu Erfolg eilen, dazu sei aber 
mehr nöthig, als bloss in Versammlungen dem Redner 
Beifall zu zollen. Jeder muss werkthätig eingreifen 
nach seiner Kraft. Redner berührte hierauf die bren- 
nendsten wirthschaftlichen Fragen : die Lage der Land- 
wirthe und Gewerbetreibenden, die Invaliditäts- und 
Altersversicherung, endlich unsere unvernünftige 
Steuergesetzgebung. In dieser Beziehung hat das Mi- 
nisterium Körber wenig oder nichts gethan; durch 
die neue Wehrvorlage aber und durch die Erhöhung 
der Givilliste kann dem Volke nicht geholfen werden. 
(Lebhafte Zustimmung.) Neue Gewehre und Kanonen 
sind oft nur dazu da, um dem sauer arbeitenden 



95 



Volke den Effekt kosten zu lassen, wie die Vorfälle 
in Graslitz und in Galizien gezeigt haben. 

Vor Schlichtung der nationalen Streitigkeiten, 
führt Redner weiter aus, könne aber von einer Bes- 
serung der Verhältnisse nicht die Rede sein. Wenn 
man die Durchführung der deutschen Staatssprache 
verlange, so sei dies eine berechtigte, mit der ge- 
schichtlichen Entwicklung des Reiches übereinstim- 
mende Forderung. Es müsse dahin gestrebt werden, 
dass kleine Parteien verschwinden, denn Zwietracht 
vernichte die Erfolge. Nur festgeschlossen können wir 
den slavischen Massen wirksam entgegentreten. Mit 
Energie, Rücksichtslosigkeit und Terrorismus müssen 
wir vorgehen, dann wird der Erfolg unser sein. 
Redner weist durch zahlreiche Beispiele nach, wie 
rein deutsche Städte und Bezirke systematisch durch 
Einwanderung tschechischer Beamten zu zweispra- 
chigen gemacht werden. Durch diesen Umstand seien 
aber auch die deutschen Beamten schwer geschädigt. 
In deutschen Sprachgebieten müssten deutsche Be- 
amte angestellt werden Man wende sich damit nicht 
gegen einzelne Personen, sondern gegen das Princip. 
Ginge es so fort wie bisher, so würden wir einfach 
der Kulturdünger in Oesterreich sein. Redner schloss 
mit den Worten: „Wir haben die heilige Verpflich- 
tung, die Scholle, die wir von unseren Vorfahren 
geerbt haben, auch deutsch zu erhalten. Dahin muss 
das Bestreben jedes Einzelnen gehen !" (Stürmische 
Zustimmung.) Zustimmungskundgebungen waren ein- 
gelaufen : von Dr. Delpin (Friedau), Abgeordneten 
Dr. Tschan, Doktor Walter für die Alldeutschen in 
Teplitz, aus Falkenau, Gänserndorf (Dr. Weinitschke), 
Schluckenau, Haida (Frank), Mährisch-Rothwasser, 
Steinschönau, Iglau, Mährisch-Neustadt (Bradatschek), 
Witkowitz, Mährisch-Schönberg, Klein-Mohren (vom 
Landtagsabgeordneten Zöllner namens des Landge- 
meindenbezirkes Römerstadt), Linz, Zistersdorf, Polaun, 
Wels, Ghodau, Langenlois, Asch u. Trautenau (Schrift- 
leiter Lindemayr namens der dortigen Alldeutschen). 
Als nächster Redner betrat Herr dr. Rader die Tri- 
büne. Es sei kein Vergnügen, sagte er, in dem christ- 
lich -social verpöbelten Wien als deutsehnationaler 



96 



Zählkandidat aufgestellt zu werden. Von dem einsti- 
gen deutschnationalen Bau in Währing sei nur noch 
•eine zerrissene Mauer da, und diese heisse Dr. Rader. 
(Heiterkeit.) Alle früheren Gesinnungsgenossen seien 
ins christlich-sociale Lager gegangen, und er, der 
allein ausgeharrt, der für das deutschnationale Pro- 
gramm seine Existenz aufs Spiel gesetzt habe, werde 
dafür von den Schönerianern beschimpft und ver- 
leumdet. (Stürmische Pfuirufe.) Hätte Redner nicht. 
so treu an dem deutschnationalen Programm festge- 
halten, so brauchte er heute nicht als Zählkandidat, 
dazustehen. (Zustimmung.) Es sei Dr. Lueger mit 
Hilfe der Geistlichkeit gelungen, Niederösterreich kle- 
rikal zu machen. Jeder Pfarrhof am Lande sei ein 
politischer Organisationspunkt. Was den Ghristlich- 
socialen auf dem Lande zu ihren Siegen verholfen, ist 
der Umstand, dass sie dort keine Gegner haben. Ihrer 
geschlossenen Masse standen die „geeinten freiheit- 
lichen Parteien" gegenüber, Socialdemokraten, Libe- 
rale und Deutschnationale, deren Programme ein- 
ander schnurstracks widersprechen. Redner bespricht 
den Scheinantisemitismus der Ghristlichsocialen, mit 
den sie auf Wählerfang ausgehen. Bei der nächsten 
Wahl handle es sich um einen Kampf zweier An- 
schauungen. Auf der einen Seite stehe der starre 
dogmatische Glaube, auf der anderen Seite die Wis- 
senschaft und die Freiheit. (Lebhafter Beifall.) Vor- 
sitzender V. Stransky dankte mit warmen Worten 
dem Redner und sagte, dass es die Pflicht eines je- 
den Deutschen sei, seiner Meinung durch Abgabe 
des Stimmzettels Ausdruck zu geben und dr. Rader 
zu wählen, wenn auch dessen Wahl aussichtslos er- 
scheine. 

Unter stürmischen, anhaltenden Heilrufen wen- 
dete sich der Bauernführer Schamberger an die Ver- 
sammelten. Er schilderte in schlichten Worten die 
traurigen klerikalen Zustände in Oberösterreich und 
wies die Behauptung, die Bauern seien zu wenig 
aufgeklärt, entschieden zurück. Ein Fehler sei es, 
dass die Bauern an der Geistlichkeit hängen und 
diese mehr achten, als sie es verdient. Er schilderte 
hierauf die Agitation der Geistlichen zur Wahlzeit. 



Es müsse eine Grenze zwischen politischem und 
kirchlichem Leben gezogen werden. Redner meint, 
dass das ein glücklicher Staat sei, in dem der Kul- 
tur glänzende Gebäude errichtet würden, aber nicht 
Gefängnisse, Kasernen u. a. m. Wenn die deutsch- 
nationale Partei einig wäre, dann brauchte ihr um 
die Zukunft nicht zu bangen. Heil dem Deutschthum, 
der deutschnationalen Sache! (Stürmischer Beifall.) 
Der Vorsitzende dankt dem alten Bauern Scham- 
berger, der die weite Reise nicht gescheut hat, um 
an der heutigen Versammlung theilzunehmen. Auf 
das schärfste Sei es zu verurtheilen, dass Scham- 
berger, der ein Menschenalter lang für die deutsch- 
nationale Sache gekämpft habe, nun von den Schö- 
nerianern beschimpft werde, weil er die Hetze gegen 
Wolf nicht mitgemacht habe. (Lebhafte Zustimmung 
und Heilrufe auf Schamberger.) Bürgerschullehrer 
Bruche erbat sich dann das Wort und sprach über 
die Landtagswahlen zu den Ausführungen des Dr. 
Rader, der noch lange keine zerrissene Mauer, son- 
dern ein Eckpfeiler der deutschnationalen Partei sei. 
Redner fordert zu emsiger Arbeit auf, welche gewiss 
ihre Erfolge zeitigen w^erde. Als letzter Redner be- 
sprach Abgeordneter Wolf, mit lebhaften Heilrufen 
begrüsst, die dem Abgeordnetenhause vom Ministe- 
rium Körber vorgelegten Grundzüge. Die Regelung 
der Sprachenfrage sei die wichtigste und brennendste 
Angelegenheit. Hätte man nach dem Jahre 1866 und 
1870 den Deutschen ihr Recht gegeben, hätte man 
sich nicht auf den Standpunkt gestellt, dass die 
Deutschen Oesterreichs national denaturirt werden 
müssen, so wäre der Zustand der Verwirrung und 
Zerrüttung nicht eingetreten, unter welchem heute 
Oesterreich leidet; dann hätten wir auch im wirth- 
schaftlichen Wettbewerb der Staaten unseren Mann 
stellen können. Heute aber ist jede wirthschaftliche 
Besserung unmöglich, so lange nicht die Sprachen- 
frage gelöst ist, ehe eine grosse nationalwirthschaft- 
liche Forderung der Alldeutschen zur Entscheidung 
gebracht ist : die Zollunion mit dem Deutschen Reiche. 
Das ist ein Ziel, des Schweisses der Edlen werth. 
Unbekümmert um alle Unkenrufe von Hoch- und 



98 



Landesverrath wollen wir es laut sagen: Wir streben 
einen engeren wirthschaftlichen Anschluss an das 
Deutsche Reich an. Dieser wirthschaftliche Anschluss 
wird zweifellos auch politische Folgen haben. In wel- 
cher Form sich dieselben äussern werden, das können 
wir aber getrost der Geschichte zur Entscheidung über- 
lassen. Sicher ist, dass nur in einem solchen Anschlüsse 
das Heil der Deutschen in Oesterreich gelegen ist, aber 
auch das Heil der Dynastie, denn sich selbst über- 
lassen wird Oesterreich über kurz oder lang in seine 
Partikelchen zerfallen. (Stürmische Zustimmung.) Unter 
den heutigen Verhältnissen von einer Regelung der 
Sprachenfrage zu sprechen, ist Unsinn. Da kommt 
Körber mit seinen Grundzügen, die für das deutsche 
Volk einfach unannehmbar, die eine Verhöhnung un- 
serer Forderungen sind. Und doch darf man den 
Ministerpräsidenten deshalb nicht übermässig tadeln. 
Denn er hat ja nichts anderes gethan, als jene Grund- 
sätze hervorgeholt, welche einige deutsche Parteien 
selber in dem sogenannten „Pfingstprogramm" auf- 
gestellt haben. Die Verfasser des Pfmgstprogrammes, 
welche an die Stelle der Staatssprache den Schatten 
einer Vermittlungssprache setzen, welche den Tsche- 
chen die innere tschechische Staatssprache auf dem 
Präsentirteller entgegenbrachten, sie müssen für das 
verantwortlich gemacht w^erden, was jetzt geschieht. 
Redner bespricht dann die einzelnen Bestimmungen 
der Grundzüge, durch welche der Tschechisirung erst 
recht Thür und Thor geöffnet würde. Wagt man es 
doch schon heute, das ganze Gebiet von Mähren für 
zweisprachig zu erklären. Mögen die einzelnen Parla- 
mentarier über solche Grundsätze verhandeln, das 
deutsche Volk weist sie weit von sich. Wir wollen 
geschlossen für einen engeren Anschluss an das 
Deutsche Reich eintreten. Diesen Grundsatz wollen 
wir mit aller Macht verfechten, und an ihm wird die 
Macht des Slaventhums zerschellen. (Stürmischer, 
langanhaltender Beifall.) 

Wir haben an diesen Aussprüchen der alldeut- 
schen Abgeordneten einen hinreichenden Beweis ihrer 
Gesinnung erbracht. Der alldeutsche Gedanke ist in 
Oesterreich schon zu einem bedeutenden Faktor ge- 



99 



worden. Mitte Jäner 1902 kam Prinz Adalbert v. Preussen 
auf dem Schulschiff „Charlotte" nachTriest. Es wurde 
ein Diner auf dem Schiffe gegeben, zu dem der Statt- 
halter Istriens Graf Goess erschien. Ein reichsdeut- 
sches Blatt berichtet darüber folgendes. 

Bei dem Diner hielt der Staathalter Graf Goess 
eine Rede, in welcher er seiner Freude darüber Aus- 
druck gab, das deutsche Schulschiff „Charlotte" an 
dem Theile der österreichischen Küste begrüssen zu 
können, welcher für die Entstehung und Entwickelung 
der maritimen Stellung der österreichisch-ungarischen 
Monarchie besondere Bedeutung habe. Der Redner 
erinnerte daran, dass man in diesen Tagen mit den 
Arbeiten begonnen habe, welche den dreifachen mächti- 
gen Gebirgswall der Tauern, Karawanken und Juli- 
schen Alpen durchbrechen und Triest in wenigen 
Jahren dem betriebsamen Norden der Monarchie und 
dem Deutschen Reiche um vieles näher bringen werden, 
und sprach die Hoffnung aus, dass damit ein neues 
Band in den vielfachen Wechselbeziehungen Oester- 
reich-Ungarns und Deutschlands geflochten werden 
möge. Als Glück verheissendes Zeichen gelte ihm, 
dass gerade zu dieser Zeit das Deutsche Reich das 
kaiserliche Schiff mit dem erlauchten jugendlichen 
Sprossen seines Kaiserhauses nach Triest entsendet 
habe. Der Statthalter fuhr dann fort: „Die Hoffnung 
auf die Zukunft ist das unveräusserliche und natür- 
liche Recht der Jugend. Auch vor Euerer königlichen 
Hoheit liegt vielverheissend die ganze Zukunft eines 
thatenreichen Lebens, verbürgt durch die grosse Auf- 
gabe der kaiserlich deutschen Kriegsmarine. Wenn, 
wie wir hoffen, dieser hohe Beruf Euere königliche 
Hoheit dereinst im Zenithe des Lebens stehend wieder 
an diese Küste führen sollte, dann mögen Euere kö- 
nigliche Hoheit diese Stadt als mächtig entwickeltes 
Einporium und in demselben Masse als werthvollen 
Bestandtheil seines Handelsstandes die deutsche Ko- 
lonie in reicher Blüthe wiederfinden. Wir aber wün- 
schen Eurer königlichen Hoheit aus ganzem Herzen 
im reichsten Masse Glück und Erfolg auf dem Lebens- 
wege zur Freude Eurer königlichen Hoheit erhabenen 
Eltern und zum Glänze und Ruhme des der öster- 

7* 



lOO 



reichisch-ungarischen Monarchie eng verbündeten 
Reiches." Der Redner schloss mit einem Hoch auf 
den deutschen Kaiser, die deutsche Kaiserin' und den 
Prinzen Adalbert. .Man sollte glauben, dass Statthalter 
Graf Goess darüber Freude empfinde, dass durch den 
Bau der Tauernbahn Bismarck's Pläne um Oester- 
reich sehr erleichtert sind. Einen anderen Blick über 
das Eindringen des grossdeutschen Gedankens nach 
Oesterreich gewährt uns die Zusammenkunft der deut- 
schen Naturforscher in Karlsbad, abgehalten im J. 1902. 
Das Organ der prager Juden das „Prager Tagblatt" 
liess am 21. September 1902 einen Leitartikel los, 
aus dem wir folgendes reproduciren. Wo immer 
bisher die Naturforscher tagten, wurden sie namens 
der Regierung willkommen geheissen, und der ehe- 
malige Universitätsprofessor und jetzige österreichische 
Ünterrichtsmi nister Dr. v. Hartel wird es sich nicht 
nehmen lassen, die deutschen Gelehrten in Karlsbad 
im Namen Oesterreichs zu begrüssen. Sie werden sich 
bei uns zu Hause fühlen. Was bei der Nürnberger 
Feier der schweizerische Professor Vetter von der 
Schweiz sagte, das gilt von Böhmen in noch höherem 
Grade. Böhmen ist eine deutsche Provinz und noch 
dazu ohne geistiges Reservatrecht. Vor 55 und vor 40 
Jahren war sie es ja auch noch politisch; geistig ist 
sie es noch heute, denn der deutsche Stamm, der 
Böhmen bewohnt, steht in regstem und untrennbar- 
stem Zusammenhang mit dem deutschen Geistesleben. 
Da macht ein Pressjude mit einigen Federstrichen 
aus dem Königreich Böhmen kurzweg eine deutsche 
Provinz. Auf dem Festbanket sprach Hofrath Ghiari, 
Universitätsprofessor in Prag, folgendes : Der heutige 
Kongress ist seitens der Kollegen aus dem Deutschen 
Reiche äusserst zahlreich besucht ; diese haben damit 
unwiderleglich und klar dargethan, dass die Deutschen 
im Deutschen Reiche und die Deutschen in Oester- 
reich in wissenschaftlicher Hinsicht ein zusammen- 
gehöriges und untrennbares Ganzes bilden. (Demon- 
strativer Beifall.) Diese Thatsache ist für uns äusserst 
erfreulich. Wenn irgendwo^ so sind auf dem Gebiete 
der Wissenschaft die innigsten Wechselbeziehungen 
zwischen den einzelnen Forschern von Nah und Fern 



101 



von der höchsten Wichtigkeit. Wir in Oesterreich 
empfinden die Summe von Anregung, welche wir der 
Unermüdlichkeit der Kollegen im deutschen Reiche 
verdanken, und wir sind bemüht, nach besten Kräften 
mitzuwirken an der Entwicklung deutscher Wissen- 
schaft, wohl wissend, dass wir als treue Bürger unse- 
res geliebten Vaterlandes auf diese Art dem Vater- 
lande den besten Dienst erweisen. (Stürmischer Bei- 
fall.) Dieser Punkt ist ein geistiger, er ist ein schöner 
Punkt, und entspricht gewiss den Intentionen der 
beiden erhabenen Monarchen, welche sich als wahre 
Friedensfürsten erwiesen und die kulturelle Hebung 
ihrer Unterthanen stets und unentwegt aufrecht er- 
halten haben. Ich bringe meinen Toast auf das Wohl 
der erhabenen Majestät des deutschen Reiches, den 
deutschen Kaiser, welcher, bewundert von der ganzen 
Welt, mit unerreichter Universalität und Thatkraft, mit 
wahrer Mannes-Energie sich stets als ein unerreichter 
Mäcen der Wissenschaft erwiesen hat und unter dessen 
weisen Führung in Deutschland sowie auf vielen an- 
deren Gebieten, auch auf dem Gebiete der Wissen- 
schaft, die Deutschen zu einer führenden Rolle in der 
Welt gekommen sind. So stimmen Sie mit mir denn 
ein in den Ruf: „Se. geheiligte Majestät der deutsche 
Kaiser Wilhelm II. lebe hoch !" (Die Versammlung 
brachte ein dreimaliges begeistertes Hoch aus, worauf 
„Heil dir im Sieger kränz !" von den Anwesenden ste- 
hend mitgesungen wurde.) Hierauf ergriff der Direktor 
der elektrotechnischen Lehranstalt in Hamburg, Pro- 
fessor Voller, das Wort und sagte unter Anderem : 
„Die Deutschen kämpfen in Oesterreich derzeit einen 
schweren Kampf um ihre nationale Stellung. Unsere 
Pflicht ist es, sie in demselben voll zu unterstützen, 
da wir mit dafür sorgen müssen, dass die Deutschen 
in Oesterreich für sich und ihre Kindeskinder das er- 
erbte Gut bewahren. Auf freiem deutschen Lande mögen 
auch in Zukunft die freien Deutschen, die deutsche 
Wissenschaft und die deutsche Kultur hochhalten und 
ein deutscher Stamm möge stets die österreichi- 
schen Lande regieren." Der Redner sagte zum Schlüsse : 
„Wenn wir hier durch die Strassen gezogen und die 
schwarz-roth-goldenen Fahnen von den Giebeln wehen 



102 



saben, fühlten wir, dass wir in deutschen Landen 
sind." Der Redner trank auf die deutschen Naturfor- 
scher. Die Kapelle intonirte hierauf das „Deutsche 
Lied", welches von der Gesammtheit mit heller Be- 
geisterung mitgesungen wurde. Es folgte noch eine 
Reihe von Toasten, worauf das Festbankett in vor- 
gerückter Stunde sein Ende nahm. 

Der österreichische Unterrichtsminister von Hartel 
Hess sich folgendermassen hören : „Empfangen Sie 
meinen herzlichsten Dank für Ihre ehrenvolle Ein- 
ladung zu dieser Versammlung, welche durch die vor- 
bildliche Bedeutung für die gelehrten Verhandlungen 
dieser Art, durch die so lange Dauer ihres Bestandes, 
durch den grossen Werth und den weittragenden Ein- 
fluss ihrer Arbeiten, durch den hohen Ruf ihrer Theil- 
nehmer aus allen Gauen Deutschlands und Oesler- 
reichs unter den wissenschaftlichen Kongressen der 
Neuzeit sich mit Recht des höchsten Ansehens erfreut. 
Aber es ist nicht bloss mein persönlicher Dank, den 
ich für Ihre Einladung und freundliche Begrüssung 
ausgebracht haben wollte. Ich bin glücklich, Sie als 
Vertreter der österreichischen Regierung und derzei- 
tiger Chef der Unterrichtsverwaltung begrüssen und für 
Ihr so zahlreiches Erscheinen an diesem Orte danken 
zu dürfen. Die Wahl des Ortes war eine fördersame 
Ehrung der Stadt Karlsbad, die, von der Mutter Natur 
ausgestattet wie kaum eine andere, dem Naturforscher 
dankbare Aufgaben stellt und die Kunst des Arztes 
durch die geheimnissvolle Wunder kraft ihrer Heil- 
quellen unterstützt und fördert. In der Wahl dieses 
Versammlungsortes liegt zugleich eine aufmunternde 
Anerkennung der Bestrebungen ihrer österreichischen 
Fachörenossen, die sich jenes durch keinerlei Landes- 
grenzen auflösbaren kulturellen Zusammenhanges be- 
wusst werden, wenn dessen Grösse und Bedeutung, 
der Werth jedes einzelnen Gliedes dieses Kreises und 
seiner Leistungen mitbestimmt und mitbedingt wird. 
Seien Sie uns darum doppelt willkommen in dieser 
herrlichen Stadt, dieser Perle österreichischer Lande. 

Wir wissen aber abgesehen davon die Vortheile 
ihrer Kongresse gar wohl zu schätzen. Dies scheint 
nämlich das eigenthümlichste Kennzeichen des wissen- 



loa 



schaftlichen, wie des wirthschafllichen Lebens unserer 
Zeit : die Verbindung vereinzelter Kräfte zu gemein- 
samen Handeln, die Vereinigung zersplitterter Mittel 
zur Erreichung solcher gemeinsamer Ziele. Während 
früher solchen Zwecken in den einzelnen Ländern 
Universitäten und Akademien vollauf zu genügen 
schienen, verbinden sich jetzt die Akademien nicht 
bloss eines Staates oder einer Nation, sondern immer 
mehr die gelehrten Gesellschaften der wichtigsten 
Kulturstaaten mit einander und legen ihre Mittel zu- 
sammen, um nach wohlüberlegten Plänen an Unter- 
nehmungen heranzutreten, die ehedem mit Aussicht 
auf einen sicheren oder raschen Erfolg nie oder theil- 
weise in Angriff genommen werden konnten" u. s. w. 

Ueber die Rede des Unterrichtsministers Hartel 
hatte die „Neue Freie Presse" eine unbändige Freude. 
Sie schrieb : Es war vorauszusehen, dass auf dem 
Karlsbader Kongresse auch die Politik, welche nur 
ein Ausdrucksmittel für den Darwin' sehen Kampf ums 
Dasein ist, zu Worte kommen werde. Dass aber der 
Unterrichtsminister selbst die Bedeutung der gemein- 
samen geistigen Arbeit der Deutsch-Oesterreicher und 
der Reichsdeutschen hervorheben, dass er in Gegen- 
wart seines Ministerkollegen aus Preussen des grossen, 
durch keinerlei Landesgrenzen auflösbaren kulturellen 
und nationalen Zusammenhanges gedenken werde, 
das war eine freudige Ueberraschung, auf welche 
keiner der zweitausend Deutschen, welche sich dies- 
mal zu wissenschaftlicher Arbeit vereinigt haben, ge- 
fasst sein konnte. Der Jubel, welchen diese Worte 
unseres Ministers entfesselten, bewies, dass Hofrath 
v. Hartel die Wahrheit gesprochen hatte. Der Minister 
gedachte auch der vorurtheilsfreien Wissenschaft, er 
sprach in der österreichischen Goethe- Stadt von Goethe : 
„Im Geiste dieses Mannes mögen Sie Ihre Berathun- 
gen beginnen, und zum Wohle der Menschheit, zur 
Ehre der Wissenschaft zu Ende führen." — Man sollte 
doch glauben, dass die Presshebräer in der Fichtegasse 
durchwegs ausgediente preussiche Leibhussaren sind 
und eine fette Pension aus Berlin beziehen. 

Als im Jahre 1898 polnische Aerzte einen solchen 
Tag nach Breslau beriefen, verbot die preussische 



104 



Regierung die Theilnahme an ihm böhmischen und 
polnischen Aerzten aus Böhmen, Mähren etc., und 
drohte, falls jemand doch käme, ihn mit Gewalt über 
die Grenze zu eskortiren. So der preussiche „Kultur- 
staat". 

Die alldeutsche Propaganda stört schon seit langer 
Reihe von Jahren auch sehr bedenklich innere Ver- 
hältnisse mitten in Wien selbst. Als das Ministerium 
Thun in Wirksamkeit war, hatte der Ministerpräsident 
Graf Franz Thun als wahrer österreichischer Patriot 
den Muth im Parlament öffentlich zu sagen, dass seine 
Regierung reichsdeutsche Angehörige in ihre Heimat 
verweisen werde, wenn Preussen fortfährt ohne jede 
Rücksicht Arbeiter, österreichische Unterthanen, aus 
Deutschland zu verweisen. Auf dieses hin begann das 
Quertreiben des deutschen Botschafters Fürsten Eulen - 
bürg. Ein reichsdeutsches Blatt schrieb darüber 11. 
September 1901 folgendes. „Wie bekannt, fand die 
Thätigkeit des Fürsten Eulenburg in Wien ihren Höhe- 
punkt während der grossen inneren Krisis von der 
Oesterreich unter dem Ministerium Thun heimgesucht 
war. Trübes Gewölk zog damals über den Dreibund 
herauf; die Tschechen arbeiteten gegen die Allianz 
mit Deutschland und ihr Führer Kramarz verglich 
den Dreibund mit einem überspielten Klavier. Es schien, 
als ob das officielle Oesterreich sich in diese Treibe- 
reien hineinziehen lasse; man errinert sich der Ant- 
wort, die Graf Thun auf die Interpelation betreffend 
die Ausweisung von österreichischen Slaven aus Preus- 
sen gab. Damals musste Fürst Eulenburg jn Wien 
unverhohlen die Besorgniss äussern, dass bei dem 
Siege der slavischen Richtung in Oesterreich der Drei- 
bund in Gefahr käme, aber er durfte nicht den Ver- 
dacht erwecken, als ob er das diplomatische Gebiet 
verlassen und sich in die inneren Verhältnisse Oester- 
reichs einmischen wolle. Es war nicht eben leicht, 
diese Linie einzuhalten. Damals erfuhr Eulenburg von 
Seiten der Tschechen in der Presse sowohl wie in 
der Delegation bissige Angriffe und diese seine Gegner 
suchten seine Stellung in Wien dadurch zu untergra- 
ben, dass sie ihn als die entscheidende Person in den 
inneren Wirren behandelten. Die Korrektheit, mit der 



105 



der Botschafter sich seiner Aufgabe entledigte, be- 
wirkte, dass er auch nicht einen Augenblick aufhörte, 
am Wiener Hofe persona gratissima zu sein; so schlecht 
Graf Thun auf ihn zu sprechen war, so konnte der 
damalige Ministerpräsident das Ansehen seines wirk- 
lichen oder vermeintlichen Widersachers doch nicht 
erschüttern. Der Botschafter Graf Eulenburg in Wien 
und Hr. v. Szögyeny in Berlin theilen sich in die 
Arbeit, die Reibungen zu vermindern, die dann mit 
dem Falle des slavisch-feudalen Regiments in Oester- 
reich aufhörten. Zu Weihnachten 1899 schickte Kaiser 
Wilhelm Hr. v. Szögyeny sein Bild und der Adjutant, 
der es überbrachte, hatte es mit den Worten zu über- 
reichen : „Trotz der Interpelationsbeantwortung durch 
den Grafen Thun." Wer den Dreibund zu festigen 
wünscht, sollte diese inneren Zusammenhänge kennen 
und nicht vergessen, welche Rolle Fürst Eulenburg 
in jenen Verwicklungen spielte. Es werden wieder 
einmal Tage kommen, da der deutschen Botschaft in 
Wien schwierige Aufgaben erwachsen werden, und 
es wäre zu wünschen, dass sie mit demselben Glücke 
entwirrt werden, wie seinerzeit durch den damaligen 
Grafen, jetzigen Fürsten Eulenburg." — Diesen Bericht 
hat offenbar ein Pressjude aus Wien abgeschickt. Er 
spricht mehr als deutlich über die Wirksamkeit des 
deutschen Botschafters. Ja reichsdeutsche Blätter kon- 
trolirten ihn derart, dass sie dem Botschafter Vorwürfe 
machten, wenn er nicht ständig auf seinem Wach- 
posten in Wien stand Hat ja gegen diesen Botschafter 
nicht allein Graf Thun, sondern sein Vorgänger Graf 
Taaffe beim Kaiser selbst sich öfters beschweren müs- 
sen. Aus dem Palais des Botschafters Fürst Eulen- 
burg wurden alle gehässige Angriffe gegen Oesterreich 
in die dienstbaren reichsdeutschen Blätter geschickt, die 
dann von der jüdischen Pressreptilien in Wi6n mit 
grossem Nachdrucke abgedruckt wurden. Der Haupt- 
ablagerungsplatz dieser Eulenburg'schen Angriffe gegen 
Oesterreich war die „Köln. Zeitung." Fürst Eulenburg 
forderte direkt vom österreichischen Monarchen im 
Namen des deutschen Kaisers, seines Souverains, Ent- 
iasung des Ministerium Thun. Eulenburg selbst brü- 
stete sich dann in der „Münchener Allgemeiner", dass 



106 



er das Ministerium Thun zu Falle gebracht habe. 
Um diesen Vertreter Deutschlands in Wien grup- 
pierten sich heimlich und offen alldeutsche Agitatoren 
aus dem österreichischen Parlament. Welche Angst 
in Wien herrschst, wenn in Oesterreich ein wahres 
Wort über Preussen fällt, ersehen wir aus dem offi- 
ciellen „Fremdenblatt". Nach den furchtbaren Scenen 
in Wreschen hat im galizischen Landtag Fürst Gzar- 
toryski seinen Abscheu über die Misshandlung der pol-- 
nischen Schulkinder ausgesprochen. Das officiöse 
„Fremdenblatt" schrieb darüber aus Angst vor Berlin 
folgendes. (Anfangs Jänner 1902.) „Es wäre besser 
gewesen, wenn im galizischen Landtage Fürst Gzar- 
toryski die vor dem Eingang in die Tagesordnung 
von ihm abgegebene Erklärung unterlassen hätte, da 
dieselbe dem Wirkungskreise des Landtages nicht ge- 
mäss war. Wenn der Vertreter der Regierung trotz- 
dem keine Einsprache erhob, so entsprang sein Ver- 
halten nur dem Wunsche, der Angelegenheit dadurch 
nicht zu einer grösseren Ausdehnung zu verhelfen und 
dieselbe möglichst einfach und klanglos zu Ende zu 
führen. Den beiden Regierungen haben wir es zu 
danken, wenn das Ueberschäumen der Wreschener 
Affaire auf dem österreichischen Boden und das An- 
schlagen derselben sowohl im österreichischen Abge- 
ordnetenhause wie im galizischen Landtage keinen 
Augenblick lang jene Beziehungen tangiren konnten, 
die zwischen unserer Monarchie und der deutschen 
verbündeten, sowie zwischen den beiderseitigen Re- 
gierungen bestehen. Man darf wohl sagen, dass die 
Wreschener Affare noch rechtzeitig von jenem klaren 
Fahrwasser abgeleitet wurde, auf dem sich die Poli- 
tik der beiden verbündeten Staaten mit voller Sicher- 
heit bewegt. Der Artikel schliesst : „Es ist neuerlich 
der Beweis erbracht, dass es bei der Innigkeit der 
beiderseitigen Beziehungen zwischen Oesterreich-Un- 
garn und Deutschland keine Zwischenfälle geben kann, 
die eine Schwierigkeit bereiten können, oder deren 
plötzliches Auftauchen zu fürchten wäre. Die stärkste 
Wurzel des Bundesgefühles in beiden Staaten ruht 
darin, dass jeder Theil in seinem Hause Herr ist." 
Wenn nur der letzte Satz wahr wäre wenigstens 



107 



für Oesterreich! Ganz anders geberdet sich der berliner 
Pressjude Mosse in seinem Organ über die Thun'sche 
Antwort auf die Ausweisungen österreichischer Unter- 
thanen aus Deutschland. Er schreibt: Dreissig Jahre 
nach der Begründung des neuen Deutschen Reiches, 
schlechthin, müssen wir merkwürdige Dinge erleben. 
Einige an und für sich ganz unbedeutende Verwal- 
tungsangelegenheiten, einige richterliche Erkenntnisse 
werden dazu benutzt, um in fremden Volksvertre- 
tungen in einer Weise erörtert zu werden, wie sie 
glücklicherweise zu den seltenen parlamentarischen 
Vorkommnissen gehört. Mit welch einem Rechte 
aber ziehen die Herren in der Lemberger Landboten- 
stube oder im Wiener Reichsrathe innere preussische 
Angelegenheiten vor ihr Forum ? Welch einen Beruf, 
welch eine staatsrechtliche Befugniss haben die ge- 
nannten Herren, sich in unsere Angelegenheiten zu 
mischen ? Welch einen Lärm würden wohl Franzosen, 
Italiener, Holländer, Belgier, Engländer erheben, wenn 
etwaige innerpolitische Angelegenheiten dieser eben 
genannten Nationen (die Fälle sind sehr leicht denk- 
bar) in unserem preussichen Abgeordnetenhause oder 
im deutschen Reichstage erörtert werden würden ? 
Wahrscheinlich würde seitens der parlamentarischen 
Geschäftsleitung bei uns jeder derartige Versuch eines 
Uebergriffs in die inneren Angelegenheiten eines frem- 
den Staatswesens sofort zurückgewiesen, sofort im 
Keime erstickt werden. Es ist eben nicht deutsche 
Art, sich in die Angelegenheiten fremder Staaten ohne 
die allerzwingendste Nothwendigkeit einzumischen. 
Dafür haben wir aber auch in Deutschland das un- 
bedingte Recht, von unseren Nachbarn die gleiche 
Rücksicht zu verlangen. 

Die Regierungen, das heisst die amtlichen Voll- 
zugsorgane der Völker, werden ja freilich den formellen 
internationalen Verpflichtungen nicht untreu werden. 
Allein bei gewissen Volksvertretungen tritt jetzt die 
fatale Neigung zu Tage, sich mit unseren inneren 
Angelegenheiten zu beschäftigen, die europäische öffent- 
liche Meinung gegen uns mobil zumachen. Wenngleich 
derartige parlamentarische Scharmützel noch lange 
keine wirklichen Kriegserklärungen bedeuten, so sind 



108 



sie andererseits doch sehr dazu geeignet, die fried- 
lichen Beziehungen der Völker zu einander auf das 
empfindUchste zu beeinträchtigen. Diesen höchst un- 
liebsamen Störern des öffentlichen Friedens gilt es bei 
Zeiten ein lautes, Achtung gebietendes „Halt !" ent- 
gegenzurufen. Lasst, ihr Herren in Lemberg und in 
Wien, die Hände davon ! 's sind Nesseln daran ! Das 
deutsche Volk ist unerbittlich gewillt, Herr innerhalb 
seiner Reichsgrenzen zu bleiben und zwar unbeding- 
ter Herr und jedweden Einmischungsversuch in seine 
inneren Angelegenheiten mit der seinem Wesen eige- 
nen Ruhe und Besonnenheit, aber auch mit der gleich- 
falls seinem Wesen eigenthümlichen Entschiedenheit 
und Rücksichtslosigkeit — wenn's sein müsste — zu- 
rückzuweisen. Auch für Deutschland gilt der aus 
der Monroe doktrin abgeleitete praktische Folgesatz : 
^^Deutschland den Deutschen!" Das sollen sich ge- 
wisse Friedensstörer in Lemberg, in Wien und sonst 
noch wo sehr genau merken. Je entschiedener die 
öffentliche Meinung Deutschlands sich in diesem Sinne 
der auch für uns giltigen Monroedoktrin äussert, je 
entschlossener sie sich nach dieser Richtung hin 
kundgibt, desto rascher werden jene Einmischungs- 
versuche seitens Unberufener verschwinden, desto 
rascher werden die unliebsamen Wirkungen solch 
unvorsichtigen Treibens wieder verblassen. Werden 
jene Friedensstörer sich erst der unübersehbaren 
Folgen ihres unverantvortlichen Handelns bewusst, 
beginnen sie sich über die ungeheure moralische 
Tragweite des Satzes klar zu werden : „Deutschland 
den Deutschen!" — dann werden sie schon ganz von 
selbst auf die Wiederholung ähnlicher thörichter Ein- 
mischungsversuche in Deutschlands innere Angelegen- 
heiten Verzicht leisten. Denn an derThatsache ist in 
alle Ewigkeit nichts zu ändern : „Deutschland den 
Deutschen!" 

Das klingt anders, als im officiösen „Fremden- 
blatt" in Wien. Man sieht, die Pressjuden in Berlin 
bedienen den preussischen Hof viel besser als die 
Pressjuden in Wien die österreichische Regierung. 
Merkwürdig ist nur dabei das, dass diese Pressjuden 
in die Welt rufen, Deutschland müsse nur Deutschen 



109 



gehören, aber den freien Einzug der gefährlichsten 
Individuen, der Juden, dabei mit gänzlichem Still- 
schweigen behandeln. 

VlII. Oesterreichs Nationalitäten. 

Die Lage des habsburgischen Reiches ist von der 
göttlichen Vorsehung dazu geschaffen, um den zahl- 
reichen kleineren Völkern ein Heim zu bereiten. Wäh- 
rend in den europäischen Weststaaten eine. Nation 
ein numerisches Uebergewicht aufzuweisen hat, so 
dass man hier von Nationalstaaten sprechen kann^ 
hat innerhalb der österreichisch-ungarischen Mon- 
archie keine Nation ein derartig numerisches Ueber- 
gewicht, dass hier von einem Nationalstaat im Sinne 
Mazzini's, Gavour's, Bismarcfc's und Bülow's gespro- 
chen werden kann. Die unselige Lehre vom reinen 
Nationalstaate hat dem habsburgischen Reiche schon 
derartig schwere Wunden geschlagen, dass doch die 
Regierungsmänner Oesterreichs nur ein wenig in die 
Geschichte dieses Reiches zurückschauen brauchen^ 
um zu erkennen, dass die römisch-heidnische Lehre 
vom reinen Nationalstaate auf Oesterreich keine An- 
wendung linden darf. Welches Unglück hat doch 
die josephinische Zeit über Oesterreich gebracht! 
Damals arbeitete der ganze staatliche bürokratische 
Apparat dahin, um die Monarchie zu einem centra- 
lisirten deutschen Nationalstaate umzuwandeln. Aber 
das Gegentheil wurde erreicht. Die bürokratische 
Staatsmaschine bemühte sich auch die Kirche diesem 
Zwecke dienstbar zu machen. Die Orgien der jose- 
phinischen Aufklärung Hessen denn auch die trau- 
rigsten Spuren hinter sich. Die josephinische Regie- 
rungszeit gab den heutigen Juden den Grundstock 
zu ihrem ungeheueren Reichthum, über den sie heute 
verfügen. Wie die Bürokraten in der Kirche wirthschaf- 
teten, ebenso machten sie es im Bereiche der Regie- 
rung über die Völker des österreichischen Staates. 
Und heute scheint die Weisheit gewisser Hofräthe 
in Wien nicht anders geworden zu sein, sie können 
Oesterreich nicht regieren, ohne ihre „Weisheit" alle 
Tage aus den Spalten eines Judenblattes, vor allem 



110 



der „Neuen Freien Presse" zu schöpfen. Oesterreichs 
Nationalitäten bieten nach den Ergebnissen der ofi- 
ciellen Statistik folgende Zahlengruppen dar. Wir 
behalten die Zählung nach den beiden Reichshälften. 

In der österreichischen Reichshälfte waren ge- 
zählt : 

Jahr 1857 1890 1900 

Deutsche 6,042.347 8,461.997 9,167.898 

Gzechoslaven .... 4,385.010 5,473.578 5,959.825 

Polen 2,117.148 3,726.827 4,260.961 

Ruthenen 2,273.719 3,101.497 3,343.323 

Slovenen 1,081.862 1,176.535 1,192.750 

Serbe-Kroaten . . . 424.431 644.769 711.439 

Italiener 483.891 674.701 727.084 

Rumänen 175.679 209.026 230.962 

Dazu gehören noch Magyaren in der Bukowina, 
die im J. 1857 auf 7400 und 1900 auf 9.^12 angegeben 
werden. Hiemit haben wir die Hauptgruppen nach der 
oficiellen Zählung angegeben. Leider existirt in Oester- 
reich keine andere Zählung als wie sie von der sta- 
tistischen Kommission in Wien vorgenommen wird. 
Dass diese Zählungen nicht verlässlich sind, darüber 
wurden schon sehr oft Beschwerden eingebracht. Zuerst 
müssen wir auf einen Kniff dieser Kommission auf- 
merksam machen. Anstatt den richtigen Begriff „Na- 
tionalität" führte die Kommission den Begriff Um- 
gangssprache ein. Die Absicht ist sehr durchsichtig, 
man hat damit sämmtliche Nichtdeutsche, welche 
unter den Deutschen wohnen, zur deutschen Um- 
gangssprache oficiell kommandirt, um damit Oester- 
reich den deutschen Charakter wenigstens auf dem Pa- 
piere zu behaupten. Nach der Tabelle ist denn auch die 
deutsche Umgangssprache gewaltig angewachsen, keine 
andere Gruppe weist einen solchen numerischen Zu- 
wachs auf. Aber es ist dabei hervorzuheben, dass im 
Jahre 1857 die Juden als eine separate Nationalität 
angeführt sind, während sie später nicht mehr anzu- 
treffen sind, als nur in der Rubrik Konfession. Im 
Jahre 1857 waren im heutigen Oesterreich Juden 
620.996, im Jahre 1900 aber 1,224.708. Da sich die 
Juden erfahrungsgemäss zu der deutschen Umgangs- 
sprache melden mindenstens zu 80 Procent, ist also 



111 



von den Deutschen des Jahres 1900 in Oesterreich 
^/4 Million Juden in Abschlag zu bringen und dann 
mindestens ein halbe Million Slaven, welche officiell 
zu der deutschen Umgangssprache auf dem Papiere 
zugeschlagen wurden. Die faktische Zahl der Deutschen 
arischer Abstammung im Jahre 1900 in Oesterreich 
wird kaum die Zahl T'/a Millionen erreichen. Gehen 
wir nun zu der detaillirten Rechnung über. Darnach 
waren die Nationalitäten auf die einzelnen Kronländer 
folgendermassen vertheilt. 

Niederösterreich. 



Jahr 


Deutsche 


Gzechoslaven 


i Juden 


1857 


1,341.770 


12.270 


6.949 


1900 


2,711.418 


135.477 


157.248 


Oberöst. 


erreich. 






Jahr 


Deutsche 


Czechoslaver 


i Juden 


1857 


688.290 


— 


4 


1900 


795.565 


3.527 


1.280 


Salzburj 


?• 






Jahr 


Deutsche 


Gzechoslaven 


. Juden 


1857 


140.197 


— 


— 


1900 


185.694 


548 


199 


Steiermark, 






Jahr 


Deutsche 


Slovenen 


Juden 


1857 


640.866 


369.246 


6 


1900 


902.424 


409.449 


2.283 


Kärnten 


, 






Jahr 


Deutsche 


Slovenen 


Juden 


1857 


231,558 


92.767 


— 


1900 


269.971 


90.497 


212 


K r a i n. 








Jahr 


Deutsche 


Slovenen 


Juden 


1857 


29.783 


421.398 


— 


1900 


28.177 


475.304 


145 


Küstenl 


and. 






Jahr Deutsche 


Slovenen 


Serben u. 
Kroaten 


Italiener Juden 


1857 8.150 


198.451 


132.591 


113.486 3.713 


1900 19.454 


212.978 


143.602 


334.152 5.534 



112 



^ T i r o 1 u n d V r a r 1 b e r g. 

Jahr Deutsche Italiener Juden 

1857 525.092 325.415 548 

1900 573.156 373.909 1.125 

! Böhmen. 

Jahr Czechoslaven Deutsche Juden 

1857 2,925.982 1,766.372 86.339 

1900 3,930.071 2,337.044 92.806 

Mähren 

Jahr Czechoslaven Deutsche Juden 

18ö7 1,351.982 483.518 41.529 

1900 1,728.130 674.740 44.255 

Schlesien. 

Jahr Czechoslaven Deutsche Polen Juden 

1857 92.326 234.843 133.602 3.280 

1900 146.362 296.571 220.375 11.988 

Galizien. 

Jahr Polen Ruthenen Deutsche Juden 

1857 1,981.076 2,085.431 114.293 448.973 

1900 3,9-90.621 3,042.199 211.941 811.149 

Bukowina. 

Jahr Deutsche Ruthenen Rumänen Juden 

1857 37.855 188.288 175.679 29.887 

1900 .159.477 217.809 229.024 96.156 

Dalmatien. 

Jahr Serbokroaten Italiener Juden 
1857 369.310 45.000 318 
1900 565.329 15.240 334 
Die officielle Statistik gibt weiter folgende Zah- 
len an. 

Vom J. 1890-1900 Zunahml Percenten 

Deutsch 709.359 8-38 

Gzechoslavisch 482.526 8*82 

Polnisch 539.920 14-52 

Ruthenisch 270.355 8-71 

Slovenisch , . . . 16.108 1-37 

Serbo-kroatisch 66.454 10-30 

Italienisch 51.797 767 

Rumänisch 21.853 10-4Ö 



113 



Das absolute Verhältniss der Nationalitäten in 
den Ländern der böhmischen Krone gibt die officielle 
Statistik folgendermassen an: 

Deutsch 

Böhmen Mähren Schlesien 

1890 2,159.011 664.168 281.555 

1900 2,337.013 675.492 296.571 
Zunahme in Percenten 

8-24 1-7 5-33 

Gzechoslavisch 

Böhmen Mähren Schlesien 

1890 3,644.188 1,590.513 129.814 

1900 3,930.093 1,727.270 146.255 
Zunahme in Percenten 

7-85 8-6 12-67 

Sehr auffallend ist der Vergleich der percen- 
tuellen Zunahme der deutschen Umgangssprache in 
den einzelnen Kronländern. 
Es zeichneten 

Deutsche P^rcentueUe 
Umaanffs- Vermehrung 
s^?ache ^^' Bevölkerung 
spiache überhaupt 

Nieder-Oesterreich .... 14-78 16*00 

Ober-Oesterreich 297 3-04 

Salzburg 10*56 10*60 

Steiermark 6*42 5 07 

Kärnten 6*02 1-37 

Krain 0*51 1-75 

Triest 24-95 11-52 

Görz u. Gradiska 60*73 5-40 

Istrien 1985 837 

Tirol 5-36 4*10 

Vorarlberg 671 9*47 

Böhmen 8-24 8-05 

Mähren 170 7-05 

Schlesien 5*33 12*00 

Galizien 6*96 10*73 

Bukovina 19*46 12 61 

Dalmatien . . 13*82 12*22 

Diese percentuale Tabelle ist sehr wichtig. Mit 

ihrer Veröffentlichung hat die officielle Statistik den 

8 



114 



Deutschen in Oesterreich einen sehr schlechten Dienst 
erwiesen. An ihr sehen wir das klare Bild der na- 
tionalen Massenmorde, wie sie zu Gunsten des deut- 
schen Elementes bei der Volkszählung vorgenommen 
werden. Man vergleiche doch die Alpenländer, wo 
der Sprachenstreit weniger vortritt, wo also reinere 
deutsche Gebiete sind, wie z. B. Ober-Oesterreich. 

Da ist die Zunahme der Bevölkerung 3 Percent 
und die Zunahme der deutschen Umgangssprache 
2*97 Percent, also bei der Volkszählung keine natio- 
nalen Morde. Das Bild wird sogleich ein anderes, 
wo der Nationalitätenkrieg geführt wird. 

In Böhmen hat sich die Bevölkerung absolut um 
8*05 Percent vermehrt, aber die deutsche Umgangs- 
sprache um 8'24. Darnach könnte man berechnen, 
wie viel Personen zur deutschen Umgangssprache ge- 
zwungen worden sind. 

Die deutsche Umgangssprache nimmt also zu 
durch die nationalen Massenmorde, welche bei der 
Volkszählung an den Angehörigen nichtdeutscher Natio- 
nalität in den Gemeindestuben, wo deutsche Majorität 
ist, vorgenommen werden. Und das ist ja das Ziel 
der Deutsch-Nationalen. Sie geniessen dabei die Pro- 
tektion so mancher Hofräthe in Wien. Auf dieser 
künstlichen Volkszählung beruht auch die ganze na- 
tionale Politik der Deutschen in Oesterreich. Es sollen 
die nationalen Minoritäten mit jeder und aller Gewalt 
unterdrückt werden, um darauf die Sprachengesetze 
zu konstruiren. Dass hat denn auch der Minister- 
präsident Dr. Körber, der geheime inlime Freund der 
Alldeutschen auch gethan. Er überreichte dem Reichs- 
rathe am 14. Oktober 1902 ein Sprachengesetz, das 
ganz auf den Leib der alldeutschen Wünsche zuge- 
schnitten ist. Seine „Grundsätze" für Böhmen 
sind : Die deutsche Sprache wäre im bisherigen Um- 
fange zu gebrauchen: 1. im gesammten Verkehre mit 
den militärischen Behörden und der Gendarmerie 
und für deren dienstliche Anforderungen ; 2. im Ver- 
kehre mit den Behörden ausserhalb des Königreiches 
Böhmen. Die deutsche Sprache wäre ferner zu ge- 
brauchen : 1. von allen landes fürstlichen Behörden, 
sowohl im inneren Dienstverkehre wie in der amtli- 



115 



chen Korrespondenz ; bei der Anlegung und Führung 
aller Listen, Ausweise und Vormerke, die von den 
politischen Behörden in Angelegenheiten der bewaff- 
neten Macht geführt werden; bei den zur Vorlage an 
die Gentralstellen bestimmten Berichten, Gutachten, 
Geschäfts- und statistischen Ausweisen ; bei den In- 
formationen, Berichten, Vormerken und Ausweisen in 
staatspolizeilichen Angelegenheiten, bei den Angele- 
genheiten der staatlichen Sicherheitswache und bei 
den Qualifikationstabellen der Staatsbediensteten ; 2. 
von allen landesfürstlichen Kassen und Aemtern, die 
mit Geldgebaren, bei der Führung der Kassenjournale, 
Kassenausweise, Register, Gebrauchsnachweisungen und 
aller sonstigen Kassenbehelfe, die von den Gentral- 
organen zur Ausübung der Kontrolle oder zur Zu- 
sammenstellung periodischer Nachweisungen benützt 
werden; 3. in allen Betriebs- und Verkehrsangelegen- 
heiten im inneren Dienste und in der Manipulation 
des Post- und Telegraphendienstes, der einer Gentral- 
leitung unmittelbar unterstehenden ärarischen Etablis- 
sements, sowie für den gegenseitigen Verkehr der 
betreffenden Organe und Aemter; für die nichtärari- 
schen Postämter mit grösserem Geschäftsumfange wä- 
ren diese Bestimmungen soweit als möglich anzu- 
wenden. 

Abgesehen von der Einheit der Sprache in den 
angeführten Amtshandlungen und Agenden, wären 
grundsätzlich bei den landesfürstlichen Behörden drei 
Sprachgebiete zu unterscheiden: 1. ein einsprachig 
böhmisches, 2. ein einsprachig deutsches, 3. ein zwei- 
sprachiges Sprachgebiet. Als einsprachig haben jene 
Gerichtsbezirke zu gelten, in welchen bei der Volks- 
zählung vom Jahre 1900 und in der Folge bei jeder 
zweiten jeweiligen Volkszählung weniger als 20 Pro- 
cent der ansässigen Bevölkerung die andere Landes- 
sprache als ihre Umgangssprache angegeben haben. 
Alle anderen Gericht sbezirke sind zweisprachig. Die 
landesfürstlichen Behörden haben je nach dem Ge- 
biete, auf welche sich ihr Wirkungskreis erstreckt, 
als einsprachig oder als zweisprachig zu gelten. Be- 
hörden, welche mehrere Bezirksgerichtssprengel um- 
fassen, gelten als zweisprachig, wenn einer oder 

s* 



116 



mehrere dieser Sprengel anderssprachig sind als die 
übrigen Sprengel. Ausserdem werden im Gesetze 
noch einzelne konkrete Behörden (in Prag) bezeichnet 
werden, die mit Rücksicht auf die örtlichen Verhält- 
nisse als zweisprachig zu betrachten sind. Im Inter- 
esse der Erzielung möglichst einsprachiger Behörden 
wären binnen eines bestimmten Zeitraumes die Ver- 
waltungs- und Gerichtsbezirke derart umzugestalten, 
dass die Gerichtsbezirke in der Regel nur einspra- 
chige Gemeinden, die politischen Bezirke in der Regel 
nur einsprachige Gerichtsbezirke umfassen, wobei 
selbstverständlich den Wünschen der Bevölkerung, 
sowie den Verkehrsverhältnissen entsprechend Rech- 
nung getragen werden müsste. Wenn nach durchge- 
führter sprachlicher Abgrenzung der Gerichtsbezirke 
einem einsprachigen Bezirke ausnahmsweise einzelne, 
grössere einsprachige Gemeinden der anderen Landes- 
sprache zugewiesen bleiben, so können für den äusse- 
ren Dienstverkehr der zuständigen landesfürstlichen 
Behörden mit den Bewohnern und Vertretungen solcher 
Gemeinden besondere Bestimmungen zum Zwecke der 
möglichsten Berücksichtigung der anderssprachigen 
Minderheit auf Verordnungswege getroffen werden. 

Wenn wir einen Blick werfen auf die Nationali- 
täten Oesterreichs, abgesehen von den ungarischen 
Reichshälfte, so erhalten wir auf Grund der officiellen 
Statistik folgendes Bild: 

Ende des Jahres 1857 1900 

Deutsche .... 6,042.347 9,167.898 

Slaven ... . 10.282.470 15,468.298 

Wie wir schon gesagt haben, ist die officielle Sta- 
tistik zu korrigiren. Wenn wir von den Deutschen 
des Jahres 1900 eine V2 ^ill- Juden abrechnen und 
mindestens V2 Million Slaven, die zur deutschen 
Sprache gezwungen wurden, so ist die faktische Be- 
völkerung in Oesterreich der Nationalität nach höch- 
stens 8 Millionen Deutsche arischen Blutes und 16 '/2 
Millionen Slaven ebenso arischer Abstammung. Die 
Gesammtbevölkerung Oesterreichs Ende 1900 war 
26,150.708. Somit bilden die Deutschen 32'/2 Procent 
der Gesammtbevölkerung, also nicht ganz ein Drittel. 
Die officielle Statistik spricht den Deutschen 36 Pro- 



11' 



Cent der Gesammtbevölkerimg zu, was wir nun hier 
entsprechend der Wirklichkeit korrigirt haben. Soll 
nun dieses eine Drittel die Hegemonie in Oesterreich 
führen ? Das werden doch nicht auch die verbissen- 
sten Schönerianer behaupten wollen. 

Die Alldeutschen in Oesterreich haben aber einen 
Ausweg, sie stützen sich auf ihre Stammesgenossen 
draussen in Preussen-Deutschland. Auf diese gestützt 
sagen die Schönerianer und Genossen, dass die Deut- 
schen in der Mehrheit sind und die slavischen Völker 
als die kleinen Nationen dem grösseren Volke unter- 
than sein müssen. Der alldeutsche Gedanke hat seinen 
Anfang genommen nach dem Siege Deutschlands über 
Frankreich. Französische Politiker beginnen auch jetzt 
eifrig, die Bestrebungen Freussen-Deutschlands Oester- 
reich und seine Völker zu verschlingen, zu beobachten 
Der französische Politiker Lair behauptet fest, dass die 
Militärpartei in Preussen-Deutschland sicher und kon- 
sequent darauf arbeite, Oesterreich bis zur Adria zu 
annektiren und dazu Belgien und Holland. Die offi- 
ciellen Diplomaten Preussen-Deutschlands leugnen 
dies zwar nach aussen. Darum meidet jetzt Preussen- 
Deutschland sehr ängstlich jede Reibung mit Frank- 
reich und Russland. Auch Graf Fleury hat unlängst 
seine Memoiren veröffentlicht, wie das heutige Preus- 
sen-Deutschland gross geworden ist. Es war dies 
möglich durch die russische Politik des Jahres 1870. 

Der Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 
war unvermeidlich geworden ; da musste es sich den 
feindlichen Mächten um die Knüpfung von Allianzen 
einerseits und um die Sicherung der Neutralität seitens 
der übrigen Mächte andererseits handeln. Die Lage 
gestaltete sich für Frankreich sehr ernst ; seine Hoff- 
nungen, den russischen Kanzler GortschakofY, der noch 
vor Kurzem eine Schwenkung von der alten preus- 
sischen Waffenbrüderschaft und Allianz zu einem 
Einvernehmen mit Frankreich zu machen schien, um- 
zustimmen, erwiesen sich als eitle, denn Gortschakoff 
zögerte nicht, in dem Augenblicke, da die Ereignisse 
eine kriegerische Wendung nahmen, Partei für Preus- 
sen, das er für den angegriffenen Theil hielt, an den 
Tag zu legen. Das Ziel, wonach Gortschakoff strebte, 



118 



bestand in dem Bemühen, es zu verhindern, dass 
Oesterreich-Ungarn seine Unterstützung Frankreich 
angedeihen lasse ; überdies übte er einen Druck auf 
den dänischen Hof aus, um diesen zur Beobachtung 
der striktesten Neutralität zu zwingen und ihn zu 
verhindern, dass er sich von der dänischen öffentli- 
chen Meinung zum Abschlüsse einer Allianz mit 
Frankreich bestimmen lasse. Der russische Kanzler 
hoffte, dadurch für Russland die Abänderung der ihm un- 
angenehmen Bestimmungen des Pariser Vertrages vom 
Jahre I806 zu erlangen. Es war nun die Aufgabe des 
Grafen Fleury, den überwiegenden Einfluss Preussens 
in Petersburg zu bekämpfen. Am 15. Juli 1870 Hess 
die russische Regierung dem österreichisch-ungari- 
schen Minister der auswärtigen Angelegenheiten die 
kategorische Erklärung zukommen, sie werde es unter 
keinen Umständen dulden, dass Oesterreich-Ungarn 
mit Frankreich gemeinsame Sache mache. Es war 
schon .ein grosser Erfolg von Fleury's Bemühungen, 
dass in der Neutralitätserklärung des Gzars Alexan- 
der II. von 23. Juli die entscheidende Klausel, welche 
sich auf die österreichisch-ungarische Monarchie bezog, 
nicht enthalten war ; es bedurfte der grössten Klug- 
heit und Vorsicht Fleury's, um dieses unter den da- 
maligen Verhältnissen nicht unbedeutende Resultat 
zu erlangen. Dies spiegelt sich am deutlichsten in 
dem folgenden Berichte Fleury's an den Herzog von 
Gramont (vom 13. Juli 1870) ab : „Die Situation ist 
hier nicht ohne Ernst ; es gibt hier zwei Strömungen, 
die man die russisch-deutsche und die russisch-fran- 
zösische nennen kann. Der Gzar ist beeinflusst von 
seinen Familiengefühlen und von preussischen Einge- 
bungen und Interessen. Der Grossfürst-Thronfolger 
und die Armee hingegen sind Frankreich zugethan ; 
allein der Gzar ist es, der befiehlt. Die Politik des 
Kabinets ist, wie ich im Vertrauen erfahren habe, die 
folgende: Man wünscht den Krieg lokalisirt zu sehen; 
um diesen Preis kann man auf die Neutralität Russ- 
lands rechnen. Wenn Frankreich jedoch daran ginge, 
Oesterreich-Ungarn in den Kampf mitzureissen, würde 
der Krieg für Russland einen so gefahrdrohenden 
Gharakter annehmen, dass es diesem schwer fiele, 



119 



unparteiischer Zuschauer zu bleiben. Es wäre dem- 
nach gefährlich, sich in unnützer Weise mit dem 
schwachen und schlaffen Oesterreich blosszustellen, 
das durch seine Agenten hier erklären liess, dass es 
vor Ablauf von zwei Jahren sich zu nichts verpflichten 
kann, noch will. Russland beobachtet es jedoch. Schon 
kündigt man an, dass zwei Kosaken-Regimenter sich 
an die galizische Grenze begeben. Andererseits erörtert 
die öffentliche Meinung und die Presse die Idee der 
Revision des Vertrages vom Jahre 1856. Man droht 
wohl noch nicht, allein es scheint, dass man daraus 
eine Bedingung der Sympathie und des Einvernehmens 
mit Frankreich macht ... Es wäre darum von grosser 
Wichtigkeit, ein wenig die bedeutenderen Tagesblätter 
zu leiten und auf sie Einfluss zu nehmen. Ich bitte 
Sie, mich zu ermächtigen, die nöthigen Ausgaben dafür 
machen zu dürfen." 

In Paris war man jedoch nicht geneigt, auf die 
eventuelle Hilfe Oesterreich-Ungarns unbedingt zu 
verzichten. Am 20. Juli richtete der Herzog von 
Gramont die folgende Note an den Grafen Fleury: 
„Wir benöthigen absolut die bewaffnete Neutralität 
Oesterreichs, um den Krieg zu beginnen ; das will 
sagen 100.000 Soldaten in Böhmen und später seinen 
Beistand. Gleichzeitig können wir jedoch Russland 
beruhigen und ich kann hoffen, dass das Wiener Ka- 
binet nicht säumen wird, Russland in diesem Sinne 
Vorschläge zu machen, die ihm annehmbar scheinen 
werden. Wir verlangen dagegen vom Petersburger 
Kabinet nichts als seine Neutralität . . . Ich muss 
Sie im Vertrauen davon benachrichtigen, dass wir 
mit Italien gleichzeitig wie mit Oesterreich-Ungarn 
verhandeln und die Hoffnung hegen, dass wir näch- 
stens zu einem gemeinsamen Einverständniss gelan- 
gen werden ; machen Sie Ihrerseits alle Anstrengun- 
gen, um Russland zu einem Vertrage zu bestimmen." 

Die französische Regierung verhehlte sich nicht 
die Schwierigkeit, sich die Neutralität Russlands unter 
den geschilderten Umständen zu sichern; sie machte 
es jedoch ihrem Petersburger Botschafter zur Pflicht, 
Alles aufzubieten, um dieses Ziel zu erlangen, ohne 
jedoch irgend eine Verpflichtung für die Zukunft ein- 



120 



zugehen. Allein der Gzar mochte nicht davon abste- 
hen, dass Oesterreich-Ungarn die strikteste Neutralität 
-- also nicht die bewaffnete — bewahre. Er erklärte dem 
Grafen Fleury, dass er den Besitzstand unserer Monar- 
chie gegen die allfälligen Gelüste Preussenszu garantiren 
bereit sei ; er könne es jedoch unter keiner Bedin- 
gung zugeben, dass Oesterreich-Ungarn eine defensive 
Haltung einnehme. Wenn es in Böhmen Truppen kon- 
centriren würde, sei der Gzar entschlossen, darauf 
sofort mit einer bewaffneten Neutralität zu antworten, 
deren Folgen und Gefahren nicht vorauszusehen wären. 
Vielleicht, so meinte Fleury, hat der Kaiser Alexander, 
indem er sich zum Bürgen der österreichisch- 
ungarischen Monarchie machen will, die Absicht, da- 
durch dieser jeden Vorwand zu benehmen, Frankreich 
beizustehen. Am 26. Juli 1870 konnte der Graf Fleury 
dem Herzog von Gramont bereits die Versicherung 
geben, dass Frankreich auf die strikte Neutralität 
Russlands zählen könne, aber immer nur unter der 
Voraussetzung, dass Oesterreich nicht eine bewaffnete 
Haltung beobachte. „Welches immer auch," so fügte 
er hinzu, „die Projekte einer geheimen Allianz mit 
Preussen sind, die man Russland zuschreibt, ich werde 
nicht daran glauben, so lange, als Oesterreich-Ungarn 
keinen Anlass dazu bieten und Frankreich nicht die 
Aspirationen Polens ermuthigen wird. Thatsächlich 
spricht sich die öffentliche Meinung, die Presse, die 
Armee (Russlands) von Tag zu Tag energischer gegen 
jede Vergrösserung Preussens aus und zeigt sich uns 
immer sympathischer." Am nächsten Tage schon be- 
auftragte der Herzog von Gramont den französischen 
Botschafter, der russischen Regierung die rückhalts- 
loseste Erklärung abzugeben, dass Frankreich nicht 
daran denke, Russland irgendwo Schwierigkeiten zu 
bereiten, noch die Aspirationen Polens zu ermuthigen. 
Diese Erklärung machte auf den Kaiser Alexander IL 
den besten Eindruck ; er versicherte den Grafen Fleury, 
dass Russland sich verpflichte, Oesterreich seine 
deutschen Provinzen gegen die Eingriffe Preussens zu 
garantiren und die strikteste Neutralität zu bewahren. 
Der französische Botschafter knüpfte an diesen 
Bericht die folgende Betrachtung: „Wir müssen nun 



121 



mit Ruhe und in Kenntniss der Sachlage erwägen, 
ob der Verlust der effektiven und unmittelbaren Hilfe 
Oesterreich-Üngarns nicht mehr als aufgewogen wird 
durch die Gewissheit der strikten Neutralität Russ- 
lands sowohl in Rücksicht auf die gegenwärtigen 
Verhältnisse, wie auf die künftigen Eventualitäten. 
Ich weiss es wohl, dass Oesterreich, wenn es sich 
in den Kampf mengen würde, uns eine sehr schätz- 
bare und sehr wirkungsvolle Hilfe zu bieten scheinen 
müsste. Durch eine Truppenkoncentration in Böhmen 
würde es einen beträchtlichen Theil der preussischen 
Streitkräfte lahmlegen. Es würde durch sein Bei- 
spiel Italien für eine Allianz mit uns mitreissen und 
uns. wenn es Italien den Weg durch Tirol freigäbe, 
ermöglichen, Süddeutschland in der Flanke anzu- 
greifen. Die Verlockung wäre in der That gross, der 
Vortheil sehr beträchtlich ; allein Russland würde dies 
niemals zugeben. Unter dem Vor wände einer Gährung 
in Polen, die es selbst hervorrufen könnte, würde 
Russland in Galizien eindringen, sich ganz gegen 
Oesterreich richten, das es hasst, um es zu vernich- 
ten und sich einen freien Weg nach Konstantinopel 
und dem Orient zu bahnen. Wäre Oesterreich im 
Kampfe mit den Ungarn, die den Krieg nicht wollen, 
materiell in der Lage, den Verstoss Russlands aus- 
zuhalten, selbst wenn alle seine Völker treu zu ihm 
hielten ? Ich glaube es nicht. Bei seiner verschuldeten 
Finanzlage, seiner unvollendeten Rüstung, bei den 
Schwierigkeiten, die es im Innern bedrohen, wäre 
Oesterreich unfähig, einer unerwarteten Erschütterung 
Stand zu halten, und der Ausgang des Krieges müsste 
ihm verhängnissvoll werden. Indem der Kaiser Alex- 
ander die absolute Neutralität Oesterreichs zur con- 
ditio sine qua non der seinigen macht, lässt er sich 
von dem Gedanken leiten, dadurch seinem Oheim 
{dem König Wilhelm von Preussen) einen Dienst zu 
erweisen und dadurch den friedlichen Intentionen 
seines Landes Genüge zu leisten. Wie gross auch 
immer die Loyalität seines Charakters ist und das 
Vertrauen, das ich zu seinem Worte habe, ich ver- 
hehle es mir doch nicht, dass der Gzar von seinen 
Familiengefühlen beherrscht wird und dass seine 



122 



Neigungen deutsche sind. Allein das russische Na- 
tionalgefühl ist gegen jede Vergrösserung Preussens, 
und der Kaiser Alexander weiss es genau, dass die 
Armee, die Presse und die öffentliche Meinung täg- 
lich Frankreich geneigter werden. Er könnte nicht 
ohne triftigen Grund eine offensive Stellung ergreifen, 
insolange Oesterreich ihm nicht dazu den Vorwand 
bietet. Es ist darum an uns, dieser Macht zu rathen, 
in der strikten Beobachtung ihrer Verbindlichkeiten 
zu verharren, und da sie nicht bedroht ist, ihre Lage 
nicht zu gefährden durch eine sterile Agitation oder 
durch unvollständige Vorbereitungen, die weder für 
sie, noch für uns von Nutzen sind . . . Die Neutra- 
lität Oesterreichs rettet dieses und sichert uns die 
Neutralität Russlands. Der Bestand Oesterreichs ist 
für uns nothwendig, es ist eine zu werthvolle Karte 
in unserem Spiel, wenn der Moment kommen wird^ 
anderweitig zu verhandeln und ein gestörtes Gleich- 
gewicht wiederherzustellen, um nicht zu wünschen, 
dass Oesterreich sich jeder Einmischung begebe, da 
von dieser Zurückhaltung meiner Meinung nach unsere 
guten Beziehungen zu Russland und das Wohl Oester- 
reichs abhängen." 

Nichtsdestoweniger blieb die Lage noch immer 
ungeklärt. Am 4. August berichtete Fleury dem Her- 
zog von Gramont, der Gzar habe ihm eine Depesche 
des russischen Gesandten in Paris, des Herrn Oku- 
neff, vorgelesen, des Inhalts, dass der Herzog von 
Gramont diesen offen davon benachrichtigt habe, 
Oesterreich könne nicht von der Koncentralion eines 
Armeekorps längs seiner Grenzen abgehen. Der Gzar 
ersuchte darum Fleury, dahin zu wirken, dass die 
französische Regierung dies verhindere, da er andern- 
falls genöthigt wäre, aus seiner Neutralität herauszu- 
treten. Ganz unumwunden erklärte Okuneff dem Her- 
zog von Gramont am 5. August, dass Russland sich 
rüsten werde, wenn dies von Seite Oesterreichs ge- 
schehen sollte, und dass es Oesterreich angreifen 
werde, wenn dieses Preussen attaquiren sollte. Gra- 
mont erwiderte darauf, dass diese Mittheilung in Wien 
und nicht in Paris zu machen sei; übrigens erklärte 
er, es nicht zu begreifen, wie Russland den Angriff* 



123 



auf Oesterreich-Ungarn rechtfertigen könnte, wenn 
diese Macht Russland nicht angreift, es müsste denn 
ein geheimer Vertrag zwischen Russland und Preus- 
sen bestehen. Er fügte noch hinzu, dass zwischen 
Frankreich und Oesterreich-Ungarn kein Vertrag ge- 
schlossen wurde, dass das Wiener Kabinet sich aus- 
schliesslich von seinen eigenen Interessen leiten lasse. 
Selbst nach der Niederlage der Generale Mac Mahon 
und Frossard konnte Gramont dem russischen Bot- 
schafter die Versicherung geben, dass Frankreich 
nicht den Beistand Oesterreich-Ungarns verlangt habe: 
was Italien betrifft, bemerkte Gramont, ist es wohl 
wahr, dass man von dieser Seite es ihm nahe lege, 
dem Kaiser Napoleon III. zu rathen, er möge sich 
diesbezüglich an den König Viktor Emanuel wenden, 
allein Gramont mochte vorläufig nichts dergleichen 
thun, weil er wusste, dass Napoleon nicht dazu zu 
bestimmen wäre. 

Die Niederlagen Frankreichs machten jedoch 
Russland bedenklich; man sah daselbst der Zukunft 
mit Sorgen entgegen; der Graf Fleury hielt den Mo- 
ment für geeignet, um Russland der österreichisch- 
ungarischen Monarchie zu nähern; er gab in einem 
Immediatberichte vom 14. August 1870 seiner be- 
stimmten Ueberzeugung Ausdruck, dass Russland 
nichts gegen eine Einmischung Oesterreich-Ungarns 
einwenden werde, wenn der Graf Beust die unzwei- 
deutige Erklärung abgeben würde, dass er die polni- 
schen Aspirationen nicht ermuthigen werde. In die- 
sem Falle würde der Kaiser Alexander II. aus seiner 
Neutralität nicht heraustreten und trotz seiner per- 
sönlichen Neigungen zu Preussen die nationale Po- 
litik seines Landes verfolgen, die sich immer ent- 
schiedener gegen Preussen erklärt. Der österreichisch- 
ungarische Botschafter in Petersburg, Graf Ghotek, 
begab sich am 14. August 1870 nach Wien, um den 
Kaiser Franz Josef und den Grafen Beust für diese 
Politik zu gewinnen; allein er konnte den Kaiser 
Alexander II. für den Vorschlag des Kaiser Franz 
Josef, eine bewaffnete Haltung auf dem Boden eines 
gemeinsamen Einverständnisses einzunehmen, nicht 
L'ewinnen : der Gzar war von seiner fixen Idee. Oester- 



124 



reich nicht aus der striktesten Neutralität heraus- 
treten zu lassen, nicht abzubringen, 

Inzwischen war die Lage Frankreichs immer 
misslicher geworden; man hegte bereits die Besor- 
gniss, der Sieger werde den Frieden nur um den 
Preis der Abtretung französischen Gebietes schliessen 
wollen ; um diesen Unglücksschlag abzuwenden, suchte 
die französische Regierung durch ihren Botschafter 
den Gzar und den Fürsten Gortschakoff dadurch zu 
einer Intervention zu bestimmen, dass sie erklären 
liess, Frankreich werde nicht eher die Waffen nie- 
derlegen, bis es nicht die Integrität seines Bodens 
gesichert habe. Thatsächlich erklärte Gortschakoff 
dem Grafen Fleury klipp und klar, dass der Gzar 
unter keinen Umständen einem Frieden zustimmen 
werde, der eine Erniedrigung Frankreichs und eine 
Verringerung seines Territoriums im Gefolge haben 
könnte. Der Gzar selbst bemerkte dem Grafen Fleury 
einige Tage später (am 29. August), dass er dem 
Könige von Preussen in einem Briefe zu verstehen 
gegeben habe, dass, falls Frankreich vollständig be- 
siegt wäre, ein Friedensschluss, der auf einer Ernie- 
drigung des besiegten Landes beruhen würde, blos 
ein Waffenstillstand wäre und dass ein solcher Waffen- 
stillstand für ganz Europa gefährlich sein müsste. Der 
König habe eine befriedigende Antwort darauf gege- 
ben, jedoch auf die grosse Schwierigkeit hingewiesen, 
den Verzicht auf einen Theil der eroberten Provinzen 
in Deutschland durchzusetzen. „Nach einem Ideen- 
austausch und einem energischen Protest dagegen 
meinerseits bestand der Gzar nicht weiter darauf. 
Sichtlich ergriffen durch meine Worte, antwortete er 
mir mit einer gewissen Wärme, dass er meine Mei- 
nung theile und dass er im gegebenen Momente laut 
und vernehmlich zu sprechen wissen werde, wenn es 
nöthig sein sollte." 

Allein die Verhältnisse änderten sich vom Grund 
aus; was der Gzar eventuell für das monarchische 
Frankreich gethan hätte, das konnte das revolutio- 
näre, republikanische nicht von ihm erwarten. Graf 
Fleury, der am 6. September 1870 der französischen 
Regierung seine Demission gegeben hatte, bemuhte 



125 



sich gleichwohl, die Abneigung des russischen Kabi- 
nets und des russischen Hofes gegen die französi- 
sche Regierung zu bekämpfen: es gelang ihm denn 
auch, durchzusetzen, dass das Petersburger Kabinet 
der preussischen Regierung rieth, die Pourparlers 
mit dem französischen Minister des Aeussern zu be- 
ginnen. Die Zusammenkunft wurde bewilligt und 
Jules Favre wurde am 19. September 1870 in Fer- 
rieres empfangen. Von Illusionen erfüllt, bildete sich 
Jules Favre ein, dass Preussen den Krieg gegen ein 
freies Volk nicht fortsetzen werde. Wie sehr er sich 
täuschte, dessen ward er alsbald inne, als Rismarck 
die elsässische Frage sofort ganz unumwunden auf- 
warf. 

Am nächsten Tage, nachdem Rismarck mit 
dem vom Gzar beeinflussten König Wilhelm Rath ge- 
pflogen hatte, zeigte sich Rismarck geneigt, den Frie- 
den gegen die Abtretung von „Strassburg und seiner 
Rannmeile" zu schliessen. Jules Favre wies auch 
diese Redingungen zurück und der Krieg wurde wei- 
tergeführt. Da der Kaiser Alexander II. sah, dass 
seine Intervention fruchtlos gewesen, zog er sich 
nunmehr von diesen Dingen vorläufig zurück. Auch 
das persönliche Erscheinen Thiers in Petersburg 
konnte an der zuwartenden Haltung des russischen 
Kabinets nichts ändern. Als die englische Regierung 
im Oktober 1870 den schüchternen Versuch machte, 
zu einem Einverständniss mit Russland behufs Vor- 
bereitung des Friedens zu kommen, wies der Gzar 
diesen Antrag ab, er schrieb jedoch dem Könige von 
Preussen und empfahl ihm die Annahme des Waf- 
fenstillstandes, indem er der Hoffnung Ausdruck ver- 
lieh, dass der Frieden alsbald folgen werde; er rietli 
dem König Wilhelm ab, auf der Forderung territo- 
rialer Abtretungen zu bestehen, denn diese würde 
den Friedensschluss vereiteln. 

Die Haltung Russlands im Jahre 1870 ermög- 
lichte das heutige Preussen-Deutschland, sie war zu- 
gleich eine Vergeltung Oesterreich gegenüber für 
seine Theilnahme am Krim-Krieg. Nun dürfte die 
Regierung in Petersburg einsehen, dass man jetzt 
im Westen einen sehr unbequemen Nachbar habe. 



126 



IX. Der Sprachenstreit. Die Schwäche der Staats- 
maschine Oesterreichs. 

Das heutige Preussen-Deutschland hat einen 
staatlichen Apparat der nach allen Seiten pünktlich 
funktionirt. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. regiert 
mit starker Hand die innere und äussere Politik 
Preussen-Deutschlands in eigener Person. Ihm stehen 
denn auch zur Verfügung sowohl das Heer als auch 
die Staatsbeamten. Das Salz dieser ungeheueren Macht 
wird aus dem preussischen Landadel rekrutirt, es 
sind dies die berühmten preussischen Junker, deren 
Ideal Bismarck ist und bleibt. Oesterreich ist in dieser 
Hinsicht nicht so glücklich ausgestattet. Es verfügt 
schon seit der theresianischen Zeit über keinen Staats- 
mann, der mit starker und glücklicher Hand die 
inneren Verhältnisse Oesterreichs geordnet hätte. 
Oesterreich hat bis heute noch kein Nationalitäts- 
gesetz, welches den inneren Frieden dieser Monarchie 
verbürgen könnte. Ein solches Gesetz ist einfach eine 
Unmöglichkeit, solange die Deutschnationalen nach 
der deutschen Staatssprache und der Vorherrschaft 
der Deutschen überall rufen und sich dabei der Stütze 
von Preussen-Deutschland erfreuen. 

Die habsburgische Monarchie war denn noch nie 
von den nationalen Kämpfen so durchtobt, als es 
heute der Fall ist und es hat den Anschein, dass der 
Kampf der Nationalitäten Dank der alldeutschen Pro- 
paganda an Gefährlichkeit und Ausdehnung immer 
zunehmen wird. Oesterreich treibt auf diese Weise 
einem inneren Bankerotte entgegen und der gute 
Nachbar wartet auf diesen Augenblick, um zu kom- 
men und „Frieden" zu stiften. Das ist wohl auch 
das Ende und das Ziel der alldeutschen Politik. 
Dieser Gefahr müsste eine ehrliche Regierung in 
Oesterreich bei Zeiten vorbeugen durch Schaffung 
eines gerechten Nationalitäten-Gesetzes und durch 
Schaffung eines Beamten, Körpers, dessen Glieder 
ehrlich und treu dem Kaiser, dem Vaterlande und 
dem Volke dienen sollten. In Oesterreich tobt der 
Sprachenstreit an mehreren Stellen des Reiches, In 
der Hauptsache dreht sich dieser Kampf um die 



12^ 



böhmische Frage. Dann haben wir den Sprachenkampf 
im Süden. Hier werden die Slovenen bedrängt von 
den Alldeutschen in Steiermark und Kärnten, Slove- 
nen und Kroaten im ganzen adriatischen Küstengebiet 
von der Italia irredenta. Die Italiener im Südtirol 
verlangen auch ihre Autonomie. Endlich zum Ueber- 
fluss lodert der Kampf zwischen zwei slavischen Na- 
tionen in Galizien, zwischen Polen und Ruthenen. 
Man sieht, dass die inneren Verhältnisse der 
habsburgischen Monarchie nicht absonderlich die 
rosigsten sind und man kann wohl auch den Aus- 
spruch des greisen Monarchen begreifen, indem er 
dem päpstlichen Nuntius erwiederte, dass nicht ein- 
mal der Papst soviel Drangsale habe als Er, der 
Kaiser von Oesterreich. Ueber die Bedeutung der 
böhmischen Frage, den ganzen Sprachenstreit in den 
böhmischen Ländern existirt schon eine gewaltige 
Literatur. Lassen wir nun die Arbeit des Dr. Kramäf 
hier folgen, welche er im September 1902 in der 
londoner „National-Review" veröffentlichte. Dr. Kra- 
mäf gibt zuerst einen geschichtlichen Ueberblick und 
dann geht er auf den Kernpunkt ein, den Kampf des 
bureaukratischen, deutschcentralistischen Staates mit 
dem modernen Staate der gleichberechtigten Völker, 
und kommt dabei auf die Verfassungskämpfe nach 
dem Jahre 1867 zu sprechen : „In Wien gab man 
auch alle Hoffnung auf," heisst es da, „die Ge- 
schichte wieder zurück zu korrigiren und machte 
die 1867er Verfassung gegen die nichtdeutschen 
Völker und für die Aufrechterhaltung der künstli- 
chen Hegemonie der Deutschen. Endlich kam der 
deutsch-französische Krieg. Aber auch da hat die 
Wiener Bureaukratie nicht eingesehen, dass Sedan 
nicht nur ein neues Deutsches Reich, sondern auch 
ein neues Oesterreich schaffen musste, ein Oester- 
reich, welches auf alle Zeiten alJe deutschen Aspi- 
rationen aufzugeben gezwungen war. In den höchsten 
Kreisen schien man diesen Gedanken zwar zu ver- 
stehen, unter der Regierung des Grafen Hohenwart 
wurde das berühmte Reskript an den böhmischen 
Landtag erlassen (September 1871), worin die Krö- 
nun§f versprochen wurde; aber bald siegte in Wien 



128 



die alte bureaukratisch-centralistische deutsche Rieh- 
tung, und man arbeitete buchstäblich: Pour le roi de 
Prusse. Man verstand es nicht, dass die künstliche, 
nur durch eine ungerechte Wahlgeometrie und den 
Centralismus aufrecht zu haltende herrschende Stel- 
lung der Deutschen eine Gefahr werden muss, auch 
wenn diese Deutschen damals noch sehr österrei- 
chisch waren. Sedan, das neue Deutsche Reich und 
die neue Weltstellung der Deutschen konnten mit 
ihrer moralischen Wirkung an den Grenzen Oester- 
reichs nicht aufgehalten werden. Die Jugend hat sich 
zu sehr an der ungeahnten, unerhofften Grösse des 
Deutschthums berauscht und neue Generationen 
wuchsen auf, die deulschnational, dann alldeutsch 
waren, kraft der Logik des nationalen Gedankens. Die 
künstliche Stellung der Deutschen, welche Oesterreich 
den Charakter eines deutschen Staates gab und es 
nach Deutschland unter Oesterreichs Führung hin- 
ziehen sollte, hat diese Mission nicht erfüllt, aber 
gewiss eine andere. Sie ist zu einer Gefahr für den 
Staat geworden, weil die Deutschen natürlich und 
selbstverständlich hingezogen werden zu einer Eini- 
gung mit den deutschen Brüdern. Diese haben sich 
jedoch schon geeinigt unter der Führung der Hohen- 
zollern, welche eine Stellung Oesterreichs in Deutsch- 
land wohl auf gleicher Linie mit Sachsen und Baiern^ 
aber nicht jene, von welcher Oesterreich einst ge- 
träumt hat, zulassen könnten. Man hat es unterlassen^ 
nach 1870 die natürlichen Konsequenzen aus den 
weltgeschichtlichen Ereignissen zu ziehen, Oesterreich 
auf seine föderalistischen geschichtlichen Grundlagen 
zu stellen und die Deutschen nicht künstlich zu einer 
nationalen Einigung in Oesterreich förmlich zu zwin- 
gen, sondern ihnen in den einzelnen Ländern mit 
den übrigen Völkern gleiche Rechte und gleiche 
Freiheit der vollen kulturellen und wirthschaftlichen 
Entwickelung zu gewähren, und so die Entstehung 
einer deutschen Frage für alle Deutschen in Oester- 
reich für lange Zeit zu verhindern. 

Man wollte und will es in Wien nicht verstehen, 
dass dieselbe Kraft des nationalen Gödankes, welche 
in Deutschland Throne gestürzt und zur Errichtung 



129 



des neuen Deutschen Reiches geführt hat, an der 
Grenze Oesterreichs, wenn es deutsch sein wird, nicht 
Halt machen wird, dass zwei deutsche Reiche neben 
einander eine Unmöglichkeit, eine Sünde gegen die 
Logik des deutschnationalen Gedankes sind, und dass 
ein deutsches Oesterreich in eine untrennbare Ver- 
bindung mit dem übrigen Deutschland kommen müsse. 
Man schaffe ein deutsches Oesterreich, ein Oesterreich 
unter deutscher Führung, wie es die Deutschen 
wollen, und diese werden die Konsequenzen des na- 
tionalen Gedankens, das gesetzlich garantirte Bünd- 
niss und die Zollunion mit Deutschland friedlich und 
ruhig durchführen, wenn die Opposition der nicht- 
deutschen Völker nicht stark genug wäre, sie daran 
zu hindern. Und die militärische und kulturelle Ueber- 
macht des preussischen Deutschland wird das poli- 
tisch und wirthschaftlich mit ihm verbündete, viel 
schwächere Oesterreich ohne grosse Schwierigkeiten 
effektiv in diese Lage bringen, wenn auch die Formen 
der Souveränität aufrecht blieben. 

In Wien will man aber das alles nicht verstehen. 
Die Bureaukratie ist deutsch, sie will Oesterreich 
weiter beherrschen, mit der deutschen Sprache ist es 
viel leichter und bequemer, und so ist man in Wien 
gar nicht gegen die Forderung des Herrn Schönerer 
nach der deutschen Staatssprache, obzwar man weiss, 
was die Alldeutschen damit wollen, und führt die- 
selbe nur deswegen nicht ein, weil man die Macht 
dazu nicht hat, aber wahrhaftig nicht, weil man die Lust 
dazu nicht hätte. Das Glück Oesterreichs und seiner 
Dynastie, dass das Reich nicht deutsch ist, dass es 
in der überragenden Mehrzahl von Völkern bewohnt 
ist, welche sich gegen alles Aufdrängen des Deutschen 
bis zum Aeussersten vertheidigen, das hält man in 
Wien für sein Unglück; seine einzige raison d'etre, 
der Hort und die Zuflucht aller seiner Völker zu sein, 
verstehen sie nicht oder wollen sie nicht verstehen, 
weil sie das Ende des bureaukratisch-deutschen und 
centralistischen Oesterreich bedeuten würde. Diese 
Tradition ist so stark, dass selbst die Kreise, die 
geradezu berufsmässig wollen müssen, und welche 
auch besorgt sind um das Reich und seine Zukunft, 



130 



nicht zu erkennen vermögen, dass ein starkes, inner- 
lich kräftiges, die alldeutschen Pläne rücksichtslos 
bekämpfendes Oesterreich eine europäische Nothwen- 
digkeit, ja eine Voraussetzung des heutigen Europas 
ist. Und sie können sich darauf doch getrost verlassen, 
denn ohne ein vollständig unabhängiges Oesterreich 
wäre für Deutschland der Weg frei zu einer gross- 
artigen Weltmachtstellung, wie sie die Weltgeschichte 
noch nicht kennt. 

Es wäre ein zusammenhängendes Imperium zu- 
meist mit natürlichen Grenzen, also militärisch schier 
unüberwindlich, ökonomisch stark, mit ungeheueren 
natürlichen Schätzen ausgestattet und befruchtet ; ein 
Weltreich, das der Träume der nationalen Deutschen 
unzweifelhaft werth ist, aber auch nur auf den Trüm- 
mern des historischen Gleichgewichtes Europas auf- 
gerichtet und von keiner Macht Europas ruhig hinge- 
nommen werden kann. Das sind so feste Fundamente 
für Oesterreichs Grossmachtstellung, dass man es 
einfach nicht begreifen kann, wenn, wie gesagt, sogar 
in den für die Zukunft des Staates entscheidenden 
Kreisen statt dessen mit dem Gedanken ängstlich 
herumgewandelt wird, den alldeutschen Radikalismus 
durch eine katholischklerikale Politik Oesterreichs zu 
bekämpfen. Man scheint sogar auf den Gegensatz des 
Katholicismus und Protestantismus in Deutschland 
zu rechnen und darin das Heil für die Zukunft, wenn 
nicht noch etwas mehr zu erwarten. Man vergisst 
aber dabei, dass das Deutsche Reich durch den eini- 
gen hinreissenden Enthusiasmus der Katholiken und 
der Protestanten aufgerichtet, durch katholisches und 
protestantisches Blut gekittet wurde, dass der mäch- 
tige. Alles belebende nationale Gedanke in allen, 
namentlich die Machtstellung Deutschlands betreffen- 
den Fragen alle Katholiken und Protestanten vereinigt 
und das Bewusstsein der grossen wirthschaftlichen 
und politischen Erfolge für dessen Bewohner doch 
viel mächtiger ist, als die Antipathie gegen das 
Preussenthum. Man kann eben aus dem Bannkreise 
der Gentralisation und damit der Sucht nach einer 
deutschen Uniformirung des Reiches nicht heraus, 
obzwar beide das alte Reich so tief geschädigt haben. 



131 



Wie hat die Gentralisation die Lebenskräfte Oester- 
reichs gelähmt ! Eingeführt von Maria Theresia im 
Jahre 1749 gegen verbriefte Rechte, gegen geschworene 
Krönungseide, sollte sie den von allen Seiten bedrohten 
Besitz der grossen Königin zusammenhalten, festigen 
und für die Zukunft retten. Und eingeführt wurde 
der Gentralismus nach dem Muster der preussischen 
Verwaltung, wie sie Friedrich II. in dem eroberten 
Schlesien eingerichtet hatte. Eine jahrhundertelange 
Geschichte wurde durch die Revolution von oben auf 
den Kopf gestellt. 

Die Länder der böhmischen Krone, bisher durch 
eine lose Realunion verbunden, wurden zu einem 
immer mehr bureaukratisch regierten administrativen 
Gebiete. Später kam noch Galizien und Dalmatien 
dazu, um den Widersinn der Gentralisation noch 
offenkundiger zu machen. Nach preussischem Muster 
richtete man die Gentralisation ein, aber an dem 
föderativen neuen Deutschland mit seiner ungeahnten 
Riesenkraft des Ganzen und der reichen Gliederung 
und Individualisirung seiner einzelnen Theile will 
man sich kein Beispiel nehmen. Das zurückgebliebene 
Galizien, die Alpenländer mit ihren specifischen For- 
men des wirthschaftlichen Lebens, und die hochent- 
wickelten böhmischen Länder Böhmen, Mähren und 
Schlesien werden nach derselben Schablone, aus 
denselben Kanzleien in Wien regiert. Was für die 
reichen Länder ein Fortschritt wäre, ist für die zu- 
rückgebliebenen ein unerlaubter Radikalismus, und 
so hemmt Eines das Andere und das Resultat ist 
das Zurückbleiben der Monarchie hinter den übrigen 
vorwärtsstrebenden europäischen Staaten. Man tröstete 
sich nun mit einem echt österreichischen Tröste. Alles 
sieht durch die deutsche Amtssprache nach aussen 
einheitlich aus und nach der Lehrmeinung der Deut- 
schen und der Wiener Bureaukratie ist diese deutsche 
Amtssprache der festeste Kitt, welcher Oesterreich 
zusammenhält, obzwar sie von der Majorität der 
Völker als Bedrohung ihrer nationalen Entwickelung 
und als eine ungerechte Bedrückung angesehen wird. 
Man bewegt sich eben in einem verzauberten Kreise. 
Die von Maria Theresia eingeführte Gentralisation 



132 



brauchte eine einheitliche Sprache, und dazu wählte 
man die Sprache des Wiener Hofes, die deutsche ; 
die germanisirenden Tendenzen seit den Fünfziger- 
Jahren bis heute brauchen wieder die Gentralisation, 
weil die Decentralisation ein Ende der Vorherrschaft 
der deutschen Sprache bedeuten würde. Und so ver- 
kettet sich die Germanisation und die Gentralisation 
zu der schweren Fessel, welche jede gesunde Einrieb» 
tung des Reiches hemmt und unmöglich macht. 

Das sind nach böhmischer Auffassung die bei- 
den Todfeinde Oesterreichs, und der Kampf gegen 
dieselben bildet das politische Programm des böhmi- 
schen Volkes. National wollen die Gechen die Gleich- 
berechtigung aller Völker, nicht nur die mechanische, 
in Amt und Schule, sondern die innere, volle Gleich- 
berechtigung. Jedes Volk, welches Oesterreich be- 
wohnt, soll sich unverhindert und frei national aus- 
leben. In seinem ganzen inneren und äusseren Leben 
soll es alles zu seiner Entwickelung haben, was es 
hätte, wenn es staatlich selbständig leben würde. Das 
ist ja die eigentliche Staatsidee Oesterreichs, seine 
Völker in ihrer Eigenart zu schützen, sie sich unge- 
hindert entwickeln zu lassen und ihnen allen gemein- 
sam den Schutz und die wirthschaftlichen Vortheile 
eines Grosstaates zu gewähren. Man darf nicht von 
inferioren Völkern sprechen, wie es sich die Deutschen 
angewöhnt haben. Hätte man den kleineren slavischen 
Völkern gleichzeitig mit den Deutschen alle die kul- 
turellen Hilfsmittel der modernen Bildung gegeben, 
wie es die Pflicht des Staates war, so wären sie nicht 
in ihrer kulturellen Entwickelung zurückgeblieben. 
Aber das Unrecht, welches man an diesen Völkern 
verübt hat, noch dadurch verschärfen zu wollen, dass 
man ihnen jetzt wegen dieser ungerechten, unver- 
schuldeten Rückständigkeit die höheren Schulen ver- 
weigert, ist ein Vorgehen, welches der rücksichtslose, 
brutale, nationale Ghauvinismus wählen kann, aber 
nicht die staatliche Politik gegen treue, alle Pflichten 
gegen den Staat opferwillig erfüllende Staatsbürger. 
Dies gilt namentlich für die Slovenen und die Kro- 
aten. Es ist gewiss ein Zeugniss für die sehr unge- 
sunden Verhältnisse im Staate, wenn die Frage der 



133 



Errichtung eines slovenischen Gymnasiums in Gilli, 
in einer in Steiermark, im rein slovenischen Gebiete 
liegenden, der Majorität nach deutschen Stadt zu einer 
Staatsfrage werden konnte. 

Die Deutschen empfinden allerdings dieses Streben 
nach voller nationaler Gleichberechtigung als einen 
nationalen Verlust, weil sie ja bis jetzt durch die 
staatliche deutsch-centralistische Politik derart na- 
tional unterstützt waren, dass sie auch vollständig 
unberechtigte Positionen inne hatten, dass sie, obzwar 
die Minorität, in vielen Vertretungskörpern doch die 
Majorität haben. Mähren ist z. B. beinahe zu drei 
Viertheilen von slavischer Bevölkerung bewohnt, aber 
durch künstliche Wahlordnungen haben die Deutschen 
im mährischen Landtage die Majorität. Das ist ein- 
fach unhaltbar. Ohne den geringsten Willen, die 
Deutschen national zu bedrängen, ihnen ihre Natio- 
nalität zu nehmen, werden die Böhmen doch die 
Majorität dort, wo sie die Majorität der Bevölkerung 
haben, auch in den gesetzgebenden Körperschaften 
und in den Städtevertretungen erlangen. Das ist ein- 
fach anders unmöglich, weil unnatürliche Zustände 
eine gewisse Zeit, aber nicht für immer aufrecht er- 
halten werden können. 

In Böhmen gibt es deutsche Gebiete, in welchen 
die deutsche Industrie böhmische Arbeiter braucht, 
weil die Böhmen mehr Ackerbau treiben und einen 
Ueberschuss an Arbeitern haben. Die deutsche Indu- 
strie kann ohne die böhmischen Arbeiter nicht exi- 
stiren, aber sie beschwert sich, dass dieselben die 
deutschen Städte und Gemeinden cechisiren. Und 
doch machen die böhmischen Arbeiter keinen einzi- 
gen Deutschen zum Gechen, sondern kommen, durch 
ehrliche, gute Arbeit ihren Lohn zu verdienen, wollen 
aber selbstverständlich Gechen bleiben, weil sie ihre 
Arbeit den deutschen Industriellen verkaufen, aber 
doch nicht ihre Seele, das heiligste, was sie haben, 
ihre Nationalität. Um so selbstverständliche Sachen, 
dass ein Geche Geche bleibt und dass er für seine 
Kinder öechische Schulen haben will, wird der Kampf 
geführt. Wenn in Oesterreich der in den Staatsgrund- 
gesetzen theoretisch ausgesprochene Grundsatz zur 



134 



That wird, so sind diese Verhältnisse weiter undenk- 
bar, und der Schutz der nationalen Minorität — und 
auch der Deutschen — muss neben einer gewissen 
Autonomie der Nationalitäten praktisch in der Ge- 
setzgebung und Verwaltung zur Geltung kommen. Die 
Deutschen behaupten allerdings, dass der Staat eine 
Sprache braucht und dass diese nur die deutsche 
sein kann. Vor Allem muss wohl der Staat zu seinen 
Bürgern die Sprache sprechen, welche diese verste- 
hen, er muss also alle Sprachen seiner Nationalitäten 
haben. 

Die staatliche Verwaltung ist ein lebendiges Ding, 
für den Verkehr mit dem Publikum bestimmt, und 
nicht ein Arcanum einer über dem Volke schweben- 
den Kanzleibehörde. Das mag früher gewesen sein, 
der moderne Staat könnte damit nicht leben. Die 
über den Völkern schwebenden Amtskanzleien konnten 
einst ihr eigenes Leben führen und deutsch inmitten 
einer slavischen Bevölkerung sein, aber heutzutage 
ist es ein Unsinn, ein Nonsens, ein Hinderniss der 
raschen und ins Leben greifenden Verwaltung, und 
es muss abgeschafft werden. Im inneren wie im 
äusseren Dienste muss das Amt sprachlich gleich sein 
mit der Majorität der Bevölkerung. Das wollte Graf 
ßadeni machen, das war sein grosser Gedanke, und 
wenn es den Deutschen gelungen ist, diese so natür- 
liche, so selbstverständliche Koncession an die Gechen 
durch ihre gewaltsame Obstruktion und durch die 
pangermanische Agitation wieder zu vernichten, so 
sehen sie wohl selbst heute ein, dass sie zu viel ge- 
wollt, und dass den Gechen ihre selbstverständliche 
Forderung erfüllt werden muss. Allerdings dort, wo 
eine amtliche Sprache nothwendig ist, bei den ober- 
sten Behörden, den Ministerien zu Wien, bei der 
Armee zur Erzielung einer schlagfertigen Organisation, 
bei dem auswärtigen Amte, bis zu einem gewissen 
Grade auch bei dem inneren Dienste der Eisenbahn 
haben die Böhmen immer dem praktischen Erforder- 
nisse die nothwendigen Koncessionen gemacht. Aber 
nie werden sie zugeben, dass dieses pralctische, mit 
der nothwendigen Decentralisation der Verwaltung 
immer geringer werdende Bedürfniss zu einer Fest- 



135 



Stellung der deutschen Sprache als Staatssprache -be- 
nutzt werde. Man muss den Deutschen gegenüber 
vorsichtig sein, denn sie sind in der Politik sehr 
logisch und verstehen es, alle Konsequenzen aus einer 
scheinbar noch so unschuldigen Koncession zu ziehen. 
Die Alldeutschen sagen es ja ganz offen heraus, 
warum sie die deutsche Staatssprache wollen. Erstens 
wünschen sie, dass Oesterreich ein deutscher Staat 
nach aussen sei, mit einer officiellen deutschen Staats- 
sprache dazu gestempelt, um daraus ihre Konsequen- 
zen zu ziehen, wie sie schon angedeutet wurden, und 
im Innern wollen sie unverhüllt, dass die Festlegung 
der deutschen Sprache als Staatsprache zur oblig. Erler- 
nung der deutschen Sprache in allen Schulen verpflichte 
oder, um es nach praktischen Erfahrungen darzu- 
stellen: Der Anfang heisst deutsche Staatssprache 
und der Schluss Wreszen und Marienburg. Die kleine 
Minorität der Polen in Preussen wird sich wehren, 
aber muss sich jede Gewaltthätigkeit dort, wo Macht 
zum Rechte wurde, gefallen lassen, aber die Mehr- 
heit der Bevölkerung Oesterreichs wird sich von der 
deutschen Minorität dieses kaudinische Joch nimmer 
aufzwingen lassen. 

Das zweite, was die Böhmen wollen, ist die Re- 
stitution ihres historischen Rechtes. Freiwillig haben 
sie mit den Ungarn 1526 die Monarchie der Habs- 
burger gegründet und der Besitz der Königstitel von 
Böhmen und Ungarn war das Fundament der Macht 
der Habsburger, nicht aber die deutsche Kaiserkrone 
oder der Besitz der Alpenländer. Die Folgen der 
Auflehnung der Stände gegen Ferdinand I. und die 
Schlacht am Weissen Berge waren eine innere Schwä- 
chung. Aber Böhmen blieb ein selbständiger Staat. 
Und Maria Theresia war ja nie etwas anderes, als 
Königin von Böhmen und Ungarn, weil sie ja nur 
die Gattin eines Kaisers von Deutschland war, der 
eine Krone, aber keine Macht besass. Maria Theresia 
hat zwar die böhmischen und österreichischen Länder 
centralisirt und so die Selbständigkeit des Königrei- 
ches Böhmen, ohne ein Recht dazu zu haben, schwer 
beschädigt, aber nach aussen waren die Königreiche 
Böhmen und Ungarn die Bedingung ihrer Machtstel- 



136 



lung in Europa. Und als der Kaiser Franz 1804 den 
Titel Kaiser v. Oesterreich annahm, hat er die rechtliche 
Grundlage seiner Macht, die Sonderstellung Ungarns 
und Böhmens, ausdrücklich anerkannt. Erst die letzten 
40 Jahre haben die staatsrechtliche Stellung Böhmens 
schwer beschädigt durch die Verfassung von 1861 
und 1867 und durch die systematische Untergrabung 
der Autonomie Böhmens durch die Deutschen, welche 
den Gentralismus und darin ihre Uebermacht haben 
wollen. Aber historische Rechte kann man nicht ein- 
seitig aufheben. Ueber die Rechte des Königreiches 
Böhmen können nicht Abgeordnete von Steiermark, 
Niederösterreich und Kärnten entscheiden, wenn ihnen 
dazu nicht das Recht von den Vertretern der böhmi- 
schen Länder gegeben wurde . . . Die Verfassung von 
1867 hat Niemand in Böhmen ausser den Deutschen 
anerkannt, die Böhmen waren nicht im Reichsrathe, 
als über dieselbe verhandelt und beschlossen wurde, 
sie haben immer gegen dieselbe protestirt und ihr 
fester Glaube ist es, dass der Tag kommt, wo man 
froh sein wird, historische Rechte auf die Krone 
Böhmens zu besitzen, und dankbar Denjenigen, die 
den Glauben daran nie verloren haben. 

Die Krone Böhmens hat tiefe Wurzel in der Ge- 
schichte Europas, wogegen an dem Bestände des 
neuen Oesterreichs in der heutigen Form zu sehr 
gerüttelt wurde, als dass es tief genug wäre, Wurzel 
fassen zu können. Es ist eine sehr verwegene Be- 
hauptung der Gegner der böhmischen Rechte, dass 
die Verfassung, welche einen so schwachen Rechts- 
boden und nur dieThatsache eines sehr bestrittenen 
Bestehens für sich hat, und dass eine deutsche, die 
sprachlichen Rechte anderer Völker missachtende 
centralistische Verwaltung, welche von Wien aus 
geleitet wird, eine festere Garantie für den Bestand 
des Reiches, ein festeres Band für die einzelnen 
Länder und Völker ist, als der felsenfeste Boden der 
Rechte der einzelnen Königreiche und Länder und 
die Zufriedenheit aller Völker der Monarchie, welche 
Gut und Blut für das Reich, das sie glücklich macht, 
einsetzen . . . 

Viele Gesetze werden in Wien von den Deut- 



137 



sehen abgeschrieben, nur das eine nicht, die födera- 
tive Grundverfassung des Deutschen Reiches, welche 
dasselbe so stark und kraftvoll gemacht. Und dies 
nur, weil die Deutschen, welche durch den Demo- 
kratismus der Wahlordnungen die Majorität im Par- 
lamente verloren haben, in der deutsch-centralistischen 
Bureaukratie das letzte Bollwerk ihrer privilegirten 
Stellung sehen. Uebrigens wird bald die Zeit kommen, 
wo sich selbst die eifrigsten Vertheidiger des heu- 
tigen Zustandes werden zugestehen müssen, dass das 
Gentralparlament vollständig unfähig ist, diejenigen 
Aufgaben zu erfüllen, welche ihm die Verfassung 
zuweist. Die Obstruktion der Deutschen, welche das 
grösste Interesse an dem Wiener Reichsrathe haben, 
hat demselben den Boden abgegraben, umso mehr, 
als dieselbe siegreich geblieben ist. Gegen den wahr- 
haft staatsmännischen Gedanken des Grafen Badeni, 
die Böhmen durch nationales Entgegenkommen aus 
ihrer, den heutigen Zustand absolut negirenden Hal- 
tung zu einer positiven Reformarbeit zu bringen, haben 
die Deutschen das Parlament und das Reich revolu- 
tionirt. 

Mag auch die Durchführung der Pläne Badeni's 
nicht einwandfrei gewesen sein, kapituliren vor der 
deutschen Obstruktion durfte man nicht, wenn man 
den Parlamentarismus in Oesterreich in der jetzigen 
Form nicht bis ins Herz treffen wollte. Die Deutschen 
haben die Theorie aufgestellt, dass eine nationale 
Minorität das Recht der Obstruktion hat, um ihren 
negativen Willen durchzusetzen und die in einem 
Parlamente einzig mögliche Majoritätsherrschaft un- 
möglich zu machen. Die Zustände des polnischen 
Landtages, welche zur Theilung Polens geführt haben, 
wurden als das neue Recht der parlamentarischen 
Minorität in Oesterreich hingestellt und mit dem 
ganzen Aufwand der deutschen Gelehrsamkeit ver- 
theidigt. Die Deutschen sind Sieger im Kampfe ge- 
blieben, die staatliche Autorität wurde in den Staub 
gezerrt, die Gechen durch die Zurücknahme der 
sprachlichen Rechte schwer beleidigt, und die Ob- 
struktion ist dadurch zu einer legitimen parlamenta- 
rischen Waffe einer jeden Minorität geworden. Die 



138 



Cechen waren einfach gezwungen, dieselbe Waffe zu 
ergreifen, und wenn sie auch den entscheidenden 
Schlag bisher nicht geführt haben, so werden sie es 
gewiss thun, wenn es sich um die wichtigste Staats- 
aufgabe handeln und bis dahin das ihnen zugefügte 
Unrecht nicht gutgemacht wird. Die bisher so theuer 
erkaufte Ruhe im Parlament ist nur die Stille vor 
dem Gewitter, und nichts mehr. Die Krise des Par- 
laments ist nur in die Länge geschoben und wird 
akut werden, wenn die numerisch schwächeren und 
auf fremden Boden in Wien kämpfenden Cechen den 
günstigen Moment zur Führung des entscheidenden 
Schlages finden werden, und dieser wird eben 
kommen, wenn der Staat ein ruhiges, arbeitendes 
Parlament unbedingt nöthig haben wird, d. h. wenn 
die Ausgleichsgesetze auf den Tisch des Hauses ge- 
legt werden. Für die Deutschen ist die Situation 
nicht leicht. Sie fühlen, dass es nothwendig ist, die 
Zustände im Parlamente zu heilen, aber sie wissen 
auch, dass es anders nicht geht, als durch die Ge- 
währung der nationalen Rechte, die man den Cechen 
gegeben und wieder genommen, oder durch einen 
Umsturz der Verfassung, welcher neue Zustände 
schaffen und die Wiederkehr der jetzigen Krisis wo- 
möglich verhindern müsste. 

Im ersten Falle müssten die Deutschen der 
Durchbrechung der deutschen Amtssprache zustimmen, 
welche sie bisher als die letze Zufluchtsstätte des 
deutschen Charakters des Staates angesehen haben. 
Sie müssten mit dem Gedanken einer privilegirten 
Stellung endgiltig brechen und sich bescheiden, mit 
den Böhmen friedlich und gleichberechtigt für das 
gemeinsame kulturelle und wirthschaftliche Wohl der 
von ihnen beiden bewohnten Länder zu arbeiten. 
Das würde aber auch zu einer Decentralisation der 
Gesetzgebung und Verwaltung führen, weil die Deut- 
schen kein Interesse mehr an dem übermässigen 
Centralismus hätten, welcher beiden, den Deut- 
schen und den Böhmen, gleich nachtheilig ist, und 
weil das Wiener Parlament nur dann gesunden 
kann, wenn sich seine Aufgaben auf das wirklich 
Gemeinsame für alle Länder beschränken. Der Ent- 



139 



schluss, freiwillig die Konsequenzen der Gerechtigr 
keit für die Böhmen zuzulassen, ist also den Deut- 
schen wahrhaftig nicht leicht. Erleichtert wird er 
ihnen nur dadurch, das der heutige Zustand unhalt- 
bar ist, dass sonst die Böhmen unbedingt das Par- 
lament durch die Obstruktion zerschlagen, wie es 
einst die Deutschen gethan und dass es dann ent- 
weder zum Absolutismus, der jedoch nicht lange 
währen könnte, oder zu der Oktroyirung einer neuen 
Verfassung kommen müsste, wobei die Deutschen 
mehr verlieren könnten, als sie in einem gerechten 
und billigen Ausgleich mit den Böhmen opfern 
müssten. 

Die Deutschen fühlen wohl selbst, dass der Staat 
für sie nicht mehr thun kann, als er bisher gethan 
hat. Eine neue Verfassung müsste demokratischer 
werden, gerecht in den Wahlordnungen, ohne die 
künstliche Wahlgeometrie der jetzigen, und die Deut- 
schen, welche etwas mehr als 8 Millionen unter 24 
sind, müssten damit rechnen, dass ihre Minorität 
definitiv festgelegt wäre. Sie müssen auch fürchten, 
dass der Staat es in seinem ureigensten Interesse 
nicht mehr wagen dürfe, den Deutschen die künstliche 
Oberherrschaft zu verschaffen, weil ein grosser Theil 
unter ihnen geradezu staatsfeindlich geworden ist 
und ein Programm hat, welches für die Selbständig- 
keit und Unabhängigkeit Oesterreichs die grösste 
Gefahr bildet. Die bedeutendste der deutschen Par- 
teien, die Deutsche Volkspartei, hat als die vor- 
nehmsten Punkte ihres Programmes das staatsrechtlich 
in den Grundgesetzgebungen beider Reiche festgelegte 
Bündniss und dann die Zollunion mit dem Deutschen 
Reiche, also ein Programm, welches mittelbar zu einer 
vollständig abhängigen Stellung der Habsburgischen 
Monarchie von dem Hohenzollerischen Deutschland, 
als dem viel stärkeren Kompaciscenten führen muss, 
weil es für das schwächere Oesterreich keinen Aus- 
weg, kein anderes Bündniss oder Vertragsverhältnisse 
mehr gäbe. Und die Alldeutschen, welche zwar durch 
den Kampf ihrer Führer etwas geschwächt wurden^ 
aber die deutsche, nationale Jugend für sich haben, 
wollen ohne alle Umschweife direkt den Anschluss 



140 



der ehemaligen österreichischen Länder an das Deutsche 
Reich. 

Diesen „Stützen" Oesterreichs noch grössere Pri- 
vilegien zu geben, sie künstlich auf Kosten Derje- 
nigen, welche Oesterreich aufrichtig wollen, noch zu 
unterstützen und ihr schwindlig-unnatürliches Ueber- 
gewicht noch durch neues Unrecht neue Oktroyirungen 
zu festigen, das wäre eine so bewusst selbsmörde- 
rische Politik, dass sie auch in Wien unwahrschein- 
lich sein muss. Es will daher scheinen, dass es 
auch für die Deutschen die einzige vernünftige Po- 
litik wäre, nicht mehr zu verlangen, als ihnen ohne- 
dies Niemand abspricht, alle Träume von einem 
Oesterreich unter deutscher Hegemonie aufzugeben 
und Frieden zu schliessen mit den übrigen Nationen 
auf Grund der ehrlichen Gleichberechtigung. Wirth- 
schaftlich würden sie vor allen übrigen dabei nur 
gewinnen, wenn sie alle Kräfte der wirthschaftlichen 
Entwicklung, unbesorgt um die nationale Existenz, 
widmen könnten, und national werden sie ja ohne- 
hin immer noch eine bessere Stellung als die übri- 
gen haben, weil die Gentralstellen in Wien, das Heer 
und die Diplomatie lange noch die deutsche Sprache 
als die Geschäftssprache gebrauchen werden. Thun 
sie es freiwillig nicht, so wird der Staat unvermeid- 
lich gezwungen werden, Ordnung zu machen, hoffent- 
lich im Sinne der Lebensinteressen Oesterreichs, 
welches ein deutscher Staat nie werden darf, wenn 
es neben dem mächtigen Deutschen Reiche frei und 
selbständig bleiben will. Man hat ja schon den An- 
fang dessen gesehen, was es bedeuten würde, wenn 
der Herzenswunsch der Deutschen nach einer in- 
nigen unlösbaren Verbindung mit Deutschland ganz 
erfüllt würde. Nicht der Mangel an Kolonien, nicht 
die Nichtbetheiligung an grossen Weltproblemen hat 
die Stellung Oesterreichs international verändert, 
sondern seine absolute Ergebenheit in das deutsche 
Bündniss. 

Seit Jahren arbeitet die gesammte deutsche und 
von Deutschland beeinflusste öffentliche Meinung in 
wohlorganisirter Weise für eine förmliche Hypnoti- 
sirung Oesterreichs durch den Dreibund. Systema- 



141 



tisch, tagtäglich wurde derselbe als einzig möglicher 
Weg der österreichischen Politik gezeigt und es ge- 
lang auch, das Bündniss mit Deutschland in Oester- 
reich als eine geheiligte Institution in den entschei- 
denden Kreisen erscheinen zu lassen, deren Kritik 
beinahe zum Landesverrath oder wenigstens als 
Wahnsinn gestempelt wurde. Das Verständniss für 
die Wirklichkeit verschwand vollständig in diesem 
verzückten Kultus der Schöpfung Bismarck's, die 
Deutschen proklamirten das deutsche Bündniss als 
eine nationale Institution, verlangten im Innern eine 
deutschfreundliche Politik als Konsequenz des Bünd- 
nisses und die Welt gewöhnte sich daran, nicht 
mehr zu fragen, was Oesterreich will, weil es über- 
flüssig war, wenn man wusste, was Deutschland thun 
wird. Dabei machte man die unmögliche Politik mit 
Stambulov und Milan, trieb es zu einem immer mehr 
drohendem Konflikte mit Russland und im Schatten 
dieses österreichisch-russischen Gegensatzes setzte 
sich Deutschland in Konstantinopel fest, verdrängte 
Alle und wurde allmälig zur Schutzmacht der Türkei, 
wie es sich darin später im griechischen Kriege, in 
der Kreta-Frage und in der Bagdad-Bahn-Frage ge- 
zeigt hat. Das waren die Früchte der Hypnose, in 
welche sich Oesterreich durch das Bündniss ein- 
schläfern Hess. Erst durch die Publikation des 
deutsch-russischen Separatübereinkommens, welches 
Oesterreich die Augen öffnete, in welche Gefahr es 
sich durch seine frühere Balkan -Politik begeben 
hatte, und deutlich zeigte, dass es eigentlich ohne 
die sichere Rückendeckung war, auf welche es ver- 
traute, und seit dem Abschlüsse des Petersburger 
österreichisch-russischen Uebereinkommens sind die 
Verhältnisse anders geworden. 

Es ist schon erlaubt, den Dreibund kritisch an- 
zusehen, man fängt an, zu verstehen, was die Gechen 
immer wiederholt haben, dass Deutschland Oester- 
reich unbedingt für seine Weltmachtstellung als 
Rückendeckung brauche und nicht umgekehrt, dass 
es gefährlich ist, sich allzu willenlos in die deutsche 
Politik zu ergeben, welche so sprunghaft und auch 
beim aufrichtigen und ehrlichen Friedenswillen doch 



142 



gefährlich ist, weil sie ein Grosses will und so zahl- 
reiche Lebensinteressen anderer Weltmächte berührt, 
ja durchkreuzt. Man fühlte es schon in Wien, dass 
man durch die Petersburger Entente freier wurde, 
dass Oesterreich dem Berliner Einflüsse allmälig ent- 
geht und dass Deutschland jetzt Oesterreich suchen 
muss und dass es daher nicht mehr in Wien als 
der unberufene Protektor Oesten^eichs und leider 
manchmal auch der Deutschen Oesterreichs auftreten 
darf, wenn es nicht der Gefahr einer Isolirung in 
Europa sich aussetzen will; ja diejenigen Stimmen, 
welche von Deutschland fordern, dass es seine 
Bundespflicht erheischt, die Alldeutschen energisch 
von seinen Rockschössen abzuschütteln, sind nicht 
mehr vereinzelt und ohne jedes politische Gewicht. 
Diese zwar langsame, aber sicher vorwärts schrei- 
tende Emancipation Wiens von Berlin — trotz des 
weiteren Bestandes des Dreibundes — welche von 
einer so grossen internationalen Tragweite ist, hat 
sich am besten bei dessen Erneuerung gezeigt. 

Gejubelt darüber haben nur Diejenigen, welche 
im Grunde des Herzens gefürchtet haben, dass der 
Dreibund nicht erneuert werden könnte. So mensch- 
lich ist die heilige Institution , geworden — und es 
ist ja kein Zweifel, dass sie den Weg alles Mensch- 
lichen gehen wird. Den Gipfelpunkt seiner Bedeu- 
tung hat der Dreibund längst überschritten. Neues 
entwickelt sich daneben und darüber. Die Separat- 
übereinkommen der Dreibundmächte sind es ja, 
welche der europäischen Politik ihre Farbe und ihren 
Charakter geben Der Dreibund regt Niemanden mehr 
auf, der realistisch genug denkt, um zu erkennen, 
dass die Erneuerung des Dreibundes sehr wenig, 
seine Nichterneuerung jedoch im gegenwärtigen Mo- 
mente noch zu viel bedeuten würde für die ruhige 
Entwickelung der internationalen Politik. Der Drei- 
bund ist wie der Nothausgang für den Fall einer 
Feuersbrunst in einem alten, engen Theater. Für 
alle Fälle ist er da, aber weil der Nothausgang im 
Augenblicke der Gefahr manchmal nicht ganz sicher 
funktionirt, so wird man endlich auch auf den gründ- 
lichen Umbau des Theaters denken müssen, wo man 



143 



sich auf die moderne, rationelle Anlage eines ganz 
neuen, grösseren Gebäudes wird verlassen können, 
und nicht auf Nothbehelfe, welche den neuen 
Bedürfnissen und Anschauungen nicht mehr ent- 
sprechen. 

Eine Verstärkung der Stellung der Deutschen in 
Oesterreich, ihr entscheidender Einfluss auf die in- 
nere und damit auch die äussere Politik der Mon- 
archie würde diese Entwickelung der Dinge unter- 
binden und unmöglich machen. Das fühlt man in 
Deutschland, und nicht nur nationales Fühlen mit 
den Stammesbrüdern jenseits der Grenze, sondern 
auch der gesunde Egoismus führt die Deutschen 
im Deutschen Reiche dazu, den Kampf der Deut- 
schen in Oesterreich als ihren eigenen anzusehen 
und in denselben mit allen Mitteln einer mo- 
ralischen und allzuoft auch einer materiellen Unter- 
stützung einzugreifen. Sie fühlen sehr gut, was 
für die deutsche Politik die Sicherung des deutschen 
Gharakcers Oesterreichs für alle Zukunft bedeuten 
würde, auch wenn die letzten Ziele der Alldeutschen 
nicht in Erfüllung gingen. Das Bündniss mit Deutsch- 
land würde wieder die geheiligte Institution für 
Oesterreich werden, die anzurühren ein Hochverrath 
wäre, und die Deutschen würden gewiss an die Er- 
füllung ihres vornehmsten Programmpunktes gehen : 
die Zollunion mit Deutschland, Oesterreich würde 
wieder ein Appendix Deutschlands in internationaler 
Beziehung werden und die europäische Politik wäre 
genöthigt, nicht mehr mit einem selbständigen freien 
Oesterreich, sondern nur mit einem durch unbedingte 
Hingabe Oesterreichs starken, fast unüberwindHchen 
Deutschland zu rechnen. Mann könnte dann in Wien 
Souveränität, auswärtige Politik spielen, das riesen- 
starke Deutschland würde schon die österreichische 
Politik dorthin stellen, wohin es ihm passt. 

Das wäre das Gefährlichste für das Gleichge- 
wicht Europas. Denn ohne einen europäischen 
Krieg, ohne Umwälzungen, beinahe unbemerkt, nur 
durch Aenderung in der inneren Pohtik Oesterreichs, 
auf welche Niemand hoffen kann und darf, würde 
der reelle, der eigentliche Inhalt der grossdeutschen 



144 



Pläne in Erfüllung gebracht. Die deutsche Politik, 
auch die wirthschaftliche, würde von Balt bis zur 
Adria gebieten, im Mittelmeer hätte Deutschland 
durch das bis zum Aufgeben des eigenen Volkes 
verbündete Oesterreich eine neue, feste Position, und 
über den Balkan und das ohnehin schon vollständig 
botmässige Konstantinopel könnte dann Deutschland, 
von Oesterreich gestützt, Klein-Asien, von Hajdar 
Pascha bis Bagdad und den persischen Meerbusen 
in die Sphäre seiner grossartigen neuen Weltpolitik 
fest und für immer einschliessen. Dazu wäre nichts 
Anderes nothwendig, als dass die Deutschen in 
Oesterreich einen entscheidenden Einfluss bekommen 
und im Parlamente die Zollunion mit Deutschland 
beschliessen. Das andere wäre nur die selbstver- 
ständliche Konsequenz, welche Niemand mehr ab- 
wenden könnte. Im Bunde eines Starken mit einem 
Schwachen befiehlt, entscheidet und regiert der 
Starke. Das ist ein Naturgesetz, welches für Oester- 
reich keine Ausnahme machen würde. 

Das ist der Hintergrund, die tiefe Perspektive 
der nationalen Kämpfe in Oesterreich. Es ist ein 
Kampf nicht nur um das nationale Selbstbestim- 
mungsrecht der slavischen Nationen, um ihre Freiheit 
und Gleichberechtigung, sondern ein Kampf um 
Oesterreich, um seine Macht und Unabhängigkeit 
und seine vollständige Freiheit nach Aussen. Es hat 
lange genug gedauert, dass nur die Deutschen Die- 
jenigen waren, welche eine jede Bewegung der Welt- 
politik mit allen ihren logischen Folgerungen gleich 
anfangs richtig erkannt und auch ausgenützt haben. 
Europa kam aus der Ueberraschung nicht heraus. 
Wie war man noch zuletzt in Russland überrascht, 
als man plötzlich wahrgenommen, dass Deutschland 
in Konstantinopel der mächtigste Faktor geworden 
ist und dass es die Bagdadbahn bauen wird! Und 
die französischen Botschafter verschaffen den Deut- 
schen dazu das nöthige, fehlende Kapital, damit ja 
die Deutschen Kleinasien ökonomisch und politisch 
vollständig beherrschen können. Wie wird man ein- 
mal erst überrascht sein, wenn die Deutschen ihre 
methodische, beharrliche, stille Politik geendet haben ! 



145 



Deswegen ist es höchste Zeit, dass man wisse, worum 
es sich in Oesterreich handelt, und dass die öffent- 
liche Meinung in Europa sich darüber klar wird, 
dass gerade, so wie einst gegen die Gefahr vom 
Osten die Schaffung des Donaureiches eine Noth- 
wendigkeit war, es heute eine ebenso unbedingte 
Nothwendigkeit für das europäische, ja das Gleich- 
gewicht der Welt ist, damit jetzt das riesenhaft an- 
gewachsene Deutschland über Oesterreich nicht den 
Osten und die Weltherrschaft gewinnt. Aber nicht 
nur das! Kein schwaches, hinsiechendes Oesterreich 
braucht die Welt, sondern nur ein starkes, kräftiges, 
innerlich gesundes Reich wird die wichtigste Wacht 
des Weltgleichgewichtes erfüllen können. Das Habs- 
burger Reich ist alt, aber es könnte noch ein neues, 
besseres, kaum geahntes Leben innerer Gesundheit 
und Frische zu leben anfangen, wenn es endlich nach 
Jahrhunderten seinen einzig richtigen Weg finden 
würde: ein Reich zu sein, in welchem das schwie- 
rige Problem der nationalen Frage gelöst wäre 
durch die gleiche Gerechtigkeit und Billigkeit zu 
allen seinen Völkern, ein Reich, welches stark genug 
wäre, den Frieden unter seinen Völkern im Innern 
herzustellen, aber auch denselben nach Aussen gegen 
jede Bedrohung auf dieser für das europäische 
Gleichgewicht entscheidenden Stellen aufrechtzuer- 
halten. 

So kämpfen die Böhmen einen grossen, nicht 
nur für sie und Oesterreich bedeutungsvollen Kampf. 
Nicht lächerliche Selbstüberhebung ist es, wenn sie 
sich der Tragweite ihres Strebens bewusst sind. Es 
wäre besser und angenehmer für sie, unbemerkt 
um ihr unbestritten nationales Leben zu pflegen 
und zu entwickeln und aus ihrer Zukunft keine 
europäische Frage zu machen. Der Kampf, den 
sie führen, ist ja nicht leicht, nicht angenehm und 
zehrt ihre besten Kräfte auf, welche, für die innere 
Entwicklung der Nation verwendet. Bedeutendes lei- 
sten könnten. Das Schicksal hat jedoch das böh- 
mische Volk in das Herz Europas gestellt, in das 
germanische Meer hinein, und hier bilden sie das 
Hinderniss, dass sich die germanischen Fluthen von 

10 



146 



der Nordsee bis zur Adria ergiessen. Die Alldeut- 
schen haben recht, die Gechen sind der Pfahl im 
Leibe Germaniens. Sie wollen, werden und müssen 
es bleiben, und hoffen fest und unentwegt, dass es 
ihnen gelingen wird, auch ganz Oesterreich zu einem 
unüberwindlichen Schutzwall gegen die germanische 
Ueberfluthung zu machen." 

Soweit die Beleuchtung der böhmischen Frage 
von Dr. Kramäf. 

Der Sprachenstreit in den böhmischeu Ländern 
dreht sich hauptsächlich um den Gebrauch der böh- 
mischen Sprache bei den Behörden. Ueber diese Frage 
hat das „Vaterland" in Wien offenbar aus der Feder 
Sr. Excellenz Baron Helfert folgende Zusammenstel- 
lung gebracht. „Bis zum fünfzehnten Jahrhunderte 
richteten sich — wenn von der Zeit vor dem Jahre 
1300 abgesehen wird — die Städte Böhmens theils 
nach dem Iglauer Stadt- und Bergrechte (aus der Zeit 
von 1240-1248;, theils nach dem Stadtrechte der Alt- 
stadt Prag (gewiss Eade des dreizehnten Jahrhunderts), 
ferner nach dem Magdeburger Rechte (Aussig, Laun, 
Leitmeritz, Nimburg, Schlan, sogar die Kleinseite und 
Hradschin) und nach dem Brünner Stadtrechte (Eger). 
Gemäss der von Vladislav II. im Jahre 1500 hinaus- 
gegebenen, später im Jahre 1564 unter Maxmilian IL 
korrigirten Landesordnung, Absatz B. XXXIL, waren 
Ausländer verpflichtet, ihre Rechtsstreite vor dem 
Landesgerichte in böhmischer Sprache zu verhandeln. 

In dem von Galli 1579 an geltenden sogenannten 
böhmischen Stadtrechte, welchem das erwähnte Stadt- 
recht der Altstadt Prag (ein Manuskript hievon aus 
dem vierzehnten Jahrhundert befindet sich im Archive 
der Stadt Prag) zugrunde lag, wurden alle besonderen 
Stadtrechte aufgehoben und bestimmt, dass „man nur 
einerlei Stadtrecht in den königlichen Städten ge- 
brauchen solle". — Im Absatz B. VIII. war angeordnet, 
dass bei allen ordentlichen Gerichten in Böhmen in 
böhmischer Sprache geklagt und verhandelt werden 
solle. 

Diese Verhältnisse wurden durch Kaiser Ferdi- 
nands IL erneuerte Landesordnung vom Jahre 1627 
geändert, welche in sprachlicher Beziehung nament- 



147 



lieh folgende Bestimmungen enthält: G. II. Die 
deutsche und die böhmische Sprache sind gleich- 
berechtigt. G. V. Der Kläger hat in der Sprache des 
Geklagten zu klagen. Der ganze Process war in der 
durch die Klage bestimmten Sprache zu verhandeln 
und zu erledigen. D. XLVII. In dieser Sprache sind 
auch die Akten abzulesen, Umfrage zu halten und zu 
votiren. G. IV. und D. VII. Zeugen sind in ihrer 
Sprache abzuhören, jedoch sind für den Process 
Uebersetzungen anzufertigen. D. XLII. Advokaten 
bedienen sich ihrer Muttersprache. D. XLIII. Alle 
Schriften sind im Originaltexte vorzulesen, daher 
Deklamatores für die deutsche und die böhmische 
Sprache. D. XLVII. Theilung des grösseren Land- 
rechtes in zwei Abtheilungen, nämlich eine deutsche 
und eine böhmische. E. IV. Die Kanzlei (das ist Hof- 
kanzlei für die politischen Angelegenheiten) hat gleich- 
falls ihre Erledigungen deutsch und böhmisch mit 
Rücksicht auf die Nationalität der Partei (nach Stand, 
Kreis, Person) hinauszugeben. E. XV. Kaufschillings- 
berechnungen in Exekutionsfällen sind in der Sprache 
der Mehrheit der Gläubiger abzufassen. F. XLVI. und 
F, LXXI. Das Kammerrecht und das Hof- und Lehen- 
recht werden in eine deutsche und eine böhmische 
Abtheilung getheilt. J. VI. Von nun an haben die 
Eintragungen in die Landtafel nach Wahl der Partei 
in deutscher und böhmischer Sprache zu erfolgen. 

Die erneuerte Landesordnung vom Jahre 1627 
(nebst den Nachtragsdeklaratorien vom Jahre 1644) 
wurde, was das in derselben ausgesprochene Princip 
der vollsten Gleichheit beider Landessprachen anbe- 
langt, seither bis jetzt durch keinerlei gesetzliche 
Bestimmung abgeändert. Die (vom 1. Jänner 1782 an 
in Geltung gestandene) allgemeine Gerichtsordnung 
vom 1. Mai 1781 bestimmt im § 13, dass beide Streit- 
theile in ihren Reden sich der landesüblichen Sprache 
zu bedienen haben. Laut der Resolution vom 14. Juni 
1784 Nr. 306 I. G.-S. lit. t) „stand den Parteien be- 
vor zu fordern, dass ihre mündlichen Nothdurften 
von Wort zu Wort in das Protokol eingetragen wer- 
den". In der Gerichtsinstruktion (Patent vom 9. Sep- 
tember 1785, Nr. 464 I. G.-S.) ist verordnet, dass in 

10* 



148 



den Referaten die Parteienbitten „von Wort zu Wort" 
anzuführen, die von den Parteien vorgelegten Urkun- 
den bei der ßerathung^ „nach ihrem ganzen Inhalte" 
vorzulesen sind. Mit Hofdekret vom 30. November 
1787, Nr. 750 I. G.-S., wurde allen Appellations- 
gerichten verordnet, darauf zu sehen, dass alle Magi- 
stratsvorstände undRäthe der in ihrem Gerichtsbezirke 
üblichen Landessprache mächtig seien. Mit Hofdekret 
vom 22. December 1835 Nr. 109 I. G.-S. wurde zu- 
folge allerhöchster Entschliessung vom 27. April 1835 
allen Appellations-Gerichten bedeutet, dass „die Par- 
teien gehalten sind, allen nicht in der Gerichtssprache 
oder in einer der Landessprachen ausgestellten Ur- 
kunden, wovon in oder ausser Streitsachen bei Gericht 
Gebrauch gemacht werden soll, beglaubigte Uebersez- 
zungen in die Gerichtssprache oder in eine der Landes- 
sprachen beizulegen". Mit Hofdekret vom 16. Jänner 
1835, Nr. 2682 I. G.-S. wurde zufolge allerhöchster 
Entschliessung vom 8. Jänner 1835 angeordnet, dass 
die „Kriminalaktuare bei den verschiedenen Gerichts- 
stellen, damit sie ihrer Bestimmung und der Erfül- 
lung der ihnen obliegenden Pflichten vollständig ent- 
sprechen können, nebst den sonst erforderlichen 
Eigenschaften der Sprache des Landes vollkommen 
kundig sein sollen, in welchem sie ihre Anstellung 
als Aktuare erhalten, wovon sich jederzeit die Ueber- 
zeugung zu verschaffen ist, bevor ein Individium zu 
einer derlei Stelle ernannt wird. Deshalb ist bei der 
Konkursausschreibung zu Krimialaktuarstellen stets 
unter den auszuweisenden Erfordernissen die volle 
Kenntniss der Landessprache anzuführen". 

In dem an das böhmische Appellationsgericht zu- 
folge allerhöchster Entschliessung vom 24. Oktober 
1840 ergangenen Hofdekrete vom 4. Oktober 1840, 
Nr. 474 I. G.-S. erscheint ausgesprochen, dass für 
Advokatenstellen auf dem Lande in Böhmen die voll- 
kommene Kenntniss der böhmischen Sprache erfor- 
derlich ist. Mit Gubernialdekret vom IL Oktober 1816 
(Prov.-Gesetzsammlung L, Seite 532) wurden zufolge 
Dekret der Studien-Hofkommission vom 23. August 
1816 die Kreishauptleute und k. k. Studiendirektorate 
angewiesen. Anfangs eines jeden Schuljahres in den 



140 



philosophischen und juridischen Studienanstalten 
bekannt zu machen, dass bei Aufnahme zu denpqli- 
tischen Stellen der böhmischen Länder den der böh- 
mischen Sprache mächtigen Studirenden bei gleichen 
anderen Fähigkeiten der Vorzug gegeben werde. Zu- 
folge Hofkanzleidekret vom 26. Feber 1818 (Prov.- 
Ges.-Samml. IIL S. 122) haben Seine Majestät nait 
allerhöchster Entschliessung vom 13. Feber 1818 
,, neuerdings anzuordnen geruht, bei Anstellungen bei 
Kreisämtern darauf zu sehen, dass die Beamten die 
Sprache des Landes oder der Gegend, in der sie an- 
gestellt werden, vollkommen besitzen". Zufolge Hof- 
kanzleidekret vom 27. Jänner 1833 (Prov.-Ges.-Samml. 
XV. S. 56) wurde der Hofkanzlei mit allerhöchster Ent- 
schliessung vom 21. Jänner 1833 „der Auftrag ertheilt, 
den Länderstellen zur Pflicht zu machen, dass für 
die Kreishauptmanns- und Kreis-Kommissärsstellen 
nur solche Individuen in Vorschlag gebracht werden, 
die sich im Besitze der vollständigen Kenntniss der 
Sprache des Landes und des Kreises, in welche sie 
zur Dienstleistung berufen werden, befinden". 

Zufolge Hofkanzlei-Präsidialschreibens vom 15. 
December 1834 (Prov.-Gesetzsammlung XVIL, Seite 22) 
„haben Seine Majestät aus Anlass eines eingetretenen 
Falles mündlich den strengen allerhöchsten Willen 
auszusprechen geruht, dass die kreisämtlichen Be- 
amten, welche die Bestimmung haben, mit den Landes- 
einwohnern unmittelbar zu verhandeln, die volle und 
genaue Kenntniss der Landessprache besitzen müssen 
und dass in dieser Beziehung bei Personalvorschlägen 
sich durchaus nicht auf blosse Angaben zu verlassen 
sei, sondern dass von dem unmittelbaren Vorgesetz- 
ten die bestimmte Versicherung vorliegen müsse, dass 
die Behauptung wegen vollkommener Kenntniss der 
Landessprache auch richtig sei". Infolge allerhöchsten 
Kabinetschreibens vom 8. April 1848 wurde mit 
Ministerialdekret vom 15. April 1848, Z. 21415 (Böh- 
mische Prov. Gesetzsammlung Band XXX., Absatz 9) 
wörtlich ausgesprochen, dass von nun an in Böhmen 
alle öffentlichen Aemter und Gerichtsbehörden nur 
durch Individuen besetzt werden sollen, welche bei- 
der Landessprachen kundig sind. Auf Grund aller- 



löO 



höchsten Kabinetschreibens hat das böhmische Appel- 
lationsgericht mit Genehmigung des Justizministeriums 
vom 22. Mai 1848, Nr. 721, eine Verordnung vom 
30. Mai 1848, Nr. 9535 (Prov. Gesetzsammlung XXX., 
Absatz 1, Seite 261) erlassen, wonach Jedermann bei 
Gericht deutsch oder böhmisch einschreiten kann, 
und sich das Protokoll und die Erledigung nach 
dieser Sprache zu richten habe. 

Mit Erlass des Justizministeriums vom 23. Mai 
1852, Z. 11815, wurde dem Oberlandesgerichte und 
der Oberstaatsanwallschaft in Prag bedeutet, dass im 
Strafverfahren, falls der Angeklagte nur der böhmi- 
schen Sprache mächtig ist, alle Eingaben der Staats- 
anwaltschaft inclusiA^e der Anklage in böhmischer 
Sprache zu überreichen, die Vernehmung des Ange- 
klagten, sowie der blos der böhmischen Sprache 
mächtigen Zeugen und Sachverständigen in böhmi- 
scher Sprache zu Protokoll zu bringen, alle gericht- 
lichen Entscheidungen in böhmischer Sprache zu er- 
lassen sind und die Hauptverhandlung in dieser 
Sprache zu pflegen ist, dass aber abgesehen hievon 
im Strafverfahren sich der deutschen Sprache zu be- 
dienen ist, „welche überhaupt als die Sprache des 
inneren Dienstes die Regel zu bilden hat." Mit Erlass 
des Justizministeriums vom 4. März 1856, Z. 4749, 
wurde dem Oberlandesgerichte in Prag bedeutet, dass, 
da „nach dem gesetzlich bestehenden Grundsatze im 
inneren Geschäftsverkehre der k. k. Gerichte nur die 
deutsche Sprache als Geschäftssprache zu gelten hat", 
unbeschadet der im § 257 der Strafprocessordnung 
enthaltenen Bestimmungen rücksichtlich der Beur- 
kundung der Vorgänge der mündlichen Schlussver- 
handlung und mit vollkommener Aufrechthaltung des 
Ministerialerlasses vom 23. Mai 1852, Z. 11815 (im 
Vorstehenden), in allen künftigen Fällen die über 
die mündlichen Schlussverhandlungen in Strafsachen 
aufzunehmenden Protokolle lediglich in der deutschen 
Sprache zu verfassen sind, soweit es sich nicht um 
die Protokollirung der Aussagen des Angeklagten, der 
Zeugen und Sachverständigen in jener Landessprache, 
in welcher sie abgegeben worden sind, oder um jene 
Stellen handelt, welche in ihrer wörtlichen Fassung fest- 



151 



gestellt werden müssen. Mit Erlass des Justizministe- 
riums vom 31. März 1856, Z. 6742, wurde dem Prager 
Oberlandesgerichte verordnet, die vorsiehende Wei- 
sung vom 4. März 1856, Z. 4749, auch den Bezirks- 
gerichten zur Richtschnur im Verfahren über Ueber- 
tretungen (betreffs der Sprache des Schlussverhand- 
lungsprotokoUes) bekannt zu geben. Im kaiserlichen 
Patente vom 9. August 1854, Nr. 208 des Reichs- 
gesetzblattes, über das ausserstrittige Verfahren wurde 
(§ 4) vorgeschrieben, dass „schriftliche Gesuche in 
einer bei Gericht üblichen Sprache geschrieben sein 
müssen". 

Mit Erlass des Justizministeriums vom 10. Jänner 
1864, Z. 617, ai 1 863 praes. wurde verordnet, und zwar 
den Oberlandesgerichten in Prag und Brunn: 1. dass 
die oberlandesgerichtlichen Entscheidungen in jenen 
Fällen, wo die Verhandlung in erster Instanz in 
einer anderen als der deutschen Sprache geführt wurde, 
vom Oberlandesgerichte nicht nur in der deutschen, 
sondern auch in derjenigen Sprache, in welcher die 
Verhandlung in erster Instanz stattfand, hinauszugeben 
sind; 2. dass bei den in zwei Sprachen zu erfolgen- 
den Ausfertigungen der Entscheidungen auf der einen 
Papierspalte der Text in der deutschen und auf der 
anderen Spalte in der Sprache, in welcher die Ver- 
handlung geführt wurde, auszufertigen und die all- 
fälligen Verfügungen und Bemerkungen an die Ge- 
richte am Schlüsse des deutschen Textes beizufügen 
oder dieselben mit einer besonderen Ausfertigung hin- 
auszugeben sind; 3. dass die Entscheidungen jeden- 
falls, die Entscheidungsgründe aber in allen Fällen,, 
in welchen sie den Parteien von Amtswegen auszu- 
fertigen und in beiden Sprachen hinauszugeben sind 
und es nur in jenen Fällen, in denen die Hinaus- 
gabe der Entscheidungsgründe nicht von Amtswegen, 
sondern blos auf Anmelden der Parteien stattfindet, 
zulässig sei, den Parteien, wenn sie die Hinausgabe 
nur in einer Sprache verlangen, selbe auch nur in 
dieser Sprache zu ertheilen. 4. Das über Eingaben, 
die beim Oberlandesgerichle in einer anderen als der 
deutschen Sprache überreicht werden und über welche 
ohne vorausgegangene Verhandlung ein Bescheid er- 



152 



theilt wird, der unmittelbar an die Partei ergeht, 
derselbe in der Sprache der Eingabe, wenn er aber 
mittelst des ersten Richters erfolgen soll, an den- 
selben in deutscher Sprache und dem ersten Richter 
aufzutragen sei, die Partei in der Sprache der Ein- 
gäbe zu verständigen. Die Notariatsurkunden sind in 
der im Sprengel des Notars üblichen Landessprache 
aufzunehmen. 

Es folgte die Verordnung der Ministerien des 
Innern und der Justiz vom 19. April 1880 (L.-G.-Bl. 
für Böhmen Stück V., ausgegeben am 13. Mai 1880), 
betreffend den Gebrauch der Landessprachen im Ver- 
kehre der politischen, gerichts- und staatsanwalt- 
schaftlichen Behörden in Königreich Böhmen und in 
Mähren mit den Parteien und autonomen Organen. 
Diese Verordnung bestimmte: § 1. Die politischen, 
Gerichts- und staatsanwaltschaftlichen Behörden im 
Lande sind verpflichtet, die an die Parteien über 
deren mündliche Anbringen oder schriftliche Eingaben 
ergehenden Erledigungen in jener der beiden Landes- 
sprachen auszufertigen, in welcher das mündliche 
Anbringen vorgebracht wurde oder die Eingabe ab- 
gefasst ist. § 2. Protokollarische Erklärungen der 
Parteien sind in jener der beiden Landessprachen 
aufzunehmen, in welcher die Erklärung abgegeben 
wird. § 3. Urkunden oder andere Schriftstücke, welche 
in einer der beiden Landessprachen abgefasst sind 
und als Beilagen, Behelfe oder sonst zum amtlichen 
Gebrauche beigebracht werden, bedürfen keiner Ueber- 
setzung. § 4. Die nicht über Einschreiten der Parteien 
erfolgenden behördlichen Ausfertigungen haben in 
jener der beiden Landessprachen zu erfolgen, die von 
der Person, an welche die Ausfertigung gerichtet ist, 
gesprochen wird. Ist die Sprache, deren sich die 
Partei bediente, nicht bekannt oder ist sie keiner der 
beiden Landessprachen, so ist jene der Landessprachen 
zu gebrauchen, deren Verständniss nach Beschaffen- 
heit des Falles, wie insbesondere nach dem Aufent- 
haltsorte der Partei vorausgesetzt werden kann. 
§ 5. Die Bestimmungen der §§ 1 bis 4 gelten auch 
rücksichtlich der Gemeinden in jenen Angelegenheiten, 
in denen sie als Parteien anzusehen sind. § 6. Alle 



153 



amtlichen Bekanntmachungen, welche zur allgemeinen; 
Kenntniss im Lande bestimmt sind, haben in beiden 
Landessprachen zu ergehen. Lediglich für einzelne 
Bezirke oder Gemeinden bestimmte amtliche Be- 
kanntmachungen haben in den Landessprachen zu 
erfolgen, welche in den betreffenden Bezirken oder Ge- 
meinden üblich sind. § 7. Aussagen von Zeugen sind 
in jener Landessprache aufzunehmen, in welcher die- 
selben abgegeben worden sind. § 8. In strafgerichtlichen 
Angelegenheiten sind die Anklageschrift, sowie über- 
haupt die dem Angeschuldigten zuzustellenden An- 
träge, Erkenntnisse und Beschlüsse für denselben in 
jener der beiden Landessprachen auszufertigen, deren 
er sich bedient- In dieser Sprache ist auch die Haupt- 
verhandlung zu pflegen und sind in derselben ins- 
besondere die Vorträge des Staatsanwaltes und des 
Vertheidigers zu halten und die Erkenntnisse und 
Beschlüsse zu verkünden. 

Von den Bestimmungen des vorstehenden Ab- 
satzes darf nur insoferne abgegangen werden, als die- 
selben mit Rüchsicht auf ausnahmsweise Verhältnisse, 
insbesondere mit Rücksicht auf die Zusammensetzung 
der Geschwornenbank unausführbar sind, oder der 
Angeschuldigte selbst den Gebrauch der anderen 
Landessprache begehrt. 

Bei Hauptverhandlungen gegen mehrere Ange- 
schuldigte, welche sich nicht derselben Landessprache 
bedienen, ist die Hauptverhandlung in jener Landes- 
sprache abzuhalten, welche das Gericht für den Zweck 
der Hauptverhandlung entsprechender erachtet. In 
allen Fällen sind die Aussagen der Angeschuldigten 
und der Zeugen in der von ihnen gebrauchten Landes- 
sprache aufzunehmen und die Erkenntnisse und Be- 
schlüsse jedem Angeschuldigten in dieser Sprache zu 
verkünden und auf Verlangen auszufertigen. § 9. In 
bürgerlichen Rechtsstreiten ist das Erkenntniss sammt 
Gründen in jener Landessprache auszufertigen, in 
welcher der Rechtsstreit verhandelt wurde. Haben 
sich die Parteien nicht derselben Landessprache be- 
dient, so hat, falls nicht ein Einverständniss vorliegt, 
dass das Erkenntniss sammt Gründen nur in einer 
der Landessprachen ausgefertigt werde, die Ausferti- 



154 



gung in beiden Landessprachen zu erfolgen. § 10. Die 
Eintragung in die öffentlichen Bücher (Landtafel, 
Bergbuch, Grundbuch, Wasserbuch u. s. w.), dann in 
die Handelsfirmen-, Genossenschafts- und andere 
öffentliche Register sind in der Sprache des münd- 
lichen oder schriftlichen Ansuchens, beziehungsweise 
des Bescheides, auf dessen Grund sie erfolgen, zu voll- 
ziehen. In derselben Sprache sind die IntabulatioRS- 
klauseln den Urkunden beizusetzen. Bei Auszügen 
aus diesen Büchern und Registern ist die Sprache 
der Eintragung beizubehalten. § 11. Der Verkehr der 
politischen, gerichtlichen und staatsanwaltschaftlichen 
Behörden mit den autonomen Organen richtet sich 
nach der Geschäftssprache, deren sich dieselben be- 
kanntermassen bedienen. 

Der Verkehr mit den Gemeindebehörden, welche 
die Funktionen der politischen Bezirksbehörde aus- 
üben, wird hiedurch nicht berührt. Gegen diese eben 
wörtlich angeführte sogenannte Sprachenverordnung 
machte sich eine starke politische und nationale 
Agitation geltend. Auch kam es vor, dass einzelne 
deutsche Gerichte böhmische Eingaben mit Hinweis 
darauf, dass die böhmische Sprache in dem betref- 
fenden Bezirke nicht landes-, respektive gerichts- 
üblich sei (§ 13 A. G.-O. und § 4 des kaiserlichen Paten- 
tes vom 9. August 1854, Nr. 208 R.-G.-BL), zurück- 
wiesen. Während das Prager Oberlandesgericht über 
Rekurs in diesen Fällen konsequent die aufrechte 
Erledigung der böhmischen Eingaben mit der Be- 
gründung, dass in ganz Böhmen die deutsche und 
böhmische Sprache als Landessprachen gelten, ver- 
ordnete, entschied über Revisionsrekurs der Oberste 
Gerichtshof anfangs in mehreren Fällen, dass in sol- 
chen deutschen Gerichtsbezirken blos die deutsche 
Sprache landesüblich sei und deshalb die Zurück- 
weisung böhmischer Eingaben mit Recht erfolgte. 
Später änderte jedoch der Oberste Gerichtshof die 
Judikatur dahin ab, dass auch für deutsche Ge- 
richtsbezirke die böhmische Sprache als Landes- 
sprache (landes- respektive gerichtsüblich) in Betracht 
zu kommen habe und demgemäss jede böhmische 
Eingabe als böhmisch zu erledigen sei. 



155 



Mit Erlass des Justizministeriums vom 30. Sep- 
tember 1886, Z. 17520 (Justizmin.-Vgsbl. vom Jahre 
1886, S. 174) wurde folgende Verordnung wegen Ein- 
schränkung der TJebersetzungen von an die Parteien 
hinauszugebenden Erledigungen beim Oberlandes- 
gerichte in Prag an dieses Oberlandesgericht erlassen : 
Um die beim Oberlandesgerichte vorkommenden sehr 
zahlreichen Uebersetzungen obergerichtlicher Erledi- 
gungen auf das unvermeidliche Mass zu beschränken, 
finde ich anzuordnen, dass vom 1. Jänner 1887 an- 
gefangen beim Oberlandesgerichte in allen Fällen, in 
welchen die Erledigung nur in einer der beiden Landes- 
sprachen hinauszugeben ist, schon in den Anträgen 
der Referenten die Entwürfe der Erledigungen und 
deren an die Parteien hinauszugebende Begründung 
in jener Sprache abgefasst und ebenso die etwa 
gegen den Antrag des Referenten beschlossenen Er- 
ledigungen in jener Sprache festgestellt werden, .in 
welcher dieselben nach den bestehenden Vorschriften 
den Parteien zuzukommen haben. Hat die Erledigung 
nach den bestehenden Vorschriften in beiden Landes- 
sprachen zu ergehen, so bleibt es vorläufig bei der 
bestehenden Uebung der Uebersetzung, welche aber 
immer unter der Verantwortung des Referenten 
und des Vorsitzenden des Senates zu erfolgen hat. 
Prazak m. p. 

Verordnung des Justizministeriums vom 3. Feber 
1890, Z. 1549 (Justizmin.-Vgsbl vom Jahre 1890, Nr. 6) 
an das Oberlandesgerichts-Präsidium in Prag, betref* 
fend Aenderungen in der Gerichtsorganisation im 
Königreiche Böhmen : Das Justizministerium beab- 
sichtigt im Königreiche Böhmen, namentlich in den 
Sprengein der Kreisgerichte Eger, Brüx, Leitmeritz, 
Böhm. Leipa, Reichenberg undBudweis und den an- 
grenzenden Sprengein eine Umgestaltung der Sprengel 
der Bezirksgerichte und Kreisgerichte mit Berück- 
sichtigung der Wünsche der betheiligten Bevölkerung 
der territorialen, Kommunikations- und Verkehrs- 
verhältnisse in der Weise vorzunehmen, dass soweit 
möglich, die Gerichtssprengel nur Gemeinden einer 
und derselben Nationah'tät umfassen. Ich ersuche das 
Oberlandesgerichts-Präsidium, zu diesem Zwecke bei 



156 



dem Oberlandesgerichte eine Kommission aus richter- 
Jichen Beamten der Gerichte in Prag, welche mit den 
lokalen und dienstlichen Verhältnissen der in Prag 
kommenden Gebiete vertraut sind, einzusetzen. 

Nun folgen Bestimmungen über die Zusammen- 
setzung und den Vorgang der erwähnten Kommission, 
wonach es dann heisst: Die in Prag eingesetzte Kom- 
mission hat die Anträge der Kreisgerichte in Berathung 
zu ziehen und ihr Gutachten, wenn thunlich, nach 
Kreisgerichtssprengeln gesondert, dem Justizministe- 
rium vorzulegen. Ich kann wohl voraussetzen, dass 
die Kommission die Bedürfnisse und Interessen der 
Justizpflege stets im Auge behalten und insbesonders, 
wenn es sich um die Neuerrichtung von Gerichten 
handeln sollte, die finanziellen Rücksichten beachten 
und sich nur auf das Nothwendige beschränken wird. 
Schliesslich ersuche ich das Oberlandesgerichts-Präsi- 
dium dahin zu wirken, dass diese ganze Angelegen- 
heit mit thunlicher Beschleunigung behandelt werde, 
indem es mir sehr erwünscht wäre, wenn wenigstens 
einzelne Theile dieses Operates in Gemässheit der 
Gesetze von 11. Juni 186^, Nr. 59 R.-G.-Bl. und vom 
20. April 1873 Nr. 62 R.-G.-Bl. dem Landtage vor 
dessen nächster Session mitgetheilt werden könnten. 
Schönborn m. p. 

Infolge dieser Verordnung wurden seitens der 
erwähnten sogenannten Landes-Kommission mehrere 
Anträge dem Justizministerium vorgelegt und sohin 
vom Letzteren an den böhmischen Landtag zur Be- 
gutachtung geleitet. Auf Grund des Kommissions- 
antrages wurde wegen Bestandes früherer Landtags- 
gutachten sofort ohne Abforderung einer nochmaligen 
Aeusserung des Landtages mit Verordnung vom 22. 
April 1892 das deutsche Bezirksgericht Weckelsdorf 
errichtet. Die angekündigte Berathung der Regierungs- 
vorlage, betreffend die Frage der Errichtung eines 
Kreisgerichtes (deutsch) in Trautenau, gab im böh- 
mischen Landtage den Anlass zu den bekannten tur- 
bulenten Scenen vom 17. Mai 1893, welche die Schlies- 
sung des Landtages zur Folge hatten. Von den Ge- 
richten erster Instanz vmrden die sämmtlichen 
Abgrenzungsoperate durchgeführt und der Prager 



loT 



Kommission vorgelegt, welche dieselben gemäss Ver-> 
fügung des Justizministeriums zum Zwecke der Be- 
rathung vorher an den böhmischen Landes-Ausschuss 
zur Beäusserung mittheilte, zu welcher es jedoch 
seither nicht mehr kam. Anbelangend die Abgrenzung 
der Gerichtsbezirke womöglich nach der Nationalität 
der Bevölkerung, so hat der Landtag des Königreiches 
Böhmen schon mit Resolution vom 5. December 
1872 — (damals gehörte der Landtag seiner Majo- 
rität nach der deutschen Partei an) — den Wunsch 
ausgesprochen, dass die Bezirkssprengel soviel als 
möglich nach der Sprache der Gemeinden abgegrenzt 
werden. 

Weiters wurde im Jahre 1884 vom böhmischen 
Landtage (Majorität damals der böhmischen Partei 
angehörend) folgender Beschluss gefasst: In allen 
Fällen, wo die Bevölkerung der einen oder anderen 
Nationalität in national gemischten Gerichtsbezirken 
das Verlangen nach einer Abgrenzung auf Grundlage 
der Sprachengrenze geltend macht, ist diesem Ver- 
langen, soweit es nach Massgabe der geographischen, 
wirthschaftlichen und sonstigen Verhältnisse sich als 
thunlich erweist, durch Theilung der betreffenden 
Gerichtsbezirke, eventuell selbst durch Bildung neuer 
Gerichtsbezirke zu entsprechen. Wann immer ein 
solches Ansuchen an den Landes-Ausschuss gelangt, 
hat derselbe, diesen Grundsatz zur Richtschnur 
nehmend, die entsprechende Verhandlung mit den 
berufenen Organen entgegenkommend einzuleiten und 
auf Grund des Ergebnisses mit der Regierang wegen 
Einbringung bezüglicher Vorlagen ins Einvernehmen 
zu treten. 

Hierüber wurde seitens der Regierung am 9. Ok- 
tober 1884 im Landtage die bereitwilligste Berück- 
sichtigung dieses Beschlusses zugesagt. 

Mit Erlass des Justizministeriums vom 3. Fe- 
bruar 1890, Z. 1874, wurde an das Oberlandesge- 
richts -Präsidium, das Oberlandesgericht und die 
Oberstaatsanwaltschaft in Prag und an die Präsidien 
der Gerichtshöfe erster Instanz in Böhmen folgende 
Verordnung, betreffend die Besetzung der Raths- 
stellen und die Behandlung der Personal- und Dis- 



158 



ciplinarangelegenheiten bei dem Oberlandesgerichte 
in Prag und betreffend die Besetzung der Dienst- 
stellen bei den Gerichten erster Instanz und bei den 
Staatsanwaltschaften in Böhmen hinausgegeben (Jüst.- 
Min.-Vgsbl. Nr. 7 vom Jahre 1890): I. In Betreff des 
Oberlandesgerichtes in Prag finde ich nachstehende 
Verfügungen zu treffen: aj Bei Besetzung der für 
dieses Oberlandesgericht systemisirten 41 Rathsstellen 
wird nur bezüglich der Zahl von 26 Stellen an dem 
Erfordernisse der Kenntniss der beiden Landes- 
sprachen festgehalten, in Betreff der Zahl von 15 
Rathsstellen hingegen von dem Nachweise der Kennt- 
niss der böhmischen Sprache abgesehen werden. 
Nach diesem Grundsatze ist sowohl bei Erstattung 
der Besetzungsvorschläge als auch bei der Konkurs- 
ausschreibung vorzugehen, so dass in diese letztere 
das Erforderniss der Kenntniss der böhmischen 
Sprache dann nicht aufzunehmen ist, wenn es sich 
um die Besetzung einer in der Gruppe von 15 Raths- 
stellen erledigten Stelle handelt, b) Aus jeder dieser 
zwei Gruppen von Oberlandesgerichtsräthen ist eine 
ständige Kommission für Personal- und Disciplinar- 
angelegenheiten der Gerichte im Sinne des § 28 
kaiserliches Patent vom 3. Mai 1853 Nr. 81 des Reichs- 
gesetzblattes zusammenzusetzen. In der aus der 
Gruppe der 26 Oberlandesgerichtsräthe hervorgegan- 
genen Kommission sind die Personal- und Discipli- 
narangelegenheiten der Gerichte in den vorwiegend 
von Böhmen bewohnten Theilen des Landes und in 
der Kommission aus der Gruppe von 15 Oberlandes- 
gerichtsräthen die Personal- und Disciplinarangelegen- 
heiten der Gerichte in den vorwiegend von Deutschen 
bewohnten Landestheilen zu behandeln. In jeder 
dieser beiden Kommissionen sind auch die Vorschläge 
zur Besetzung der Oberlandesgerichtsrathsstellen zu 
berathen, welche in der Gruppe, aus welcher die 
Kommission gebildet ist, zur Erledigung kommen, 
c) In gleicher Weise ist aus jeder dieser beiden 
Gruppen von Oberlandesgerichtsräthen ein Discipli- 
narsenat im Sinne des §9 des Gesetzes vom 21. Mai 
1868 Nr. 46 des Reichsgesetzblattes zu bilden. Der 
aus der Gruppe der 26 Oberlandesgerichtsräthe ge- 



159 



bildete Senat wird über die richterlichen Beamten 
der Gerichte in den vorwiegend von Böhmen be- 
wohnten Landestheilen und der aus der Gruppe der 
15 Oberlandesgerichtsräthe gebildete Senat über die 
richtlichen Beamten der Gerichte in den vorwiegend 
von Deutschen bewohnten Landestheilen als Discipli- 
nargericht zu fungieren berufen sein. 

Auf Grund dieser Verordnungen konnten bei 
allen Gerichten in Böhmen böhmische Eingaben und 
böhmische Verhandlungen zugelassen werden. Am 
5. April 1897 wurden die Sprachenverordnungen des 
Ministeriums Badeni veröffentlicht. Sie lauten für das 
Königreich Böhmen. § 1. Die Gerichts- und staats- 
anvvaltschaftlichen Behörden, sowie die den Ministe- 
rien des Innern, der Finanzen, des Handels und des 
Ackerbaues unterstehenden Behörden im Königreiche 
Böhmen sind verpflichtet, die an die Parteien über 
deren mündliche Anbringen oder schriftliche Ein- 
gaben ergehenden Erledigungen und Entscheidungen 
in jener der beiden Landessprachen auszufertigen, 
in welcher das mündliche Einbringen vorgebracht 
wurde oder die Eingabe abgefasst ist. § 2. Protokol- 
larische Erklärungen der Parteien sind in jener der 
beiden Landessprachen aufzunehmen, in welcher die 
Erklärung abgegeben wird. § 3. Urkunden oder an- 
dere Schriftstücke, welche in einer der beiden Lan- 
dessprachen abgefasst sind und als Beilagen, Behelfe 
oder sonst zum amtlichen Gebrauche beigebracht 
werden, bedürfen keiner Uebersetzung. § 4. Die 
nicht über Einschreiten der Parteien erfolgenden be- 
hördlichen Ausfertigungen haben in jener der beiden 
Landessprachen zu erfolgen, die von der Person, an 
welche die Ausfertigung gerichtet werden soll, ge- 
sprochen wird. Ist die Sprache, deren sich die Partei 
bedient, nicht bekannt, oder ist sie keine der beiden 
Landessprachen, so ist jene der Landessprachen zu 
gebrauchen, deren Verständniss nach Beschaffenheit 
des Falles, wie insbesondere nach dem Aufent- 
haltsorte der Partei vorausgesetzt werden kann. 
§ 5. Die Bestimmungen der §§ 1 bis 4 gelten 
auch rücksichtlich der Gemeinden und autonomen 
Organe im Königreiche Böhmen in jenen Ange- 



160 



legenheiten, in denen sie als Parteien anzusehen 
sind. § 6. Aussagen von Zeugen sind in jener 
Landessprache aufzunehmen, in welcher dieselben 
abgegeben wurden. § 7. Von den im § 1 bezeichneten 
Behörden ist die Sprache des mündlichen Anbrin- 
gens oder der Eingabe, mit welcher eine Partei eine 
Sache abhängig macht, bei allen der Erledigung oder 
Entscheidung dieser Sache dienenden Amtshand- 
lungen anzuwenden. Insbesondere hat bei den Ge- 
richtshöfen die Antragstellung und Berathung im 
Senate in dieser Sprache zu erfolgen. 

Bei Amtshandlungen, die nicht über Einschreiten 
einer Partei eingeleitet werden, sind nach Beschaffen- 
heit des Gegenstandes beide Landessprachen oder 
eine derselben anzuwenden. Ist zum Zwecke der Er- 
ledigung der im Absätze 1 und 2 bezeichneten An- 
gelegenheiten mit anderen landesfürstlichen, nicht 
militärischen Behörden im Lande schriftlicher Ver- 
kehr zu pflegen, so gelten auch für diesen Verkehr 
die im Absätze 1, beziehungsweise 2 gegebenen Be- 
stimmungen. 

Für die Verkehr mit Behörden ausser dem Lande 
und mit Gentralstellen hat es bei den bestehenden 
Vorschriften zu verbleiben. § 8. Alle amtlichen Be- 
kanntmachungen, welche zur allgemeinen Kenntniss 
im Lande bestimmt sind, haben in beiden Landes- 
sprachen zu ergehen. Lediglich für einzelne Bezirke 
oder Gemeinden bestimmte amtliche Bekanntma- 
chungen haben in den Landessprachen zu erfolgen, 
welche in den betreffenden Bezirken oder Gemeinden 
üblich sind. § 9. Sind an einer Sache mehrere Par- 
teien betheiligt, die sich in ihren mündlichen An- 
bringen oder Eingaben verschiedener Landessprachen 
bedienen, so haben die im § 1 genannten Behörden 
die Erledigung oder Entscheidung in beiden Landes- 
sprachen auszufertigen, falls nicht ein Einverständ- 
niss der Parteien vorliegt, dass die Ausfertigung nur 
in einer der beiden Landessprachen erfolgen soll. 
Bei den der Erledigung oder Entscheidung der Sache 
dienenden Amtshandlungen, die unter Mitwirkung 
der Parteien vorgenommen werden, ist, soweit nicht 
die gegenwärtige Verordnung etwas Anderes bestimmt, 



161 



die Sprache der Eingabe, nöthigenfalls in Ermange- 
lung eines anderweitigen Einverständnisses der Par- 
teien, auch die zweite Landessprache anzuwenden. 
§ 10. In strafgerichtlichen Angelegenheiten sind die 
Anklageschrift, sowie überhaupt die den Angeschul- 
digten betreffenden Anträge, Erkenntnisse und Amts- 
handlungen in jener der beiden Landessprachen ab- 
zufassen, deren er sich bedient hat. In dieser 
Sprache ist auch die Hauptverhandlung zu pflegen 
und das Verhandlungsprotokoll zu führen und es 
sind in derselben insbesondere die Vorträge des 
Staatsanwaltes und des Vertheidigers zu halten und 
die Erkenntnisse und Beschlüsse zu berathen und zu 
verkünden. 

Von den Bestimmungen des vorstehenden Ab- 
satzes darf nur insoferne abgegangen werden, als 
dieselben mit Rücksicht auf ausnahmsweise Verhält- 
nisse, insbesondere mit Rücksicht auf die Zusammen- 
setzung der Geschwornenbank unausführbar sind 
oder der Angeschuldigte selbst den Gebrauch der 
anderen Landessprache begehrt. 

Bei Hauptverhandlungen gegen mehrere Ange- 
schuldigte, welche sich nicht derselben Landessprache 
bedienen, ist die Hauptverhandlung in jener Landes- 
sprache abzuhalten, welche das Gericht für den 
Zweck der Hauptverhandlung entsprechender er- 
achtet. 

In allen Fällen sind die Aussagen der Ange- 
schuldigten und der Zeugen in der von ihnen ge- 
brauchten Landessprache aufzunehmen und die Er- 
kenntnisse und Beschlüsse jedem Angeschuldigten in 
dieser Sprache zu verkünden und auf Verlangen aus- 
zufertigen. § 11. In bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten 
ist das Protokoll über die mündliche Verhandlung 
in der Sprache der Verhandlung, wenn aber die 
Parteien nicht die gleiche Landessprache gebrauchen, 
in der Sprache der Klage zu führen (§ 7). Aussagen 
von Zeugen, Sachverständigen und Parteien, die zum 
Zwecke der Beweisführung vernommen werden, sind 
jedoch stets in der von diesen Personen bei ihrer 
Aussage gebrauchten Landessprache im Protokolle 
zu beurkunden. Das Gleiche gilt hinsichtlich der 

11 



162 



Vorträge der Parteien und der von ihnen bei einer 
mündlichen Verhandlung abgegebenen Erklärungen 
soweit nicht das Protokoll lediglich eine zusammen- 
fassende Darstellung des Inhaltes des mündlichen 
Parteivorbringens gibt. Das Gericht hat bei der 
mündlichen Verhandlung die Sprache zu gebrauchen, 
in welcher die Verhandlung von den Parteien ge- 
führt wird. Bei Betheiligung von Parteien, die sich 
bei der mündlichen Verhandlung verschiedener 
Landessprachen bedienen, hat das Gericht die 
Sprache des ersten Anbringens, nöthigenfalls beide 
Landessprachen zu gebrauchen. 

Alle richterlichen Erklärungen sind in der Sprache, 
in der sie vom Richter abgegeben wurden und wenn 
die Verkündigung in beiden Landessprachen erfolgte, 
auf Verlangen der Parteien in beiden Landessprachen 
zu protokolliren. § 12. Die Eintragung in die öffent- 
lichen Bücher (Landtafel, Bergbuch, Grundbuch, 
Wasserbuch, Depositenbücher u. s. w.), dann in die 
Handelsfirma-, Genossenschafts- und andere öffent- 
liche Register sind in der Sprache des mündlichen 
oder schriftlichen Ansuchen, beziehungsweise des 
Bescheides, auf dessen Grund sie erfolgen, zu voll- 
ziehen. In derselben Sprache sind die Intabulations- 
klauseln bei Urkunden beizusetzen. 

Bei Auszügen aus diesen Büchern und Registern 
ist die Sprache der Eintragung beizubehalten. § 13. 
Bei allen landesfürstlichen Kassen und Aemtern im 
Königreiche Böhmen, die mit Geld gebaren, hat es 
hinsichtlich der Führung der Kassejournale, Kasse- 
Ausweise und aller sonstigen Kassebehelfe, welche 
von den Gentralorganen zur Ausübung der Kontrolle 
oder Zusammenstellung periodischer Nachweisungen 
benützt werden, bei den bestehenden sprachlichen Vor- 
schriften zu verbleiben. Dasselbe gilt bezüglich des 
inneren Dienstganges und der Manipulation des 
Post- und Telegraphendienstes und der der Gentral- 
leitung unmittelbar unterstehenden ärarischen in- 
dustriellen Etablissements, sowie für den gegensei- 
tigen Verkehr der betreffenden Aemter und Organe. 

Auf die nichtärarischen Postämter mit grösserem 
Geschäftsumfange finden die Bestimmungen der gegen- 



163 



wärtigen Verordnung nach Thunlichkeit Anwendung. 
§14. Der Verkehr der im § 1 bezeichneten Behörden 
mit den autonomen Organen richtet sich nach der 
Geschäftssprache, deren sich dieselben bekannler- 
massen bedienen. § 15. Die Geltung der Dienst- 
sprache der militärischen Behörden und der Gen- 
darmerie für den Verkehr mit denselben und für 
deren dienstlichen Anforderungen wird durch diese 
Verordnung in keiner Weise berührt. § 16. Die gegen- 
wärtige Verordnung tritt am Tage der Kundmachung 
in Wirksamkeit. Am gleichen Tage verlieren alle in 
früheren Verordnungen enthaltenen Bestimmungen, 
die mit den Vorschriften der gegenwärtigen Verord- 
nung im Wiederspruche stehen, ihre Kraft. 

Mit der Verordnung vom nämlichen Tage (wie 
die vorstehende, das ist vom 5. April 1897, L.-G.-Bl. 
Nr. 13) für Böhmen, wurde hinsichtlich der sprach- 
lichen Qualifikation der bei der Behörden im König- 
reiche Böhmen angestellten Beamten verfügt: § 1. 
Beamte, die bei den Gerichts- und staatsanwaltschaft- 
lichen Behörden, sowie bei denjenigen Behörden im 
Königreiche Böhmen, welche den Ministerien des In- 
nern, der Finanzen, des Handels und des Acker- 
baues unterstehen, nach dem 1. Juli 1901 angestellt 
werden, haben die Kenntniss beider Landessprachen 
in Wort und Schrift nachzuweisen. § 2. Dieser 
Nachweis ist entweder gelegentlich der für den be- 
treffenden Dienstzweig vorgeschriebenen praktischen 
Prüfung oder bei einer hiefür eigens anzuberau- 
menden Prüfung, der sich der Beamte spätestens 
drei Jahre nach seinem Dienstantritte zu unterziehen 
hat, zu erbringen. Letztere Prüfung kann Manipu- 
lationsbeamten nachgesehen werden, wenn deren 
sprachliche Eignung während ihrer probeweisen Ver- 
wendung nachgewiesen wird. Die näheren Bestim- 
mungen über die Vornahme dieser Prüfungen 
werden im Wege einer besonderen Verordnung ge- 
troffen werden. Unteroffizieren, die mit Gertifikats 
versehen und nach Böhmen zuständig sind, kann in 
besonders rücksichtswürdigen Fällen der Nachweis 
der sprachlichen Eignung vom Ressortminister er- 
lassen werden. § 3. Unbeschadet dieser Bestim- 



164 



mungen ist schon dermalen nach Thunlichkeit und 
Zulass des Dienstes Vorsorge zu treffen, dass in jenen 
Zweigen des Staatsdienstes, für welche die Verord- 
nung vom 5. April 1897, betreffend den Gebrauch 
der Landessprachen bei den Behörden mit sprach- 
kundigen Beamten nach Mass des thatsächlichen Be- 
dürfnisses besetzt werden. 

Nach der Veröffentlichung dieser gewiss gerechten 
Sprachen-Gesetze des Ministerium Badeni wurde nun 
der bekannte grosse Krieg der Alldeutschen und der 
Deutschnationalen, denen sich sogar die Partei 
Dr. Lueger's anschloss, gegen Oesterreich und seine 
angebliche Slavisirung begonnen. Hier beginnt der 
Siegeszug Wolfs und Schönerer's, hier der Schlacht- 
ruf : Los von Rom. Nachdem gewisse Hofräthe in Wien 
vor Wolf und Schönerer wilde Flucht ergriffen und vor 
dem alldeutschen Sturm eiligst die Staatsfahne strichen, 
erliess am 24. Februar 1898 das Ministerium Gautsch 
neue Sprachenverordnungen und nach diesem Mini- 
sterium steuert das Ministerium des Dr. Körber voll- 
ständig im Fahrwasser der Alldeutschen. Sein Ziel 
ist, Oesterreich muss die Hegemonie der Deutschen 
haben, die Slaven müssen sich beugen. Treu zu Dr. 
Körber halten auch andere Minister, wie der Justiz- 
minister Spens-Booden, der Eisenbahnminister Dr. 
Wittek, Finanzminister Böhm-Bawerk, und der ganze 
Staatsapparat. Eilfahrt nach Berlin. Alle Auslagen dazu 
werden von den österreichischen Steuerzahlern ge- 
tragen. Zur Abwehr gegen die Badenischen Sprachen- 
verordnungen haben sich sämmtliche deutsche Par- 
teien vereint mit Ausnahme der katholischen Abge- 
ordneten aus den Alpenländern und haben die 
Hegemonie der Deutschen in Oesterreich in einer 
Magna Charta abgefasst und am 21. Mai 1899 als 
Pfingstprogramm der Oeffentlichkeit übergeben. 

Die politischen Forderungen der Deutschen in 
Oesterreich. Die deutsch-oppositionellen Parteien im 
Abgeordnetenhause, und zwar: die Deutsche Volks- 
partei, die Deutsche Fortschrittspartei, die Vereini- 
gung der Verfassungstreuen Grossgrundbesitzer, die 
Ghristlich-sociale Vereinigung, haben sich auf nach- 
stehende politische Forderungen geeinigt: 



165 



I. Allgemeine national-politische 
Forderungen. 

1. Die planmässige Zurückdrängung und die immer 
weitergreifende Demüthigung des deutschen Volks- 
stammes in Oesterreich machen es uns zum Pflicht, 
unsere national-politischen Forderungen festzustellen, 
um für dieselben gemeinsam einzutreten. 

2. Die Grundlagen für die Beilegung des natio- 
nalen Streites in Oesterreich, den zu beseitigen wir 
lebhaft wünschen, können nur gewonnen werden 
durch die Anerkennung jener Stellung der Deutschen, 
welche sich dieselben seit vielen Jahrhunderten er- 
rungen haben und deren Behauptung ein Grund- 
pfeiler für die Zukunft dieses Staates ist. Wir ver- 
langen deswegen an erster Stelle den Bruch mit 
einem seit Jahrzehnten befolgten Systeme: die An- 
sprüche aller anderen Nationalitäten auf Kosten der 
Deutschen zu befriedigen. 3. Unter Abweisung aller 
staatsrechtlichen Bestrebungen anderer Nationalitäten 
und Parteien halten wir an der Verfassung, sowie 
an dem Einheitsstaate fest und fordern, dass dieser 
Staat (die im Reichsrathe vertretenen Königreiche 
und Länder) die Gesammtbezeichnung Oesterreich 
erhalte. 4. Der § 14 des Staatsgrundgesetzes über 
die Reichsvertretung, dessen Anwendung gegen Wort 
und Geist in der letzten Zeit wiederholt stattge- 
funden hat, ist zu beseitigen. Nur für wirkliche 
Nothfälle ist durch eine genaue Bestimmung Vor- 
sorge zu treffen. 5. Die Verdrängung der Deutschen, 
sowie der Sprachenkampf kann nicht ohne Rückwir- 
kung auf den geistigen Zusammenhalt und die Schlag- 
fertigkeit der Armee bleiben. Wir halten es daher 
für unbedingt geboten, dass die deutsche Armee- 
sprache besser und zweckbewusster gepflegt wird. 
6. Angesichts der autonomen Sonderstellung, welche 
Galizien bezüglich seiner nationalen Angelegenheiten 
thatsächlich einnimmt, befestigt und verbreitet sich 
die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit, dass der 
Grundsatz der Gegenseitigkeit zur Durchführung 
komme, und verlangen wir, dass die Deutschen in 
Oesterreich vor ungerechtfertigter Beeinflussung ihres 
nationalen Lebens sichergestellt werden. 7. Unsere 



166 



Beziehungen zu Ungarn, die sich keineswegs im ur- 
sprünglichen Geiste der Ausgleichsgesetze vom Jahre 
1867 weiter entwickelt haben, bedürfen der Neuord- 
nung. 

Sie kann gelingen und zum Wohle beider 
Theile und der Monarchie im Ganzen führen, wenn 
der Grundsatz : dass gleichen Rechten gleiche Pflichten 
gegenüberstehen, befolgt und ein dauernder Zustand 
geschaffen wird, der eine ungestörte gedeihliche 
wirthschaftliche Entwicklung ermöglicht. 8. An dem 
Bündnisse mit dem Deutschen Reiche, das der Mon- 
archie die Erhaltung des Friedens sichert, soll un- 
verbrüchlich festgehalten werden, im Interesse der 
wirthschaftlichen Entwicklung des Reiches eine re- 
gere Betheiligung im Weltverkehre angebahnt und 
zum Zwecke der Erhaltung des wirthschaftlichen 
Gleichgewichtes und zum Schutze der einheimischen 
Produktion gegenüber überseeischer Konkurrenz ein 
engerer Zusammenschluss der westländischen Staaten 
Europas angestrebt werden. Hand in Hand mit dem 
Bündnisse mit dem Deutchen Reiche muss für uns 
Deutsche in Oesterreich die Pflege des grossen gei- 
stigen Zusammenhanges mit Deutschland auf allen 
Gebieten des kulturellen und wirthschaftlichen Fort- 
schrittes, besonders auch bezüglich des Hochschul- 
wesens sichergestellt werden. 9. Wir stellen kein 
Gesammtprogramm auf für die Regierung dieses 
Staatei; durch den Druck der Verhältnisse ge^ 
zwungen, bestellen wir nur unser eigenes Haus. Die 
Sicherung unserer Stellung ist aus nationalen Gründen 
jedoch auch deswegen nothwendig, damit die poli- 
tischen und wirthschaftlichen Interessen eine ent- 
sprechende Förderung erhalten können. Was wir 
fordern, ist ein Mindestmass, weil es sich lediglich 
darauf stützt, was besteht und was zur Erhaltung 
unserer Nationalität in Oesterreich unbedingt noth- 
wendig ist. Aber innig verknüpft mit dem Schick- 
sale der Deutschen in Oesterreich ist das Schicksal 
Oesterreich selbst, und wer den Blick auf das Ganze 
richtet, muss für unsere Forderungen noch andere, 
aus dem innersten Wesen dieses Staates geschöpfte 
Gründe den unsrigen hinzufügen. 



167 



Allgemeine Grundsätze für die Re- 
gelung der Sprachen frage. 

Die Herstellung eines Rechtzustandes in Sprachen- 
sachen ist eine unerlässliche und unaufschiebbare 
Bedingung für das Zusammenleben der verschiedenen 
Nationalitäten in Oesterreich, sowie für die Sicherung 
geordneter Zustände. 

Zu diesem Zwecke sind alle bisherigen Verord- 
nungen, Erlässe und Instruktionen in Sprachensachen 
ausnahmslos aufzuheben und ist das Geltungsgebiet 
einer allgemeinen Vermittlungssprache, sowie der in- 
neren und äusseren Amtsprachen der staatlichen 
und der autonomen Behörden in den verschiedenen 
Theilen des Reiches gesetzlich festzustellen. Es er- 
geben sich einerseits allgemeine Grundsätze für die 
Geltung der Vermittlungssprache, anderseits, und zwar 
bedingt durch die Verschiebbarkeit der Verhältnisse, 
besondere Grundsätze für die Regelung der Sprachen- 
frage in den einzelnen Ländern. Es wird die Reichs- 
gesetzgebung für die Regelung der vorligenden Frage 
bei den Staatsbehörden, die Landesgesetzgebung für 
die Regelung derselben bei den autonomen Behörden 
nach Massgabe der für die einzelnen Länder aufge- 
stellten Forderungen und innerhalb des durch die 
Reichsgesetzgebung festzustellenden Geltungsumfanges 
der deutschen Sprache als Vermittlungssprache ein- 
zutreten haben. Die nachstehenden Festsetzungen be- 
ruhen auf genauer Erforschung der Stellung, welche 
die deutsche Sprache im nationalen, wie im staatlichen 
Interesse in Oesterreich beansprucht. Sie sind als ein 
untrennbares Ganze anzusehen. 

Die Vermittlungssprache des Reiches. 
1. Die allgemeine Vermittlungssprache in Oester- 
reich ist die deutsche Sprache. Sie ist die Sprache 
des Reichsrathes, sowie aller sich auf die Geschäfte 
desselben beziehenden Staatsakte, die Sprache der 
Ministerien, der Obersten Gerichtshöfe und aller übrigen 
Central behörden. Die öffentlichen mündlichen Ver- 
handlungen bei dem Obersten Gerichtshofe werden in 
der Vermittlungssprache geführt. Die dieser Sprache 
nicht mächtigen Parteien sind durch Dolmetsche zu 



168 



vernehmen. Der Amtsverkehr zwischen den genannten 
Gentralstellen und allen staatlichen Behörden geschieht 
in der deutschen Vermittlungssprache, die Erledi- 
gungen und Ausfertigungen derselben sind in dieser 
Sprache herauszugeben. Der gesetzlich festgesetzte 
sprachliche Geschäftsumfang des Obersten Gerichts- 
hofes bleibt unberührt. Die Geltung der allgemeinen 
Vermittlungssprache ist ferner für gewisse Verwaltungs- 
zweige, wie die Agenden der Behörden in Militär- 
angelegenheiten, für das Rechnungswesen, für den 
Post-, Telegraphen- und Eisenbahndienst der Natur 
dieser Verwaltungszweige entsprechend durchgreifend 
festzustellen. 

Ueber die Lösung des Sprachenstreites hat der 
Landesmarschall des Königreiches Böhmen Fürst Georg 
Lobkowicz am 2. März 1901 folgende Anschauungen 
ausgesprochen : Ich habe mir ernstlich vorgenommen, 
sagt Redner, in dieser Beziehung nichts zu sagen, 
was etwa nach irgend einer Seite aufregend oder 
verletzend wirken könnte. Denn es ist, glaube ich, 
nicht angezeigt, in diesem Augenblicke in irgend einer 
Weise noch mehr Oel ins Feuer zu giessen. (Zustim- 
mung.) Ich unterlasse deshalb auch die Besprechung 
einer ganzen Reihe von Theilen dieser grossen Frage, 
und das schon aus dem Grunde, weil ja in der Thron- 
rede eigentlich nur ein ganz kleiner Theil dieses 
grossen Gebietes berührt erscheint und weil ich es 
für zweckmässiger halte, meine persönlichen Meinun- 
gen in Bezug auf diese Fragen für den Zeitpunkt 
vorzubehalten, wenn es etwa dazu kommen wird, 
dass die von mancher Seite für eine Panakee gehal- 
tene legislative Regelung dieser Frage wird in Angriff 
genommen werden. Ich beschränke mich hier nur auf 
Eines, und zwar um gewissen Wünschen und Be- 
denken, welche mir in dieser Richtung mitgetheilt 
worden sind bis zu einem gewissen Grade Rechnung 
zu tragen. Wenn es zu dieser legislativen Regelung kom- 
men wird, so dürfte es meiner Ansicht nach sich aller- 
dings nicht empfehlen, etwa die Dinge durch ein 
einziges grosses Sprachengesetz regeln zu wollen. Es 
gibt grosse und wichtige Theile der Sprachenfrage, 
welche durch die Gesetzgebung geregelt werden können ; 



169 



allein, ob die einzelnen Punkte dieser Frage der 
Reichsgesetzgebung, ob sie def Landesgesetzgebung 
zugehören oder ob sie etwa im Verordnungswege zu 
regeln sind, scheint mir, hängt nicht so sehr davon 
ab, dass es sich eben um die grosse Sprachenfrage 
handelt, als vielmehr davon, wem die Kompetenz 
darüber zusteht, über diejenigen Gebiete legislativ 
oder im Verordnungswege zu entscheiden, bezüglich 
welcher es sich im konkreten Falle um die Frage 
der Regelung der Sprache handelt. 

Wenn man in den bezüglichen Passus der Adresse 
unter den „thatsächlichen Verhältnissen" diejenigen 
in diesem Augenblicke bestehenden Bestimmungen 
versteht, welche thatsächlich zur Ausführung gelangen, 
dann glaube ich nicht, dass eine gesetzliche Feststel- 
lung solcher Verhältnisse irgendwie zur Beruhigung 
der Gemüther beitragen werde. Man kann daher diesem 
Passus der Adresse nur dann zustimmen, wenn man 
unter den thatsächlichen Verhältnissen, welche im 
Wege der Gesetzgebung anerkannt werden sollen, 
diejenigen Umstände versteht, welche bei richtiger 
und ruhiger Erwägung aller nationalen Verhältnisse 
in den verschiedenen Ländern sich als thatsächliche 
und nicht etwa nur als doktrinär aufgestellte dar- 
stellen werden. In diesem Sinne kann man vielleicht 
diesem Passus zustimmen. Ich halte aber die Diskus- 
sion darüber, ob und wie das wird geschehen können, 
heute deshalb für vollkommen gegenstandslos, weil 
doch nicht in Aussicht zu nehmen ist, dass in naher 
Zeit überhaupt an die legislative Regelung dieser Ver- 
hältnisse wird herangetreten werden können. Ich be- 
schränke mich daher auf den Punkt, welcher in der 
Thronrede erwähnt wurde, und aufweichen die Adresse 
reagirt hat. Ich leugne nicht, dass von Seite der Ver- 
fasser der Adresse die Stylisirung mit grossem Ge- 
schicke und grosser Vorsicht gewählt worden ist, ja 
ich kann die Meinung nicht unterdrücken, dass in 
der Beziehung die Fassung der Adresse den Ver- 
hältnissen mehr entspricht, als die Fassung, welche 
von Seite der Rathgeber der Krone in der Thronrede 
zum Ausdrucke gekommen ist. Ich, und ich glaube 
mit mir eine grosse Anzahl der Mitglieder des Hauses, 



170 



hat es schmerzlich empfunden, dass in der Thronrede 
die Sprachenfrage erwähnt worden ist, ohne dass der 
Grundsatz der Gleichberechtigung in gleicher Weise 
zum Ausdrucke gekommen wäre. Dem gegenüber er- 
kenne ich an, dass in der Adresse diese Frage rich- 
tiger behandelt worden ist. Denn dort ist der Grund- 
satz der Gleichberechtigung wenigstens klar und als 
eine der wesentlichsten Bedingungen der Ordnung: 
dieser Fragen zum Ausdrucke gebracht. 

Wenn ich nun den betreffenden Passus der Adresse 
näher ins Auge fasse, so finde ich hier eben schon 
einen jener Punkte, welchem von verschiedenen Seiten 
vielleicht aus verschiedenen Gründen zugestimmt 
werden kann. Ich betone das Wort „kann". Von vielen 
Mitgliedern dieses Hauses wird dem vielleicht eine 
wesentliche Bedeutung beigemessen, dass in dem 
Texte der Adresse von einer Sprache die Rede ist. 
Sie ist nicht näher bezeichnet, aber welche es sein 
solle, darüber ist ja Niemand im Zweifel. Für uns 
gerade hat dieser selbe Satz nur dadurch einen ge- 
wissen Werth, dass darin ausgesprochen ist, dass diese 
eine Sprache in den höchsten Sphären der Admini- 
stration nur dort zu gebrauchen sei, wo eine Verstän- 
digung erforderlich und nur durch den Gebrauch einer 
Sprache möglich ist. Dar Wort „nur" ist für uns be- 
deutungsvoll. Darüber, wann diese Bedingungen vor- 
handen sind, werden wohl noch geraume Zeit ver- 
schiedene Ansichten möglich sein. Ich und viele 
meiner Freunde sind der Ansicht, dass heute in vielen 
Fällen diese eine Sprache gebraucht wird, wo die 
Bedingungen, wie sie in der Adresse angegeben sind, 
nicht vorhanden sind. Selbstverständlich gibt es keinen 
ernsten Politiker, der nicht die Armeesprache als ein 
noli me tangere betrachten würde. Es ist vollkommen 
natürlich, dass bei den Gentralbehörden die deutsche 
Sprache — um dieses Wort zu gebrauchen, um welches 
wir ja nicht streiten — in vorwiegender Weise zur 
Anwendung kommt. Allein daraus zu folgern, dass 
in allen jenen Sphären, in allen jenen Punkten, wo 
diese Sprache gegenwärtig zur Anwendung kommt, 
sie auch dauernd als die einzig anwendbare Sprache 
in Geltung bleiben solle, ist eine Ansicht, der wir 



171 



allerdings nicht zustimmen können. Wir sind vielmehr 
der Meinung, dass es eine ganze Reihe von Gebieten 
gibt, in welchen im Interesse einer guten Admini- 
stration, im Interesse einer guten Justiz es vielleicht 
zweckmässiger wäre, auch anderen Sprachen den Ein- 
gang auch in die höheren Sphären der Verwaltung 
und in die höchsten Sphären der Justiz zuzugestehen. 
Meiner Ansicht nach soll die Administration im wei- 
testen Sinne des Wortes überhaupt die Frage der 
Sprache eigentlich nur von dem Standpunkte behan- 
deln, insoferne die Sprache eben ein Verständigungs- 
mittel ist. Sie soll nie für die Administration oder 
für die Behörden ein Selbstzweck sein. 

In Bezug auf die Sprache halte ich es immer 
für viel zweckmässiger, wenn die Behörden sich den 
Bedürfnissen der Bevölkerung unterordnen, als wenn 
sie etwa ihre eigene Bequemlichkeit für das Mass- 
gebende in dieser Sache erachten. (Bravo! Bravo ! rechts.) 
Ich halte es allerdings auch von der anderen Seite 
für verfehlt, wenn von unten Forderungen gestellt 
werden, die ernstlich und wirklich nicht erfüllt werden 
können. Allein ich halte es für verderblich, wenn 
von oben mögliche Dinge nicht gewährt werden, denn 
nichts fördert gerade den Sprachenzwist und Sprachen- 
hader mehr als eine unbegründete Verweigerung er- 
füllbarer Forderungen. 

Ich meinerseits habe die traurige Ueberzeugung, 
dass bis zu einem gewissen Masse innerhalb einer 
vielleicht nicht sehr langen Zeit im Gentrum des Rei- 
ches der Parlamentarismus wird eine gewisse Ein- 
schränkung erfahren müssen, welche man von mancher 
Seite als ein absolutistisches Regime zu bezeichnen 
für nothwendig halten wird. Wenn dieser Zeitpunkt 
eintritt -- und ich fürchte, er wird eintreten — dann 
möchte ich eben für diesen Augenblick schon jetzt 
den Warnungsruf ausstossen, und ich möchte nichts 
sehnlicher wünschen, als dass dieser Warnungsruf 
nicht ungehört verhalle. 

Diejenigen, welche dann in der Lage sein werden, 
das Staatsruder zu führen, mögen dann nicht ver- 
gessen, dass der Absolutismus eben nur ein Noth- 
behelf sein wird und nicht weiter gehen soll, als 



172 



wirklich die unbedingte Nothwendigkeit dafür besteht. 
Die Völker Oesterreichs werden es begreifen, dass, 
wenn das Gentralparlament seiner Aufgabe absolut 
nicht mehr gewach sen ist, für diese Aufgaben in an- 
derer Weise gesorgt werden muss. Sie würden es 
aber nicht verstehen, warum man ihnen die Mit- 
wirkung an der Gesetzgebung dort entzieht, wo diese 
Mitwirkung noch weiter möglich sein wird. Es wäre 
meiner Ansicht nach ein verhängnissvoller Fehler, 
wenn man etwa deswegen, weil das Gentralparlament 
sich selbst unmöglich gemacht hat, auch die Land- 
tage sperren würde, oder den Landtagen nicht Gele- 
genheit bieten würde, ihre Thätigkeit in vollem Masse 
ruhig weiter zu führen. Im Gegentheile, ich bin der 
Ansicht, dass nur dann, wenn man den Landtagen 
die Bewegungsfreiheit lässt, es möglich sein wird, 
jene Gefahren zu verhüten, welche mit jedem Abso- 
lutismus jederzeit verknüpft sind. Die Völker sind 
einmal gewohnt, durch ihre Vertreter ein freies Wort 
zu sprechen und dieses freie Wort zu hören. V/enn 
sie es nicht im Gentralparlamente hören können, 
wollen sie es wenigstens in den Landtagen hören, 
und nur unter dieser Voraussetzung halte ich es für 
denkbar, dass der leider unausweichlich nothwendige 
Zustand im Gentrum solange erhalten bleibe, bis eine 
gewisse Beruhigung eintritt, und bis man auf richti- 
gen Grundlagen an die Wiederkonstituirung des Gen- 
tralparlamentes werde gehen können. Nur wenn die 
Landtage eine Zeit lang ruhig funktioniren, kann an 
eine Sanirung des Gentral Parlamentes gedacht werden. 
Ich für meine Person halte eine solche Sanirung nur 
mit den Landtagen und durch die Landtage für mög- 
lich. Ich glaube, dass nur auf die Weise — wie es 
in der Adresse heisst — ein wahrhaft organischer 
Ausbau der Verfassung möglich sein werde. Dann 
wird die Verfassung eine Einrichtung sein, welche 
von allen Völkern wirklich als Hort ihrer Rechte 
freudig begrüsst werden wird. 

Lassen wir nun einmal einen Führer der Deut- 
schen Böhmens, Dr. Eppinger, Abgeordneten und 
Advokaten in Niemes, reden. Er gehört der alten 
mächtigen liberalen deutschen Partei an. Am 16. Fe- 



173 



bruar 1902 berief dieser Führer eine Versammlung- 
nach Böhm. Leipa ein, deren Verlauf folgender war. 
Ausser dem Obmanne der deutschen Fortschritts- 
partei, Dr. Eppinger, war auch der Reichsrathsabge- 
ordnete dieses Bezirkes, Dr. Funke erschienen. Ausser- 
dem waren anwesend: Der Bürgermeister Bred- 
schneider, der frühere Landtagsabgeort. Katzwendel, 
Bez.-Obmann Hölzl, Staatsanwalt Götz, die Landes- 
Gerichtsräthe Wabe und Schuster, Realschuldirektor 
Walda, die Stadträthe Büke, Sommer und Waigel, 
sowie der Bürgerschuldirektor Mohaupt. St.-R. Büke 
eröffnete die Versammlung, indem er den Regierungs- 
vertreter Bez.-Kom. Jindra vorstellte, und dann Dr. 
Eppinger und Dr. Funke willkommen hiess. (Stür- 
mische Hoch- und Heilruf.) Der Vorsitzende betonte, 
dass sich die Einladung an alle Deutschen richtete, 
denn wenn auch die Deutschen Böhmens leider in 
Parteien gespalten seien, das Gebiet, das Dr. Eppin- 
ger heute in seinem Vortrage zu berühren gedenke, 
interessire sie doch alle gemeinsam. Sodann ergriff 
Dr. Eppinger das Wort zu folgenden Ausführungen: 
Ich bin der Einlandung gern gefolgt, obzwar die 
innere Lage keineswegs dazu angethan ist, um dar- 
über Bericht zu erstatten. Aber gerade in einer Zeit 
politischen Niederganges ist es doppelt nothwendig- 
sachlich die uns Alle berührenden Fragen zu bespre- 
chen Schon deshalb, weil es das beste Mittel ist, 
der Resignation und Theilnahmslosigheit entgegen- 
zuwirken. Denn gerade diese Theilnahmslosigkeit ist 
ein grösseres Uebel, als das Gerathen in falsche 
Bahnen. Die Formen, die das öffentHche Leben an- 
genommen, widerstehen Manchem in innerster Seele 
und er denkt sich: Wenn nur die Mache, die Speku- 
lation auf die Instinkte die ausschlaggebenden Mo- 
mente sind, dann fühle ich mich angeekelt von 
diesem öffentlichen Leben. So denkt Mancher und 
es ist dies vom menschlichen Standpunkt aus be- 
greiflich. Aber in der Politik ist dieses Denken ein 
grober Fehler, denn es heisst, dem Gegner das Feld 
räumen, ihn widerstandslos walten lassen. 

Der Redner erläuterte dann kurz die immer ge- 
fährdetere Stellung der Deutschen in Böhmen. Wie 



174 



sie sich, weil sie die Gunst der Herrscher, die sie 
ins Land riefen, durch Kolonisation des Landes er- 
warben, zugleich die Missgunst des nationalen Gegners 
zugezogen. Die Gzechen glaubten schon damals die 
bessere Nation zu sein, und betrachteten die Deut- 
schen als Fremdlinge, als „hergelaufene Kerle". So 
erscheinen ihnen die Deutschen bis zur Stunde, und 
auch die gebildetsten Geister unter den Gzechen 
können sich von dieser Vorstellung nicht frei machen. 
Das ist die eine Triebfeder des nationalen Kampfes, 
die zweite ist folgende: die Deutschen Böhmens sind 
nicht nur Bewohner dieses Landes, sondern auch 
Glieder des grossen Ganzen, des früheren Kaiserthums 
Oesterreich, jetzt der im Reichsrathe vertretenen 
Königreiche und Länder. Die Deutschen sind ein- 
gefügt in ein Staatsganzes. Nach dem Werdegang der 
politischen Entwicklung haben sich, wie in allen 
Staaten, auch hier lose Theile zu einem festen Ganzen 
geschlossen und die Herrscher fanden es bald zweck- 
mässig, die deutsche Sprache als Bindeglied, zur vor- 
herrschenden zu machen. Der durch diese Bestre- 
bungen hervorgerufene Gentralismus machte auch in 
Böhmen derartige Fortschritte, dass z. B. nach Maria 
Theresia und Joseph IL zu Anfang des 19. Jahr- 
hunderts thatsächlich die czechische Sprache im 
Aussterben begriffen war, und es als Zeichen von 
ünintelligenz galt, die deutsche Sprache nicht zu 
sprechen. Das Czechische sank zur Sprache des Ge- 
sindes herab. Trotzdem hat die czechische Sprache 
eine Wiedergeburt erlebt. Erst eine literarische, dann 
eine politische und wir müssen dies anerkennen. Es 
nützt nichts, fortwährend von Minderwerthigkeit zu 
sprechen. Es ist besser, die Thatsachen offen zu- 
zugeben, dass ist ein besserer Leitstern, als die fort- 
gesetzte Verkleinerung des Gegners. 

Diese Wiedergeburt war aber nichts anderes als 
ein fortgesetzter Wiederstand gegen das Deutschthum. 
Bei ihnen gilt es heute noch als Patriotismus ein 
Deutschenhasser zu sein. Solange noch, bis zum Jahre 
48, beide Stämme durch die Brutalität des Absolut 
tismus niedergehalten wurden, war sogar ein gewisses 
Zusammenwirken möglich. Aber als das öffentliche 



175 



Leben freiheitlichere Formen annahm, dann das 
Februarpatent kam, war der Tummelplatz für die na- 
tionalen Gelüste geschaffen. Es muss konstatirt werden, 
dass die nationale Gegnerschaft gerade durch den 
Eintritt der Freiheit in das öffentliche Leben zur 
höchsten Blüthe gelangt ist und sich nun als Hemm- 
schuh aller Entwicklung darstellt. Worin bestehen 
nun eigentlich die nationalen Gegensätze. Alle Ver- 
suche zur nationalen Verständigung verliefen bis jetzt 
zwar resultatslos. Allein Gelegenheit zur Aussprache 
gaben sie doch, und Gelegenheit zur Absteckung des 
Kampffeldes. Und so lassen sich denn drei grosse 
Kampfgebiete unterscheiden : Reform der Landtags- 
wahlordnung und Landesordnung, Regelung des Spra- 
chengebrauchs bei den autonomen und landesfürst- 
lichen Behörden und Regelung der Schulangelegen- 
heiten, speciell der Minoritätsschulen. 

Darauf entwickelte Dr. Eppinger das politisch- 
nationale Programm seiner Partei. Zum Schlüsse 
wandte er sich gegen die Alldeutschen und sagte: 
Sie verlangen den Zusammenschluss mit dem Deut- 
schen Reiche. Wo aber ist denn der Plan hiezu? 
Zudem ist der Zusammenschluss mit dem Deutschen 
Reiche bei der grossen Bevölkerungsmenge in Oester- 
reich gar nicht populär; so weltgeschichtlich sind 
wir eben nicht gesinnt. Allerdings, die Weltgeschichte 
kehrt mit eisernem Besen, aber solche Wandlungen 
vollziehen sich erst, wenn alle Voraussetzungen vor- 
handen sind, und diese Voraussetzungen sind weder 
bei uns, noch auf Seite des Deutschen Reiches jetzt 
vorhanden. Bei uns ist die Bevölkerung viel zu pa- 
triotisch und kaisertreu gesinnt, so dass man nichts 
davon wissen will. Und die Stimmung drüben? Es 
lässt sich nicht leugnen, dass die letzten Jahre in 
Deutschland viel Sympathie für uns erweckt haben, 
für solche Bestrebungen, die einen Zusammenschluss 
mit uns bezwecken, sind sie doch nicl^t zu haben. 
Der Preusse ist eingefleischter Royalist und officiell 
hat dieses Deutschland noch bei jeder Gelegenheit 
deutlich und energisch abgewinkt, wenn es sich um 
derartige Sachen handelte. Sehen wir doch die Buren 
an! Weil die officiellen Kreise nichts damit zu thun 



176 



haben wollen, so darf auch keine Einmischung statt- 
finden. Auf solchen Prämissen baut man keine Politik 
auf. Wer auf solche vage Hoffnungen baut, verschlim- 
mert nur unsere Lage, ohne an das Ziel zu kommen. 
Ich erkenne an, dass solche Zukunftsbilder der Jugend 
imponiren, aber sie sind eben nur nach dem Ge- 
schmacke der Jugend und für ernste Männer nicht 
massgebend. Wer hätte in den siebziger Jahren ge- 
glaubt, dass es dreissig Jahre hindurch nicht zu dem 
furchtbaren Revanchekriege kommen werde? Und 
doch beruhigten sich die Gemüther, weil sie einsehen 
gelernt haben, dass die Zeit der Kabinetskriege vor- 
über ist. 

Am 21. Januar 1902 hielt der deutschnationale 
Verein in Reichenberg eine Versammlung ab, in 
welcher der Sekretär der Handelskammer in Wien 
Dr. Grunzel über brennende politisch-wirthschaftliche 
Fragen einen Vortrag hielt. Aus seinem Vortrag sei 
Folgendes hervorgehoben : In der gestern Abends statt- 
gefundenen Versammlung des „Deutschnationalen 
Vereins" hielt Sekretär Prof. Dr. Grunzel aus Wien, 
ein gebürtiger Reichenberger, einen interessanten Vor- 
trag über brennende wirthschaftspolitische Fragen, 
wie Ausgleich mit Ungarn, Zolltarif und Handels- 
verträge, Socialpol itik u. dgl. Aus seinem Vortrag sei 
nur einiges Wenige hervorgehoben: Was den Aus- 
gleich mit Ungarn anbelange, bzw. die Quote, wäre 
es wohl das Richtigste, die Bevölkerungszahl als 
Grundlage anzunehmen und eventuell einen Zuschlag 
nach der Steuerkraft hinzuzufügen. An eine Zoll- 
trennung zwischen Oesterreich und Ungarn glaube er 
nicht, weil weder in Oesterreich noch in Ungarn der 
grösste Theil der Bevölkerung die Trennung will und 
ertragen kann. 

Was die Meldungen anbelange, dass zwischen 
Oesterreich und Russland Vereinbarungen im Zuge 
seien, Handelsverträge betreffend, glaube er, dass das 
eine jener grossen Machenschaften sei, die ein grosser 
Theil der Berliner mit der Pester Presse einrichtet zu 
dem Zwecke, um den deutschen Zolltarif zu werfen. 
Auf alle Fälle müsse das Vertrags Verhältnis mit 
Deutschland aufrecht erhalten werden. Bei Bespre- 



177 



chung der socialpolitischen Fragen wies Redner auf 
die grossen Kosten unserer Versicherungen hin. 
Während bei uns für die Kranken- und Unfallver- 
sicherung allein 2*4 pGt. der Lohnsumme gezahlt 
werde, zahle man in Deutschland für die Kranken-, 
Unfall-, Alters- und Invaliditätsversicherung zusammen 
nur 2*7 pGt. Unsere Versicherungen seien zudem ganz 
bureaukratisirt. Redner schloss mit dem Appell, dass 
die politischen Parteien den wirthschaftlichen Fragen 
einen grösseren Raum geben, als bisher, die Regie- 
rung wiederum solle sorgen, dass unsere Verwaltung 
im modernen Sinne zeitgemäss umgestaltet werde und 
dass nicht ein solcher Bureaukratismus Platz greife, 
wie jetzt. 

Hierauf ergriff Abg. Prade das Wort. Er sagt, 
das ganze politische und wirthschaftliche Elend in 
Oesterreich rühre immer von den Verhandlungen be- 
treffend den Ausgleich her. Die Ungarn gehen nur 
darauf aus, ihre wirthschaftlichen, ihre agrarischen 
Interessen zu wahren, höhere Zölle zum Schutze 
ihrer agrarischen Produktion, ihrer jungen Industrie 
zu erlangen und sind dagegen bereit, die österreichi- 
sche Volkswirthschatt, die österreichischen Industrien 
und Gewerbe den ausländischen Staaten zum Opfer 
zu bringen. Daher glaubt die österreichische Regierung 
selbst nicht daran, dass es ihr gelingen werde einen 
Zolltarif zu vereinbaren, der auch nur die mindeste 
Aussicht hätte, auf parlamentarischem Wege erledigt 
zu werden. Und deshalb, weil die österreichische 
Regierung das weiss, und weil sie fürchtet, dass 
sich im Abgeordnetenhause keine Mehrheit dafür 
finden werde, weil sie weiss, dass sie keine politischen 
und nationalen Zugeständnisse mehr zu vergeben 
hat und vergeben darf, womit sie die Mehrheit des 
Hauses für einen schlechten Ausgleich mit Ungarn 
kaufen könnte, deshalb droht sie mit der Auflösung, 
mit der Sistirung der Verfassung, mit dem Staats- 
streiche, weil sie dann den Ausgleich und die Zoll- 
tarife frei und ungebunden mittelst kais. Verordnun- 
gen durchführen kann. Das ist der Kernpunkt der 
heutigen schwierigen politischen Lage; nicht der 
deutsch-czechische Streit, wie man so gerne aller Welt 

12 



178 



verkündet, ist schuld daran, dass das österreichische 
Parlament heute lahmgelegt ist, nicht die politischen 
und nationalen Differenzen der Deutchen und Gzechen 
sind die Ursache, dass wir von Jahrzehnt zu Jahr- 
zehnt in immer schlechtere Verhältnisse und bis zum 
heutigen Tiefstande unseres parlamentarischen und 
öffentlichen Lebens gelangt sind. Die Ursache ist, 
dass wir kein einheitlicher, auf einer bestimmten 
Basis beruhender Staat mit grossen politischen Zielen, 
mit einer ausgesprochen volkswirthschaftlichen, auf 
weite Gesichtspunkte hin abzielenden Politik sind, 
sondern ein Staat auf 10jährige Kündigung, ein Staat, 
dessen Grundlagen alle 10 Jahre erschüttert werden. 
Derartige fortgesetzte Erschütterungen könnte auch 
ein viel stärkerer Staat wie Oesterreich auf die Dauer 
nicht ertragen. Daher muss vor Allem ein dauerndes 
Verhältniss mit Ungarn geschaffen werden. 

Was das Verhältniss zu dem Deutschen Reiche 
anbelangt, müssen wir zu einem neuen Vertragsver- 
hältnisse zu gelangen suchen. Die Einfuhr Oester- 
reichs nach Deutschland betrug in den letzten Jahren 
427 Mill. Mk., die Ausfuhr Deutschlands nach Oester- 
reich 510 Mill. Mk. Das sind so gewichtige Posten, 
dass wir nur mit Schaudern daran denken, dass 
diese Handelsbeziehungen etwa unterbunden oder 
wesentlich beeinträchtigt werden sollten. In der Ver- 
sprechung, dass uns in Russland ein Ersatz für unser 
in Deutschland verlorenes Absatzgebiet geschaffen 
werde, können wir durchaus keinen Vortheil für unsere 
Volkswirthschaft und vor Allem auch keine Wahrung 
der nationalen Interessen unseres Volkes erblicken. 
Darum wollen wir mit allen Mitteln dafür eintreten, 
dass wir wieder zu einem Vertragsverhältnisse mit 
Deutschland gelangen. Allerdings müssen wir da 
unsere politischen Forderungen, die dahin gehen, 
eine möglichst enge wirthschaftliche Vereinigung mit 
dem Deutschen Reiche, der Schweiz und Holland 
herbeizuführen, nach der gegenwärtigen Sachlage 
zurückstellen ; aufgeben aber werden wir sie niemals. 

Redner schliesst, dass der Ausblick in die Zu- 
kunft traurig sei. Wir werden wahrscheinlich einen 
schlechten Ausgleich mit Ungarn und einen ungün- 



179 



stigen Vertrag mit Deutschland in den Kauf nehmen 
müssen und so werden sich die wirthschaftlichen Ver- 
hältnisse Oesterreichs in der nächsten Zukunft wohl 
noch schlechter gestalten. Wenn Ausgleich und Handels- 
verträge auf parlamentarischem Wege nicht zustande 
kommen, werden sie ausserparlamentarisch gemacht 
werden und wir werden nicht die Macht haben, dieses 
zu hindern. Wir können uns nur trösten, dass diese 
schwankenden Verhältnisse dauernd nicht bestehen 
können und dass es heute nicht mehr möglich ist, 
mitten im Herzen Europas auf längere Dauer einen 
absolutistischen Staat aufzurichten. Lassen sie mich 
die Hoffnung ansprechen, dass das deutsche Volk, 
eben deshalb, weil es das Volk der Arbeit in diesem 
Staate ist, durch diese seine eigene Arbeit die Macht 
erlangen wird, dass es aus diesem Kampfe als der 
massgebende Faktor in wirthschaftlicher u. nationaler 
Beziehung in diesem Staate hervorgehen wird und soll. 

Dr. Grunzel als Socialpolitiker schaut auf den 
Sprachenstreit weit nüchterner als gewisse Politiker 
von Beruf. Was im Norden Oesterreichs das böhmi- 
sche Volk für seine nationalen Bedürfnisse dulden 
und leiden muss, das müssen im Süden die Slovenen 
von den Alldeutschen und Deutschnationalen der 
Südmark über sich ergehenlassen. Der Landtag Steier- 
marks, der sich in den Händen von Schönerianern 
befindet, ignoriert vollständig alle Bedürfnisse der 
Slovenen Unter-Steiermarks. Die Regierung ist nur 
das ausführende Organ der deutschnationalen Mehr- 
heit des Landtages. Der Landtag Steiermarks bewil- 
ligt absolut keine Schule den Slovenen, lässt keinen 
Fluss in Untersteiermark regulieren, während sänimt- 
liche Flüsse Ober- und Mittel-Steiermarks reguliert 
sind auf Landeskosten. 

Der Abgeordnete Biankini schilderte am 4. No- 
vember 1901 im Abgeordnetenhause die Leiden der 
Slovenen. Die Alldeutschen der „Südmark'' haben 
den Slovenen den Vernichtungskrieg auf ihrem Tage 
in Radkersburg in folgenden Sätzen formuliert: „Die 
Slovenen im Unterlande sollen aus den Bezirksver- 
tretungen und Bezirksschulräthen hinausgedrängt 
werden! Den slovenischen Vorschusskassen wird ein 

12* 



180 



Vernichtungskampf angekündigt. Slovenische Lehrer 
und Professoren sollen aus dem Unterlande verdrängt 
werden. Als Beamte dürfen im Unterlande nur Deut- 
sehe angestellt werden! (Hört! Hört!) Auch die slo- 
venischen Lehrerinnen müssen fort und werden durch 
erst zu erziehende deutsche ersetzt. Die utraquistischen 
Schulen sind zu kas&iren. (Hört!) Es soll eine Kata- 
stralmappe des slovenischen Grundbesitzes für deut- 
sche Parteizwecke angefertigt und eine besondere Kom- 
mission eingesetzt werden, deren Aufgabe es wäre^ 
zu achten, wo ein slovenischer Bauer aus seiner Be- 
sitzung verdrängt und durch einen fremden ersetzt 
werden könnte/' 

Die Regierung sieht dem Treiben der Alldeut- 
schen in der Südmark vollständig unthätig zu, ja sie 
fördert die Ziele der Alldeutschen. Sie bevorzugt die 
Deutschen durch systematische Ernennung von der 
slovenischen Sprache nur selten mächtigen Beamten 
in Untersteiermark, und Verdrängung, beziehungswetse 
Ernennung der slovenischen Beamten nach Krain,. 
oder in deutsche Theile Steiermarks, direkt die Ger- 
manisierung Untersteiermarks fördernd. Damit wird 
ein doppelter Erfolg erreicht. Einerseits wird dadurch 
das deutsche Element in den von den beiden Natio- 
nalitäten bewohnten Städten und Märkten gestärkt, 
anderseits kommt hiemit ein Element in die Verwal- 
tung, rücksichtlich Justitz, welches die Verdrängung 
der slovenischen Sprache, der Sprache von mehr als 
90 Procent der Bevölkerung Untersteierrnarks, sich 
zur Aufgabe stellt, und diese Aufgabe auch, wie die 
Erfahrung zeigt, mit einer ganz eigenthümlichen Kon- 
sequenz zur Durchführung bringt. Dies zeigt sich ins- 
besondere bei den Gerichten in Unt.ersteiermark, und 
zwar in einer Art und Weise, dass die Behauptung 
gerechtfertigt erscheint, dass die Richter in Untersteier- 
mark sich mit wenigen Ausnahmen von der durch 
die deutschnationale Richtung inaugurirten nationalen 
Unduldsamkeit nicht frei zu halten wissen. Es können 
die untersteirischen Slovenen den Gerichtssaal nicht 
mit dem beruhigenden Gefühle des vollen Vertrauens, 
sondern nur mit einem gewissen Zittern und Zagen 
betreten. Denn eines ist sicher. Müssen sie auch über 



181 



die meritorische Entscheidung ihrer Angelegenheiten 
sich nicht Besorgnissen hingeben, ,oder mögen sie 
nur als Zeugen geladen sein und daher am Ausgange 
des Processes kein Interesse haben, sie werden das 
Gerichtshaus doch nicht verlassen, ohne eine Reihe 
empfindlicher Kränkungen durch Verletzung ihres 
Nationalgefühles erfahren zu haben (Oho !-Rufe), 
Kränkungen, die ihnen von staatlich angestellten Ge- 
richtspersonen bewusst, ja vielfach mit Absicht, und 
in jedem Falle mit stillschweigender Duldung der 
Justizverwaltung zugefügt werden. 

Es liegt System in der Missachtung und Zurück- 
setzung der slovenischen Sprache bei den Gerichten 
Untersteiermarks. Ich will in dieser Beziehung heute 
keine eingehenden Daten vorbringen, dies wird von 
anderer Seite gelegentlich der zweiten Lesung des 
Budgets stattfinden. Ich konstatiere nur, dass über 
in slovenischer Sprache vorgebrachte Anbringen bei 
Gericht, in nahezu 90 Procent der Fälle ein deut- 
sches Protokoll aufgenommen wird, und die Partei, 
mag sie sich auch sträuben, muss diese ihr oft ganz 
unverständliche Niederschrift unterschreiben. Ist nun 
einmal das erste Anbringen — die Grundlage für das 
weitere Verfahren — deutsch protokolliert, so geht 
es im ganzen Akte so weiter, da hilft keine Bitte, 
keine Beschwerde mehr. Gegen diesen wohlbekannten 
Unfung sind das Justizministerium und das Ober- 
landesgerichtspräsidium nicht nur nicht eingeschritten, 
im Gegentheile, sie fördern denselben und überlassen 
es ganz dem Belieben jedes einzelnen gerichtlichen 
Beamten — natürlich zum Nachtheile der Slovenen, 
denn wehe demjenigen, der einer deutschen Partei 
in ihrem Sprachenrechte nahetreten wollte, — sich 
über die bestehenden Vorschriften hinwegzusetzen. Es 
scheint wirklich, als ob sich die Richter zur Aufgabe 
gemacht hätten, den ihre Rechte fordernden Slovenen 
auf Schritt und Tritt Prügel vor die Füssd zu werfen. 

Macht ein Slovene eine slovenische Eingabe, 
die man endlich doch in slovenischer Sprache erle- 
digen muss, so erhält er sicher die Erledigung mit 
deutschem Couvert und deutschem Retourrecepisse, 
oder mit einem deutschen Zustellschein zugestellt. 



182 



Wenn er sich dagegen beschwert und mindest doppeK 
sprachige Drucksorten verlangt, so erhält er, wie es 
einem Marburger Advokaten geschah, die Zustellung 
mit deutsch-italienischem Retourrecepisse. Also zur 
Zurücksetzung auch noch den Hohn! In solchen 
Kleinigkeiten zeigte sich, wie stark in manchen Richter- 
kreisen die deutschnationale radikale Gesinnung ein- 
gewurzelt ist. Aehnlich wie in erster Instanz, ist auch 
die Behandlung der sprachlichen Rechte der Slo- 
venen in zweiter Instanz. Sehr arg ist die Verletzung 
nicht bloss der sprachlichen Rechte, sonden auch 
die Gefährdung der Rechtssicherheit im Schwurge- 
richtsverfahren. In diesem Verfahren, wo es sich um 
die schwersten Verbrechen handelt, ist noch nie eine 
slovenische Anklage erhoben worden. Man verletzt 
da wissentlich alle die grossen Principien und zwar^ 
wie man behauptet, wegen der Geschworenen. 

Da komme ich auf ein trauriges Kapitel, auf die 
Zusammenstellung der Geschworenenlisten, bei welcher, 
wie wir gelegentlich mit konkreten Daten belegen wer- 
den, ausschliesslich politische Erwägungen entschei- 
dend sind. Man braucht ein verständnisvolles Werkzeug 
zur Knebelung der slovenischen Presse und nimmt 
daher in die Liste neben ein paar Paradeslovenen 
nur deutsche Parteigänger, und aus letzteren mit 
Vorliebe solche, welche die slovenische Sprache über- 
haupt nicht verstehen. Dass man gewissenhafte Leute 
damit in die peinliche Situation bringt, nach Eid 
und Gewisen ihr Votum über die Schuld oder Nicht- 
schuld eines Menschen abzugeben, dessen Verantwor- 
tung sie ob Unkenntnis seiner Sprache ebensowenig 
folgen konnten, als den Angaben der Zeugen, dies 
scheint die Gerichte nicht zu berühren. 

Diese unerfreulichen Thatsachen lassen nur zu 
deutlich erkennen, wie es namentlich im heurigen 
Jahre geschehen konnte, dass die Pressprocesse gegen 
slovenische Redakteure stets für die Angeklagten einen 
ungünstigen Verlauf nahmen, während deutsche Redak- 
teure wegen in der Presse erfolgter Ehrenbeleidi- 
gungen -gegen Slovenen eine Freisprechung stets sicher 
erwarten konnten. Fragen wir uns, wer die Schuld 
trägt an den traurigen Justizzuständen in der Steier- 



183 



mark, so können wir mit allem Grund behaupten: 
das Oberlandesgerichtspräsidium in Graz und das 
Justizministerium. Beide haben durch das Dulden 
und theilweise auch durch ausdrückliches Fördern 
der bereits geschilderten Praxis, dadurch, dass sie 
Richter, welche die Sprachenrechte der Slovenen 
achten, wo nur möglich, zurücksetzen, dagegen solche, 
die sich über diese Rechte hingewegsetzen, trotz der 
offenkundigen Gesetzwidrigkeiten bevorzugen, den 
Richterstand zum grossen Theile in seiner Gesinnungs- 
tüchtigkeit ungünstig beeinflusst. Ein grosser Theil der 
Richter entstammt slovenischen Eltern, wie überhaupt 
in Untersteiermark man bei den deutschgesinnten 
Richtern in der Regel nicht mehr als höchstens auf 
den Grossvater zurückgehen braucht, um auf ganz 
slovenische, des Deutschen unkundige Leute zu stos- 
sen. Und diese der slovenischen Nation entstammende 
Richter sind heute die grössten Gegner derselben. 
Warum ? Weil es ihnen Graz und Wien bei jedem An- 
lasse fühlen lässt, dass nur jener auf ein Fortkommen 
rechnen kann, welcher seine slovenische Abstammung 
verleugnet. Und wem zuliebe fördert die Regierung 
ein solches Vorgehen? Der untersteierischen Deut- 
schen wegen! Wer sind diese? Kaufleute, Gewerbs- 
leute, Advokaten, Notare, die alle von der slovenischen 
Bevölkerung leben und dabei recht klug vorzugehen 
verstehen. 

Alle diese Urgermanen lernen für ihre Person und 
für ihr Geschäft slovenisch; sie annoncieren in der 
slovenischen Sprache, lassen slovenische Plakate an- 
kleben, schicken den slovenischen Kunden und Klienten 
slovenische Rechnungen, Briefen, s. w., denn sie wissen, 
dass sie sonst kein Geschäft machen würden, und 
darum: um's Geschäft, um's Verdienen ist es ihnen in 
erster Linie zu thun. Ist das geschehen, dann erwacht das 
germanische Gefühl, dann wird versammelt, resolutio- 
nirt, petitionirt und verlangt, dass von den staatlichen 
Organen alles das, was die deutschen Advokaten und 
Geschäftsleute in ihrer Erwerbsthätigkeit als natürlich 
befinden, im Verkehre der staatlichen Aemter, mit 
den slovenischen Parteien in das gerade Gegentheil 
verkehrt wird, denn dies fordere das nationale Recht 



184 



der Deutschen ! Und das Schreien solcher Charaktere 
ist massgebend für die Massnahmen der Regierung! 
Wir werden gelegentlich der zweiten Lesung des 
Budgets die Ernennungsthätigkeit der Regierung be- 
leuchten, und an der Hand konkreter Fakten das 
parteiische Vorgehen nachweisen. Wir werden die 
Thätigkeit des Landesschulrathes in Graz auf dem 
Gebiete der Germanisierung der Volksschulen in Unter- 
steiermark ebenfalls bei der zweiten Lesung eingehend 
beleuchten ; und konstatiere ich einstweilen nur, dass 
der Landesschulrath, der doch nur von pädagogischen 
Rücksichten sich leiten lassen sollte, auffallend die 
Interessen der slovenischen Bevölkerung in Hinsicht 
auf die Schule vernachlässigt. 

Ueberall sehen die Slovenen in Untersteiermark 
sich zurückgesetzt. Ihre nationalen, kulturellen und 
wirthschaftlichen Forderungen finden kein Gehör, 
nur eine verletzende Zurückweisung. Der Regierung 
sind die Wünsche der Slovenen gut bekannt, doch 
nimmt sie keinen Anlass, sich für die Erfüllung der- 
selben einzusetzen, und mit ihrem moralischen Ein- 
flüsse namentlich in der Richtung zu wirken, dass 
die autonome Landesverwaltung Steiermarks auch 
den Slovenen gegenüber jene Fürsorge zeige, welche 
dieser fast ein Drittel der gesammten Bevölkerung 
des Landes ausmachende Volksstamm vollauf ver- 
dient. Die Art und Weise, wie die für die bäuer- 
liche Bevölkerung des Unterlandes so wichtige Frage 
der Regulierung der Pössnitz und der Sotla im stei- 
rischen Landes-Ausschusse bisher behandelt wurde, 
illustriert die Gesinnungen der Majorität dieser 
Körperschaft gegenüber den so begründeten Forde- 
rungen der Slovenen auf das schlagendste. Ebenso 
sieht es auch in der Frage der so nothwendigen Er- 
richtung einer slovenischen Bürgerschule und einer 
slovenischen Ackerbauschule aus. Landes-Ausschuss 
und Landtag verhalten sich geradezu verletzend. 
Fürwahr, die Slovenen Untersteiermarks haben allen 
Grund zur Verbitterung und zu berechtigten Klagen, 
und es ist nur zu staunen, dass die Regierung, 
welche über die traurigen Verhältnisse Untersteier- 
marks informiert ist, sich so unthätig verhält. 



185 



Das zweite südslavische Volk, die Kroaten, welche 
meist in Istrien koncentriert sind, hat die Italia 
Irredenta auf dem Nacken. Die Italianissimi, welche 
vornehmlich im Gemeinderathe Triest ihre Macht 
zeigen, unterwühlen Oesterreich im Süden zu Gunsten 
■des revolutionären vereinigten Italien. Sie bedrängen 
mit jeder Niedertracht die kroatische Bevölkerung 
des Küstenlandes und Dalmatiens, sie scheuen nicht 
einmal vor offenen Mordthaten und Bombenwerfen in 
die katholischen Kirchen. Dem Treiben der Italianis- 
simi fiel zum Opfer Bischof Stark in Triest, der vor- 
zeitigen Todes starb an den Folgen der furchtbaren 
Hetzereien dieser schamlosen Sippe. Direkter Gönner 
dieser Revolutionäre war seinerzeit der Statthalter 
Rinaldini, der nur zu spät seines Amtes enthoben 
wurde. Solche Beamte hat das arme Oesterreich. 

Statthalter Rinaldini war auch verwickelt in eine 
anrüchige Malversation beim Oesterreichischen Lloyd, 
in dessen Verwaitungsrathe er auch sass. Man wies 
ihm nach, dass er Trinkgelder in der Höhe von 
200.000 fl. angenommen habe. Und solchen Männern 
wird die Regierung eines ganzen Landes anvertraut. 
Was Abgeordneter Biankini von den Staatsbeamten 
im Süden von Steiermark sagte, das gilt von einer 
grossen Zahl von Staatsbeamten in allen Verwaltungs- 
zweigen in ganz Oesterreich überhaupt. Die höchste 
Raison der amtlichen Thätigkeit so mancher Staats- 
beamten ist nicht das Wohl des Volkes, des Vater- 
landes, der Dynastie, sondern das Wohl der eigenen 
Person und ein blindes Parteiinteresse. Der grosse 
bureaukratische Apparat Oesterreichs hat die fixe 
Vorstellung, der Staat, die Völker seien seinetwegen 
hier und nicht umgekehrt. Gewisse Bureaukraten , 
besonders in den Gentralstellen der Verwaltung, sind 
die verbissensten Feinde der Gleichberechtigung der 
Nationen und wenn die gesetzgebenden Körperschaften 
auf die Versöhnung hinarbeiten, wird über das Par- 
lament und die Landtage im alten System regiert. 
Gewisse mächtige Bureaukraten machen in Oester- 
reich eben, was sie wollen, sie sind gewaltiger als 
das Parlament, die Landtage und der Herrscher. 
Manche Bureaukraten arbeiten den Deutschnationalen 



186 



und Schönerianern in die Hände. Hier ein BeispieL 
Das Organ der Prager Judenschaft „Prager Tagblatt* 
brachte am 26. September 1902 folgenden Artikel : 

Ein Kapitel deutsc h-b öhmischer Schul- 
geschichte. 

Hofrath Dr. J. V. Grohmann, administrativer Re- 
ferent im Landesschulrathe, ist um seine Pensioni- 
rung eingeschritten. Mit Hofrath Grohmanns Amts- 
thätigkeit ist ein bedeutsames Kapitel unseres deut- 
schen Schulwesens auf das innigste verknüpft. Als 
im Jahre 1869 der Landesschulrath in Böhmen ins 
Leben gerufen wurde, wurde Grohmann — seine 
Berufung erweckte grosses Aufsehen, weil er Schul- 
mann und nicht Jurist war — zum administrativen 
Referenten dieser neugegründeten Behörde, u. zw. 
sowohl für die deutschen als für die tschechischen 
Schulen ernannt. Ihm fiel damals persönlich die 
gewichtige Aufgabe zu, die neuen Volksschulgesetze 
gegen die Opposition der tschechischen Bevölkerung 
durchzusetzen. Es war die Zeit der Deklaration; die 
Gechen hatten Reichsrath und Landtag verlassen. 
Da die neuen Schulgesetze ohne sie zu Stande ge- 
kommen waren, so wollten sie den Beweis liefern, 
dass die Regierung nicht im Stande sei, diese Ge- 
setze gegen den Willen des cechischen Volkes durch- 
zuführen. Mit den schärfsten Waffen ist gegen diese 
Gesetze, die heute von den Gechen als Errungen- 
schaft betrachtet werden, damals von ihnen ange- 
kämpft worden; in den Zeitungen hiess es, sie seien 
der Tod der cechischen Nation (smrt naseho näroda), 
sie müssten der Gemeinde den Einfluss auf die 
Schule rauben, sie brächten die Lehrerschaft unter 
die Botmässigkeit der Bureaukratie u. s. w. Wer 
bei der Durchführung der Schulreform behilflich war, 
wurde als „okrslak" vervehmt. Kurz, die Verhinde- 
rung der Schulreform wurde zur Kraftprobe der na- 
tionalen und staatsrechtlichen Opposition! Hofrath 
Grohmanns unermündlicher Energie ist es gelungen, 
diesen Widerstand zu brechen. Selten noch ist eine 
grosse gesetzgeberische Aktion so durch das Wirken 
einer einzelnen Persönlichkeit gefördert worden! 



187 



Schon wenige Wochen nach seiner Ernennung- 
konnte Grohmann Anträge über die Greirung der 
Bezirksschulinspektoren für sämmtliche Schulbezirke 
erstatten. In diesen Anträgen kam zum ersten Male 
der für die Entwicklung des Schulwesens so be- 
deutsam gewordene Gedanke zum Ausdruck, die In- 
spektionsbezirke in Böhmen nach der Unterrichts- 
sprache abzugrenzen, d. h. für deutsche Schulen 
deutsche, für cechische Schulen cechische Inspek- 
toren zu ernennen. Ünterrichtsminister Hasner ge- 
nehmigte diese Vorschläge Grohmann's rückhaltslos: 
in ihrer weiteren Entwicklung führten sie bekannt- 
lich zur nationalen Trennung des Schulwesens. Hof- 
rath Grohmanns Initiative feierte dann auch in einer 
andern verwandten Angelegenheit einen Erfolg: das 
Schulaufsichtsgesetz vom 8. Feher 1869 enthielt in 
§ 32 die Bestimmung, dass die Schulgemeinden die 
Fahrgelegenheiten zu den periodischen Schulvisita- 
tionen beizustellen haben. In den oppositionellen 
Gemeinden, welche die Fahrgelegenheiten verwei- 
gerten, wurden diese Visitationen dadurch selbstver- 
ständlich illusorisch. Rasch entschlossen brachte- 
Hofrath Grohmann — er war damals Landtagsabge- 
ordneter für den Städtebezirk Gabel-Kratzau — den 
Antrag ein, das Schulgesetz dahin abzuändern, dass 
die Bezirksschulinspektoren ihr Reisepauschale aus 
Staatsmitteln erhalten. So wurde aller cechischen 
Opposition zum Trotz der Schulinspektion freie Be^ 
wegung und die für ihre Funktion nöthige Unab- 
hängigkeit erobert! 

Als nun im Herbste 1869 zur Bildung der Be- 
zirksschulräthe geschritten wurde, verweigerten in 
den meisten Cechischen Schulbezirken die Lehrer und 
die Bezirksvertretungen die Vornahme der Wahlen. 
Erst mit den schärften Mitteln und erst nach unbe- 
schreiblicher Mühe gelang es, wenigstens die Mehr- 
zahl der im Gesetze vorgeschriebenen Bezirksschul- 
rathsmitglieder aufzubringen und die Konstituirung 
des Bezirksschulrathes vorzunehmen. Noch grössere 
Schwierigkeiten stellten sich dem Schulerrichtungs- 
gesetze vom 19. Feber 1870 entgegen: diesem Ge- 
setze gemäss gingen mit Beginn des Schuljahres 



188 



1870—1871 alle Verpflichtungen, welche bis dahin 
den Gemeinden bezüglich der Errichtung und Erhal- 
tung ihrer Schulen obgelegen waren, auf den Schul- 
bezirk über. Vom 1. Oktober hatten somit die Schul- 
bezirke den gesammten Aufwand für die öffentlichen 
Volksschulen zu bestreiten. Allein die Schulbezirke 
hatten weder Kassen noch Geld. Daraufhin brachte 
der Abg. Dr. Hanisch, ein Freund des Hofrathes 
Grohmann, im Reichsrathe einen Gesetzentwurf ein, 
nach welchem den Steuerämtern die Geld- und Ur- 
kundengebahrung der Bezirksschulkassen und des 
Lehrerpensionfondes übertragen werden konnte. Erst 
seit dem Zustandekommen dieses Gesetzes (11. Mai 
1870) war die Voraussetzung für eine ordnungsge- 
mässe Führung der Schul bezirkskassen geschaffen. 
Allein, da einerseits diese Kassen naturgemäss An- 
fangs leer standen, das Gesetz andererseits die Aus- 
zahlung der Lehrergehalte in anticipativen Raten 
anordnete, die Einnahmen des Schulbezirkes aber 
besten Falls in dekursiven Raten erfolgten, da 
ferner der Landesausschuss ablehnte, den gesetz- 
lichen Landesbeitrag von 329.597 fl. vor Schluss des 
Verwaltungsjahres flüssig zu machen, — so sah sich 
der Landesschulrath im Oktober 1870 einer fast un- 
lösbaren Aufgabe gegenüber. Am höchsten stieg die 
Verwirrung in jenen cechischen Schulbezirken, in 
denen die Bevölkerung, der ausgegebenen Parole 
folgend, die Zahlung des Schulgeldes und der 
Schulauslagen verweigerte; die Gemeinden wollten 
nicht einmal vorschussweise für die Lehrergehalte 
aufkommen. Karolinenthal z. B. versuchte sogar, 
das bisherige Schulgebäude zu anderen Zwecken zu 
vermiethen ! 

In dieser verzweifelten Situation wurde ein 
scharfer Erlass an die Bezirkshauptmannschaften 
herausgegeben, demzufolge die Schulhäuser als Ge- 
meingut erklärt und jedem weiteren Versuche, sie 
der Verwaltung des Schulbezirkes zu entziehen, Ein- 
halt geboten wurde. In 11 cechischen renitenten 
Schulbezirken wurden die rückständigen Schulgelder 
und Schulumlagen mit Militärassistenz eingetrieben ! 
Der Erfolg dieser Massregel — selbst die Freunde 



189 



des neuen Schulgesetzes hätten ihn nicht so rasch 
erwartet — war, dass im April 1871 die Schulbezirks- 
kassen bereits in allen Schulbezirken Böhmens akti- 
virt waren. Die Gechen haben seither, durch die 
Wohlthaten des Schulgesetzes bekehrt, eingesehen, 
welch' schwerer Fehler ihre diesbezügliche damalige 
Opposition war. Mit der glücklichen Durchführung 
der Schulreform hatte Hofrath Grohmann seinen Ruf 
als unermündlicher Organisator fest begründet Unter 
dem Statthalter Koller wurde dann ein eigener Re- 
ferent für cechische Schulen bestellt: aber die 
grossen organisatorischen Aufgaben, die das ge- 
sammte Schulwesen betrafen, wurden auch weiterhin 
dem Hofrath Grohmann übertragen.*) Als Regierungs- 
kommissär der Schulkommission im böhmischen Land- 
tag — er stand dort mit den hervorragendsten Ab- 
geordneten der deutschen Partei im freundschaftlich- 
sten Verkehr — hat er durch die Verdienste, die er 
sich um das Zustandekommen des Schulaufsichts- 
gesetzes vom Jahre 1873 erworben hat, auf die Entwick- 
lung des Volksschulwesens in Böhmen entscheidende- 
und richtunggebenden Einfluss genommen. Die dau- 
ernde Bedeutung dieses Gesetzes liegt in den Bestim- 
mungen, durch welche die Trennung der Schulbezirkc 
nach der Nationalität und die nationale Organisation 
der Orts- u. Bezirksschulaufsicht angeordnet wird. Diese 
Bestimmungen wurden von Deutschen und Gzechen 
mit Befriedigung angenommen und wurden geradezu 
epochemachend für die Behandlung der nationalen 
Fragen. Bei den Ausgleichsverhandlungen im Jahre 
1890 war denn auch der Plan, den beiden Nationa- 
litäten ihre Schulen in eigene Verwaltung zu über- 
geben, und demgemäss den Lndeschulrath — wie 
die unteren Schulinstanzen — zu theilen, beiden 
Parteien plausibel. Diesen Gedanken, der seither so 
viel zur Beruhigung der Gemüther beigetragen hat^ 
zuerst angeregt und zur praktischen Durchführung^ 



*) Als 1890 die Stelle des Vicepräsidenten beim Landeschul- 
rathe creirt wurde, konnte Hofrath Grohmann für dies.es Amt 
wegen mangehider Kenntniss der czechischen Sprache nicht 
berücksichtigt werden. Damals wurde ihm der Titel und Charakter 
eines Hofrathes verliehen. 



190 



gebracht zu haben, ist ein ausschUessliches und un- 
vergängliches Verdienst Hofrath Grohmanns! 

Auf Grund des neuen Schulaufsichtsgesetzes 
wurden in Prag ein deutscher und ein czechischer 
Bezirksschuhath errichtet. Der deutsche Bezirksschul- 
inspektor war Begierungsrath Prof. Lieblein, ein 
Freund des Hofraths Grohmann. Dem rastlosen Zu- 
sammenwirken dieser beiden vortreffHchen Männer 
ist der ungeahnte Aufschwung des deutschen Schul- 
wesens in Prag und den Vororten zu danken. Im 
Jahre 1869 gab es in Prag und den Vororten blos 
drei öffentliche deutsche Volkschulen: die Altstädter 
deutsche Knaben- und Mädchenhauptschule, die ge- 
mischte Volkschule bei S. Maria de Viktoria und die 
Josefstädter Haupt- und Unterrealschule. Die letztere, 
1859 begründet, sollte gemäss eines zwischen der 
Stadt Prag und der Israel. Kultusgemeinde geschlos- 
senen Vertrages nach zehnjährigem Bestände — also 
im Jahre 1869 — wieder aufgelassen werden. Nur 
dem unermüdlich energischen Einschreiten des Hof- 
raths Grohmann ist es zu danken, dass diese deut- 
sche Schule trotzdem bestehen blieb. Da die Stadt- 
gemeinde Prag sich weigerte, den Lehrern ihre Ge- 
halte auszuzahlen, Hess Hofrath Grohmann dasjenige 
Drittel der Verzehrungssteuer, welches der Stadt zufiel, 
mit Beschlag belegen, und Hess hievon die Lehrer 
bezahlen. Gegenwärtig gibt es in Prag und Umgebung 
nicht weniger als neun deutsche Volkschulen (Bürger- 
schulen: zwei auf der Altstadt, eine in Karolinenthal 
und Smichov). Ohne jede Uebertreibung darf es aus- 
gesprochen werden, dass das Verdienst, diese sechs 
Schulen, die seit 1869 neu hinzukamen, für das deut- 
sche Volk gewonnen zu haben, ausschliesslich der 
Initiative des Hofraths Grohmann zu danken ist! Im 
Jahre 1881 beschlossen die Ortsschulräthe von Wein- 
berge, Smichov, die Stadträthe von Prag, Karolinen- 
thal und Pfibram : sämmtliche Kinder, die der deut- 
schen Unterrichtssprache nicht hinreichend mächtig 
wären, aus den deutschen Schulen auszuweisen und 
den czechischen Ortsschulen zuzuweisen. Dieser Be- 
wegung trat der Landesschulrath energisch entgegen, 
da es auf Grund der bestehenden Gesetze den Eltern 



191 



freistehen müsse, ihre Kinder in die deutsche oder 
€zechische Schule zu schicken. Anfangs im Landtage 
wie in den czechischen Zeitungen aufs heftigste an- 
gefochten, wurde diese Anschaunung, nachdem auch 
Ministerium und Verwaltungsgerichtshof alle dagegen 
eingebrachten Rekurse verworfen hatten, schliesslich 
anerkannt. Da brachte Abg. Kvicala im Landtag den 
Antrag ein, das bestehende Gesetz dahin abzuändern, 
dass die schulpflichtigen Kinder je nach ihrer Natio- 
nalität von Amtswegen von den Schulorganen einer 
deutschen oder czechischen Schule zugewiesen werden. 
Dieses lex Kvicala gegenüber hat Hofrath Grohmann 
bei jeder Gelegenheit mündlich und schriftlich das 
natürliche Recht der Eltern auf die Wahl der Schule, 
mit der ihm eigenen von innigster Ueberzeugung 
getragenen Energie und Zähigkeit verfochten. 

Aber nicht nur auf dem Gebiete des Volksschul- 
wesens, sondern auch auf dem der Mittelschule hat 
Hofrath Grohmann dem deutschen Volke Dienste ge- 
leistet, für welche die Dankbarkeit niemals erlöschen 
kann: es sei kurz und bündig ausgesprochen, dass 
die Errichtung der deutschen Staatsgymnasien auf der 
Altstadt, in der Stephansgasse, in Smichov, in den 
Weinbergen, der Realschulen auf der Insel Kampa, 
in Karolinenthal und in der Heinrichsgasse der aus- 
schliesslichen Initiative des Hofrath s Grohmann und 
seiner Liebe zu seinem Volke zu danken sind. Ins- 
gesammt sind unter Grohmanns Amtswirksamkeit in 
Böhmen acht deutsche Gymnasien, sechs deutsche 
Realschulen, vier deutsche Lehrerbildungsanstalten aus 
Staatsmitteln errichtet worden, neun deutsche Gy- 
mnasien und vier deutsche Realschulen in die Staats- 
verwaltung übernommen worden. 

Hofrath Grohmann schrieb auch unter dem Namen 
Josef Winter schneidige politisch-historische Aufsätze 
in die „Mittheilungen des Vereins für die Geschichte 
der Deutschen". Solcher Grohmanns hat die Staats- 
maschine Oesterreichs zu Hunderten, sie sind es, 
welche durch ihre Amtsthätigkeit dem Staate Oester- 
reich gewaltsam den Stempel des Deutschthums von 
Amtswegen aufdrücken. Solche Grohmanns hat die 
böhmische Nation nicht aufzuweisen. Staatsbeamte 



192 



böhmischer und slavischer Nationalität dürfen sich 
überhaupt am nationalen Leben ihres Volkes nicht 
betheiligen, ausser sie verzichten darauf im Dienste 
vorzurücken und laufen in Gefahr einen existenxiellen 
Selbstmord zu begehn. Wenn ein Staatsbeamte böh- 
mischer Nationalität vorrückt, so geschieht es nur, 
wenn er sein eigenes Blut zu verleugnen versteht. 
Man findet denn auch höhere Stellen des Staats- 
dienstes wie in den Ministerien und den übrigen 
wichtigen Gentralstellen fast ausschliesslich von Deut- 
schen oder Renegaten besetzt. 

Der Typus Grohmann arbeitet für das deutsche 
System in Oesterreich wenigstens in solchen Schranken, 
die einen ruhigen nationalen Arbeiter für das Deutsch- 
thum bekunden, aber es gibt Staatsbeamte, die sich 
direkt an deutschnationalen und schönerianischen 
Agitationen betheilig:en. Der Steueramtsadjunkt Hugo 
Bartelt in Oderberg, Schlesien, versendete Ende Au- 
gust 1902 allen deutschnationalen Vertrauensmännern 
ein Girkulare, worinersiezu einer nationalen Versamm-, 
lung nach Mähr.-Ostrau einlud, um eine Gegendemon- 
stration der Deutschnationalen gegen das Sokolfest 
zu veranstalten. An allen nationalen Wühlereien und 
künstlich herbeigeführten Demonstrationen nimmt in 
Mähren regelmässig einen direkten Antheil der Ober- 
landesgerichtsrath Baron d'Elvert in Brürm. 

Es gibt erwiesenermassen einen sehr starken 
Procentsatz von Staatsbeamten, welche alldeutsche 
und schönerianische Blätter halten und ihrer Gesin- 
nung nach dieser Partei angehören. Derartige Beamte 
zum Beispiel bei der Post und Eisenbahnen scheuen 
sich nicht slavische Adressen an den Sendungen eigen- 
mächtig umzuschreiben, zu verunstalten, ja es gibt 
Beispiele, dass schönerianische Postbeamte mit Hohn 
Sendungen mit böhmischen Adressen als unbestellbar 
zurücksenden. Kurz es ist ein wahres Kesseltreiben 
von Seite eines grossen Procentsatzes der Staatbeamten 
um dem Staate Oesterreich den Charakter der „preus- 
sischen Ostmark" von Amtswegen aufzudrücken, 
es ist ein systematischer k. k. Hochverrath, der da 
ausgeübt wird von Männern, welche doch geschworen 
haben dem Kaiser und Reich treu zu dienen. Ja 



193 



wenn es österreichische Minister gibt, die für Preussen 
arbeiten, warum sollte es nicht ein Adjunkt thun, er 
wird ja dafür sicher befördert. Fragen wir nun, 
woher diese Erscheinung, die wohl in keinem Staate 
der Welt vorkommen kann? Kein Hausvater wird 
doch im eigenen Hause Leute im Dienste halten, von 
denen er überzeugt ist, dass sie ihn direckt bestehlen, 
beschädigen. Im österreichischen Staatswesen gilt 
diese Vorsicht nicht. Warum denn unter den Staats- 
beamten Oesterreichs soviel schönerianische und 
wolfianische Drachensaat? Um diese Erscheinung zu 
erklären, muss man auf die deutschen juridischen 
Fakultäten Oesterreichs gehen. 

Man würde hier vergeblich suchen nach Männern, 
welche die studirende Jugend, aus welcher die Staats- 
beamten sich rekrutiren, systematisch zur Liebe zum 
österreichischen Vaterland anleiten würden. Es ist 
bekannt, dass an den Hochschulen Oesterreichs die 
Studentenverbindungen schönerianischer Färbung vor- 
wiegen, und hier wird schon jahrzehntelang der Bis- 
marckkultus und direkter Hochverrath systematisch 
gepflegt. Verbindungen katholischer Studirender sind 
ja in verschwindender Minorität. 

Man suche doch nicht an den Stätten, wo die 
„freie" Wissenschaft vorgetragen wird, irgend welche 
Treue zu Gott, zu Kaiser und dem Volk. Wer Gott 
nicht treu ist, der ist es auch den Menschen nicht. 
Man suche doch nicht an diesen Stätten der „freien 
Wissenschaft" irgend welche Liebe und Treue zu Oester- 
reich, wo diese „freie Wissenschaft" von so viel Söh- 
nen jenes Volkes vorgetragen wird, das schon seit fünf- 
tausend Jahren das goldene Kalb konsequent anbetet, 
dem also Vaterlandsliebe ein gänzlich unbekannter 
Begriff ist. So trägt an der juristischen Fakultät in 
Wien die österreichische Reichsgeschichte Dr. Sigmund 
Adler, ordentlicher öffentlicher Professor, vor. Nun 
wissen wir allerdings nicht, ob dieser gute Herr ge- 
tauft ist. Sehr begreiflich finden wir schon, dass 
an dieser Fakultät das Handels- und Wechselrecht 
Dr. Samuel Grünhut vorträgt. Das geht schon eher. 
Nicht allein die Universitäten sind von Semiten über- 
reich besetzt, auch die Staatsmaschine Oesterreichs 

13 



194 



überhaupt lässt den Söhnen Judas bereitwillig die 
höchsten Staatswürden zugänglich. 

Abgeordneter Gregorig beklagte sich, dass die 
Statthalterei Nieder-Oesterreichs ganz unter dem Ein- 
flüsse des Judenstämmlings Baron Hock stehe. Auch 
andere wichtige Gentralstellen sind reich mit Juden 
besetzt. Das Eisenbahnministerium in Wien könnte 
eine eigene Synagogen-Abtheilung aus seinen Beamten 
errichten. Während Schönerianer und Deutschnatio- 
nale ein Wuthgeheul erheben, das Deutschthum sei 
bedroht, das bis nach Berlin wiederhallt, wenn ein 
böhmischer Adjunkt in irgend einen deutschen Kräh- 
winkel im Gebirg angestellt wird, schweigen sich diese 
Helden gründlich darüber aus, wie Juda seine Söhne 
an der Staatsgrippe Oesterreichs gemächlich und satt 
füttern lässt, die dummen Gojim bezahlen es. Und 
ist es in Preussen-Deutschland anders? Kann doch 
Kaiser Wilhelm ohne den Juden Ballin nicht aus- 
kommen. Es handelt sich hier nicht um die Ernen- 
nung eines böhmischen Gerichtsadjunkten oder um 
die Anstellung eines böhmischen Aushilfspriesters im 
sogenannten deutschen Sprachgebiet, es geht hier um 
ein System, damit Oesterreich im Innern nie zur Ruhe 
komme, bis der ersehnte Augenblick kommt, wo 
preussische Regimenter mit blanker Waffe und klin- 
gendem Spiel die böhmischen Grenzen überschreiten 
werden. Sagte doch Moltke, dass der Krieg für das 
jetzige Preussen-Deutschland eine elementare Noth- 
wendigkeit sei. Die schönerianischen und alldeutschen 
Staatsbeamten Oesterreichs sind eine Gefahr, an wel- 
cher das Reich über kurz oder lang nothwendig zu 
Grunde gehen muss. Wenn die Alldeutschen verlangen, 
Oesterreich müsse das Deutsche als Staatssprache 
erhalten, so wäre es doch viel konsequenter, für 
Oesterreich das Hebräische als Staatssprache zu pro- 
klamiren. Die Juden sind in Oesterreich Gis und 
Trans die Herren, die Christen sind die Beherrsch- 
ten. Warum säubern doch nicht die Alldeutschen 
die österreichische Staatsmaschine von den Semiten ? 
Oesterreich ist in der Fremde durch seine Hebräer 
vertreten. Fast sämmtliche Konsulate Oesterreichs 
sind in den Händen der Juden. 



195 



Hier einige Beispiele. Konsul in Ghikago : Dr. Alfred 
Flesch; in New-York: Julius Stern; Philadelphia: 
Alfred Ostheimer ; Pittsburg: Jakob Weiss; Frank- 
furt: Wilhelm Rothschild; Leipzig: Rudolf Fasan; 
Stuttgart: Adolf Federer; Marseille: Adam Grünberg; 
Toulon: Benjamim Jouve; Paris: Gustav Rothschild, 
Richard Fürth, Baron Jacob Kahnstein ; Havre : Eugen 
Grosos; Athen: Richard Oppenheimer; LiA^erpool: 
Emil Neumann, Georg Behrend; Manchester: Sieg- 
mund Oppenheim; London: Alfred Baron Rothstjhild, 
Julius Kohn; Amsterdam : Leopold Grünberg; Bagdad : 
Alfred Rapaport; Peru: Samuel Brahm; Moskau: 
Franz Sponer; Odessa: Rudolf Wodianer; Riga: Mo- 
ritz Lübeck; Stockholm: Eduard Fränkl; St. Gallen: 
Julius Salzmann; Barcelona: Nikolaus Kiss; Madrid: 
Gustav Bauer. 

Wie manche Staatsämter in Oesterreich aussehn, 
davon geben wir ein kleines Beispiel. Die Finanz- 
prokuratur in Prag hat folgende Beamte. Finanzräthe : 
Franz Meisel, Jakob Adler, Leopold Wiener, Julius 
Petschek, Franz Schilder. Sekretäre : Julius Eisenbach, 
Ernst Bauer, Max Weis. Adjunkten : Ernst Pick, Lud- 
wig Spiegel, Albert Bauer, Viktor Schwarzkopf, Otto 
Baumer. Ob von diesen Beamten vielleicht Jemand 
Christ ist, können wir nicht angeben. Da sind die 
Deutschnationalen ganz still. 

Anfangs September entleibte sich der Adjunkt 
des Steueramtes in Reichenberg Franz Fiedler. Die 
Pressorgane Reichenbergs gaben an, er habe dieses 
aus Geistesstörung gethan. Abgeordneter Ghoc führte 
in seiner Interpellation über diesen traurigen Fall im 
Abgeordnetenhause am 6. November 1902 unter anderem 
folgendes an: „Anfrage des Abgeordneten Ghoc und 
Genossen an Ihre Excellenzen die Herren Minister des 
Innern, der Justiz und der Finanzen. „Zufolge einer 
Zeitungsnachricht endete am 6. September 1. J. der 
k. k. Steueramtsadjunkt Franz Fiedler in Reichenberg 
durch Selbstmord. Laut der aus deutschen Quellen 
geschöpften Nachrichten soll er dies in unzurechnungs- 
fähigem Zustande verübt haben. Das kann jedoch 
entschieden nicht der Fall sein. Der verstorbene Herr 
Franz Fiedler war und konnte nicht irrsinnig sein, 

13* 



196 



schon deswegen nicht, weil er von den Beamten des 
k. k. Hauptsteueramtes in Reichenberg die grösste 
Agende mit dem besten Erfolge besorgte. 

Der verstorbene Franz Fiedler hat eine in sehr 
raffinirter Weise durchgeführte Defraudation des deut- 
schen Kollegen Kuh enthüllt, über welche, da diese 
Angelegenheit einen Deutschen betraf, in die Oeffent- 
lichkeit nicht gedrungen ist, für welche Umsicht 
ihm seitens der Finanz-Landesdirektion in Prag eine 
besondere belobende Anerkennung zutheil geworden 
ist. Von seiner Zurechnungsfähigkeit zeugt bestimmt 
auch der Umstand, dass er vor dem Tode zwei voll- 
kommen zusammenhängend und verständlich geschrie- 
bene Briefe abgesendet hat, und zwar an seine Mutter 
und an seine Wohnungsgeberin. Die Ursache des tra- 
gischen Todes des jungen Mannes ist nur in den bei 
dem k. k. Hauptsteueramte in Reichenberg her- 
schenden Verhältnissen zu suchen, über welche sich 
Franz Fiedler bei seinen Freunden oft beklagt hatte. 
Den Dienst des Hauptkontrolors versieht bei diesem 
Amte ein gewisser Ermold, welcher den verstorbenen 
Franz Fiedler mit besonderer Vorliebe aus dem Grunde 
verfolgte, weil Franz Fiedler ein aufrichtiger Böhme 
war; für die korrekte und genaue Erfüllung der Pflichten, 
wofür derselbe mit dem Belobungsdekrete ausge- 
zeichnet wurde, konnte er doch diesen musterhaften 
Beamten nicht chikaniren. Infolge der beständigen 
Chikanen, Sekkaturen, Spöttereien und Verfolgungen 
seitens dieses Ermold war der verstorbene Franz 
Fiedler oft nervös aufgeregt, welcher von Ermold ver- 
schuldete Zustand nunmehr für die Behauptung aus- 
genützt wird, dass der Verstorbene geisteskrank ge- 
wesen sei und dass er sich infolge Geistesstörung 
ermordet habe. Um diesen unerträglichen Verhältnissen 
zu entgehen, hat Herr Franz Fiedler wiederholt um 
seine Versetzung angesucht, aber sein letztes Ansuchen 
wurde gerade vor seinem Tode abschlägig beschieden. 
Am Tage vor seinem Tode hatte er den letzten Auf- 
tritt mit dem Oberkontrolor Ermold, welcher ihn in 
roher Weise verhöhnte und ihm seine Krankheit 
vorwarf. 

Dem Beispiele ihres Vorgesetzten Ermold folgten 



197 



auch die übrigen deutschen Beamten, indem sie den 
Franz Fiedler beleidigten und den von allen Seiten 
verfolgten Kollegen verhöhnten, dessen einziger — in 
ihren Augen allerdings schrecklicher — Fehler seine 
Nationalität war. Im Hinblicke auf diese unglaublichen 
Thatsachen fragen die Gefertigten : „Sind Euere Excel- 
lenzen geneigt, durch eine unparteiische und einge- 
hende Untersuchung und namentlich durch Einver- 
nehmung aller dem k. k. Hauptsteueramte in Reichen- 
berg zugetheilten Beamten die Wahrheit der angeführten 
Angaben sicherstellen zu lassen und durch eine strenge 
Bestrafung der Schuldigen eine Wiederholung ähnlicher 
trauriger Fälle hintanzuhalten?" Solcher Fälle gibt es 
viel. Wie weit diese Dinge im sogenannten Deutsch- 
böhmen gekommen sind, darüber gibt uns ein Bild 
der Bericht des .,Prager Tagblat" vom 10. November 
1902. Das Blatt berichtet folgendes : 

Protestversammlungen gegen die Ernen- 
nung czechischer Beamten für Deutsch- 
böhmen. 

Leitmeritz, 9. November. (Priv.) Gestern fanden 
hier die Protestversammlungen gegen die Ernennung 
czechischer Beamten für Deutschböhmen statt, zu 
denen die Ernennung eines czechischen Staatsan- 
waltes für Leitmeritz den unmittelbaren Anstoss ge- 
geben hatte. Die Delegirtenversammlung fand in der 
Elbschlossbrauerei statt und es waren hiezu mehr als 
400 Delegirte der Gemeinden und Bezirke des Leitme- 
ritzer Kreisgerichtssprengels, sowie die Abgeordneten 
Borjan, Siegmund, Tschan, Wolf, Dr. Funke, Unger- 
mann und Schreiter erschienen. Abg. Dr. Funke be- 
grüsste die Versammlung namens der deutschen Stadt 
Leitmeritz, besprach die Stellung der Deutschen in 
Böhmen und wies auf die Umtriebe der Gzechen hin, 
die unter dem Vorgeben der Gleichberechtigung die 
rücksichtsloseste Alleinherrschaft im Lande anstreben. 
Die Gzechen kommen in unsere Gaue, und die öster- 
reichischen Regierungen schicken fortwährend cze- 
chische Beamte in deutsche Gegenden, ohne zu be- 
rücksichtigen, dass wir Deutsche aufs tiefste geschädigt 
werden. Wir wollen, fuhr Dr. Funke fort, diesen Zu- 



198 



stand nicht mehr länger dulden, umsoweniger, als 
unsere Söhne dadurch von der Beamtenschaft aus- 
geschlossen werden. Auch in Wien nehmen die Slaven 
die ersten und besten Stellen ein. Die erbitterte Stim- 
mung gegen diese Bevorzugung czechischer Beamten 
lebt in uns schon lange und die Ernennung des cze- 
chischen Staatsanwaltes ohne Konkursausschreibung 
für Leitmeritz hat sie nur zum Ausbruche gebracht. 
Wir werden einig und geschlossen vorgehen und mit 
Kraft und Entschiedenheit anstreben, dass das deutsche 
Volk nicht weiter geschädigt werde. Bürgermeister 
Sanitätsrath Dr. Müller (Teplitz-Schönau) stimmt dem 
Vorredner zu und bemerkt, dass auch in die deutsche 
Stadt Teplitz immer Gzechen gesendet werden. In 
gleicher Weise äusserte sich Bürgermeister Dr. Ohn- 
sorg (Aussig), Dr. Spiegelbauer (Bodenbach), Deleg. 
Gärtner (Tetschen) und Bürgermeister Dr. Kolb. Herr 
Julius Lippert als Vertreter des Bezirksausschusses 
Aussig führte aus, dass es in dieser Beziehung in der 
Schweiz besser stehe als bei uns und zwar deshalb, 
weil sich die Kantone ihre Beamten selbst ernennen; 
deshalb arbeiten auch viele von den Parteien auf die 
vollste Trennung der Verwaltung des Landes hin. Die 
Regierung könne das heute schon sehen, aber sie 
wolle zeigen, dass die Gzechen im ganzen Lande 
herrschen. Es sei sicherlich möglich, dass die Regie- 
rung eine deutsche Beamtenschaft erhalte, aber diese 
müsse wissen, dass sie ihr Fortkommen findet. So 
lange aber unsere Jugend dies nicht sehe, wende sie 
sich der Industrie zu, wo die Gzechen nicht fortkommen 
können. Wir hatten früher ein allzu festes Vertrauen 
auf die Verfassung, allein diese schützt unsere Nation 
nicht. Redner besprach die Gemeindewahlen in Pilsen 
und wies nach, dass die Beamten die Gemeinde- 
Autonomie ernstlich gefährden können ; sie beinflussen 
aber auch die nationalen Verhältnisse. Ein czechischer 
Kreisgerichtspräsident in einer deutschen Stadt sei 
allein schon eine Agitationssäule; er brauche nicht 
die Hand zu rühren und leite deshalb doch die Agi- 
tation. Bürgermeister Langer beantragt dann die fol- 
gende Resolution: „Die Versammlung von 400 Ver- 
tretern der deutschen Bezirke und Gemeinden des 



199 



Leitmeritzer Kreisgerichtssprengels in Leitmeritz ana 
9. November 1902 erhebt entschieden Einspruch gegen 
die ohne Konkursausschreibung erfolgte Ernennung 
eines der czechischen Nationalität an gehörigen Beaniten 
zum Staatsanwälte bei dem k. k. Kreisgerichte in Leitme- 
ritz und erblickt in dieser Besetzung eine Fortsetzung 
der von den jeweiligen Regierungen seit einer langen 
Reihe von Jahren bereits beobachteten Haltung, die 
Beamtenstellen in sämnitlichen Verwaltungszweigen 
der deutschen Bezirke Böhmens vorzugsweise mit 
Beamten czechischer Nationalität zu besetzen. Gegen 
diesen Vorgang, durch welchen das deutsche Volk 
in Böhmen zu seinen wohlerworbenen Rechten und 
die deutschen Beamten in ihren begründeten Ansprüchen 
auf das Schwerste geschädigt werden, legt die heu- 
tige Versammlung deutscher Bezirks- und Gemeinde- 
vertreter die entschiedenste Verwahrung ein und er- 
wartet von der Regierung mit aller Bestimmtheit, dass 
den überwiegend deutschen Bezirken des Leitmeritzer 
Kreisgerichtssprengels und der gesammten deutschen 
Bevölkerung in Böhmen bei Besetzung von Beamten- 
stellen in allen Verwaltungszweigen jene Berücksich- 
tigung zu Theil werde, auf welche die Deutschen 
durch die Ernennung von Beamten deutscher Nationa- 
lität vollen und berechtigten Anspruch haben." 

Es sprachen dann die Abg. Schreiter, Dr. Tschan, 
der zur Resolution folgenden Zusatz beantragte : „Die 
heutige Versammlung fordert die staatsgrundgesetz- 
liche Feststellung der deutschen Sprache als Staats- 
sprache, weil diese das einzige Mittel ist, den unse- 
ligen Nationalitätenstreit zu beseitigen und dem Staate 
eine dauernde Grundlage zu geben. Weiter fordert 
sie von ihren Abgeordneten, dass sie allen nationalen 
und wirthschaftlichen Forderungen der Tschechen, 
die nur auf Kosten der Deutschen in Böhmen er- 
folgen können, mit aller Kraft entgegentreten." Nach- 
dem noch Abg. Wolf gesprochen hatte, erfolgte die 
einhellige Annahme der Resolution und des Zusatz- 
antrages. — Nachmittag um 3 Uhr fand dann die 
Protestversammlung unter freiem Himmel auf dem 
Marktplatze statt. Zu dieser hatte sich eine ungeheure 
Menschenmenge eingefunden; die untere Hälfte des 



200 



Stadtplatzes vor dem Stadthause war voll besetzt, 
es waren weit über 10.000 Menschen anwesend. Die 
Tribüne war vor dem Stadthause errichtet. Dr. Funke 
erklärte in seiner Eröffnungsrede, der heutige Tag sei 
ein Errinnerungstag; vor 43 Jahren, am 9. November 
1859, wurde auf dem Stadtplatze die Schillerfeier ab- 
gehalten. Die 43 Jahre seither seien eine Zeit des 
Kampfes für unser deutsches Volk gewesen, die 
Deutschen seien nicht zur Ruhe gekommen. Wir 
mussten uns nicht nur gegen den Ansturm unserer 
nationalen Gegner wenden, sagte Redner, sondern 
auch gegen die Ungunst der jeweiligen Regierungen 
ankämpfen. Ein Jahrtausend lang wird uns dieses 
Land, das wir bewohnen, streitig gemacht, wir haben 
uns behauptet und wir werden, so Gott will und 
solange unsere Kräfte reichen, auch weiter in diesem 
Lande für alle Zeiten für unser gutes deutsches Recht 
kämpfen, nur muss auch Jeder seine Pflicht voll und 
ganz erfüllen. Die Regierung hat unsere deutschen 
Gaue mit tschechischen Beamten geradezu überfüllt 
und durch die Ernennung eines tschechischen Staats- 
anwaltes für Leitmeritz die Erregung im deutschen 
Volke aufs Höchste gesteigert. Wir haben ein Recht 
darauf, dass die Beamten des Staates unsere Sprache 
verstehen, dass sie die Volksseele kennen, dass es 
unseren Söhnen möglich sei, Beamtenstellen in diesem 
Lande zu erlangen. Die Verbitterung im deutschen 
Volke ist gross, es ist keine künstliche Bewegung 
und wir werden diese Zustände nicht mehr dulden. 
Wir verlangen keine Gunst, wir verlangen unser gutes 
deutsches Recht. Weiteres sprachen die Abg. Schreiter 
und Wolf, worauf folgende Entschliessung ange- 
nommen wurde: „Die am 9. November 1902 unter 
freiem Himmel am Stadtplatze zu Leitmeritz tagende 
Volksversammlung, die von Tausenden Theilnehmern 
aus allen deutschen Bezirken des Leitmeritzer Kreis- 
gerichtssprengels besucht ist, erblickt in der ohne 
Konkursausschreibung erfolgten Ernennung eines der 
tschechischen Nationalität angehörigen Staatsanwaltes 
für diesen überwiegend deutschen Kreisgerichtssprengel 
nicht nur eine Hintansetzung des deutschen ßeamten- 
standes, sondern auch eine arge V^erletzung des natio- 



201 



nalen Gefühles der deutschen Bewohner dieses Ge- 
richtssprengels Die Volksversammlung erkennt in der 
systematisch von der Regierung betriebenden Tsche- 
chisirung des Beamtenstandes im deutschen Sprach- 
gebiete eine schwere Bedrohung des Deutschthums 
in Böhmen und eine Verhöhnung des deutschen 
Volkes in Oesterreich, das nicht nur die Hauptstütze 
des Reiches bildet, sondern auch den übrigen Natio- 
nen der Monarchie die Kultur vermittelt hat. Die 
Volksversammlung spricht aus diesem Grunde der 
Regierung die schärfste Missbilligung aus, und fordert 
von ihr, dass sie für künftighin bei allen Gerichten 
und Verwaltungsbehörden der deutschen Bezirke des 
Kronlandes Böhmen nur deutsche Beamte und Diener 
anstelle und tschechische Beamten allmähg entferne ; 
insbesondere fordert die Versammlung die ungesäumte 
Versetzung des für den Leitmeritzer Kreisgerichts- 
sprengel neuernannten Staatsanwaltes. Die Versamm- 
lung bezeichnet die Aufstellung eines eigenen Beam- 
tenstatus für Deutschböhmen als eine unbedingte 
Nothwendigkeit zur Heranziehung von deutschen Be- 
amten. Die heutige Versammlung erwartet von den 
deutschen Abgeordneten aller Parteien, dass sie einig 
zusammenstehen in der rücksichtslosen Wahrung 
aller nationalen Rechte des deutschen Volkes und 
dass sie, wenn nöthig, auch zu den schärfsten parla- 
mentarischen Mitteln greifen, um dem deutschen 
Volkswillen endlich Geltung zu verschaffen." 

Alle hier vorgebrachten Reden beruhen keines- 
falls auf objektiver Wahrheit, im Gegentheil, das 
wissen diese Redner sehr genau, aber gehetzt muss 
werden, das ist die Hauptsache. Dr. Funke weiss 
sehr genau, dass in Wien bei den Ministerien und 
Gentralstellen kein einziger hoher Staatswürdenträger 
böhmischer Nationalität ist, aber das geniert ihn ganz 
und gar nicht das Gegentheil zu behaupten. So wird 
die Brandfackel des wildesten nationalen Hasses in 
das Volk hineingetragen, das Ende davon wird in 
absehbarer Zukunft eine furchtbare Revolution sein. 
Das beweisen die Hussitenkriege und der 30jährige 
Krieg. Wer Wind säet, muss Sturm ernten. Wehe 
aber den Regierungsorganen, die derartige wüste 



202 



Orgien des Nationalhasses zulassen, ja mehr noch, 
heimlich diese fördern in ihrer eigener Kurzsichtig- 
keil. Oesterreichs innere Feinde sind gefährlicher und 
furchtbarer als die preussischen Regimenter. Staats- 
anwalt Low, der im September 1902 nach Leitmeritz 
versetzt wurde, ist überhaupt nicht böhmischer Na- 
tionalität, sondern eher hebräischer Abkunft. Er gieng 
bei seinem Amtsantritt allen Notabein in der 
Stadt sich vorstellen, darunter auch dem Dr. Funke 
selbst, der ihn freundlichst empfieng. Staatsanwalt 
Low, wenn er in der Amtslokalität von Jemandem 
böhmisch begrüsst wird, dankt konsequent deutsch! 
Und seinetwegen veranstaltete Dr. Funke den Protest- 
tag in Leitmeritz am 9. November. Ja, wenn man den 
Hund prügeln will, findet man den Stock. Die Herren 
a la Dr. Funke brauchen den Nationalitätenhader 
seinetwillen selbst, er ist ihr Erwerb, ihr Brod. 

X. Die Sprachenfrage und die Anträge Dr. Koerbers 
im Abgeordnetenhause, 

Wie wir schon angeführt haben, hat Minister- 
präsident Dr. Koerber Mitte Oktober 1902 ein Spra- 
chengesetz dem österreichischen Abgeordnetenhause 
unterbreitet. Ueber Antrag des Dr. Kramäf wurde im 
Abgeordnetenhause am ß. November eine Debatte 
über die Sprachgesetzentwurfe Dr. Koerbers eröffnet. 

Der Abgeordnete Biankini schilderte die furcht- 
baren Zustände im Süden der Monarchie. Er sagte 
nach dem» stenogr. Protokoll folgendes : Hohes Haus ! 
Seine Excellenz der Herr Ministerpräsident hat in 
seiner programmatischen Rede am 16. Oktober über 
die Regelung der Sprachen frage — vielleicht nach 
dem bekannten römischen Grundsatz : De minimis 
non curat praetor! - vergessen, dass diese Frage 
nicht bloss die mit so viel Unrecht, Undankbarkeit 
und Unvorsichtigkeit gekränkte und misshandelte 
böhmische Nation beunruhigt, sondern auch die übri- 
gen slavischen Völker, insbesondere die Kroaten und 
Slovenen im Süden der Monarchie. Ja, meine Herren ! 
Da nun einmal diese Frage auf die Tagesordnung 
gesetzt wurde, so haben auch alle übrigen Völker 
wenigstens das Recht zu erfahren, was der Herr 



203 



Ministerpräsident darüber denkt und wie er ihren 
Rechtsansprüchen genüge leisten will, umsomehr, als 
er im Juni vorigen Jahres in diesem hohen Hause 
die feierliche Erklärung gab : „Wir werden gegen kein 
Volk dieses Reiches regieren, wir wollen Gerechtig- 
keit für alle Völker. Darin erblicken wir unsere poli- 
tische Ehre, die wir unbefleckt erhalten wollen." 
Durch die Begrenzung der Regelung der Sprachen- 
yerhältnisse für Böhmen und Mähren allein — über 
die berühmten „Grundzüge" für diese Regelung will 
ich heute nicht meritorisch sprechen, aber ich glaube 
mich nicht zu irren, wenn ich sage, dass mit solchen 
ungerechten und unvernünftigen Grundzügen, der 
Abzugsmarsch dieses Ministeriums schon im Zuge ist 
— hat Seine Excellenz der Herr Ministerpräsident 
nicht Gerechtigkeit für alle Völker geübt, hat nicht 
seiner vorjährigen Erklärung entsprochen. Gegen einen 
solchen Vorgang müssen wir auf das entschiedenste 
Einspruch erheben. Insbesondere müssen wir, Kroaten 
und Slovencn, dagegen protestiren, weil die Regelung 
der Sprachenfrage an unseren südlichen Grenzen 
nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, der Ruhe 
und Ordnung für unsere Heimat ist, sondern auch 
eine Frage der Sicherheit, des Friedens und Ansehens 
für die ganze Monarchie. Meine Herren ! Die gewalt- 
same und ungerechte Aufrechthaltung der italienischen 
Sprache in den k. k. Aemtern von Triest und Istrien, 
und die infolge dessen antinationale Regierungspolitik 
schafft dortselbst bereits eine derartige Verwirrung, 
dass jeder Mensch mit Kummer erfüllt werden muss, 
wenn er nur ein bisschen patriotisch fühlt und denkt. 
Das, was seit einiger Zeit im Süden des Reiches, 
infolge der ungerechten Amtssprachverhältnisse und 
der Machinationen des benachbarten Italiens, im Na- 
men der italienischen Sprache und Kultur vorfällt, 
kann man absolut nicht länger dulden, und es ist 
die letzte Stunde, hier ohne Rückhalt darüber zu 
sprechen. Meine Herren ! In keinem Staate der Welt 
würde eine so unverschämte Agitation erlaubt sein, 
wie man sie hier von Seite Italiens duldet. (Abge- 
ordneter Klofäc : Und Preussens !) Nicht so wie von 
Seite Italiens. Es scheint, als hätte die habsburgische 



204 



Monarchie nicht mehr ihre festgesetzten Grenzen im 
Süden; es scheint, als hätte die habsburgische Mon- 
archie keine Minister und keine Beamten mehr, um 
ihre Interessen und die Interessen der grossen slavi- 
schen Majorität ihrer südlichen Bevölkerung zu wahren l 
Italienische Senatoren, wie zum Beispiel Pasquale 
Villari, kommen zu uns und inspiciren die Schulen 
des Vereines „Lega Nazionale", als wären sie öster- 
reichische Schulinspektoren. (Abgeordneter Ghoc : 
Stehen sie unter der Inspektion Italiens?) Natürlich, 
ich werde darüber später noch sprechen. Irredenti- 
stische Agenten jeder Art aus dem Nachbarstaate, 
irredentistische und Regierungszeitungen erregen die 
italienische Partei in unseren Ländern und reizen sie 
gegen die Kroaten und Slovenen auf, welche auch 
aus dem Dienste und Arbeitsstellen aus nationalem 
Hass weggejagt und durch Italiener des Königreiches 
ersetzt werden; solche Italiener organisiren, dispo- 
niren und spielen die Herren in unserem Heimatland, 
mit einem Worte infolge der Indolenz und Blindheit 
der österreichischen Regierung — das ist noch zu 
wenig gesagt — und ihrer anlislavischen Politik im 
Süden der Monarchie betrachten sich die überseeischen 
Irredenten in Triest und Istrien schon als wie im 
eigenen Hause und lauern nur auf den Moment, in 
welchem ihnen die reife Frucht in den Schoss fällt. 
(Abgeordneter Spincic: Beim Tode Franz Josephs 
sagen sie!) So etwas sagen auch die Magyaren. Die 
irredentistischen Komites in Italien, die italienische 
Presse, ja sogar viele italienische Staatsmänner und 
Würdenträger verkünden dies klipp und klar, so dass 
es Jeder einsehen muss, der nicht blind und taub ist. 
Ich will hlefür nur einen Beweis anführen, und zwar 
einen der zuletzt vorgefallenen. Im September dieses 
Jahres war in Neapel eine grosse, jedoch traurige 
Feierlichkeit. Man feierte das Andenken des bekannten 
italienischen Radikalen und Irredentisten Imbriani, 
der im Vorjahre verstorben war. Abgeordnete, Sena- 
toren, Staatsbeamte, zahlreiche Bürger erschienen bei 
dieser Feier. Die Festrede hielt der bekannte italie- 
nische Gelehrte Bovio. Seine Ausführungen waren 
von ausserordentlicher Begeisterung erfüllt. Er schloss 



205 



mit einem Appell an den verstorbenen Imbriani und 
sagte, als ob er mit dessen Schatten spräche: „Was 
willst Du, Imbriani?" „Ich will weder das Zwangs- 
domicil, noch Blei mit Hunger" — erwiderte Imbriani 
durch den Mund Bovio's — „Ich stehe am Quarnero 
und erwarte die Italiener!" Bei Erwähnung des Quar- 
nero entstand unter den vielen Anwesenden ein un- 
beschreiblicher Enthusiasmus, und stürmischer App- 
laus begrüsste den Redner. Meine Herren! Das sind 
die Früchte der antislavischen österreichischen Politiis: 
im Süden der Monarchie, die Früchte jener Politik, 
welche der Sprache der Kroaten und Slovenen in 
Triest und Istrien — die doch die Mehrheit der Be- 
völkerung ausmachen — keinerlei Recht in den kaiser- 
lichen königlichen Aemtern zuerkennt, welche sie seit 
Decennien mit Gewalt in den Aemtern und Schulen 
und auch — horresco referens — in den Kirchen 
entnationalisirt und zur Sklaverei erniedrigt! Dns sind 
die Früchte einer ungerechten und unsinnigen Politik, 
welche den 20.000 Slovenen der Stadt Triest nicht 
einmal eine Elementarschule bewilligen will. (Abge- 
ordneter Ghoc: Sowie in Wien!) Jawohl! Ebensowie 
in Wien! Das sind die Früchte einer wahnsinnigen 
Politik, welche zuletzt der Diöcese von Triest einen 
Bischof aufgedrungen hat, welcher mit der riesigen 
Mehrheit der Bevölkerung nicht verkehren kann, weil 
er nicht ein Wort sloyenisch oder kroatisch versteht. 
(Abgeordneter Dr. Verzegnassi: Er spricht alle Spra- 
chen, kroatisch, slovenisch, was Sie wollen !) Das ist 
nicht wahr, er spricht italienisch und deutsch. (Ab- 
geordneter Lenassi: Und serbisch, aber nicht kroa- 
tisch.) Ich bitte, Herr Kollege, die kroatische und 
serbische Sprache ist eine und dieselbe. 

Und diese furchtbaren Folgen des österreichi- 
schen Regierungssystems an der Adria beobachten 
wir, meine Herren, in noch grösserem Massstabe seit 
mehr als einem Jahre, seitdem Seine Excellenz der 
Herr Ministerpräsident v. Koerber das Wort sprach: 
„Wir wollen Gerechtfertigkeit für alle Völker. Darin 
erblicken wir unsere politische Ehre, die wir unbe- 
flekt erhalten wollen." Nun, wie zum Hohne erklärte 
er uns am 16. Oktober d. J. feierlich, dass er nun- 



206 



mehr zur Regelung der Sprachenfrage schreite, wobei 
er nur an Böhmen und Mähren — oder richtiger ge- 
sagt, nur an die Deutschen von Böhmen und Mähren 
— denkt, die südlichen Ländern vergessend, wo ein 
periculum in mora alltäglich vorhanden ist, wo stünd- 
lich die Ungerechtigkeit der österreichischen Regie- 
rung offen zutage tritt, und wo die italienische Pro- 
paganda mit elementarer Gewalt immer weiter um 
sich greift, das kroatische und slovenische Element 
in Triest und Istrien vernichtend, welchem doch in 
dieser Monarchie Schutz und Heil versprochen wurde» 
Aber nur versprochen. Hohes Haus ! Was speciell 
Dalmatien anbelangt, fühlte es sich bis jetzt ziemlich 
sicher gegenüber den irredentistischen Umtrieben, 
wenngleich auch dort die italienische Amtssprache 
der österreichischen Behörden grosse Ungelegen- 
heiten, Schaden und Ungerechtigkeiten für das na- 
tionale Leben der Kroaten zeitigte. Und doch, wenn 
irgendwo, so ist die Lösung der Sprachenfrage in 
Dalmatien am einfachsten und leichtesten, weil Dal- 
matien das einzige Land in Cisleithanien ist, in 
welchem ein einziges Volk lebt, und zwar das kroa- 
tische. Nach der letzten amtlichen Statistik leben in 
Dalmatien 565.329 Einwohner, welche kroatisch 
sprechen und nur 15.240 Einwohner, welche italie- 
nisch sprechen. (Abgeordneter Dr. Klaiö: Nur ita- 
lienisch sprechen, aber keine Italiener sind!) Ge- 
wiss! Der dalmatinische Landtag, der Landesaus- 
schuss, die Gemeinden in ganz Dalmatien, alle auto- 
nomen Institute, mit Ausnahme derer von der Stadt 
Zadar (Zara), gebrauchen die kroatische Amtssprache. 
Darum fordern schon seit zwanzig Jahren die Ge- 
meinden Dalmatiens, der dalmatinische Landtag und 
das ganze Volk, mit Ausnahme von sehr wenigen 
Renegaten, die Einführung der kroatischen Sprache 
auch in den öffentlichen Regierungsämtern (Abgeord- 
neter Skala : Aber das wäre zu gerecht, das kann die 
österreichische Regierung nicht!) — ja, natürlich — 
umsomehr, als kein Gesetz besteht, welches die ita- 
lienische Amtssprache in Dalmatien vorschreibt r 
umsomehr, als die italienische Sprache in Dalmatien 
ein Ueberrest der venetiani sehen Herrschaft ist. ein. 



207 



üeberrest der alten Ungerechtigkeiten, ein grober 
Abusus. Nur für das Oberlandesgericht Dalrnatiens 
besteht eine Verordnung der kaiserlichen Hofkanzlei 
vom Anfange des vorigen Jahrhundertes, welche die 
italienische Sprache als Amtsprache vorschrieb. Für 
alle anderen Aemter in Dalmatien besteht also nicht 
einmal eine Verordnung, nicht ein Blatt Papier, wie 
Seine Excellenz der Herr Ministerpräsident die Ver- 
ordnungen genannt hat, durch welche die italienische 
Amtsprache in Dalmatien berechtigt wäre. 

Aber es besteht doch das natürliche und natio- 
nale Recht des kroatischen Volkes, es besteht die 
eherne Tafel des Artikels XIX St.-G.-G. (Zustimmung), 
nach welchem allein die kroatische Sprache in Aemtern 
Dalmatiens walten müsste. Trotzdem, meine Herren, 
trotzdem, dass der dalmatinische Landtag in jeder 
Session schon seit 20 Jahren die kroatische Amts- 
sprache fordert, wird ohne gesetzliche Grundlage^ 
ohne irgendwelche Verordnung die italienische Amts- 
sprache nicht nur weitergeführt, es wird sogar jetzt 
die deutsche als Amtssprache vielfach in Anwendung^ 
gebi'acht, obwohl keine Deutschen da sind. (Abge- 
ordneter Skala : Noch ein grösserer Galimathias !) 
Also noch eine grössere Ungerechtigkeit. 

Wo könnte in der civilisirten Welt so etwas 
vorkommen, in einem kroatischen Lande das Singen 
von kroatischen Liedern zu verbieten? (Zwischenruf: 
Ganz unschuldige Lieder?) Jawohl, ganz unschuldiger 
Der neue Statthalter von Dalmatien eröffnet sich 
nicht mit einem solchen Vorgehen den Weg zu jenen 
glorreichen, dem kroatischen Volke nützlichen, und 
mit so viel Sehnsucht von uns erwarteten Thaten, 
die uns Seine Excellenz der Herr Ministerpräsident 
in Aussicht gestellt hat. Solche Thaten gereichen 
keinem Statthalter und keiner Regierung zum Ruhme l 
(Das ist eine Schande I) Und alles das, meine Herren,, 
geschieht in Oesterreich, während man in Italien 
öffentlich und in Gegenwart der Regierungsorgane 
die niederträchtigsten Beleidigungen gegen das kroa- 
tische Volk, gegen die habsburgische Monarchie und 
sogar gegen die erhabene Person unseres Monarchen 
schleudert I Und alles das geschieht in Oesterreich, 



208 



während in Italien der Dichter Gabriele d'Annunzio 
sich öffentlich in den Zeitungen entschuldigt, dass 
er nicht bei der Inaugurationen der istrianischen 
Fahne im September dieses Jahres in Rom anwesend 
sein konnte und verspricht eine Ode zu verfassen 
und sagt (liest): „E la starapa della mia ode sarä 
venduta benefizio della Lega Nazionala irredentistia", 
das heisst: „Und die Auflage meiner Ode soll zu 
Gunsten der irredentistischen Lega Nazionale ver- 
kauft werden." Und Alles das geschieht in Oester- 
reich, während aus Italien derselbe Gabriele d'Annun- 
zio — (Abgeordneter Dr. Bartoli : Er ist ein Dichter!) 
Ich habe schon gesagt, dass er ein Dichter ist, aber 
das entschuldigt ihn nicht — an die neue Gesellschaft 
„Innominata", welche in Triest auch im September 
dieses Jahres gegründet wurde und zu welcher die 
italienischen Studenten der sogenannten „Venezia 
Giulia" gehören, schreibt (liest): „La vostra vittoria 
finale e certa, come e certo che il Golosseo di Pola 
da tutte le sue bocche di pietra ripete di continuo 
il nome di Roma al mare . . . .", was deutsch lautet : 
„Euer endlicher Sieg ist sicher, sowie es sicher ist, 
dass das Golosseum von Pola aus allen seinen stei- 
nernen Munden immerwährend wiederholt den Namen 
von Rom am Meere . . . ." (Abgeordnete Dr. Scheicher: 
Das ist sehr interessant!) Sie werden noch mehr 
Interessantes hören 1 Und alles das geschieht in Oester- 
reich, während in Italien im „Mattino", welcher, wie 
man sagt, vom Minister des Aeussern Prinetti inspi- 
rirt ist, bedauert wird die Unhöflichkeit des Wiener 
Hofes und — das sind seine eigenen Worte — 
„dell'Austria birbatica": das heisst: des gaunerischen 
Oesterreichs. (Abgeordneter Verzegnassi: Das ist 
nicht schlecht gemeint: Birbatica!) Gewiss, so etwas 
werden Sie sich nicht gefallen lassen. Aber Sie 
werden noch etwas mehr hören. 

Und alles das geschieht in Oesterreich, während 
in Italien die Zeitung „II Don Marzio" Oesterreich 
den Usurpator des Balkans nennt und mit den 
extremsten Mitteln droht. Und alles das geschieht in 
Oesterreich, während in Italien „II popolo Romano", 
das officielle Italien und die italienische Bevölkerung 



209 



aufruft, Geld zu sammeln für die „Lega Nazionale", 
um das Italienerthum — das sind seine eigenen 
Worte — in Dalmatien lebendig zu erhalten. Und 
alles das geschieht in Oesterreich, während in Italien 
„La Gapitale" schreibt, man muss Dalmatien für Ita- 
lien durch die wirksamste Propaganda losmachen. 
Und alles das geschieht in Oesterreich, während in 
Italien, in dem Hofe der römischen Universität auch 
heute noch eine Steintafel zu Ehren Oberdanks steht 
mit einer Inschrift, welche eine blutige Beleidigung 
unseres Monarchen ist, und den Dichter Garducci 
zum Verfasser hat. 

Und Alles das geschieht in Oesterreich, während 
in Italien .... — aber, meine Herren, ich würde 
nicht so bald endigen, wenn ich mich noch ausführ- 
licher mit diesen schändlichen Vorkommnissen be- 
fassen wollte. Ich sage nur soviel: Die Geduld von 
uns Kroaten und Slovenen ist erschöpft, und die 
Regierung spielt insbesondere in Dalmatien ein ge- 
fährliches Spiel. Solchem gefährlichen Spiel muss die 
nächste Landtagssession in Dalmatien ein Ende machen, 
wenn man auch zu den extremsten Mitteln greifen 
müsste. Weil wir auf das tiefste überzeugt sind, dass 
diesen abnormalen Zustand an der adriatischen Küste 
nur die ungerechte Politik der Regierung gegen die 
Kroaten und Slovenen und gegen ihre Sprachenrechte 
geschaffen hat und erhält, und dass daher die öster- 
reichische Regierung selbst die grösste Stütze des 
Irredentismus , sowie sie auch die Ursache aller 
unserer Leiden und unseres Unglückes ist. 

Meine Herren ! Es ist so weit gekommen, dass 
es für uns Kroaten und Slovenen an der adriatischen 
Küste keinen Ausweg mehr gibt, noch Zeit zu ver- 
lieren. Entweder muss der abnormale Zustand bald 
aufhören, infolge einer radikalen Aenderung der Re- 
gierungspolitik, oder wir müssen andere Mittel und 
Wege finden, wenn es auch die verzweifeltesten wären, 
um unsere nationale Existenz zu retten. Der sünd- 
hafte Quietismus der österreichischen Regierung ist 
für uns schon unerträglich und verhängnisvoll. Meine 
Herren! Ich muss jetzt schliessen. Aber angesichts 
aller schweren angeführten Thatsachen will ich bei 

14 



210 



dem Schlüsse einige Anfragen an Seine Excellenz 
den Herrn Ministerpräsidenten richten. Erachtet es 
der Herr Ministerpräsident nicht als höchst zeit- 
gemäss, die Sprachenfrage im Süden der Monarchie 
zu regeln? Wer verwehrt ihm, wenigstens in Dalma- 
tien, sofort die kroatische Amtssprache einzuführen^ 
wie dies der Landtag seit mehreren Jahren verlangt? 
Wer verwehrt ihm, dass er mit energischer Hand 
die Einmischung der italienischen Irredenta in innere 
Fragen der südlichen Länder abweise und mit einer 
gerechten Politik einer unverschämten Agitation ein 
Ende mache, einer unverschämten und frechen Agi- 
tation, die selbst unter den feindlichsten Staaten der 
Welt nicht erlaubt würde, geschweige denn in Staaten^ 
die mit einander verbündet sind? Hohes Haus! Wahr- 
scheinlich wird Seine Excellenz der Herr Minister- 
präsident — ich wünsche mich zu irren — auf diese 
Fragen nicht antworten, ebensowenig wie Seine Ex- 
cellenz der Herr Minister des Aeussern, Graf Golu- 
chowski, der nach seinem kolossalen Triumphe in 
der Angelegenheit des San Girolamoinstitutes sich 
nun mit einem neuen frischen Lorbeerkranz der ita- 
lienischen Irredenta an den Gestaden des adriatischen 
Meeres schmücken kann. Diese Fragen werden aber 
schon heute von den erbitterten Kroaten und Slove- 
nen an der Adria mit dem verzweifelten himmel- 
schreienden Ausrufe beantwortet: Wir sind verrathen 
in diesem Reiche ! Für uns gibt es hier weder Schutz 
noch Gerechtigkeit! Möge dieser verzweifelte Ausruf 
wenigstens bis zu den Stufen des Thrones gelangen^ 
wo wir noch einen Rettungsanker erblicken wollen. 
Das sind wahrhaft schauerhafte Bilder innerer Zustände 
Oesterreichs. 

XI. Der Antrag der Deutschen zur Regelung der 
Sprachenfrage im Königreich Böhmen. 

Auf das Drängen der Koerberischen Regierung^ 
haben am 4. December 1902 die Parteigruppen des 
verfassungstreuen Grossgrundbesitz, der deutschen 
Fortschrittspartei und der deutschen Volkspartei ein 
umfangreiches Elaborat zur Regelung der Sprachen- 
frage im Königreich Böhmen veröffentlicht. 



211 



Gegen diesen Vorschlag erhoben entschiedenen 
Widerstand die Deutschnationalen, die Schönerianer 
und die Alldeutschen der Wolfpartei. Aber selbst 
Organe derjenigen Gruppen, welche den Vorschlag 
unterschrieben, nehmen gegen ihn Stellung. So schreibt 
das „Tiroler Tagblatt": „Das unter langer und „müh- 
seliger" Arbeit zu Stande gekommene Elaborat hat 
bei den grossen deutschen Parteien eine merklich 
kühle Zustimmung erfahren, ein bedenkliches Zeichen 
gegenüber den vorlauten Hoffnungen, die man auf 
dasselbe setzte. Dieser vernichtende Achtungserfolg 
darf uns nicht Wunder nehmen, wenn wir bedenken, 
dass er von den gemässigten und vorsichtigen deut- 
schen Parteien ausgegangen ist und hauptsächlich 
der Grossgrundbesitz ihm Gevatterschaft gestanden ist. 
Wir sind der Meinung, dass es viel besser wäre, im 
Falle neuerlich in nationalen Fragen wichtige Ent- 
scheidungen gefällt werden sollen — und an solcher 
Gelegenheit fehlt es in Oesterreich, dem Eldorado 
des Sprachenstreites, ja nie — wenn von radikaler 
Seite ernste und beachtenswerthe, den Wünschen 
der überwiegenden Wählerschaft entsprechende Vor- 
schläge gemacht werden würden, denn zum Ab- 
schwächen allzu hochgespannter Forderungen käme 
der Grossgrundbesitz immer noch zu rechter Zeit in 
xlktion. Es wird aber auch die nationale Bewegung 
sicherlich nichts verlieren, wenn der Grossgrundbesitz 
trotz seines klingenden Namens nicht die Führung 
übernehmen würde, er hat bis heute allen jenen völ- 
kischen Unternehmen nur einen schimmernden Auf- 
putz gegeben, keineswegs aber denselben das herz- 
liche und aufrichtige Interesse für das Volkswohl 
beigestellt Wir brauchen weder die Rathschläge eines 
Baernreither's, noch des aristokratischen Grafen 
Stürgkh, noch überhaupt die vornehme Politik eines 
Grossgrundbesitzes, der, wenn wir auch einigen Ein- 
fluss desselben auf das Volk nicht leugnen, doch 
nicht dessen Zuneigung oder gar das Verständnis 
für die Sache desselben besitzt. Abgesehen von der 
nationalen Schwäche des Elaborates fällt dem auf- 
merksamen Leser desselben auch seine Undurchführ- 
barkeit sofort ins Auge, und das wäre noch das Beste 

14* 



212 



daran. Der voluminöse Komplex von Forderungen, 
denen jeder klare Gedanke fehlt, müsste erst durch 
Gesetze geregelt werden, die endlose Erörterungen 
voraussetzen und einen ausgedehnten Beamtenorga- 
nismus zur Durchführung beanspruchen, um selbst 
nach einer nothdürftig erreichten Einigkeit den Staat 
in noch grössere nationale Wirren zu stossen. Ein 
Blatt Papier will das Schicksal der Deutschen in 
Böhmen bestimmen, das Blatt aber wird eher ver- 
gilben, als dass die Deutschen Böhmens seinem Rathe 
folgen. Sie werden das Papier in der Hand zer- 
drücken und selbst ihre Stimme erheben, umso lauter 
und eindringlicher, damit ihren richtigen Klang und 
Inhalt selbst die Herren am grünen Tische nicht mehr 
missdeuten werden können." 

Die Koerber'sche Regierung möchte mit aller 
Gewalt den Sprachenstreit lösen, allerdings zu Gunsten 
der Deutschnationalen. Die slavischen Völker werden 
jedoch derartigen Vorschlägen niemals zustimmen, 
sie rufen nach Wien : gibt uns unser Recht, gibt uns 
die Gleichberechtigung, die uns nach sichtlichem und 
göttlichem Rechte auch gehört. 

Ein Pressjude schrieb über diesen Antrag der 
Deutschen in ein reichs deutsches Blatt von Wien 
aus am 2. December 1902 folgendes : Wäre alle 
Arbeitskraft und geistige Anstrengung, die seit Jahren 
an den unfruchtbaren Sprachenstreit in Böhmen ver- 
schwendet wird, für echte Volksgüter verwendet worden, 
so hätten die Völker Oesterreichs schon ein ganz 
hübsches Kapital zurückgelegt. Jetzt wird aufs neue 
an Verstau digungs form ein gearbeitet, und in erster 
Linie ist wieder dem unermüdlich thätigen Abgeordneten 
Dr. Baernreither die Aufgabe zugefallen, die Grund- 
lagen für die Berathung zu schaffen. Sein Entwurf 
wurde von einem Komitee deutschböhmischer Abge- 
ordneten durchberathen, fertiggestellt und wird heute 
den verbündeten deutschen Klubs zugehen, um wahr- 
scheinlich morgen bereits der Regierung und den 
Tschechen zur weiteren Behandlung übergeben zu 
werden. Immer wieder muss man hervorheben, dass 
der Grundstein zur gesetzgeberischen Arbeit, auch in 
der Sprachen frage, nur von den Deutschen gelegt wird. 



213 



Die Tschechen geben sich nie die Mühe, eine brauch- 
bare Unterlage zu schaffen, sondern treten einfach 
mit ihren nationalen Forderungen hervor, ohne den 
Versuch einer Lösung der schwebenden Fragen zu 
machen. Dagegen haben die Deutschen bereits in dem 
Pfmgstprogramm von 1899 eine werthvolle Arbeit ge- 
liefert, und auch jetzt wieder geht von ihnen ein 
Gesammtvorschlag aus. Es ist dieselbe Geschichte wie 
bei den Verfassungsentwürfen des Kremsierer Reichs- 
tags 1849, wie bei der Feststellung der jetzt geltenden 
Verfassung von 1867 und wie bei jedem der Grund- 
sätze, welche in den letzten 50 Jahren die Zustim- 
mung des Parlamentes und zuletzt auch die der 
Krone erhalten haben. So laut die Slaven auch lärmen, 
wenn es sich um die Geltendmachung nationaler An- 
sprüche handelt, sind es doch immer wieder die 
Deutschen, welche das beste Stück staatlicher Arbeit 
in Oesterreich verrichten. Man hat für das jetzige 
Verständigungsprogramm zu den gediegenen Vorar- 
beiten Pleners über die nationale Abgrenzung in 
Böhmen und über eine daselbst zu schaffende Kreis- 
eintheilung zurückgreifen müssen, und Baernreither ist 
bestrebt gewesen, diese Vorschläge nur in die für den 
jetzigen Augenblick zeitgerechte Form zu giessen. Wie 
nun werden die Tschechen diese Vorschläge auf- 
nehmen ? Man ist allgemein der Ansicht, dass sie 
dieselben nicht von der Schwelle zurückweisen, sondern 
als Grundlage der Verhandlungen akceptiren dürften. 
Eigentlich handeln sie darin sehr inkonsequent, da 
die Deutschen gewiss mehr fordern werden, als Hr. 
V. Körber in den bekannten Grundzügen vorgeschlagen 
hat. Ueber die letzteren ergoss sich eine ganze Fluth 
des Hohnes seitens der tschechischen Wortführer 
Herold, Kramaf und Fort, während sie sich ver- 
muthlich dazu herbeilassen werden, die Anträge 
der Deutschen zu prüfen. Sie haben, um bei ihren 
Landsleuten populär zu bleiben, zuerst der Göttin 
des Streites eine Hekatombe dargebracht, jetzt aber 
werden sie hoffentlich einlenken, weil die Unfrucht- 
barkeit ihrer Politik sonst offen zutage läge. Im besten 
Falle werden die Verhandlungen eine Basis ergeben, 
auf der im Reichsrath und in der nächsten Session 



214 



des böhmischen Landtages durch Lösung der Auf- 
gaben, die nach der Reichsverfassung diesen beiden 
Körperschaften zustehen, allgemach weitergebaut 
werden kann. Muss es, der Natur der Sache 
nach, doch Monate dauern, bis der böhmische Land- 
tag seine verfassungsmässig erforderlichen Gutachten 
über die Abgrenzung der Gerichtsbezirke erstattet hat. 
Die Kernfrage, um die es sich jetzt handelt, ist die, 
ob während dieser langwierigen und nicht gerade 
hoffnungsreichen Arbeit die Obstruktion ruhen wird. 
Alles andere ist Zukunftsmusik. Gegenüber der Ver- 
wirrung, die jetzt in Oesterreich herrscht, wäre es 
schon eine Art Rettung, wenn man sechs oder auch 
nur drei Monate Frist erhielte, um einen Zolltarif, 
wie überhaupt den Ausgleich mit Ungarn durchzu- 
berathen. Man ist sehr bescheiden geworden, und Herr 
V. Körber würde schon alles Lob ernten, wenn er 
durch seine zähe Geduld dieses Ergebnis erzielen könnte. 

In dieser Tonart wird systematisch in der Presse 
in und ausserhalb Oesterreichs gegen das böhmische 
Volk und seine Vertreter gearbeitet. Dieser Pressjude 
weiss nicht, dass Franz Palacky im Jahre 1848 ein 
genau ausgearbeitetes Elaborat dem nach Wien zum 
erstenmal einberufenen Reichsrath unterbreitete, in 
welcher Weise Oesterreich regiert werden sollte. Man 
hat natürlich von Seite der Deutschen wie von Seite 
der Regierung diese Vorschläge Palack^'s hochmütig 
ignoriert. Und das geschieht bis heute. 

Die Sache ist doch begreiflich. Wenn die Deut- 
schen fort und fort sagen, sie müssen die Regierer 
Oesterreichs sein, dann werden sie doch nicht eine 
Regierungsform annehmen, welche von slavischen Ver- 
tretern ausgearbeitet ist, und wäre sie noch so gerecht. 
Und nun sagt der schlaue Pressjude, die Slaven haben 
überhaupt noch kein klares Verfassungsprojekt für 
Oesterreich ausgearbeitet. Es soll nur dieser Pressjude 
die Archive des Parlaments in W^ien und des Land- 
tages in Prag ein wenig lüften, er raüsste so alt 
werden wie Methusalem, wollte er alle Anträge auf 
Regelung der Verfassung in Oesterreich, die von sla- 
vischen Vertretern verschiedenmale der Regierung zur 
Verfügung gestellt worden sind, durchlesen. 



215 



Die alldeutschen Abgeordneten haben dem Dr. 
Baernreither folgenden Speiszettel verabreichen lassen. 
^In Erwiderung Ihrer geschätzten Zuschrift vom 28. 
d. M. kann ich mit Beziehung auf die neulich ge- 
pflogene Rücksprache nur wiederholen, dass die All- 
deutsche Vereinigung unverrückt den Standpunkt ein- 
nimmt, dass mil der gesetzlichen Festlegung der 
deutschen Sprache als Staatssprache, die sie zur Si- 
cherung der führenden Stellung unseres Volkes in 
Oesterreich und zur Wahrung des deutschen Charak- 
ters unseres Staates fordert, die Einführung einer in- 
neren tschechischen Amtssprache im direkten Wieder- 
spruche steht und unter keiner Bedingung zuzugeben 
sei. Die der Alldeutschen Vereinigung angehörigen 
Abgeordneten aus Böhmen können und werden daher 
ebensowenig wie die Vereinigung an Besprechungen 
theilnehmen, die den Zweck verfolgen, trotzdem Bedin- 
gungen zu vereinbaren, unter denen die innere tsche- 
chische Amtssprache zuzugestehen wäre." Das „Prager 
Tagblatt" brachte folgende Nachrichten über alldeut- 
sche Protestversammlungen. Fischern bei Karlsbad, 
13. December. Im Hotel „Adler" fand heute Abend 
eine vom „Alldeutschen Verein für die Ostmark" ver- 
anstaltete, von ca. 250 Personen besuchte, nur auf 
Mitglieder und geladene Gäste beschränkte Wander- 
versammlung statt, in welcher die Abgeordneten 
Schönerer, Hauck, Hofer, Iro, Kliemann, Schalk und 
Stein sprechen sollten. Anwesend waren jedoch nur 
die Reichsrathsabgeordneten Schönerer, Stein und 
Kliemann und Landtagsabgeordneter Peters. Letzterer 
eröffnete die Versammlung underlheilte sofort Schö- 
nerer das Wort. Dieser, mit Heilrufen begrüsst, ent- 
schuldigte vorerst die durch Unwohlsein verhinderten 
Abg. Schalk, Berger, Hauck und Iro. Redner kam nun 
zu seinem Prograramspunkt: „Die Sprachenfrage und 
die Verständigungskonferenzen" zu sprechen und be- 
zeichnete die neuen Vorschläge als „eine unfeierliche 
Einsegnung der deutschen Staatssprache durch die 
nächsten Verwandten derselben". Dies sei ein offener 
Verrath des deutschen Volkes. Redner streifte das 
Pfmgstprogramm, verwarf hauptsächlich die innere 
czechische Amtssprache, und unterzog die projektirte 



216 



Kreiseintheilung einer Kritik. Redner nahm für sich 
das Verdienst in Anspruch, das deutsche Volk recht- 
zeitig vor einem so bedeutsamen Schritte gewarnt zu 
haben und bezeichnete es als eine Frechheit, dass 
man sich erlaube, als „deutsch-böhmische Abgeordnete" 
den Gzechen die Annahme der Sprachenverordnungen 
zu unterbreiten. Er verwahrte sich ferner dagegen, 
das& die Abg. Schücker, Siegmund, Funke u. s. w. 
„im Namen der deutsch-böhmischen Abgeordneten" 
sprechen. Nach l^/^stündiger Rede schloss Schönerer 
mit dem Dank an die Anwesenden. Nach einer kleinen 
Pause besprach Abg. Kliemann ebenfalls die Sprachen- 
frage und kam auf die Verhältnisse seit 1848 zu spre- 
chen. Im Weiteren beleuchtet Redner die neuesten 
Vereinbarungen der Sprachenfrage, insbesondere die 
Kreiseintheilung, die zukünftigen Schul- und Lehrer- 
verhältnisse. Die Ansicht des ungarischen Landesver- 
theidigungsministers über unsere deutsche Staats- 
sprache sei eine weit freundlichere als die unseres 
Ministerpräsidenten Körber. Redner stellt zwei For- 
derungen: Feststellung der deutschen Staatssprache 
und Errichtung eines alldeutschen Staatengebildes. 
Die Sprachenfrage könne nicht durch Konferenzen, 
sondern müsse durch Blut und Eisen gelöst werden ! 
(Also preussiche Regimenter werden den Sprachen- 
streit lösen oder etwa eine Revolution ?) Abg. Stein 
griff verschiedene Abgeordnete und Mitglieder der 
Deutschen Fortschrittspartei und der Deutschen Volks- 
partei in scharfer Weise an und citirte deren frühere 
Aussprüche über die Sprachenfrage und ihre heutige 
Stellung zu derselben. In ausführhcher Weise ver- 
breitet sich Redner über den Ausgleich mit Ungarn 
und die Bezeichnung „alldeutsch". Hierauf erhielt 
Stadtrath Russ aus Fischern das Wort und bean- 
tragte die Annahme einer Entschliessung, in der den 
Alldeutschen vollstes Vertrauen und die Zustimmung 
ausgesprochen wird. Die Entschliessung gelangt — 
nachdem einige Anwesende Wolf'scher Richtung da- 
gegen protestirt hatten — zur Annahme. — Hierauf 
sprach Stadtrath Russ über die am Donnerstag im 
Residenz-Hotel in Karlsbad stattgefundene „Frei-all- 
deutsche Vertrauensmänner- Versammlung", in welcher 



217 



die bereits bekannte Entschliessung gegen den Abg, 
Franz Stein (V. Kurie) einstimmig angenommen worden 
war und ersucht den Abg. Stein, sein Mandat nicht 
zurückzulegen. — Hierauf wurde die Versammlung 
geschlossen und unter Absingung der „Schönerer- 
Hymne" entfernten sich die Theilnehmer. lieber die 
gestrige „Protestversammlung" in Eger wird uns tele- 
graphirt: Eger, 14. December. (Priv.) Die Protestver- 
sammlung Schönerers gegen die Verständigungsvor- 
schläge war von höchstens 400 Personen besucht, 
darunter von vielen völkischen Arbeitern und wenigen 
Bauern. Die Eintrittsberechtigung wurde sehr strenge 
gehandhabt; auch die Wolfianer hatten keinen Zutritt. 
Von den Abgeordneten nahmen Schönerer, Iro, Hofer 
und Stein an der Versammlung Theil. Abg. Schöne- 
rer bezeichnete das Elaborat der Deutschen als ein 
bewusstes Attentat gegen das deutsche Volksthum 
Oesterreichs und als den Anfang des czechischen 
Staatsrechtes. Die Abg. Iro und Stein sprachen im 
ähnlichen Sinne. Es wurde einstimmig eine Resolu- 
tion angenommen des Inhaltes, das Verständigungs- 
operat sei zurückzuweisen, bis die deutsche Staats- 
sprache gesetzlich festgelegt sei. Die Versammlung 
verlief ruhig und ohne besondere Begeisterung. Dem 
Abg. Schönerer war nichts anzumerken, dass er eine 
ernstere Krankheit durchgemacht hatte. 

Wir enthalten uns über diese Versammlungen 
eines jeden näheren Gommentars. Die böhmischen 
Abgeordneten veröffentlichten ihre Antwort auf die 
Vorschläge Dr. Baernreithers am 18. December 1902. 
Das Elaborat wurde ausgearbeitet vom Abgeordneten 
Dr. Kramaf. 

XII. Die Fundamentalartikef. 

Der Pressjude im reichsdeutschen, vom preussi- 
schen Gelde gefütterten Blatt, behauptet, dass immer 
wieder hervorgehoben werden muss, dass der Grund- 
stein zur gesetzgeberischen Arbeit auch in der 
Sprachenfrage nur von den Deutschen gelegt wird. 
Derartige Presslügen über Oesterreichs innere Zu- 
stände sind an der Tagesordnung. Wie es sich in 
Wirklichkeit verhält, wollen wir nur einen Beweis 



218 



liefern. Als nach den schweren Niederlagen im Jahre 
1866 Oesterreich blutete, wollte man in Wien Oester- 
reichs Völkern, die alle für das Reich bluteten, glei- 
ches Recht ausmessen. Mit dieser Aufgabe war das 
Ministerium Hohenwart betraut. Auch in Böhmen 
sollte Ordnung geschaffen werden. Der Landtag des 
Königreichs Böhmen reichte dem Kaiser Anfangs 
Oktober 1871 eine Adresse, an welche Franz PalackJ 
seine bekannten Fundamentalartikel angliederte. In 
diesen Fundamentalartikeln hatte Fr. PalackJ genaue 
Grundlagen eines gerechten Sprachengesetzes ausge- 
arbeitet. 

Eine feierliche Abordnung des böhmischen Land- 
tages mit Fürst Georg Lobkowicz an der Spitze, brachte 
die Adresse und diese Artikeln nach Wien dem 
Monarchen. 

Aber die Fundamentalartikeln erlangten nie Ge- 
setzeskraft. Seit der Niederlage bei Keniggrätz ist 
Oesterreich nicht mehr Herr im eigenen Hause, es wird 
von Berlin aus stetig einer rücksichtslosen Kontrolle 
unterworfen, der es sich fügen muss. Als man in 
Berlin hörte, Oesterreich wolle mit seinen slavischen 
Völkern, deren Söhne zu Tausenden die Schlacht- 
felder Nächods und Königgrätz bedeckten, Ordnung 
machen, da wurde von Berlin aus Verbot eingelegt, 
und das Ministerium Hohenwart musste weichen. 
Seit dem durfte an der Vorherrschaft der Deutschen 
in Oesterreich nicht gerüttelt werden, wie die Bade- 
nischen Sprachenverordnungen und ihre baldige er- 
zwungene Beseitigung beweisen. 

Die Abhängigkeit Oesterreichs von Berlin wird 
stetig furchtbarer. Anfangs Januar 1903 schrieb die 
Brüsseler „L'Independance Beige" folgendes: Es be- 
steht ein sehr berechtigtes Misstrauen gegenüber den 
Absichten der leitenden Kreise Berlins und der per- 
sönlichen Politik des Kaisers, die nichtsweniger als 
friedlich ist, trolz aller officiellen Reden und aller 
beruhigenden Erklärungen des Herrn von Bülow. Es 
gibt jenseits des Rheins eine beständige Bewegung 
für ein grösseres Deutschland, wie es jenseits des 
Kanals eine Bewegung für ein grösseres Britenreich 
gibt. Ist es also nicht natürlich, dass die anderen 



219 



Völker misstrauisch werden, sich beunruhigen wegen 
dieses Bestrebens, die Entwicklung der deutschen 
Macht durch Gewaltakte zu beschleunigen ? Was man 
ferner berücksichtigen muss, ist der Umstand, dass 
das Berliner Kabinet seit zehn Jahren bei allen inter- 
nationalen Vorfällen eine knickerig -selbstsüchtige 
Rolle gespielt hat. Im Orient hat es die anderen 
Kabinete in Stich gelassen, als es sah, dass die Re- 
gelung der kretischen Frage ihm den Verlust der 
profitablen Freundschaft der Türkei bringen konnte; 
im äussersten Osten hat es für den Führer seiner 
eigenen militärischen Expedition das Oberkommando 
über alle ausländischen Truppen gefordert, weil es 
hoffte, die anderen Mächte in einen Eroberungskrieg 
stürzen zu können, anstatt ihre Intervention auf eine 
einfache polizeiliche Massnahme zu beschränken. Im 
Laufe des südafrikanischen Konflikts hat es jeden 
Versuch freundschaftlicher Vermittlung zum Scheitern 
gebracht, obwohl eine solche die Unabhängigkeit der 
Republiken vielleicht noch hätte retten können. Beim 
Konflikt mit Venezuela endlich hat es sogleich seine 
Zuflucht zur Gewalt genommen, ehe es alle Mittel 
friedlicher Auseinandersetzung erschöpft hatte. Deutsch- 
land will eine Offensiv-Macht sein; kann man sich 
also wundern, wenn es von anderen bekämpft wird? 
Offenbar nicht, und wir glauben unsererseits, dass 
die gegenwärtige deutsche Aktion höchst gefährlich 
ist und eine ständige Bedrohung für die Aufrechter- 
haltung des Weltfriedens begründet." — Hier wird 
also auch in aller Form der Ueberzeugung Ausdruck 
gegeben, dass die Berliner Aspirationen die eigent- 
liche Gefahr für den Frieden bilden, und diese An- 
schauung ist so ziemlich eine allgemeine und sie 
vertieft sich umsomehr, je hartnäckiger sie von Berlin 
aus bestritten wird. 

Als der russische Minister des Aeussern Graf 
Lamsdorff Ende Dezember 1902 Wien aufsuchte, um 
hier eine Vereinbarung zu treffen, damit der grösste 
Mörder dieses Jahrhunderts Abdul Hamid an seiner 
Blutgier und dem Morden der Makedonier gehindert 
werde, auch da wurde man in Berlin unruhig, man 
fürchtet eine Verständigung Oesterreichs mit Russ- 



220 



land und die kann man in Berlin absolut nicht 
brauchen. Ein Pressjude hat in ein reichsdeutsches 
Blatt, das vom preussische Gel de gefüttert wird, von 
Wien aus folgende Korrespondenz geschrieben : 

Die Bedeutung der Verhandlungen, die gestern 
und heute zwischen dem Grafen Lamsdorff und sei- 
nem austro-ungarischen Kollegen, dem Grafen Golu- 
chowski, gepflogen worden sind und die auch morgen 
noch fortgesetzt werden dürften, erhellt schon aus 
dem Umstände, dass der neue deutsche Botschafter, 
Graf Wedel, seinen Posten absichtlich früh genug an- 
getreten hat, um während der kritischen Zeit in Wien 
anwesend zu sein, und dass Marquis de Reverseaux, 
der französische Botschafter, seine Reise nach Frank- 
reich und seine Vermählung, die auf die letzten Tage 
des Jahres angesetzt war, bis zum Januar verschob. 
Wien ist nach längerer Zeit, in der vorwiegend Kolo- 
nialfragen, an deren Erledigung Oesterreich-Ungarn 
wenig oder gar nicht betheiligt war, die Diplomatie 
der Grossmächte beschäftigt hatten, wieder einmal in 
den Mittelpunkt der Ereignisse gerückt worden. Die 
Sachlage ist verhältnismässig klar, weil kein Hehl 
aus den Absichten gemacht wird, die den Grafen 
Lamsdorff nach Wien führten. Man will die Mittel 
und Wege feststellen, durch welche die Türkei zur 
Gewährung einer gewissen Autonomie an die drei 
Provinzen von Saloniki, Monastir und Uesküb, die 
zusammen das vielgenannte Makedonien ausmachen» 
bestimmt werden kann. Niemand ausser den zunächst 
Betheiligten weiss nun freilich, was Graf Goluchowski 
auf die Vorschläge des russischen Ministers geant- 
wortet hat oder zu antworten gedenkt. Aber auch 
wenn man nicht den Anspruch erhebt, eingeweiht zu 
sein, kann man sich doch ein Bild davon machen, 
was Oesterreich-Ungarn zur Wahrung seiner Inter- 
essen verlangen muss. Wer in die Verhältnisse des 
Balkans Einblick besitzt, weiss, dass Oesterreich-Ungarn 
vor allem daran liegt, die der Monarchie im Berliner 
Vertrage 1879 gewährten Rechte festzuhalten. Dazu 
gehört die politische und militärische Obergewalt 
über das Gebiet südlich von Bosnien, von Novibazar 
über.Mitrowitza hinaus. Dieser Landstrich, der seit 



221 



jeher den Namen Altserbien führt, bildet den Ueber- 
gang vom österreichischen Besitz in Bosnien zu den 
südlicheren Gebieten von Makedonien. Somit ist die 
Vermuthung gerechtfertigt, der österreichische Mi- 
nister des Aeussern werde sich die bestimmte Zu- 
sicherung ausbedingen, dass Altserbien, welche Ver- 
änderungen immer stattfinden mögen, nicht der 
Machtsphäre Oesterreich-Ungarns entzogen werde. 
Die öffentliche Meinung in Oesterreich-Ungarn billigt 
es durchaus, dass die Monarchie zu einer friedlichen 
Verständigung mit Russland gelangt. Wenn hie und 
da doch eine gewisse Beunruhigung sich zeigt, so hat 
dies seinen Grund darin, dass die Freunde des 
deutsch-österreichischen Bündnisses es für einen 
beklagenswerthen Rückschritt betrachten müssen, 
wenn die Wärme der Beziehungen der beiden mittel- 
europäischen Reiche durch die Annäherung der habs- 
burgischen Monarchie an Russland Einbusse erlitte. 
In dieser Beziehung macht sich in der deutschen 
Bevölkerung Oesterreichs in der That einiges Miss- 
trauen bemerkbar. Man ist hierzulande der Ueber- 
zeugung, dass Russland der Monarchie nichts bieten 
kann, was für sie dem deutschen Bündnisse an 
Wichtigkeit gleichkommt. Wir hegen indessen die 
Zuversicht, dass diese Bedenken unbegründet sind, 
und dass in Wien nichts ausgemacht wird, wovon 
die österreichisch-ungarische Regierung nicht dem 
Berliner Kabinete Mittheilung macht. Jedes andere 
Vorgehen wäre bedenklich und würde Oesterreich- 
Ungarn zuletzt selbst schädigen. Denn dasselbe bedarf, 
wenn es sich auf altserbische und makedonische 
Aktionen einlässt, die immerhin Gefahren mit 
sich führen, des festen Rückhalts an dem stamm- 
verwandten Deutschen Reiche. So loyal die Absichten 
Russlands auch sein mögen, so können doch im Ver- 
laufe der Dinge zwischen W'ien und St. Petersburg 
An- und Absichtsverschiedenheiten auftauchen, und 
dann erst würde sich, wie bei den Verwicklungen 
von 1887, der hohe Werth des deutschen Bündnisses 
für Oesterreich-Ungarn erweisen. Das ist hoffentlich 
auch die Auffassung des Wiener Kabinets, welches 
es selbst für geboten erachten wird, über die Kon- 



222 



ferenz mit dem Grafen Lamsdorff der deutschen Re- 
gierung gegenüber vollste Offenheit walten zu lassen." 

Zu dieser famosen Korrespodenz brauchen wir 
kein Wort Erklärung beizufügen, sie spricht Bände. 
Soweit also haben es die Hofräthe in Wien gebracht! 
Sie dürfen sich im eigenen Hause nicht rühren ohne 
Erlaubniss Berlins. Ja wir erleben es noch, dass 
eine Telephonlinie Berlin — Wien wird errichtet wer« 
den, damit sich die Hofrälhe in Wien gleich nach 
dem Frühstück für jeden Tag in Berlin Instruktionen 
einholen können. Aber eine Schlappe hat die berliner 
Politik jüngster Tage erlebt. Man wollte in Berlin eine 
Siegesfahrt nach Venezuela unternehmen und vergass 
dabei ganz auf die Monroe-Doctrin. 

Schade, dass die Monroedoctrin nur in Amerika 
Anwendung findet, sollten nicht unsere Hofräthe in 
Wien sich etwas näher damit befassen und eine 
Oesterreichische Doctrin zum Schutze vor der stän- 
digen berliner Invasion und zum Heile der Völker 
Oesterreichs ins Leben rufen? 

Hat doch Preussen-Deutschland absolut keine 
Rücksichten zu Oesterreich. Beweis davon ist der 
neue deutsche Zolltarif, dessen Zollsätze die reinste 
Räuberpolitik Oesterreich gegenüber bedeuten. Hier 
muss man doch einmal in Wien zur Erkenntniss ge- 
langen, dass Oesterreich sich an seinen östlichen 
Nachbar, an Russland wenden müsse, um an diesem 
Reiche eine Stütze zu finden. 

Ueber die Absichten der Koerber'schen Politik 
sprach Abgeordneter Fort vor seinen Wählern in 
Kolin am 2ö. Jäner 1903. Unter anderem sagte er 
folgendes : Die Gründe, welche uns zwingen, die Ar- 
beitsfähigkeit des Parlaments nicht zuzulassen, sind: 
die siegreiche .deutsche Obstruktion hält heute den 
ganzen Staat sammt dem Ministerium Koerber in 
ihrer Zange, denn dieses Ministerium ist die Inkar- 
nation der siegreichen Obstruktion der Deutschen. 
Das Kabinet Koerber dient ausschliesslich den Inter- 
essen des Deutschthums. Dieser Zustand muss von 
Grund aus beseitigt werden ; so lange Koerber im 
Amte bleibt, haben wir nichts zu erhoffen, im Gegen- 
theil, die Gefahr, dass die deutsche Genlralisation 



22^ 



noch weiter vordringen wird, ist noch grösser. Die 
Deutschen haben weiter auch das ganze Parlament 
in ihrer Gefangenschaft; ihre Drohung, dass sie ob- 
struiren werden, genügt, das Parlament den Kopf 
verlieren zu lassen. Der Terror der Minorität be- 
herrscht das Parlament. Sagen wir es offen heraus: 
die Deutschen haben sich überall Respekt verschafft; 
wer es versteht, mit dem Fuss zu stampfen, wer es 
trifft, auf seine Kraft zu pochen, der hat eben Re~ 
spekt. Daraus folgt für uns die Lehre, dass, wenn 
wir nicht dasselbe treffen, das deutsche Prestige sich 
immer mehr festigen, wir aber zu einem inferioren 
Faktor degradirt werden. Wo mit Knüppeln herum- 
gehauen wird, sind Glacehandschuhe nicht am Platze^ 
Das erste Ziel unseres Vorgehens müsse sein: das 
Reglerungssystem zu stürzen, das zweite: den Terro- 
rismus der deutschen Minorität im Parlamente zu 
brechen. Das ist die einzig mögliche, weil allein rich- 
tige Taktik; 50 bis 60 Männer sind imstande, das 
Parlament dauernd arbeitsunfähig zu machen. Ge- 
schieht dies, wird nichts Anderes übrig bleiben, als 
das Parlament nach Hause zu schicken und sich mit 
dem § 14 zu behelfen. Heule Opportunitätspolitik 
treiben, wie sie Dr. Stränsk^ empfiehlt, wäre Abdika- 
tion. Für eine solche Politik wird erst dann die rich- 
tige Zeit kommen, bis es uns gelungen sein wird,, 
die Blöcke zu beseitigen, welche uns die siegreiche 
deutsche Obstruktion in den Weg gelegt hat. Früher 
zu derselben zu greifen, würde die kampflose Es- 
komptirung einer Niederlage bedeuten. Denn die erste 
Folge würde sein, dass wir Koerber damit selbst den 
Lorbeer aufs Haupt drücken und ihn zum grössten 
Staatsmann Oesterreichs im Verlaufe der letzten oO- 
Jahre machen vmrden. Wir würden damit w^eiter 
erreichen, dass durch dieses Kabinet diese Expositur 
der Deutschen petrificirt würde. Die zweite Folge 
wäre, dass die Deutschen im Besitze ihrer Errungen- 
schaften blieben. Aber nicht nur blieben, sondern mit 
neuem Muth weiter gehen würden. Wir kennen ja 
ihre masslosen Forderungen, wir kennen ihre Auf- 
fassung der Sprachenfrage und kennen ihr Endziel,, 
die deutsche Staatssprache. Wenn einmal Alles, w^as 



224 



jetzt noch Ursache der Krisis ist, unter Dach ge- 
bracht ist, dann hat der gesainmte staatliche Apparat 
auf zehn Jahre Ruhe, dann kann die nächsten Jahre 
ruhig ein Peter oder Zappel an der Spitze des Kabi- 
nets stehen. Wir aber, wir hätten die Ueberfuhr ver- 
säumt. Wir wären der Regierung auf Gnade und 
Ungnade ausgeliefert. Ich glaube, das Volk würde 
eine solche furchtbare Niederlage nicht mehr ertragen, 
denn zu dem unverschuldeten Unglück käme noch 
das selbstverschuldete. Das wäre das furchtbare Re- 
sultat dieser Taktik, wie die Franzosen sagen, das 
Debakle nach jahrelangen Kämpfen, und deshalb muss 
auch derjenige, der sonst der grösste Feind der Ob- 
struktion ist, einsehen, dass nichts Anderes übrig 
bleibt, als diesen Schritt zu machen. Wie wir durch 
das Schwert um unseren Staat gekommen sind, ebenso 
wäre es auch nur möglich, einen selbständigen böh- 
mischen Staat durch das Schwert herzustellen; da 
uns aber diese Kraft nicht zu Gebote steht, müssen 
wir uns andere, näher liegende Ziele stecken. Es 
steht fest, dass nach dieser Richtung hin ein Gährungs- 
process das österreichische Staatengebilde zersetzt. 
Diesen zersetzenden Process müssen wir beschleunigen. 
Es ist zweifellos, dass ganz Europa heute die Gefahr 
fühlt, dass früher oder später der Versuch gemacht 
werden wird, die deutsche Weltregierung einzusetzen. 
Wir sind der Vorposten gegen den Pangermanismus ; 
harren wir fest und entschlossen auf diesem Posten 
aus, und dann wird Gott geben, dass wir in unserem 
und im Interesse des ganzen Slaventhums unser Land 
unseren Nachkommen hinterlassen. Dass auf die in- 
neren Vorgänge in Oesterreich die Augen aller Welt 
gerichtet sind, zeigt zum Beispiel ein Leitartikel des 
„Novoje Vremja" Ende Jäner 1903. Unter Anderem 
schreibt das Blatt folgendes: „Dass die böhmische 
Frage gleichzeitig auch eine slavische Frage ist, braucht 
wohl nicht bewiesen zu werden. Diese Frage hat je- 
doch auch noch eine europäische Bedeutung. Ob sich 
die Böhmen, und mit ihnen die übrigen Slaven auf 
ihrem Posten im Gentrum Europas erhalten, ob sie 
dem mächtigen deutschen Drucke Stand halten wer- 
den, das ist eine Frage von grosser alleuropäischer 



226 



Bedeutung, denn Europa kann es durchaus nicht 
gleichgiltig sein, dass sich Oesterreich in eine Ost- 
mark Deutschlands verwandle und dass sich ganz 
Mitteleuropa in einen deutschen Zollbund unter 
preussischer militärischer Diktatur vereinige. Die Un- 
möglichkeit der Zulassung einer solchen Evolution 
Deutschlands, dessen Rüstungen schon jetzt die 
grösste Gefahr für den europäischen Frieden bilden, 
ist allzu klar. Es ist darum nicht zu verwundern, 
dass in der letzten Zeit immer häufiger in der euro- 
päischen Presse in Frankreich, England etc. etc. sich 
Stimmen erheben, welche auf die hohe Wichtigkeit 
der sogenannten böhmischen Frage vom internatio- 
nalen Gesichtspunkte hinweisen. Wir als ältere Brüder 
der Slaven und Nachbarn des mit uns befreundeten 
Oesterreich-Ungarn können jedenfalls zu dieser Frage 
nicht gleichgiltiger sein, als Franzosen oder Engländer, 
denn es ist für uns, nicht weniger als für Europa, 
ein sehr wesentlicher Unterschied, ob es Oesterreich 
beschieden ist, slavisch zu sein, wie es nach der Be- 
völkerungszahl seiner Völker sein sollte, oder ob es 
auf der schiefen Ebene der Germanisation noch weiter 
hinabgleiten soll. 

XIII. Der Sturm gegen Oesterreich in der Form 
der „Los von Rom^^-Agitation. 

Wenn wir einen Blick auf das heutige Frankreich 
werfen, so bietet sich uns ein eigenartiges Schauspiel. 
Während Alphonse Rothschild in der „Rue Lafitte" 
in Paris ruhig nur von der französischen Nordbahn 
jährlich seine Rente von 106 Millionen Francs ein- 
streicht, werden arme Ordensleute gewaltsam aus 
ihrem Heim vertrieben. Der Jude Reinach ist der that- 
sächliche Herr der Republik. Das ganze 33 Millionen 
zählende französische Volk ist unter dem Joche von 
etwa 20 Tausend Juden und Freimaurer. Ebenso sind 
die Dinge in Italien und Spanien. Beide Länder sind 
nur noch Schein-Monarchien, Das Senatoren-Haus in 
Rom zählt 40 Juden, obzwar in ganz Italien unter 
30 Millionen kaum 150 Tausend Juden sind. Ebenso 
ist der Thron von Russland in Gefahr. Finanzminister 
Witte hat eine Jüdin zur Frau. Er richtet Russland 

15 



226 



zu Grande durch seine Finanzoperationen, die er mit 
den Finanzjuden abmacht. Böhm-Bawerk, österrei- 
chischer Finanzminister, ist in enger Beziehung mit 
der Synagoge, sein Gesicht sagt es. Die Monarchien 
Europas sind es nur dem Scheine nach, in Wirk- 
lichkeit regieren Judas Finanzmänner. Um die Throne 
zu stürzen, muss zuvor die Kirche vernichtet sein, 
so ist der Plan der Freimaurer-Juden. In Amerika 
haben wir den Juden Staatssekretär Hey, welcher mit 
dem Juden Morgan die nordamerikanische Union be- 
herrscht. Nun soll Oesterreich-Ungarn an die Reihe 
kommen. Austria est delenda, Oesterreich muss ver- 
nichtet werden, so beschloss schon der Revolutionär 
Mazzini vor 50 Jahren. Die feste Säule Oesterreichs, 
die katholische Kirche muss untergraben werden, daher 
der Schlachtruf: .,Los von Rom!" 

Das grosse Judenblatt die „Neue Freie Presse" 
brachte im Abendblatte vom 11. December 1897 einen 
Bericht „von der Universität". Er lautet: „Die deutsch- 
nationale Studentenschaft veranstaltete heute, nach- 
dem gestern die deutsch-freisinnigen Studenten dem 
Rektor eine Adresse überreicht hatten, als Epilog zu 
den stürmischen Novembertagen eine Kundgebung. 
Die Aula war dicht gefüllt, alle nationalen Verbin- 
dungen waren vollzählig anwesend. Mittags begab sich 
eine Abordnung zum Rektor und lud ihn ein, an 
einer Feier theilzunehmen, welche die nationale Stu- 
dentenschaft im grossen Arkadenhof der Universität 
veranstalten wolle. Der Rektor sagte zu. Die Studenten 
begaben sich in den Hof, wo sich die Erstchargierten 
der nationalen Couleurs um einen langen Tisch grup- 
pirten; eine tausendköpfige Studentenmenge umringte 
sie. Auch die Fenster des Arkadenhofes waren von 
Studenten dicht besetzt. Hier wie im Hof selbst sah 
man zahlreiche Damen, Studentinen und Angehörige 
von akademischen Hörern, welche sich aktiv an der 
Demostration betheiligten. Ein Student hielt zunächst 
eine Ansprache, in welcher er darauf hinwies, dass 
es sich heute darum handle, gegen die Vergewaltigung 
der Rechte der Alma mater zu protestiren. Darauf 
wurde das Bundeslied: „Brause der Freiheitsang" ge- 
sungen und eine Adresse an den Rektor verlesen, in 



227 



welcher ihm für sein Eintreten, für die Grundsätze 
der akademischen Freiheit für die Rechte und Ehre 
des deutschen Vollces gedankt und ausgeführt wird, 
die Studentenschaft betrachte es als selbstverständ- 
liche Pflicht für die Freiheit, das Recht und die Ehre 
der Deutschen in Oescerreich einzutreten, über welche 
jetzt schwere Zeiten gekommen sind. (Darunter sind 
die Sprachenverordnungen Badenis zu verstehen.) Nun 
erschien Rektor Professor Dr. Toldt in stürmischer 
Weise begrusst. Auch er hielt eine kurze Ansprache 
an die Studenten und erklärte, dass er jederzeit für 
die freie Forschung und für die Ehre der deutschen 
Universität in Wien eintreten werde. (Da müsste Herr 
Toldt diese Universität von den Semiten reinigen, 
das wäre die richtige Ehrenrettung dieser Universität.) 
Brausende Heilrufe ertönten und die Studierenden 
zückten ihre Schläger. (Die Tausend Hebräer auch, 
wie schön !) Dann nahm wieder ein Student das Wort. 
Auch er betonte die Nothwendigkeit, die geheiligten 
Grundsätze der akademischen Freiheit zu wahren (für 
unreife Jungen). Wir lassen, rief der Student, kein 
Theresianum aus der Universität machen. Dann fuhr 
der Redner fort: nicht nur die deutsche Jungmann- 
schaft hat den Komödianten erkannt, der unsere Be- 
wegung eine Jugendeselei nannte, wir hoffen, dass 
auch die deutschen Frauen sich uns anschliessen 
werden. Unseren Kampf gegen Rom haben wir noch 
nicht begonnen. Wir wissen aber, dass Rom unser 
grösster Feind ist. Wir wissen, unsere einzige Rettung 
ist im protestantischen Bekenntnisse, das auch den 
nationalen Gedanken in sich birgt, gelegen. Bei die- 
sen Worten kam es zu einem lärmenden Zwischen- 
fall. Katholische Studenten riefen: „Pereat!" Sie 
wurden umringt und hinausgedrängt. Der Student 
schloss mit den Worten : Jetzt kehrt auf eueren Wach- 
posten zurück und wenn wieder Gefahr droht und 
der Ruf ertönt : „Bursche heraus !" dann kommt, und 
wäre es auch zum letzten Gang (Das machen die 
Hejjräer gewiss nicht mit.) Stürmische Prosit und 
Heilrufe ertönten wieder. Die Studenten, sowie auch 
die anwesenden Damen sangen: „Die Wacht am 
Rhein" und damit war die Kundgebung zu Ende. 

15* 



228 



So berichtete in der angeführten Nummer die 
„Neue Freie Presse" : Der Student, der zuletzt sprach, 
war der Mediziner Födisch, der in seinen Gymnasial- 
studien von armen Priestern unterstützt wurde, wie 
ja auch Dr. Eisenkolb als armer Student von den 
Dominikanern in Eger sich füttern Hess. Das war der 
Anfang der Abfallsbewegung in Oesterreich. In . der 
Nähe der kaiserlichen Burg, auf dem Boden der 
Universität, die von der katholischen Kirche gestiftet 
wurde, aus dem Munde unreifer Jungen unter der 
Palronanz des Rektor Toldt erscholl zuerst der Ruf 
nach organisirtem Reich- und Landesverrath in Oester- 
reich. Lassen wir nun chronologisch einige Zeitungs- 
stimmen folgen, die uns über den Abfall in Oester- 
reich ein Bild geben. Am 21. Juli 1901 berichtete 
das „Vaterland". (Abfallstatistik). Schönerer veröffent- 
licht in seinen „Unverfälschten deutschen Worten" 
wieder eine Abfallstatistik. Dieselbe umfasst das eben 
abgelaufene Halbjahr Jänner-Juni. In diesem Zeit- 
räume sollen bei ihm 3416 Abfallsmeldungen einge- 
laufen sein. Davon entfallen 2538 auf Böhmen und 
zwar : Bodenbach-Tetschen 729, Türmitz 230, Graupen 
110, Reichenberg 129, Sobochleben 361, Teplitz 280 
u. s. w. Niederösterreich figurirt mit der Zahl 469, 
wovon 429 auf Wien entfalten. Für Mähren erscheinen 
119 Abfälle ausgewiesen, für Steiermark genau 200 
(106 in Leoben), für Kärnten 14, für Oberösterreich 
10, für Schlesien 16, für Tirol 44, für Salzburg 4, 
für Krain 1 und für „Verschiedene" 1. Schönerer 
rechnet aber diesmal ausserdem noch hinzu : Wiener 
Superintendenz 656, oberösterreichische Superinten- 
denz 287, mährischschlesische Superintendenz 531, 
galizische Superintendenz 45, endlich Altkatholiken 
in Mähren 1213. Mit den letzterwähnten Ziffern kommt 
so Schönerer auf die Gesammtzahl 6148. Wie Schö- 
nerer zu den letzterwähnten Ziffern gekommen ist, 
darüber gibt der Ausweis keinerlei Aufklärung. Man 
kann nur vermuthen, dass Schönerer und die ge- 
nannten Superintendenzen ihre Listen gegenseitig 
ausgetauscht und verglichen haben. Wenn diese Ver- 
muthung zutrifft, so wäre also Schönerer zum Gene- 
ralabfallsbureau bestellt worden. Wie lange mag es 



229 



wohl dauern, bis diese Tausende auch von Schönerer 
wieder abfallen? 

München er Blätter berichteten im September 1901 
aus Wien: Endlich liegen authentische Ziffern über 
den Umfang der Los von Rom-Bewegung vor. Nach 
einer von dem evangelischen Oberkirchenrathe in 
Wien veranlassten Veröffentlichung beträft der Gewinn 
des Protestantismus in Oesterreich im Jahre 1899 
über 6000, im Jahre 1900 gegen 4700 und im ersten 
Halbjahre 1901 etwas über 3000 Personen. Zu be- 
merken ist, dass jährlich auch rund 500 Personen 
von den protestantischen Kirchen zur katholischen 
Kirche übertreten, ein Konfessionswechsel, der ins- 
besondere bei Mischehen nicht selten ist. Dieser Ver- 
lust des Protestantismus ist bei den obigen Ziffern 
bereits mit in Betracht gezogen. Sonach hat die ka- 
tholische Kirche in den letzten 2^^ Jahren 13.700 
Seelen durch den Uebertritt zum Protestantismus 
verloren. Hiezu müsste man noch den Gewinn der 
Altkatholiken zählen, der nicht genau bekannt ist und 
auch nicht sehr hoch angeschlagen werden kann. 
Endlich ist zu bemerken, dass rechtsgemäss nur die 
Kinder unter sieben Jahren dem Religionswechsel 
der Eltern folgen, während Personen über 14 Jahren 
die Konfessionswahl freisteht. Die Kinder zwischen 
dem 7. und 14. Jahre sind beim Uebertritte der 
Eltern katholisch geblieben, werden ihnen aber wohl 
ausnahmslos im entscheidenden Zeitpunkte folgen. 
Man kann also als Ergebniss der Uebertrittsbewegung 
feststellen, dass 15 000 Menschen, eher etwas mehr, 
der Los von Rom-Bewegung gefolgt sind. Die Ziffer 
ist, absolut genommen, nicht sehr hoch, da es sich 
um eine Bevölkerungszahl von 8 Millionen handelt, 
innerhalb deren die Bewegung ihre Kreise gezogen 
hat. Für die katholische Kirche ist nur beunruhigend, 
dass der Abbröckelungsprozess lange nicht seinen 
Abschluss gefunden hat. Es ist bekannt, dass die 
Kirche durch die Thatsache des vollzogenen Abfalls 
sich niemals bestimmt gefühlt hat, Nachgiebigkeit zu 
zeigen, dass sie sich vielmehr die schärfere Ausge- 
staltung ihrer Dogmen und ihrer Kirchenverfassung 
angelegen sein Hess. Diesmal handelt es sich jedoch 



230 



in erster Linie nicht um religiöse Fragen, sondern 
um das Verhältnis der katholischen Kirche zur deut- 
schen Nationalität und man sollte glauben, dass in 
diesem Punkte eine Einkehr möglich sei. Auch steht 
die katholische Geistlichkeit nicht vor einem abge- 
schlossenen Prozesse und es ist nicht zu berechnen, 
ob der Uebertritt nicht einen noch grösseren Umfang 
annehmen wird. Schon heute ist festzustellen, dass 
der Katholicismus in Oesterreich seit dem 16. Jahr- 
hundert niemals eine gleich grosse Anzahl von Seelen 
verloren hat. Weder die Deutschkatholiken der 40er 
Jahre, noch die Altkatholiken der 70er Jahre können 
auf solche Erfolge hinweisen. Dazu kommt, dass die 
Altkatholiken bekanntlich immer mehr zusammen- 
schmelzen, während der Protestantismus als eine 
gefestetere Organisation mit starkem Rückhalte seine 
Bekenner wohl besser festzuhalten vermag. Bei der 
Volkszählung von 1880 gab es in Oesterreich 6134 
Altkatholiken, deren Zahl in den nächsten 15 Jahren 
etwas geringer wurde. Man sieht also, um wie viel 
intensiver die jetzige Bewegung gegenüber der durch 
die Erklärung des Unfehlbarkeitsdogmas hervorgeru- 
fenen ist. 

Anfangs Oktober 1901 sprach vor seinen Wählern 
im Bezirke Margarethen Dr. Lueger über die „Los 
von Rom" Agitatation. Er sagte: Man wirft uns, so 
führte der Redner weiter aus, immer vor, dass wir 
eine klerikale Partei sind. Es ist überhaupt sonderbar, 
in ganz Oesterreich wittert man eine klerikale Gefahr 
und dabei könnte man ruhig einen Preis aussetzen, 
wenn Jemand den Nachweis erbringt, worin die klerikale 
Gefahr besteht. Die klerikale Gefahr ist ausgeschlossen, 
allein unter diesem Schlagworte betreibt man die gröss- 
ten Hetzereien gegen unsere Religion und kein Mensch 
rührt sich dabei. Unsere Bischöfe sind keine Himmels- 
stürmer, das ist wahr, sie sind so brav, so ruhig, 
damit ja den Anderen nichts geschieht. Ich habe 
zwar gehört, dass die Bischöfe jetzt schärfer auftreten, 
ich habe jedoch wenig Hoffnung, denn, wie gesagt, 
Himmelsstürmer sind sie keine. Das Wort Klerika- 
lismus ist heutzutage nichts Anderes als ein albernes 
Märchen, mit dem fast alle Parteien in Oesterreich 



231 



das politische Brot bestreiche. Es wird nur gehetzt 
und geschimpft, für das Volk wird gar nichts gethan. 
Man kümmert sich nicht um die Gewerbetreibenden, 
nicht um den Bauer und auch nicht um den Arbeiter. 
Die Slaven beschimpfen die Deutschen, die Deutschen 
die Slaven, kurz Jeder nennt den Anderen einen 
Lumpen, für's Volk aber geschieht gar nichts. Wir 
Ghristlichsociale werden auch in den kommenden 
schweren Zeiten bleiben, was wir waren, und von 
unserem Programme nichts aufgeben. Wir werden 
festhalten an unserem deutschen Volke, festhalten 
an unserem Vaterlande Oesterreich und sind muthig 
genug, dies auch zu sagen (stürmischer Applaus) und 
sind auch muthig genug gegen alle Landesverräther 
zu kämpfen, wir werden aber auch festhalten an 
unserer Religion und werden dieselbe zu verth eidigen 
wissen. Wir sind eine tolerante Partei, wir lassen die 
Protestanten in Ruhe, verlangen aber auch, dass man 
auch unsere katholische Religion in Ruhe lässt. (De- 
monstrativer Beifall.) Es ist kaum glaublich, so setzte 
der Redner weiter auseinander, was bei uns mit der 
sogenannten „Los von Rom "-Bewegung getrieben 
wird. Es hat bisher kaum einen Staat gegeben (Der 
Regierungsvertreter beginnt eifrigst zu schreiben. — 
Dr. Lueger zu demselben: Bitte, schreiben Sie es 
nur genau auf; es ist nothwendig!), der eine solche 
Bewegung, die ausschliesslich politischen Charakter 
hat, geduldet hätte, Avie es bei uns geschieht. Die 
„Los von Rom ^'-Bewegung ist nur darauf berechnet, 
Oesterreich so herzurichten, damit es das Deutsche 
Reich leicht verspeisen kann, ohne Magendrücken zu 
bekommen. Das ist gewiss noch in keinem Staate 
der Welt vorgekommen, dass man einer solchen Be- 
wegung ruhig zugesehen hat. Es ist ja offenkundig, 
dass Millionen Mark nach Oesterreich geworfen werden 
um diese Bewegung zu fördern und ungezählte deutsche 
Pastoren überschwemmen die ganzen Länder, um die 
Bewegung zu schüren und zu leiten. (Rufe: Schande! 
Das kann man nicht mehr ruhig vertragen ! u. s. w.) 
Die ganze „Los von Rom"-Bewegung ist nichts An- 
deres als der organisirte Landes- und Hochverrath. 
(Demonstrativer, minutenlanger Beifall. Rufe: Nieder 



232 



mit den Landesverräthern! Weg mit den Schurken 
etc.) Nichtsdestoweniger scheint man sich in Oester- 
reich zu scheuen, dieser Bewegung in die Arme zu 
fallen; mit verschränkten Armen sieht man zu, wie 
die einzelnen Länder durchwühlt und unterminirt 
werden. Ich habe überhaupt die sohlechte Erfahrung 
gemacht, dass diejenigen Parteien, die gut öster- 
reichisch sind und für das Vaterland und Volk ein- 
treten, am schlechtesten wegkommen. Uns Ghristlich- 
socialen geht es wenigstens so. Da haben wir gleich 
den Statthalter, der offenbar jetzt sehr wenig zu thun 
hat, und daher jetzt fortwährend herumnörgelt. An 
der Verwaltung der Stadt Wien ist entschieden nichts 
auszusetzen, so kommt er uns nun mit den Tauben 
etc. (Heiterkeit!) Hingegen die Leute aus den so- 
genannten radikalen Lagern werden wie das liebe 
Buberl (Heiterkeit) behandelt. Die alldeutschen Ab- 
geordneten rühmen sich, was sie Alles bei den Mini- 
stern durchsetzen können und manche von ihnen 
erzählen öffentlich, wie sie bei den Ministern aus- 
und eingehen. Es ist dies ein Beweis, dass man 
diese Parteien fürchtet wie den Teufel, und dass man 
vor ihnen einen grossen Respekt hat. Dies Alles 
geschieht auf unsere Kosten; nun, wir vertragen 
etwas, aber wie lange es noch das Vaterland ver- 
tragen wird, das ist eine andere Frage. Die Herren 
Minister wollen ein ruhiges Parlament haben und da 
denken sie sich, die Krakehlmacher müssen wir be- 
sänftigen. Auf diese Art opfert man den grössten 
Radaubrüdern unsere Religion, die ungescheut in den 
Koth herabgezerrt und geschmäht wird, man opfert 
das Vaterland Oesterreich, ja diese Leute können 
sogar einzelne Mitglieder des Herrscherhauses begei- 
fern, es geschieht nichts. Man spielt bei uns in Oester- 
reich die Vogel Strauss-Politik und lässt die Dinge 
laufen, wie sie laufen. (Allgemeine Zustimmung.) Es 
könnte doch noch schlechter ausgehen, als man glaubt 
dann aber werden die Minister auch den Muth haben 
müssen, die Verantwortung für jenen Moment in der 
Geschichte zu tragen, welches die Alldeutschen so in- 
brünstig ersehnen. Wir Ghristlichsociale werden nach 
wie vor unentwegt dafür eintreten, dass es Pflicht 



233 



der kaiserlichen Behörden ist, Pflicht des Ministers 
oben und des letzten Amtsdieners unten, unser Vater- 
land vor seinen inneren Feinden zu schützen ! 

Im April 1902 brachten reichsdeutsche Blätter 
aus Wien folgende Nachricht. Der evangelische Ober- 
kirchenrath in Wien hat einen Bericht über die Be- 
wegung innerhalb der evangelischen Kirche Oester- 
reichs herausgegeben, dem wir folgende Zahlen ent- 
nehmen. Im zweiten Halbjahr 1901 sind in Gisleithanien 
zur evangelischen Kirche A. G. übergetreten 3054 
Personen aus der römisch-katholischen Kirche und 
126 Personen aus anderen Bekenntnissen-Gemeind- 
schaften, zusammen 3180. Ausserdem traten zur evan- 
gelischen Kirche reformirten odör helvetischen Be- 
kenntnisses 265 Personen über, insgesammt also 3445. 
Aus der evangelischen Kirche sind in derselben Zeit 
zur römisch-katholischen Kirche 379 und zu anderen 
Kirchen 38 übergetreten, zusammen 417 Personen. 
Es ergibt sich daher pro zweites Quartal 1901 für 
die evangelische Kirche ein Zuwachs von 3028 Per- 
sonen. Für die letzten drei Jahre ergeben sich folgende 
Ziffern : 

1899 1900 1901 zusammen 
Uebertritte zur evangel. 

Kirche 6385 5058 6639 18.082 

Davon aus der römisch- 

kath. Kirche . . . 6047 4699 6299 17.045 
Austritte aus der evang. 

Kirche 765 813 917 2495 

Davon in die röm.-kath. 

Kirche 675 705 830 2210 

Zuwachs an Seelen für 

evangel. Kirche . . 5620 4245 5722 15.587. 

Die „Ostdeutsche Rundschau"" hat folgendes ver- 
öffentlicht: Die statistischen Mittheilungen der Eisen- 
acher Kirchen-Konferenz für Deutschland und Oester- 
reich für die Jahre 1880 bis 1899 zeigen, dass die 
Häufigkeit des Konfessionswechsels im Laufe der 
letzten beiden Jahrzehnte stetig zugenommen hat. Der 
Uebertritt vom Katholicismus zum Protestantismus 
ist in stärkerer Progression gestiegen als der Ueber- 
gang vom Protestantismus zum Katkolicismus. Der 



234 



absolute Gewinn gegenüber dem Katholieismus ist 
bedeutend sowohl in Deutschland als auch in Oester- 
reich; hier besonders seit der „Los von Rom"-Bewe- 
gung des Jahres 1898. Die Statistik der wirklich er- 
folgten Uebertritte ergibt für die Jahre 1890 bis 1899 für 





D 


e U t ; 


s c h 1 a n d : 


Zum Protestaatismus 


Aus dem Protestantismus 


vom Katholieismus 




zum Katholieismus 


1890 , 


. . 3105 




1890 . . 554 


1891 , 


. . 3202 




1891 . . 442 


1892 , 


. . 3342 




1892 . . 550 


1893 


. . 3532 




1893 . . 598 


1894, 


. . 3821 




1894 . . 659 


1895 , 


. . 3895 




1895 . . 588 


1896 , 


. . 4366 




1896 . . 664 


1897 


. . 4469 




1897 . . 705 


1898 , 


. . 5176 




1898 . . 699 


1899 , 


, . 5549 




1899 . . 660 




C 


lest 


erreich: 


Zum Protestantismus 




vom Katholicismu 


is: 


Austritt aus der 




Augsb. 


Helv. 


Augsb. Helv. 




Gonf. 


Gouf. 


Gonf. Gonf. 


1890 . 


. 620 


379 


1890 302 200 


1891 . . 


. 740 


364 


1891 . . 419 212 


1892 . , 


. 597 


424 


1892 . . 377 219 


1893 . 


. 798 


410 


1893 . . 426 264 


1894 . 


. 755 


424 


1894 . . 406 273 


1895 . , 


. 757 


410 


1895 . . 473 238 


1896 . 


. 947 


464 


1896 . . 495 273 


1897 . , 


. 927 


431 


1897 . . 469 287 


1898 . 


. 1181 


417 


1898 . . 469 275 


1899 . . 


. 5886 


506 


1899 . . 499 286 



Bei dieser Tabelle bleiben die Zahlen für Deutsch- 
land etwas hinter der Wirklichkeit zurück, da nicht 
alle Landeskirchen statistische Angaben geben und 
nicht alle Austritte, besonders aus der evangelischen 
Kirche, zur amtlichen Kenntniss kommen. Für Oester- 
reich beträgt infolge der evangelischen Bewegung die 
Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche von 
1898 bis 1901 zusammen allein circa 27.000 und die 



235 



Zahl der Uebertritte davon zur evangelischen Kirche 
circa 20.000. Die wesentliche Richtigkeit der Ziffern 
vorausgesetzt, geht aus denselben deutlich hervor, 
dass die Abfälle in Deutschland in den Neunziger- 
Jahren — mit Ausnahme des Jahres 1899 — mehr 
als das Dreifache jener in Oesterreich betragen und 
jene der Konversionen in jedem Jahre mindestens 
um das Sechsfache überstiegen haben. In Oesterreich 
betragen die Abfälle selbst in den letzten Jahren, wo 
eine specielle Hetze und Agitation hauptsächlich von 
Deutschland aus dafür entwickelt wird, nicht viel 
mehr, als in Deutschland regelmässig. 

Im Februar 1902 veröffentlichte Pastor Gmehn 
im „Protestantenblatt" seine Reiseeindrücke aus 
Oesterreich. Ueber Lobositz, für welches er besonders 
an den reichsdeutschen Klingebeutel appelirt, kommt 
er nach Leitmeritz. Zuerst besichtigt er die Brauerei 
„Elbschloss", dann erst folgt er den „Abfallsspuren". 
Auf dem Wege kommt er auch an der ehemaligen 
Jesuitenkirche vorbei, welche jetzt dem bischöfl. Prie- 
sterseminar dient. Der Herr Pastor kann es sich 
nicht versagen, in dieselbe einzutreten. „Wir haben 
es gut getroffen", so erzählt er, „denn es findet 
gerade eine Uebungspredigt statt, indem einer der 
Zöglinge auf der Kanzel einen lateinischen Sermon 
zur Verherrlichung der Kirche, wenn ich recht ver- 
standen habe, hält, während der ganze übrige Haufe 
— etwa 60 an der Zahl — die Bänke des Schiffs 
zur Linken als andächtige Zuhörer füllt. So haben 
wir Müsse, uns dieser Andacht anschliessend, nicht 
nur von der eleganten Latin ität des Redners — in 
Wahrheit ein ödes Phrasengeklingel — zu profitiren, 
sondern auch, was mich ungleich mehr reizte, die 
Köpfe dieses Nachwuchses der nordböhmischen Geist- 
lichkeit aufmerksam zu studiren. Das Ergebniss ist 
entsprechend dem, was man sonst weiss: Der Ein- 
druck von dem weitgehenden Ueberwiegen des cechi- 
schen Elements. Wenigstens vier Fünftel dieser 
Schädel gehören' dem slavischen Typus an, mit der 
niedrigeren Stirn und namentlich der aufgestülpten 
Nase im Verein mit der dunkleren Farbe von Haar 
und Haut, auch dem oberflächlichen Bild sich ver- 



236 



rathend, dazu in der ganzen Haltung überwiegend 
bäuerliche Herkunft andeutend. Ich kann nicht sagen, 
dass mir das Ganze besondere Hochachtung einge- 
flösst hätte, wie sie dem Eindruck wirklicher Intelli- 
genz gegenüber jeder Gebildete empfindet." — Dem 
Herrn Pastor aus dem Schwabenlande ist da ein 
kleiner Sehfehler passirt. Im Leitmeritzer Priester- 
seminar befinden sich, aus bekannten Gründen, kaum 
mehr soviel böhmische Zöglinge, als Finger an einer 
Hand. Die erdrückende Mehrheit ist deutsch, ent- 
schieden deutschnational sogar, wie die einfache 
Thatsache beweist, dass die Leitmeritzer Alumnen 
bei dem Akademikertage aus den Fenstern des Semi- 
nars hinaus die — „Wacht am Rhein" sangen. Nun, 
und diese wackeren Jünger Frind's zählt der Herr 
Pastor wegen ihrer „sla vischen Physiognomie" zu 
vier Fünfteln uns Böhmen zu. Wir müssen dankend 
ablehnen. Dass es die „Physiognomie" allein nicht 
macht, dass sollte der Herr Pastor aus der „Kreuz- 
zeitung" wissen, welche zum Beispiel erst vor kurzer 
Zeit darthat, dass der Habitus von — Martin Luther 
ein slavischer war. Den Leitmeritzer Neuprotestanten 
gehe es sehi- schlecht, denn der Bischof ist sehr 
streitbar. Zum Beweise führt er an, dass eben erst 
eine neue evangelische Kirche mit dem Kostenauf- 
wande von 32.000 fl. erbaut worden sei. Die 430 Prote- 
stanten von Leitmeritz haben diese Summe ebenso 
wenig aufgebracht, wie die 70 Abgefallenen von Lo- 
bositz, die sich auch eine Kirche um 50.000 Mark 
erbauten. Woher kommen aber diese grossen Summen ? 
Von Leitmeritz pilgert der Herr Pastor nach Aussig, 
hauptsächlich, um den „grossen" Dr. Eisenkolb kennen 
zu lernen. Er fragt auf der Redaktion des alldeut- 
schen Lokal-Blattes an, erfährt aber hier zu seinem 
Leidwesen, dass der Herr Doktor eben nach Teplitz 
abgereist sei, allwo er als Kandidat für den Böh- 
mischen Landtag eine Wählerversammlung abhalte. 
Der Herr Pasior reist ihm also nach und nimmt 
an der Wähler Versammlung theil, in der auch Herr 
Schönerer spricht, der dem schwäbischen „Agen- 
ten" gewaltig imponirt. Auf der Fahrt nach Teplitz 
erlebt er aber ein kleines Reiseabenteuer. „Mir gegen- 



237 



über sass (im Coupe), so erzählt er, ein Herr mit 
stattlichem blonden Vollbart, eine echt deutsche Er- 
scheinung, den ich nach der sonstigen Unterhaltung 
in unserer Abtheilung gleichfalls für einen Anhänger 
Eisenkolb's hielt. Ich redete ihn also an mit der Frage, 
ob er den dr. Eisenkolb und die anderen alldeutschen 
Häupter persönlich kenne und wen er für den be- 
deutendsten Redner unter denselben hält. Darauf er- 
widerte er: Was den dr. Eisenkolb betrifft, so hat 
der noch nie etwas Gescheits geschwätzt. Und als 
wir dann an Karbitz vorbeifuhren, meinte er in spi- 
tzigem Tone: ich solle mir den Platz da neben dem 
Bahnhof nur recht genau ansehen, denn dahin käme 
das Denkmal für den Dr. Eisenkolb zu stehen dafür, 
dass er die katholische Kirche von ihren schlechten 
Elementen erlöse." — Darüber ist der Herr Pastor 
sehr piquirt und er versucht es nun, den Mann mit 
dem stattlichen blonden Vollbart durch ein gespro- 
chenes Traktätlein umzustimmen. Aber der „Bekla- 
genswerthe" bleibt fest, weshalb der Pastor den Be- 
kehrungsversuch aufgibt, weil der Standpunkt des 
Antieisenkolbianers zu öde und gering und es seine 
Sache sei, wenn er sich nicht höher ästimire. Für 
diesen Aerger im Coupe wird aber Se. Ehrwürden 
reichlich in der Teplitzer Versammlung entschädigt. 
Besonders frappirt ihn hier die Art, in der Schönerer 
von Allerhöchsten Personen spricht. Dann berichtet 
er wörtlich : „Für mich hatten am meisten Einleuch- 
tendes die Ausführungen über die wirthschaftliche 
Noth Cisleithaniens, das, zwischen Ungarn und- dem 
Deutschen Reiche eingesperrt und von jenem zollpo- 
litisch noch schärfer als Gegner behandelt als von 
diesem, gar nichts Anderes vor sich habe zu seiner 
wirthschaftlichen Selbstverwaltung, als den innigen 
und völligen Anschluss an das grosse deutsche Volks- 
ganze. Auf diese Wiedervereinigung, als eine wirth- 
schaftlich wie politisch gleich nothwendige, zielte der 
Gedankengang des Redners unverblümt ab, auch um 
den Preis der selbständigen Grossmachtstellung Oester- 
reichs." Der Herr Pastor merkt hier an: „So viel ist 
-sicher, dass, soviel Wasser auch noch in den all- 
deutschen Wein geschüttet werden wird, doch ihre 



238 



Arbeit so viel bewirkt hat, dass das Verlangen nach 
Wiedervereinigung mit dem grossen Deutschen Reiche 
nicht mehr aus der Seele des deutschen Volkes in 
Oesterreich verschwinden wird, bis es eines Tages 
seine Verwirklichung findet." — Und nun möchten 
wir den Herrn Pastor fragen, was wohl geschehen 
würde, wenn in Deutschland ein Redner eine landes- 
preisgeberische Rede hielte, wie es die Schönerer's 
in Teplitz war, wenn bei derselben ein katholischer 
Pfarrer aus Oesterreich anwesend wäre und sie dann 
publicistisch gutheissen würde? Möchte der Herr 
Pastor nicht darauf Antwort ertheilen? Nach der Ver- 
sammlung hat Se. Ehrwürden wieder ein Abenteuer. 
Er erzählt darüber: „Nach der Versammlung, die nach 
11 Uhr ausging, hatte ich das Vergnügen, nach der 
Rückkehr in meinen „Anker^^ mit einer Gruppe junger 
Leute, die mich nicht so rasch los Hessen, noch ein 
paar Wörter zu verplaudern. Bemerkenswerth, mit 
welcher Schärfe in diesem Kreise, der aus lauter ge- 
borenen Katholiken bestand, die äusserlich alle noch 
dazu gehörten, über ihre eigene katholische Kirche 
geurtheilt wurde. Als ich den Hauptunterschied zwischen 
dem Protestantismus und dem Katholicismus dahin 
definirte, dass dieser einen „anderen Wahrheitsbe- 
griff" habe, fuhr mein Gegenüber, ein junger, leben- 
diger Mann, Handlungsschüler, soviel ich mich erin- 
nere, dazwischen: „Erlauben Sie, dass ich Ihnen da 
widerspreche! Die katholische Kirche hat gar keinen 
Wahrheitsbegriff, sie hasst vielmehr, was mit Wahr- 
heit .überhaupt zusammenhängt u. dgl." Natürlich 
konnte ich ihn beruhigen, dass wir sachlich offenbar 
zusammenstimmen, dass ich aber in der Form mich 
mass voller ausdrückte." — Also nahe an Mitternacht 
setzt sich der Herr Pastor mit ein paar jungen Leuten, 
die voll von Phrasen und Bier sind, zusammen und 
disputirt mit ihnen über Religion. Und als ein Schul- 
junge behauptet, dass die „katholische Kirche gar 
keinen Wahrheitsbegriff hat", da stimmt der Herr 
Pastor ;;Sachlich" zu. Und er ist naiv genug, das 
noch weiter zu erzählen. Bieten aber die Reisebriefe 
des schwäbischen Pastors nicht sehr, sehr lehrreiche 
Einblicke in die Werkstätte der Abfallsbeweguiig und 



239 



sollte man darum die Lektüre derselben nicht auch 
den massgebenden Stellen anempfehlen? 

Die Magdeburger Zeitung berichtet ganz vergnügt 
im September 1901 folgendes: Es gibt in deutschen 
Sprachgebieten Böhmens heute deutsch-evangelische 
Pfarr- und Filialgemeinden und Predigtstationen in 
Trautenau, Braunau, Hohenelbe, Langenau, Hermann- 
seifen, Landskron, Grulich, Arnau, Gablonz, Böhmisch- 
Aicha, Hermannsthal, Friedland, Neustadtl, Heiners- 
dorf, Keichenberg, Gabel, Grottau, Warnsdorf, Rum- 
burg, Haida, Böhmisch-Leipa, Niemes, Böhmisch- 
Kamnitz, Steinschönau, Rosendorf, Haber, Wernstadt, 
ßodenbach, Aussig, Lobositz, Trebnitz, Leitmeritz, 
Obersedlitz, Karbitz, Turn bei Teplitz, Teplitz, Graupen, 
Dux, Klostergrab, Brüx, Görkau, Komotau, Weipert, 
Saaz, Podersam, Kaaden, Horschowitz, Woratschen, 
Karlsbad, Ghodau, Graslitz, Falkenau, Königsberg, 
Eger, Franzensbad, Asch, Rossbach, Neuberg, Marien- 
bad, Plan, Pilsen, Winterberg und Budweis. „Ein 
ganzes Netz von evangelischen Seelsorgestationen hat 
also — so frohlockt das Blatt — Deutschböhmen 
überspannt." In Prag gibt es eine deutsch-evangelische 
Gemeinde. „In Mähren gibt es deutsch-evangelische 
Gemeinden nur in Brunn, Mährisch-Ghrostau, Znaim, 
Iglau, Nikolsburg, Zauchtl, Hotzendorf, Ghristdorf, 01- 
mütz, Mährisch-Trübau, Hohenstadt, Müglitz, Mährisch- 
Schönberg, Mährisch-Ostrau und Neutischein, während 
über 40 Gemeinden ganz und gar cechisch sind. In 
Schlesien sind als deutsch-evangelische Gemeinden 
die zu Freiwaldau, Freudenthal, Jägerndorf, Troppau, 
Kleinbressel, Hillersdorf, Bielitz und Altbielitz zu be- 
zeichnen; die übrigen 15 Gemeinden sind grössten- 
theils polnisch." Das Blatt gibt zugleich Aufschluss 
über die Höhe der reichsdeutschen Subventionen für 
diese Gemeinden, indem es sagt: „Im Vereinsjahr 
1898/99 wurden allein 454 österreichische Gemeinden 
mit der stattUchen Summe von 374.492 Mark durch 
den Gustav Adolf-Verein bedacht; im Ganzen empfin- 
gen aber die nothleidenden Gemeinden bisher rund 
8,357.000 Mark milde Gaben." Es wäre interessant zu 
wissen, von wem die „milden Gaben" stammen, welche 
die Subventionen des Gustav Adolf-Vereines über- 



240 



steigen. Zu gleicher Zeit brachten die Mittheilungen 
des evangelischen Bundes für Brandenburg die Nach- 
richt, dass bereits einundfünfzig reichsdeutsche evan- 
gelische Prediger in Oesterreich thätig sind, und zwar 
wird diese Angabe wie folgt specialisirt : „In Böhmen 
wirken in Haida Hegemann, in Braunau Kinzenbach, 
in Krammel Satlow, in Karbitz Weissbach, in Dux 
Schaarschmied, in Turn Klein, in Karlsbad Kusserow, 
in Komotau Spanuth, in Treibnitz Haffner, in Lange- 
nau Röhrig, in Hohenelbe Wirth, in Pilsen Plaens- 
dorf, in Budweis Kittel, in Warnsdorf Zwahr, in Grottau 
Hermann, in Klostergrab Un^gnad, in Graslitz Schottke. 
Aus Falkenau ist Dellit, weil seine Bestätigung nicht 
zu erlangen war, in seine Heimat zurückgekehrt; er 
wird durch den Hessen Bespermann ersetzt werden. 
Zu diesen achtzehn Vikaren treten in nächster Zeit 
noch zwei Vikare für den Komotauer, einer für den 
Karlsbader, einer für den Egerer, einer für den Pil- 
sener Bezirk, und vermuthlich auch einer für die Te- 
tschener Gegend, die vorläufig durch einen Pfarrer 
emer. versorgt wird. Böhmen wird also in Bälde 24 
Vikare haben. — In Steiermark wird der Bestand von 
neun Vikaren, von denen Schaudig in Graz, Kappus 
in Mürzzuschlag, Höhn in Leoben, May in Gilli, Fischer 
in Radkersburg, Hochstetter in Stainz, Mahnert in 
Mahrenberg, Schiefmair in Rottermann, Ilgenstein in 
Fürstenfeld arbeiten, um zwei vermehrt werden: um 
eine Stelle in Graz (Lic. theol. Holtz vom 1. Mai 1901 
an) und eine in Judenburg; das macht elf Vikare. — 
In Mähren stehen auf dem Posten : in Mährisch-Trübau 
Ballerstedt, in Hohenstadt Schmidt, in Neutitschein 
Wehrenpfennig, in Olmütz Mühlpfort, in Zauchtl Dr. 
Wrzecionko, in Nikolsburg Jaehn, während für Gru- 
lich Peisker gewählt ist, und das Amt in Mährisch- 
Ghrostau unter unserer Beihilfe zum Gehalt Waitkat, 
bisher in Bielitz, übernommen hat, an dessen Stelle 
c. min. Lobe getreten ist. Das sind in Summe neun 
Vikare. -— Von den Gemeinden in Kärnten wird Treffen 
durch den Evangelisten Busse, Villach durch Vikar 
Heinzelmann, St. Ruprecht durch Schacht, Waiern 
durch Lehmann versorgt, der wahrscheinlich nach 
Komotau berufen wird und durch einen anderen er- 



241 



setzt werden muss, während in lÜagenfurt HicRmann 
im Mai angetreten ist. Das sind fünf geistliche Kräfte. 
In Nieder-Oesterreich wird Floridsdorf durch Kühn, 
Baden durch Jordan, St. Polten (KremsJ durch Monsky 
verwaltet, während für Wiener-Neustadt Walbaum 
vorgeschlagen ist. Rechnet man dazu, dass für das 
in Feldkirch (Vorarlberg), für das in Innsbruck, sowie 
für das in Gzernowitz (Bukowina) errichtete Vikariat 
schon Vorschläge gemacht sind, so ergibt sich eine 
Zahl von 56 geistlichen Kräften, darunter 51 Reichs- 
deutsche, die von uns in den Dienst der evangelischen 
Kirche Oesterreichs gestellt worden sind." — Mit 
Recht bemerkte die „Köln. Volksztg." zu dieser höchst 
erbaulichen Thatsache: „Also unter d6 Vikaren sind 
nicht weniger als 51 Reichsdeutsche. Daraus geht 
hervor, dass diese Agitation für Oesterreich zu einem 
grossen Bruchtheil einen reichsdeutschen Importartikel 
darstellt; ohne die reichsdeutsche Unterstützung durch 
Prediger und grosse Geldsummen wäre sie vielleicht 
schon wieder zusammengebrochen. Wenn es trotzdem 
Blätter gibt, die noch über österreichische „Intole- 
ranz" zetern, so braucht man nur die Frage zu stellen, 
ob in Preussen wohl eine katholische Agitation durch 
ausländische Geistliche gestattet werden würde, zumal 
wenn sie noch mit einer hochverrätherischen Bewe- 
gung, die auf Losreissung preussischer Staatsgebiete 
und ihre Annexion durch eine ausländische Macht 
abzielt, sich berührte. Diese Frage stellen, heisst zu- 
gleich sie beantworten. Nicht 51, nicht ein einziger 
katholischer ausländischer Geistlicher würde zu diesem 
Zwecke hier zugelassen werden. Wenn man bei uns 
schon reichsdeutsche Jesuiten und Lazaristen nicht 
duldet, wieviel kürzeren Process würde man zum 
Beispiel mit Franzosen machen, die in Elsass-Loth- 
ringen eine Los von Wittenberg-Agitation betrieben 
und dadurch das Volk aufregten ! In Oesterreich hul- 
digt man in dieser Beziehung dem manchesterlichen 
Princip des laisser aller et laisser faire. 

Das in Ghristiania erscheinende „Morgenbladet" 
schrieb im Oktober 1901 einen Artikel über die Los 
von Rom-Bewegung. Der Verfasser ist darüber voll- 
ständig klar, dass es der „Pangermanismus" ist, der 

16 



242 



sein Augenmerk auf Oesterreich gerichtet hat, und 
sich im Lande auszubreiten sucht durch Mittel aller 
Art, zu denen auch die sogenannte ,^Los von Rom"- 
Bewegung gehört. „Für diese Propaganda," (nämlich 
die alldeutsche) sagt der Verfasser, „hat sich beson- 
ders im Laufe des letzten Menschenalters eine mäch- 
tige Reihe von Organen in Form von ausgebreiteten 
Vereinen und Bündnissen entwickelt, die über be- 
deutende Geldmittel verfügen, zahlreiche Mitglieder 
und eine einflussreiche Presse haben. Diese politische 
Propaganda wird vom sogenannten „Alldeutschen 
Verein" geleitet, dessen leitender Geist zur Zeit der 
deutsche Reichstagsabgeordnete Dr. Hasse ist und 
welcher mit einer ganzen Reihe anderer Vereine in 
Verbindung steht, so mit dem Gustav Adolf- Verein 
und dem evangelischen Bund, welche die protestan- 
tische Propaganda besorgen, mit dem Odinsverein in 
München, dessen Programm zugleich politisch und 
religiös ist . . ." Der Verfasser führt sodann in seinem 
Artikel zur Bekräftigung seiner Meinung das Urtheil 
eines französischen Verfassers an: „Es ist, sagt dieser, 
besonders nach den Aufklärungen, welche im Jahre 
1899 der Process gegen den deutschen Pastor Ever- 
ling in Graz brachte, notorisch, dass die „Los von 
Rom"-Bewegung, welche von den reichsdeutschen 
Protestanten gestützt wird, eine politische Bewegung 
ist, und ein „Los von Oesterreich" anstrebt. Diese 
Anschauung ist auch im protestantischen Dänemark 
fast allgemein. Und wenn auch einzelne fanatische 
salbungstriefende Prediger um milde Gaben bitten, 
für die „unter Roms Knechtschaft" (!) schmachtenden 
und jetzt nach dem Evangelium (!) seufzenden Ka- 
tholiken Oesterreichs und besonders Böhmens, so 
wendet sich doch der weit grössere Theil der Pa- 
storen mit Verachtung von dieser Bewegung und ihren 
Aposteln ab, „da sie mit dem „preussischen Chri- 
stenthum" nichts zu thun haben wollen. 

Am 26. März brachte das „Vaterland" einen Be- 
richt aus Klagenfurt. Es heisst darin: Nicht minder 
als in anderen Kronländern hat die „Los von Rom"- 
Agitation auch in Kärnten mit grosser Kraft einge- 
setzt. Wie Pilze nach dem Regen tauchen „evange- 



243 



lische" Vikare allerorten auf. Man baut ,,evangelische" 
Kirchen, hält „FamiJienabende", arbeitet mit Bro- 
schüren, Zeitungen und Geld, dass es eine helle Freude 
ist. Der katholische Klerus hat diese Dinge nicht 
schweigend hingenommen und unter den anderen 
Werken der Katholiken, welche dieser Bewegung 
entgegen gestellt wurden, ist gewiss das von Kaplan 
Kayser in Feldkirchen gegründete Waisenhaus be- 
rufen, eine ganz hervorragende Rolle zu spielen. Un- 
weit Feldldrchen besteht nämlich unter der Leitung 
des evangelischen Seniors Schwarz seit Jahren ein 
Waisenhaus, welches vom evangelischen Bund, vom 
Gustav Adolf-Vereine, aber auch von der Kärntner 
Sparkasse und vom Lande selbst ausgiebig subven- 
tionirt wird. Seit Jahren klagen die katholischen 
Seelsorger in Feldkirchen, dass dieses Waisenhaus 
mit Vorliebe katholische Kinder aufnehme und sie 
zum Abfall vorbereite, aber man fand kein Mittel da- 
gegen, bis Herr Kayser am Epiphaniefeste dieses 
Jahres das katholische Waisenhaus eröffnete. Dass es 
an Waisenkindern in einem Lande, wo das Familien- 
leben so darnieder liegt, nicht fehle, wird Jedermann 
glauben, wohl aber fehlt es an Geldmitteln, um die 
schreienden Jungen zu stillen. 

Was war da natürlicher, als dass Herr Kaplan 
Kayser, nachdem er sein Vermögen ganz geopfert 
hatte, an die Wohlthätigkeit der Mitmenschen appel- 
lirte. Herr Kayser verfasste auch ein Majestätsgesuch 
um eine Unterstützung dieser in der „LosvonRom"- 
Bewegung so dringend nothwendig gewordener An- 
stalt. Das Gesuch kam von der allerhöchsten Kabinets- 
kanzlei an die k. k. Bezirkshauptmannschaft in Klagen- 
furt zur Begutachtung. Da geschah denn was höchst 
Sonderbares ! Die k. k. Bezirkshauptmannschaft über- 
gab das Gesuch des hochw. Herrn Kayser dem evan- 
gelischen Senior Schwarz zur Begutachtung, oder zur 
Aeusserung, ob es denn wahr sei, dass die Anstalt 
in Wayern die „Los von Rom"-Bewegung fördere? 
Der Herr k. k. Bezirkshauptmann von Klagenfurt wird 
schon seit längerer Zeit sowohl von den deutschen 
als slovenischen Katholiken mit grossem Misstrauen 
beobachtet. Diesmal ist sein Vorgehen unbegreiflich, 

16* 



244 



umso unbegreiflicher, als der Herr sich einem kirch- 
lichen Würdenträger gegenüber sehr indignirt äusserte, 
dass Kaplan Kayser konfessionellen Unfrieden nach 
Feldkirchen bringe. Vielleicht wollte man das Ordi- 
nariat gegen den seelen eifrigen Kaplan mobilisiren. 
Die Sache ging aber nicht und erregte an kompetenter 
Stelle nur tiefsten Unwillen. Herr Schwarz verfasste 
ein Gutachten, das zur Kenntniss des Herrn Kayser 
gekommen ist. Kaplan Kayser veröffentlichte dann in 
der „Kärntner Ztg." einen offenen Brief an Herrn 
Schwarz. Dem Briefe entnehmen wir folgende Stellen : 
Ich erinnere an den Abfall des Knaben Joseph 
Mauer .... derselbe war der talentirtesten einer und 
hat mir im Religionsunterrichte nie Anlass zur 
Klage oder zum Tadel gegeben. Plötzlich mit dem 14. 
Lebensjahre hat ihn der Hauch des Evangeliums in 
Ihrer (Herrn Schwarz) Anstalt zum Abfalle gebracht. 
Jetzt ist es mir klar, warum die Mutter ihre Zustim- 
mung zum Uebertritte ihres Kindes gegeben, denn 
der Junge wird ja jetzt auf Ihre (des Seniors) Kosten 
zum Lehrer ausgebildet .... Im Laufe der Zeit, wo 
Ihre Anstalt besteht, sind nicht weniger als sechs 
Kinder vom „Hauche des Evangeliums" erwärmt 
worden und abgefallen .... und Sie erzählen der 
Behörde, dass katholische Geistliche konfessionelle 
Anfeindungen in die Kinder hineingetragen hätten ! . . . 
Es ist Thatsache, dass vor katholischen Kindern in 
Ihrer Anstalt die Lehren der katholischen Kirche 
und ihre Geremonien, die Muttergottes- und Heiligen- 
verehrung bespöttelt und lächerlich gemacht wer- 
den Sie selbst können es sich nicht versagen, 

sogar bei Begräbnissen die Gefühle der anwesenden 
katholischen Kinder Ihrer Anstalt und jener Katho- 
liken, die ihrem protestantischen Mitbürger die letzte 
Ehre erweisen, gröblich zu verletzen . . . indem Sie 
einem Protestanten ins Grab nachriefen : „Und wenn 
Du tausend Messen lesen lässt, wird es dir doch 
nichts nützen!" Haben Sie sich nicht bemüssigt ge- 
fühlt, an einem anderen offenen Grabe von „Rosen- 
kranzplappern" zu sprechen? Mein Vorgänger hatte 
eines Tages einen Versehgang zu machen, der ihn 
durch Wayern führte. Ein Knabe Ihrer Anstalt nahm 



245 



die Mütze ab, während ein anderer ihm zurief: „Lass 
das doch, was geht Dich denn der Pfaff' an!" Und 
Jener, der sich diese Beschimpfung und Religions- 
störung zuschulden kommen liess, war Ihr eigener 
Sohn. Ich verweise auf das Konfirmandenbüchlein, 
das vielleicht auch katholischen Schülern in die Hand 
gedrückt wird, worin es von Unrichtigkeiten und 
Entstellungen der katholischen Glaubenslehren nur so 
wimmelt! Noch erinnere ich Sie an die famose Ver- 
sammlung des Jugendbundes „Südwacht" in Feld- 
kirchen, wo in Anwesenheit vieler katholischer Kinder 
das Bussakrament verhöhnt und in den Koth gezerrt 
wurde. 

Der Herr Kaplan schliesst den Brief : Einstweilen 
bin ich mit Ihnen fertig, was ich Ihnen noch mehr 
zu sagen habe, können wir auf später aufsparen. 
Vorstehendes beweist vorläufig zur Genüge, dass die 
Störer des konfessionellen Friedens nicht wir, sondern 
andere Leute sind, was wir mit unendlicher Ent- 
sagung des Friedens wegen ertragen haben — jetzt 
aber, da Sie selbst die politischen Behörden mit 
Ihren grundlosen Beschwerden belästigen, sage ich 
Ihnen : Sobald Sie noch weiter, wie früher, uns Katho- 
liken im Geheimen oder offen befehden, treffen Sie 
auf einen Gegner, dessen Geduld zu Ende ist. Das 
Lied vom Frieden ist ein altes Lied, die Katholiken 
sollten immer Frieden halten, und wehren sie sich 
einmal — nun dann sind sie die Störefriede, selbst 
in den Augen mancher Behörden, Gott sein Dank 
nicht mehr im Urtheile der kirchlichen Obrigkeit. 
Wenn das Sündenregister, welches hier dem „evan- 
lischen" Senior vorgehalten wird, den Thatsachen 
entspricht, worüber kaum zu zweifeln ist, dann mag 
der Katholik mit Recht fragen, was der Protestantis- 
mus noch mehr thun solle, um katholische Kinder 
„Los von Rom" zu bringen. Vielleicht wird sich die 
k. k. Behörde mit der Zeit doch klar, wer den kon- 
fessionellen Frieden stört? Es ist eine tief zu be- 
dauernde Thatsache, dass ein Grosstheil der k. k. 
Beamten sich die Informationen über offenkundige 
Thatsachen nur aus der „Los von Rom"- oder doch 
nur aus der radikaldeutschen Presse holt, und dann 



246 



gegenüber den Katholiken eine Stellung einnimmt, 
die schwer zu verantworten ist. 

Am 13. März 1902 brachte das „Vaterland" aus 
Nordböhmen diesen Bericht. Die Protestanten be- 
trachten Klostergrab als ihr Heiligthum. Zu Anfang 
des siebzehnten Jahrhunderts hatten sie aufOssegger 
Stiftsgrunde widerrechtlich eine Kirche gebaut. Trotz 
aller Verbote der Behörde wurde der evangelische 
Gottesdienst fortgesetzt und der katholische Pfarrer, 
welcher gegen die Aufständischen predigte, hinter 
dem Hochaltäre gehängt. Nun schritt die Behörde 
energisch ein; wie dabei die protestantische Kirche 
in Brand gerieth, ist nicht klargestellt. Das geschah 
im Jahre 1617. — Am 12. December 1900 wurde nun 
der Grundstein zu einer neuen evangelischen Kirche 
gelegt; am nächsten Gharfreitag soll ihre feierliche 
Weihe stattfinden — mit Festgeläute, Festzug, Fest- 
essen, Koncert u. s. av. Wahrlich, solcher Rücksichts- 
losigkeit und Unverschämtheit wären die Katholiken 
Sachsens, auch wenn dort solches geduldet würde, 
nicht fähig ! Die katholische Pfarrgemeinde zählt über 
4000 Seelen, die evangelische vielleicht gegen 200, 
darunter 75 abgefallene Katholiken. Sollten auch dies- 
mal wieder wie bei der Grundsteinlegung die katho- 
lischen Lehrer an dieser evangelischen Gharfreitags- 
festlichkeit theilnehmen, so wäre das ein unerhörtes 
Aergerniss. — Die Mission, gehalten von den hochw. 
Patres Lerch und Pagler vom 2. bis 10. März, nahm 
einen unerwartet erfreulichen Verlauf. War die Kirche 
bei der Predigt Früh um 8 Uhr gefüllt, so konnte 
dieselbe Abends die Menschenmenge nicht fassen. 
Bei 1200 Erwachsene jeden Standes empfingen die 
heiligen Sakramente Das Volk ist ausgezeichnet gut, 
echt österreichisch und katholisch gesinnt, aber diese 
Hetzer ! — Der evangelische Pfarrvikar, welcher, ob- 
schon ein Ausländer, hier pastorirt, wurde erst un- 
längst wegen Pressvergehens und Uebertretung des 
Vereinsgesetzes zu 60 Kronen verurtheilt. Dennoch 
nennt ihn der Volksmund als den Urheber der „Los 
von Rom "-Plakate, welche unmittelbar vor dem Be- 
ginne der Mission überall angeklebt waren. — Die 
Mission, die heute in Mariaschein beginnt, ist seit 



247 



Beginn des Jahres 1902 schon die achte, die im deut- 
schen Antheile der LeitmeritzerÜiöcese gehalten wird 
— jede mit gutem Erfolge. Nur eine Gemeinde hat 
gegen die Abhaltung einer solchen Gnadenzeit bei 
weltlicher und geistlicher Behörde protestirt, und 
merkwürdig, nicht eine solche, an deren Spitze ein 
cechischer Seelsorger steht, sondern ein deutscher 
Pfarrer mit einem deutschen Kaplan. — Wo fehlt es 
in unserem Vaterlande ? An österreichisch und katho- 
lisch gesinnten Lehrern und Beamten. Sollten es diese 
Leute nicht bald herausfühlen, wie sie beim Volke an 
Achtung und Liebe immer mehr verlieren? 

Die „Wartburg", das Organ der Abfallsbewegung, 
die der bekannte Lehmann in München verlegt, 
brachte in der Pfingstnummer 1902 eine Uebersicht 
der Abfallsbewegung in Böhmen. Es zeigt sich aus 
diesen Pastoren-Nachweisen, dass das deutsche Süd- 
böhmen und Südwestböhmen ebenso, wie das ge- 
sammte eigentliche Nordböhmen vom Abfall frei ist. 
Der Grund dafür ist wohl, weil dort auch der poli- 
tische Schönerianismus und Wolffianismus nicht festen 
Fuss fassen konnte. Dagegen ist das weite Gebiet am 
Erzgebirge, vom Egerland über Komotau, Teplitz, 
Aussig bei Leitmeritz und Tetschen hin von diesem 
Apostatenthum durchsetzt, und die Agitationen der 
Auslands-Pastoren in Verbindung mit den vom Aus- 
sland hereingeschafi'ten Millionen und den massigen 
Agitationsschriften haben ihre Wirkung geäussert. 
Relativ betrachtet, ist der „Seelenfang" allerdings 
bescheiden genug, aber er hat doch in den citirten 
Gegenden und ausserdem im Trautenau-Hohen^^lber 
Gebiete manchen Katholiken auf andere Wege geführt 
und den Vorwand zur Erbauung mehrerer neuer 
lutherischer Kirchen oder Bethäuser gegeben. Das 
erste Apostasie-Gebiet, das Egerland, zeigt als Haupt- 
orte des Abfalls nicht Dörfer, sondern Städte, wie 
Asch, Eger, Karlsbad, dann Falkenau und Ghodau, 
wo neue Pastorate gegründet wurden. Das nächste 
Abfall-Gentrum ist Komotau mit Anhängseln in Saaz, 
Podersam, Kaaden, Horschowitz und Weipert. In 
diesem lutherischen Agitationsgebiete gibt es jetzt 6, 
statt früher nur einen Pastor. Der dritte Agitations- 



248 



herd ist Dux mit Teplitz, Turn und Aussig bis Leit- 
meritz, yon wo die Abfallprediger nach Klostergrab, 
Graupen, Karbitz, Boreslau hinüberzugreifen suchen. 
Auf dieses Gebiet des Kohlenbergbaues das über B 
Meilen im Durchmesser hat, werden ein Drittel der 
Apostasien ganz Deutschböhmens gerechnet. Ein wei- 
terer Abfallkessel ist das Trautenau-Langenau-Hohen- 
elbe-Gablonzer Gebiet, das am Riesengebirge liegt. 
So gering auch die Kopfzahl der circa 10.000 Ab- 
trünnigen in Deutschböhmen im Vergleiche zur Ge- 
sammtzahl der Katholiken dieses weitgedehnten Ge- 
bietes ist, das massige Geld muckerischer Herkunft 
aus Deutschland gibt diesem Schönererthum einen 
gewissen Hintergrund. Während es in Deutschböhmen 
1898 nur 28 protestantische Pastoren mit 23 luthe- 
rischen Kirchen oder Bethäusern für 48 Ortschaften 
gab, werden jetzt 54 Pastoren mit 40 protestantischen 
Kirchen oder Bethäusern für 108 Orte gezählt, and 
die Mittel der Propaganda werden aus dem Nachbar- 
reiche mit vollen Händen geboten. Religiöser Sinn 
ist bei dem neuen Abfallzuwachs für das Lutherthum 
wohl nicht zu erwarten, denn diese Elemente, viel- 
fach ungläubig, bleiben, was sie früher waren, kirchen- 
lustscheu. Aber die religiöse Zerrissenheit ist nun 
doch ins Volk des westlichen und nordwestlichen 
Böhmens hineingetragen worden, und dieser Gähr- 
stoff wird fortwirken. 

XIV. Die rollende Reichsmark. 

Es ist bekannt, dass nach dem siegreichen Raub- 
zuge Preussens im Jahre 1866 der damalige preus- 
sische König Wilhelm darauf bestand, die böhmischen 
Länder müssen Preussen einverleibt werden, sich dem 
Begehr des Königs Bismark entgegensetzte, indem er 
darauf hinwies, dass diese Länder katholisch sind 
und das oficiell lutherische Preussen könne derzeit 
einen Zuwachs an Katholiken nicht brauchen. Das im 
Jahre 1866 unvollendet gebliebene Werk soll durch 
die „evangelische" Agitation, die Los von Rom-Hetze 
der Vollendung näher gebracht werden. 

Die Los von Rom-Agitation braucht viele Geld- 
mittel, diese sind unter der Bevölkerung in Oester- 



249 



reich schwer zu haben, daher wird von Preussen- 
Deutschland ausgeholfen. Die rollende Reichsmark 
soll ihre Schuldigkeit thun und das oficielle deutsche 
Lutherthum hofft für seine Nachkommen reichliche 
Zinsen durch Annexion der böhmischen Länder. Ist 
doch Preussen im Haupttheile sehr mager und san- 
dig, Böhmen so schön, fruchtbar und reich. Die Geld- 
mittel für die Abfallsbewegung in Oesterreich fliessen 
auf verschiedenartige Weise ein. 

Die in Berlin erscheinende „Germania" brachte 
am 4. September 1901 folgenden Artikel. Eine Haus- 
koUecte in Mecklenburg für die Los von Rom-Bewe- 
gung. Die Mittheilung des „Mecklb. TagebL", dass 
das Ministerium des Grossherzogthums Mecklenburg- 
Schwerin die Genehmigung zur Abhaltung einer Haus- 
kollekte für die Los von Rom-Bewegung ertheilt habe, 
wird von der „Täglichen Rundschau" bestätigt, und 
zwar mit dem Hinzufügen, dass sie „in dem durch 
und durch protestantischen Grossherzogthum Mecklen- 
burg allerorten freudigen Wiederhall gefunden hat". 
Letzteres möchten wir doch, zur Ehre der protestan- 
tischen Bevölkerung Mecklenburgs, in Zweifel ziehen. 
Um so weniger aber können wir unser Erstaunen 
darüber unterdrücken, dass das Ministerium des Gross- 
herzogthums Mecklenburg-Schwerin kein Bedenken 
getragen hat, der allgemeinen Hauskollekte für die 
Los von Rom-Bewegung seine Genehmigung zu er- 
theilen. Es kann der mecklenburgischen Regierung 
doch unmöglich entgangen sein, dass die Los von 
Rom-Bewegung in Oesterreich einen ziemlich stark 
ausgeprägten antidynastischen und landesverräthe- 
rischen Charakter besitzt, wie auch der österreichisch- 
ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand 
es am 17. April d. J. offen ausgesprochen hat, dass 
„die Los von Rom-Bewegung zugleich eine Los von 
Oesterreich-Bewegung sei, die nicht scharf genug be- 
kämpft werden könne". Und eine monarchische kon- 
servative Regierung sollte mit der Genehmigung einer 
Hauscollekte eine solche revolutionäre Bewegung 
unterstützen, sollte der Begünstigung derselben den 
amtlichen Stempel aufdrücken! Der einzelne Prote- 
stant mag es mit seinem Gewissen abmachen, ob er 



250 



für die Los von Rom-Bewegnng, die zugleich eine 
Los von Oesterreich-Bevvegung ist, aus konfessionellen 
oder politischen Motiven eine finanzielle Unterstützung 
gewähren will. Dass sich unter den orthodoxen und 
liberalen „Romhassern " Leute finden, die sich kein 
Gewissen daraus machen, die Los von Rom-Bewe- 
gung in Oesterreich nicht nur mit ihren Sympathien, 
sondern auch mit ihren „Liebesgaben" zu unter- 
stützen, kann freilich nicht Wunder nehmen. Einsich- 
tige und gewissenhafte Protestanten und konservative 
Männer von monarchischer Gesinnung, welche nicht 
durch Romhass geblendet sind und sich ein ruhiges 
und klares Urtheil über die religiöse, wie über die 
politische Bedeutung der Los von Rom-Bewegung in 
Oesterreich verschafft und bewahrt haben, werden 
derselben weder religiöse noch politische Sympathien 
zuwenden und demgemäss auch : u finanziellen „Liebes- 
gaben" nicht geneigt sein. Darüber kann ja kein 
Zweifel mehr sein, dass die Los von Rom-Bewegung 
in Oesterreich nur äusserlich mit einem „religiösen" 
Mantel paradirt, um den politischen Kern zu verdecken. 
Dass die zum Protestantismus übertretenden Deutschen 
in Oesterreich nur von religiösen Beweggründen ge- 
leitet sind, um gläubige Protestanten zu werden, wie 
es solche in Mecklenburg erfreulicher Weise noch in 
grosser Anzahl gibt, wird Niemand glauben, der die 
Los von Rom-Bewegung in Oesterreich auch nur 
oberflächlich verfolgt hat. Die Führer dieser Bewe- 
gung wollen nicht Luthers Lehre annehmen und ein- 
führen, sondern in alldeutscher Schwarmgeisterei zum 
altdeutschen Wuotansglauben zurückkehren. „Los vom 
Ghristenthum" ist ihre wirkliche Parole. Wir haben 
wiederholt auf Aussprüche von den Führen der Los 
von Rom-Bewegung aufmerksam gemacht, die das 
bestätigen. Noch jüngst schrieb Schönerer in seinen 
„ünverfälschle deutsche Worte" das Geständniss : So 
lange nicht das ganze deutsche Volk wiederum los 
von Rom ist, frei wie vor mehr als tausend Jahren 
— so lange muss es um sein Volksthum, um seinen 
nationalen Besitzstand bangen. Wir müssen in religi- 
öser Beziehung (den Zeitverhältnissen entsprechend 
geändert) wieder auf die Zustände vor Bonifacius ge- 



261 



langen — nur dann können wir in Bezug auf unser 
Volksthum sorglos sein. Diese modernen Wuotans- 
verehrer in Oesterreich wollen also vom Ghristenthum, 
und besonders vom orthodoxen Protestantismus in 
Mecklenburg nichts wissen. Und da sollen die gläubigen 
Mecklenburger Protestanten unter amtlicher Approba- 
tion einer allgemeinen Hauskollekte und verleitet durch 
eine solche amtliche Genehmigung in ihrer Unwissen- 
heit über den wahren Charakter der Los von Rom- 
Bewegung in Oesterreich noch zu einer finanziellen 
Beisteuer für dieselbe wenigstens indirekt aufgefordert 
werden! Wenn man voraussetzen muss, dnss das 
Ministerium im Grossherzogthum Mecklenburg- 
Schwerin durch die Genehmigung einer Hauskollekte 
für die „Los von Rom "-Bewegung Niemanden ab- 
sichtlich hat täuschen wollen, so kann demselben 
doch der Vorwurf nicht erspart werden, dass es sich 
selbst getäuscht hat, als es diese Genehmigung er- 
theilte. Getäuscht nicht nur über den religiösen, sondern 
auch über den politischen Charakter der Los von 
Rom-Bewegung in Oesterreich. Der Karbitzer Advokat 
Dr. Eisenkolb, auch ein Führer der Los von Rom- 
Bewegunof, hat noch auf der alldeutschen Versamm- 
lung in Eger am 7. Juli d. J. sogar in Gegewart eines 
landesfürstlichen Beamten in seinem Aerger über den 
langsamen Fortgang der Abfallsbewegung rund heraus- 
gesagt : Wir wollen noch den ganzen endlichen Erfolg 
dieser Bewegung miterleben, und darum muss die 
Bewegung noch in ein rascheres Tempo kommen. 
So lange wir nicht alle los von Rom sind, ist auch 
eine organische Verbindung mit dem Deutschen Reiche 
nicht möglich. Damit hat Dr. Eisenkolb mit mehr als 
hinlänglicher Deutlichkeit den wirklichen Zweck der 
Bewegung „Los von Oesterreich" kundgegeben, während 
das „Los von Rom" ihm selbst — und so ist es 
auch in der Wirklichkeit — nur als Mittel zum Zweck 
erscheint. Was meint das Ministerium von Mecklen- 
burg-Schwerin wohl dazu? Wenn aber die Dinge 
sich so verhalten, wenn die Genehmigung der Haus- 
kollekte für die Los von Rom-Bewegung in Oester- 
reich die politische Förderung einer Bestrebung .,Los 
von Oesterreich" bedeutet, dann gewinnt das Verhalten 



252 



der Regierung von Mecklenburg-Schwerin eine erhöhte 
politische Bedeutung, welche die Grenzen dieses 
deutschen Bundesstaats überschreitet und in das Gebiet 
der Reichspolitik in sehr bedenklicher Weise hin- 
übergreift. Die Genehmigung einer Hauskollekte an 
sich innerhalb der Landesgrenzen ist allerdings zu- 
erst Sache der Landesregierung. Aber auch die Reich s- 
regierung, welcher verfassungsgemäss die Vertretung 
vor dem Auslande, wozu auch Oesterreich gehört, 
allein obliegt, wird dadurch in Mitverantwortung und 
dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Das Grossherzog- 
thum Mecklenburg-Schwerin hat ja keinen besonderen 
Gesandten in Wien und kann auch der österreichischen 
Dynastie nicht den Krieg erklären, wie es durch die 
Genehmigung der Hauskollekte für die Los von Rom-, 
bezw. Los von Oesterreich-Bewegung geschehen ist. 
Die mecklenburgische Regierung kann aber auch 
nicht verhindern, dass die österreichische Regierung 
als eine Art Kriegserklärung ihr Vorgehen betrachtet. 
So kommen hier internationale Beziehungen in Be- 
tracht, deren Wahrung dem Reichskanzler, bezw. dem 
Auswärtigen Amte obliegt. Wir dürfen wohl erwarten, 
dass das für alle deutschen Katholiken verletzende und 
für die freundschaftlichen Beziehungen des deutschen 
Reiches zu Oesterreich störende Verhalten der Landes- 
regierung von Mecklenburg-Schwerin bei der zustän- 
digen Reichsregierung die entsprechende Würdigung 
und Remedur fmden wird und dass wir bald in der 
officiösen Presse darüber Näheres erfahren. Inzwischen 
hat bereits die „Köln. Zeitung" der mecklenburgischen 
Regierung ihre Vorhaltungen gemacht, indem sie 
unter dem Zweifel, dass die Regierung von Mecklen- 
burg-Schwerin wirklich ihre Genehmigung zu der 
Hauskollekte für die Los von Rom-Bewegung gegeben 
habe. Folgendes schreibt : Es wäre zu bedauern, wenn 
das mecklenburgische Ministerium wirklich zu einer 
solchen Kollekte seine Einwilligung gegeben hätte. Zu- 
nächst ist es allgemein bekannt, das die österrei- 
chischen massgebenden Kreise der Los von Rom- 
Bewegung keineswegs freundlich gegenüberstehen, 
und das die höchsten Stellen im österreichisch-unga- 
rischen Staate darüber gar keinen Zweifel gelassen 



253 



haben. Nun scheint man freilich dort die Bedeutung 
der ganzen Bewegung nicht unerheblich zu überschätzen, 
da die römische Kirche viel zu fest gefügt ist, um 
von einer solchen Agitation ernste Gefahr besorgen 
zu müssen. Wie die Dinge aber liegen, würde eine 
von einer amtlichen deutschen Behörde geförderte 
Unterstützung dieser Bewegung in Oesterreich nicht 
als eine Freundlichkeit empfunden werden, und es 
wäre daher Pflicht des Kirchenregiments, nichts zu 
unternehmen, was als ein Eingriff in die Angelegen- 
heiten des befreundeten und verbündeten Kaiserreiches 
ausgelegt werden könnte. Wenn aber die Kirchenbe- 
hörde sich dieser Erkenntniss verschliesst, so sollte 
die mecklenburgische Regierung als politische Behörde 
sich einer Massnahme widersetzen, die solcher un- 
freundlichen Auslegung unterworfen werden könnte. 
Aber noch aus einem anderem Grunde erscheint eine 
solche in Deutschland mit behördlicher Erlaubniss 
unternommene Kirchenkollekte durchaus unsympatisch. 
In gewissen Kreisen der katholischen Kirche ist Nei- 
gung vorhanden, mit Mitteln, die nicht zu billigen 
sind, sogenannte Seelenrettungen vorzunehmen, und 
die liberalen und protestantischen Blätter haben nie- 
mals verfehlt, sich, wenn solche Fälle vorkamen, mit 
aller Entschiedenheit dagegen auszusprechen. Was 
aber die Protestanten bei den Katholiken verurtheilen, 
das sollen sie auch nicht selbst thun, und es ist eine 
über die Grenzen des Angemessenen hinausgehende 
Proselytenmacherei, wenn man durch Geldsamm- 
lungen dazu beizutragen sucht, Katholiken zum Ueber- 
tritt zur protestantischen Kirche zu veranlassen. Wir 
Reichsdeutsche haben uns nicht in innere Ange- 
legenheiten Oesterreichs einzumischen, wenn es uns 
auch unbenommen ist, nach unserm persönlichen 
Standpunkte den Verlauf der „Los von Rom "-Bewe- 
gung in Oesterreich mit Sympathie oder mit gleich- 
giltigen Skepticismus zu betrachten. Mecklenburg ist 
neben Sachsen der einzige Staat in Deutschland, dem 
man mit einigem Recht vorwerfen kann, dass die 
KathoHken in ihm nicht mit ganz gleichem Masse 
gemessen werden und in dem die Katholiken sich 
beklagen können. Schon deshalb sollte man diesen 



254 



Klagen nicht noch eine weitere Berechtigung geben 
indem man die protestantische Propaganda auch 
über die Landesgrenzen hinausträgt. Wenn hier die 
politischen Momente ungleich schärfer hervortreten, 
als die religiösen, so lässt sich das bei dem wahren 
Charakter der Los von Rom-Bewegung in Oesterreich 
sehr leicht erklären. Der Eingriff in die Angelegen- 
heiten eines befreundeten und verbündeten Staates, 
wie er durch die mecklenburgische Regierung ge- 
macht worden ist, liegt hier auch nach dem Zeug- 
nisse der »Kölnischen Zeitung" so offen zu Tage, dass 
die deutsche Reichsregierung gar nicht mehr umhin 
kann, öffentlich dazu Stellung zu nehmen. In welchem 
schreienden Gegensatze steht aber diese amtliche Los 
von Rom-Unterstützung in Mecklenburg zu der Unter- 
drückung der katholischen Kirche ! Auch das ist ein 
dankbarer Beitrag zum Paritätsantrage des Gentrums 
im Reichstage. 

Am 29. September 1901 brachte die „Germania" 
diesen Artikel: Die Los von Rom-Agitatoren. Die li- 
berale „Deutsche Zeitung" in Wien, welche einer 
Freundschaft lür die katholische Kirche nicht im 
Mindesten verdächtig ist, hat vor einigen Tagen die 
Los von Rom-Agitatoren einer näheren Beleuchtung 
unterzogen und dabei nach einer allgemeinen, wenig 
schmeichelhaften Charakteristik auch einige Details 
an das Tageslicht gebracht, die wir allen Freunden 
und Gönnern der Los von Rom-Bewegung in Deutsch- 
land, besonders aber den Regierungen, welche diese 
Bewegung durch Genehmigung von Hauskollekten 
und Sammlungen unterstützen, auch dem Mecklen- 
burgischen und Sächsischen Gotteskasten und last 
not least dem Herrn Superintendenten Meyer-Zwickau, 
dem Vorsitzenden des „Ausschusses zur Förderung 
der evangelischen Kirche in Oesterreich," zur ernsten 
Beachtung unterbreiten. Es heisst in diesem Artikel 
der „Deutschen Zeitung" unter Anderem-. . . . Mehr 
interessirt jene nicht unbeträchtliche Zahl von Agita- 
toren, denen die Abfallshetze ein Geschäft ist, die 
Intimen Wolfs und die Knappen Schönerers, welche 
überhaupt die Politik als Gewerbe betreiben. Diese 
Burschen hatten nie was Rechtes, wovon sie lebten, 



255 



sie erkannten bald, dass sich aus der protestantischen 
Proselyten macherei Kapilal schlagen liesse. Ihnen dient 
überhaupt der nationale und freiheitliche Idealismus 
des deutschen Volkes als Mittel zum Zweck, sie selbst 
haben keinerlei Ueberzeugungen, sondern schroten 
blos die herrschenden Meinungen und Strömungen 
für ihre persönlichen selbstischen Zwecke aus. Ihnen 
ist aber auch „Los von Rom" — los von Oesterreich, 
eine Präparirung Deutschösterreichs für eine organi- 
sche Verbindung mit Preussen. Das haben die Stein, 
Eisenkolb, Schönerer auf offener Tribüne einbekannt, 
das ist in jeder Nummer der „U. d. W." zu lesen. Mit 
reichsdeutschem Gelde wird denn auch die Agitation 
unterhalten. Wir haben bereits auf die Hauskollekten 
des Evangelischen Bundes hingewiesen und von der 
rollenden Reichsmark in verschiedenen Einzelfällen 
erzählt. So erschienen auch bei der Karbitzer Kirchen- 
weihe Superintendent Meyer aus Zwickau und Ober- 
konsistorialrath Dr. Dibelius aus Dresden. Der erstere 
überbrachte ein Geschenk von 10.000 Mark, der letztere 
ein solches von 2000 Mark. Auch andere Pastoren 
überreichten Spenden. Ebenso haben wir das Treiben 
der Münchener Odinleute und ihre merkwürdigen 
Geldmanipulationen einmal geschildert, die ihnen und 
anderen gestatteten, drei Millionen Flugblätter nach 
Oesterreich zu schmuggeln. Verlässlichen Angaben 
zufolge hat der Gustav Adolf-Verein in drei Jahren 
weit über eine Million Mark nach Oesterreich ge- 
sandt. Nun soll nicht behauptet werden, dass der 
Kassettenmann und seine Clique alle die Unsummen 
verschlungen haben. Das meiste davon ging auf Kir- 
chenbaulen und auf die Besfallung der Seelsorger 
auf. Immerhin blieb ein beträchtlicher Bruchtheil der 
Unterstützungssummen für die „Los von Rom"-Be- 
wegung den Agitatoren in Wort und Schrift. Es i«t 
ja auch klar: In Böhmen fristen heute ein Dutzend 
alldeutsche Lokalblätter mit einem jährlichen Ge- 
sammtdeficit von mindestens 60.000 Kronen ihr Da- 
sein. Diese beziehen von den evangelischen Muckern 
für die Uebertrittspropaganda Subventionen, die dieses 
Deficit reichlich decken. Desgleichen die alldeutschen 
Versammlungsredner, weshnlb sich die Schriftleiter 



256 



und Wanderprediger aus der Wolf-Schönerer-Gesell- 
schaft der Proselytenmacherei so lebhaft annahmen. 
Dass die Wolf-Clique durch die Sammelbüchsen und 
Spenden (10.000 Markspende durch Bergwerksdirektor 
Mehlhardt u. v. a. m.) grosse Summen zusammen- 
schnorrte, ist bekannt, nicht minder, dass der All- 
deutsche Verband, der ewigen Subventionirungen 
müde, das Wolf-Organ in eigene Regie übernehmen 
wollte. Weniger bekannt ist z. B., dass unter der 
Lehrerschaft Deutschböhmens für den Abg. Schreiter 
Geld gesammelt wurde, da derselbe bis über den 
Kopf verschuldet war. Damals schrieb uns ein hier- 
über entrüsteter Lehrer: „Schreiter wende sich in 
seiner finanziellen Bedrängniss an den Millionär Schö- 
nerer oder an Wolf, der durch seine Sammelbüchsen 
schon erkleckliche Summen hereingebracht hat, oder 
wende sich doch an den Gustav Adolf-Verein oder 
den Evangelischen Bund in Deutschland oder auch 
an die reichen Juden; für die Interessen aller dieser 
arbeitet er ja mit Feuereifer. Die Lehrerschaft Deutsch- 
böhmens, die ja unablässig um eine Gehaltsaufbes- 
serung sich bemüht, hat ihr Geld für solche persön- 
lichen Zwecke nicht übrig. An diesen Sammlungen 
und Spenden wäre gewiss nichts Besonderes auszu- 
setzen, wenn nicht durch die Art der damit betrie- 
benen Hetzagitation der üble Beigeschmack ent- 
stünde" .... 

Es sind eigentlich keine neuen Enthüllungen, 
welche die „Deutsche Zeitung" hier bringt, sondern 
ihre Ausführungen bestätigen nur, was über den 
wahren Charakter der Los von Rom-Bewegung und 
über die Los von Rom - Agitatoren in Oesterreich 
sowohl, wo man den betreffenden Verhältnissen und 
Personen näher steht, als auch im deutschen Reiche 
bereits zur Genüge bekannt war und von uns wieder- 
holt ausgeführt worden ist. Rekapituliren wir die 
Ausführungen der „Deutschen Zeitung" über die „nicht 
unbeträchtliche Zahl" von „Los von Rom"-Agitatoren 
in Oesterreich, so ergibt sich: dass denselben „die 
Abfallshetze ein Geschäft" ist und dass sie „aus der 
protestantischen Proselytenmacherei Kapital zu schla- 
gen" suchen, dass „sie selbst keinerlei Ueberzeugungen 



257 



haben", dass Ihnen „Los von Rom — Los von Oester- 
reich ist, eine Präparirung Deutsch-Oesterreichs für 
die organische Verbindung mit Preussen", dass „mit 
reichsdeutschem Gelde die Agitation unterhalten" 
wird, dass von den Unsummen dieses Geldes nach 
Abzug der Kirchenbaukosten und Seelsorgerbestallun- 
gen immerhin noch „ein beträchtlicher Bruchtheil 
der Unterstützungssummen für die Los von Rom- 
Bewegung den Agitatoren in Wort und Schrift bleibt", 
dass auch die böhmischen Lokalblätter für die Ueber- 
tritts-Propaganda Subventionen erhalten und desglei- 
chen die Wanderredner aus der Wolf-Schönerer-Ge- 
sellschaft, welche sich der „Proselytenmacherei" so 
lebhaft annahmen. 

Diese von der „Deutschen Zeitung" festgestell- 
ten Thatsachen betreffs der Los von Rom- Agitatoren, 
die sich nach dem anderweitig vorliegenden Material, 
namentlich bezüglich des irreligiösen und antichrist- 
lichen Charakters der Los von Rom-Bewegung noch 
leicht ergänzen liessen, — das liberale Wiener Blatt 
scheint darauf weniger Gewicht zu legen, — werden 
wohl nicht mehr bestritten, jedenfalls aber nicht 
widerlegt werden können. Wollen die „Mecklen- 
burger Nachrichten" nun nicht endlich zugeben, 
dass „ein beträchtlicher Bruchtheil" der vom Mecklen- 
burgischen und Sächsischen Gotteskasten in Folge 
der von den Regierungen in Mecklenburg und 
Sachsen bewilligten Kollekten zur Unterstützung der 
Los von Rom-Bewegung aufgebrachten Gelder für die 
Uebertritts-Propaganda und Proselytenmacherei der 
Agitatoren in Wort und Schrift verwendet wird? 
Und wenn den mit reichsdeutschem Gelde subventio- 
nirten Agitatoren „Los von Rom" — los von Oester- 
reich ist, eine Präparirung Deutsch-Oesterreichs für 
die organische Verbindung mit Preussen", ist dann 
nicht diese Los von Rom-Bewegung eine dynastie- 
feindliche und landesverrätherische Bewegung? Kann 
da die deutsche Reichsregierung, die das Bundes- 
und Freundschaftsverhältniss zwischen dem Deutschen 
Reiche und Oesterreich ungeschmälert erhalten will, 
ruhig zusehen, wie einzelne Landesregierungen durch 
ihre Förderung der Los von Rom-Bewegung Oester- 

17 



258 



reich brüskiren und an den Bestrebungen zum Ruin 
der habsburgischen Dynastie mitarbeiten? 

Reichsdeutsche Blätter brachten im Mai 1901 
folgende Notiz: Der Ausschuss des ostpreussischen 
Zweiges des deutschen llilfsvereines für die evange- 
lische Bewegung in Oesterreich hatte in der Weih- 
nachtswoche vorigen Jahres etwa 2000 Mark an die 
kleinen und bedrängten evangelischen Gemeinden, 
die jetzt in Oesterreich neu entstehen, vertheilen 
können, 1000 Mark gab er an sein Pathenkind Krems 
dort zu Besoldung des evangelischen Vikars. Im Laufe 
des Winters waren dem Ausschusse weitere Gaben im 
Betrage von rund 3500 Mark zugeflossen und eine 
in dieser Woche gehaltene Sitzung konnte über die 
Verwendung dieser Summe beschliessen. Man einigte 
sich dahin, wieder in erster Reihe das Pathenkind 
Krems zu bedenken, und zwar durch Festlegung eines 
Kapitals von 2500 Mark, dessen Zinsen wiederum 
für den Unterhalt des dortigen Geistlichen bestimmt 
wurden. Die Beschlussfassung über die weiteren 1000 
Mark wurde noch ausgesetzt, da man noch Anträge 
von einzelnen österreichischen Gemeinden abwarten 
wollte. Jene Festlegung geschah darum, weil einmal 
in den Geschenken, die dem Ausschusse zugegangen 
waren, die Zuwendung eines ungenannt bleibenden 
Wohlthäters sich befindet, die ungefähr die gleiche 
Höhe hat, also schon gewissermassen ein Kapital ist, 
und weil andererseits es vor Allem daran gelegen 
sein muss. Alles zu thun, damit dauernd in Krems 
ein evangelischer Prediger sei. Es hat deshalb auch 
der dortige Vikar, Prediger Monsky, den Kollekten- 
ertrag seiner im März durch Ostpreussen gemachten 
Predigtreise mit rund 800 Mark zum Grundstock eines 
Pfarrdotationsfonds für Krems bestimmt. Auch aus 
dieser Notiz geht hervor, wie planmässig von Preussen 
aus die sogenannte „Los von Rom"-Bewegung in 
Oesterreich unterstützt wird. Und was für Vorkehrungen 
trifft man bei uns dagegen ? 

Die öote Hauptversammlung des Gustav-Adolf- 
Vereines fand 25. September 1902 in Kassel statt. 
Deutsch sein, heisst lutherisch sein. So wird wenig- 
stens überall gerufen. Aber dem ist nicht so. Der 



259 



erste Redner war Pastor Dusek aus Kolin in Böhmen. 
Wie kommt denn dieser Herr in diese Versammlung? 
Wir stellen also den Satz richtig. Lutherisch sein, 
heisst international, evangelisch sein, unter der Vor- 
herrschaft Preussens. Das Lutherthum strebt einen 
grossen Gaesaropapismus an für das Haus Hohen- 
zollern auf Kosten der Katholiken Oesterreichs. Pastor 
Dusek sagte nach der „Vossischen Zeitung" folgendes. 
Se. Ehrwürden brachte zunächst einen kleinen Abriss 
der Geschichte des Protestantismus in Böhmen, dann 
überging er mit der Behauptung ins Aktuelle, dass 
sich unter der Gechen dieselbe Bewegung zeige, wie 
unter den Deutschen. Den Beweis dafür blieb er frei^ 
lieh schuldig. In jedem Gechen, so behauptete er 
weiter, sei ein Zwiespalt zwischen der alten Vergan- 
genheit und dem Verdammungsurtheile, welches die 
Kirche darüber fällt. Das Volksgewissen werde ange- 
blich nicht h'üher zur Ruhe kommen, als bis es den 
alten Grund gefunden haben werde. Die frohe Hoffnung, 
die sich nach der Meinung des Herrn Pastors daraus 
ergebe, werde aber durchkreuzt von dem Zwist zwi- 
schen Gechen und Deutschen. Dieser Zwist hat seine 
älteste Wurzel in der Abneigung gegen das nach 
1620 eingeführte papistische Verwaltungssystem — 
für das man Deutsche verantwortlich machte, und 
durch welches das Volk völlig unter das römische 
Joch gebeugt werden sollte. Dieses System ist nun 
zwar durch die Liberalen in etwas zu Fall gebracht; 
aber während die Deutschen bei dem Systemwechsel 
wenigstens sich ihre Sprache sicherten, mussten die 
Gechen auch dafür fürchten, was ein Grund zu einer 
Missslimmung wurde. Aber eine gerechte, Allen das 
Recht gebende Verwaltung kann Alles beseitigen. 
Heut ist bei beiden gemeinsam der Zug nach Fort- 
schritt und beide müssen zusammenstehen, denn 
Deutsche und Gechen . scheinen in Oesterreich die 
fähigsten zur Führung des Staates zu sein. In Böh- 
men stehen beide wider einander, ohne dass Einer 
den Andern bezwingt. Hetzgeister finden sich in bei- 
den Lagern, aber diese müssen beseitigt werden, 
dann werden sich die Herzen leichter finden. Zum 
Schlüsse gibt der Redner dann eine kurze Uebersicht 

17* 



260 



über die Leiden, welche Deutsche und Gechen ge- 
meinsam um ihres Glaubens willen getragen haben, 
und knüpft nochmals die Mahnung zur Einheit im 
Dienste des Evangeliums an. — Mit diesem Appell 
zur Milde und Versöhnlichkeit blieb aber der böh- 
mische Redner in der Versammlung völlig vereinzelt, 
denn die nachfolgenden Ausführungen sind durch- 
wegs von exklusiv national- deutschem Geiste getragen. 
In der Abendversammlung führte Superintendent 
Karmann, Schwetz, den Vorsitz. Er schilderte als 
erster Redner des Abends die Lage in der Diaspora 
Westpreussens, die gleichermassen gegen Polonismus 
und Romanismus anzukämpfen habe. Ein Untergang 
deutscher und evangelischer Kultur in jenen Gegen- 
den sei jedoch nicht zu befürchten, denn wenn auch 
die ehemals deutschen Edelleute, wie Hutten-Gzapsky, 
V. Kalkstein, v. Wollschläger, v. Rossow u. a., unter 
der polnischen Herrschaft ihr Deutschthum vollstän- 
dig verloren oder aufgegeben hätten, so habe doch 
der seinerzeit aus Westphalen, Friesland, Niedersachsen 
u. s. w. eingewanderte deutsche Bauernstand in den 
gesegneten Weichselniederungen trotz der jahrhun- 
dertelangen harten Verfolgung durch den polnischen 
Klerikalismus niemals sein Deutschthum und sein 
Evangelium verleugnet und sei noch heute der festeste 
Wall gegen alle deutschfeindlichen und antievangeli- 
schen Strömungen. (Lebhafter Beifall.) Aber trotzdem 
sei es nöthig, ihnen durch den Gustav Adolf-Verein 
Kirchen und Schulen zu bringen, um auch ihrem 
Nachwuchs der Väter Glauben zu erhalten. Pastor 
May, Gilli, schilderte die Verhältnisse in dieser steier- 
märkischen Stadt, die zur Zeit mitten in der Los von 
Rom-Bewegung stehe, nachdem sie schon vorher 
durch den Universitätsstreit, die Sprachenverordnun- 
gen u. a. m. in ihren Tiefen aufgeregt worden sei. 
Eine bemerkenswerthe Förderung habe die Bewegung 
dort seitens der Katholiken selbst erfahren, die 
von ihren Priestern bisher fortgesetzt gequält und getre- 
ten worden seien. So sei der Bürgermeister mit seiner 
ganzen Familie übergetreten und auch die armen Slo- 
venen meldeten sich massenhaft, um des Segens des 
Evangeliums theilhaftig zu werden. Vom Amtsblatt 



261 



der Stadt sei der zum Besuch kommende Erzbischof 
sogar als fanatischer Agent jener Macht bezeichnet 
worden, die seit Jahrhunderten Oesterreich beunruhige 
und die auf die Ausrottung des Deutschthums in 
Oesterreich hinarbeite. Alles das zeige, wie sehr es 
unter den Katholiken Oesterreichs gähre, und wenn da 
hie und dort Uebertritte erfolgten, so sollte der 
Gustav Adolf-Verein für die religiöse Versorgung der- 
selben möglichst viel thun, um sie dem neuen Glau- 
ben zu erhalten. Redner bittet schliesslich um Unter- 
stützung des Gillier Kirchenbaues, zu dem der katho- 
lische Bürgermeister bereits den Baugrund kostenlos 
überlassen habe. Pastor Gorrevon, Frankfurt a. M., 
verwies auf das Auftreten Abbe Bourriers, das in 
Verbindung mit den kürzlich erfolgten weiteren Ueber- 
tritten von 40 bis 50 französischen Priestern deutlich 
zeige, wie auch in Frankreich die Los von Rom- 
Bewegung immer weitere Fortschritte mache. Die 
Priester seien der Unruhe des katholischen Pfarr- 
hauses müde und die Unterstützung der aus der 
Kirche ausgetretenen Geistlichen sei dringend nöthig, 
da sie meist so ungebildet seien, dass sie nur noch 
in niederen Berufen, so als Droschkenkutscher, Ver- 
wendung finden könnten. In Paris seien sogar vier 
bis fünf ehemalige Geistliche als Rosselenker ange- 
stellt. Auch die Thatsache, dass der ehemalige katho- 
lische Advokat Reveillon, in dessen Hause der ehe- 
malige Priester und jetzige Ministerpräsident Gombes 
seine berühmte Rede in Sachen der Kongregationen 
gehalten habe, infolge seiner Agitation gegen Rom in 
das französische Parlament gewählt worden sei, gebe 
doch zu denken. Die Zeichen der Zeit forderten die 
Aufmerksamkeit des Vereins heraus. Pfarrer Jaehne, 
Kaaden in Nordböhmen, bat um, Liebesgaben für die 
nordböhmischen Gemeinden. Die Los von Rom-Bewe- 
gung habe in diesen Gebieten gegenwärtig mit dem 
„Inseraten"-Pater Alban auf der einen und der Kon- 
kurrenz der Altkatholiken, die sich den Abfall der 
Massen ebenfalls zunutze machten, auf der anderen 
Seite zu rechnen. Der Pater Alban bekämpfe die Be- 
wegung in Inseraten und von der Kanzel herab, wäh- 
rend er sich der öffentlichen Debatte stets geschickt 



262 



entziehe. Er schüchtere die Leute mit der Drohung 
ein, dass die Evangelischen alle ins Fegefeuer kämen, 
und benütze Unglücksfälle m der Familie von Ueber- 
getretenen dazu, um die Ueberlrittsbewegung zu ver- 
ketzern. Gegenüber solchem Treiben sei die Stärkung 
der Uebergetretenen durch eine unermünd liehe Seel- 
sorge vonnöthen. Pfarrer Gute mar bat um eine Kirche 
und eine Scliule für Arko unter Hinweis auf den 
Zuzug, den dieser Kurort demnächst aus Deutsch- 
land infolge der Eröffnung des kaiserlichen Erholungs- 
hauses für deutsche Offiziere erhalten werde. 

In der gestrigen zweiten Abendversammlung des 
Gustav Adolf- Vereines sprach zunächst, lebhaft be- 
grüsst, Pfarrer Andre Bourrier aus Sevres über die 
Entstehung, Entwicklung u. s. w. der religiösen Be- 
wegung in Nordfrankreich, hauptsächlich unter den 
katholischen Priestern, und betonte, dass sich heute 
schon 800 Personen zu der neuen Lehre bekennen. 
Während die deutsche klerikale Presse die Richtig- 
keit der französischen Angaben bestreite, gäben die 
französischen klerikalen Zeitungen dies bereitwilligst 
zu. Selbst der Bischof von Nantes habe es ausge- 
sprochen, dass die Bewegung geradezu erschreckliche 
Fortschritte mache u. s. w. Ferner melde die Libre 
Parole, dass Korsika förmlich überschwemmt sei 
von ausgetretenen Priestern. Viele davon, fast alle, 
treten in das bürgerliche Leben, vielfach in geringe 
Stellen, denn nicht alle können Advokaten, Bankiers 
oder Journalisten werden. Man weiss ja jetzt, dass 
Ministerpräsident Gombes ein ehemaliger Priester ist, 
und wenn das so weiter geht, dann wird ein ehe- 
maliger Priester noch Präsident der Republik werden. 
Zwölf der ausgetretenen Priester sind Journalisten 
geworden und eine Anzahl renommirter Blätter wer- 
den von ehemaligen Priestern redigirt. Grossen Er- 
folg hat das Blatt Le Ghretien Frangois erzielt, die 
Abonnentenzahl wächst, 3000 Priester in der Provinz 
bekommen es jetzt schon zugeschickt und man kann 
sicher annehmen, dass es 10.000 Leser hat. Im weite- 
ren hob Redner die hohe agitatorische Bedeutung 
der Presse hervor und meint, wenn der heilige Pau- 
lus heutzutage wieder auf die Welt käme, würde er 



26B 



— Journalist werden. (Grosse Heiterkeit.) Wie sehr 
die Bewegung ins Volk gedrungen sei, beweise der 
Umstand, dass man jetzt in Publikum und Presse 
schon zwischen Katholik und Christ unterscheide. 
Und der Direktor eines renommirten Priester-Seminars 
habe bereits erklärt, es genüge nicht katholisch zu 
sein, man müsse auch Christ sein. Wenn man etwas 
tadelt, so ist es, dass wir aus der Kirche förmlich 
ausgetreten sind. Man sagt, wir hätten darin bleiben 
und innerhalb derselben eine Reformation vorbereiten 
sollen. Es herrscht zwar nicht förmliche Empörung 
gegen das Papstthum, aber man findet die Anmassung 
des Klerus unerträglich. Man hat uns vorgeworfen, 
dass wir zu antiklerikal seien. Wir antworten: Wir 
können das niemals genug sein, denn ist nicht auch 
Christus antipharisäerisch gewesen? — Herr Pfarrer 
ßourrier wirft dann einen kurzen Rückblick auf seine 
Kindheit und Jugend, und wie er Priester geworden 
ist und betont, dass seine Jugend durch bittere Thränen 
vergiftet worden. Wie ganz anders fühle er sich jetzt 
gegen früher, wo er eingeschlossen hinter Kloster- 
mauern sass, gebannt durch Vorurtheile, Erziehung 
u. s. w., so eine Art von Kirchengeräth. Dass man 
es nur wisse: der Priesterstand ist ein grosses Elend, 
deshalb: rettet uns! (Beifall.) Redner kommt dann 
auf die religiöse Bewegung auf dem Lande zu spre- 
chen. Viele Gemeinden haben sich schon von der 
kirchlichen Autorität losgesagt oder doch erklärt, 
dass sie sich nicht mehr so willenlos fügen wollen 
u. s. w. Indem Redner an die Drangsale und das 
Heldenthum des 30jährigen Krieges erinnert, bemerkt 
er ferner: Und deshalb bin ich zu ihm gekommen, 
bei dem Volke Luthers mir Muth zu neuer Arbeit zu 
holen, zu einem christlichen Liebeswerke. Ein sociali- 
stisches Blatt hat allerdings gesagt, ich sei nach 
Kassel gefahren, um mich an die Preussen mit Leib 
und Seele zu verkaufen. (Hört! hört!) Allein das Volk 
weiss es besser und lacht dazu. (Beifall.) Redner 
schloss mit der Mahnung, nicht zu vergessen, dass 
auch jenseits der Grenze die Brüder wohnen. Grüsse 
von den evangelischen Brüdern in Norrlböhmen über- 
brachte hierauf der Pfarrer Spannouth aus der Hopfen- 



264 



Stadt Saaz und gab ini Anschluss recht interessante 
Schilderungen von Land und Leuten, dortigen reli- 
giösen Verhältnissen, besonders auch von der eifrigen 
Arbeit der Gegner, die alles aufböten, die neu ge- 
wonnenen Glaubensbrüder wieder abtrünnig zu ma- 
chen. Sodann sprach noch Herr Pfarrer Fliedner, 
Madrid, der in lebhaften Farben die Verhältnisse in 
Spanien schilderte. 

In der heutigen zweiten Hauptversammlung wurde 
zunächst in eine Debatte über den Geschäftsbericht 
des Schriftführers D. Hnrtung, Leipzig, eingetreten. 
Nach einer Begrüssung der Versammlung durch den 
Vertreter des lutherischen Landeskonsistoriums Ober- 
konsistorinlraths D. Debelius, Dresden, sprach der 
siebenbürgische LandeskonsistoriaJrath Dr. Teutsch, 
Gross-Scheuern, über das Arbeitsfeld der evangeli- 
schen Kirche in Siebenbürgen. Die sächsische Kirche 
in Siebenbürgen zählt heute 251. B80 Seelen. 5000 
Seelen befinden sich in der Diaspora des benachbar- 
ten Serbien und Rumänien. 1765 zählte man 124.000 
und 1863: 188.000 Seelen. Gegenwärtig habe die 
siebenbürgische Kirche, die ja von jeher allerlei An- 
fechtungen ausgesetzt gewesen sei, schwere Angriffe 
von Seiten des Ultramontanismus zu bestehen. Der- 
selbe dominire heute in Ungarn und bereite eine neue 
Gegenreformation vor. Die österreichischen Jesuiten 
durchzögen das Land nach allen Richtungen und er- 
freuten sich des Schutzes der staatlichen Autorität, 
die sich ganz in den Dienst des Seelenfangs gestellt 
habe. Redner schliesst deshalb mit der Bitte, der 
siebenbürgi sehen Kirche nicht zu vergessen. Archi- 
diakonus jakobi, Weimar, berichtete danach über die 
drei für die grosse Liebesgabe des Gustav Adolf- 
Vereins vorgeschlagenen Gemeinden. Bei der Abstim- 
mung erhielt Villach 138, Plantieres-Queuleu 71 und 
Wiida-Posen 36 Stimmen. Demnach erhielt Villach 
die grosse Liebesgabe im Betrage von 21.980 M., 
während Plantieres-Queuleu 6627 M. und V7ilda-Posen 
6742 M. erhielt. 

Seit seinem Bestände von 64 Jahren hat der 
Gustav Adolf- Verein 39,590.417 Mark ausgegeben, 
davon kamen nach Oesterreich U, 800.000 Mark, fii 



265 



Oesterreich werden derzeit vom Vereine 1363 Ge- 
meinden unterstützt. Böhmen erhielt bis dato 3 Mil- 
lionen Mark, im Jahre 1901 264.000 Mark. Auf der 
ganzen Welt wurden an 5060 Gemeinden Unterstützun- 
gen vertheilt. Ueber den Ausflug des Kalvinisten 
Pastor Sädek nach Kassel schreibt das Hauptorgan 
der jungcechischen Partei „Närodni Listy" vom 17. 
Juni 1902 folgendes. „Neben Rom ist unserem Volke 
ein noch gefährlicherer Feind erstanden in Berlin, 
von wo aus ja der Vernichtungskrieg gegen alle 
Slaven unternommen wird. Der evang. Pfarrer Sädek 
will das letztere nicht begreifen und will, dass 
alle Evangelische böhmischer Nationalität ihre Natio- 
nalität, ihre nationalen Pflichten aufgeben und mit 
denen gehen sollen, welche von Schönerer, Iro und 
Eisenkolb geführt werden. Wir hoffen, dass alle ehr- 
lichen böhmischen Protestanten dem Treiben des 
Pastor Sädek sich zur Wehre stellen werden." So 
muss das Organ der jungcechischen Partei seinen 
Agitator der böhmischen Protestanten helvetischer 
Konfession ermahnen, er soll seine Glaubensgenossen 
nicht an Berlin ausliefern. Derzeit sind die grössten 
Förderer des Abfalles zum Protestantismus im böh- 
mischen Volke die Partei des Professor Masaryk, der 
mit Dr. Herben, dem Redakteur des „Gas" dem 
Organe dieser Partei zur reformirten Kirche übertreten 
sind. Beide Masaryk und Herben wurden in ihren 
Gymnasialstudien von katholischen Priestern unter- 
stützt, ansonst sie beide heute vielleicht auf einer 
Schusterbank sitzen würden. 

Die Gustav-Adolf-Stiftung bedachte für das Jahr 
1902 folgende Gemeinden in Böhmen, Mähren und 
Schlesien: a) cechoslavische Gemeinden Beraun (1000 
Mark), Bohuslavice (300), Bojmany (200), Bolehost 
(300), Borovä (300), Ghrudim (600), Ghvaltice (600), 
Gäslav (400), Gernilov (700), Gihost (800), Nemecke 
Hofovice, Krupka, Velke Opolany (800), Tfebechovice 
(900), Vrchlabi (300), Vysoke Myto (700), Horsice 
(500), Hostomice (500), Hronov (1000), Humpolec 
(1400), Kladno (600), Kläster, Hradec Krälove (1600), 
Kr. Vinohradv flOOO), Kolin (1800), Krucemburk (1000), 
Krizlice (800), Krounä (600), Kutnä Hora (600j, Lile- 



266 



nice (400), Libsice (600), Lysä n. L. (500), Losice 
(500), Tisovka (1500). Opatovice (1600), Pardubice 
(1200), und andere mehr. Alle diese böhmischen Ge- 
meinden sind meistens helvetischer Konfession. Der 
Beifrag für das Jahr 1902 ist grösstentheils bestimmt 
als Gehalt für den Pastor, Lehrer, oder Abzahlung 
des Bnufonds und andere. Sammtliche Industrieorte 
Nordböhmens, wie Reichenberg, Aussig, Rumburg. 
Klösterle, Saaz, Kaaden, Trautenau und so fort, sind 
neben anderen Hunderten von Gemeinden in Oester- 
reich im Gabenverzeichnisse aufgeführt. Neben dem 
Gustav-Adolf-Verein sorgt um die Finanzierung der 
Abfallhetze in Oesterreich, der zweite Verein, es ist 
der evangelische Bund. Wir geben hier seine Statu- 
ten wieder. 

Was will der evangelische Bund? Der evange- 
lische Bund ist im Jahre 1886 gegründet worden zur 
Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen und 
will laut Paragraph 1 seiner Satzungen „gegenüber 
den äusseren und inneren Gefahren, welche den 
deutschen Protestantismus bedrohen, dazu mitwirken, 
dass dem deutschen Volke die Segnungen der Refor- 
mation erhalten und immer weiter erschlossen werden". 
Er will also Deutschland gegen den Ultramontan ismus 
schützen. Und zwar will er warnen; zuerst die Prote- 
stanten: eure evangelische Kirche, eure protestan- 
tische Freiheit ist bedroht; es gilt, der Beeinlräch- 
tigung der deutsch-evangelischen Interessen durch 
Wort und Schrift entgegenzutreten; aber auch die 
Katholiken : bleibt christlich und deutsch, lasst euch 
nicht jesuitisch und römisch machen; wehren; ab- 
wehren die ultramontanen Schmähungen und Ver- 
dächtigungen, Angriffe und Uebergriffe; stärken den 
evangelischen Geist und evangelisches Leben im 
ganzen deutschen Volk, einigen die verschiedenen 
kirchlichen Richtungen und Parteien und den end- 
lichen Frieden herstellen zwischen allen deutschen 
Christen, welcher Konfession sie angehören. Er ruft 
allen Evangelischen zu: Einigkeit macht stark! Der 
evangelische Bund reicht aber auch allen Bestre- 
bungen wahrer Katholicität und christlicher Freiheit 
im Schosse der katholischen Kirche freudig die Hand, 



267 



Was bekennt der Evangelische Bund? 
Er bekennt sich laut seinem bei der Gründung aus- 
gegebenen Programm zu Jesu Christo, dem alleinigen 
Mittler des Heils, und zu den Grundsätzen der 
Reformation. Was thut der evangelische 
Bund? Er gibt allen Evangelischen, welche von 
der katholischen Kirche bedrängt werden, einen 
starken Rückhalt, Ralh und Hilfe. Er verbreitet 
Schriften, die für unser gutes evangelisches Recht 
und unsere evangelische Kirche eintreten, römische 
Ränke aufdecken und Rom kennen lernen. Er unter- 
stützt alle Bestrebungen, welche der Rettung der in 
ihrem Glauben bedrängten Evangelischen dienen. 
Deshalb nimmt er sich besonders der Diaspora- 
waisenhäuser und der Diakonissensache an, hat in 
Freiburg ein grosses Diakonissenhaus gebaut, stellt 
selbst Diakonissen an und gibt Mittel zur Unter- 
haltung von Diakonissen und zur Gründung von Dia- 
konissenstationen in der Diaspora. Insbesondere hat 
sich der Bund der österreichischen Los von Rom- 
Bewegung angenommen; er steht den dort übertre- 
tenden Gemeinden mit Rath und That bei, sendet 
ihnen Geistliche, hilft ihnen Kirchen bauen und unter- 
stützt die Bewegung auf jede Weise. 

Was sagt die u 1 1 r a m o n tan e P r e s s e 
über den evangelischen Bund? Sie klap:t : 
Der evangelische Bund hat seine Augen überall! Sie 
erklärt ihn für durchaus bedeutungslos und jammert 
zugleich, sobald wieder eine römische Anmassung 
zurückgewiesen oder etwas dem Gentrum oder den 
Ultramontanen Unangenehmes geschieht. Da hat 
wieder der böse Evang. Bund seine Hände im Spiel! 
Sie sucht ihn durch Bezeichnungen wie „Hetzbund", 
„Nihilistenbund" u. s. w. verächtlich zu machen und 
klagt ihn aller möglichen Schandthaten an. Auf einer 
Katholikenversammlung in Köln im April 1901 er- 
klärte der Hauptredner kurzweg, von Rechts wegen 
gehörten alle evangelischen Bundesbrüder ins Ge- 
fängniss ! Was folgt daraus für den evan- 
gelischen Bund? Dass er eine höchst erfreu- 
liche Erscheinung ist; dass er segensreich gegen 
römische Anmassung wirkt, und dass ohne sein 



268 



Dasein manches noch schlimmer wäre, als es schon 
ist. Wer soll Mitglied des Evangelischen 
Bundes werden? Alle diejenigen, welche nicht 
wünschen, dass die ultramontanen Ruhmesworte 
wahr werden: „Der Papst regiert die Welt!" „Was 
wir wollen, geschieht in Deutschland!* „Katholisch 
ist jetzt Trumph!" Alle, denen das Wohl ihrer evan- 
gelischen Kirche und ihres deutschen Vaterlandes 
am Herzen liegt. Wer kann Mitglied des 
Evangelischen Bundes werden? Alle 
mündigen evangelischen Deutsche — Männer und 
Frauen, — welche die Grundsätze und Zwecke des 
Programms billigen, ihren Beitritt erklären und darauf- 
hin von einem Vereinsvorstand oder dem Bundesvor- 
stände aufgenommen werden. Der Jahresbeitrag ist 
mindestens eine Mark, wofür in den verschiedenen 
Ländern eigene Bundes-Zeitschriften und Flugschriften 
umsonst ausgegeben werden. Wer drei Mark bezahlt, 
erhält die monatlich ausgegebene, sehr reichhaltige 
„Kirchliche Korrespondenz". Jedes Mitglied, deren es 
jetzt 100.000 sind, verpflichtet sich, die Bundeszwecke 
in seinen Kreisen nach Kräften zu fördern und be- 
kannt zu machen, auch an den Arbeiten und Vereins- 
versammlungen soviel als möglich sich zu betheiligen. 
Der G e n tr a Ivor s t an d des Evangelischen 
Bundes besieht gegenwärtig aus den Herren: 
Graf von Wintzingerode-Bodenstein-Bodenstein, Post 
Worbis, Vorsitzender; Konsistorialrath D. Göbel-Halle 
a. S., stellv. Vorsitzender; Professor Dr. Witte-Halle 
a. S., Mühlweg 11, Schriftführer; Senior D. Dr. Bär- 
winkel-Erfurt; Landger.-Direkt. Grönert-Halle a. S.; 
Pastor Dr. G. Fey-Gösseln bei Stumsdorf ; Geh. Kirchen- 
rath D. Fricke-Leipzig; Konsistorialrath Professor D. 
Haupt-Halle a. S. ; Militäroberpfarrer Konsistorialrath 
Professor Dr. Hermens-Magdeburg; Konsistorialrath 
D. Leuschner- Wanzleben; Superintendent Meyer- 
Zwickau; Kaiserlicher Konsul z. D. Freiherr von 
Münchhausen-Gr. Lichterfelde L bei Berlin ; Professor 
D. Nippold-Jena ; Geh. Regierungsrath von Voss-Halle 
a. S. ; Professor D. Warneck-Halle a. S. 

Der „Evangelische Volksbote" für das Jahr 1902 
im Verlage der Buchhandlung des evangelischen 



269 



Bandes Carl Braun (etwa Hebräer?) in Leipzig 
schreibt über die evangelische Bewegung in Oester- 
reich sehr freudig. Er sagt: Die „alldeutsche Partei" 
aber, die zuerst von allen den Ruf „Los von Rom" 
erhoben und ihn unter ihren Führern Schönerer, 
Wolf, Dr. Bareuther u. s. w. unermüdlich weiterträgt, 
zog dreimal so stark als vordem in die Hallen ein, 
in denen die Geschicke der Völker Oesterreichs sich 
entscheiden. Aus 6—7 Abgeordneten, welche sie im 
Jahre 1899 zählten, waren es ihrer 21 geworden, und 
unter ihnen begegnen wir dem Dr. Eisenkolb, zu 
welchem das deutsch-böhmische Volk als dem ersten 
religiösen Führer unter den Politikern seiner neuen 
Reformationszeit aufblickt. Aber auch in den andern 
deutschen Parteien, zumal der stärksten von allen, 
der „Deutschen Volkspartei", fehlt es nicht an begei- 
sterten Vertretern der Bewegung, die es sich zum 
Ziel gesetzt, Oesterreich der Segnungen der deutschen 
Reformation theilhaftig zu machen. Genannt seien 
nur Böheim, der Protestant gewordene Vertreter der 
oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz, und der 
Führer der Altkatholiken Steiermarks, Abgeordneter 
Malik. War es da zu verwundern, dass auch die Ver- 
handlungen des neuen Reichsraths bisher geradezu 
unter dem Zeichen „Los von Rom" standen? Was 
niemand ein Jahr vorher auch nur für möglich ge- 
halten, haben sie kundgethan: der protestantische 
Gedanke hat eine stärkere Vertretung im Parlament 
des katholischen Oesterreichs als selbst im Reichstag 
des protestantischen Deutschland, wo infolge der 
Lässigkeit der protestantischen Wähler und der 
Aengstlichkeit ihrer Gewählten heute leider immer 
noch das Gentrum Trumpf ist ! 

Wie reichsdeutsche Pastoren in Böhmen sich 
behaglich fühlen, davon ein Beleg. Pastor Wallenstein 
aus der Niederau in Sachsen unternahm eine Reise 
durch „Deutsch-Böhmerland" und erzählt nunmehr 
in einer „Gustav Adolf-Festschrift" seine „Reiseein- 
drücke von der evangelischen Bewegung". Der Herr 
Pastor fährt zunächst nach Karbitz und traf mit einer 
Gesellschaft von deutschen Frauen und Jungfrauen (I) 
zusammen. Er erzählt: „Im gemeinsamen Wandern 



270 



wurden die Deulsch-Böhminen den Reichsdeutschen 
innerlich näher gerückt. Jene waren stolz auf ihr 
Deutschthum und bekannten mit freudiger Begeiste- 
rung, dass sie bei zwangloser Vereinigung gern ein 
deutsches Lied anstimmten und beim Singen der 
„Wacht am Rhein" ihr deutsches Bewusstsein stärkten, 
„den Deutschen zur Ehr', gegen die Gechen zur 
Wehr". Das war zur Zeit, wo Rom zur Niederdrückung 
seines gewaltigen Gegners, des Deutschthum s, es für 
gut befand, cechische Priester in rein deutsche Ge- 
meinden zu entsenden. Da gingen dem biederen 
deutschen Volke die Augen auf .... Unsere Begleiter 
machen uns auf die zahlreichen Kohlengeschäfte, als 
auch auf die mitfahrenden jüdischen Gestalten auf- 
merksam, deren Liberalismus, religiöse Gleichgiltig- 
keit und Geldwucher so schweres Unheil in der Ver- 
theuerung der von ihnen mit Beschlag belegten 
Kohlen und auch sonst im ganzen staatlichen und 
religiösen Leben herbeigeführt hat, dass ausser Ceche 
und Jesuit auch der Jude zu den mit aller Gluth 
gehassten Leuten gehört. Es ist eine Lust zu hören, 
wie man hier sinnt und sorgt, neues Leben zu ver- 
breiten, einen Bismarck und Luther dem Volke werth 
zu machen. Heil Euch, haltet aus im Kampf und 
Strauss. Wir Evangelische im Reiche werden werk- 
thätig zur Seite Euch stehen. Lasset uns mitarbeiten 
am Fortgang der Bewegung im Verein mit dem 
Namen eines grossen Königs ! Lasset uns die Bewe- 
gung aus der Nähe selbst anschauen, auf dass wir 
umso lieber und treuer und standhafter mitarbeiten ! 
Lasset weiter uns mitfreuen, wenn drüben in Böhmen 
oder anderswo die Evangelischen einen Schritt vor- 
wärts gethan haben. Sehen und arbeiten und freuen 
— welcher Freund des Gustav Adolf-Vereines sollte 
dies nicht geloben ! Aber gerade jetzt gilt's zu kämpfen. 
Wir wollen mit ihnen kämpfen, für die kämpfen, 
ihnen Bresche zu schlagen suchen. Schreiber dieser 
Zeilen ward auf das Kampfgebiet Klostergrab hinge- 
führt, um in der böhmischen Ostmarkt nach seiner 
Kraft in den Kampf mit einzugreifen und der guten 
evangelischen Sache einige Dienste zu erweisen. Die 
Volkskreise rufen zu uns ins evangelische Sachsen: 



271 



„Kommt herüber über die Grenze und helft uns!" 
Wohl haben wir im eigenen Vaterlande genug zu 
thun; aber können wir dabei es übers Herz bringen, 
das weite im Böhmerland sich ausbreitende Ernteteid 
ohne Arbeiter zu lassen? Damit, dass wir zu ihnen 
gehen und ihnen unsere Gaben bringen, entziehen 
wir den eigenen Gemeinden nicht die Kraft. Wir 
gehen getrost hinüber und fordern andere zum Mit- 
gehen auf. Wir sollen und wollen durch Wort und 
That, durch persönliche und materielle Hilfe das 
erwachte Leben pflegen und fördern und immer 
mehr in die rechte Bahn der religiösen Lostrennung 
von Rom und Hinwendung zum Evangelium hinein- 
leiten. Denn nicht umsonst wohnen wir an der 
Grenze des Böhmerlandes." 

Der evangelische Bund hat den Gustav Adolf- 
Verein zu vervollständigen. Während der Gustav 
Adolf- Verein die materielle Versorgung der Kirchen, 
Pastoren und Lehrer im Auge hat, übernimmt der 
evangelische Bund die Finanzierung der Abfallspresse 
und der politisch-religiösen Agitatoren. Es ist sicher, 
dass die alldeutsche Presse Oesterreichs ohne die 
rollende Reichsmark nicht existiren könnte. Sammelte 
man ja doch Liebesgaben für Wolf in Deutschland. 
Die alldeutsche Presse in Böhmen allein soll jährlich 
an 60.000 Mark von Deutschland an Subventionen 
erhalten. Man sieht, dass die Agitation für das officielle 
lutherische Preussen - Deutschland von allen Seiten 
in Angriff genommen wird. Die verlässlichsten 
preussisch-lutherischen Vorposten sind allerdings die 
neu erbauten lutherischen und kalvinistischen Kirchen. 
Mit einer jeden neuen wächst die Zahl der preussi- 
schen Vorposten mitten im Leibe Oesterreichs, sie 
sind gleichsam die Bohrwürmer, welche den ganzen 
staatlichen Körper Oesterreichs unterwühlen sollen, 
bis es ganz unterminirt ist. 

XV. Oesterreichs Regierungsmänner und die Los von 
Rom-Agitation. 

Es ist bekannt, dass im Königreich Sachsen kein 
katholischer Priester die hl. Messe celebriren darf, 
ohne vorher bei den Behörden um Erlaubniss zu bitten. 



272 



Königreich Sachsen und vorwiegend protestantische 
Theile Preussens gelten denn auch als Missionsgebiete. 
Alles das geschieht um den konfessionellen „Frieden" 
zu wahren. Wagte es ein Priester die hl. Messe ohne 
Erlaubniss zu lessen, so würde er schonungslos mit- 
telst Polizei und Gensdarmerie des Landes verwiesen 
werden. So scharf wacht das officielle Lutherthum 
über seine Gebiete mit Hilfe der Staatsgewalt. In 
Oesterreich ist es ganz anders. Zwar ist dieses Reich 
zu 90 Percent katholisch, aber nur der Zahl nach, 
nicht dem Wesen nach. Wie Staatsmänner Oester- 
reichs auf den konfessionellen Standpunkt herab- 
schauen, darüber geben uns folgende Ereignisse ge- 
nügenden Aufschluss. Anfangs April 1901 brachte das 
„Grazer Volksblatt" diese Nachricht: Der Minister- 
präsident V. Koerber und die „Los von Rom"-Bewe- 
gung. Das hiesige socialdemokratische Organ ist in 
der Lage, Koulissengeheimnisse aus der Grazer alt- 
katholischen Kirchengemeinde auszuplaudern. Unter 
anderem erfahren wir, dass der Abg. Malik in der 
Kirchenrathssitzung vom 1. April einen Bericht über 
seine reichsräthliche Thätigkeit in der „Los von Rom"- 
Frage erstattete: „Er wusste dabei gar vieles und 
Wichtiges mitzutheilen. So habe er neuerlich mit 
dem Herrn Ministerpräsidenten Koerber Verhandlun- 
gen wegen einer Subvention der altkatholischen Kirche 
gepflogen. Der Ministerpräsident sei der Sache auch 
gar nicht abhold, meinte aber, dass es mit einer 
Subvention aus budgetären Gründen nicht möglich 
sein dürfte. Dag:egen habe Koerber dem Herrn Malik 
versprochen, bei den Altkatholiken eine Abschrei- 
bung (!) an den direkten Steuern um jenen Betrag 
einzuwilligen, zu welchem diese, obzwar nimmer 
römisch-katholisch, zu den römisch-katholischen 
Kultuszwecken bei der Steuerbemessung herangezogen 
werden. Auch sonst stehe Ministerpräsident Koerber 
der altkatholischen Reformbewegung sympathisch 
gegenüber. So oft Herr Malik aus Wien zu einer 
Gemeindeversammlung oder altkatholischen Kirchen- 
rathssitzung kam, wusste er immer so viel zu er- 
zählen, was er und auch Reichsrathsabgeordneter 
Dr. Eisenkolb (alldeutsch) alles für die altkatholische 



273 



und für die „Los von Roin"-Bewegunggethan haben. 
So habe er mit dem Ministerpräsidenten Koerber 
über die altkatholische Kirche und die „Los von 
Rom" -Bewegung wiederholt konferirt. Der Herr 
Ministerpräsident Koerber stehe der altkatholischen 
Bewegung sehr wohlwollend gegenüber und wolle 
sie auch unterstützen. Koerber habe ihm (dem 
Herrn Reichsrathsabgeordneten Malik) deshalb auch 
eine Subvention für die altkatholische Kirche in 
Aussicht gestellt. Aber die Sache sei noch nicht 
spruchreif von wegen der „klerikalen" Partei. Es 
handle sich aber um eine grössere Summe, und er, 
Malik, sei seiner Sache sicher." Ein österreichischer 
Ministerpräsident als Förderer und Beschützer der 
„Los von Rom"-Bewegung wäre die neueste Errungen- 
schaft in der österreichischen Geschichte. Vielleicht 
hat der Ministerpräsident noch Gelegenheit, sich dar- 
über zu äussern, ob der Bericht des Abg. Malik der 
Wahrheit entspricht. 

In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 
4. Juni 1901 sprach Ministerpräsident Dr. Koerber 
folgendes. Andere Erörterungen im Laufe der Debatte 
bezogen sich theils wirklich auf das konfessionelle 
Gebiet, theils wohten sie dem für sich bedauerhchen 
aber doch kleinen Vorkommnisse eine erhöhte Be- 
deutung geben, indem man sie auf das religiöse 
Terrain hinüber spielte. Die Regierung, die, wie ich 
wiederhole, die Vorkommnisse dieser letzteren Art 
nur lebhaft beklagt, möchte aber doch vor einer 
Uebertreibung der Wirkungen solcher Episoden war- 
nen, in dem ungleich wichtigeren Falle aber, in wel- 
chem es sich um den Glaubenswechsel einer gewissen, 
nicht grossen Anzahl von Staatsbürgern handelt, kann 
ich nicht umhin nach einem prüfenden Blick in di^ 
Geschichte zu konstatiren, dass wirkliche, tiefgreifende, 
mit ernster Gefahr verbundene religiöse Bewegungen 
anders aufzutreten pflegen, wenn ich erinnere, mit 
welcher Gewalt das Ghristenthum trotz der schwer- 
sten Verfolgungen sich die Welt eroberte, und wenn 
ich abgesehen von der Rapidität, mit welcher andere 
Bekenntnisse sich grosser Reiche bemächtigten, wenn 
ich des Tempos gedenke, mit welchem sich spätere 

18 



274 



derlei Bewegungen in Europa vollzogen haben, so 
erscheint mir diese Furcht nicht begründet, welche 
die Vorkommnisse unserer Tage begleitet und halte 
es für ausgeschlossen, dass die katholische Kirche in 
Oesterreich irgendwie bedroht ist oder auch nur be- 
droht werden kann. Ihre Gewalt über die Herzen ist 
zu gross und die Sorge für sie nicht nur in zu si- 
cheren Händen, als dass irgend eine Agitation ihr 
nahekommen könnte. Wirkliche Umwälzungen sind 
stets nur durch neue, der Gedankenwelt und der 
Empfindungs weise des Volkes zusagende Ideen her- 
vorgerufen worden, während es sich jetzt um die 
Bekehrung zu einem in seinem Wesen und seinen 
Formen längst bekannten Glauben handelt, dem keine 
Leidenschaften mehr voraneilen. Allerdings wenn 
eine Ungesetzlichkeit dabei unterliefe, hat die Staats- 
verwaltung einzugreifen und die Herren werden wohl 
überzeugt sein, dass wir es gegebenen Falls daran 
nicht fehlen lassen werden. Ein Uebermass von Polizei 
scheint mir unter allen Umständen bedenklich, über- 
dies solchen Bewegungen gegenüber unwirksam und 
ich glaube, dass die katholische Kirche sich beruhigt 
auf ihre Kraft verlassen kann. So weit sprach Dr. 
Koerber über die Los von Rom-Agitation. Man muss 
sagen, dass er schlau geredet hat und doch auf an- 
derer Seite viel zu albern, er selbst wird seinen 
eigenen Worten nicht glauben. Das Lob, welches 
hier Dr. Koerber der katholischen Kirche in Oester- 
reich spendete, ist Scheinlob, ja die ganze Rede 
Koerbers ist ein diplomatischer Lug und Trug, um 
die Nachlässigkeit der österreichischen Regierungs- 
organe zu decken, Ist ja doch Dr. Koerber Busen- 
freund der Schoenerergruppe. 

Die Judenpresse und die Alldeutschen geizten 
denn auch nicht mit dem Lobe für diese Leistung 
des Ministerpräsidenten Dr. Körber. Denn so etwas 
bringt nur ein Ministr in Oesterreich zu Stande. Das 
Organ des Juden Rudolf Mosse, das „Berliner Tage- 
blatt" schrieb darüber folgendes: Ministerpräsident 
von Körber über die Los von Rom-Bewegung. In der 
gestrigen Sitzung des österreichischen Abgeordneten- 
hauses gab der Ministerpräsident von Körber eine 



275 



bedeutsame Erklärung über die Los von Rom-Bewe- 
gung ab, wodurch er die von den Klerikalen verlangte 
Unterdrückung der Bewegung durch polizeiliche Macht- 
mittel ablehnte. Aus Wien wird darüber telegraphirt: 
Das Abgeordnetenhaus setzte in der gestrigen Abend- 
sitzung die Berathung ' des Budgetprovisoriums fort. 
Der Deutschfortschrittler Gross sprach die Geneigtheit 
zum nationalen Friedensschluss aus unter der Vor- 
aussetzung, dass die tschechische Bevölkerung ihre 
nationalen Eroberungsgelüste aufgebe. Nachdem der 
Sozialdemokrat Rieger gegen und Treuinfels Namens 
des Gentrums für das Budgetprovisorium gesprochen 
hatte, hob Ministerpräsident von Körber hervor, er 
werde nicht erlahmen, das verfassungsmässige Leben 
zu sichern, dem Gesetze für und gegen Jedermann 
Geltung zu verschaffen, das Ansehen der Volksver- 
tretung, soweit es an ihm liege, zu mehren und die 
Verwaltung zeitgemäss, nur wohlwollend und mit 
Festigkeit zu führen. „Wir werden," fuhr der Minister- 
präsident fort, „niemals gegen das deutsche Volk in 
Oesterreich, gegen kein Volk dieses Reiches regieren, 
wir wollen Gerechtigkeit für alle Völker. Darin er- 
blicken wir unsere politische Ehre, die wir unbefleckt 
erhalten werden. Ein nationalpolitisches Programm 
mag wohl hohen Werth für einen national einheit- 
lichen Staat haben, taugt jedoch nicht für ein Reich, 
dem so viele Nationalitäten angehören, weil es zu 
einer Spaltung in lauter schwache, einander bekäm- 
pfende Theile führen würde. Wir sind zu der Erkennt- 
niss gelangt, dass die gemeinsamen Interessen aller 
Nationalitäten, ihre kulturellen, materiellen und so- 
zialen Aufgaben zusammengefasst und in den Vorder- 
grund gestellt werden müssen, weil sie ohne Schädi- 
gung des nationalen Gedankens die Völker zu ver- 
binden im Stande sind". Die Los- von Rom-Bewegung 
berührend, betonte der Ministerpräsident, dass wirklich 
tiefgreifende, mit ernstlichen Gefahren verbundene 
Religionsbewegungen anders aufzutreten pflegten. Red- 
ner hält es für ausgeschlossen, dass die katholische 
Kirche in Oesterreich irgendwie bedroht sei oder 
auch nur bedroht sein könne, ihre Gewalt über die 
Herzen sei zu gross. Wenn dabei allerdings Ungesetz- 

18* 



276 



lichkeit unterlaufe, habe die Staatsverwaltung einzu- 
schreiten, und die Regierung werde es gegebenenfalls 
daran nicht fehlen lassen. Ein Uebermass von Polizei 
erscheine aber bedenklich und überdies bei solchen 
Bewegungen unwirksam. Die katholische Kirche könne 
sich ruhig auf ihre Kraft verlassen. Redner setze 
voraus, dass das patriotische Moment bei allen Parteien 
volle Berücksichtigung finde. Ueber die büdgetären 
Konsequenzen des Regierungsprogrammes erklärte der 
Ministerpräsident, dass die Regierung ein Deficit in 
den Staatshaushalt nicht werde einziehen lassen. 
(Beifall.) Er betonte die Nothwendigkeit eines defini- 
tiven nationalen Friedensschlusses zwischen den 
Parteien. Die Volksvertretung, welche eine mächtige 
Lebenskraft zur wirthschaftlichen Wiederaufrichtung 
des Reiches gefunden habe, werde sich nicht den 
Ruhm entgehen lassen, die politische Ordnung wieder- 
hergestellt zu haben. Die Regierung habe keine höhere 
Pflicht, als die Wege hierzu zu ebnen. (Lebhafter 
Beifall im ganzen Hause.) 

Nachdem noch mehrere Redner gesprochen hatten 
wurde die Verhandlung abgebrochen und die Sitzung 
um 1 Uhr Nachts geschlossen. Der Eindruck der 
Rede des Ministerpräsidenten von Körber ist im 
ganzen Lande ein sehr bedeutender. In liberalen 
Kreisen Oesterreichs erblickt man darin eine direkte 
Kundgebung des verantworllichen Staatsleiters gegen 
den Erzherzog Franz Ferdinand und seine bekannter- 
massen von der Regierung nicht sanktionirten Aeusse- 
rungen bei Uebernahme des Protektorats über den 
katholischen Schulverein. Von unserem Wiener Kor- 
respondenten erhalten wir dazu folgendes Privat- 
Telegramm : Das meiste Aufsehen erregte in der ge- 
strigen Rede des Ministerpräsidenten von Körber jene 
Stelle, wo Körber über die Los von Rom-Bewegung 
sprach, ohne sie bei diesem Namen zu nennen. Man 
betrachtet diese Stelle als gegen den Erzherzog Franz 
Ferdinand und gegen seine Reden bei der Ueber- 
nahme des Protektorates des katholischen Schulver- 
eins gerichtet. Die Worte des Ministerpräsidenten 
wurden von den freisinnigen Parteien mit lebhaltem 
Beifall aufgenommen. 



277 



Die „Neue Freie Presse" schreibt hierüber : Der 
Ministerpräsident hat ganz freimüthig gesagt, dass 
er angesichts der riesigen Macht der katholischen 
Kirche gewisse Vorkommnisse der letzten Zeit für 
gerechtfertigt halte. Zu diesen Vorkommnissen gehört 
auch die Begründung, mit welcher der Erzherzog 
Franz Ferdinad das Protektorat über den kathoh'schen 
Schulverein übernommen hat. Der Erzherzog hatte 
gesagt: Die Los von Rom-Bewegung sei zugleich 
eine Los von Oesterreich-Bewegung und könne nicht 
genug bekämpft werden. Der Standpunkt des Minister- 
präsidenten ist durchaus entgegengesetzt. Körber er- 
klärt, er werde ungesetzliche Auschreitungen mit der 
höchsten Energie niederhalten, glaube jedoch nicht, 
dass die befürchtete Gefahr wirklich drohe. Die katho- 
lische Kirche ist nach der Meinung des Herrn von 
Koerber und in Wahrheit so mächtig, dass sie wirklich 
keine Gefahr zu fürchten hat. Es war ein dringendes 
Bedürfniss, dass der Ministerpräsident sich über die 
Frage mit voller Klarheit geäussert hat. Täglich werden 
die Worte des Erzherzogs nicht allein benutzt, sondern 
verfälscht und missbraucht, um den religiösen Streit 
anzufachen und den Schein hervorzurufen, als wäre 
die österreichische Gesinnung die besondere Eigen- 
thümlichkeit und das Vorrecht einer Partei, die sich 
aus tiefem moralischen Niedergange wieder in die 
Höhe schmeicheln will, und deren Fäulniss die sitt- 
lichen Anschauungen der katholischen Kirche genau 
so beleidigt, wie die Kultur und Menschlichkeit. Der 
Ministerpräsident hat die widerwärtigen Denuncia- 
tionen dieser Partei gebrandmarkt, indem er sagte, 
dass ihm ein Uebermass von Polizei unter allen Um- 
ständen bedenklich scheine. Man sieht, wie das Juden- 
blatt schmunzelt, dass in Oesterreich der Minister- 
präsident mächtiger ist als der angehende Herrscher, 
dass höchst berufene Hüter des Staates de facto 
seine grössten Schädiger sind. Das hat denn auch Ab- 
geordneter Dr. Kramaf in den Delegationen in einer 
längeren Rede bewiesen. Dr. Kramaf hielt Anfangs 
Juni 1902 in den österreichischen Delegationen eine 
längere Rede über die Los von Rom-Agitation. 

Die Rede des Abgeordneten Dr. Kramaf hat denn 



278 



auch ihre Wirkung gehabt, sie hat den oesterreichi- 
schen Minister des Aeussern Grafen Goluchowski von 
Goluchowo aufgerüttelt und in seiner Ruhe gestört. 
Diesem Minister wurde in den Delegationen vorgeworfen 
dass er sein Amt meistens im Schlafrock und der 
Schlafhaube versieht. Das hat er denn auch wirklich 
mit seiner Antwort auf die Rede des Dr. Kramäf 
bewiesen. Man höre und staune, wie ein oesterreichi- 
scher Minister Fragen behandelt, die den Staat bis 
in sein inneres Mark aufrütteln. Goluchowski ant- 
wortete: Der Deligierte Dr. Kramaf hat in einer 
langen Rede die „Los von Rom"- Bewegung erörtert 
und mich aufgefordert, auch bei der Bekämpfung 
mitzuwirken. Ich muss gestehen, dass ich nicht weiss, 
in welcher Form ich seiner Aufforderung nachkommen 
kann. 

Dass diese Bewegung besteht, das leugne ich 
nicht; ich leugne auch nicht, dass es evangeUsche 
Vereine gibt, insbesondere den Gustav Adolf-Verein, 
die diese Bewegung unterstützen. Das sind private 
Angelegenheiten. Soweit es sich aber um die deutschen 
Regierungen, und zwar die preussische, sächsische, 
bayerische handelt, kann ich nur konstatieren, dass 
sie ausserordentlich korrekt vorgegangen sind und 
mir keinen Anlass gegeben haben, in dieser Hinsicht 
aufzutreten. Es kann ja vorkommen, dass diese Agi- 
tation, die Vorstösse dieser evangelischen Vereine in 
Oesterreich nicht immer mit den hiesigen Gesetzen 
übereinstimmen. Da ist es Aufgabe der österreichi- 
schen Regierung, dagegen aufzutreten und solche 
Uebelstände abzuschaffen. Es ist allerdings wahr und 
bedauerlich, dass wir, was die Vikare anbelangt, auf 
den Zuzug aus der Fremde angewiesen sind. Aber 
das hängt mit der Thatsache zusammen, dass wir in 
Oesterreich nicht das genügende Material erziehen, 
und wenn ich nicht irre, hat das Protestantenpatent 
vom Jahre 1864 die Verfügung getroffen, dass, soferne 
diejenigen Seelsorger, die für die evanglischen Ge- 
meinden nothwendig sind, nicht in Oesterreich erzogen 
werden, sie aus dem Ausland bezogen werden können. 
Selbstverständlich haben diese Seelsorger sich hier 
korrekt zu benehmen. Thun sie das nicht, so ist es 



279 



Sache der österreichischen Regierung, dagegen auf- 
zutreten und die nothwendigen Massregeln zu treffen. 

In China würde man einen solchen Grossmann 
darin nach einer derartigen Leistung den anderen 
Tag ganz einfach um den Kopf kürzer machen. Aber 
wir sind ja in Oesterreich. Ein reichsdeutsches Blatt 
quittirte denn schmunzelnd diese Leistung Golu- 
chowski's mit folgenden Worten : „Diese Aeusserungen 
gewinnen an Wert, wenn man im Auge behält, dass 
die unter der Flagge „Gegen die Los von Rom-Be- 
wegung" von den Tschechen und Polen nach Deutsch- 
land hin unternommenen Vorstosse den Zweck haben, 
das Deutschthum in dem Augenblicke im Südwesten 
des Reiches zu erschüttern, indem Preussen im 
Nordosten gegen die grosspolnische Agitation mit so 
grossen Opfern Schutzwälle für das Reich errichten 
muss". Wie anders haben Oesterreichs Herrscher gleich 
beim Auftreten des Protestantismus und einem Ein- 
dringen nach Oesterreich die Gefahren erkannt und 
rechtzeitige Abwehr ergriffen. Selbst der nachgiebige 
Kaiser Rudolf wehrte sich gegen das Eindringen der 
Pastoren. Er liess ein Mandat gegen die Pastoren 
publiciren, dessen AVortlaut wir hier anführen. 

Mandat an die Evangelischen Prediger 
im Lande. Wir Rudolf der andere von Gottes 
Gnaden erwählter Römischer Kayser, zu allen Zeiten 
Mehrer des Reichs etc. fügen N. allen und jeden un- 
catholischen Prädicanten, so sich bissher in unserm 
Stätten und Märkten, Herschaften, wie auch in unsern 
der Geistlichen und Gatholischen Stände und Land- 
leuth Kirchen und Pfarhen hin und wieder in unserm 
Ertz-Herzogthum Oesterreich ob der Enss aufgehalten, 
denen diss unser offen General fürkommt, zu wissens, 
Ob wir wol nach verschienen 97 Jahrs allen unsern 
nachgesetzten Obrigkeiten, Ständen, Landleuthen und 
Unterthanen durch unsere publicierte offene General 
und Mandata ernstlich befohlen, alle Prädicanten, 
die in Oesterreich ob der Enss bei unserm und der 
Gatholischen Stände Pfarhen oder sonst eingeführt 
und ausgestelt worden, oder sich eingetrungen haben, 
aufnehmen und bestellen lassen, alsobald abzuschaffen 
und feiner nicht aufzuhalten oder zu gedulden, son- 



280 



dern auf dieselbe ^ute fleissige Achtung zu geben, 
und, da sie nach Publicierung obberührter unserer 
Kayserlicher Patenten im Land antroffen oder betretten 
werden, sie gefänglich einzuziehen, die Pfarren durch 
diejenigen, denen sie zugehörig und von Alters zu 
bestellen gebührt, mit tauglichen Priestern und Pfar- 
herrn ersetzen und bestellen zu lassen, ferners und 
mehrers Inhalt solcher unserer aussgangenen Patenten. 
So haben wir doch bisshero im Werck befunden, 
dass Ihr, die Prädicanten ungeachtet jetzt angezogener 
und anderer von Uns hernach beschehenen Verordnung 
Euch in unterschiedlichen unser Stätten. Herrschaften 
und Märckten, auch andern Unsern und der Geistlichen 
und Catholischen Ständen zugehörigen Oertern und 
Pfarren noch biss dato ein Weg als den andern ver- 
messentlich und ungehorsamlich aufgehalten, und 
alle unsere Kayserliche und Landsfürstliche Mandata 
und Befelch bisher in Windeln geschlagen habet. 
Wann uns aber tragenden Aramts und Gewissens 
halber solches keines wegs länger zuzusehen noch 
zu gedulden ist hierum so gebieten Wir Euch den 
obbemelten Prädicanten samt und sonders hiemit 
von Römisch Kayserlicher und Landsfürstlicher Macht 
und wollen, dass ihr innerhalb 8 Tagen den nähesten, 
nachdem diese unsere leztte Warnung und Mandat 
verkündet und publiciert wird, Euch aus unserm 
gantzen Ertzhertzogthumb Oesterreich ob und unter 
der Enss alsbald begebet, und weiter drinnen keines- 
wegs aufhaltet oder betretten lasset. Denn da einer 
oder der ander diesem nicht nachkommen würde, so 
solle der oder dieselben als ungehorsame alsgleich 
gefänglich eingezogen und an Leib und Guth ge- 
straffet werden. Weil wir auch zu mehrmalen berichtet 
worden, wasgestalt in gedachten unserm Ertzhertzog- 
thumb Oesterreich ob der Enss sich viel apostasirte 
Priester, Mönch und Ordens-Persohnen hin und 
wieder im Land, so wohl bev unsern Landleuten, 
als unsern eigenthümblichen Stätten, Herrschafften, 
Märckten"und Pfarren aufhalten, und vor andern 
wider unsere Catholische Religion und derselben zu- 
gethane geistliche und weltliche Obrigkeit und Vor- 
steher öffentlich gantz schimpfflich und ärgerlich pre- 



281 



digen, dardurch gegen gemeinen Mann und Layhen 
nit allein schändlich verführen, sondern auch in 
Irrthum stecken, verbittern und zu allem Ungehorsam 
und Halsstarrigkeit Ursach und Anleitung geben, so 
ist hiemit weiter unser ernstlicher Befelch, Willen 
und Meinung, dass alle und jede apostasierte Priester, 
Mönch oder Ordens-Persohnen sich alsbald hinweg 
aus dem Land machen, dasselbige räumen und dar- 
innen keines wegs länger aufhalten wollen, von 
einigen Landleuten, Pflegern, Stätten, Märckten oder 
Gemeinden, vielweniger von unserm Amtleuthen, 
Officirn und Dienern im Land, wer die auch seyen, 
und unter was Schein es seyen möcht, aufhalten, 
sondern alsbald abgeschafft werden sollen, alles bey 
Vermeidung unserer Kayserlichen Ungnad und Leibs- 
Straff auch den Poen geklagten Gewalts, so nit allein 
dem Ordinario und dem Prälaten, sondern auch 
einem jedweden Interessirten einzubringen bevor- 
stehen solle. Wie wir denn unserm Landshauptmann 
und den Landräthen hiemit ernstlich auferlegen und 
befehlen, drauf schleunig zuerkennen, und wo sie 
dergleichen Persohnen betretten, dieselben gefänglich 
einziehen zu lassen, und fürters dem Ordinario oder 
ihrem Professori zuzuliefern, auch alles dasjenige, 
was zu Straffung solcher glaubbrüchigen und schäd- 
lichen Persohnen von nöthen ist, unnachlässig und 
alles Fleiss fürzunehmen und zu exequiren. Das 
meinen wir ernstlich. Geben auf unserm Schloss zu 
Podiebradt den 18. Octobr, Anno 1598, unserer Reiche 
des Römischen im 23, des Hungarischen im 27 und 
des Boheimischen im 24.*) Rudolph. 

Bekanntlich haben die Abfallführer für ihre Agi- 
tationen den Kaiser Josef IL für sich und ihre un- 
sauberen Zwecke in Beschlag genommen, aber ganz 
mit Unrecht. 

Es sei hier ausdrücklich erwähnt, dass Kaiser 
Josef IL anbefahl, dass auch in jenen Ortschaften, 
wenn sie auch nicht 700 Einwohner zählen,' eine ka- 
tholische Pfarrei zu errichten sei, wo für die Katho- 
liken wegen des engen Zusammenwohnens mit Pro- 
testanten eine Gefahr des Abfalls bestehen möchte. 



Raupach, Das evangelische Oesterreich. 



282 



XVI. Die Los von Rom-Agitation und der Iconfes- 
sionelle Standpunkt. 

Auf den berechtigten Hinweis, dass die Los von 
Rom-Agitation nichts anderes sei als eine feindliche 
Invasion des oficiellen lutherischen Preussenthums 
nach Oesterreich, wollen seine hervorragenden Treiber 
behaupten, sie hätten dabei nur die Absicht das 
„reine Evangelium" zu verbreiten. Pastor Bräunlich 
sagt in seinem Flugblatt: „Die Zustände in der deutsch- 
evangelischen Kirche Oesterreichs" (bei Lehmann in 
München 1902) unter anderem folgendes: Eine evan- 
gelische Kirche hatte aufgehört in Oesterreich zu exi- 
stieren, seitdem der dreissigjährige Krieg mit ihren 
letzten Resten aufgeräumt hatte. Erst im Jahre 1707 
war durch König Karl XII. von Schweden, und zwar 
zunächst für Schlesien, ein neuer Grund zu ihr ge- 
legt worden. In der Altranstädter Konvention hatte 
dieser Erbe Gustav Adolfs den Kaiser Josef L dazu 
genötigt, von lOOO einst den Evangelischen entrissenen 
Kirchen ihnen 120 zurückzugeben und ausserdem den 
Bau von sechs „Gnadenkirchen" zu gestatten. Von 
diesen sechs steht heute nur noch eine einzige, die 
von Tetschen, auf österreichischem Boden. Sie, die 
8000 Zuhörer fasst, ist als die Mutterkirche der gegen- 
wärtigen Kirche der Reformation in Oesterreich zu 
betrachten. Diesem Rettungswerk des Schweden- 
königs ist es zu verdanken, dass es in Oesterreich- 
Schlesien heut 90.000 Protestanten gibt, d. i. 20o/o 
aller österreichischen Protestanten oder 14% der Be- 
völkerung dieses Kronlandes. Sonst erhielt sich auf 
heut österreichischem Gebiet der Protestantismus nur 
in dem bis 1772 zu Polen gehörigen Biala, auf den 
Besitzungen der Grafen von Zedtwitz im Ascher Land- 
zipfel und in dem durch Karl VI. zum Freihafen er- 
hobenen Triest. Neue Protestantengemeinden kamen 
zu diesen durch besondere Umstände bewahrten 
alten hinzu, als Maria Theresia seit 1772 deutsche 
Ansiedler in das Polen abgenommene Galizien rief. 
Zwar nicht öffentliche, aber doch wenigstens eine be- 
schränkte private Religionsübung gestattete endlich 
der edle Kaiser Josef II. in dem berühmten Toleranz- 
edikt vom 13. Oktober 1781 seinen protestantischen 



283 



Unterthanen. 74.000, die für katholisch gegolten, traten 
damals in den verschiedenen Theilen und Volks- 
stämmen Oesterreichs (so besonders auch in Kärnten, 
Steiermark und Oberösterreich) mit ihrem evange- 
lischen Bekenntniss hervor. Ihre Lage blieb eine in 
vielfacher Hinsicht ausserordentlich beengte, bis das 
kaiserliche Patent vom 4. März 1849 endlich Glaubens- 
freiheit und öffentliche Religionsübung zugestand, um 
freilich schon zweieinhalb Jahre später von der trau- 
rigen Reaktions- und Konkordatzeit (1855) wieder 
verdrängt zu werden, welche alles bisher Erlangte in 
Frage stellte und heute noch als eine Zeit der Recht- 
losigkeit Beängstigung erregend in der Erinnerung 
der protestantischen Generation fortlebt, die jene 
Tage mit eigenen Augen gesehen. 

Nach den Niederlagen auf den italienischen 
Schlachtfeldern brach der Tag der Freiheit für unsere 
Glaubensgenossen in Oesterreich mit dem Erlass des 
Protestantenpatentes vom 8. April 1861 endlich an. 
Auf Grund desselben entwickelte sich die presbyterial- 
synodale Verfassung der dortigen evangelischen Kirche, 
welche am 6. Januar 1866 in der dann noch einmal 
(15. December 1891) revidierten Kirchenverfassung 
einen vorläufigen Abschluss fand. Seitdem und zumal 
von dem „interkonfessionellen Gesetz" des 25. Mai 1868 
ab geniessen die Protestanten in Oesterreich gesetz- 
lich volle Gleichberechtigung. Die zwei bis drei Jahre, 
welche seit jener Anfangszeit vergangen sind, haben 
eine neue kraftvollere Generation im geistlichen Stand 
des österreichischen Protestantismus in den Vorder- 
grund gerückt und jene unbestimmten Gestalten mehr 
und mehr zurückgedrängt. Dies zeigt sich vor allem 
in der durchweg der Bewegung begeisternd zustim- 
menden Haltung sämmtlicher deutsch-österreichischer 
Kirchenblätter. Vor allem ist hier die bekannte vier- 
zehntägig erscheinende und stetig an Abonnenten zu- 
nehmende „Evangelische Kirchenzeitung" in Bielitz 
und der (monatliche) „Oesterr. Protestant" in Klagen- 
furt zu nennen, denen wir hier viele Notizen ent- 
nehmen. Daneben aber auch der „Christliche Alpen- 
bote" in Gilli (monatlich), der „Grazer Kirchenbote" 
(monatlich), der „Evang. Hausfreund" in Wien und 



284 



das „Ev. Vereinsblatt aus Oberösterreich". Neu hinzu 
kam 1901 die „Wiener Oesterr. Evang. Gemeinde- 
zeitung" (vierzehntägig). Die Herausgeber dieser Blätter, 
nämlich die Pastoren Dr. Schmidt und Modi in Bie- 
litz, May in Gilli, Eckardt in Graz, Professor P. D. 
V. Zimmermann, Oberkirchenrath Dr. Witz in Wien 
und P. Schwarz in Waiern sind wie manch andere, 
vor allem Superintendent Gummi in Aussig, Pastor 
Antonius in Wien, Molin in Gablonz u. s. w. ebenso 
viele energische Vertreter eines tapferen Protestan- 
tismus und warme Fürsprecher, ja oft begeisterte 
Vorkämpfer der evangelischen Bewegung. Soweit der 
Protestantismus in Oesterreich heute in der Oeffent- 
lichkeit sich bemerkbar macht, hat man den erfreu- 
lichen Eindruck, als wäre aller Orten ein neuer mehr 
oder minder apostolischer Geist in die Reihen seiner 
Pastoren eingezogen, wie er sich zuerst in jenen ver- 
traulichen Konferenzen, die eine Anzahl österreichischer 
Pfarrer zu Anfang December 1898 in Wien abhielten, 
sowie in dem aus ihnen hervorgegangenen öffentlichen 
Protest zuerst der 15 Theologen gegen Johanny, dann 
der Erklärung der über 100 evangelischen Pfarrer und 
Presbyterien für die Los von Rom-Bewegung und 
endlich in den Beschlüssen der Landessynode hin- 
sichtlich der Los von Rom-Bewegung vom 5. No- 
vember 1901 kund gab. Letztere lauteten bekannthch 
folgendermassen: „1. Die evangelische Generalsynode 
A. B. als eine rein kirchliche Körperschaft findet es 
nicht in ihrem Wirkungskreis gelegen, über die in 
der römisch-katholischen Kirche entstandene „Los von 
Rom-Bewegung" zu urtheilen, soweit dieselbe poli- 
tischen Beweggründen entspringt und von solchen 
genährt wird. 2. Die Generalsynode begrüsst aber 
freudig alle aus Ueberzeugung erfolgten Uebertritte 
und erhofft von den Uebergetretenen eine gewissen- 
hafte Erfüllung der übernommenen sittlichen und re- 
ligiösen Verpflichtungen. 3. Angesichts der Schwierig- 
keiten der kirchlichen Versorgung der neuentstandenen 
Gemeinden spricht die Generalsynode allen Freunden 
und Förderern dieser Bewegung den Dank aus. 4. Die 
Generalsynode erwartet, dass die Geistlichen und 
Amtsträger der evangelichen Kirche ebenso frei 'von 



285 



agitatorischem Auftreten, wie frei von Menschenfurcht 
in patriotischer und dynastischer Treue ihre Amts- 
pflichten zum Heile der Kirche und des Staates auch 
fernerhin erfüllen. 5. Die Generalsynode beklagt es 
aufs tiefste, dass von Seiten der Staatsbehörden, zumal 
der unteren Instanzen, gegenüber der Bewegung ein 
Uebelwollen platzgegritfen hat, das bereits durch Straf- 
versetzungen wegen Ueberlrittes zum Ausdruck ge- 
kommen ist. 6. Die Generalsynode gibt ihre Entrüstung 
kund über die gegen Luther und die Reformation 
sogar von der Kanzel herab gerichteten Verleum- 
dungen. 7. Sie legt entschiedenste Verwahrung ein 
gegen die von derselben Seite erhobenen Verdächti- 
gungen des Patriotismus und der Treue gegen den 
Kaiser, in welchem die Evangelischen den Verleiher 
des Protestantenpatentes in aufrichtiger Dankbarkeit 
verehren." 

Bräunlich beschwert sich über die Konfiskation 
protenstantischer Schand-Flugblätter und tröstet sich 
mit folgenden Worten : Uebrigens gibt es für jeden 
Hieb eine Parade. So schrieb mir zum Beispiel Eisen- 
kolb (1901) über die Konfiskation von evangelischen 
Flugschriften, dass er nunmehr die Aufnahme fast 
aller unserer Flugblätter in das stenograpraphische 
Protokoll des Reichsraths als Interpellationen er- 
zwungen habe, so dass sie nun als „Auszüge aus 
dem stenographischen Protokoll des Reichsrathes" 
beliebig öffentlich verbreitet werden könnten. Dann 
setzte er hinzu: „Ferner haben unsere Flugschriften 
auf Kosten, aber zum Segen Oesterreichs (durch das 
stenographische Protokoll) in allen Kronländern Ver- 
breitung gefunden und drangen in solche Kreise, in 
welche wir sonst keinen Zutritt gehabt hätten. Alle 
425 Abgeordneten und überdies die Herrenhausmit- 
glieder bekommen das stenographische Protokoll un- 
entgeltlich; dazu kommen noch die Abonnenten." 
Wass wollen wir eigentlich mehr? Fällt einem da 
nicht unwillkürlich das Wort ein: „Die Menschen 
gedachten es böse zu machen, aber Gott machte es 
gut?" Und ähnlich ist's schliesslich mit aller Verfol- 
gung. Vor 1898 hatten die Protestanten in ganz 
Oesterreich kein einziges Tagesblatt, das direkt ihre 



286 



Interessen verfocht, heut' ist die ganze, überaus zahl- 
reiche alldeutsche Presse stramm protestantisch, pro- 
testantischer als die protestantischeste Zeitung im 
protestantischen deutschen Reich. Und die übrigen 
nichtultramontanen Blätter geben ihr zum Theil kaum 
etwas nach, oder sind uns doch in ihren Sympathien 
ein gut Stück näher gerückt. Und wie sie nur die 
Volksstimmung wiederspiegeln, das haben die Wahlen 
zum Reichsrath Neujahr 1900 bewiesen mit ihren 
Siegen der alldeutschen Los von Rom-Partei, die von 
7 Abgeordneten auf 21 heraufschnellte, und mit der 
Wahl von Männern anderer Parteien, die theils sich 
schon von Rom los gemacht haben, theils recht nahe 
daran sind. Im Sommer 1901 aber haben die böh- 
mischen Landtagswahlen den gleichen Beweis er- 
bracht, bei welchen der eine Abgeordnete Wolf allein 
mehr Stimmen in seinem Wahlkreis erhielt, als alle 
klerikalen Kandidaten zusammengenommen, wo von 
den beiden bisherigen christlich-socialen (krypto- 
klerikalen) Abgeordneten der Pater Opitz nicht wieder 
gewählt wurde, die Alldeutschen aber zu den bishe- 
rigen 10 noch 15 Mandate mehr hinzu eroberten, 
während sie auch dort, wo ihre Kandidaten nicht 
durchdrangen, beträchtliche Minderheiten erzielten. 
Zum Schlüsse seiner Flugschrift sagt Bräunlich fol- 
gendes. Man darf als Resultat dieser dreijährigen 
ausserordentlichen Entwicklung wohl zusammenfassend 
erklären: „Die Befürchtungen, welche von evangelisch- 
kirchlicher Seite an die Los von Rom-Bewegung an- 
fangs geknüpft wurden, sind in keiner Weise einge- 
troffen, vielmehr gab diese Bewegung für die evange- 
lische Kirche Oesterreichs das Signal zu einem glän- 
zenden Vormarsch in jeder Beziehung." Man sieht 
aus der Resolution der Landessynode, dass ihre 
Thcilnehmer getrieben vom schlechten Gewissen die 
Los von Rom-Agitation als eine rein religiöse, den 
Bedürfnissen der evangelischen Bekenner entsprun- 
gene Bewegung darzustellen suchen. Aber Niemand 
wird dieser Proklamation der Synode Glauben schen- 
ken, wiederlegt sie doch Pastor Bräunlich mit seinen 
eigenen Worten später selbst. Wir können uns hier 
unmöglich mit der theologischen Seite des Protestan- 



287 



tismus befassen, um darzuthun, dass das officielle 
preussische Lutherthuin weder früher noch heute 
noch in der Zukunft berechtigt ist die katholischen 
Länder Oesterreichs zu unterwühlen mit der angeb- 
lichen Absicht das reine Evangelium zu verbreiten. 
Ueber das Entstehen und das Wesen des Protestan- 
tismus haben wir ja eine ungeheuere Literatur. Wer 
sich nur die Mühe nehmen wollte und Janssen's „Ge- 
schichte des deutschen Volkes seit Ausgang des 
Mittelalters", dann das grosse Werk Georg Evers : 
„Martin Luther", der wird ein derartig massenhaftes 
wissenschaftlich geschichtliches und theologisches 
Material hier vorfinden, dass er zum Schlüsse dazu- 
kommen muss, um dem Protestantismus als solchem 
jede Berechtigung abzusprechen eine Invasion in 
katholische Länder zu unternehmen, es sei denn, 
dass dieser Einbruch nicht das „Evangelium", wohl 
aber das Schwert des Eroberers im Hintergrunde 
führt. 

Die grösste Zahl der Pastoren beider protestan- 
tischen Konfessionen glaubt heute weder an Christus 
als Sohn Gottes und Welterlöser, noch an die Gött- 
lichkeit des Evangeliums. Im Mai 1902 tagte eine 
Synode der Pastoren der westlichen Schweiz in Lau- 
sanne. Professor Emery aus Bern behauptete im länge- 
ren Vortrag, dass es überhaupt eine göttliche Offen- 
barung und ein göttliches Erlösungswerk nicht gebe. 
Weder Christus noch Paulus haben eine göttliche 
Lehre verkündigt. Die Mehrheit der anwesenden 
Pastoren akceptirte den Inhalt des Emeryschen Vor- 
trages. Es gibt massenhafte Beweise, dass ein grosser 
Percentsatz der Pastoren beider Konfessionen über- 
haupt an eine göttliche Sendung der christlichen 
Kirche nicht glauben. 

Im Jahre 1890 schrieb Paul de Lagarde, eine 
protestantische Autorität, eine Schrift (neugedruckt 
Tübingen 1897) mit dem Titel: Ueber einige Berliner 
Theologen und was von ihnen zu lernen ist. In die- 
ser Schrift steht folgendes zu lesen: „Der erste Schritt 
zum Besseren muss die Einsicht sein, dass es mit 
dem Protestantismus vorbei ist." (S. 97.) — „Die 
Kirche der ,Reformation' würde die sie jetzt Ver- 



288 



tretenden ausstossen." (S. 98.) Dass es mit dem 
Protestantismus in Deutschland endgiltig vorbei ist, 
erhellt aber auch noch aus viel wichtigeren anderen 
Thatsachen. Das Volk ist nicht mehr protestantisch, 
vorausgesetzt, dass man den Namen Protestantismus 
in seinem ursprünglichen Sinne nimmt. Die Bibel 
wird als Ganzes nicht mehr gelesen. Die Gemeinde 
begnügt sich mit einzelnen, oft in ungehörigster und 
lächerlichster Weise aus dem Zusammenhang gerisse- 
nen und missverstandenen Sprüchen. Weil sie dies 
thut, lehnt sie sich nicht gegen Luther's ihr als Ganzes 
unbekannt bleibende üebersetzung auf, welche im 
19. Jahrhundert ein Recht geduldet zu werden noch 
in erheblich geringerem Masse besitzt, als die in der 
Zeit des Humanismus angefertigten Uebersetzungen 
klassischer Werke der lateinischen Literatur. Die 
Grundlehre Luther's, dass der Mensch gerechtfertigt 
werde ohne Werke, allein durch den Glauben, ist so 
weit vergessen, dass die ernsthafteren protestantischen 
Geistlichen nur durch gute Werke sich in ihren Ge- 
meinden Duldung verschaffen. Sie nehmen sich der 
Armenpflege an: um die für diese nöthigen Mittel 
zu erwerben, heissen sie Lampenteller oder Stroh- 
decken flechten, sammeln sie Apfelkerne, Postmarken, 
Gigarrenabschnitte, verkaufen sie Arzeneien gegen die 
Fallsucht und Aehnliches. Auch die Krankenpflege 
des Katholicismus hat Aufnahme gefunden. Der 
, Glaube' verbleibt der Predigt: aus dem Leben ist 
er verschwunden. Diejenigen Geistlichen, welche nicht 
die guten Werke für sich in den Kampf führen, helfen 
sich mit der Pose und mit der Phrase pflegen aller- 
dings so unverändert dieselben zu bleiben, wie Kolle- 
gienhefte eines pflichtvergessenen Professors, und 
helfen darum auf die Dauer soviel, wie diese. Sehr 
gering ist die Zahl der Geistlichen, welche auf pro- 
testantischen Kanzeln wirksam predigen: aber keiner 
von ihnen gedenkt auch nur mit einer Silbe des Pro- 
testantismus und der Reformation: die Liebe solcher 
Männer gehört Zeiten und Ideen, welche weit vor 
der „Reformation" des 16. Jahrhunderts liegen. Der 
Protestantismus ist im Volke eine Macht nur, soferne 
er die dem Volke srenehmen Stichwörter der Politik 



289 



und Gesellschaft wiederholt, also nicht, weil er über, 
sondern weil er unter dem Volke steht: soferne er 
sich dazu hergibt, Anschauungen und Menschen zu 
weihen, welche sich mit irgend welcher christlichen 
Frömmigkeit nicht vertragen und doch geweiht sein 
wollen. Er ist eine Macht nicht als Leiter des Volkes, 
sondern als Mundstück aller hinter den Anforderun- 
gen des Lebens zurückgebliebenen, werdefaulen und 
bedenklichen Reste früherer Tage. Der Kultus des 
Heros Luther ist die Maske für diese Bestrebungen. 
Der Protestantismus ist dem Volke so gleichgiltig, 
dass es die gleich zu schildernde Kirchenpolitik der 
Regierungen gar nicht als Tyrannei empfindet. Die 
Regierungen sehen in dem Protestantismus ein Mate- 
rial, das hier und da dienen kann, um irgend welche 
durch Wildwasser der politischen Entwickelung ver- 
ursachte Deichbrüche zu stopfen. Sie haben daher 
dem Protestantismus so viele Päpste gesetzt, als es 
in Deutschland selbstständige Kirchenverwaltungen 
gibt, und diese Verwaltungen sind gewöhnt, für 
Protestantismus stets das auszugeben, was höheren 
Ortes gerade gewünscht wird. Die Könige Friedrich 
der Zweite, Friedrich Wilhelm der Erste, Zweite, 
Dritte, Vierte haben sehr von einander verschiedene 
Protestantismen vertreten, die Minister Wöllner, Alten- 
stein, Eichhorn, Ladenberg, Raumer, Bethmann-Holl- 
weg. Mühler, Falk haben dasselbe gethan. Jeder dieser, 
die anderen ausschliessenden Machthaber findet in 
dem reichen Vorrathe Protestanten, den Deutschland 
beherbergt, sofort Personen, die zu seiner Hilfe an- 
getanzt kommen, wann Hilfe verlangt wird. Sowie der 
Maschinenmeister klingelt, verschiebt sich die Dekora- 
tion. Sydow und Websky verschwinden in der Ver- 
senkung, und Stöcker tritt aus den Kulissen. Oder 
aber umgekehrt. Einheit des Kostüms der Protestanten 
ist höheren Ortes unerwünscht, da man für die ver- 
schiedenen Scenen auch verschiedene Staffage braucht. 
Die Leute stehen bereit und kommen auf das Stich- 
wort. Ein ,an die Wand drücken', wie es politischen 
Parteien gegenüber ab und zu nöthig wird, ist den 
kirchlichen Parteien gegenüber nicht erforderlich. Der 
Protestantismus frisst aus jeder Hand. Die Wissen- 

19 



290 



Schaft ist mit dem Protestantismus fertig. Die Bibel 
ist ihr nicht das irrthumlose Wort Gottes. Nur doch 
die „Missourier" glauben in diesem Artikel dem 
lutherischen Bekenntnisse gemäss : sogar in Mecklen- 
burg muss der rechtgläubige Pfarrer Brauer das Feld 
räumen. Selbst die nur wenig heller als die Missourier 
gefärbten Theologen Leipzigs holen als Ausleger des 
alten Testaments den Dänen Buhl, da Deutschland 
sogar in seinen gläubigsten Kindern kritisch , durch- 
seucht' ist . . . Die Geschichte ist mit dem Protestan- 
tismus fertig. Denn wo der Protestantismus in Deutsch- 
land den Fuss hingesetzt hat, verarmten die Herzen . . . 
Es ist durch den Protestantismus alles ordinär ge- 
worden .. . Weiter: der grosseste politische Fehler 
unseres Jahrhunderts, die Gründung Kleindeutschlands, 
ist ein Werk protenstantischer Furcht vor dem katho- 
lischen Oesterreich. Wenn es irgend möglich ist, darf 
die Kirchenpolitik Deutschlands den Fehler nicht 
wiederholen, welchen — vom eigentlich politischen 
schweige ich — die sogenannte Reformation began- 
gen hat. Man muss die alten Formen nicht zerschlagen, 
sondern mit neuem Inhalte füllen ..." 

Die grösste Revolution im protestantischen Lager 
hat wohl der berliner Theologieprofessor Harnack 
hervorgerufen durch seine Vorlesungen „über das 
Wesen des Ghristenthums" im Wintersemester 1899- 
1900 an der Universität in Berlin. In kurzer Zeit 
wurden 150.000 Exemplare dieser in Druck erschiene- 
nen Vorträge verbreitet. Sämmtliche jüngere Genera- 
tion der Pastoren schwört auf Harnack. Harnack sagt 
folgendes: Wunder sind nicht möglich. Wir wissen 
von Jesu, dem Stifter der Kirche, bis zu seinem 30 
Jahre nichts und wissen von ihm nach seinem Tode 
und seinem leergefundenen Grabe auch nichts. Jesus 
gehöre selbst nicht in's Evangelium, das nichts an- 
deres als Gott und die Seele allein zum Inhalt habe ; 
Jesus sei aber irgendwie, was eben sein Geheimniss 
bleiben müsse, zu dem Gedanken gekommen, Gottes 
Sohn zu sein, in doch anderem Sinn, wie wir Gottes 
Kinder sind; dieser Sinn erschöpfe sich jedoch in der 
tieferen Gotteserkenntniss ; wir dürfen aus dem Ghri- 
stenthum ja keine Lehre machen; das Ghristenthum 



291 



sei eben nichts anderes als das Erlebniss, dass Gott 
unser Vater sei; wir mögen allenfalls das von Jesus 
gestiftete Abendmahl als Gemeinsamkeitszeichen bei- 
behalten, und ebenso die Taufe als Gemeindesitte un- 
bekannten Ursprungs (Taufe noch immer auf den drei- 
einigen Gott? oder auf wen?!?); nur als Sacramente 
oder Gnadenmittel soll man sie nicht ansehen; in's 
Evangelium gehöre nur dreierlei, nämlich: a) die 
Erkenntniss vom innerlichen Kommen des Reiches 
Gottes, b) dieses sei identisch mit dem Erleben und 
der Erkenntniss Gottes, als unseres Vaters, wodurch 
uns denn auch der unendliche Werth der Menschen- 
seele aufgehe, c) diese Erkenntniss treibe uns, ein- 
ander lieb zu haben, und diese Menschenliebe, mit 
der Demuth geeint, sei der einzige denkbare Gottes- 
dienst. Ausser diesen einfachen Erkenntnissen gehört 
nichts, gar nichts in's Evangelium, namentlich keine 
Gnadenmittel und Sacramente, keine Riten, Lehren 
und Bekenntnisse (cf. 5). Der katholische Professor 
Reinhold in Wien sagt in seiner Gegenschrift, pag. 92 : 
Das Gesammt-Resultat der Darlegungen Harnack's 
über das Wesen des Ghristenthums ist jedenfalls ein 
verblüffendes. Dieses Ghristenthum ist mosaikmässig 
zusammengesetzt aus Naturalismus, Humanitäts-Moral 
und Pietismus, die durch eigens dazu ausgewählte 
evangelische Texte eine christliche Färbung erhalten. 
In diesem Ghristenthum gibt es nichts Uebernatür- 
liches. Jesus war ein Mensch, wie alle Andern, pre- 
digte eine edle Sittenlehre, aufgebaut auf das Gebot 
der allgemeinen Menschenliebe. Nur Bornirtheit der 
Zeitgenossen dichtete ihm Wunder an. — Dieses 
Wesen des Ghristenthums ist ein sehr einfaches und 
bequemes, es hat nur einen Fehler, — es ist nicht 
das Ghristenthum der Evangelien. Harnack sagt von 
der katholischen Kirche, „dass es das gewaltigste Ge- 
bilde sei, welches die Geschichte kennt, dass sie die 
romanisch-germanischen Völker zur Kultur erzogen, 
ihnen bis zum 14. Jahrhundert Führerin und Mutter 
gewesen, und noch jetzt sich der politischen Bewe- 
gung gewachsen gezeigt, die Selbständigkeit der Re- 
ligion und Kirche aufrecht erhalten, zu allen Zeiten 
und noch jetzt Heilige erzeugt habe, während dem 

19* 



292 



gegenüber nach Harnack's Zeugniss die evangelische 
Kirche in Staatskirchen getheilt, innerlich zerspalten^ 
nach noch mehr Freiheit und Individualität verlange, 
von Anfang an sittlich lax gewesen, nur ein Zerrbild 
der in den Evangelien gezeichneten Kirche Christi 
darstelle. 

Man kann sich nun vorstellen, dass ältere Pastoren^ 
die sich noch zur alten lutherischen Ueberlieferung^ 
bekennen, gegen Harnack sich wehrten, und Gegen- 
schriften herausgaben, aber sie fanden nur bei den älte- 
ren Lutheranern Anklang. Die Masse der jüngeren prote- 
stantischen Generation denkt nach Harnacks Recept. 
Was der Protestantismus auf dem religiösen Gebiete 
leistet, davon gibt einen Beweis Max Bewers Buch 
„Gedanken". Im Kapitel „Christus" steht folgendes 
zu lesen : Es ist durch Forschung festgestellt, dass 
ungefähr 1500 Jahre vor Christus, aber vielleicht auch 
sehr viel früher schon, eine deutsche Einwanderung 
in Galiläa stattgefunden hat. Eine blonde, blauäugige 
Rasse mischte sich mit dem schwarzen Typus des 
Orients. Abel und Kain sind so verschieden wie Esau 
und Jakob; aus dem Wohllaut der Psalmisten, au& 
dem Muth der Makkabäer, aus der geistigen Energie 
der Propheten, aus dem seelischen Ernst des Täufers 
Johannes, aus den ehrlichen Aposteln spricht deutsches 
Blut. Von Christus selbst sagt bekanntUch eine jüdische 
Sage, dass Esaus Geist in ihn gefahren. Von seinen 
leiblichen Brüdern ist er nach seinen eigenen Worten 
jedenfalls nicht weniger verschieden, wie Esau von 
Jakob. Markus erzählt: „Und es kam seine Mutter 
und seine Brüder und standen draussen, schickten 
zu ihm und Hessen ihn rufen. Und sie sprachen zu 
ihm : Siehe, Deine Mutter und Deine Brüder draussen 
fragen nach Dir. Und er antwortete ihnen und sprach r 
Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er 
sah ringsum auf die Jünger, die um ihn im Kreise 
sassen und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und 
meine Brüder. Denn wer Gottes Willen thut, der ist 
mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter". 
Weiter berichtet Markus : „Und er ging aus von dannen 
und kam in sein Vaterland. Und da der Sabbath kam, 
hob er an zu lehren. Und Viele verwunderten sich 



293 



und sprachen: Woher kommt denn solches? Ist er 
nicht der Maria Sohn und der Bruder Jakobi und 
Josas und Judä und Simonis? Sind nicht auch seine 
Schwestern bei uns? Und sie ärgerten sich an ihm. 

Es ist bekannt, dass gerade um die Zeit vor 
Christi Geburt sehr viele Deutsche unter den Römern 
Kriegsdienste thaten. Hundert Jahre vor Christus 
waren ungezählte Heereszüge von Schleswig-Holstein 
in Oberitalien erschienen, deren Blut trotz, ihrer 
Niederlage nicht ganz im römischen umgekommen 
sein wird. Seit Caesars Zeiten war der Blutverkehr 
zwischen Rom und dem Niederrhein ein äusserst leb- 
hafter geworden. Kurz vor der Zeit vor Christi Geburt, 
hat in Galiläa deutsches Blut gewirkt. Dem Gott, der 
zart in ihm Christ erwachte, trat der Teufel in voll- 
gerüsteter Person entgegen. Nach dem höchsten 
jüdischen Glückbegriff will er ihm Macht geben, so 
weit sein Auge reicht. Alle Völker der Erde fressen, 
das ist ja eines Juden Gottessegen. Es ist das gesammte 
jüdische Gesetz, das ihm im Tempel mit geistvol- 
lem Rabbinerwitz beigebracht wurde, das er, hier 
mit einem Schlag und einem Wort überwindet. 
Apage! Gott hat in ihm gesiegt; deutsches über jüdi- 
sches Blut. Vater und Sohn sind ihm vereinigt, und 
es beginnt der göttliche Enthusiasmus seiner heim- 
gekehrten Seele. Wenn Christus sagt, das Heil kommt 
von den Juden, so sagt und denkt er nichts andres, 
als der Tag kommt aus der Nacht. Er meint hier 
das Gleiche, was Goethe von den Farben sagt, dass 
-sie durch eine Trübung gegangenes Licht sind. Alle 
Schöpfung beruht auf einer Mischung und einer Aus- 
einandersetzung. Vater und Mutter mischen sich in 
einer wonnigen, Kind und Mutter scheiden sich in 
einer bitteren Stunde. . . . „Weib, was habe ich mit 
Dir zu schaffen?" . . . Die Welt ist ein ewiger Tod, 
der stets mit einer Geburt endigt. Die Wiedergeburt 
Christi ist der Tod der Juden, so zäh ihr Leben ist. 
Denn Christus bedeutet die fortgesetze Auseinander- 
setzung des Guten mit dem Bösen. 

Ein Jenseits von Gut und Böse gibt es nicht. 
Gut und Böse erfüllen die Welt bis auf den letzten 
Winkel, bis in das letzte Geschöpf. Gott und Teufel 



294 



horrent vacuum ; wo der Eine nicht ist, ist der Andere» 
Also muss der eine dem andern bis in den letzten 
Winkel der Welt Platz machen oder Platz streitig- 
machen. „Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich !'^ 

So spricht nur ein Blut, das auf Tod und Leben 
vom Kampf wieder das Böse erfüllt ist. Und Gott 
und Teufel können zur einer entscheidenden Schlacht 
nicht anders zusammengeraten, als in Blut. In Christus 
gerieten sie aneinander; der Kampf der ganzen Schöp- 
fung tobte in dieser einen Brust; aber noch am Kreuz 
bekannte er ungebeugt die Farbe Gottes und des 
Guten. Die Farbe, die am kräftigsten aus dem Prisma 
hervorbricht, ist Roth ; die am längsten an ihm haften 
bleibt, ist Blau. Rothes und blaues Blut. Das eine ist 
die Farbe reiner Geschlechter, die in der Heimat 
edle, ritterliche Gesinnung pflanzen. Das andere ist 
die Farbe kämpfender Helden, die auf fremder Erde 
die Gesinnung der Väter mit ihrem Blut bezeugen. 
Christus gehört zu diesen. In der Fremde bezwingt 
er das schwarzseelige Judenthum mit seinem Blut. 
Und indem er im Gold der Zukunft als Richter und 
Sieger leuchtet, kündet er prophetisch die Farben 
seiner wahren Heimat an: Schwarzrothgold. 

Er selbst sagt, dass er sich mit seinem Gottesthum 
von den Juden und zu den Deutschen wenden werde. 
„Ich sage euch: das Reich Gottes wird von euch 
genommen und einem Volke gegeben werden, dass 
die Früchte desselben hervorbringt." „Es wird den 
Heiden gegeben werden," übersetzt Luther ungenau. 
Im Gegensatz zu dem auserwählten jüdischen Volk 
kann nur dasjenige Volk unter den Heiden gemeint 
und auserwählt sein, welches die göttlichsten Früchte 
hervorbringt. Denn Christus richtet nach der Güte. 
Die Letzten macht er zu den Ersten. Die Ersten zu 
den Letzten. Er ist Aristokrat. Und die Besten und 
Ersten unter den Heiden sind die Deutschen. Das 
deutsche Gemüth ist der Boden, der tausendfältige 
Frucht getragen hat; das jüdische Herz w^ar der 
steinige Grund, auf der Christi Milde unter die Dornen 
des Spottes und der Leiden fiel. Wie man den Baum 
an seinen Früchten erkennt, so erkennt man Christus 
an den Deutschen. An den Früchten, die der christ- 



295 



liehe Geist unter den Deutschen getragen, erkennt 
man, dass Christus deutsch ist; Saft von ihrem Saft ; 
Blut von ihrem Blut. 

Die rührende Häuslichkeit seines Geistes, die 
ihn wie ein Kind mit den Dingen der Natur spielen 
lässt mit den Lilien auf dem Felde, den Trauben 
am Weinstock, den Vögeln in der Luft, mit Sonne, 
Mond und Sternen, ist von deutscher Tiefe und Ein- 
falt. Er geht so zart, so sinnig und feinfühlend mit 
ihnen um, wie ein Kind, das krank war und dem 
zu Wiedergenesung der Vater die schönsten Dinge 
des Himmels und der Erde als Spielzeug für die 
verfeinerten Hände und Sinne gab. Wie nach einem 
schwerem Gewitter scheinen sich die Lilien auf dem 
Felde vor seinen Augen rein, frisch, doppelt klar und 
hell zu wiegen. Die kranke Schwüle des Orients ist 
von ihm geweht. Das deutsche Rembrandtbuch spricht 
von Christi trüber Freundlichkeit; aber diese Trübe 
ward brunnenklar im Todesernst aus Menschenliebe. 
Klar und hart wie ein Stahlbrunnen, der für den 
Sanftmütigen und Bescheideaen Kühlung, für schamlos 
und sündig erhitzte Geister den Tod in sich trägt. 
Die Zunge, die ihm nach messianischer Weissagung 
stockend am Gaumen klebte, löste sich gleich der 
seelischen Trübung und „seine Rede ward gewaltig.'^ 
Ueber seine Gestalt schüttelten die Leute den Kopf; 
alle die ihn sahen, spotteten seiner und hielten ihn 
für einen Aussätzigen; „Gestalt und Schöne hatte er 
nicht." Und tief bescheiden, wie sein Aussehen war, 
fragte er den Petrus mit kindlicher Zartheit: „Hast 
du mich lieb, Petrus ?" Und alle, die ihn kannten 
und früher vielleicht über ihn gespottet, liebten ihn 
nun. Denn von seiner Seele kann man schreiben, wie 
von seinen Kleidern geschrieben ist, „sie wurde 
glänzend und überaus weiss wie der Schnee." Aus 
dem, was hier Max Bewer geschrieben hat, sieht 
man, dass der deutschnationale Wahn nicht ein- 
mal die Person Christi verschont. Das sind aber die 
Früchte der freien protestantischen Bibelforschung. 
Dass die Invasion der protestantischen Pastoren nach 
Oesterreich mit der Religion nichts zu thun hat, 
erhellt auch daraus, dass die protestantischen Seel- 



296 



sorger, wenn es ihnen wirklich nur um das „Evan- 
gelium" ginge, zu Hause in Preussen-Deutschland 
mehr als genug zu thun hätten, um die eigenen 
Glaubensgenossen zu ihren religiösen Pflichten an- 
zuhalten. Sind doch allgemein bekannt die Klagen, 
dass protestantische Kirchen Sonntags sehr öde aus- 
sehen, die Zahl der Kirchenbesucher protestantischer 
Konfessionen ist eine sehr geringe, besonders in den 
grösseren Städten. Die Unfruchtbarkeit des Protestan- 
tismus auf dem moralischen Gebiete ist beson- 
ders erwiesen durch die stetig wachsende Kriminalität 
im heutigen Preussen-Deutschland. Machen wir nun 
einige Einblicke in die Kriminalstatistik Deutschlands 



Jahr 





Zahl der verurtheilten Per- 


Von den Verurtheilten 




sonen 


in Deutschland we- 


waren noch nicht 18 




gen Verbrechen und Vergehen 


Jahre alt 




gegen 


dle Reichsgesetze 




1891 




391664 


42312 


1892 




422327 


46496 


1993 




430403 


43746 


1894 




446110 


45554 


1895 




454211 


44384 


1896 




456999 


44275 


1897 




463385 


45329 


1898 




477807 


47986 


1899 




478139 


47512 


1900 




469819 


486)7 



Wir haben hier nur eine Generalübersicht der 
Kriminalstatistik gegeben, um nur darauf hinzuweisen, 
dass die Zahl der justificirten Personen in Deutschem 
Reiche stetig zunimmt, besonders ist die Zunahme 
der jugendlichen verurtheilten Personen im stetigen 
Steigen begriffen. Nach der Volkszählung vom J. 1890 
hatte Deutschland 31,026.810 Protestanten und 
17,674.921 Katholiken. Demnach können mir mit Fug 
und Recht behaupten, dass die protestantischen Pa- 
storen, falls es ihnen um das Evangelium zu thun 
wäre, zu Hause mehr als genug zu thun hätten. 

Sehr interessant ist die Rubrik der Verurtheilten 
Personen wegen Unzucht und Nothzucht. Demnach 
war die Zahl der Verurtheilten in Deutschland folgende: 



297 



Zahl der Verurtheilten davon noch nicht 18 Jahre ult 

im J. 1891 3332 807 

1892 3440 870 

1893 3859 914 

1894 4144 )017 

1895 4221 948 

1896 4539 976 

1897 4222 826 

1898 4560 921 

1899 4650 907 

1900 4812 935 



Wir haben diese Rubrik abgesondert angeführt, 
weil gerade die Unzucht-Kriminalstatistik ein Spiegel- 
bild der Moralität der Bevölkerung in besonders 
qualificirter Bedeutung ist. Und auch in dieser Ru- 
brik ist ein stetiges Steigen zu verzeichnen ; also, 
meine Herren Pastoren, an Arbeit zu Hause fehlt es 
wahrlich nicht, bleibt also daheim und verkündigt 
die Lehren des Evangelium zu Hause, wo euch unter 
der Hand die Zahl der Justificirten stetig wächst, 
-also die Zahl derjenigen, die vom Evangelium nichts 
wissen und nichts hören wollen. 

Dass protestantische Pastoren genug zu Hause 
zu thun hätten, glauben wir durch einen anderen 
Hinweis auf pathologische Zustände im heutigen 
Preussen-Deutschland beweisen zu können, wir meinen 
die Selbstmorde. Die Zahl der Selbstmorde im Deut- 
schen Reiche ist folgende: 





Zahl der Selbstmorde. 


Jahr 189Ö 


10510 


„ 1896 


10888 


, 1897 


11013 


„ 1898 


10835 


„ 1899 


10761 


„ 1900 


11393 



Schon diese kurze Reihe von Jahren gibt einen 
sehr traurigen Beweis, dass die pathologischen gesell- 
schaftlichen Verhältnisse in Preussen-Deutschland 
durchaus nicht rosig sind, die Zahl der Selbstmorde 
im Deutschen Reiche ist im stetigen Steigen begriffen. 
Auf diesem Gebiete dürfte wohl Deutschland an erster 



298 



Stelle unter den sogenannten Kulturstaaten Europas 
stehen, was doch nicht für den Protestantismus sehr 
empfehlend wäre. 

Die Selbstmorde in Deutschland rekrutiren sich 
vornehmlich aus protestantischen Provinzen. Hier 
sind die ziffernmässigen Belege dazu. 

Absolute Zahl der Selbst- Auf 100.000 Einwohner 









morde 


, 


entfallen Selbstmorde. 


Jahr 1895 1896 1897 


1895 


1896 


1897 


Ostpreussen 


)7 


291 


290 


301 


15 


14 


15 


Westpreussen 


» 


195 


208 


189 


13 


14 


12 


Berlin 


}j 


480 


531 


520 


29 


31 


30 


Brandenburg 


n 


791 


873 


853 


28 


31 


29 


Pommern 


n 


271 


275 


804 


17 


17 


19 


Schlesien 


» 


1067 


1132 


1078 


24 


25 


24 


Sachsen 


jj 


806 


861 


881 


32 


32 


31 


Schlesswig-H. 


n 


396 


378 


431 


31 


29 


33 


Hannover 


)} 


541 


492 


505 


22 


20 


20 


Hessen-Nassau 


J5 


363 


392 


381 


21 


22 


21 


Königr. Sachsen 


n 


1036 


1182 


1213 


38 


31 


31 


Braunschweig 


55 


151 


153 


122 


85 


35 


27 


Sachsen-Koburg 


» 


107 


87 


98 


50 


40 


44 



Katholische Provinzen und Länder mit starker 
katholischer Bevölkerung. 

Absolute Zahl der Selbst- Auf 100.000 Einwohner 







morde. 




kommen 


i Selbstmorde. 




Jahre 1895 1896 


1897 


1895 


1896 1897 


Posen 

Westphalen 

Rheinland 




171 173 

287 325 
506 557 


141 

298 
600 


9 
11 

10 


9 8 
12 11 
11 11 


Bayern 
rechts d. R. 
links d. R. 
Elsass 


J7 
11 


619 667 
129 130 
208 243 


694 
125 
257 


12 
17 
13 


13 13 
17 16 
15 15 



An diesen Zahlen sieht man, dass die Zahl der 
Selbstmorde relativ zu der Bevölkerung in katholi- 
schen Landestheilen in Deutschland um das Doppelte, 
ja Dreifache geringer ist als in den protestantischen 
Landestheilen. Nehmen wir noch die Statistik der 
Selbstmorde in den darauf folgenden Jahren zum Belege. 



299 





Absolute Zahl dei 


r Selbst- 


Auf 100.000 Einwohner 






morde 




kommen Selbstmorde. 


Jahre 


1898 


1899 


1900 


1898 


1899 : 


1900 


Ostpreussen . . „ 


274 


275 


286 


13 


13 


14 


Westpreussen . „ 


219 


217 


193 


14 


14 


12 


Berlin . . . . „ 


491 


478 


484 


28 


26 


26 


Brandenburg . „ 


894 


901 


948 


30 


30 


31 


Pommern . . . „ 


206 


260 


260 


18 


16 


16 


Schlesien . . „ 


1070 


1115 


1111 


24 


24 


24 


Sachsen . . . „ 


795 


807 


859 


29 


29 


30 


Schleswig-H. . „ 


407 


412 


440 


30 


30 


32 


Hannover . . • „ 


540 


505 


551 


21 


20 


21 


Hessen-Nassau „ 


338 


330 


357 


19 


18 


19 


Königr. Sachsen „ 


1025 


1221 


1282 


30 


30 


31 


Sachsen-Weimar „ 


97 


103 


107 


28 


29 


30 


Sachsen-Gobu rg-G. 


98 


84 


102 


44 


37 


45 


Reuss jung. . . „ 


44 


49 


44 


32 


35 


32 


Lübeck ....,, 


18 


27 


25 


20 


30 


26 


Bremen . . . . „ 


77 


60 


79 


37 


28 


36 


Hamburg . . . „ 


241 


225 


207 


33 


30 


27 



Katholische Landestheile und Länder mit starker 
katholischer Minorität, 

Absolute Zahl der Selbst- Auf 100.000 Einwohner 
morde. kommen Selbstmorde. 

Jahre 1898 1899 1900 1898 1899 1900 



Posen .... 


* n 


175 


151 


172 


9 


8 


9 


Westphalen . 
Rheinland . . 




294 
564 


286 
600 


355 
637 


10 
11 


10 
11 


10 
11 


Bayern 
rechts d. R. . 


• 55 


619 


660 


732 


12 


13 


14 


links d. R. . 


* 11 


125 


125 


153 


16 


15 


19 


Baden . . . 


' n 


359 


351 


370 


20 


19 


20 


Hessen . . . 


' n 


222 


258 


277 


20 


24 


25 


Elsass-Loth. . 


• n 


242 


222 


232 


14 


13 


14 



Kommentare zu diesen Zahlen sind überflüssig. 
Wir möchten die Herren protestantischen Prediger 
damit auffordern, sie möchten fleissig die Ergebnisse 
der Statistik des Deutschen Reiches studiren, vielleicht 
werden sie dadurch zum Nachdenken über die mora- 
lischen Früchte des Protestantismus ein wenig mehr 
angeeifert. Dasselbe ist es mit den unehelichen Ge- 



300 



burten: auch diese sind in protestantischen Landes- 
theilen in Deutschland 2- bis 3fach zahlreicher als in 
katholischen. Dass die Herren protestantischen Pastoren 
ihren Gottesacker in Preussen-Deutschland brach 
liegen lassen und in fremde Gebiete einbrechen, 
um da eine fragliche Ernte zu halten, davon geben 
<ieut]ichen Beweis die moralischen Zustände in 
Preussen-Deutschland. Im Jahre 1900 wurden in 
Berlin 18 uneheliche Kinder geboren, deren Mütter 
erst 15 Jahre alt waren, daneben gab es noch 4 un- 
eheliche Kinder, deren Mütter noch nicht 15 Jahre 
alt waren. Die Zahl der unehelichen Kinder im Deut- 
schen Reiche war folgende: 



Jahr 1894 : 178298 Jahr 1898 : 185220 

„ 1895 : 176271 „ 1899 : 183504 

1896 : 185359 „ 1900 : 179644 



" 1897 : 184034 

Die Zahl der unehelichen Kinder wächst stetig. 
So war die Zahl der unehelichen Geburten in Deutsch- 
land im Jahre 1871: 144.394, im Jahre 1881: 158.454, 
im Jahre 1891: 172.456. In Berlin allein wurden im 
Jahre 1900 uneheliche Kinder geboren in der Zahl 
von 7722. „Deutsche Tageszeitung" klagte in einem 
Aufsatze über moralische Volksvergiftung im Deutschen 
Reiche. Sie schrieb: „Welche sittlichen Verwüstungen 
durch schlechte, schlüpfrige Unterhaltungsliteratur 
unter der heranwachsenden Jugend insbesondere an- 
gerichtet werden, ist zu bekannt, als dass es noth- 
wendig wäre, darüber sich eingehend zu verbreiten. 
Wohl aber erscheint es angezeigt, auf die äusseren 
Aenderungen und Wandlungen aufmerksam zu machen, 
denen diese Art Literatur von Zeit zu Zeit unterliegt, 
und die vorgenommen werden, um das Interesse der- 
jenigen Kreise, auf welche dieser Schund berechnet 
ist, an demselben rege zu erhalten. In unserer rasch- 
lebigen Zeit nun nämlich, die möglichst viel Abwechs- 
lung verlangt, werden auch die Gourmands, die lite- 
rarischen und die kulinarischen, ihrer Lieblingsge- 
richte doch nach und nach überdrüssig, wenn sie 
ihnen nicht ab und zu unter anderen Namen oder in 
wechselnder Garnitur und Ausstattung geboten werden. 



301 



Ein Berliner Blatt nun, das Organ des Bundes der 
Landwirthe, die „Deutsche Tageszeitung" (Nr. 387) weist 
darauf hin, dass seit einiger Zeit eine neue Art Lite- 
ratur entstanden ist, die in 10 Pf.-Heftchen verbreitet 
wird, und nach der Fülle, in der sie ausgeboten wird, 
zu urtheilen, nur zu gut zu prosperiren scheine. Bis- 
her waren es billige Witzblätter, die für einige Pfen- 
nige ausgeboten wurden und ihre Käufer durch illu- 
strirte Schnurren nach dem Recept: „Du sollst und 
muss lachen" zu unterhalten suchten. Die Zeit dieser 
Witzblätter scheint vorüber zu sein, denn nur wenige 
mehr werden sie auf den Strassen ausgerufen. Dem 
durch diese Lücke entstandenen „Bedürfniss" sucht 
nun die neue Spezies Literatur abzuhelfen, die na- 
türlich auch zugkräftiger sein muss, als ihre Vorgän- 
gerin. Während letztere sich mit wenn auch oft recht 
derben, so doch verhältnissmäsig noch harmlosen 
Kalauern begnügte, ist die neue „Volks "-Literatur 
weit kräftiger gepfeffert: durch Schilderungen und 
Anspielungen, die man schon mehr als ein zweideu- 
tiges bezeichnen muss, spekulirt sie auf die Lüstern- 
heit des derartige Lektüre bevorzugenden Publikums. 
Und wo etwa der Text über den wahren Charakter 
des Gebotenen noch etwa in Zweifel lassen könnte, 
da klären entsprechende Illustrationen auf. Treffend 
kennzeichnet das genannte Blatt diese neuen Sumpf- 
pflanzen. „Man hütet sich wohl, die Grenze zu er- 
reichen, jenseits deren der Staatsanwalt eingreifen 
müsste, aber man streift hart an sie heran. Man ver- 
zichtet auf die Darstellung der Nacktheit, weckt aber 
die Lüsternheit durch die mangelhafte oder berech- 
nete Gewandung. Der Ekel vor derartigen Darbietungen 
ist bei normalen Menschen so gross, dass er alle an- 
deren Empfindungen überwuchert." Wenn dann das 
Blatt weiter bemerkt: „Gerade das ist das Bedauer- 
liche, dass dieser Schund von Backfischen und halb- 
wüchsigen Jungen in der Hauptsache gekauft wird. 
In der Stadtbahn, in den Vorortbahnzügen kann man 
dann beobachten, wie die Jugend sich an dieser ekel- 
haften Kost den Magen verdirbt" — so ist das leider 
nur zu richtig. Hauptsächlich auch der Jugend preisen 
die Strassenkolporteure diesen Schund an, dessen 



302 



Titel gewöhnlich schon auf die Reizung der Sinnlich- 
keit berechnet sind. Es steht fest, dass diese Sorte 
Lektüre seit dem bedauerlichen Ausgang der Be- 
rathungen der lex Heinze ganz besonders üppig ins 
Kraut geschossen und durch freisprechende Urtheile 
der in diesen Dingen ausserordentlich weitherzigen 
Berliner Gerichte auf Anklagen wegen Verbreitung 
unsittlicher Schriften bedeutsam gefördert worden ist. 
Deshalb kann man es verstehen, wenn die Polizei 
manches durchgehen lässt, was ihr unzulässig erscheint. 
Denn wiederholt schon ist es vorgekommen, dass sie 
zweifelhafte Presserzeugnisse beschlagnahmt hat, die 
später von dem zuständigen Gerichte als harmlos 
„freigegeben" wurden. Und der Polizei wird gewiss 
niemand übertriebene Prüderie in diesen Dingen vor- 
werfen. 

Wie in dieser auf die grosse Masse berechneten 
Unterhaltungsliteratur, macht sich auch in der für 
„fernere" Kreise bestimmten, eine für die „sittliche 
Nation" tief beschämende Erscheinung bemerkbar: 
Die Zunahme dersittenlosen, von weiblichen 
Autoren geschriebenen Romane. Es ist eines der 
traurigsten Zeichen unserer Zeit, dass eine ganze 
Reihe der schändlichsten Romane „Damen" zu Ver- 
fassern hat, und dass es Dinge gibt, die niederzu- 
schreiben ein Mann Anstand nimmt, wenn er auch 
noch so tief gesunken ist, vor deren Schilderung aber 
weibliche Personen sich nicht schämen. Von einer 
solchen Romanschreiberin, die dazu noch adelig ist, 
sagt eben in der „Kreuzzeitung" (Nr. 387) der Heraus- 
geber einer Monatsschrift, er könne Stilproben ihrer 
Sudeleien nicht geben, weil er mit Auszügen aus den- 
selben sein Blatt nicht besudeln dürfe. Und diese 
Schweinereien, so klagt er, erleben Auflage über Auf- 
lage, sind in Leihbibliotheken und werden gelesen — 
meist von Backtischen. Und das sind dann die Kreise, 
die Sitte und Ordnung besonders pflegen und dem 
deutschen Volke mit gutem Beispiel voranleuchten 
sollen! In dem erwähnten Artikel der „Kreuzzeitung" 
wird das deutsche Volk aufgefordert, sich aufzuraffen, 
um endlich dem Treiben ein Halt zuzurufen, das ganz 
geeignet ist, der deutschen Literatur den Todesstoss 



303 



zu versetzen und die Seele unseres Volkes zu ver- 
giften. Wir fürchten, dass der unbequeme Mahner in 
den Kreisen, an die er sich wendet, ein Rufer in der 
Wüste sein wird. Die sittliche Fäulniss ist in weiten 
Schichten unseres Volkes schon zu weit vorgeschritten, 
als dass sie ganz ohne Katastrophe beseitigt werden 
könnte. Eine Berliner Korrespondenz im Wiener 
„Deutschen Volksblatte" klagte im folgenden Ton : 
Auf der Hauptstrasse der Reichshauptstadt haben 
sich zwei feindliche Brüder aus Israel niedergelassen, 
der Eine unten, der Andere oben: Tietz und Wert- 
heirn, beide von edlem Geschlechte der Waaren- 
häusler, das für sich das Recht in Anspruch nimmt, 
die Welt mit Waaren aller Art zu beglücken. Hinter 
riesigen, aus Glas gebildeten Häuserfronten verkaufen 
diese beiden Beherrscher der Leipzigerstrasse um die 
Wette Alles, was ein moderner Mensch nur brauchen 
kann, von Kunst bis zum Häring im Ramsch. Ein 
ebenso ergiebiges, als volkswirthschaftlich nachthei- 
liges Geschäft. Jetzt ist das edle Dioskurenpaar aus 
Eifersucht in Streit verfallen, und das kam so : Wert- 
heim, der ältere, hatte sich seit Langem schon als 
Abzeichen für sein Geschäft die Erdkugel patentiren 
lassen, offenbar in der Absicht, damit kundzuthun, 
dass er die ganze Welt beglücken wolle. Diese Wert- 
heim'sche Erdkugel soll nun Tietz wiederrechtlich 
sich angeeignet und auf dem Giebel seines Bazars 
angebracht haben. Thatsächlich krönt das neue, mit 
Reptilien nnd nackten Gestalten geschmückte Tietz'sche 
Waarenhaus ein grosser Globus aus Glas, der all- 
abendlich elektrisch beleuchtet wird. Dies hat Wert- 
heim so verdrossen, dass er jetzt seinen hebräischen 
Konkurrenten darauf verklagt hat, die Erdkugel vom 
Dache herabzunehmen, da diese ihm (Wertheim) 
gehöre. So streitet sich dieses feindliche jüdische 
Brüderpaar munter um den Besitz der Erdkugel, ein 
Symbol unserer Zeit. — Während die Riesenbazare 
immer mehr überhand nehmen, wächst das sociale 
Elend unaufhörlich weiter. Das schlimmste Kapitel 
desselben ist die Verrohung der Jugend. Vater und 
Mutter müssen von Morgens früh bis Abends spät 
dem Brote nachgehen, während die Kinder wild auf- 



;o4 



wachsen, frühzeitig auf die Strasse gestossen werden 
und dort dank der zahlreichen schlechten Beispiele 
verkommen. Kein Wunder, dass das jugendliche Ver- 
brecherthum eine stehende Rubrik der Kriminal^ 
Statistik darstellt. Was nützt da alles Klagen? Wo 
kein Heim, da kann das Gemüth des Kindes nicht 
gedeihen, und ohne Gemüth, wie leicht ist dort der 
Weg zum Verbrechen? Mit kleinen Vergehen beginnt 
der Lauf des Verbrechers, um dereinst blutig zu 
enden. Die Verwilderung der Berliner Jugend hat 
solchen Umfang angenommen, dass es bereits ganze 
Banden jugendlicher Verbrecher gibt. Erst kürzlich 
hat man eine solche Sippschaft hinter Schloss und 
■Riegel gebracht, welche 14 Mitglieder zählte, die 
bis auf zwei sämmtlich strafunmündig waren. Die 
Bengel hausten in einem grossen Kanalisations- 
röhre, in dem sie sich aus zusammengestohlenen 
Pferdedecken, Heu und Stroh eine richtige Räuber- 
höhle eingerichtet hatten, wo sie übernachteten. 
Eine Abtheilung des Rohres hatten sie zur Küche 
eingerichtet, in der geheizt und gekocht wurde. 
Ihren Lebensunterhalt gewannen die Burschen durch 
Einbrüche und Diebstähle in der Umgebung. Während 
diese wohlorganisirte Bande wochenlang ihr Unwesen 
trieb, hauste in einem anderen Stadttheile eine jugend- 
liche Diebsgesellschaft von acht Köpfen. Diese kulti- 
virte besonders Taschen- und Ladendiebstähle. Ihre 
Mitglieder waren alle strafunmündig. — Das sind 
in der That sehr bedenkliche Zustände. Das einzige 
Mittel, denselben abzuhelfen, liegt auf dem Gebiete 
der Erziehung zur Arbeit. Das jugendliche Verbrecher- 
thum ist übrigens, wie die deutsche Kriminalstatistik 
beweist, keine Eigenart Berlins. Es hat sich bereits 
über das ganze Land verbreitet und wächst zusehends. 
Im Jahre 1882 gab es nur 30.719 jugendliche Per- 
sonen, die wegen Verbrechen und Vergehen bestraft 
werden mussten, 1897 waren es schon 45.251. Gewiss 
sind nicht alle begangenen Delikte gemeingefährlicher 
Art, aber es bleibt doch eine unheimliche Masse 
wirklich verbrecherischer Handlungen übrig, selbst 
wenn man dem Leichtsinne und Uebermuthe der 
Jugend viel zugute hält. Besonders gefährlich erscheint 



305 



die hohe Zahl der Vorbestraften, also Rückfälligen, 
unter den verurtheilten Jugendlichen. Das deutet auf 
Yerbrecherische Anlagen hin. 1889 entfielen auf 36.790 
verurtheilte Jugendliche 5590 Vorbestrafte, 1894"schon 
-8470 auf 45.554 Verurtheilte. Die menschliche:^GeselL- 
Schaft wird gut thun, solche Symptome nicht zu 
unterschätzen ; sonst dürfte zuletzt der Franzose recht 
behalten, der einst schrieb: „Die Hunnen, welche in 
Zukunft unsere Kultur bedrohen, kommen nicht von 
Osten, sie wachsen in unserer Mitte auf. " Das Haupt- 
kontingent der von Jugendlichen begangenen Ver- 
brechen entfällt auf Gewaltthätigkeiten und Sach- 
beschädigungen. So wurden zum Beispiel im Jahre 
1889 nicht weniger als 7330 Jugendliche wegen ge;- 
fährlicher Körperverletzung verurtheilt. Ein Sechstel 
aller Sachbeschädigungen, ein Drittel aller Brand- 
stiftungen, die zur Aburtheilung kamen, entfiel auf 
Jugendliche. Man geht nicht fehl, wenn man die von 
Zeit zu Zeit unsere Reichshauptstadt heimsuchenden 
Massenbrände auf Brandstiftung junger Burschen 
zurückführt. Es ist erst ein paar Jahre her, dass ein 
Stadttheil von Berlin vor den unsichtbaren und bis 
heute unentdeckten Brandstiftern zitterte, die frech 
ihre Brandbriefe an die Ecken hefteten. Damals ging 
kein Abend vorüber ohne Dachstuhlbrand in jenem 
Stadtviertel. Die Hunnen sind nicht mehr sehr ferne. 
Dass im preussischen „Musterstaate" protestan- 
tische Pastoren viel zu thun hätten, wollten sie nur 
das Evangelium Christi dem Volke verkündigen, be- 
weist die Skandalafaire von Trakhenen. Im vierten 
Verhandlungstag kam im Gerichtssaale folgende Scene 
vor. Die ersten Zeugenaussagen beziehen sich auf 
einzelne kleine Momente. Apotheker Schenker soU 
bekunden, dass der Gastwirth Grab gewöhnlich vier, 
manchmal auch sechs Pferde gehabt und sowohl für 
diese als auch für seine Kühe Futter nie gekauft 
habe. Der Zeuge kann nur sagen, dass er nie gesehen 
hat, dass Grab Heu oder dergleichen gekauft habe. 
In einem Falle hat der Zeuge geglaubt, annehmen 
zu müssen, dass Grab Häcksel vom Gestüt sich mit- 
bringe. Der Zeuge bekundet auf Befragen deriVer- 
theidigung: In einem Falle hat er auf Wunsch des 

20 



306 



Bautechnikers Kübart diesem eine Quittung über ge- 
lieferten Firniss in Höhe von 300 Mark unterschrieben 
und diesen Betrag auch erhalten, obgleich er zu jener 
Zeit nur etwa 100 Mark zu fordern hatte. Er hat 
dann nach und nach soviel geliefert, bis die über- 
schüssigen 200 Mark erschöpft waren. — Zeuge 
Kübart erklärt diesen Vorgang dahin, dass er die 
sämmtlichen Feuerlöschgeräthe habe neu firnissen 
lassen, den Firniss zunächst aus vorhandenen Vor- 
räthen entnommen habe und zu Abrechnungszwecken 
zunächst einen Betrag in der Höhe von 300 Mark 
haben wollte. Irgend ein unlauterer Zweck sei damit 
nicht verfolgt worden. — Der Zeuge Apotheker 
Schenker bestätigt dem Rechtsanwalt Sonnefeld auf 
Befragen, dass er einmal dem Rossarzt Matthias an- 
gedroht habe, sich durch Vermittlung eines konser- 
vativen Abgeordneten an den Landwirthschaftsminister 
zu wenden, wenn er noch mehr bedrückt würde. 
Staatsanwalt Beeck: Der Lehrer Nickel soll ein voll- 
ständiges Verhör mit seinen Schulkindern darüber 
angestellt haben, was sie alles gestohlen haben, und 
durch wen sie zu Diebstählen angestiftet worden 
seien. Er habe dann darüber ein vollständiges Pro- 
tokoll aufnehmen lassen. — Angekl. Nickel: Er habe 
in der Religionsstunde die Kinder pflichtgemäss immer 
wieder verwarnt, nicht das 7. Gebot zu übertreten» 
es seien aber immer wieder Diebstähle vorgekommen. 
Als er dann seine Schulkinder einmal wieder auf- 
gefordert habe, dass Diejenigen, die gestohlen haben, 
sich erheben sollten, habe sich die ganze Klasse er- 
hoben. Zeuge Gastwirth Grab gibt zu, dass ihm Stroh, 
Häcksel und Streu geliefert worden seien, bestreitet 
aber, dass dies zu Unrecht geschehen sei. Er be- 
hauptet, dass er nach seinem mit der Gestütsverwal- 
tung abgeschlossenen Vertrage, nach welchem das 
Gestüt den Dung von ihm erhielt, auch Anspruch 
auf Häcksel hätte und auch seine Vorgänger den 
Häcksel erhalten hätten. — Rechtsanwalt Sonnenfeld 
bestreitet, dass er Häcksel zu beanspruchen habe. 
In Trakhenen haben also Schulkinder den 
preussischen Aerar bestohlen. Der evangelische Bund 
hat in Halle ein eigenes Heim errichtet, in welchem 



307 



abgefallene katholische Priester aus Oesterreich selbst 
böhmischer Nationalität aufgenommen werden, um 
hier protestantische Theologie zu betreiben. Der ver- 
storbene Theologieprofessor Beyschlag pflegte solche 
Kandidaten damit zu begrüssen, dass die Bildung 
eines katholischen Priesters höchstens zum Berufe 
eines Stiefelputzers geeignet mache. Nichts über pro- 
testantische Bescheidenheit. Zum Schlüsse dieses 
Kapitels führen wir einige Worte des P. Alban 
Schachleithner an, die er in seiner Rede gegen die 
Invasion der Pastoren gehalten in Wien am 15. No- 
vember 1902 vorbrachte. Er sagte unter anderem 
folgendes: „Vor Gott, vor der gesammten Christen- 
heit klage ich sie an, sie, die die Fahne des religiösen 
Aufruhrs unter uns aufgerollt, dass sie die Leugnung 
der Gottheit Christi, die Leugnung der heiligsten Drei- 
faltigkeit, die Leugnung der göttlichem Inspiration 
der heil. Schrift in ihrem Bekenntnisse dulden. Ich 
fordere die Herren Pastoren und Superintendenten 
auf vor aller Welt, ihr Bekenntniss abzulegen. Sie 
sollen erklären: Wir glauben und bekennen, dass 
Christus die zweite Person der heiligsten Dreifaltig- 
keit ist. Und ich sage Ihnen: Die Herren werden 
dieses Bekenntniss nicht ablegen, sie werden Phrasen 
gebrauchen vom Anschluss an den rechten Mittler 
des Heiles, vom göttlichen Meister und dergleichen, 
aber seine Gottheit werden sie nicht bekennen! Ich 
weiss nicht, ob die Sonne, seit die Welt steht, je 
eine Heuchelei beschienen hat, so riesengross, so 
riesenfrech, wie die Heuchelei dieser Prediger des 
Abfalles." „Die wahre Kirche," so führte P. Alban 
weiter aus, „ist nur da, wo die Einrichtungen sich 
befinden, die Christus für eine Kirche vorgesehen 
hat. Eine Kirche, die das von Christus eingesetzte, 
Lehramt zurückweist und Lehrfreiheit verkündet, 
eine Kirche, die die Binde- und Lösegewalt nicht 
kennt, nicht ausübt, die kein oberstes Hirtenamt über 
alle ihre Glieder anerkennt, die ist nicht die wahre 
Kirche, so wahr Christus Gott ist!" 

„Die von Christus gegründete Kirche konnte und 
kann nie aufhören," so schloss P. Alban, „die wahre 
Kirche zu sein. Die wahre Kirche ist jene, die nach 

20* 



308 



dem unwidersprechlichen Zeugnisse der Geschichte 
hinaufreicht in die Zeiten der Apostel: die Kirche 
der Päpste, die römisch-katholische Kirche. Sie konnte 
nie sich ändern, nie verderben, nie durch schlechte 
Menschen, auch nicht durch schlechte Päpste, Bi- 
schöfe und Priester verdorben werden! Nie konnte 
es für irgend Jemandem in der Welt einen recht- 
mässigen Grund geben, von ihr, der allein wahren 
Kirche sich zu trennen. Wo Petrus, da die Kirche!" 



XVII. Das Anwachsen des Protestantismus in 
Preussen-Deutschiand. 

Seit dem Preussen die übrigen kleineren Staaten 
unter seine Botmässigkeit gebracht hat, wächst auch 
stetig die Zahl der Angehörigen der officielen preus- 
sisch-landesherrlichen Konfession. Die konfesionelle 
Statistik von Preussen-Deutschiand bietet folgendes 
Bild dar. Zahl der Angehörigen 

der evangelischen der kathol. Konfession 

Jahr 1871 1900 1871 1900 

Ostpreussen 1,569.365 1,698.465 233.007 268.412 

Westpreussen .... 633.548 730.685 641.572 800.342 

Berlin 735,783 1,590.115 51.729 187.8i6 

Brandenburg 1,987.891 2,907.863 34.530 159.865 

Pommern ...... 1,397,467 1,579.080 16.858 38.121 

Posen ... ... 511.292 669.564 1,009.491 1,280.077 

Schlesien l,760'44l 2,042.583 1,896.136 2,569.336 

Sachsen 1,966.696 2,610,080 126.735 205.861 

Schleswig-Holstein . . 1,034.363 1,349.297 6.276 30.424 

Hannover 1,711.728 2,227.816 233.631 338.767 

Westphalen 806.464 1,537.948 949.118 1,616.377 

Hessen-Nassau .... 988.041 1,308.016 371.736 530.317 

Rheinland 906.867 1,663 218 2,628.137 4,021.177 

HohenzoUern 1.766 2.847 63.051 63.363 

Königreich Bayern . . 1,342.592 1,749.206 3.464.364 4,362.563 

Königreich Sachsen . . 2,493.666 3,972.063 63.642 197.005 

Württemberg 1,248.860 1,497.299 563 542 650.311 

Baden 461.008 704.058 942.560 1,131.413 

Hessen 584.391 ,746.201 239.008 341.480 

Mecklenburg-Schwerin 653.492 597.268 1.336 8.127 

Sachsen-Weimar . . . 275.492 347.144 9.404 14.095 

Mecklenburg-Strelitz . 96.329 100.568 167 1.522 

Oldenburg; 242.945 309.510 71.205 86.917 

Braunschweig .... 302.989 436.976 7030 24.120 

Sachsen-Meiningen . . 181.964 244.810 1.564 4.160 

Sachsen-Altenburg . . 141.901 189.885 193 4.718 



309 



Anzahl der Angehörigen 



der evangelischen 

Jahr 1871 1900 

Sachseii-Koburg . . . 172.786 225.074 

Gotha-Anhalt ..... 198.107 301.953 

Schwarzb.-Rudolfstadt 75.294 92.298 

Schwarzb.-Sondershaus. 66.824 79.593 

Waldeck 54.055 55.285 

Reuss alt. L 44.898 66.860 

Reuss j. L 88.782 135.918 

Schaumburg-Lippe . . 31.216 41.908 

Lippe 107.462 132.798 

Lübeck . .... 51.085 93.671 

Bremen 118.103 208.815 

Hamburg 306.553 712.338 

Elsass-Lothringen . . 270.251 372.078 

Deutsches Reich . 25,581.685 35,231.104 



der kathol. 

1871 

1.263 

3.378 

104 

176 

1.305 

150 

187 

386 

2.638 

400 

3.550 

7.748 

1,235706 

14,869.292 



Konfession 

1900 

3.314 

11.602 

637 

1.092 

1,830 

1.041 

2.575 

785 

5.157 

2.176 

13.380 

30.731 

1,310.391 

20.321.441 



der evangelischen 

1871 1900 



Ein sehr genaues Bild des Anwachsens des evan- 
gelischen Elementes geben die relativen Zahlen. Unter 
1000 Einwohner der Gesammtbevölkerung kamen. 

Angehörige 

Jahr 
Ostpreussen . . 
Westpreussen 
Berlin . . 
Brandenburg . . 
Pommern . . . 

Posen 

Schlesien . . . 
Sachsen .... 
Schleswig-Holstein 
Hannover . . . 
Westphalen . . 
Hessen-Nassau . 
Rheinland . . . 
Hohenzollern . . 
Königreich Bayern 
Königreich Sachsen 
Württemberg . . . 

Baden 

Hessen .... 
Mecklenburg-Schwerin 



860 
481 
890 
9 76 
976 
322 
475 
935 
989 
872 
454 
705 
253 
26 
276 
975 
686 
336 
685 
992 



850 
467 
841 
935 
965 
301 
437 
921 
972 
869 
482 
689 
288 
42 
283 
945 
690 
376 
666 
982 



der kathol. 

1871 

1278 

488 

62 

17 

11 

637 

511 

60 

6 

119 

534 

265 

734 

961 

712 

20 

304 

645 

280 

2 



Konfession 

1900 

134 

511 

99 

51 

23 

678 

550 

72 

21 

130 

507 

279 

698 

948 

706 

46 

299 

605 

304 

13 



310 



Angehörige 

evangelischen der kathol. Konfession 

Jahr 1871 1900 1871 1900 
Sachsen-Weimar . . 962 956 33 38 

Mecklenburg-Strelitz 993 980 1 14 

Oldenburg 767 775 224 217 

Braunschweig. ... 971 941 22 52 

Sachsen-Meiningen . 968 976 8 16 

Sachsen-Altenburg . 998 974 1 24 

Sachsen-Koburg-Gotha 991 980 7 14 

Anhalt 983 955 16 36 

Schwarzburg-Rudolst. 996 991 1 7 

Schwarzburg- ^ ^^^ ^^3 ^ ^3 

Sondershausen 

Waldeck 961 954 23 31 

Reuss ältere L, . . . 995 977 3 15 

Reuss jüngere L. . . 997 976 2 18 

Schaumburg-Lippe . 973 971 1 18 

Lippe 967 955 23 37 

Lübeck 979 967 7 22 

Bremen 964 928 29 59 

Hamburg 904 927 23 40 

Elsass-Lothringen . . 174 216 797 762 

Deutsches Reich • 623 625 362 360 

Diese percentuelle Tabelle zeigt sehr genau die 
konfessionellen Verschiebungen in .Preussen-Deutsch- 
land in den letzten 30 Jahren. Diese Zahlen bedürfen 
keines Kommentars, sie sprechen zu deutlich für 
sich selbst. Wenn heute Windhorst leben und diese 
Tabellen studiren möchte, so würde er wohl die 
Wirkungen Preussens im heutigen Deutschland sehr 
klar erkennen. Er würde vielleicht sich zu einem 
heroischen Kampf aufraffen, wie. ihn seinerzeit gegen 
Preussen der grosse Görres führte. Die grossen katho- 
lischen Führer der Katholiken Deutschlands ruhen im 
Grabe. P. Krose taxirt den Verlust der katholischen 
Kirche im Deutschen Reiche in den letzten 4 Decennien 
auf 2 Millionen Seelen. Wenn im Deutschen Reiche 
katholische Priester böhmischer Nationalität in der 
Seelsorge wirken möchten, würde der Weihbischof 
Frind von Prag und sein Gefolge P. Opitz, Theologie- 
Professor Dr. Hilgenreiner in Prag und die Presse 



311 



des P. Opitz diesen Verlust der katholischen Kirche 
auf die Schultern der böhmischen Priester laden, 
wie sie es mit der Los von Rom-Bewegung in 
Böhmen thun. 

Wie das landesherrliche Lutherthum in Preussen- 
Deutschland arbeitet, das spüren die Katholiken 
sehr gut, alle hohen Staatsämter, die Universitäten 
und dergl. sind den Katholiken unzugänglich und 
will ein Katholik in Preussen-Deutschland etwa eine 
Professur bekommen, muss er die Preussen loben 
wie Prof. Dr. Spahn, welcher „Den grossen Ghurfirst" 
schrieb und dafür die Professur bekam. Ein junger 
Mann trat ins Kloster und frug einen bejahrten 
Ordensmann, was er thun solle, damit er in der 
Ordensgemeinde doch ein gutes Vorwärtskommen 
erziele, kurz dass er prosperire, darauf sagte ihm 
der bejahrte Ordensmann, man müsse immer den 
Quardian loben. Also ist es auch in Preussen-Deutsch- 
land. Man muss die Preussen loben. Wie das landes- 
herrliche Lutherthum in Preussen-Deutschland arbeitet, 
davon gibt einen traurigen Beweis das furchtbare 
Vorkommniss am Hofe in Dresden. 

Das in München erscheinende „Deutsches Volks- 
blatt" schreibt in der Nummer von ll. Januar 1903 
folgendes : Der Dresdener Hofskandal gibt der Presse 
nach wie vor reichen Stoff, ihre Spalten zu füllen, 
doch sind selbst die Judenblätter nach und nach 
gezwungen, die Frau und ihren Galan fallen zu 
lassen. Die tadellose Haltung des Kronprinzen von 
Sachsen in dieser Angelegenheit, dem selbst die 
entlaufene Gattin das Zeugniss eines treuen, biederen 
Charakters und vollendeten Ehrenmannes aufstellen 
muss, wird von keiner Seite mehr bestritten; die 
Märchen von der allzustrengen sächsischen Hofetikette 
und dem überfrommen religiösen Leben dortselbst, 
welches der tugendlichen Prinzessin das Leben so 
verbittert hat, dass sie zur Ehebrecherin worden und 
ihrem Manne und ihren Kindern davon laufen musste, 
haben sich gleichfalls als haltlos erwiesen. Dagegen 
versucht man jetzt, das in seiner grossen Mehrheit 
protestantische Volk in Sachsen gegen seine katho- 
lische Dynastie zu verhetzen, weil sich der Kronprinz 



312 



nach " der Vorschriften seines Glaubens wohl von 
seiner ehebrecherischen Frau trennen, aber nicht 
scheiden lassen kann. Wir begreifen vollkommen^ 
das3 man im sächsischen Volke, in welchem andere 
konfessionelle Anschanungen über die Ehe vorhanden 
sind als am Hofe, eine Scheidung sehr gerne sehen 
würde, aber es wäre doch geradezu kindisch zu 
nennen, wenn die Sachsen ohne eine Königin absolut 
nicht auskommen könnten, noch dazu, nachdem die 
Thronfolge durch die schon vorhandene Nachkom- 
menschaft des Kronprinzen gesichert ist. Dass die 
Prinzessin sich selbst für immer aus dem Lande^ 
vom Hofe und ihrer Familie verbannt hat, kann den 
Sachsen nach unserem Ermessen genügen, alles 
übrige ist wesentlich Privat- und Familien sache des 
sächsischen Königshauses. Hocherfreulich wäre es^ 
wenn man angesichts des jüngst erlebten traurigen 
Falles in Dresden mit dem guten Beispiele voranginge, 
mit den veralteren Hausgesetzen regierender Familien 
zubrechen, wonach nur „ebenbürtige" Ehen geschlos- 
sen werden dürfen. Wenn die fortgesetzte Inzucht 
in den Herrscherfainilien nicht aufhören wird, werden 
die schon vielfach zu Tage getretenen Entartungs- 
erscheinungen (die auch bei den Hohenzollern schon 
mehrfach zu konstatiren gewesen sind) schliesslich 
den Bestand der Dynastien ernstlich gefährden. Aber 
das hat mit dem, was wir hier sagen wollen nur 
nebensächlich zu thun. Wenn man gegenwärtig das 
^, protestantische Bewusstsein" im Volke erwecken und 
gegen die Wettiner auszuspielen sucht, so ist die 
Ursache davon nicht in religiösen, ethischen oder 
sonst auf idealem Gebiete gelegenen Beweggründen zu 
suchen, sondern neben der in den Judenblättern zum 
Ausdruck gelangten Gier nach Auflösung aller Bande, 
welche die christlichen Staaten und Völker zusammen- 
halten, in der in, Deutschland immer frecher und 
unverhüllter auftretenden Absicht, die mittel- und 
kleinstaatlichen Dynastien zu diskreditiren und dem 
Einheitsstaat dadurch Vorschub zu leisten. Alles übrige 
— eine frische fröhliche Hetze gegen die „römische 
Papstkirche" wird natürlich gerne damit verbunden 
■^ ist Schwindel, nackter Betrug und bewusste Irre- 



313 



führung der öffentlichen Meinung. Wer das nicht 
erkennt, der. kann uns aufrichtig leid thun. Damit 
bei dieser kurzen Betrachtung der Dresdener Affaire 
die Hauptmacher nicht um die ihnen gebührenden 
Ehren kommen, wollen wir doch auch feststellen, 
dass kein einziges Blatt, das uns zu Gesicht gekom- 
men ist, mit einer derartigen Schamlosigkeit die 
ganze Angelegenheit in dem A^on uns gebrandmarkten 
Sinne ausgebeutet hat, als die „Münchener Neuesten 
Nachrichten." Es ist selbstverständlich, dass dieses 
Blatt, welches in seinem Feuilletonromanen den Por- 
nographen Zola zu überbieten sucht, und darin^ wie 
das z. B. in dem zu Neujahr beendeten Roman ge- 
schehen ist, Gespräche zwischen Verliebten bringt, 
wie sich der Kindersegen verhüten lasse (!), die 
Skandalaffaire der sächsischen Kronprinzessin auch 
nach erotischen Seite hin eifrigst auszuschlachten 
bemüht ist, seine jüdischen Mitarbeiter haben sich 
darin selbst übertroffen. Doch darüber wollen wir 
diesem Blatte gegenüber nicht viel Worte verlieren, 
dagegen sei konstatirt, dass die „Neuesten" das ein- 
zige Blatt gewesen sind, welches schamlos genug 
war, die bodenlos gemeinen Erfmdungen schweinischer 
Wiener Juden über die angebliche Erkrankung der 
Kronprinzessin durch das Verschulden ihres Gemahls 
in Deutschland zu verbreiten, wie es ja auch das- 
jenige Blatt gewesen ist, das den Skandal im Sinne 
der angestrebten Verpreussung Gesammtdeutschlands 
in der gewissenlosesten und frechsten Weise ausge- 
beutet hat, wobei es ihm selbst auf die gröbsten 
Lügen nicht angekommen ist, die es in wenigen 
Tagen selbst zu widerrufen gezwungen war. 

Die „Münchener Neuesten Nachrichten", Publi- 
kationsorgan der Behörden, sind Hauptorgan des 
Münchener liberalen Bildungspöbels und liegen zudem 
in zahlreichen Ministerial-, Regierungs- und Magistrats- 
bureaus auf. Man braucht angesichts dieser Thatsache 
über die Zustände in Bayern und München kein Wort 
weiter mehr zu verlieren. Auch das Manifest König 
Georgs gegen die Prinzessin Luise wird auf direkten 
Druck Berlins zurückgeführt. Berlin arbeitet mit Hoch- 
druck auf die Beseitiprunor des Hauses Wettin. 



3t4 



XVIII. Der Hauskrieg im Lager der Alldeutschen. 

Es war am 8. December 1898, an welchem Tage 
die Führer der alldeutschen Partei Schoenerer, Wolf 
und Eisenkolb die Verabredung getroffen haben, die 
Abfallshetze systematisch zu betreiben. Schoenerer 
behauptete, in der Frist eines einzigen Jahres werden 
sicher 10.000 Personen aus der katholischen Kirche 
in Oesterreich den Austritt vollzogen haben. Wolf 
selbst meldete seinen Austritt aus der katholischen 
Kirche am Grünen Donnerstag 1899 um gleichfalls 
den Judas zu imitiren. Schoenerer fiel später ab. Am 
16. November 1902 feierte Schoenerer in Wien seinen 
60jährigen Geburtstag, wo ihm Ovationen dargebracht 
wurden. Schoenerer brüstete sich, dass auf sein Zu- 
thun 35.000 Personen in Oesterreich aus der katho- 
lischen Kirche ausgetreten sind und theils altkatholisch 
oder protestantisch geworden sind. In der Sitzung 
vom 7. Juni 1898 spielte sich im Abgeordneten Hause 
folgende Scene ab : 

„Abg. Wolf verweist sodann auf das Edikt des 
Fürstbischofs von Trient gegen die „Bozener Zeitung", 
in welcher er den Geistlichen und Diöcesanen ver- 
bietet, diese Zeitung zu lesen und zu verbreiten und 
bemerkt dazu : Leben wir denn in einem Rechtsstaate, 
dass ein übermüthiger oder verrückt gewordener 
Pfaffe sich herausnehmen darf, ein so freches Edikt 
zu erlassen? (Lebhafte stürmische Unterbrechungen 
und Entrüstungsrufe rechts.) Abg. Fischer stürzt mit 
geballten Fäusten erregt auf den Abg. Wolf zu. Abg. 
Dr. Zitnik: Das ist die deutsche Kultur! Abg. Hagen- 
hofer (zu den Deutschen gewendet): Das ist Euer 
Führer! Schämt Euch! Pfui! Abg. Wolf: Leben wir 
denn in einem Rechtsstaate, dass ein übermüthiger 
oder verrückt gewordener Pfaffe . . . (Neuerliche stür- 
mische Unterbrechung rechts.) Ich achte alle Priester, 
die ihres Rockes Würde achten, aber nicht einen 
Pfaffen, der sich herausnimmt, sich so frech über die 
Staatsgrundgesetze zu stellen. Vicepräsident Ferjancic: 
Das ist ein Ausfall gegen einen geachteten Stand, 
und ich rufe Sie deshalb zur Ordnung. Abg. Wolf: 
Sorgen Sie lieber dafür, dass diesen Pfaffen das Hand- 
werk gelegt werde. Wohin kämen wir denn, wenn es 



315 



gestattet wäre, dass irgend so ein verrückter oder toll 
gewordener Pfaffe (Entrüstungsrufe rechts) das Recht 
hat, gegen irgend einen von uns das Interdikt zu 
schleudern oder uns in der Bethätigung unserer staats- 
bürgerlichen Rechte zu hemmen? Ich mache einen 
grossen Unterschied zwischen Priestern und Pfaffen. 
Ich habe Priester kennen gelernt, welche die grösste 
Hochachtung verdienen. Aber das geistliche Kleid 
darf nicht entwürdigt werden, der Geistliche darf nicht 
zum Büttel, zum Polizeiknecht und auch nicht zum 
politischen Agitator herabsinken. Er darf nicht her- 
absteigen in die politische Arena, wo man mit Liebe 
allein nicht auskommt, sondern wo man auch aus 
dem Grunde seines Herzens hassen können muss. 
Was soll man aber zu einem Geistlichen sagen, der 
beispielsweise in Brüx seinen ganzen rhetorischen 
Eifer aufbietet, um Schönerer und Wolf in Grund 
und Boden zu treten und sich in den Dienst jener 
Faktoren zu stellen, die gegen das Deutschthum ar- 
beiten? Das ist der Kanzelredner P. Abel. Es ist 
dringend nothwendig, dass alle Diejenigen, denen an 
den Idealen des höheren Ghristenthums und der 
katholischen Kirche gelegen ist, Alles aufbieten, um 
solche Uebergriffe zu verhindern, denn sonst treiben 
sie uns geradezu dem Protestantismus in die Arme. 
Sie werden schon sehen, welchen Umfang diese Be- 
wegung in dem Augenblicke annehmen wird, wenn 
wir die Zeit für gekommen erachten, uns an die 
Spitze derselben zu stellen. Heute stehen wir noch 
nicht auf diesem Standpunkte. Denn wir wollen nicht, 
dass die Kluft zwischen den Alpen- und Sudeten- 
ländern neuerlich erweitert wird. Aber wenn es so 
weiter geht, dann wird es dazu kommen. Wir werden 
dazu gezwungen sein durch solche Erlässe, wie sie 
der verrückt gewordene Bischof von Trient erlassen 
hat (Lebhafte Entrüstungsrufe rechts), und durch 
solche Kanzelreden, wie sie der P. Abel hält. Abg. 
Kittl: Hüten Sie sich, Sie werden in den Bann ge- 
than werden. Abg. Wolf. Ich bin ohnedies mit dem 
Bann belegt, aber ich mache mir Nichts daraus 
(Heiterkeit), das heisst, ich bin nur ein sogenannter 
toleratus. Man hat mich nämlich als Taufpathe für 



316 



meinen Neffen nicht anerkennen wollen, und ich 
musste mir die Anerkennung erst dadurch erzwingen, 
dass ich und meine Familie von beiden Seiten ge- 
droht haben, dass wir in dem Augenblicke, in dem 
ich nicht als Taufpathe zugelassen werde, zum Pro- 
testantismus übertreten. Da scheint man denn doch 
ein wenig Angst bekommen zu haben, und man hat 
mich dann zugelassen." Während Schoenerer längere 
Jahre die alldeutsche Propaganda in den Händen 
hatte und als Führer der Partei alleingebietend da 
stand, wurde er allmählig gewahr, dass Wolf ihm 
bedeutend an Popularität überlegen werde. Schoenerer 
begann um seine Führerrolle zu fürchten. 

Um des gefürchteten Nebenbuhlers los zu wer- 
den, kamen auf die Initiative Schoenerers nun über 
Wolf Dinge an den Tag, welche über die Führer der 
alldeutschen Bewegung ein grelles Licht werfen. 

Den Hauptschlag gegen Wolf führte der alldeutsche 
Abgeordnete Dr. Schalk aus anfangs Mai 1902, wo er 
den Führer Karl Herrmann Wolf öffentlich in einer 
Flugschrift für ehrlos erklärte. 

Anfangs November 1902 wurde Wolf in Wien 
verklagt vom Verlagskonsortium der „Ostdeutschen 
Rundschau", er soll Rechnung legfen und wurde ihm 
zur Last gelegt, dass er dieses Zeitungsunternehmen 
fmanciell zu Grunde gerichtet habe. Trotz diesen 
Skandalscenen fährt Karl Herrmann Wolf fort in Ver- 
sammlungen zu reden, und weiter als Hauptagitator 
der alldeutschen Sache zu wirken. Diese Männer, 
welche im Abgeordnetenhause unerhörten Schimpf 
der katholischen Kirche anthaten, die Lehrbücher 
des Kirchenlehrers hl. Alfons von Liguori als un- 
sichtlich bezeichneten, dabei die unfläthigsten Läster- 
worte auf Priester und die Kirche häuften, diese 
Männer stehen nun da in ihrer furchtbar sittlichen 
Verkommenheit und trotzdem treten sie wieder 
öffentlich auf. Es gibt eben bei den Deutschnationalen 
keine Moral mehr. 

Von Schoenerer ist es bekannt, dass er in Wien 
seine Häuser an öffentliche Dirnen vermiethet hatte 
und auf diese Weise aus dem Sündenlohn reich ge- 
worden ist. Das sind Führer der Alldeutschen. Aber 



317 



auch andere kleinere Grössen und Zutreiber der 
Deutschnationalen, Völkischen und Alldeutschen sind 
nicht viel besser. In Mähren ereignete sich folgender 
Fall. Der Gemeinderath der Stadt Hranice ist künst- 
lich in der Hand der Deutschnationalen. Bürgermeister 
Dr. Plachky, vom Beruf Advokat, verheiratet mit der 
Tochter des Juden Mandl, wurde bei einer Sitzung 
des Gemeinderathes von der Frau Brunka öffentlich 
aufgefordert, er solle ihr Geld und Ehre wiedergeben. 
Die Frau kam als junge Witwe vor 13 Jahren wegen 
der Verlassenschaft in die Kanzlei des Advokaten 
Dr. Plachky, der sie bei dieser Gelegenheit unsittlich 
ausnützte, dieses Verhältniss 13 Jahre fortpflegte und 
die Verlassenschaft der Frau so „verwaltete", dass der 
Armen nichts übrig blieb. Interessant ist auch das 
Geständniss der „Alldeutschen Gorrespodenz", dass 
Dr. Eisenkolb deshalb das Mandat eines Abgeordneten 
besitzen müsse, um den Schutz der Immunität zu ge- 
messen ! Das bedarf keines Kommentars. Armer Staat, 
dessen grösste Verräther und Schädiger — Abgeordnete 
sind. — 

Nachdem durch die Veröffentlichung der un- 
lauteren Thaten des Volkstribun Wolf dieser von 
seinem Siegeslauf in den Abgrund der Vernichtung 
zu gerathen drohte, griff Wolf zur Abwehr und klagte 
seine Gegner, damit er einer politischen und existen- 
ciellen Ermordung entgehe. Wie halten uns an den Be- 
richt des „Prager Tagblattes". Das Judenblatt schreibt : 
Brüx, 28. November 1902. 

Die mit so viel Spannung erwartete Verhandlung 
hat heute begonnen, ohne dass eine sonderliche Auf- 
regung in der Bevölkerung wahrzunehmen gewesen 
wäre. Kaum 50 Personen standen vor dem Gerichts- 
saale und keine Hand regte sich, als Abg. Wolf auf 
dem Wege in das Gerichtsgebäude die Strassen pas- 
sirte. Auch die Verhandlung gestaltete sich anfangs 
durch die massenhaften Verlesungen monoton. Aber 
als dann Abg. Schalk die erwartete erbarmungslose 
Rede hielt, begann es in dem Gesichte Wolfs nervös 
zu zucken und bald darauf geriethen auch schon die 
Gegner hart aneinander. Mit allem Aufgebot seiner 
bekannt mächtigen Stimmittel und mit den Worten, 



318 



er verwahre sich gegen eine solche verächtliche Kam- 
pfesweise, protestirte Wolf dagegen, dass seine Frau 
und sein Familienleben von den Gegnern in die Ver- 
handlung hineingezerrt werden. Der Vorsitzende musste 
eingreifen und Wolf, der sich immer wieder von seinem 
Temperamente hinreissen Hess, derartige Bemerkungen 
untersagen. Es steht zu erwarten, dass die Erregbar- 
keit Wolfs noch öfter solche Scenen hervorrufen wird, 
trotzdem sich sein Vertheidiger bemüht, ihn zurück- 
zuhalten. Dagegen ist Schalk von einer geradezu be- 
rechneten Ruhe und vollkommenen Sicherheit. In den 
Verhandlungssaal selbst sind nur wenige Personen 
zugelassen. Der Andrang war kein sonderlicher. Unter 
den heute noch zu vernehmenden Zeugen befinden 
sich der Herausgeber des „Scherer", Habermann und 
Abg. Iro. Doch ist es wahrscheinlich, dass nur zwei 
oder drei Zeugen im Laufe der Nachmittagsverhandlung 
aussagen werden. Wie verlautet, haben die Schüler 
der hiesigen Mittelschulen heute seitens der Direk- 
tionen den strengsten Befehl erhalten, sich vom Kreis- 
gerichtsgebäude überhaupt fernzuhalten und vor Allem 
nicht an den Demonstrationen für die eine oder an- 
dere Partei theilzunehmen. 

Die Anklage besagt: Ich, Karl Hermann Wolf, 
Reichsraths- und Landtagsabgeordneter in Wien. VIL 
Kandlgasse 4, erhebe gegen 1. Anton Karl Wüst, am 
11. Januar 1863 in Prag geboren, nach Weitentrebetisch 
zuständig, evangelisch, verheirathet, Schriftleiter und 
Herausgeber der „Nationalen Zeitung" in Saaz, bereits 
vorbestraft, 2. Fritz Kränzle, am 12. Februar 1844 
in Dillingen (Bayern) geboren, dahin zuständig, katho- 
lisch, verehelicht, Buchdrucker in Saaz, 3. Dr. Wil- 
helm Feistner, am 16. November 1854 in Wartenberg 
geboren, dahin zuständig, katolisch, verheirathet. ver- 
antwortlicher Redakteur der „Reichenberger Zeitung'^ 
in Reichenberg, bereits vorbestraft, 4. Wilhelm Stiepel, 
am 24. März 1854 in Prag geboren, nach Reichenberg zu- 
ständig, evangelisch, Buchdruckereibesitzer in Reichen- 
berg, wiederholt abgestraft, 5. Dr. Anton Schalk, am 
23. Mai 1869 geboren, dahin zuständig, evangelisch, 
ledig, Reichsraths- und Landtagsabgeordneter, in Wien 
VfL, Siebensterngasse 38, vorbestraft, die Anklage. 



319 



Der Gerichtshof bestand aus: Den Vorsitz führt als 
Vorsitzender OLGR. Dr. ßalling, als Votanten fun- 
giren LGR. Strauss und Dr. Pittner, als Ersatzrichter 
LGR. Müller, als Schriftführer Auskultant Dr. Feig. 
Dem Namen nach zu schliessen, mag wohl Auskultant 
Dr. Feig Hebräer sein. Landesgerichtsrath Strauss über- 
häufte den Wolf während des ganzen Processes mit 
seinem Wohlwollen. Es ist bekannt, dass ein beträch- 
tlicher Procentsatz der deutschen Staatsbeamten in 
Oesterreich Schoenerianisch oder Wolfianisch gesinnt 
ist. Schalk sagte beim ersten Zeugenverhör über Wolt^ 
unter anderem folgendes aus. „Huber habe die Ein- 
wendung erhoben, dass die Affaire Wolf-Seidel eine 
gewöhnliche Liebesaffaire gewesen wäre und in dem 
unglücklichen Eheleben Wolfs begründet sei. Um 
dieser Behauptung entgegenzutreten, habe der Ange- 
klagte erklärt, dass ein Verschulden an dieser un- 
glücklichen Ehe die Frau Karl Hermann Wolfs nicht 
treffen könne. Die ehelichen Verhältnisse lägen bei 
Weitem nicht so, wie in der Oeffentlichkeit besprochen 
wurde, und wenn die Ehe wirklich eine unglückliche 
wäre, so sprecheo Thatsachen dafür, dass dies auf 
Verschulden Wolfs zurückzuführen sei." Der Ange- 
klagte fährt dann weiters fort: „Ich wies darauf hin, 
dass alle- erotischen Abenteuer von Wolf mit dem 
Hinweise auf seine unglückliche Ehe eingeleitet wur- 
den. Damals hiess es thatsächlich auch, dass Wolf 
das Geld mit vollen Händen ausgebe, während seine 
Frau Mangel leide, dass es sogar vorgekommen sei, 
dass er verlangtes Geld seiner Frau vor die Füsse- 
geworfen hätte. Dass er seine Frau geschlagen habe^ 
habe ich nie behauptet. Das bestreite ich. Ich habe 
aber erklärt, dass bei dem Charakter des Gegners es 
leicht möglich sei, dass er auch im Stande sei, seine 
Frau gegebenen Falles zu schlagen. Das Gespräch 
kam dann auf das Verhältniss Wolfs zu Fräulein 
Tschan, jetzt verehelichte Frau Professor Seidel. Da 
sagte ich: Wenn das Verhältniss wirklich aus der 
Leidenschaft entsprungen ist, so müsste man Nach- 
sicht haben. Aber auch wenn es eine schöne ideale 
Liebe gewesen wäre, auch dann hätte die alldeutsche 
Vereinigung die Pflicht gehabt, Stellung dagegen zu 



320 



nehmen und Karl Hermann Wolf aus der Vereinigung 
auszuschliessen. Ich habe aber bestritten, dass von 
einer sittlich ethischen Leidenschaft die Rede sein 
kann. Sowie Wolf sich im Falle Seidel benommen 
hat, so hat er es auch in den anderen Fällen gemacht. 

Der Angeklagte führt diesbezüglich, ohne einen 
Namen zu nennen, einen Fall an und bemerkt, dass 
er für seine Behauptung den Beweis in Gestalt eines 
Liebesbriefes in Händen habe. Der Privatankläger 
habe dem Angeklagten selbst erzählt, er habe an- 
lässlich einer Versammlung in ßischofteinitz Bezie- 
hungen zu einem Mädchen angeknüpft. Dr. Schalk 
solle ihm das nicht weiter übel nehmen, nach den 
Aufregungen einer politischen Versammlung bedürften 
seine Sinne immer einer Auflösung. Dass der Ange- 
klagte aber erklärt habe, der Privatankläger habe ein 
Mädchen im juristischen Sinne, im Sinne, des Gesetzes 
vergewaltigt, sei unwahr. Ich habe — sagt Dr. Schalk 
— ausdrücklich erklärt, dass von einer Vergewaltigung 
im juristischen Sinne nicht gesprochen werden könne. 
Darum habe es sich auch gar nicht gehandelt 

Der Zeuge Dr. Huber sagte über Wolf folgendes. 
Dr. Adolf Huber gibt bei Abnahme der Generalien 
an, dass er 28 Jahre alt, altkatolisch und Schriftleiter 
in Linz ist. lieber das Gespräch lässt er sich folgender- 
massen vernehmen : Es war am 25. Februar d. J., da 
kam Dr. Schalk zu einer Besprechung der alldeutschen 
Partei nach Linz, der nicht ich beigewohnt habe, 
sondern Schriftleiter Sträucher. Dieser erzählte mir 
nun nachher, es seien da schreckliche Dinge über 
Wolf ausgesagt worden. Es wäre die Rede gewesen 
yon Vergewaltigung und Wechselfälschungen. Später 
leistete ich einer Einladung Dr. Schalks zu einer Kon- 
ferenz über eine private Unternehmung Folge. Herr 
Schalk erörterte u. A. den Plan der Gründung eines 
alldeutschen Tagblattes. Er kam auch auf Wolf- 
Affairen zu sprechen, deren Details schon längst vor- 
her in allen Blättern zu lesen waren. Dr. Schalk 
äusserte sich nun zu mir, dass es ausser diesen be- 
reits bekannten Fällen noch einige ganze Menge 
schmutziger Weibergeschichten gebe. Bei einer Ver- 
sammlung in Bischofteinitz sei Wolf mit einem Mäd- 



321 



chen verschwunden; dieses Mädchen habe sich dann 
an Dr. Schalk gewendet und diesem mitgetheilt, dass 
Wolf sie zu einem unsittlichen Akte gezwungen 
habe. Diesen Brief hätte er (Dr. Schalk) im Besitze. 
Weiter wurden die schlechte Geldwirthschaft und die 
Bilanzfälschungen in der „Ostdeutschen Rundschau'' 
erörtert. Auch auf die Familienverhätnisse K. H. 
Wolfs kam die Rede. Es wurde erzählt, Wolf brauche 
eine ganze Menge Geld fürs Haus, 6000 fl. wurden 
genannt, Wolf werfe seiner Frau das Haushaltungs- 
geld in einzelnen Geldstücken vor die Füsse. Dann 
erzählte Dr. Schalk noch einige intime Vorgänge. Die 
Bilanzfälschungen könnten unmöglich ohne Wolfs 
Wissen vollzogen worden sein. Dann wurden auch die 
Wechselfäschungen zur Sprache gebracht. Dr. Schalk 
brachte Gerstgrasser damit in Verbindung; dessen 
zweifelhafte Persönlichkeit könne Wolf nicht un- 
bekannt gewesen sein, denn Wolf soll sich geäussert 
haben : Diesen Kerl könnte ich ins Kriminal bringen. 
Warum thut das Wolf nicht? Die Frage Dr. Rosas, 
ob Schalk auch grundlos andere Personen verdächtigt 
habe, verneint der Zeuge. 

Dann wurde Schriftleiter Quido List vorgenommen. 
Seine Aussage erregt Sensation theils durch ihren 
Inhalt, theils durch die Fragen, die Wolf daran knüpfte. 
Der Zeuge sagte aus: Die Sache ist ziemlich lange 
her. Ich habe ihr damals keine Bedeutung beigelegt. 
Einmal kam Schaufler zu mir und erzählte, er habe 
mit einem russischen Staatsrathe gesprochen, der ein 
Blatt suchte, das Propaganda für die Einführung 
russischen Getreides machen würde. Er stellte dafür 
eine Subvention von 30.000 fl. in Aussicht. Ich war 
damals ein intimer Freund von Wolf und kannte 
seine Geldangelegenheiten. Ich dachte, ich könnte ihm 
damit helfen, und schrieb ihm die Sache in einem 
Briefe, der die Aufschrift „Persönlich!" trug. Darauf 
kam zuerst Redakteur Sedlak zu mir, dem gegenüber 
ich mich sehr reservirt verhielt. Ich fragte ihn, wie 
er dazu komme den Brief zu öffnen, und er antwor- 
tete, dass er geglaubt habe, es handle sich um ein 
Feuilleton. Dann bin ich mit Wolf zusammengetroffen 
und er sagte mir nach einigem Nachdenken, das wäre 

21 



322 



zwar kein Verbrechen, aber es müsste geheim bleiben. 
Dann hat Wolf mit Schaufler darüber gesprochen. Er 
sagte mir noch bei der Unterredung: Du, wenn die 
Sache zu Stande kommt, will ich Dir fürstliche Hono- 
rare zahlen. (Bewegung.) Dr. Rosa : Woher wissen 
Sie denn, dass Wolf mit Schaufler gesprochen hat. 
Zeuge: Wolf hat es mir selbst gesagt. Dr. v. Berger: 
Sagen Sie mir nochmals genau, was Ihnen Wolf gesagt 
hat. Zeuge: Er hat mir gesagt, er sieht nichts Un- 
rechtes darin, aber nachdem er von allen Seiten 
beobachtet werde, müsse er sich sehr in Acht nehmen. 
Für sich brauche er das Geld nicht, aber es wäre 
ihm lieb, wenn er seine Familie besser ernähren 
könnte. (Neuerliche Bewegung.) Ueber die Geldwirth- 
schaft in der „Ost. Rundschau" gibt Zeuge Dr. Ba- 
reuther an, dass die „Ostdeutsche Rundschau" öfters 
in Geldknappheit war. Es wurden auch wieder- 
holt Sanirungsaktionen zur Verbesserung der Verhält- 
nisse eingeleitet. Dabei wurde aber die Bedingung 
aufgestellt, dass die Geschäftsgebarung unter Kontrole 
gestellt werde. Darauf ging aber Wolf nicht ein, da 
er fürchtete, seine Selbstständigkeit verlieren zu können. 
Eine derartige Aktion ist auch im Frühjahre unter- 
nommten worden, aber sie führte zu keinem Resul- 
tate. Auf Anregung des Verwalters Gutmann wurde 
nämlich eine Versammlung einberufen, welche erklärte, 
dass eine künftige Sanirung nur durch Umwandlung 
der „Ostdeutschen Rundschau" in eine Genossenschaft 
möglich sei. Es wurde ein Komite eingesetzt, welches 
Wolf, der an dieser Versammlung nicht theilnahm, 
von den gefassten Beschlüssen in Kenntniss setzte. 
Gerstgrasser, Administrator der „Ost. Rundschau" 
gibt an, dass Wolf iu diesem Blatte monatlich 125 fl, 
dann Quartiergeld und Agitationspesen, im Ganzen 
nicht über 200 fl. hatte. 

Wenn man noch hinzurechnet die Gelder, welche 
Wolf als Reichsrath- und Landtagsabgeordneter be- 
kommt, die sicherlich jährlich über 2000 Gulden aus- 
machen, ersehen wir, dass für Wolf die Politik kein 
schlechter Erwerb ist. Der Prokurist der Firma Schoeller 
Herr Gniess gab an, dass das Zuckerkartell für die 
j,Ost. Rundschau" ein jährliches Pauschale von 4000 



323 



Kronen festgesetzt habe. Wolf gab zu, dass sein Organ 
vom Zuckerkartell im Ganzen 1200 Kronen erhalten 
hat. Nun kam im Processe die heisse Stunde für 
Wolf. Es sollte der Ehebruch mit der Frau des Prof. 
Seidel gerichtsmässig zur Verhandlung kommen. Dr. 
Berger sagte: Abg. Wolf hat sich mit der Tochter 
eines Gesinnungsgenossen, mit der Frau eines Partei- 
genossen, in ein intimes Verhältniss eingelassen. Er 
ist als Brautzeuge gestanden, wo er sich des schweren 
Verbrechens gegen die Sittlichkeit bewusst war. Durch 
seine Handlungsweise ist seiner Partei ein grosser 
Schade zugefügt worden und alle Blätter des In- und 
Auslandes haben diese Affaire ausführlich besprochen. 
Es ist darüber in der breitesten Oeffentlichkeit ge- 
sprochen worden, es wurde die Sache an die grosse 
Glocke gehängt, es entfällt daher der Einwand des 
Gesetzes, dass der Wahrheitsbeweis für private und 
Familienangelegenheiten nicht zulässig sei. Er spricht 
sich für die Zulässigkeit des Wahrheitsbeweises auch 
noch insofern aus, als ja diese Angelegenheit der 
eigentliche Kern der Sache sei und alles Andere nur 
begleitende Umstände seien. Es sprechen alle Gründe 
dafür, dass diese Angelegenheit durchgeführt werde. 
Dr. Rosa, der Vertheidiger Wolfs spricht sich 
gegen die Zulassung des Wahrheitsbeweises aus, nicht 
etwa weil sich sein Klient fürchte, dass diese Ange- 
legenheit hier erörtert werde. Er ist der sicheren 
Ueberzeugung, dass es seinen Gegnern nicht gelingen 
werde, den Beweis für die in der Broschüre ausge- 
sprochenen Beschuldigungen zu erbringen. Mein Klient 
will lieber Unrecht leiden, ehe er als Mann einem 
Weibe gegenüber als Angreifer erscheint. Das ist der 
eine Grund, warum wir gegen diesen Punkt der 
Broschüre keine Anklage erhoben haben. Ein Weiterer 
Grund hiefür ist, das es auf Grund der heutigen Ehr- 
begriffe üblich ist, eine Angelegenheit als abgethan 
zu betrachten, wenn man für ein Vergehen Genüg- 
thuung geboten und sein Leben aufs Spiel gesetzt 
hat. Wolfs Vergehen motivirt aber deshalb noch immer 
nicht den Begriff der Ehrlosigkeit, denn man- kann 
dies nur von einem Weibe sagen, wenn sich dieses 
preisgibt, von einem Manne jedoch nicht, der sonst 



324 



seine Pflicht erfüllt. Es heisst nicht umsonst: Wer 
nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein 
Narr sein Leben lang. Vom Standpunkte der Moral 
wird man sagen: Das gehört sich nicht, man kann 
aber deshalb einen Menschen nicht für ehrlos erklären. 
Nur dann könne der Wahrheitsbeweis zugelassen 
werden, wenn Wolf selbst diese Angelegenheit in die 
Oefifentlichkeit gezerrt hätte, aber nicht, wenn er ein- 
sieht, dass er gefehlt habe, und erst dann in dieser 
Angelegenheit in die Oeffentlichkeit getreten ist, als er 
gezwungen war, unwahren Gerüchten entgegenzutreten. 
Der Kern der ganzen Sache ist der Kampf zweier 
politischer Parteien, und das soll geeignet erscheinen, 
dass eine Mutter gegen ihr Kind im Gerichtssaale 
aussagen soll? Das kann und darf nicht geschehen. 
Es sei sehr bedauerlich, dass hier ein Kampf geführt 
werde, der eine politische Persönlichkeit wie Wolf 
vernichten soll. Man lasse es darauf ankommen, 
dass Personen in ihren heiligsten Gefühlen verletzt 
werden, (mit erhobener Stimme) dass eine Frau ihre 
Schande eingestehen soll, weil Herr Dr. Schalk frei- 
gesprochen werden will. Das kann nicht sein und 
wäre im Widerspruche mit dem Gesetze. Der einzige 
Richter in dieser Sache waren seine Wähler, und die 
haben mit Begeisterung durch die Wiederwahl Wolfs 
zu erkennen gegeben, dass sie ihn nicht verdammen. 
Dr. Rosa bittet daher die gestellten Beweisanträge 
abzulehnen. 

Nun ergriff auch Wolf für seine Person das Wort. 
Hoher Gerichtshof ! Meine Herren Geschworenen ! Die 
Peinlichkeit, welche die Erörterung des in Frage 
stehenden Falles für mich hat, entspricht nicht der 
Befürchtung, dass durch die Darlegung derselben 
der mir gemachte Vorwurf begründet und erwiesen 
wird, sondern der Befürchtung, dass wir Zeugen von 
Scenen werden, wo die Mutter die Tochter beschul- 
digt, der Mann gegen die mitschuldige Dame auftritt. 
Und so müsste ich bei der Peinlichkeit, die es für 
mich hat, in diesem Punkte mich dadurch verthei- 
digen, dass ich nach einer Seite hin anklage, der 
gegenüber ich als Mann schonend vorgehen sollte. 
Diese Peinlichkeit wird jeder anständige Mann be- 



325 



greifen, vielleicht erleichtert es das ganze Verfahren, 
vielleicht den Beschluss des Gerichtshofes, al^ auch 
die Schöpfung eines Urtheiles, wenn, ich die Erklä- 
rung abgebe: Ich habe in dieser Sache gefehlt. Ich 
weiss, dass ich gegen die allgemein üblichen Grund- 
sätze, gegen die Anschauungen der Moral gefehlt 
habe, gefehlt in der Aufwallung und Erregung sinn- 
licher Leidenschaft. Es war dies eine Verwirrung, 
die gewiss nicht zu entschuldigen ist, gegen die nur 
solche als Kläger auftreten können, die sich S3lbst 
makellos und rein fühlen. In der Bibel steht: Wer 
sich rein fühlt und ohne Schuld, der werfe den 
ersten Stein. Ich weiss nicht, wer von uns Anwesen- 
den, ich weiss nicht, ob der Verfasser der Broschüre 
berufen ist, den ersten Stein gegen mich zu schleu- 
dern. Ich gestehe es, dass ich es tief bedauere, nicht 
deshalb, weil ich dadurch Nachtheile erlitten habe, 
sondern aus politischen Gründen bedauere ich es. Es 
geschah dies zu einer Zeit, in welcher wir, böhmische 
Abgeordnete, in stürmischen Zeiten uns befanden, 
wo wir den czechischen Pöbelmassen ausgesetzt waren. 
Da eilte ich von Versammlung zu Versammlung, 
meine Leidenschaften waren entflammt und die Ver- 
sucher waren in mannigfacher Form an mich her- 
angetreten. Ich habe gefehlt. Ich weiss nicht, ob nicht 
auch ein Stärkerer unterlegen wäre. Eine Verführung 
im strafgerichtlichen Sinne liegt nicht vor. Es war 
keine Verführung; auch das Alter der beiderseitigen 
Personen lässt das als ausgeschlossen erscheinen. Es 
war auch keine Verletzung des Gastrechtes, denn den 
Vater der Dame habe ich nur oberflächlich kennen 
gelernt: von intimen freundschaftlichen Beziehungen 
war damals noch gar nicht die Rede. Ich bin erst 
nach diesem traurigem Fall mit dem Vater der Dame 
bekannt geworden und wurde mit ihm später in 
einer Weise befreundet, dass ich es ohne Weiteres 
über mich bringen konnte, von dem betreffenden 
Herrn ein Darlehen für die „Ostdeutsche Rundschau" 
anzunehmen. 

Wolf beruft sich darauf, dass er sich sittlich in 
einer Zeit vergangen habe, wo die deutsch-böhmischen 
Abgeordneten in stürmischen Zeiten sich befanden. 



326 



wo sie den czechischen Pöbelmassen ausgesetzt waren. 
Hier iiat Wolf auf die Geschworenen eingewirkt, 
dass sie ihm das Sittlichkeitsverbrechen als dem 
Vorkämpfer und Helden des deutschen Volkes nicht 
anrechnen dürfen. Das böhmische Volk als solches hat 
sich mit der Person des Wolf noch nirgends abgegeben 
und soll es nun als Sündenbock für alldeutsche 
Schweinereien dienen! W^olf hat vergessen dem 
Schwurgerichte mitzutheilen, dass ihm zum Schutze 
seiner Person während der Landtagsession in Prag 
2 Geheimpolizisten zugegeben waren, die ihn überall 
folgten, und als sie sahen, dass Wolf mit Vorliebe 
solche Gassen der ehemaligen Judenstadt in Prag 
aufsuche, wo verrufene Lupanare dicht neben einander 
sind, haben sich die Geheimpolizisten um Wolf nicht 
mehr gekümmert, sie wussten, er sei gut aufgehoben. 
Dr. Schalk erwiderte, Wolf habe hier weitschweifig 
Dinge enthüllt, über welche er angeblich den Schleier 
ziehen wollte. Was er vorgebracht hat, sind Entschul- 
digungen führ ihn, und Beschuldigungen für Jene, die 
er vernichtet hat. Es geht hier nicht, dass man 
Grenzen zwischen privater und öffentlicher Ehre 
zieht. Wer als Privatmann keine Ehre hat, der ist 
auch nicht berufen im öffentlichen Leben eine Rolle 
zu spielen. 

Der Gerichtshof entschied, dass der Fall Wolf- 
Seidel in die Verhandlung nicht hineingezogen wurde. 
Der Berichterstatter des „Pr. Tagblat" schreibt von 
Brux aus am 1. Dezember. Abg. Schönerer wird morgen 
laicht bei der Verhandlung erscheinen. Der Wiener 
Arzt Dr. Pilz hat dem Abg. Schönerer ein Zeugniss 
ausgestellt, nach welchem dieser an einem akuten 
Bronchialkatarrh erkrankt und in Folge dessen am 
Erscheinen im Gericht ssaale verhindert ist. Die Ver- 
treter des Abg. Wolf und Dr. v. Berger als Vertreter 
der beiden Angeklagten Schalk und Wüst haben sich 
daraufhin in einer gemeinsamen Konferenz mit dem 
Vorsitzenden LGR. Balling dahin geeinigt, selbst von 
der Einvernahme des Abg. Schönerer im Requisitions- 
wege abzusehen. Hiedurch ist dem Angeklagten Dr. 
Schalk ein Zeuge entgangen, von dessen Aussagen er 
sich einen schwerwiegenden Eindruck versprochen 



327 



hatte. Für den morgigen Tag ist überdies seitens der 
Angeklagten eine Reihe von Alldeutschen und seitens 
des Klägers eine Anzahl ostdeutscher Abgeordneter 
und Parteigänger zur Zeugenaussage vorgeladen. Von 
diesen sind auch die meisten in Brüx bereits einge- 
troffen. Auf die Einvernahme des Abg. Beurle, der 
kranktheitshalber nicht erscheinen kann, haben beide 
Parteien verzichtet. Es verlautet, dass heute mit dem 
Druckereibesitzer der Saazer „Nationalen Zeitung", 
der neben dem Landtagsabg. Wüst wegen des Ab- 
druckes der Broschüre angeklagt ist, ein Ausgleich 
auf einer ähnlichen Grundlage zu Stande gekommen 
ist v^ie mit Dr. Feistner und Herrn Stiepel von der 
„Reichenberger Zeitung". Von den ursprünglich fünf 
Angeklagten bleiben demnach bloss Dr. Schalk und 
Landtagsabg. Wüst übrig. Morgen wird die russische 
Bestechungsaffaire noch zur Verhandlung gelangen. 
Der Kronzeuge Schaufler verlangte einen Vorschuss 
von 100 K, der ihm auch bewilligt wurde. Ausserdem 
sind die bereits einvernommenen Zeugen Lisst, Flis- 
singer und der Bruder des Angeklagten Schalk, der 
Wiener Buchhändler Friedrich Schalk, vorgeladen, 
um mit Schaufler konfrontirt zu werden. Dr. v. Berger 
hat wegen Ablehnung seines Beweisantrages in der 
Affaire Seidel die Nichtigkeitsbeschwerde eingebracht. 
Damit war auch Dr. Schalk verrathen und verloren. 
Schönerer hatte ihn zum Process aufgestachelt und 
ihn dann im Stiche gelassen. Die Krankheit hat Schö- 
nerer simulirt. lieber Wolfs politische Haltung sagte 
Dr. Berger, dass sich darüber wenig vorbringen lasse. 
Trotz des weitgehendsten Entgegenkommens der all- 
deutschen Vereinigung und Schönerers, der sich stets 
ihm als uneigennütziger Freund gezeigt habe, habe 
Wolf stets aus eigennützigen und selbstsüchtigen Grün- 
den etwas zu erzwingen gewusst,' — trotz derUeber- 
zeugung, dass er dadurch der von ihm vertretenen 
Sache einen empfindlichen Schaden zufügen könnte. 
Der beste Beweis, dass er die nationale Begeisterung nur 
ausgenützt habe und dass er nicht nur nach seinen glän- 
zenden Reden beurtheilt werden solle, sei, dass er 
nach einer Bismarckfeier, bei der eine Stunde vorher 
das hohe Lied der Begeisterung gesungen, in einem 



328 



öttentlichen Lokale unzüchtige Handlungen begehen 
konnte. Zu Wolf gewendet sagte Dr. Berger : Sie 
waren der Mephisto der Partei. Zeuge Abgeordneter 
Stein erläutert ausführlich, dass schon im Jahre 1895 
zwischen ihm und Wolf ein Streit ausgebrochen ist, 
weil Wolf damals ein Wahlkompromiss mit den 
Christlich-Socialen eingehen wollte. Eine Folge dieser 
Verstimmung war auch der Rücktritt Schönerers. Gleich 
nach den Reichsrathswahlen im Jahre 1899 hat es 
geheissen, dass eine Spaltung im Alldeutschen Lager 
bevorstehe. Er (Zeuge) habe sich daraufhin in die 
„Ostdeutsche Rundschau^' begeben und dortmit Schalk, 
den er dort antraf, im Einverständnisse mit Wolf eine 
Briefkastennotiz veröffentlicht, in welcher Wolf unter 
seinem Namen dieses Gerücht energisch widerruft. 
Der Zeuge erzählt weiter, dass die politische Hal- 
tung Wolfs immer bedenklich war. Wolfs Haltung 
war immer bedenklich, weil es die alldeutsche Ver- 
einigung für unmöglich hielt, gegen die Liguori-Moral 
aufzutreten, solange sie Wolf in ihrer Mitte hatte. 
Wolf: Auf wessen Vorschlag haben Sie das Mandat 
in den Landtag erhalten ? Stein : Ich war dort bereits 
sehr beliebt und allseitig aufgefordert worden, zu 
kandidiren. Wolf: Sie sind auf meinen Vorschlag hin 
gewählt worden. Stein : Das ist nicht wahr. Uebrigens 
haben Sie damals zu Zwecken der Agitation 1000 Mark 
aus Hamburg bekommen und mir nur 50 fl. gegeben. 
Wolf springt erregt auf und ruft: Das ist nicht wahr. 
Ich habe diese Summe für die gesammte Wahlbewe- 
gung erhalten. Sie zeihen mich hier der Unterschla- 
gung. Warum haben Sie denn das nicht für die Bro- 
schüre Schalks verwendet? 

Das ist eine sehr wichtige Etappe im Brüxer 
Process. Hier liegt es offen, dass die Alldeutschen 
Oesterreichs mit reichsdeutschen Unterstützungen 
ihre Agitationen unternehmen. Die Hofräthe in Wien 
spielen hier die Politik des Vogel Strauss. 

Am 6. Dezember wurde das Beweisverfahren ge- 
schlossen. 

Der Vertheidiger Dr. Schalks, Advokat Dr. Berger 
sagte unter anderem Folgendes : Keine Partei kann 
und darf das Verschulden eines Mitstreiters, und 



329 



stünde er noch so hoch, übersehen, ohne sich selbst 
herabzuwürdigen. Der Kampf gegen den KlerikaUs- 
mus und gegen die Liguori-Moral ist eine der wich- 
tigsten Aufgaben unserer Partei. „Hütet Eure Frauen 
und Mädchen vor den Liguori-Pfafifen", rief Herr 
Wolf erst vor Kurzem im Parlamente aus. Die all- 
deutsche Partei wäre zum Gespötte aller Uebrigen 
geworden, wenn sie durch Herrn Wolf diesen Schlacht- 
ruf fortan ertönen Hesse. „Hütet vor Allem Eure 
Frauen und Töchter vor Wolf", hätte geantwortet 
werden können. Dies konnte sich Herr Wolf selbst 
sagen und es wurde ihm von allen seinen Freunden 
in allen Tonarten vorgehalten. Wolf beharrte jedoch 
bei seinem Entschlüsse trotz der höchst derben und 
eindringlichen Mahnung, die ihm durch den Beschluss 
der alldeutschen Vereinigung zutheil wurde Er wusste, 
dass bei jener Sitzung die näheren Umstände des 
Falles Seidel zur Kenntniss gebracht worden waren 
und bei allen seinen bisherigen Verbandsgenossen 
den tiefsten Eindruck hinterlassen hatten. Er selbst 
habe sich dadurch in die Zwangslage versetzt, seine 
politische und damit auch wirthschaftliche Existenz 
auf den Trümmern seiner bisherigen Partei aufzu- 
bauen. Damit war aber auch für seine bisherigen 
Kampfgenossen die Nothwendigkeit gegeben, gegen 
ihn Stellung zu nehmen. Wolf hielt eine lange Rede ; 
unter Anderem sagte er: Ich habe nicht gerade ein 
ruhiges Leben geführt; die Umstände der Zeit, Inder 
ich lebte, brachten es mit sich, dass mein Leben 
stürmisch war, dass darin die Leidenschaft eine 
grössere Rolle spielte, als es sonst vorkommt und 
ich strauchelte. Ich strauchelte auf einem Gebiete, 
auf welchem wir alle sterblich sind und es werden 
auf diesem Gebiete nur wenige ganz Gute und ganz 
Reine sein, die sich als Richter aufwerfen dürfen. 
Ich habe diesen Fehler offen eingestanden, nicht dass 
ich mich im Büsserhemde vor die Kirchenthüre ge- 
setzt hätte. Ich habe das Ganze in mir niedergerungen 
und mit meinem Weibe ausgemacht und der Gesell- 
schaft habe ich Sühne gegeben nach den in unseren 
Kreisen üblichen Begriffen, indem ich mich vor die 
Pistole meines Georners stellte. Dann habe ich mein 



330 



Mandat niedergelegt. Ich hatte die Absicht, nie mehr 
zu kandidiren. Von den Vertrauensmännern meiner 
Wähler wurde mir aber mitgetheilt, dass sie diesen 
Fehler nicht für geeignet halten, mein völliges Aus- 
scheiden aus dem politischen Leben zu begründen. 
Da erklärte ich mich bereit, das Mandat wieder an- 
zunehmen. Nach dem Vorfalle hätte man noch ein 
Bischen geflüstert, aber in einigen Tagen wäre davon 
nicht mehr die Rede gewesen. Das aber passte ge- 
wissen Leuten nicht in den Kram, denen, von wel- 
chen die Worte Schillers im „Gang zum Eisenhammer 
gelten: „Es nährten früh und spat den Brand die 
Knechte mit geschäftiger Hand." Das war ihnen nicht 
recht, die mein Verschwinden aus dem öffentlichen 
Leben wollten, weil ich ihnen im Wege stand. In 
solchen Sachen sind nur wenige berufen, Richter zu 
spielen, denn auf sexuellem Gebiete sind nur wenige 
ohne Fehl und „Richtet nicht, auf das Ihr nicht ge- 
richtet werdet!" steht in der Bibel und es gibt nichts 
Scheusslicheres als das Bild des Pharisäers, der 
äugen verdrehend sagt : „Herr, ich danke Dir, das ich 
nicht bin wie dieser Zöllner." Und der Heiland nennt 
die Pharisäer übertünchte Gräber. In wenigen Tagen 
wäre das Gerede verstummt, aber man wollte es nicht 
zur Ruhe kommen lassen. Es war darauf abgesehen, 
mich zum politischen und anderen Krepirten zu brin- 
gen, wie es in einer Schrift meiner Gegner heisst, 
mich zum Selbstmord zu treiben. Dann hätte es ge- 
heissen: „Tragt die Leiche weg. Das Spiel kann 
weiter gehen." 

Dr. Schalk sagte unter Anderem folgendes: Für 
mich ist die Politik kein Gewerbe, ich habe auch 
Ehre und Leben ohne Mandat. Nichts ist unwahrer, 
als dass vielleicht das Motiv unseres Kampfes poli- 
tischer Neid gewesen. Sie haben hier zugehört, dass 
man gegen mich vielleicht in gutem Glauben gehässig 
aussagte, aber Keiner hat sagen können, dass ich 
gegen Wolf vielleicht in den Versammlungen gehässig 
gesprochen habe. Nicht nur ich, sondern auch alle 
meine Kollegen haben dasselbe gethan, weil wir den 
nothwendigen Rückzug unseres Kampfgenossen decken 
wollten. Dass dieser Rückzug nothwendig war, hat 



331 



Wolf selbst eingesehen, der seine Handlungen als 
Schlechtigkeit bezeichnete. Es handelt sich hier nicht 
um galante Abenteuer, obwohl bei einer Partei wie 
der unseren es nothwendig ist, auf sittlichem Ge- 
biete vorwurfsfrei zu sein. Das Mandat soll ja nicht 
nur Rechte geben, sondern auch Pflichten. Die Pflicht 
vor Allem, dass unser Leben unseren Worten ent- 
spreche. Es wäre peinlich gewesen, dass einem der 
Unserigen eine Entgleisung passirt wäre, aber das 
wäre zu verwinden gewesen. Was aber hier geschah, 
war keine Entgleisung, sondern eine That, die zur 
Ausscheidung des Thäters aus unseren Reihen führen 
musste. Ich glaube, dass keiner von Ihnen Gemein- 
schaft mit einem Manne halten würde, der sein Haus 
geschändet, seine Tochter verführt hat. Auch in un- 
serer Gemeinschaft konnte ein solcher Mann nicht 
verbleiben. Wer das Eigene nicht rein hält, der ist 
auch nicht berufen, für die Ehre seines Volkes ein- 
zutreten. Der Gerichtshof fällte folgendes Urtheil: Das 
k. k. Kreisgericht als Schwurgericht in Brüx hat nach 
durchgeführter und heute beendeter Verhandlung in 
Sachen K. H. Wolf gegen Karl Anton Wüst wegen 
des Vergehens der Ehrenbeleidigung und gegen Anton 
Schalk wegen Uebertretung der Ehrenbeleidigung 
nachfolgendes Urtheil gefällt: Karl Anton Wüst ist 
schuldig des Vergehens gegen die Sicherheit der Ehre 
nach den §§ 5, 487, 488 und 491 des St.-G. und wird 
nach § 493 des St.-G. unter Anwendung des ausser- 
ordentlichen Milderungsrechtes nach den §§ 266, 261 
und 267 der StPO. zu einer Geldstrafe von 1000 K, 
eventuell 20 Tagen Arrest verurtheilt. Nach dem § 39 
des PG. ist der Schuldige verpflichtet das Straferkennt- 
niss nach Rechtskraft binnen einer Woche an der 
Spitze nachstehender Blätter : „Nationale Zeitung^^ 
und „Deutsche Bauernzeitung" in Saaz, „Ostdeutsche 
Rundschau", „Trautenauer Zeitung" und „Die Deutsche 
Volkswacht^' in Teplitz auf seine Kosten zu veröffent- 
lichen. Dr. Anton Schalk ist schuldig der Uebertre- 
tung gegen die Sicherheit der Ehre nach den §§ 5, 
487, 488, 489 und 491 des StG. und wird nach §§ 
493 unter Anwendung der §§ 66, 267 und 261 der 
StPO. zu einer Geldstrafe von 800 K, in Nichtein- 



332 



bringungsfalle zu 16 Tagen Arrest verurtheüt. Wüst 
ist schuldig, die Kosten der Geschworenenbank: zu 
tragen. Die Kosten der Parteienvertreter zahlt zu zwei 
Drittel Wüst, ein Drittel Schalk. Der Privatkläger ist 
mit Rücksicht auf das erste freisprechende Erkennt- 
niss verpflichtet, an Dr. Schalk ein Drittel der Ver- 
tretungskosten rückzuerstatten. Dr. v. Berger meldete 
sofort die Nichtigkeitsbeschwerde an und bat um Zu- 
stellung des Urtheils. Nach der Urtheilsverkündigung 
wurden im dichtgedrängten Zuschauerraum des Ge- 
richtssaales lebhafte Heil-Rufe laut. 

Der Berichterstatter schliesst. Schon zu Beginn 
der ßerathung der Geschworenen sammelte sich die 
Menge an. Als die Geschworenen nach Schluss der 
Verhandlung den Saal verlassen hatten, wurden sie 
mit Heil-Rufen begrüsst. Diese Heil-Rufe wurden 
sehr stürmisch als Wolf mit seinem Vertreter Dr. Rosa 
und dem Führer der Ostdeutschen von Brüx Dr. He- 
rold das Gerichtsgebäude verliess. Die grosse Menge 
begleitete Wolf unter Heil-Rufen und Hütenschwenken 
zum Hotel ^Im Löwen", wo Wolf mit seinem Ver- 
treter Wohnung genommen hat. Vor dem Hotel wur- 
den Wolf eine stürmische Ovation und Heil-Rufe dar- 
gebracht, sodann wurde die „Wacht am Rhein" ge- 
sungen. Auch im Gastzimmer des Hotels wurde Wolf 
und seinem Vertreter eine begeisterte Ovation bereitet. 
Dann zerstreute sich die Menge, um sich in die Turn- 
halle dem abendlichen Versammlungsorte der Ost- 
deutschen, zu begeben. 

Unter dem Eindrucke des Brüxer Processes mel- 
deten die Blätter am 10. Dezember folgendes aus 
Wien. Die alldeutsche Vereinigung wurde zu einer 
besonderen Sitzung einberufen, um zu dem Ergeb- 
nisse des Brüxer Processes Wolf-Schalk Stellung zu 
nehmen. Es wurde darin folgende Erklärung beschlos- 
sen : „Die Brüxer Geschworenen haben gegen uns 
entschieden. Die Korruption erhebt nunmehr kühner 
denn je ihr Haupt. Der Verurtheilte, unser bekannter 
Mitkämpfer Abg. Dr. Schalk, dem in der wichtigsten 
Processangelegenheit der Wahrheitsbeweis verwehrt 
wurde, mag unseres steten, aufrichtigen Dankes ver- 
sichert sein. Es musste sich uns die Frage aufdrän- 



33S 



gen, ob wir den Kampf für den alldeutschen Einheits- 
und Reinheitsgedanken fortführen oder denselben 
als vergeblich einstellen sollen. Wir haben uns für 
das erstere entschieden und werden somit im Glauben 
an den endlichen Sieg unserer gerechten Sache auch 
künftighin trotz der vielfach vorherrschenden Ver- 
ständnisslosigkeit im Kampfe für des Volkes höchste 
Güter ausharren und die falschen Freunde unseres 
Volkes unschädlich zu machen trachten. Wir sind 
daher vollauf berechtigt und verpflichtet, den Kampf 
gegen Wolf fortzusetzen, dessen Gesinnung und Cha- 
rakter genügend dadurch gekennzeichnet erscheint, 
dass er den Erwecker und Festiger des alldeutschen 
Gedankens in der Ostmark, den Abg. Schönerer auch 
im Gerichtssaale einen „grauhaarigen Schurken" ge- 
nannt hat. Wir halten fest an unserer Ueberzeugung 
und sind entschlossen in Bethätigung unserer Grund- 
sätze auch in Zukunft alles Undeutsche und Gemeine 
von unseren Reihen fern zu halten. Wir sagen mit 
Bismarck: „Wir Alldeutsche werden den Weg, den. 
wir im Interesse unseres Volkes für den rechten er- 
kennen, bis ans Ende gehen, unbeirrt, ob wir Hass 
oder Liebe dafür ernten. Wien, 9. Julmond 1902. Die 
alldeutsche Vereinigung." Der „Wiener Allgemeinen 
Zeitung" zufolge stellte in der letzten Sitzung der 
alldeutschen Vereinigung Abg. Schalk mit Rücksicht 
auf den Ausgang des Brüxer Processes sein Mandat 
zur Verfügung. Sämmtliche Abgeordnete der Vereini- 
gung erklärten, die Verzichtleistung Schalks nicht 
annehmen zu können, zumal die Schrift Schalks vor 
deren Veröffentlichung von der alldeutschen Vereini- 
gung gutgeheissen wurde. Die Vereinigung sprach 
Schalk den Dank aus und beschloss, den Kampf ge^en 
die ostdeutsche Korruption auch in Zukunft mit 
allen Mitteln fortzusetzen. Die Wirkung des Brüxer 
Proceses war die, dass fast alle Blätter, die früher 
zu Schönerer hielten, nun zu Wolf übergingen. Ebenso 
dürften bei den künftigen Wahlen die Verbündeten 
Schönerers vom Schauplatz verschwinden. 

Dieser Process in Brüx brachte den Führern der 
alldeutschen Bewegung keinen Gewinn. Die brüxer 
Moral lautet: jedes noch so demoralisirte Individuum 



134 



kann Führer des Volkes sein, wenn es dazu die 
nöthige freche Stirn und ein Rednergabe besitzt dem 
Nationalgötzen und den Leidenschaften des Volkes 
zu schmeicheln. 

Die Gruppe der alldeutschen Abgeordneten hat 
in den Monaten Januar bis Mai 1901 im österreichi- 
schen Reichsrath jede Arbeit durch wüstes Treiben 
unmöglich gemacht. Fast in jeder Sitzung brachten 
Schönerer und Genossen Interpellationen und An- 
fragen vor, welche massenhafte Spalten des steno- 
graphischen Protokolles ausfüllen und die nur voll von 
den gemeinsten und niederträchtigsten Angriffen auf 
die katholische Kirche und Priester sind. Hat doch 
Wolf am 1. März 1901 eine Anfrage an den Präsi- 
denten gerichet, die wir hier wiedergeben. „Wir 
haben gestern 2 Interpellationen eingebracht eine 
durch den Herrn Kollegen Schönerer, eine 2. durch 
den Herrn Kollegen Lindner. In diesen Interpellatio- 
nen wurde der Justizminister gefragt, ob er einver- 
standen sei, dass ein Staatsanwalt dort und ein Staats- 
anwalt da 2 Artikel in den Zeitungen konfiscirt 
haben. In dieser Anfrage war nicht ein einziges Wort, 
welches unanständig oder unsittlich genannt werden 
könnte. Es waren lediglich Angriffe gegen die poli- 
tische Macht der Klerikalen, nicht etwa die katho- 
lische Religion als solche, sondern gegen die Miss- 
bräuche, die in der katholischen Religion zu Tage 
treten, gegen die Art wie Frauen und Mädchen im 
Beichtstuhle von Geistlichen nach der Vorschrift der 
Liguorimoral ausgefragt werden. 

Ich denke also, wenn solche Niederträchtigkeiten 
in der Welt vorkommen, dass einer, der die Religion, 
dieses heilige Gut, zu pflegen hat, den Beichtstuhl 
missbraucht um Gedanken der Unzucht und der 
Schamlosigkeit in der heranwachsenden Jugend zu 
wecken, wenn ein Diener der Religion den Beichtstuhl 
missbraucht, um an die Frauen schamlose Fragen zu 
stellen, so ist das zweifellos etwas Entsetzliches 
Trauriges, Fürchterliches. Aber wir als Männer haben 
da nicht die Pflicht mit gesenkten Augen an diesem 
Scheusslichen vorüberzugehen, sondern haben, wenn 
wir wirkliche Volksvertreter sind, im- Interesse der 



335 



Sittlicheit dafür zu sorgen, dass dem mit Entschie- 
denheit entgegen getreten werde." So sprechen all- 
deutsche Mädchenschänder und Ehebrecher im öster- 
reichischen Parlament gegen katholische Priester. Die 
alldeutschen Abgeordneten haben durch derartige 
wüste Scenen das österreichische Parlament in aller 
Welt der Verachtung preisgegeben. So sagte am 1. 
Dezember 1902 Abgeordneter Richter im deutschen 
Reichstag folgendes: „Wir stehen vor der Thatsache, 
dass zwei Drittel des Reichstages sich über die mate- 
riellen Fragen geenigt haben, und dass für die Herren 
nur noch die Frage offen ist, wie sie in legitimer 
Weise zu einem Ausdruck ihres Willens gelangen. 
War der Antrag Kardorff nicht für legitim, nicht für 
zulässig erachtet, dann weiss ich nicht, wie es über- 
haupt weiter werden soll. Eins aber weiss ich, dass, 
wenn in dieser Weise fort verhandelt werden soll 
bis zum April, dann der Parlamentarismus an Auto- 
rität und Ansehen tief erschüttert wird. (Sehr rich- 
tig!) Kämpfen wir so immer weiter, immer heftiger, 
sind wir, ehe wir uns versehen, in österreichischen 
Zuständen, und, wenn dieser Reichstag, dem ich seit 
31 Jahren angehöre, jemals ein Bild darbieten sollte 
wie der österreichische Reichsrath, dann würde ich 
es für keine Ehre mehr halten, überhaupt einer solchen 
Körperschaft anzugehören. (Lebhafter Beifall rechts. 
— Unruhe links.) Der deutsche Reichstag soll nach 
unserer Meinung ein Muster sein in korrekten For- 
men des Parlamentarismus." 

Im deutschen Reichstage handelte es sich um 
den Zolltarif, welchen die Socialdemokraten auf jede 
Weise vereiteln wollten nach dem Muster der Schö- 
nerianer. Auf Antrag Kardorff wurde der Zolltarif ohne 
Debatte en bloc angenommen und hiemit der Ob- 
struktion der Socialisten ein Ende gemacht. In Oester- 
reich aber geschah das Gegentheil. Die Regierung 
ergriff wilde Flucht vor Schönerer und Wolf, kapitu- 
lierte und anerkannte so die Herrschaft politischer 
Räuber, Ehebrecher und Mädchenschänder. 

Zum Schlüsse dieses Kapitels bringen wir noch 
Folgendes. Das „Trautenauer Wochenblatt" brachte 
Anfangs März 1903 diese Nachricht: „Die Frau des 



336 



Abg. K. H. Wolf hat gegen ihren Gatten durch den 
Advokaten Dr. Friedrich Förster beim k. k. Landes- 
gerichte in Wien die Ehescheidungsklage eingebracht. 
Die Ehescheidungsklage wurde von der unglücklichen 
Frau Wolfs wegen fortgesetzter roher Beschimpfung 
und thätlicher Misshandlung durch ihren Gatten gegen 
diesen eingebracht. Um weiteren Misshandlungen zu 
entgehen, hat sich die Arme mit ihren Kindern zu 
ihren Eltern nach Gilli geflüchtet, wo sie sich gegen- 
wärtig aufhält. Die Ehescheidung wird von Frau 
Wolf auch wegen grober sittlicher Verfehlungen und 
„Verirrungen" des Abg. Wolf begehrt. In dem Ehe- 
scheidungsprocesse wird auch die durch den Process 
Wolf-Schneider enthüllte Thatsache eine Rolle spielen, 
dass Abg. Wolf eine nahe minderjährige Verwandte 
seiner Frau, die in seinem Hause zu Gaste war, zu 
schwerer ünsittlichkeit verleiten wollte, ein Vergehen, 
das Abg. Wolf mit Volltrunkenheit zu entschuldigen 
und zu bemänteln suchte. Der Process, durch den 
die Frau des Abg. Wolf ihre Befreiung von einem 
langen Martyrium sucht, wird schon demnächst durch- 
geführt werden. " — Im Brüxer Processe führte Wolf 
seine Frau als „braven deutschen Kameraden" vor^ 
der ihm verziehen habe. Herr Wolf scheint es auch 
in diesem Exempel mit der Wahrheit nicht genau 
gen^ommen zu haben, was seine Getreuen nicht hindern 
wird, ihn auch fernerhin als „hehre Siegfriedsgestalt", 
als „Perle des deutschen Volkes" zu feiern. 

Zum Schlüsse wollen wir nur folgendes bemer- 
ken. Man beachte doch die „sittlichen" Anschauungen 
des Vertheidigers Dr. Rosa und des Abg. Karl Wolfs 
selbst und %ßrgleiche sie mit den Angriffen, welche 
Wolf und seine Genossen gegen katholische Priester 
und die gelehrten Werke des hl. Alfons von Liguori 
massenhaft gerichtet haben. Die Alldeutschen ver- 
decken ihre eigene Unmoral durch Verleumdung und 
Schmähung Unschuldiger. 

XIX. Der Kampf um die Nationalität dringt in die 
katholische Kirche ein. 

Der Mensch im Getriebe der blinden Leidenschaf- 
ten macht kein Halt nicht einmal vor den heiligen 



337 



Thoren der Kirche. Im Mittelalter haben Verbrecher 
das Recht genossen, wenn sie die heiligen Räume der 
Kirche betraten, dass sie hier vor der Justificierung 
geschützt waren. In unseren Tagen machtder Nationa- 
litätenhass nicht einmal Halt vor dem Altare. Wir 
wollen hier nicht auf die erhabenen Lehren des 
Ghristenthums eingehen, wie sie über das Wesen des 
Menschen, die Gleichheit aller Menschen vor Gott, 
die Zuwendung der Erlösungsgnade allen Menschen 
auf Erden gelehrt werden, das sind Lehren, welche 
der katholische KatecWsmus klar und deutlich enthält 
Aber wie anders sieht es im Leben aus. Wer das öffent- 
liche Leben heute beobachtet, muss unwillkürlich 
zur Erkenntniss gelangen, dass das Christenthum 
wohl gelehrt, aber nicht befolgt wird. Die Lehren 
Christi finden bei den Menschen keine Anwendung. 
Man predigt auf der Kanzel Liebe und wenn man von 
der Kanzel heruntersteigt, prakticiert man den Hass, 
man lehrt in der Schule, dass alle Menschen vor Gott 
einander gleich sind, aber in der Wählerversammlung, 
oder in der Sitzung des Gemeinderathes wird pro- 
klamiert, dass alle Nichtdeutschen minderwertig sind. 
Kurz überall finden wir das Gegentheil von dem, 
was gelehrt wird. Die Lehre Christi findet im wirk- 
lichen Leben nur selten Anwendung. Mit Moral baut 
man keine Eisenbahnen, mit der christlichen Nächsten- 
liebe hätte Bismarck sicher nicht das heutige Preussen- 
Deutschland aufgebaut. Die Nationalitätenpolitik, 
v/ie sie heute von allen Grossmächten gehandhabt 
wird, kann die Lehren Christi für ihre Zwecke absolut 
nicht brauchen. Wenn man systematisch auf Raub 
ausgeht, wenn man den Nachbar plündern will, 
nimmt man doch nicht den Katechismus zur Hilfe, 
sondern man greift zum Pulver und Blei. Das Recht 
ist heute nur dort, wo es mit der. Gewalt vertheidigt 
werden kann. So war es, und wird es auch bleiben. 
Je mehr die Völker und Staaten vom Christen- 
thum abfallen, desto furchtbarer und wilder wird 
der Hass und Kampf unter ihnen wüthen. Gemäss 
der Weisung des göttlichen Stifters : gehet und lehret 
alle Völker, hat die katholische Kirche überall die 
erhabene Lehre Christi den Völkern in ihrer Mutter- 

22 



338 



spräche verkündigt und gelehrt. Das Organ des 
österreichischen Episcopats das Wiener „Vaterland" 
brachte am 12. Februar 1898 einen Artikel über die 
Sprache des Religionsunterrichtes. Der Artikel sagt, es 
handelt sich hier nicht um eine innerpolitische Er- 
örterung — schon deswegen nicht, weil der Gegen- 
stand kein politischer ist, — noch auch um ein 
Zurückgreifen auf eine jüngsthin öffentlich behandelte 
Angelegenheit, sondern um Hinweis auf die einschlä- 
gigen Principien, und dieser Hinweis erscheint wahr- 
lich nicht überflüssig, erwägt man die Anschauungen, 
die in der bewussten Interpellation der Urteutonen 
zutage traten. Die Interpellanten betrachten es offen- 
bar als etwas ganz Selbstverständliches, gar keinem 
Zweifel Unterliegendes, dass es das ureigenste Recht 
der staatlichen Schulbehörde sei, ganz selbständig 
zu bestimmen, in welcher Sprache der Religions- 
unterricht in den öffentlichen Schulen zu ertheilen 
sei; ja sie möchten sogar vorschreiben, in welchem 
Idiom vor der Beicht zu beten sei; fehlt nur noch, 
dass der Staat auch dekretirt, in welcher Sprache 
die Kinder zu beichten haben. Da haben wir wieder 
ein Resultat moderner Begriffsverwirrung. Demgege- 
nüber ist als Princip festzuhalten : So wie die Kirche 
und sie allein das angeborne Recht besitzt, alles auf 
den Religionsunterricht Bezügliche (Inhalt, Methode, 
Lehrbücher) zu bestimmen, so steht es an und für 
sich nur der kirchlichen Autorität zu, auch die Sprache 
zu bezeichnen, in welcher der Religionsunterricht zu 
ertheilen ist. Massgebend für die kirchliche Autorität 
ist hierin das Bedürfniss, Ob und wie die kirchliche 
Autorität sich mit der staatlichen Schulbehörde ins 
Einvernehmen setzt, welchen Einfluss sie bei der 
Ausübung dieses ihr ganz unabhängig und selbst- 
ständig zukommenden Rechtes der staatlichen Gewalt 
gestattet, ist wieder ihre Sache und ihrer Einsicht 
und Klugheit zu überlassen. Aus dem Gesagten ergibt 
sich schon, dass dem Staate an sich das Recht nicht 
zusteht, die Sprache des Religionsunterrichtes ein- 
seitig und ohne Rücksicht auf die kirchliche Autorität 
zu bestimmen. Er kann dies ebensowenig, wie anord- 
nen, in welcher Sprache die Sakramente gespendet 



339 



oder gepredigt oder gebetet werden müsse. Es wäre 
■ein rechts verletzender Uebergriff, es wäre offene Ge- 
waltthat, wollte der Staat den Religionslehrer zwingen 
den Kindern in einer für sie unverständlichen oder 
schlechtverständlichen Sprache den Religionsunterricht 
zu ertheilen, 

Der zweite principielle Punkt betrifft die Frage : 
Wie hat es die Kirche in Bezug auf die Sprache der 
religiösen Unterweisung stets gehalten? Die Antwort 
auf diese Frage gibt schon das Pfingstwunder. Es 
wurde den Aposteln das Sprachen-Charisma, die 
Gabe verliehen, sich ihren Zuhörern in deren ver- 
schiedenen Sprachen verständlich zu machen — ein 
göttlicher Fingerzeig für das Verhalten der Kirche 
in aller Zukunft. Und in der That hat die Kirche 
stets den Grundsatz hochgehalten und bethätigt, dass 
jedem Volke, ja jedem Stamme das Evangelium in 
der ihm verständlichen und geläufigen Sprache ver- 
kündet werden müsse, und sie hat es ihren Dienern 
zur Pflicht gemacht, sich zu diesem Zwecke mühsamen 
Sprachstudien zu unterziehen, und gestattet ihnen 
nicht, irgend ein Volk zur Aneignung einer fremden 
Sprache zu nöthigen, um die christliche Lehre ver- 
nehmen zu können. Die Belege hiefür zählen nach 
Tausenden. Aus älterer Zeit sei nur hingewiesen auf 
das Verhalten der Heiligen Gyrillus und Methodius, 
des heiligen Bonifazius und anderer irischer und 
angelsächsischer Glaubensboten in Deutschland, auf 
die zahlreichen Synodaldekrete im Fränkischen, welche 
die Predigt je nach Bedürfniss in romanischer oder 
deutscher Sprache vorschrieben, auf die altromanischen 
und althochdeutschen Sprachdenkmäler, welche Gebete, 
Katechismusstücke usw. in der Volkssprache enthalten. 
Und so wurde es in der Kirche stets und wird es 
noch gehalten. Zeuge dessen die immense linguistische 
und populärreligiöse Literatur in Hunderten von 
amerikanischen, afrikanischen, asiatischen und austra- 
lischen Idiomen, die Frucht namenloser, kaum vor- 
stellbarer Mühen und Anstrengungen katholischer 
Missionäre, die mit Paulus sagen : „Griechen und 
Nichtgriechen, Weisen und Unweisen bin ich Schuld- 
ner." Nehmen wir in Frankreich die bekanntlich einen 

22* 



340 



keltischen Dialekt sprechenden Bretonen. Keinem bei 
ihnen wirkenden Priester wird es je einfallen, etwa 
um die Kinder im Französischen vorwärts zu bringen 
französischen Religionsunterricht zu ertheilen, und es 
wurde z. B. die bekannte in Einsiedeln erschienene- 
biblische Geschichte von Businger für den bretonischen 
Religionsunterricht ins Bretonische übersetzt („Histor. 
an Testament Goz hag an Testament Newez"). Ebenso 
existiren für die Rhätoromanen im Ganton Graubündten 
eigene Katechismen und Lehrbücher der biblischen 
Geschichte, und Niemanden fällt es ein, ihnen 
deutschen Religionsunterricht aufzwingen zu wollen. 
So lange die Sette Gomuni in Benetin nicht italienisirt 
waren, wurden sie in ihrem Dialekt in der Religion 
unterrichtet, wie aus dem Büchlein hervorgeht: „Dar 
klodne Gatechismo etc." (erschienen 1813, wieder 
abgedruckt zu „Padebe" — Padua — 1842). Es kann 
aus Rücksicht auf den Zweck des Religionsunter- 
richtes gar nicht anders sein, und die Kirche Gottes 
kann nie zugeben, dass es anders gehalten werde. 
Der Katechet hat nie und nimmer die Aufgabe, den 
Kindern Sprachkenntnisse beizubringen, am allerwe- 
nigsten chauvinistischen Zwecken sich dienstbar zu 
machen. Der Religionsunterricht hat sich an Verstand 
und Willen der Kinder zu wenden, um sie zu einer 
solchen Erfassung und Uebung der geoffenbarten 
Wahrheit, zu einem solchen Denken und Leben in 
und nach dem Glauben zu führen, dass sie dadurch 
zum ewigen Heile gelangen. Es wäre eine Gewissen- 
losigkeit sondergleichen, diese Aufgabe durch An- 
wendung einer unverständlichen Sprache zu erschweren 
oder unmöglich zu machen. Das ist die wieder in 
neuester Zeit unzweideutig ausgesprochene Auffasung^ 
und Willensmeinung der kirchlichen Autorität, wie 
sich aus der Instruktion der Kongregation der Bischöfe 
und Regularen an den ungarischen Episkopat vom 
28. Mai 1896 ergibt, wozu wir bemerken, dass diese 
Instruktion auch in vielen diesseitigen Diöcesan- 
blättern zur Beachtung mutatis mutandis publicirt 
und im „Archiv für katholisches Kirchenrecht" mit 
Recht als „ein förmliches Programm für das Leben 
und die Thätigkeit des Klerus aller Länder, will er 



341 



unter den gegenwärtigen Verhältnissen seiner Aufgabe 
-gerecht werden", bezeichnet wurde. In Punkt 9 der 
Instruktion heisst es nun : „Die Bischöfe mögen die 
Pfarrer und Katecheten der sich nicht der ungarischen 
Sprache bedienenden Gläubigen nachdrücklich (vehe- 
menter) mahnen . . . ihnen die christliche Lehre 
nicht eher in ungarischer Sprache vorzutragen, als 
bis die Kinder diese Sprache vollständig erlernt haben. 
Das fordert ebensosehr das ewige Heil der Kinder 
wie das Wohl des Gemeinwesens." Die Natur der 
Sache verlangt schon, dass diese autoritative An- 
ordnung überall Geltung habe und sinngemässe An- 
wendung fmde, und keine Piegierung, kein Wuotanis- 
mus, keine deutsche „Gemeinbürgschaft" oder „Eid- 
genossenschaft" vermag hierin etwas zu ändern. Es 
handelt sich hier um viel zu heilige Interessen, als 
dass man ephemeren Tagesmotionen auf sie Einfluss 
gestatten dürfte. 

Das „Vaterland" hat aber unterlassen den Lesern 
mitzutheilen, dass die meisten ungarischen Bischöfe 
diese Weisung des apostolischen Stuhles ganz ein- 
fach unter den Tisch warfen und ihre Publikation 
dem Klerus ganz einfach unterliessen. Das geschah 
im Namen des magyarischen Staatsgottes. Für die 
ungarischen Bischöfe gilt nicht das Wort Christi, 
man müsse Gott mehr gehorchen als den Men- 
tschen, denn wenn sie diese Worte Christi je be- 
folgt hätten, so wären sie eben in Ungarn nie eines 
Bischofsitzes theilhaftig geworden. Welche Leiden ein 
gewissenhafter Bischof zu ertragen hat, in dessen 
Diöcese der Nationalitätenhass wüthet, das hat der 
Ton den Italianissimi so grimmig gehasste Bischof 
Sterk in Triest erfahren. Bischof Sterk wehrte sich 
in einem Hirtenbrief gegen die Italianissimi ilnfangs 
April 1898. Unter anderem sagte er darin Folgendes: 
Treu der Aufgabe eines wahren Hirten wollte ich, da 
ich sah, wie mit freigebiger Hand Unkraut auf den 
Acker des Herrn gestreut wird, und dass die gewöhn- 
lichen Predigten, wo der gute Same des Wortes Gottes 
gestreut wird, von wenigen Menschen gehört werden, 
nach dem Beispiele anderer, eifriger und frommer 
Bischöfe, zunächst hier in Triest den Leuten, na- 



342 



menllich der arbeilenden Klasse, leichte Gelegenheit 
bieten, das Wort Gottes zu hören. Darum hatte ich 
angeordnet, einen Gyklus A^on Abendpredigten noch 
Art von Konferenzen in den drei Sprachen abzuhalten,. 
in denen jeden Sonn- und Feiertag in unseren Kirchert 
gepredigt wird, nämlich in einer Kirche in italieni- 
scher und deutscher, in San Giacomo in slavischer 
Sprache, wie ja dort schon mehreremale derartiger 
ausserordentliche Predigten stattgefunden haben. 
Nachdem ich später gehört, dass auch die Gläubigen 
von San Giacomo italienische Konferenzen zu haben 
wünschen, habe ich ihr heiliges Verlangen gesegnet 
und verordnet, dass dies sofort nach den Osterfeier- 
tagen geschehen soll. — Sodann weist der hochw. 
Bischof den Vorwurf, er wolle durch die Predigten 
in San Giacomo die Italiener slavisiren, zurück und 
stellt Folgendes fest: „Seitdem ich mich als Bischof 
in Triest befinde, habe ich bezüglich der Slaven irt 
Stadt und Territorium die Sachen gelassen, wie ich 
sie gefunden und keinerlei Neuerung getroffen. Wenn 
ich Neuerungen getroffen habe, so sind nur solche 
zugunsten der Italiener gewesen. Ich hatte noch vori- 
ges Jahr beobachtet, dass bei S. Antonio Nuovo am 
Gharfreitag keine italienische Nationalpredigt statt- 
fand, und sogleich gab ich den Auftrag, eine solche- 
zu halten, was grossen Gefallen gefunden hat. Das- 
selbe that ich heuer bei S. Antonio Vecchio. Wenn 
sich gegenwärtig in Rojano ein Kooperatcr für die 
italienische Predigt befindet, wie von meinem Vor- 
gänger versprochen worden, so kann ich sagen, da& 
ist mein Werk, und es kostete mich in Anbetracht 
des Priestermangels ein grosses Opfer. Und ich birk 
auch bereit, wie schon beschlossen worden, einerk 
nach Barcola und einen anderen nach Servola zu 
schicken, sobald ich einen verfügbaren Priester habe. 
Seit längerer Zeit hege ich den lebhaften Wunsch^ 
für S. Antonio Nuovo einen täglichen Fastenprediger 
zu besorgen." — Hierauf legt der Oberhirt eine- 
Tabelle vor über die Predigten in den drei Sprachen 
im Jahre 1857 und im Jahre 1897. Danach wurden 
gewöhnliche Predigten jeden Sonn und Feiertag ge- 
halten: 1857: italienische 7, slavische 6, deutsche 2 ; 



343 



1897: italienische 14, slavische 6, deutsche 1. Ausser- 
ordentliche Predigten wurden gehalten im Laufe des 
Jahres 1857 italienische 70, slavische 8, deutsche 18 ; 
1897 italienische 350, slavische 8, deutsche 18. Dabei 
sind nicht gerechnet die vom Pfarrer von S. Giusto 
gehaltenen 120 sogenannten fervorini, das heisst, ganz 
kurze eindringliche Ansprachen. Daraus ist zu er- 
sehen, dass sich seit den letzten 40 Jahren sowohl 
die ordentlichen als die ausserordentl. italienischen 
Predigten stark vermehrt haben, die slavischen hin- 
gegen stationär geblieben sind. — Uebrigens haben 
nicht nur italienische, sondern auch slavische Blätter 
den Bischof verleumdet. „Und warum dies Alles ? 
Weil ich, dem Himmel sei Dank, weder ein italie- 
nischer, noch ein slavischer, noch ein deutscher 
Bischof bin, sondern einzig und allein ein katholi- 
scher Bischof, ein Bischof der heiligen römisch-katho- 
lischen Kirche, wo Jesus Christus alle Scheidemauern 
zwischen den Nationen niedergerissen hat . . . Darum 
muss ich Alle lieben, seien es Italiener, Slaven oder 
Deutsche, muss das Wohl Aller fördern, allen Alles 
sein. Und mit Gottes Hilfe thue ich das auch, so- 
weit meine Kräfte es erlauben." — Der hochw. Ordi- 
narius kommt ferner auf das der städtischen Kapelle 
ertheilte Verbot zu sprechen, beim Gottesdienste in 
San Giusto mitzuwirken. Der Podesta wollte das Ver- 
bot nur unter der Bedingung zurücknehmen, wenn 
der Bischof die slavischen Konferenzen von San 
Giacomo nach Servola verlegte. Darauf erwidert das 
Hirtenwort: „Urtheilet selbst, ob ein Bischof, der sich 
seines heiligen Amtes bewusst ist, die gegebene An- 
ordnung widerrufen könne, das Wort Gottes zu pre- 
digen, eine Anordnung, mit der, wie ich oben aus- 
einandergesetzt, keinerlei Neuerung eingeführt, son- 
dern ein mehr vierzigjähriger -r- nämlich seit dem 
Bestände der Pfarre San Giacomo — Gebrauch bei- 
behalten wurde. Man legt mir nahe, die Konferenzen 
nach Servola zu verlegen. Die italienischen und sla- 
vischen Pfarrkinder von San Giacomo haben das 
Recht, ja die Christenpflicht, das Wort Gottes in ihrer 
Pfarrkirche zu hören, und darum wird es jeden Sonn- 
und Feiertag zweimal italienich und zweimal slavisch 



344 



gepredigt. Nicht minder haben die Einen wie die An- 
deren das Recht, die heiligen Missionen und andere 
ausserordentliche Predigten in ihrer eigenen Kirche 
zu haben." — Der wahre Grund der Opposition gegen 
die slavischen Predigten liegt ganz wo anders. Der 
Bischof gibt ihn ohne Umschweife an mit den Worten : 
„Mir scheint, ja ich bin überzeugt, dass dieser ganze 
in den letzten Tagen losgebrochene Sturm nicht gegen 
die Predigten gerichtet ist, denn diese fürchtet Nie- 
mand, wohl aber gegen Jesus Christus, gegen seinen 
Gesalbten, gegen den Bischof. Man sucht den Bischof 
mit Koth zu bewerfen, und wie an eine Säule ge- 
bunden, wird er mit Beschimpfungen und Verleum- 
dungen aller Art gegeisselt. Diese Leute wissen wohl, 
dass wir in der Fastenzeit uns befinden und in der 
heiligsten Woche des Jahres, und rechnen darauf, 
dass die Schwachen, wie die Apostel in der Nacht, 
in welcher der Herr gefangen genommen wurde, 
Aergerniss nehmen und sich leicht abhalten lassen 
werden, in die Kirche und zu den heiligen Sakra- 
menten zu gehen. „Ich will den Hirten schlagen, 
und die Schafe werden zerstreut werden." — Die 
Ausstreuung, er habe beim Gharwochengottesdienste 
in einigen Kirchen Aenderungen zum Nachtheile der 
Italiener vorgenommen, bezeichnet der Oberhirt als 
eine „Unverschämtheit" und kennzeichnet dann einen 
anderen Anwurf mit den Worten: „Man hat mich 
verleumdet, auf der Kanzel gelogen zu haben, indem 
man behauptete, aus sicherer Quelle zu wissen, dass 
die Stimmen der Kanonici des hiesigen hochw. Kapitels 
in der Angelegenheit der slavischen Konferenzen bei 
San Giacomo drei gegen drei waren, während wir, 
wie ich auf der Kanzel sagte, hierin Alle einig waren. 
Hier wird nicht nur der Bischof verleumdet, sondern 
auch das Kapitel, da wenigstens Einer aus demselben 
nicht nur eidbrüchig, sondern auch ein Lügner hätte 
sein müssen. Das ist ein blutiger Schimpf auf die 
hochw. Kanonici, indem man sie einer so gemeinen 
und sakrilegischen Handlung für fähig hält. Ich wehre 
das mit Entrüstung von den hochw. Herren ab. Wenn 
Ihr mich schlagen wollt, so schlagt zu, nur sage ich 
euch mit Jesus Christus: Lasst meine Kanonici in Ruhe." 



345 



Schliesslich erklärt der Oberhirt, seinen Verleum- 
dern zu verzeihen und wünscht allen den Frieden 
unseres Herrn Jesu Christi. Bischof Sterk starb vor- 
zeitig an Nervenzerrüttung. Seinen Tod haben die 
wüsten Treibereien der Irredenta herbeigeführt. 
Sein Nachbar der berüchtigte Bischof Flapp von 
Parenzo-Pola macht es ganz anders. Er bedrückt die 
kroatischen Diöcesanen, wo er nur kann, und arbeitet 
vereint mit den Italianissimi an der Unterdrückung 
der kroatischen Bevölkerung. 

XX. Irrige Ansichten zweier l<athoiischer Priester 
über die Nationalitätenfrage. 

Es gibt wohl keinen Wahn auf der Welt, der 
nicht seine Verlheidiger findet. Dass der Nationali- 
tätenwahn, wie er von den Alldeutschen propagiert 
wird, oder wie er von Nietsche in der Lehre vom 
Herrenvolk vorgetragen wird, auch seine Fürsprecher 
in den Reihen katholischer Priester findet, das ist 
eine Errungenschaft, die hier näher gewürdigt werden 
soll. Es ist bekannt, dass einen richtigen Begriff 
„Nationalität" sehr schwierig aufzustellen ist. Im 
Kirchenlexikon hat Moy folgendes fixirt: „Nationalität 
ist, in objektivem Sinne aufgefasst, der gesammte Be- 
stand eines Volkes (man merke diesen Ausdruck wohl), 
in subjektivem Sinne ist es das Bewusstsein davon, 
das heisst das innige Durchdrungensein aller Einzelnen 
im Volke von dem Gedanken und Gefühle, dass sie 
einem so gearteten Ganzen mit Blut, Leben, Vortheil 
und Pflicht angehören. Die Nationalität setzt also in 
den Einzelnen, die sie umfasst, voraus : Gemeinschaft 
des Blutes und der Abstammung, Gemeinschaft der 
Sprache, der Sitten und des Rechtes, Gemeinschaft 
der durch den Wohnort und Nahrungserwerb begrün- 
deten und bedingten Interessen, Gemeinschaft des 
politischen und religiösen Verbandes . . . Zur Begrün- 
dung einer Nationalität gehören also ursprünglich drei 
Dinge: 1. gemeinsame Religion, 2. Familienverband 
oder gemeinsame Abstammung und Sprache, 3. ma- 
terielle Nothwendigkeit des Zusammenhaltens und 
Zusammenwirkens im Erwerb und Austausch der 
Lebensbedürfnisse und zur gemeinsamen Verthei- 



346 



digung. Dieses letztere Moment, der materiellen Noth- 
wendigkeit, ist so wesentlich und unerlässlich, dass 
da, wo es wegfällt, selbst eine schon begründete Na- 
tionalität sich nicht ferner zu halten vermag, denn 
auf diesem Momente beruht der politische und 
staatliche Verband, und von diesem hängt die Ge- 
meinschaft des Rechtes und zum Theil auch der Sitte 
ab, ohne welche die Nationalität nicht denkbar ist." 
Nun bemühen sich katholische Gelehrte, um dem 
Nationalgott auch ihren Obolus zu bringen, andere 
Begriffe aufzustellen und darauf die ^^ nationalen 
Pflichten auf christlicher Grundlage" aufzubauen. Das 
Gebahren dieser Herren muss näher beleuchtet werden. 
Wir nennen hier zuerst das Werk von Dr. Wendelin 
Heidegger, Professor an der theologischen Lehranstalt 
zu Brixen, betitelt: „Der nationale Gedanke im Lichte 
des Ghristenthums". Das Buch ist versehen mit der 
Erlaubniss des Bischofs Simon Aichner zum Drucke. 
Man hat es offenbar beim Konsistorium in Trient 
mit der Lesung des Manuscriptes nicht besonderlich 
genau genommen. Gehen wir nun ein wenig näher 
auf den Inhalt dieses Buches ein, welches vom An- 
fang bis Ende von Irrthümern schwersten Kalibers 
förmlich wimmelt, so dass der Recensent des „Vater- 
fand" mit Recht iDehauptete, von dem Buche sei nur 
der Umschlag ohne Fehler. Was ist nach Dr. Hei- 
degger Nationalität? „Nationalität bedeutet etymolo- 
gisch Geburt, Abstammung". Genetisch wird „Nation" 
so erklärt: 

„Aus der Familie entstehen weitere Familien und 
aus diesen wieder andere, welche alle miteinander 
blutsverwandt sind. Daher kann „Nation" also defmirt 
werden: sie ist eine grosse Anzahl von Menschen, 
welche einen gemeinsamen Stammvater haben und 
daher durch Abstammung, angeborene Eigenthümlich- 
keiten, Sitten und Gewohnheiten und besonders durch 
eigene Sprache mitsammen verbunden sind." Nach 
Heidegger beruht also die Nationalität auf der gemein- 
samen Abstammung und der daraus resultirenden 
Blutsverwandtschaft. Volksgenossen, Gonnationale sind 
zugleich Blutsverwandte. Wie diese Theorie Heideggers 
in der Wirklichkeit aussieht, davon bringen wir sogleich 



347 



einen schlagenden Beweis. Die Juni-Nummer der 
katholischen Missionen 1902 enthält einen Artikel 
über das heutige türkische Reich, einen iVuszug aus 
dem Werke des Kanonikus Paul Pisani : „Les Missions 
Gatholiques Francaises au XIX. siecle." Da lesen wir 
über das Türkenvolk folgendes: „Gewöhnlich be- 
zeichnet man die mohamedanische Bevölkerung der 
europäischen Türkei und Kleinasien einfachhin als 
Türken. Es wäre aber ein arger Irrtum, sie ohne wei- 
teres als die Abkömmlinge der alten turkomanischen 
Eroberer zu fassen. „Man kann sogar sagen," meint 
Pisani, „dass die türkische Rasse als solche heute in 
diesen Ländern überhaupt nicht mehr existiert. Jener 
feine Typus des schmucken tataro-fmischen Reiters, 
behend und kraftvoll, von mittlerem Wuchs, mit leb- 
haftem Blick, hervorspringenden Oberwangen, gerader 
Nase, mit dem langen, wie ein Krummsäbel gebo- 
genen Schnurrbart, tollkühn, keine Ermüdung ken- 
nend, mit dem lebhaften, unternehmenden Geiste — 
dieser Typus ist verschwunden, oder richtiger, er 
findet sich nur noch bei den Magyaren Ungarns, die 
ja mit den Türken die Abstammung teilen, aber 
auf den Bahnen einer ganz verschiedenen christlichen 
Givilisation umgewandelt und veredelt wurden." Die 
heutigen Türken haben mit ihren Ahnen, die einst, 
wie die Windsbraut über den christlichen Orient her- 
einbrechend, das morsche byzantinische Kaiserreich 
in Trümmer schlugen und das christliche Byzanz in 
das türkische Stambul verwandelten, fast nichts mehr 
gemein. Die seit der Eroberung beliebt gewordene 
Gewohnheit, die Harems mit Töchtern fremder Völker, 
besonders Tscherkessinnen, Griechinnen, Syrerinnen 
und selbst mit den Kindern der lateinischen, sla- 
vischen und germanischen Rasse zu bevölkern, hat 
durch jahrhundertelange Mischung des Blutes den 
ursprünglichen Typus völlig verändert. Dazu kam 
noch der Brauch, den unterworfenen christlichen 
Völkern eine jährliche Blutsteuer von Knaben — zeit- 
weise waren es 25.000 — aufzulegen, welche, im 
Islam erzogen und zu Soldaten herangebildet, bald den 
Kern der berühmten Janitscharentruppen bildeten und 
dem absterbenden Herrschervolke stets frisches Blut 



348 



zuführlen. Die eigentlichen Türken von heute, zumal 
die Klasse der Effendis (Effendi = Herr ist der Ehren- 
titel des türkischen Beamten und sogen. Gebildeten) 
ist eine Mischung der verschiedenartigsten Rassen, 
ein abgekommenes, sittlich erschlafftes Geschlecht, 
ohne geistige Regsamkeit, ohne Charakter. Die tür- 
kische Trägheit ist sprichwörtlich, die Verlogenheit 
und Käuflichkeit des Beamtenstandes weltberüchtigt 
(vgl. das scharfe Urtheil von Vambery, Sittenbilder 
aus dem Morgenlande S. 256). Was an Fortschritt in 
der Türkei zu finden, ist fast alles den Fremden zu 
danken. Das war übrigens schon früher der Fall. 
„Das türkische Reich", schreibt Geizer (Geistliches 
und Weltliches aus dem türkisch-griechischen Orient 
[1900] S. 179), „ist so gross geworden durch die 
Christen. Seine genialen Grossverziere, Kapudan- 
paschas und Statthalter sind seit der Eroberung Kon- 
stantinopels nahezu ausnahmslos Griechen, Kroaten, 
Herzegowiner und Serben, Albanesen, Armenier, Geor- 
gier und Italiener gewesen. Der regelmässig geübte 
Knabenraub hat dem Reiche nicht nur seine tapfersten 
Generale, sondern auch seine bedeutendsten geistigen 
Kapacitäten geliefert." Beispielsweise waren während 
der Glanzepoche unter der Regierung Suleimans und 
Selims von 10 Grossverzieren 8 Renegaten. Die heu- 
tigen Osmanlis sind eine aussterbende Rasse; von 
ihnen selbst ist eine Besserung der Zustände in keiner 
Weise zu erwarten. Nicht der Türke, sondern der 
Araber ist heute der eigentliche Träger, die Kern- 
truppe des Islams und seiner religiösen Machtstellung." 
So schaut die Theorie über den Begriff der Nation 
nach Dr. Heidegger in Wirklichkeit aus. Wir geben 
noch ein anderes Beispiel. 

Die Nordamerikanische Union zählte sammt Schutz- 
gebieten Ende 1901 eine Bevölkerung von 85,551.963 
Köpfen. Diese Bevölkerung ist entstanden aus fol- 
genden Elementen: Vom Jahre 1821 bis 1900 sind in 
Nordamerika eingewandert aus 
Grossbritanien und Irland . . . 7,063.140 Menschen 

Deutschland 5,097,869 „ 

Schweden u. Norwegen .... 1,280.276 
Italien 1,057.918 



349 



Oesterreich-Ungarn ...... 1,050.732 Menschen 

Russland 932.615 „ 

Frankreich 405.454 „ 

Kanada 1,049.711 „ 

Die ansässige Bevölkerung Nordamerikas im 
J. 1820 war: 9,633.822 Köpfe. Daraus das obige Re- 
sultat. Und doch verfolgt das heutige Nord-Amerika 
eine nationale, nordamerikanische Politik, bei welcher 
die Sprache eigentlich keine Rolle spielt. Noch weiter. 
Was sind die Engländer? Sind sie wahrhaft unter- 
einander blutsverwandt? Keinesfalls. Auf den Zuwachs 
der Deutschen in Oesterreich aus slavischen Elementen 
haben wir ja schon hingewiesen. Man kann mit Fug 
und Recht behaupten, dass fast kein Volk blutrein 
ist. Nur die weiter von einander abstehenden Ragen 
vermischen sich nicht. Es ist geradezu auffallend, 
dass Volksgenossen, welche zu einer Nation ihre 
Zugehörigkeit reklamieren, ohne von ihr durch Geburt 
abzustammen, gerade die wüthendsten Nationalange- 
hörige sind. So kann heute jeder Jude in Ungarn 
für 1 Krone Stempel Vollblutmagyar werden, und was 
für ein wüthender Magyar! Lajos Kossuth war ein 
Slowake von Geburt. Heute wird er als erster Sohn 
des Magyarenvolkes gefeiert, auf den eigentlichen 
Schöpfer der Grösse und Macht Ungarns, auf Fr. Deak 
denkt man nicht. Die wüthendsten Deutschnationalen 
in Oesterreich und die Alldeutschen wimmeln von 
Namen Jaksch, Polak, Bohaty, Krepka, Peschka, Wra- 
betz, Schmeykal, Kolisko, Chlumetzky, Dubsky, also 
durchwegs slavische Namen, daher auch slavische 
Abkunft. In Folge dessen sind auch die weiteren 
Gonclusionen, welche im Werke Heideggers auf dieser 
Blutverwandtschaft beruhen, vollständig falsch. 

Wir können uns nicht weitläufig mit der Arbeit 
Heideggers befassen. Welche gefährlichen Experimente 
im Namen des Christenthums in der Schrift Heideg- 
gers vorkommen, davon ein Beleg. Auf Seite 50 
(1 Auflage) sagt Heidegger: Die nationale Thatkraft 
muss sich weiterhin darin zeigen, dass man der Nation 
und den Gonnationalen wirksam zu Hilfe kommt, 
dass man die eigene Nation vertheidigt und ihren 
gegenwärtigen nationalen Besitzstand gegen ungerechte 



350 



Angriffe schützt etc. Praktisch angewendet darf nach 
Heidegger der Papst von dem geeinigten Italien das 
Patrimonium Petri nicht zurückverlangen, denn die 
italienische Regierung sagt — Rom sei unantastbar 
auch für die Ansprüche des Papstes. Und ein Theo- 
logieprofessor unweit von Rom sagte es auch. Der 
nationale Besitzstand, und wäre sein Ursprung noch 
so verbrecherhaft, darf nicht angetastet werden! Doch 
genug. Die Herren spielen mit Feuer, es wird die 
Frucht nicht ausbleiben. Ein zweites Werk, welches 
von einem katholischen Thejlogieprofessor geschrieben 
wurde, ist „Das sprachliche und sprachlich-nationale 
Recht vom sittlichen Standpunkte aus" von Dr. 
Wenzel Frind, Kanonikus des Metropolitakapitels in 
Prag, ehedem Professor der Moral an der deutschen 
theolog. Fakultät in Prag, nunmehr Weihbischof von 
Prag. (Erschien in Wien 1899 bei Manz.) Es ist njch 
ein Glück, dass Dr. Frind seinem Buche nicht den 
Titel gab „vom christlich-sittlichen Standpunkte aus", 
denn dann hätte er der christlichen Moral als ehema- 
liger katholischer Moralprofessor einen sehr schlechten 
Dienst gethan. Das ganze Werk Frinds ist aufgebaut 
auf den Sophisma im § IB, Seite 97, wo verhandelt 
wird über die Gleichwerthigkeit der Sprachen. Dr. 
Frind sagt da Folgendes: „Die Frage, ob die Sprachen, 
beziehungsweise welche Sprachen gleichwerthig sind, 
setzt die Fixirung des Sinnes voraus, in welchem die 
Gleichwerthigkeit verstanden werden will. Im Affekt- 
werthe sowie in der Benützung derselben Sprache 
seitens der Sprachgenossen sind selbstverständlich 
alle Sprachen gleichwerthig. Allein die Frage der 
Gleichwerthigkeit geht nicht auf den Vergleich des 
subjektiven Verhaltens der Sprachgenossen zu ihren 
Muttersprachen, sondern auf den Vergleich objektiver 
Momente. Hier tritt zunächst die Verschiedenheit der 
inneren Sprachqualität auf. Die Mischsprachen stehen 
an Formenkraft den Originalsprachen nach. Die 
klassischen Sprachen sind noch heute die Zierde 
unserer Gymnasien und Niemand wird ihnen die 
Mischsprachen und die modernen Sprachen als gleich- 
werthig an die Seite stellen. (Herr Kanonikus Frind 
ist sehr schlau, er lobt die Todten; er weiss genau, 



351 



sie werden nach der Einführung ihrer Sprache als 
Staatssprache in Oesterreich nicht schreien wie Wolf 
und Schönerer.) 

Wichtiger jedoch und ausschlaggebend für das 
Leben und für die Gewinnung der Anhaltspunkte 
zur Beurtheilung der Rechlsseite der Sprachen 
ist ihr Gebrauchswerth. Der Gebrauchswerth einer 
Sprache hängt, allgemein genommen, von der Summe 
der sie Sprechenden, von der territorialen Vertheilung 
dieser Sprachgenossen, sowie auch davon ab, welche 
kulturelle und gesellschaftliche Interessen in dieser 
Sprache vermittelt werden." Nachdem Dr. Frind 
diesen überaus schlauen und wichtigen Fund vom 
Affektions- und Gebrauchswerth der Sprachen gemacht 
hat, folgert er auf Grund der officiellen Nationalitäten- 
statistik in Oesterreich (Seite 170), dass der Gebrauchs- 
werth des Deutschen zum Gechischen ist wie 60 : 6 
(Seite 195). Folgert weiter die Nothwendigkeit der 
deutschen Staatssprache für Oesterreich und das 
„auf sittlicher" Grundlage. Das Buch Frinds trägt 
glücklicherweise kein Imprimatur vom Erzbischof oder 
vom Konsistorium in Prag, übrigens ist dieser Um- 
stand nicht ausschlaggebend. Uns fällt der eine Ein- 
wand ein, ob der Herr Kanonikus bei Verfassung 
seines Werkes selbst dem lieben Herrgott eins aufs 
Zeug flicken wollte? War denn schon bei der Sprach- 
verwirrung in Babel der Unterschied der Sprachen 
nach Affektion und Gebrauchswerth etwa von Gott 
selbst eingesetzt? Uns würde es nicht wundern, wenn 
Herr Dr. Frind auch dieses in seinem Werke bewiesen 
hätte. Nichts ist unmöglich und das Papier ist geduldig. 
Man kann sich nun vorstellen, w^elche Purzelbäume 
die deutsche Presse, vorab die von Hebräern bediente, 
in Oesterreich geschlagen hat, als das genannte Werk 
des Prager Domherrn Dr. Frind auf dem Büchermarkt 
erschien. Jetzt haben wir es, die deutsche Staats- 
sprache und zwar — auf sittlicher Grundlage, wer 
da opponieren wird, der ist ein Heide. 

Die Judenpresse war ob dieser Leistung des 
Prager Kanonikus Dr. Frind ausser sich vor Freude, 
vielleicht hätte sie nicht einmal solche Freude em- 



352 



pfunden, wenn Dr. Frind für das Hebräische als 
Staatssprache für Oesterreich eingetreten wäre. 

Die Partei-Organe des Pressfreundes Dr. Frinds, 
P. Opitz, erklärten das Werk Dr. Frinds als eine 
politische grundlegende Arbeit. Oesterreichische Volks- 
zeitung vom 7. Jänner 1902 schreibt zum Beispiel 
Folgendes : „Zweimal lesen muss man, um seinen 
Augen zu trauen, folgenden Erguss des cechisch- 
nationalen Chauvinismus in der „Politik" gegen einen 
katholischen deutschen Bischof, dessen einziges „Ver- 
brechen" es war, dass er in einem Werke klar und 
logisch die christlichen und moral-philosophischen 
Grundsätze darlegte, welche beim sprachlich-nationalen 
Streite namentlich in Böhmen einzuhalten sind. Da 
nun diese christlichen Grundsätze, die bisher von 
keiner Weise zu widerlegen auch nur versucht wurde, 
in vielen Punkten den Bestrebungen und Phantomen 
eines Grosstheils des cechischen Volkes zuwiderlaufen, 
so hat man nun den ganzen Hass, dessen ein leiden- 
schaftlich nationales Herz fähig ist, gegen diesen von 
der Kirche inzwischen zum Bischof erhobenen Mann 
gekehrt, einen Hass, der aber eigentlich den christ- 
lichen Grundsätzen gilt, welche gewisse cechische Be- 
strebungen in die sittlichen Grenzen weisen." So weit 
wir wissen, hat die katholische Presse der Alpen- 
länder das Werk Dr. Frinds mit Stillschweigen über- 
gangen, was nur zu bedauern ist, dass sich leider 
Niemand fand, um den heidnischen Standpunkt des 
Werkes Dr. Frinds scharf nachzuweisen. Während 
Priester in Oesterreich soweit sie in der Seelsorge 
beschäftigt und unter der Last ihrer Pflichten oft 
zusammenbrechen, haben gewisse Theologieprofesso- 
ren oder Kanonici nichts besseres zu thun, als Theo- 
rien über Nationalitätspflichten in den Umlauf zu 
setzen, welche nur geeignet sind noch mehr Oel in 
den Brand zu giessen. Anstatt zu versöhnen und zu 
mildern, wird da von einem katholischen Bischof 
eine Theorie der Minderwerthigkeit der Sprachen 
nach Gebrauchswerth in Umlauf gesetzt, um vom 
„sittlichen" Standpunkt aus die Unterjochung und Er- 
drückung nichtdeutscher Völker zu sanktioniren. Kann 
es etwas Frivoleres geben? Merkwürdig ist es, dass 



353 



beide Werke sowohl Dr. Heideggers wie Dr. Frinds 
von Rom aus vom Index keine Gensur erhielten, 
obzwar beide Arbeiten die schwersten Irrthümer der 
gefährlichsten Art enthalten, und zwar deshalb, weil 
beide Arbeiten von katholischen Priestern sind und 
als solche im Umlauf sich befinden. 

XXI. Streiflichter über kirchliche Verhältnisse 
in Böhmen, 

Es ist bekannt, dass über innere Verhältnisse 
in Oesterreich sehr wenig Wahres in die Oeffent- 
lichkeit kommt. Die Ursache liegt darin, dass die 
Presse in Oesterreich zu 90 Prozent in den Händen 
der Press-Hebräer ruht. Das grosse Publikum wird 
von dieser Presse wie ein blödes Kind am Gängel- 
band herumgeführt. Daher kommt es, dass auslän- 
dische Blätter viel besser unterrichtet sind über 
innere Vorgänge in Peking, als zum Beispiel von 
Prag, der Hauptstadt Böhmens. Die kirchlichen Ver- 
hältnisse in Oesterreich sind im Allgemeinen sehr 
trauriger Natur. Es gibt zum Beispiel in Nordböhmen 
Gegenden, wo ein Priester überflüssig ist, kein Mensch 
geht das ganze Jahr hindurch in die Kirche, nicht 
als ob der Priester etwa ein Gechoslave wäre, nein, 
auch wenn er ein Deutscher ist. Hat ja Schönerer 
ausdrücklich öfters ausgesprochen, dass die All- 
deutschen überhaupt mit den Pfaffen nichts zu thun 
haben wollen. Daran wird nichts geändert, und mögen 
Dr. Heidegger und Dr. Frind sich noch so sehr vor 
dem nationalen Götzen beugen und die katholische 
Religion und Kirche auf Gnade und Ungnade dem 
furor teutonicus preisgeben, es wird ihnen nichts 
nützen, Schönerer, Wolf et Gonsortes wollen über- 
haupt nichts von katholischer Religion wissen und 
hören, sie schwören auf Odin. Im Maiheft 1902 der 
„Wahrheit" schreibt „Austriacus" auf Seite 217 folgen- 
des über die Stellung der katholischen Priester in 
Oesterreich. 

Wie wird Rom, die Kirche, in Osterreich behan- 
delt? Die Geistlichkeit befindet sich in der Gewalt des 
Staates, d. h. eines kirchenfeindlichen Beamtenthums, 
in dessen Händen sich auch das Kirchengut (Religions- 

23 



354 



fond) befindet. Durch das Lutherthum, die daraus 
erfolgten Kriege und Verwüstungen, ist die Zahl der 
Pfarreien sehr vermindert worden. Und ein Bischof in 
Böhmen blieb sechs Jahre ohne Antwort, als er die 
Genehmigung zur Erhebung einer geldlich genügend 
ausgestatteten Filiale zur selbständigen Pfarrei ver- 
langte. Dabei hatte er auf die Gefahr des Abfalls, 
angesichts der ungenügenden Seelsorge und der Schü- 
rungen der benachbarten (nichtösterreichischen) Pro- 
testanten, hingewiesen. Trotz schreienden Bedürf- 
nisses bleibt die Zahl der Pfarreien klein, die meisten 
Priester haben nur eine unselbständige, ärmliche Stel- 
lung. Dagegen wird jeder Prediger, der einige Prote- 
stanten um sich sammelt, sofort als selbständiger 
Pfarrer anerkannt. Als die Prediger aus dem Deut- 
schen Reich in Oesterreich einbrachen, um die Los 
von Rom-Bewegung hervorzurufen, gegen Kirche und 
Oesterreich zu hetzen, beeilten sich die Behörden, 
ihnen Pfarrechte und Naturalisation entgegen zu brin- 
gen. Die Behörden, obenan der Minister v. Koerber, 
verhalten sich sehr wohlwollend gegen die Bewegung, 
rühmen die protestantischen Blätter Deutschlands 
Wie der geistliche Stand durch die amtliche Bevor- 
mundung, die Ueberladung mit unnützem Schreibwerk, 
geringes Einkommen, oft geradezu verächtliche Be- 
handlung seitens der Behörden herabgedrückt wird, 
ist bekannt. Trotzdem zeigt das Volk noch immer 
Achtung für seine Priester. Aber wie oft liest man 
in den Blättern, welche jedenfalls nur einige der 
grellsten Fälle aufweisen, wie Priester in den Städten 
auf öffentlicher Strasse, selbst in Ausübung ihres 
Amtes, angefallen, verhöhnt, beschimpft werden. Es 
sind immer sogenannte Gebildete, Leute aus den 
wohlhabenden Klassen, Künstler, Aerzte, besonders 
aber Studenten, welche in dieser Weise ihr Müthchen 
kühlen, die Priester anlümmeln. Wie die Studenten 
den Mitgliedern katholischer Studentenvereine mit- 
spielen, zeigen gar zu viele Vorfälle, während die 
akademischen Behörden sich dadurch auszeichnen, 
dass sie die Lümmel eher in Schutz nahmen, als 
tadelten. Die Herabdrückung und Einengung des Prie- 
sterstandes, die Entchristlichung der Schulen haben 



355 



dem Nationalitätenhader unendlichen Vorschub ge- 
leistet, steigern denselben noch jeden Tag. Der 
Nationalitätenkampf ist Gift für Oesterreich, hat dabei 
auch auf die Geistlichkeit selbst zurückgewirkt. Es 
giebt leider Geistliche, welche die ihnen fremde 
Nationalität ganz unchristlich hassen. Soweit „Austri- 
acus". Wenn wir auf die kirchlichen Verhältnisse in 
den böhmischen Ländern des Näheren eingehen, 
müssen wir konstatieren, dass die Seelsorge bis zu 
den 80ger-Jahren auch in deutschen Gemeinden in 
Böhmen, Mähren und Schlesien zum grossen Theil 
von Priestern böhmischer Nationalität versehen wurde. 
In der Zeit der Hochfliith des Judenliberalismus, in 
der Zeit des ungeahnten wirthschaftlichen Aufschwun- 
ges, wo der Staat, Eisenbahnen, Geld- und Kredit- 
institute, Geschäfts- und Fabriksunternehmungen alle 
jungen Männer als Arbeitskräfte aufbrauchten und 
placierten, da fiel es in den böhmischen Ländern fast 
keinem deutschen Abiturienten ein sich dem Priester- 
stande zu widmen. Wozu denn? Alle Welt stand offen. 
Und so gingen Abiturienten aus den böhmischen 
Gymnasien in Priesterseminare, die bis zum Jahre 
etwa 1890 wohl über die Hälfte böhmische Priester- 
kandidaten hatten. Söhne armer böhmischer Eltern 
fanden dadurch ein Fortkommen, da sie ja gewöhnlich 
die Mittel zu Studien an der Universität nicht zur 
Verfügung hatten. Das deutsche Landvolk war mit 
seinen böhmischen Pfarrern und Kaplänen zufrieden, 
kein Mensch fragte darnach, ob der Pfarrer oder 
Kaplan ein verhasster Böhm hoder aber Vollblut- 
Teutone ist. Aber mit der Hocfluth der nationalen 
Hetze haben sich auch hier die Verhältnisse gründ- 
lich zum Schlechten gewendet. Die Deutschnationalen 
gaben das Losungswort — kein böhmischer Pfatf im 
deutschen Sprachgebiet, und wagt einer zu kommen 
— so Abfall zum Luther oder sonst Austritt aus der 
katholischen Kirche. 

Damit wurde denn ein Druck auf die Konsistorien 
geübt, sobald sich um die Besetzung einer Pfründe 
mit vorwiegend deutscher Seelsorge handelte. Sämmt- 
liche Konsistorien kapitulierten vor den Deutschnati- 
onalen. Wie die Sachen heute stehen, darf in Böh- 

23* 



356 



men, Mähren und Schlesien in deutschen Gemeinden 
kein Priester böhmischer Nationalität als Pfarrer an- 
gestellt werden, wenn nicht zuvor die Gemeinden 
dem Konsistorium ihre Zustimmung geben und wenn 
der böhmische Pfarrkandidat selbst 20 Jahre als 
Kaplan hier gedient und in Arbeit und Mühe grau 
geworden ist, — er ist kein Deutscher — er darf 
nicht Pfarrer werden — wenn die Gemeinden nicht 
einwilligen. Diese Dinge wären nicht so rasch zum 
Abschluss gekommen, wenn nicht mit den Deutsch- 
nationalen ähnlich gesinnte Priester deutscher Natio- 
nalität an diesem Boykott mit ihre Hand angelegt 
hätten. Das grösste Verdienst in dieser Angelegenheit 
gebührt unbestritten dem Priester Ambros Opitz. 
Dieser Priester fieng an, etwa vor 20 Jahren, also 
Anfangs 188U in Warnsdorf ein katholisches Wochen- 
blatt „Warnsdorfer Volkszeitung" herauszugeben, die 
jetzt unter dem Namen „Oesterreichische Volkszeitung" 
herauskommt. Das Blatt hatte sich anfangs zur 
Aufgabe gestellt, gegen den Liberalismus in Nord-^ 
Böhmen und die altkatholische Abfallsbewegung zu 
kämpfen. Zahlreiche böhmische Pfarrer haben bereit- 
willig dem Presspriester Opitz Geldmittel gegeben. 
Opitz wurde wohlhabend, erwarb eine Buchdruckerei 
in Warnsdorf und damit gieng mit ihm eine Wand- 
lung vor; er wurde Führer der deutschgesinnten Prie- 
ster, es wurde Herr der Leitmeritzer Diöcese, vor 
ihm zitterte der Bischof, ihm musste auch das Konsi- 
storium gehorchen. Die Opitzianer verfügten über 
wichtige Stellen im Konsistorium, und fast alle Theo- 
logie-Professoren waren und sind Förderer und Gön- 
ner des P. Opitz. Etwa inmitten der 90ger-Jahre 
fieng das Organ P. Opitz' die deutschnationale Fahne 
zu entfalten. 

Es vergieng fast keine Nummer des Warnsdorfer 
Organes P. Opitz', wo nicht an verschiedenen Stellen 
die Behauptung aufgestellt wurde, der böhmische 
Priester könne in deutschen Gemeinden als Seelsorger 
nicht wirksam auftreten, kurz er könne sich mit einem 
deutschen Priester nicht messen. Diese Brandfackel 
wirkte sehr bald. Sobald eine Stelle, sei es ein Ka- 
nonikat, oder ein Lehrstuhl oder ein grösseres Be- 



357 



neficium zu besetzen war, hatte das Organ des P; 
Opitz sofort seinen Kandidaten und setzte seinen 
ganzen Terrorismus ein, dass kein böhmischer Kan- 
didat es wagen darf um ähnliche Stellen zu petiren, 
nur arme Gebirgspfarren werden den böhmischen 
Priestern überlassen und letztere Zeit auch diese 
nicht mehr. Als vor Jahren der damalige Vicerektor 
P. Bernat um ein Kanonikat eingereicht hatte, flehte 
der Bischof ihn an, er solle sein Gesuch zurück- 
nehmen und sagte ihm, wenn er es nicht thue, so 
wird ihm die Opitzpartei die Residenz erstürmen. Ein 
Bezirksdekan drückte sich in der Pastoralkonferenz 
offen aus, er werde nicht früher ruhen, bis der letzte 
böhmische Kaplan aus seinem Dekanat hinaus sei. 
Die böhmischen Priester müssen beim Konsistorium 
in Leitmeritz den Pfarrkonkurs in deutscher Sprache 
ablegen, dabei werden sie von den Domherren der 
Opitzpartei hämisch kritisirt, falls sie einen Sprach- 
fehler machen. Ein deutscher Alumnus sagte dem 
Vicerektor Bernat : Ich als Deutscher gelte mehr als 
ein böhmischer Theologe. Ein Theologieprofessor sagte 
in seinen Vorlesungen über die Moral : Ein böhmischer 
Arbeiter im deutschen Sprachgebiet muss so viel 
deutsch können, dass er in der Beichte deutsch 
beichten kann — er habe gestohlen. Kurz der wildeste 
Hass ge^en alles böhmische, hauptsächlich gegen 
böhmische Priester ist in ganz Deutschböhmen auch 
durch das zweite Ogan des Opitz der „Reichspost" 
auch in Nieder-Oesterreich, Mähren, Schlesien ein- 
gerissen. In Folge dieser wüsten Treibereien gegen 
Priester böhmischer Nation hörte der Zudrang böh- 
mischer Priesterkandidaten nach Leitmeritz nach dem 
Jahre 1890 allmählig auf. Seminardirektor Kordac, 
ein Czechoslave, berief nun reichsdeutsche Theologen, 
bereiste in Ferien reichsdeutsche Diöcesen und warb 
dort alle Jahre Kandidaten. Diese Kandidaten werden 
vom Konsistorium in Leitmeritz ausgehalten, da der 
Religionsfond für Ausländer nicht beansprucht werden 
kann. Die Geldmittel zur Erhaltung der reichsdeutschen 
Theologen im Seminar in Leitmeritz verschaffte sich 
das Konsistorium aus dem Nachlasse des verstorbenen 
Domkapitular Rehak, der ein ansehnliches Vermög^en 



358 



hinterliess. Also Ersparnisse eines verhassten böh- 
mischen Prälaten ermöglichen reichsdeutschen Theo- 
logen den Zutritt zum Priesterberul in Böhmen, 
während die Söhne des eigenen Landes wie ein Wild 
proskribirt sind. Das sind die Früchte der Hetze 
der Opitz-Partei. Aber eine Genugthuung ist doch 
schon da. Selbst deutsche Pfarrer haben dem Konsi- 
storium nach Leitmeritz Proteste eingeschickt, sie 
wollen reichsdeutsche Kapläne nicht haben. Der be- 
jahrte Kanzler Seyfert wetterte im Konsistorium : das 
soll auch schon der Teufel holen, jetzt wollen deut- 
sche Pfarrer deutsche Priester nicht haben. Diese 
Experimente werden dem Nationalgott zu Liebe ge- 
bracht, das Konsistorium glaubt die Wuotansanbeter 
milder zu stimmen. Und doch ist im Deutschen 
Reiche eine bittere Noth um katholische Priester. Nur 
die Diöcese von Breslau hat derzeit 70 bis 90 Pfarreien 
unbesetzt ! 

Hier in der Kirche wiederholt sich dasselbe 
Schauspiel wie im Staate. Die Deutschnationalen 
sagen : wir sind der Mörtel, wir die Mehrwerthigen, wir 
die allein Berufenen als Bureauchefs, die Söhne der 
böhmischen Nation als Minderwerthige dürfen Kanzlei- 
diener sein. Wir deutschnational gesinnte Priester, 
wir als Mehrwerthige haben allein Anrecht auf Bischof- 
stühle, Kanonikate, Lehrkanzel, bessere Praebenden, 
— böhmische Priester, als Minderwerthige, mögen 
Hungerpfarreien pastoriren, die wir selbst nicht pa- 
storiren mögen. So ist der Nationalitätenkampf in 
seinem Wesen nicht der Kampf um die Sprache, 
nein und tausendmal nein, er ist ein Kampf um das 
Brod, wie er schmutziger nicht sein kann, umso 
niederträchtiger als er auch mit dem Deckmantel 
des Ghristenthums umhüllt wird. Der bejahrte ehren- 
werthe Theologie-Professor Dr Hackel, ein Deutscher, 
am Priesterseminar in Leitmeritz, pflegte unverhohlen 
den Opitzjüngern ins Gesicht zu sagen, er habe 
böhmische Theologen lieber, weil sie im Allgemeinen 
bescheiden und arbeitsam sind, während deutsche 
Theologen aus ihrer Nationalität für ihre Person 
Kapital schlagen und nichts studiren. Die Kirche 
müsse sich ja zur Ehre anrechnen, dass ein deutscher 



359 



Jüngling den Priesterstand wähle. Während Priester- 
kandidaten für die Diöcese Leitmeritz draussen im 
Reiche um schweres Geld angeworben werden, irren 
oft Priester dieser Diöcese böhmischer Nation in der 
Fremde herum als förmliche Bettelpriester und 
müssen froh sein, wenn sie irgend wo in Nieder- 
oder Ober-Oesterreich ein Messleserposten erhalten, 
der sie vor dem Hunger schützt. Nicht allein die 
böhmischen Priester leiden furchtbar unter dieser 
Nationalitätenhetze die von Jahr zu Jahr an Schärfe 
zunimmt, auch das Laienvolk, meistens Arbeiter, obweil 
sie im deutschen Sprachgebiet ihr Brod suchen, 
haben viele Leiden zu ertragen. Vor allem wird den 
böhmischen Arbeitern jeder geistliche Beistand gänz- 
lich vorenthalten. Die Opitzianer 'sagen: im deutschen 
Sprachgebiete gibt es keine nationalböhmischen Mi- 
noritäten, daher muss die Seelsorge deutsch sein. 
Am 17. Jänner 1898 sprach auf dem böhmischen 
Landtag P. Opitz, der Führer des deutschnational 
gesinnten deutschen Klerus in Oesterreich folgendes : 
„Ich achte ihre Sprache (die böhmische), ich bedauere, 
dass ihre heutige Entwicklung nicht früher voraus- 
gesehen wurde, dass wir nichtf rüheran geleitet wurden, 
die zweite Landessprache uns zu eigen zu machen. 
Wir Deutsche sind durch unsere Lebensverhältnisse 
nicht in der Lage, dass wir uns der czechischen 
Sprache bemächtigen müssen." Die deutschen Theo- 
logen in Leitmeritz haben denn auch diese Worte 
P. Opitz konsequent prakticirtund haben nie böhmisch 
gelernt, im Gegentheil, immer nach der Sentenz der 
Organe des P. Opitz offen und unverhohlen im Se- 
minar ihre Verachtung zur böhmischen Sprache an 
den Tag gelegt. Weiter sagte P. Opitz in derselben 
Sitzung des Landtages über das deutsche Sprach- 
gebiet folgendes: „Das Land Böhmen ist in jenen 
Theilen, wo der deutsche Volksstamm kompakt ge- 
schlossen zusammenwohnt durch die Geschichte, 
durch die ganze Entwicklung Eigenthum der Deut- 
schen." Daraus folgt die praktische Anwendung, alle 
böhmischen Priester müssen hinausgejagt werden, und 
böhmischen armen Arbeitern braucht man in ihrer 
Muttersprache keinen geistigen Beistand leisten, denn 



360 



sie essen deutsches Brot, müssen also auch deutsch 
verstehen. 

Böhmische Minoritäten, velche besonders in grös- 
seren Industriestädten in Nordböhmen Tausende 
Angehörige zählen, haben nicht einmal, auch dreimal 
schriftlich um eine entsprechende böhmische Seel- 
sorge beim Konsistorium in Leitmeritz angesucht, aber 
sie bekommen auf ihre Eingaben vom Konsistorium 
konsequent überhaupt keine Antwort und wenn über- 
haupt eine gegeben wird, dann ist sie ausweichend. 
Im Bischofsitze selbst in Leitmeritz ist eine natio- 
nale böhmische Minorität von gut 5000 Menschen. 
Ihnen wird in der Stadtkirche nur in der Fasten- 
zeit Nachmittag böhmisch gepredigt, die Kirche kann 
die, welche zuhören kommen, nicht fassen. Andere 
Kirchen sind leer. In Lobositz sind 1800 Böhmen. 
Die Predigten, die Seelsorge sind nur deutsch. Aussig 
a. d. Elbe hat 8000 Böhmen, Schönpriesen, Türmitz, 
Proedlitz, Nestomitz, alle diese Ortschaften beher-, 
bergen Tausende von Böhmen; aber die Seelsorge 
überall nur deutsch. In Aussig a. d. Elbe ist in der 
Fastenzeit ein Gyklus böhmischer Predigten, die Theil- 
nahme an denselben ist regelmässig eine so massen- 
hafte, dass wahre Gotteshirten eine überaus reiche 
Ernte hätten, aber dem Wuotan müssen Tausende 
Ghristenseelen geopfert werden, das Konsistorium in 
Leitmeritz zittert vor diesem Götzen. In Karbitz sind 
800 Böhmen, in den anliegenden Gemeinden sind 
auch zahlreiche Böhmen, die Seelsorge war deutsch. 
In Bodenbach, Tetschen und Umgebung sind Tau- 
sende von Böhmen, die Seelsorge nur deutsch. Die 
Bezirke, Teplitz, Dax, Brüx sind total vermischt mit 
nationalen böhmischen Minoritäten. Die böhmische 
Schule in Teplitz hat über 300 Kinder böhmischer 
Nationalität, die böhmische Schule in Thurn hat 
700 Kinder, in Kosten bei Teplitz hat die böhmische 
Schule über 300 Kinder. In allen diesen grossen 
Gemeinden ist von einer böhmischen Seelsorge keine 
Spur, die Kinder böhmischer Schulen sehen dass 
ganze Jahr überhaupt keinen Priester, auch den Beicht- 
und Kommunionsunterricht geniessen sie nicht, sie 
wachsen heran in religiöser Hinsicht ganz ohne Pa- 



361 



storation von Seite katholischer Priester. Dux allein 
hat mindestens 5000 böhmischer Einwohner, Ladowitz 
hat ihrer über 2000, Bruch zählt 8000 Einwohner, 
zwei Drittel davon sind böhmischer Nationalität. Die 
böhmische Schule in Bruch hat über 600, in La- 
dowitz über 250, in Dux über 750 Kinder böhmischer 
Nationalität. In Schwatz hat die böhmische Schule 
400 Kinder. Osseg zählt 10.000 Einwohner, ein gutes 
Drittel ist böhmischer Nationalität. Die böhmische 
Schule hat hier 400 Kinder. Neu-Warnsdorf bei Klo- 
stergrab ist mit seinen 400 Einwohner fast ganz böh- 
misch, selbst die Deutschen nennen diese Gemeinde 
das böhmische Dorf. In Ladowitz darf der Pfarrer in 
der Kirche keine böhmische Predigt abhalten, die 
250 böhmische Schulkinder dürfen in der Kirche 
keine böhmischen Kirchenlieder singen. Brüx zählt 
mindestens 8000 Einwohner böhmischer Nationalität. 
Die böhmische Schule zählt hier über 700 Kinder. In 
Tschausch sind 3500 Einwohner, 2/3 davon sind böh- 
mischer Nationalität. Die böhmische Schule hat hier 
über 300 Kinder. Kopist hat 3000 Einwohner, die 
Mehrzahl davon böhmischer Nationalität. Die böh- 
mische Schule zählt hier über 500 Kinder. Oberleutens- 
dorf zählt 12.000 Einwohner, davon sind min- 
denstens 5000 böhmischer Nationalität. Als die erste 
Klasse der böhmischen Schule hier eröffnet wurde, 
waren in ihr 150 Kinder eingeschult. Niedergeorgenthal, 
Wiese und die umliegenden Gemeinden zählen Tau- 
sende böhmischer Einwohner. In Saaz sind 1500 Ein- 
wohner böhmischer Nationalität. Die Schule zählt 
hier 250 Kinder. In Reichenberg sind mindestens 
9000 Gzechoslaven. Gablonz, Grünwald, Tannwald 
haben starke böhmische Minoritäten. In Trautenau 
sind 4000 Böhmen. 

Böhmischer Gottesdienst wird hier in einem 
Privathaus abgehalten, wie vor 1800 Jahren zu Zeit 
der Christenverfolgungen im römischen Reiche. In 
Hohenelbe, Braunau und Arnau sind ebenfalls starke 
Minoritäten. Ueberall wird für diese Angehörigen 
böhmischer Nationalität absolut keine Rücksicht geübt. 
Der rücksichtsloseste furor teutonicus verwehrt 
diesen Hunderttausenden von Arbeitern und ihren 



362 



Angehörigen jeglichen geistlichen Zuspruch, der nicht 
einmal den wilden Indianern in Amerika und den Negern 
und Hottentotten in Afrika vorenthalten wird. Hunderte 
von Kindern, welche die böhmischen Schulen in den 
hier nur beispielsweise angeführten Industriecentren 
besuchen, sehen das ganze Jahr hindurch keinen 
Priester, werden überhaupt nicht zu den hl. Sacra- 
menten geführt, sie wachsen heran wie die heid- 
nischen Kinder an den Ufern der Ubanghi in Gentral- 
afrika. Wir wollen hier besonders auf eine Gruppe 
der Verlassenen hinweisen. In den Braunkohlenbe- 
zirken von Teplitz, Dux, Brüx, Falkenau sind be- 
schäftigt rund 32.000 Arbeiter, welche sicher zu 80 
Prozent böhmischer Nationalität sind. Man kann hier 
also mit einer Bevölkerung von 150.000 Menschen 
rechnen. Diese bilden dort die Arbeiterkolonien wie 
in Ladowitz, Bruch, Kosten, Zuckmantel und andere. 
In Folge der vollständigen Vernachlässigung dieser 
Arbeitermassen von Seite der Seelsorge herrscht eine 
furchtbare Demoralisation in diesen Kolonien. Sänimt- 
liche Kohlenarbeiter sind denn auch Angehörige der 
rothen sozialistischen Internationale. Das hat man 
deutlich gesehen beim grossen Kohlenstreik im Jänner 
1900. Welche Zustände der wilde und gerade teuf- 
lische Hass gegen Angehörige der böhmischen Nation 
auch schon in den Reihen der Priester zeitigt, davon 
gibt folgender Vorfall einen traurigen Beleg. Die 
Gemeinde Schumburg, polit. Bezirk Gablonz, zählt rund 
3500 Einwohner. 

Sie war eingepfarrt zur Pfarre Prichovic. Die 
Bevölkerung ist hier stark durcheinander gemischt. 
Aus dem Religionsfond wurde hier eine Pfarrei und 
Pfarrkirche gebaut, der Monarch spendete zum Baue 
der Kirche aus den allerhöchsten Privatmitteln 10.000 
Kronen. Das Patronatsrecht gehört dem Bischof. Als 
erster Pfarrer wurde hier ernannt vom Bischof der 
Priester Franz Symon, der 11 Jahre als Kaplan in 
Karbitz bei Teplitz wirkte. Als er seine Stelle als 
Pfarrer vom Schumburg antreten wollte und in die Ge- 
meinde kam, verweigerte ihm der Gemeinderath die 
Herausgabe der Schlüssel sowohl von der Pfarre wie 
von der Kirche. Die „Ostdeutsche Rundschau" schreibt 



865 



ganz vergnügt in der Nummer vom T.Dezember 1902 
über diesen Vorfall folgendes: Aus Schumburg a. d. 
Desse (Bezirk Gablonz) wird uns geschrieben: Wie 
wir bereits gemeldet, verweigerte die Gemeinde Schum- 
burg die Ausfolgung der Kirchenschlüssel an den für 
hier ernannt gewesenen tschechischen Pfarrer P. Sy- 
mon, welcher in Folge dessen wieder abreisen musste. 
Die hierüber mit dem Konsistorium in Leitmeritz ge- 
pflogenen Verhandlungen und VorsteUungen haben 
endlich zu dem Ergebnisse geführt, dass ein deutscher 
Pfarrer in der Person des P. Andreas Böhm, derzeit 
Kooperators in Sebastiansberg, in den nächsten Tagen 
in Schumburg seinen Einzug halten wird. Dieser be- 
rechtigte Wunsch der Bevölkerung von Schumburg, 
die Anstellung eines deutschen Pfarrers, ist somit in 
Erfüllung gegangen. Rom hat sich vor dem deutschen 
Volkswillen verbeugen müssen, damit die Deutschen 
von Schumburg sich wieder unter das Joch Roms 
beugen. Die Gemeinde Schumburg, das ist ihre Ver- 
tretung, hätte sicher dies nicht gethan, wäre sie nicht 
lange Zeit vorher vom Priester Kamshof einem Reichs- 
deutschen gehetzt worden, der selbst auf diese Pfarr- 
stelle reflektirte. Kamshof wurde hier vom Konsi- 
storium zum Katecheten eingesetzt. Die Zeit benützte 
er zu Agitationen für seine Ernennung zum Pfarrer, 
was ihm aber misslang. Der Priester Franz Symon 
wirkte 11 Jahre als Kaplan in Karbitz. Er sollte nach 
den üblichen Gewohnheiten die Patronatspfarre Kulm 
erhalten. Aber sein Gegner Herlt, Kaplan in Kulm 
verhetzte die Gemeinde derart, dass sie mit einem 
Massenabfall drohte, falls Symon, ein böhmischer 
Priester, zum Pfarrer von Kulm ernannt werden sollte, 
zudem drohte Herlt dem Konsistorium und dem 
Patronatsamt, er werde sich erschiessen, wenn er die 
Pfarre Kulm nicht erhalte. P. Herlt ist erst 4 Jahre 
in der Seelsorge, P. Simon schon 13 Jahre thätig. So 
erkämpfen sich die Opitzianer in der Leitmeritzer 
Diöcese Pfarrbeneficien. Die böhmischen Priester 
werden wie ein rechtloses Wild gehetzt und öffentlich 
in deutschnationalen Zeitungen oder auch in den 
Organen des P. Opitz an den Pranger gestellt. So 
brachte am 11. März 1902 das Organ der Prager 



364 



Judenschaft das „Prager Tagblatt" folgende Nachricht. 
„Gzechische Priester" in deutschen Seelsorgestationen. 
Besonders auffallend ist die Zahl der czechischen 
Priester in der Leitmeritzer Diöcese. Laut dem Gata- 
logus cleri sind von den 470 Seelsorgestationen 324 
deutsch und in 121 der letzferen wirken 438 cze- 
chische Priester, 82 Pfarrer und ÖQ Kapläne. Gze- 
chische Pfarrer sind: in Hrobisch, Medenost, Ru- 
schowan, Struschnitz, Wegstädtl des Auschaer, in 
Biela, Böhm. Pockau, Neschwig, Seesitz, Stäben des 
Aussiger, in Moldau, Radowessitz, Sellnitz des Billiner, 
in Kleinhahn des Brüxer, in Neuendorf des Fried- 
länder, in Brims, Dobrn, Krombach, Kunnersdorf, 
Seifersdorf des Gabler, in Albrechtsdorf, Josephsthal, 
Irzikowitz, Schumburg des Gablonzer, in Borzira, 
Hühnerwasser, Klein-Bösig, Kroh, Töschen, Tuhan, 
Woken des Hirschberger, in Ghmeleschen, Oberklee, 
Podersanka, Scheles, Strojeditz des Jechnitzer, in 
Lametitz des Kaadner, in Gersdorf, Herrnskretschen, 
Ober-Ebersdorf, Ober-Preschau des Böhm.-Kamnitzer, 
in Horatitz, Platz, Schössl, Strähn, Trauschkowitz 
des Komotauer, in Hraidisch, Netschenitz, Roscha, 
Postelberg, Wittosess, Zuscha des Launer, in Fal- 
kenau, Straussnitz, Wolfersdorf des Leipaer, in Libo- 
chovan, Pitschowitz, Praskowitz, Saubernitz, Schütte- 
nitz, Taucherschin, Zahorzan des Leitmeritzer, in 
Suttom, Tschischkowitz, Wellemin, Meronitz des Libo- 
chowitzer, in Hermansthal, Langenbruck, Liebenau, 
Reichenau des Reichenberger, in Spollititz, Knöschitz, 
Liebotitz, Michelob, Mohr, Stankowitz des Saazer, in 
Böhm. -Kahn, Boreslau, Ebersdorf, Peterswald, Schima, 
Tschochau des Teplitzer-Vikariats. Gzechische Ka- 
pläne wirken : in Leitmeritz, Wegstädtl des Auschaer, 
in Aussig a. E., Biela, Bodenbach, Gartitz, Königs- 
wald, Mosern, Reschwitz, Schwaden, Tetschen, Tür-' 
mitz des Aussiger, in Billin, Dux, Nieder-Georgenthal, 
Ober-Georgenthal, Oberleutensdorf des Biliner, in Brüx, 
Tschausch des Brüxer, in Grottau, Heindorf, Wiese 
des Friedländer, in Gabel, Reichstadt des Gabler, in 
Morchenstern, Polaun, Schumburg, Tannwald des Ga- 
blonzer, in Dauba, Flirschberg, Hühnerwasser des 
Hirschberger, in Podersam des Jechnitzer, in Klo- 



sterle des Kaadner, in Densen, Steinschönau des 
Böhm.-Kamnitzer, in Pressnitz, Sonnenberg des Ko- 
motauer, in Postelberg, Wittosess des Launer, in 
Leipa, des Leipaer, in Lobositz des Leitmeritzer, in 
Tschiskowitz des Libochowitzer, in Liebenau, Maffers- 
dorf, Oschitz, Reichenau des Reichenberger, in Bo- 
reslau, Schwaz, Weisskirchlitz des Teplitzer Vikariats. 
Diese Hetze ist systematisch, sie wird in allen deutsch- 
geschriebenen Blättern ganz straflos ausgeübt. Als die 
ersten Missionäre nach Tibet kamen, wurden sie 
schonungslos niedergemacht. Heute noch darf kein 
Europäer Tibet straflos betreten. In Böhmen werden 
ehrliche Arbeiter, Beamte, Priester an den Pranger 
gestellt, ihr Verbrechen besteht darin, dass sie nicht 
deutscher Nationalität sind. Die Behörden reichen 
da nicht einen Finger zum Schutze der Verfolgten. 
Sollten es mal die Schumburger versuchen, einem 
Rabbiner die Schlüssel zur Synagoge zu verweigern, da 
käme sicher Militär hin, zum Schutze des bedrohten 
Staatsbürgers. 

Wenn es sich um Juden handelt, da soll man 
sehen, wie energisch die Behörden in Böhmen auf- 
treten. So schreibt das Organ der Prager Judenschaft 
am 27. August 1898 folgendes: Eger, 25. August. 
(O.-G.) (Behördliche Aufhebung eines antisemitischen 
Beschlusses der Gremialkrankenkassa.) In der General- 
versammlung der hiesigen Gremialkrankenkassa vom 
6. Juni 1. J. wurde von radikal-nationaler Seite der 
Antrag eingebracht, dass die bei der Kassa beste- 
hende freie Aerztewahl aufzuheben und als Kassa- 
ärzte in Hinkunft nur deutsche Aerzte arischer Ab- 
kunft zu bestimmen seien. Dieser Antrag, dessen 
Spitze sich gegen die hier domicilirenden, allgemein 
geachteten jüdischen Aerzte richtete, gelangte fast, 
einstimmig zur Annahme und mit 1. Juli d. J. zur 
Durchführung. Eine Anzahl von Gehilfen rekurrirte 
jedoch sofort gegen die Durchführung eines solchen 
Statuten- und gesetzwidrigen Beschlusses bei der 
k. k. Bezirkshauptmannschaft und diese hat mit Ent- 
scheidung vom 17. August d. J. jenen Beschluss im 
Grunde des § 127 der Gewerbe-Ordnung behoben 
und die weitere Durchführung desselben untersagt,. 



a^ 



d«Mi ^itului inwimrltud^ $<UEid«Ki atadi mit den 
SUsitscr«iid|^«s«liftii ül»^ di« «l^;«neiii«ti R^dite der 
SlMtti^iafiSW fi[lr dk im ReifihsmUi« Yvrtar^toiiea 
K^i^raehe und L&nd^ Im Wid«tsiMnitli« sMit^ 

In dtoA SltutsiTuiidg^selmi (kslftrr«^^ ist 
uiUalkli »«sdrütüich telf^sMIl, dsiss |^ft SttUe 
«iii«m j«d«i SlMitsliClif«r n^gii^^lch Isl im R«)im«ii 
der ^eseblkliwti Btsllmmuac«!. wir lNre^i«(i hl«r ab. 
& wikfde uns tu tt^I fikhi«tt> woUImi vir db^en 
^lefWdstaQd nodi w^itftr Terfolf«Ei. W«r Wmd $at« 
irifd Slwm «mtwis fi$ können ZuImi kommen« wo 
ao^ Priester deatsolier Nntkmiditil iror d«i Odin* 
antietem nidit fes^ütil sein mrden. 

tes mö^oi Oplti und Dr. FHnd« sowie Ihre 
PaiiMmton^r In dtaii Kcmsi^orien> wdid» den l»öK> 
misehen Priesl«r der wDd«i Jefd der Deatsehiuitio- 
nakn (ot^^^eben^ bei Zeiten bedenk«ti. Die Zobinft 
i$t trübe. An d«» TlKMr«^ der wettwrsebwaniE^reii 
xaki\a(ti|;:en Z^t steht das Ge^p«nst d«r iotti«ii 
IntwmntkMMiK ^ sotiele ReTfilntlon^ ^e Kommune 
Ist %nf d«n Sforaom. Daum wird k^ UntMsdded 
f^'^maeht iwls^ien PMT nnd Pfblt ob deatseh oder 
böhmlseli« i^am fl^eh^üHir» dann wird niNli nichts 
helte die mtlioMik^ Sdmdnn^ der DlOeesok 

W^ie denen« welebe nns E)|oismiis no^ O^ In 
d«ft niattoBiitta Brand Mnen^pesseii. Das Yolk» sow^t 
es nodi ehii^ich denkt» nimmt dnidians keinen 
Anstoss ^teamn» ob der Se^soif«r ^n«r anderen Na* 
^onalMt ant^iM> es beurth^lt d«i Frieder naeh 
s^n«» Wlitoft» s^nem Eller« W^an die 0|Alilan«r 
fortwihraad li^nitoi» dass nivr ein dentsdier 
Priestwr b^ de nt st b e n Pftiifkindffini Yeitrau«! haben 
kann, dann dftifte Rom tUwrhaniA ki^ne ICssio* 
niie m d«Ei nodi andMs^ioAi^ten nnd heidnischen 
Tölkran anssuidMi« Conseqnv^t mtüssle naeh den 
GfwndsAliMi des K Opiti, des W^hbbehof Dr. FHad 
nnd Consoiles das Institut Fropafan^ de l^de in 
Rom Tom Cidliod«i lasurt w^ditn. Dass das Volk» 
w^ui es noch ehrisitleh denkt« d«i Pikäler na^ 
sein«a L etetm^gen benrlh^t,, da^ron ii^wn s^l^ 
dentsi^amtional s^>^^ dentsehe Priestwr <^>n«[i 



;;« 



KcwoiH. Der IxirficIiliKlo Plarn;!* Kaspiir Hank in 
nii^^.cjov, in (l(?r hudwoisor OlöCf^sc, H<M* von S(Mn(*n 
hnlmiiscluin llnri'kindiirn ol) soinos geriiHciZu f)riilaleti 
H(Mi(^lnneiis zu ihnon hoim Konsistorinni in liudwois 
\vie(l(^rli()ll JinK^ikluKl. wurde, orfuhr an sich eine 
Lync-hjusliz von Solle seiner diMitschen IMarrkindem. 
Kv wnrd(! von ihncMi in der NikolonMchl. I'.H)'! -/(''on 
:> Uhr Kn'di in r'im^rn deutschen Wirl.hsliMn (Imcli- 
K«M>''"I^'<'I'- '" •'"• /«'Hunden ahcM* v^;i\> IM'arnü- IJank 
(iie Nacliriclil., die hosiiii (•//(M'JiisciHMi IM'arrkinih'm 
liatten ihn riberrnlh^i. Dir d. ul ( lim Ffarrkinder 
l^'aben ihrem Seelsor^<er ein Drnk/rlUd, dass es für 
ihn niehl. passc^ di(' Näclde in Wirlhsiiftusern durcli- 
/,ns(!hwnrni('n 

Uol)riK(Mis sind die Opit/ianer nicht allein schlecht 
/n sjirechen auf di(j höinnisehen Priester. Wer hat 
d(uni in der „Keichspost", dem Organe dieser Frak- 
lioii, so viel Uii'ti^eH und Gehässiges aufgeh&uft gegen 
dio kiüholischen Abj2:eordnoten aus Ober-Oesterreich 
und d<Mi Alp('nländ(n'n, weil sie nicht nach der Pfeife 
des Opitz ianzen vvolhwi, welches Blatt brachte gifti- 
i.'(ire An^'rilT«' K<'i?<'" katholische Blätter, gegen das 
„Vaterland," das „l.inzer Volksblatt" und andere 
katljolisciie Hh'Uter, als die „Reichspost" (ein angeb- 
licli katholisidies Or^'an !), w(m1 diese Organe nicht die 
Nationalilill<Mih(?tz(^ initmacduMi wollen? Wov hat 
den Hischol' Di'. Schoehcd von Lcrd.rrierilz so W(iit ge- 
bracht, dass di(;s(;r sieh rnrelit(ii. einen ab;^'(ih(itzl(Ui 
böhmisclien Priest(ir anzuhören und seinci D(iscliw(irden 
vorzubringen? Weini ein solclier in seinem Residenz 
kommt, lilsst ihm S(j. Kxcelleiiz eitdacli sagen, man 
sollf» die Ruhe ihm nicht rauben. Doch genug, es 
wurde uns zu W(Mt fiihren. Die Herren vom Opitz- 
l.iger mögen sicher sein, dass wir uns vor ilireii So- 
phismen nicht fürchten. 

KXIL Oesterreichs konfessionelle Statistik. 

Nach dem Zahlenverhrdlniss ist 0(isterreicii katho- 
Hsch. Damit ist natürlich nicht gesagt, als ob in 
Oesterreich die katholische Kirche einen grossen Ein- 
tluss hätte auf das örientliche Lel)en und das Volk 
überhaupt. Darüber wollen wir an dieser Stelle keine 



368 



Kritik üben. Wir können nur das Eine feststellen, 
dass heute zwischen den sogenannten katholischen 
und nichtkatholischen Ländern wohl kein grosser 
Unterschied ist; die Religion ist den meisten Men- 
schenkindern nicht das wichtigste Lebenskapitel. Das 
ist eben das Kennzeichen des jetzigen Zeitalters. Das 
Volk hat unter dem Drucke der Sorgen um das 
Brod einerseits und unter dem Drucke der Gier 
nach Genuss und Befriedigung der Leidenschaften 
andererseits kaum Zeit über die Fragen der Religion 
bei sich Einkehr zu halten. Die Zahl der katho- 
lischen Bevölkerung Oesterreichs ist folgende: 

Absolute Zahl 

Jahr 1857 1900 

Nieder-Oesterreich 1,350.684 2,867.533 

Ober-Oesterreich . 673.404 790.270 

Salzburg 140,132 191.230 

SteiermarJ^ .... 1,004.919 1,339.358 

Kärnten 307.642 346.660 

Krain 466.768 507.274 

Triest u. Küstenland 502.729 745.989 

Tirol u. Vorarlberg . 864.889 975.818 

Böhmen 4,601.335 6,067.012 

Mähren .... 1,784*593 2,325.574 

Schlesien .... 396.843 576.497 

2,072.633) 

^ T • lateinisch. R.l ^ .k^ ^ .„ 

Galizien 2 077 1121 MÖ6.147 

griech. R. ) 

Bukowina 51.846 110.483 

Dalmatien .... 337.800 496.966 

Die Bewegung des katholischen Elementes in 
Oesterreich innerhalb 43 Jahre ist also eine abwärts- 
gehende, wie man sehr deutlich bei den Perzentzahlen 
ersehen kann. Den grössten Niedergang des katho- 
lischen Elementes weist Niederösterreich auf, woran 
allerdings Wien den grössten Antheil hat. Dass diese 
Zahlen nicht absonderlich erfreulich sind, liegt auf 
der Hand. Was die Zukunft noch bringen wird, 
weiss Gott. 



In Perzenten 


1857 


1900 


98-5 


92-49 


97-9 


97-53 


99-9 


99-20 


99'5 


93-74 


94-8 


94-83 


99-8 


99-83 


99 


98-60 


99-9 


99-37 


96-3 


96-20 


951 


95-40 


85-9 


84-73 


44-8 


88-42 


44-8 




17-5 


15-13 


81-3 


83.69 



369 



Gesammtergebniss : 

Absolute Zahl der In 

Katholiken Perzenten 

Jahr 1857 1900 1857 1900 

16,654.190 23,796.814 92*6 9099 

Die Zahl der Angehörigen evangelischen Konfes- 
sionen in Oesterreich ist folgende: 

Absolute Zahl In Perzenten 

Jahr 1857 1900 1857 1900 

Nieder-Oesterreich . 9.140 65.460 0-8 2*11 

Ober-Oesterreich . . 14.882 18.373 2*1 2-27 

Salzburg 65 1.284 Ol 0-67 

Steiermark 5.112 13.159 0-5 0-97 

Kärnten 16.679 20.383 5-2 5-55 

Krain 100 413 O'O 0*03 

Küstenland ... 458 2.623 O'l 0-35 

Tirol und Vorarlberg 115 4.767 O'O 0-49 

Böhmen 90.936 144.658 1*9 2-29 

Mähren 51.765 66.365 2-7 5*27 

Schlesien 61.917 91.741 13-4 13-48 

Galizien 31*100 45.331 0-7 0*63 

Bukowina 8.733 19.272 2 2*64 

Dalmatien 25 182 0*0 0*03 

Gesammtergebniss : 

292.227 494.011 16 1*89 

Wir haben hier die Ergebnisse der offiziellen Sta- 
tistik zusammengestellt. Grosse Erklärungen dazu 
sind überflüssig. Innerhalb 43 Jahre hat die Zahl 
der Angehörigen beider protestantischen Konfessionen, 
absolut zugenommen, sich fast verdoppelt. Relative 
Zahlen sind folgende: Im Jahre 1857 waren unter 
10.000 Personen 160 Individuen Angehörige der beiden 
evangelischen Konfesionen. Im Jahre 1900 stieg 
diese Zahl auf 189 Personen, damit ist auch das re- 
lative Anwachsen der Protestanten genau angegeben. 
Die Ergebnisse der Statistik des weiteren Decenniums 
1910 werden jedenfalls noch trauriger sein. 

Auf die näheren Details der letzten Jahre wollen 
wir verzichten. Dr. Zemmrich verbreitet sich in der 
„Wartburg" vom 9. und 16. Januar 1903 folgender- 
massen : 

24 



370 



Die vor Kurzem veröffentlichten summarischen 
Ergebnisse der Volkszählung von 1900 geben ein im 
Ganzen recht erfreuliches Bild des Wachsthums der 
evangelischen Bevölkerung. Während die Römisch- 
Katholischen, die vier Fünftel der Gesammtbevölkerung 
ausmachen, sich im letzten Jahrzehnt nur um 9-1 
V. H. vermehrten, betrug die Vermehrung der Evan- 
gelischen Augsburger Konfession 15*7 v. H. gegen 
9*3 im vorletzten Jahrzent. Abgesehen von einigen 
Sekten, deren Anhänger nur nach Hunderten 
zählen, übertreffen nur die Altkatholiken mit 57-0 
V. H. die Zunahme der Evangelischen. Den abso- 
luten Zahlen nach besteht naturgemäss das um- 
gekehrte Verhältniss. Die Römisch-Katholischen wuch- 
sen um 1,726.113, die Evangelischen A.B. um 49.626, 
die Altkatholiken um 4697. Die Evangelischen Hel- 
vetischer Konfession gewannen nur 8055 Seelen = 
6*7 v. H., sie gehören meist dem tschechischen 
Sprachstamm an. In absoluten Zahlen sind die wich- 
tigeren Bekenntnisse wie folgt vertreten : 

Römisch-Katholische . . . 29.660.279 = 79*0 v. H. 

Griechisch-Unirte 3,134.439 = 120 „ 

Juden 1,124.899= 4*7 „ 

Griechisch-Orientalische . . 606.764 = 2*3 ,, 

Evangelische A. B 365.454 =1-4 !, 

Evangelische H. B 128.557 = 0-5 

AltkathoUken 12.937 = 005 



J7 



r 



Am günstigsten stellt sich für die Evangelischen 
der Vergleich mit dem natürlichen Wachsthum der 
Bevölkerung. Oesterreich hat im vorigen Jahrzehnt 
398.441 Menschen durch Ueberschuss der Auswan- 
derung über die Einwanderung verloren. Von diesem 
Verlust gegenüber der natürlichen Vermehrung kom- 
men 232.881 auf die Römisch-Katholischen, 104*758 
auf die Juden, 60.023 auf die Griechisch-Katholischen. 
Die Evangelischen hatten dagegen eine Zunahme zu 
verzeichnen, die ihren Geburtenüberschuss um 5429 
übertrifft. Hierin drückt sich theilweise der Gewinn 
durch Uebertritte aus, welche die gewiss auch bei 
den Evangelischen stärkere Aus- als Einwanderung 
mehr als ausglichen. Folgende Tabelle gibt die ab- 



371 



soluten Zahlen für die Kronläiider, in denen minde- 
stens 10.000 Evangelische A. B. wohnen, sowie das 
Wachsthum der Evangelischen in Vergleich mit dem 
der Bevölkerung seit 1890 : 

Zunahme v. H. 
Evangelische A. B. Evang. Bevölkerung 

Schlesien 91.264 82 12-4 

Böhmen 72-922 20 1 81 

Mederösterreich . . . 57.052 37-0 16'5 

Galizien 40.004 45 10-7 

Mähren 26.605 12*9 71 

Kärnten 20.100 8-1 1-8 

Bukowina 18.383 15 9 12-9 

Oberösterreich . . . 18.143 59 3 1 

Steiermark .... 12.675 25'9 5-8 

Also nur in Schlesien und Galizien bleibt das 
Wachsthum der Evangelischen hinter dem der Ge- 
sammtbevölkerung zurück. Der Grund hiefür liegt in 
der zunehmenden Auswanderung aus den rein deut- 
schen Bezirken Westschlesiens und den deutschen 
Kolonistendörfern Galiziens. In Schlesien drückt 
ausserdem die massenhafte Einwanderung galizischer 
Arbeiter in das Ostrauer Kohlenrevier den Antheil 
der Evangelischen wie der Deutschen herab. Die 
Ziffern für Niederösterreich, Steiermark, Böhmen und 
Mähren lassen den Einfluss der Los von Rom-Bewe- 
gung am deutlichsten erkennen. 

Die übrigen Kronländer werden nur von wenigen 
Tausenden Evangelischen A. B. bewohnt, es zählen 
Tirol 2806, Triest 1346, Salzburg 1211, Vorarlberg 
946. Istrien 290, Krain 285, Görz 269, Dalmatien 153. 
Die meist tschechischen Evangelischen H. B. kommen 
nur in Böhmen und Mähren in Betracht. Böhmen 
2ählt 71.756, Mähren 37.760. Ihre Zunahme bleibt 
hinter dem Landesdurchschnitt zurück. Ueber 1000 
Evangelische H. B. haben nur noch Niederösterreich 
m408) und Galizien (5327). Prozentual ist der Antheil 
1er Evangelischen A. B. in den einzelnen Kronländern 
am grössten in Schlesien mit 134 v. T. Mehr als 10 
vom Tausend bilden sie noch in Kärnten (55), Bu- 
kowina (25), Ober-Oesterreich (22), Nieder-Oesterreich 
(191, Böhmen (12) und Mähren (11). Dazu kommen 

24* 



372 



in den beiden letztgenannten Provinzen noch 11^ 
bezw. 16 V. T. Evangelische H. B. 

Die Vertheilung der Protestanten auf die einzelnen 
Gemeinden werden erst die später erscheinenden 
Gemeindelexika erkennen lassen. Jetzt liegen nur die 
Zahlen für die politischen und Gerichtsbezirke vor, 
in denen vereinzelte protestantische Gemeinden wenig 
zur Geltung kommen. Wir geben im Folgenden das 
Wichtigste aus diesen summarischen Ziffern. In 
Niederösterreich zählt Wien 54.264 Protestanten, das 
sind 3 Vi V. H. der Einwohner. Die verhältnismässig 
meisten Evangelischen wohnen im Bezirk Lilienfeld 
(6'7 V. H.). Oberösterreich besitzt drei konfessionell 
gemischte Bezirke. Ischl mit 191, Linz-Umgebung 
mit 10'9 und Eferding mit lO'ö v. H. Evangelischen. 
Hier handelt es sich bereits um überwiegend evan- 
gelische Orte in katholischer Umgebung. In Salzburg 
wird der höchste Antheil in der Stadt Salzburg mit 
901 =2*7 V. H. erreicht. In Steiermark beherbergt 
die Hauptstadt Graz fast 4000 Protestanten, doch 
bilden sie hier nur 2*9 v. H. Hingegen bedeuten im 
Bezirk Schladming die dortigen 3318 Evangelischen 
fast die Hälfte der Bevölkerung (47-3 v. H.). Weitere 
protestantische Gemeinden bringen den evangelischen 
Antheil in den Bezirken Gröbming auf 11*9, Mautern 
9*2, Rottenmann 6*1 v. H. Die absoluten Ziffern be- 
tragen 670, 554 und 592 Köpfe. Unter den Kärntner 
Bezirken steht Villach mit 4660 Evangelischen (13*5 
V. H.) der Zahl nach obenan, im Verhältniss jedoch 
der Bezirk Paternion, dessen 3716 Protestanten 43*6 
V. H. gleichkommen. Weitere ansehnliche evange- 
lische Minderheiten haben die Bezirke Hermagor 
r21-3 V. H.), Gmünd (28-6), Millstadt (21-4), Feld- 
kirchen (11-7), Kötsschach (9-0) und Sputa (6*6). 
Von den Protestanten in Tirol fällt fast die Hälfte 
auf den Bezirk Meran, zumeist sind es Kurgäste. 
Gegen 700 kommen auf Innsbruck mit Vororten, so 
dass nur 1100 verstreut über das übrige Land wohnen. 
Die wenigen Evangelischen Vorarlbergs wohnen meist 
im Bregenzer Bezirk. 

Böhmen hat einen einzigen Bezirk, Asch, mit 
überwiegend protestantischer Bevölkerung (67*7 v. H.J. 



373 



Auf diesen kommt über ein Drittel (26*547) der Evan- 
gelischen A. B. in ganz Böhmen. Von den übrigen 
politischen Bezirken haben noch folgende über 1000 
Evangelische A, B. : Stadt Prag 1708, Stadt Reichen- 
berg 1144, Aussig 3141. Brüx 1021, Eger 3326, 
Gablonz 1477, Hohenelbe 1233, Reichenberg 1521, 
Rumburg 1209, Tetschen 2397. Dies sind deutsche 
Protestanten, von den tschechischen Bezirken haben 
über 1000 Lutheraner nur Starkenbach (2405), 
Caslau (1057) und Ghotebof (1040). Die fast genau 
so zahlreichen Evangelischen H. B. gehören mit 
geringen Ausnahmen zum tschechischen Sprachgebiet, 
sie wohnen meist im mittleren Böhmen, von dem 
Zusammenfluss der Elbe und Moldau nach Osten bis 
zur mährischen Grenze. Ihr Maximum erreichen sie 
in der Bezirkshauptmannschaft Podebrad mit 9201 
Köpfen. Prozentual tritt in den deutschen Landes- 
theilen die evangelische Bevölkerung noch sehr zurück. 
Die Lutheraner erreichen, abgesehen von Asch, ihren 
höchsten Antheil im Gerichtsbezirk Starkenbach (8*7 
V. H.), also im tschechischen Gebiet. Von den deut- 
schen Bezirken stehen Wildstein bei Eger (6*4 v. H.), 
Friedland (5' 7), Katharinaberg im Erzgebirge (5*3), 
Eger (4'8) obenan, 3—4 v. H. Lutheraner finden sich 
in der Stadt Reichenberg und den Gerichtsbezirken 
Aussig, Arnau, Kratzau, Teplitz und Tetschen auf 
deutscher, in den Bezirken Ghotebof und Prelautsch 
auf tschechischer Seite. Prozentual fallen die Tschechen 
H.B. in ihren dünnen besiedelten landwirthschaftlichen 
Bezirken viel mehr ins Gewicht. Obenan steht in der 
Nähe der mährischen Grenze der Gerichtsbezirk 
Skutsch mit 21*9 v. H. Evangelischen H. K. Die im 
Osten und Westen angrenzenden Bezirke Politschka 
(9-7 V. H.) und Hlinsko (8-6 v. H.) haben gleichfalls 
ansehnliche evangelische Minderheiten; in einer Reihe 
weiterer Bezirke des mittleren Östböhmen betragen 
diese noch 2—5 v. H. Weiter nördlich wird ein Ma- 
ximum von 7*4 V. H. im Bezirk Opotschno östlich 
von Königgrätz (5*1 v. H.) erreicht. Das mittlere Eib- 
gebiet bildet das Zentrum der tschechischen Prote- 
stanten, sie stellen im Bezirke Prelautsch westlich von 
Pardubitz 7*9 v. H. der Bevölkerung, hieran schliessen 



374 



sich nach Westen die Bezirke Kolin (9-4), Caslau 
(8-9), Podebrad (17-3), Nimburg (11-5) und König- 
stadtl (5-0 V. H.). An der Mündung der Moldau er- 
reichen die Evangelischen H. B. noch einmal das 
Maximum von 10*6 v. H. im Bezirk Melnik, dem sich 
westlich der Bezirk Raudnitz mit 9*0 V. H. anschliesst. 
Die Altkatholiken entfallen fast ganz auf den deut- 
schen Landestheil an der Lausitzer Grenze; der Be- 
zirk Warnsdorf mit 3265 = 8*8 v. H. bildet ihren 
Mittelpunkt. An der schlesischen Grenze erreichen sie 
im Bezirk Tannwald 8'5 v. H., kleinere altkatholische 
Minderheiten kommen noch in den Bezirken Haida 
(37), Rumburg, Gablonz (je 2-5) und Böhmisch- 
Kamnitz (1'4 v. H.J vor. 

In Mähren kommt der Haupttheil der Protestanten 
auf das tschechische Gebiet. Obenan steht der Bezirk 
Wsetin an der ungarischen Grenze, ein Ausläufer 
des slowakisch-protestantischen Gebietes. Hier er- 
reichen sowohl die Evangelischen A. B. mit 8358 
Köpfen = 24-2 v. H wie die H. B. mit 8086 == 23-4. 
v. H. ihre Höchstziffer. Beide zusammen kommen 
fast den Katholiken (514 v. H.) gleich. Der Sprache 
nach ist der Bezirk Wsetin ganz tschechisch-slowakisch, 
nur 214 Deutsche wurden ermittelt. Die Evangelischen 
A. B. sind auch in den westlich anschliessenden 
Bezirken Wisowitz (12*9 v. H.) und Bistritz (54 v. H.) 
mit ansehnlichen Minderheiten vertreten Sonst 
kommen sie nur im Gesenke an der schlesischen 
Grenze in grösserer Zahl vor, hier sind sie Deutsche. 
In Betracht kommen die Bezirke Fulnek (8*2), Neutit- 
schein (56) und Hof (3*6 v. H.). Die Evangelischen 
H. B. gehören auch in Mähren ganz zum tschechi- 
schen Gebiet, sie schliessen im Westen an ihre 
Glaubensgenossen in Böhmen an und ziehen sich 
nach Osten bis in die Karpaten hin. Im Ganzen haben 
11 Bezirke über 4 v. H. Evangelische H. B., davon 
7 im Karpatengebiet. Hier treten neben Wsetin. 
Neustadtl mit 27*5 und Bistritz mit 14-rv. H. hervor. 
Westlich von der March stehen die Bezirke Klobuk 
(18-7) südlich und Kunstadt (12*0 v.H.) nördlich von 
Brunn obenan. 

Die Protestanten Schlesiens gehören fast aus- 



375 



schliesslich den Evangelischen A. B. an und wohnen 
zumeist in dem kleineren östlichen Landestheil. In 
Westschlesien ist nur der Bezirk Olbersdorf mit 
3906 = 32-5 V. H. Evangelischen A. K. und 303 = 
2'ö V. H. H. K. zum grossen Theil protestantisch. 
Die Bezirke Würbenthai (9-5), Freudenthal (21) und 
Jägerndorf (3*4 v. H.) leiten zu den evangelischen 
Deutschen in den genannten nordmährischen Bezirken 
hinüber. In Ostschlesien wohnen in der Gegend von 
Teschen und Bielitz ebensoviel Evangelische A. B. 
wie in ganz Böhmen. Der Nationalität nach sind sie 
theils Deutsche, zumeist aber Polen, wie aus nach- 
stehender Tabelle hervorgeht. 

Evangel. Deutsche 

Stadtbezirk Bielitz 281 v. H. 8-34 v. H. 

Gerichtsbezirk Bielitz .... 34-8 „ 37-7 „ 

„ Schwarzwasser 166 ,, 6*7 „ 

„ Skotschau . . 47*0 ,, 70 

„ Freistadt . . . 12*6 „ 5-4 „ 

„ Jablunkau . . 45*6 ,. 2*7 ., 

„ Teschen . . . 41-2 „' 20*9 „ 

Wir werden zu diesen Ausführungen des Dr. 
Zemmrich in einem anderen Kapitel noch zurück- 
kommen. Es sei hier nur darauf hingewiesen, dass 
der Hauptstock der Bekenner Luthers und Kalvins 
in Oesterreich die böhmischen Länder abgeben, und 
zwar sind es nicht Deutsche, sondern Gzechoslaven. 
Es sind dies die Nachkommen der böhmischen Brüder, 
welche bekanntlich nach dem Tode des Bischof 
Augustus zum Kalvinismus und Lutheranismus über- 
gingen. Diese Bevölkerung evangelischer Konfession 
czechoslavischer Nationalität hat bekanntlich Friedrich 
dem Grossen in seinen Raubzügen gegen Maria 
Theresia die wichtigsten Dienste erwiesen. Wenn 
wir die Abfallstatistik bis in ihre jüngsten Zeitpunkte 
befolgen, haben wir folgende Zahlen vor uns. 

In den letzten vier Jahren sind folgende Abfälle 
vom katholischen Glauben in Cisleithanien geschehen: 

1899 1900 1901 1902 Znsammen 

Uebertritte zur evang. 
Kirche A B. und H. B. 6385 5058 6639 4624 22.706 



376 

1899 1900 1901 1902 Zusammen 

davon aus römisch-kath. 
Kirche 6047 4699 6299 4247 21.292 

Austritte aus der evang. 
Kirche A. B. und H. B. 765 813 917 1078 3.573 

davon in die römisch- 
katholische Kirche . . 675 705 830 928 31.38 

Zuwachs für die evang. 
Kirche A.B. und H. B. 5620 4254 5722 3546 19.133 

Unter allen Diöcesen ist am stärksten von der 
Abfallsbewegung die Diöcese Leitmeritz betroffen. Es 
beziffern sich die Uebertritte vom Jahre 1898 bis 
Ende 1902, und zwar zum Protestantismus auf 6366, 
zum Altkatholicismus auf 2894, zusammen auf 9260. 
In dieser Zeit sind zur katholischen Kirche zurück- 
gekehrt: 611 Protestanten, 128 Altkatholiken, 12 
Konfessionslose; ausserdem traten 11 Israeliten über, 
zusammen 812, so dass sich die Verlustziffer auf 
8448 vermindert. Auf die einzelnen Vikariate entfallen : 

Protestanten Altkatholiken 

Teplitz 1725 14 

Aussig 1416 43 

Gablonz 1156 2077 

Reichenberg 415 46 

Bilin 320 1 

Komotau 235 39 

Brüx 211 — 

Saaz 179 .... . 42 

Libochowic 85 — 

Friedland 83 18 

Gabel 78 43 

Kaaden 67 ... . 27 

Böhm.-Leipa 58 127 

Böhm.-Kamnitz 49 183 

Jechnitz 48 . ... — 

Hainspach 44 227 

Leitmeritz 43 — 

Auscha 43 — 

Nach den einzelnen Jahren stellen sich die Ueber- 
tritte wie folgt dar : 



37' 



Protestanten Altkatholiken 

1898 182 .... . 762 

1899 1847 764 

1900 1209 . . . . 454 

1901 2068 590 

1902 1080 824 

Den Gipfelpunkt hat die Bewegung im Jahre 
1901 erreicht; im Jahre 1902 weist sie in der Leit- 
meritzer Diöcese bereits einen Rückgang auf. Was 
die Zahl der evangelischen Kirchen in der Leitmeritzer 
Diöcese betrifft, so bestanden daselbst 16 vor dem 
Jahre 1898, zug^ewachsen sind seitdem 18 neue; 
Predigtstationen gibt es 3, eine alte und 2 neue, 
evangelische Schulen 7. Altkatholische Kirchen zählt 
die behandelte Diöcese ebenfalls 7, und zwar 3 alte 
und 4 neue. 

Wir haben darauf hingewiesen, dass von Seite 
der Opitzianer der Vorwurf erhoben wird, dass im 
sogenannten deutschen Sprachgebiet die Anwesenheit 
von Priestern böhmischer Nationalität der Abfalls- 
bewegung einen ganz besonderen Vorwand darbiete. 
Wir erlauben uns nun auf der Hand der Abfalls- 
statistik die Seelsorger derjenigen Gemeinden anzu- 
führen, wo die Abfallstatistik die meisten Resultate 
aufweist. 

Name des Pfarrers 

Teplitz Laurenz Rössel 

Aussig Anton Zimmler 

Gablonz Franz Günter 

Reichenberg • Josef Bergmann 

Bilin Karl Trautzel 

Komotau Franz Sendner 

Brüx ... . • Josef Güntner 

Saaz Alois Hanl 

Friedland Stephan Neumann 

Gabe] Josef Tschörsch 

Wir könnten die ganze Reihe der vordem ange- 
führten Brennpunkte der Abfallsbewegung anführen 
und würden hier finden, dass genannte Seelsorgsta- 
tionen nicht einem einzigen Priester böhmischer Na- 
tionalität anvertraut sind. Die deutschnational ge- 
sinnten Priester deutscher Nationalität suchen einen 



378 



Sündenbock und haben ihn gefunden, aber damit 
haben sie sich selbst nur einen schlechten Dienst 
erwiesen. Die Wahrheit soll allen- Priestern heilig sein. 
Die Abfallshetze geht vorwärts trotz des Importes 
reichsdeutscher Theologen nach Leitmeritz, sie geht 
ihre Wege ungefragt ob ein deutscher oder böhmischer 
Priester da ist, den Abfallsführern ist und bleibt der 
katholische Priester — ein Pfaff — seine Nationalität 
ist Nebensache. 

XXIII. Die Sprachenfrage innerhalb der katholischen 

Kirche. 

Die katholische Kirche lehrt mehrere grund- 
legende Wahrheiten, welche ihr Verhältniss zu den 
Völkern der Erde genau kennzeichnen. Das jetzige 
menschliche Geschlecht, das ja ungefähr 1560 Millionen 
lebende menschliche Wesen zählt, hat nach Schätzung 
der Sprachforscher mehr als 1000 verschiedene 
Sprachen, die sich von einander derartig unterscheiden, 
dass wer eine dieser Sprachen spricht, den andern, 
der eine andere von ihnen spricht, nicht versteht. Die 
katholische Kirche lehrt: 1. Alle Menschen stammen 
von einem Elternpaar, sie sind in ihrem Wesen ein- 
ander vollständig gleich aus Seele und Leib bestehend. 
Die katholische Kirche hat von ihrem göttlichen 
Stifter Jesum Christum die Sendung erhalten, aller 
Welt, allen Völkern die Lehre Christi zu verkündigen. 
Stellen aus der hl. Schrift werden wir zum Belege 
dafür nicht anführen, sie sind ja zu bekannt. Da 
nun der christliche Glaube, welcher allen Völkern 
der Erde ohne Unterschied verkündigt werden soll, 
nur dann Annahme findet, wenn die Glaubensboten 
ihn dort verkünden, wo er noch nicht bekannt ist, 
folgt doch von selbst, dass die Glaubensboten vor 
allem sich des Mittels aneignen müssen, um sich 
denen, die sie belehren wollen, verständlich zu 
machen. Der Glaube kommt ja vom Hören. Deshalb 
studiren katholische Missionäre bevor sie ihr Missions- 
gebiet betreten, die Sprache oder auch mehrere Spra- 
chen jener, in deren Mitte sie Christenthum predigen 
wollen. Darum haben die Apostel für ihr Wirken 
direkt von Gott die Gabe der Sprachen erhalten, 



379 



damit sie ohne Aufschub Christenthum verkündigen 
konnten. Alles dies ist klar und einfach, ohne dass es 
gelehrter Beweise bedarf. Das Bestreben der modernen 
Staaten, einen centralen einheitlichen Nationalstaat zu 
schaffen, hat auch in die Kirche und ihr heiliges 
Gebiet hineingegriffen; die kleineren Völker sollen 
auch hier in ihren Rechten verkürzt werden und 
man diktirt ihnen einfach : ihr müsst das Evangelium 
in der Sprache euerer Bedrücker, Beherrscher und 
Ausbeuter anhören, und traurig ist es, dass sich* dazu 
selbst katholische Priester und auch höhere Würden- 
träger hergeben. 

Es ist doch klar, dass mit einem derartigen 
Vorgehen ja direkt das Christenthum geleugnet wird. 
Wer da kommt, um die Lehre Christi zu verkünden, 
welcher in die Welt rief: kommet alle zu Mir, die 
ihr mühselig beladen sei, und sagt aber seinen 
Hörern, sie müssen diese Lehre Christi in der Sprache 
ihrer Bedrücker anhören, der gibt damit offen zu, 
dass Gewalt vor Recht geht. Damit ist aber die Lehre 
Christi selbst begraben und ihr Verkünden der Welt 
überflüssig, denn der Inhalt der Lehre wird durch 
ein entgegengesetztes Handeln in Wirklichkeit ge- 
leugnet. Das bestätigt auch die Geschichte. Karl der 
Grosse vergrösserte sein franko-germanisches Reich 
auf Kosten des Christenthums, das er auszubreiten 
vorgab, in Wahrheit aber Eroberungen im Sinne hatte, 
daher auch der verzweiflungsvolle AViderstand der 
Sachsen nicht gegen die Lehre Christi, aber der mit 
ihrer Annahme drohenden Knechtung. Die Elbeslaven 
widerstrebten nicht dem Kreuze, wohl aber der poli- 
tischen Knechtung, der sie sogar ihre eigene völlige 
Ausrottung vorzogen. Der deutsche Ritterorden hat 
seine ursprüngliche Aufgabe das Christenthum zu ver- 
breiten bei Seite geschoben und hat das Eroberungs- 
und Kriegshandwerk zu seiner Beschäftigung erwählt. 
Das böhmische Volk hat das Christenthum erst im 
Laufe des 9ten Jahrhundertes angenommen. Der 
christliche Glaube musste doch in Böhmen längst 
bekannt sein. Hat ja doch im öten Jahrhundert der hl. 
Severin im nachbarlichen Noricum Christenthum ge- 
predigt, im 7ten Jahrhunderte evangelisirte in Bayern 



380 



der hl. Emeran. Im 8ten Jahrhunderte wirkte im 
mittleren Deutschland der hl. Bonifaz. Die Südslaven 
im heutigen Makedonien nahmen den christlichen 
Glauben schon im Tten Jahrhunderte an. Also war 
der Same des christlichen Glaubens ringsum 
Böhmen schon längst ausgesäet. 

Es kamen Glaubensboten nach Böhmen aus 
Bayern, aber sie waren der böhmischen Sprache un- 
kundig, sie kamen an die Grenzen des Böhmerwaldes, 
aber tiefer in das Land drangen sie nicht vor. Wie 
konnten sie predigen, da das Volk ihre Worte nicht 
verstand? Zudem war im böhmischen Volke die 
Furcht vor Glaubensboten aus deutschen Landen sehr 
gross, denn das Beispiel an den Sachsen und Elbeslaven 
war ja hier, dass mit dem Kreuze gleichzeitig auch 
das Schwert des Eroberers sich einstellte. Das Miss- 
trauen und die Furcht vor den Glaubensboten aus 
deutschen Landen war darum die Hauptursache, dass 
das Ghristenthum in Böhmen so spät anfing zu 
keimen. Im Jahre 845 Hessen sich 14 böhmische 
Vladyken aus Opposition zum Herrscher des Landes, 
dem Fürsten Hostivit, am Hofe Ludwig des Deutschen 
taufen. Auf dieses hin vindicirten sich die Erz- 
bischöfe von Regensburg die kirchliche Oberhoheit 
über die böhmischen Länder, welcher Umstand auf 
die spätere Entwicklung kirchlicher Zustände in 
Böhmen von grösster Bedeutung geworden ist. Die 
Bischöfe von Passau usurpirten für sich die kirchliche 
Jurisdiktion über Mähren und die Bischöfe von Salz- 
burg über Nord-Ungarn. Damals spielten für die kirch- 
liche Jurisdiktion eine Hauptrolle die Zehentabgaben 
und darum begreifen wir auch den geradezu ver- 
zweifelten Widerstand genannter Bischöfe, den sie 
jahrhundertelang der Errichtung selbständiger Bischof- 
sitze in dem Bereite der böhmischen Länder entgegen- 
setzten. Der Fürst Mährens Rostislav wollte darum 
von einer Apostolisirung von Seite genannter 
deutscher Bischöfe nichts wissen, wohl fürchtend, dass 
mit dem Kreuze nicht zugleich auch das Schwert des 
Eroberers ins Land käme, und darum bat er den 
Kaiser Michael III. von Byzanz um slavische Glaubens- 
boten. Diesem Ansuchen wurde denn auch Folge 



381 



gegeben und nach Mähren kamen die beiden Brüder 
Gyrill und Method aus Salonichi. Sie predigten Christi 
Lehre in slavischer Sprache und wurden vom Volke 
auch vollständig verstanden. Während das Volk 
überall die Glaubensboten freudig empfing, wurden 
sie von Seite der deutschen Bischöfe, welche sich die 
Jurisdiktion über die böhmischen Länder vindicirten 
als „fremde" Priester mit Protest empfangen. Beide 
Glaubensboten Gyrill und Method wurden von den 
deutschen Bischöfen beim Kaiser und Papst als ver- 
dächtige Menschen angeklagt, welche keine Gewähr 
für Rechtgläubigkeit bieten. Nachdem Gyrill und 
Method 572 Jahre in Mähren und Böhmen evange- 
lisirt hatten, begaben sie sich im Jahre 867 nach 
Rom, unterwarfen sich hier dem Informationsprocesse 
und wurden dann zu Bischöfen geweiht; Gyrill starb 
im Jahre 869 in Rom, der hl. Method kehrte nach 
Mähren zurück. Papst Hadrian erneuerte das alte 
Bisthum Illirikum, als Bischofsitz erwählte sich 
Method die Stadt Srem. Kaum begann Method seine 
apostolische Arbeit in Nord-Pannonien, geriethen in 
Zorn Adalvin in Salzburg, Hermenerik in Passau und 
Hanna von Freising. Alle drei proklamirten den 
hl. Method als „Eindringling" in ihr Jurisdiktions- 
gebiet, Hessen ihn mit Gewalt und Trug gefangen 
nehmen und der Bischof von Passau hieb auf Method 
mit der Peitsche. Drei und ein halbes Jahr wurde 
der hl Method von den deutschen Bischöfen wider- 
rechtlich, trotz seiner Bischofs weihe, im Kerker ge- 
halten und erst als Papst Johann VIIL die Peiniger 
mit Bann belegte, Hessen sie ihn frei. (Vacek, Kirchen- 
geschichte.) 

Der hl. Method entwickelte nun eine rührige 
apostolische Thätigkeit im ganzen slavischen Reiche 
Svatopluks, taufte in Prag die hl. Ludmila und den 
Fürsten Borivoj. Den deutschen Bischöfen war die 
apostolische Arbeit Methods ein Dorn im Auge und 
voll hämischen Neides klagten sie Method beim 
apostolischen Stuhl, er sei nicht rechtgläubig. Aber 
das Resultat war, dass Method zum Metropoliten des 
mährischen Reiches wurde mit dem Sitze in Vele- 
hrad. Sein erster Suffragan wurde der durchtriebene 



382 



Viching mit dem Sitze in Neutra. Böhmen war der 
Jurisdiktion des mährischen Metropoliten zugetheilt. 

Deutsche Kirchenhistoriker behaupten, Böhmen 
sei der kirchlichen Jurisdiktion der Erzbischöfe von 
Regensburg unterstanden, was aber total falsch ist. 
Der hl. Method wirkte nach seiner Erhebung zum 
Metropoliten im Jahre 880 noch 5 Jahre. Er starb 
am 6. April 885. Nach seinem Tode begann Viching 
zu wirthschaften, die slavische Liturgie wurde unter- 
drückt, die böhmischen Priester wurden vertrieben. 
Viching ging vollends ins deutsche Lager über und 
wurde Bischof in Passau. Mojmir IL bat den Papst 
Johann IX. um die Wiederaufrichtung der mährischen 
Metropole. Das geschah auch, es wurde ein Metro- 
polit und 2 Suffragane geweiht und eingesetzt, alle 
drei waren slavische Priester, ihre Namen sind un- 
bekannt (Dudik, Geschichte Mährens I, 223). Die 
deutschen Bischöfe reichten nach Rom ihren Protest 
ein gegen diese Wiederbesetzung. In diesem Proteste 
wird die slavische Bevölkerung Mährens „als ein ge- 
wisses Volk, welches gutwillig oder nicht den Deutschen 
müsse unterwürfig werden, sie seien ein minder- 
werthiges Volk (pars pejor, inferior)". (Vacek, Kirchen- 
geschichte.) Man sieht, dass Weihbischof Frind von 
Prag und seine Trabanten Theologieprofessor Dr. 
Hilgenreiner, P. Opitz und diese ganze Partei nichts 
Neues sagen, sie haben schon vor mehr denn 1000 
Jahren ihre würdigen Vorgänger gehabt. Boleslav 
bemühte sich nun beim Papst Johann XIII., dass die 
Metropole von Mähren nach Prag verlegt werde, 
weil ja Boleslav fast über alle Gebiete Mojmirs 
herrschte. Der Papst wollte von einer .slavischen 
Liturgie nichts wissen, es begann schon damals die 
östliche Kirche ihren Abfall von Rom vorzubereiten. 
Der Papst fürchtete durch die Errichtung einer sla- 
vischen Metropole in Prag den zum Schisma neigen- 
den Osten zu stärken. Vor 100 Jahren wäre die Sache 
leichter gegangen. 

Die Päpste des X. Jahrhunderts waren von den 
Ottonen derartig abhängig, dass sie die germanisi- 
rende Thätigkeit dieser Herrscher zu unterstützen ge- 
zwungen wurden. Otto L setzte es durch, dass in 



383 



Prag ein Bischofsitz errichtet wurde mit lateinischem 
Ritus in Abhängigkeit vom Bischof von Mainz. Das 
Bisthum Prag wurde 973 gegründet auf Grund eines 
Abkommens Otto I. und Boleslav II. des Frommen. 
Papst Benedikt VI. sanktionirte dieses Abkommen. 
Otto I. setzte es durch, dass zum ersten Bischof 
Prags Ditmar, der deutscher Abkunft war, eingesetzt 
wurde. Ditmar erlernte die böhmische Sprache. 
Ditmar wurde von Otto I. in Quedlinburg 973 in- 
vestirt und vom Mainzer Metropoliten konsekrirt. 
Leider müssen wir uns wegen Raummangel weitere 
geschichtliche Reminiscenzen versagen. Das böhmische 
Volk hat den Glauben Christi angenommen und ihn 
auch mit der ganzen Glut der Seele erfasst. Man 
kann fest behaupten, dass die Geschichte des böh- 
mischen Volkes zugleich seine Religionsgeschichte ist. 
Sind doch die grössten Religions-Kriege, der Hussiten- 
Krieg und der 30jährige Krieg mitten aus dem böh- 
mischen Volke hervorgegangen. Nach den Stürmen 
der napoleonischen Kriege und dem Revolutionsjahre 
1848 wurde Oesterreich bis zum Jahre 1867, also über 
ein halbes Jahrhundert, im absolutistischen Sinne 
regiert. Das böhmische Volk war unter einem eisernen 
Regime an seinen nationalen Rechten gekürzt. Nur 
in der Kirche erklang in voller Freiheit die Sprache 
des Volkes. Darum liebte das Volk seine Priester 
und sah in ihnen seine geborenen Berather und 
Führer. Die Zeiten haben sich nun gründlich zum 
Schlechten gewendet. Der furchtbare Nationalitäten- 
kampf, der auf politischem Gebiete gekämpft wird und 
Oesterreich mit aller Gewalt zu einem deutschen 
Staatengebilde machen will, greift nur zu tief auch 
in die kirchliche Interessensphäre hinein. Die Deutsch- 
nationalen verlangen vollständige administrative 
Theilung und Trennung einzelner Kronländer, in erster 
Reihe des Königreichs Böhmen, nach nationalen 
Kreisen. Bisher ist nun jeder Versuch der Zerreis- 
sung der historischen Kronländer erfolgreich zurück- 
gewiesen worden, die massgebenden Kreise scheuen 
selbst davon zurück, eine Brücke zu schlagen zwischen 
Preussen und Böhmen durch Schaffung des berüch- 
tigten geschlossenen deutschen Sprachgebietes. Was so 



384 



auf politischem Gebiete sich noch Niemand traute 
durchzusetzen, das wagte man nun auf kirchlichem 
Gebiete. Es ist zwar unglaublich, aber wahr. Die 
Kirche sollte als Sturmbock der deutschnationalen 
Pläne dienen, von welchen das Endziel wäre: die 
Degradirung Oesterreichs zur preussischen Ostmark. 
Dieser Vorschlag ist gemacht worden in einer Schrift, 
welche in Prag erschien. Sie führt den Titel: „Zur 
Frage deutscher Bisthümer in Böhmen". Ein Wort 
zur Aufklärung und Beruhigung aus der Mitte des 
deutschen Glerus in Böhmen. Im Verlag der Galve- 
schen Buchhandlung. Die Schrift ist also anonym. 
Dass die Verfasser dieser Schandschrift nicht den 
Muth besassen, das, was sie niederschrieben, auch 
mit ihren vollen Namen zu verbürgen, richtet die 
Schrift selbst Wir werden uns nur sehr gedrängt 
fassen. Die Verfasser dieser Schrift, falls sie katho- 
lische Priester sind, müssen wohl aus dem Kathe- 
chismus die Sünden wider den hl. Geist kennen, 
von denen Christus sagt, dass sie weder hier noch 
jenseits vergeben werden. Die genannte Schrift ist 
in ihrem vollen Inhalt eine solche Sünde. Ohne uns 
in das Meri torische dieser Schrift einzulassen, was 
ja ein Gegenstand ist, welcher in die Machtsphäre 
des päpstlichen Stuhles gehört, wollen wir uns nur 
einige Grundsätze näher anschauen, welche hier 
niedergelegt sind. Auf Seite 46 der zweiten Auflage 
steht geschrieben: „Ein einsprachiges Gebiet ceteris 
paribus ist in ruhigen Zeiten viel leichter zu pasto- 
riren, als ein sprachlich gemischtes, dass ein mehr- 
sprachiges Gebiet der Diöcesenleitung Arbeiten und 
Schwierigkeiten bereitet, welche ein einsprachiger 
Kirchensprengel gar nicht kennt". Mit diesem „Grund- 
satze" wird dann in der ganzen Schrift der Beweis 
geführt und die Forderung gestellt, mit welcher die 
Schrift endigt: neue Bisthümer, aber den Gzechen 
czechische, den Deutschen deutsche Bisthümer. Die 
Forderung der anonymen Schreiber, auch die Diöcesen 
sollen einsprachig sein, ist natürlich eine Kopie des 
einheitlich centralistisch regierten Staates, in welchem 
die Minoritäten ganz- einfach niedergemacht werden 
kraft des Rechtes des Stärkeren. Und das soll auch 



385 



in der katholischen Kirche Anwendung finden? Dass 
einsprachige Diöcesen leichter zu pastoriren sind, 
als mehrsprachige, begreift ein Jeder ; besonders ist 
die Sache sehr bequem für alle privilegirten Fau- 
lenzer, welche da sagen: wir werden doch nicht die 
Sprache eines minderwerthigen Volksstammes er- 
lernen. Wären die Schreiber genannter Schrift katho- 
lische Priester, müssten sie doch wissen, dass in allen 
Seminarien, in welchen Priesterkandidaten erzogen 
werden für Länder mit gemischter Bevölkerung, alle 
diese Sprachen erlernt werden müssen. So wird vom 
Priesterseminar in Jassy in Rumänien folgendes 
berichtet : „Die bunte Vielsprachigkeit Rumäniens, wo 
neben Rumänen zahlreiche Ungarn, Polen, Ruthenen, 
Böhmen, Deutsche und Franzosen wohnen, musste 
natürlich im Schulplan besonders berücksichtigt 
werden. Daher wurde die deutsche und französische 
Sprache als Pflichtfach für alle aufgenommen. Von 
den übrigen Sprachen wählt sich jeder Priesterkan- 
didat die eine oder die andere nach Belieben. Von 
den 12 Erstlingen des Seminars spricht jeder ziem- 
lich geläufig wenigstens je fünf lebende Sprachen. 
(Kathol. Missionen, Jahrg. 30, Seite 132.) Gehen wir 
nach Ostindien. In der Stadt Bombay, mit einer Ein- 
wohnerzahl von 776.006 Personen, werden diese 
Sprachen gesprochen: Gujarati, Kanary, Marathi, 
Sindbi, Hindustani, Marwari, Malayalam, Tamil, 
Telagu, Arabisch, Chinesisch, Englisch und Portu- 
giesisch. Der Apostolische Delegat von Ostindien 
Monsign. Zaleski gibt den katholischen Missionären 
von Ostindien das Zeugniss, dass die Meisten von 
ihnen bis 10 lebender Sprachen geläufig mächtig 
sind. Katholische Priester in Nordamerika müssen, 
falls sie für die Seelsorge brauchbar sein wollen, 
neben des Englischen noch mehrere andere lebende 
Sprachen erlernen. Wo könnte in diesen riesigen 
Ländern, denen gegenüber Böhmen so klein ist wie 
eine Handmappe, der obige „Grundsatz" der Ein- 
sprachigkeit Anwendung finden ? Soll auch das Land 
Böhmen wegen einer handvoll geistfauler Theologen 
in einsprachige Diöcesen eingerichtet werden? Wir 
brechen ab. Wenn der Grundsatz der Einsprachig- 

25 



386 



keit im kirchlichen Interesse zulässig wäre, wozu 
hätten die Apostel am Pfingstfeste die Sprachengabe 
erhalten ? 

Schon dieser eine Satz, den wir aus der genannten 
Schrift citirt haben, genügt zu beweisen, dass sie 
eine Sünde wider den hl. Geist ist. Doch genug, wir 
wollen uns mit dem Inhalte dieser Schandschrift 
nicht mehr befassen, sie ist nur ein Beleg, dass der 
nationale Wahn auch Priester hinreissen kann zu 
Werken, die wohl eines Priesters vollständig un- 
würdig sind. Die Hetze über die nationale Theilung 
der Diöcesen in Böhmen dauerte fast 3 Jahre. Der 
Impuls ging offenbar von den Treibern der Körbe- 
rischen Regierung aus. In der päpstlichen Nuntiatur 
in Wien wurden schon Berathungen gepflogen und 
die Seele von Allem war Weihbischof Frind in Prag. 
Da erhob sich der böhmische Rudigier, der leider 
zu früh verstorbene Bischot Brynych von Königgrätz 
und legte sein Veto ein, überreichte dem Monarchen 
in dieser Angelegenheit ein grosses Memorandum. 
Darob waren denn Dr. Körber und Weihbischof Frind 
dem verstorbenen Oberhirten nicht absonderlich dank- 
bar. Uebrigens hätten sich ja die anonymen Schreiber 
genannter Schandschrift ihre Arbeit ersparen können. 
Viel kürzer und preciser hat ihr Geschäft der Genera- 
lissismus der Abfallsarmee Schönerer besorgt. In der 
Sitzung vom 27. Februar 1901 stellte Abgeordneter 
Schönerer und Genossen folgende Anfrage: 

In der Erwägung, dass im Laufe der letzten 20 
Jahre immer häufiger die Wahrnehmung gemacht 
werden konnte, dass in Pfarrspr^geln von rein deut- 
scher oder überwiegend deutscher Bevölkerung die 
Pfarrstellen mit solchen Geistlichen besetzt werden, 
velche nicht der deutschen Nationalität angehören; 
in der weiteren Erwägung, dass es eine Kränkung 
der heiligsten Gefühle der deutschen Bevölkerung 
genannt werden muss, wenn derselben die Tröstungen 
der Religion nicht von Männern ihres eigenen Stam- 
mes, sondern von fremdnationalen, nur zu oft dem 
Deutschthume feindlich gesinnten und diese feind- 
selige Gesinnung sehr häufig zu überlautem Ausdrucke 
bringenden Geistlichen gespendet werden ; endlich in 



B8.7 



der Erwägung, dass nicht deutsche Priester durch 
ihre ausgesprochen deutschfeindUche Gesinnung nur 
zu oft den Keim der Zwietracht in die deutsche 
Bev(31kerung tragen, stellen die Gefertigten die An- 
frage : 

„Ist die k. k. Regierung geneigt die unterste- 
henden Statthaltereien und Landesregierungen dahin 
zu beauftragen, bei Vorschlägen zur Besetzung von 
Pfarrstellen in rein deutschen oder überwiegend 
deutschen Pfarrgemeinden stets nur Priester deut- 
scher Abstammung zu berücksichtigen?" 

Schönerer. 

Hauck. Dr. ßareuther. 

Bei'ger. Herzog. 

Schreiter. Lindner. 

Dr. Eisenkolb. Johann Laurenz Hofer. 

Stein. Iro. 

Alvin Hanich. Kutscher. 

Dötz. Kittel. 

Kliemann. Dr. Tschan. 

Am 28. Februar 1903 stellten die Alldeutschen 
im Wiener Reichsrath den Antrag auf nationale Tren- 
nung der Diöcesen in den böhmischen Ländern. 
Weihbischof Frind und seine Gefolgschaft und Schö- 
nerer mit seinen Manen liegen sich da einig in 
Armen. Wahrhaftig eine saubere Gesellschaft das ! 
Welche Früchte diese Hetze brachte, dafür ein Bei- 
spiel. Ein reichsdeutsches Blatt brachte Anfangs 
Jänner 1902 folgenden Bericht. „Wie der „N. Fr. Pr." 
aus Prag berichtet wird, wird die Agitation der 
Tschechen gegen die von deutscher Seite nachdrück- 
lich befürwortete nationale Theilung einzelner bischöf- 
liclier Diöcessen in Böhmen mit aller Kraft fortgesetzt. 
Aus den Kreisen des böhmischen' Klerus erhielt das 
in deutscher Sprache erscheinende Prager Tschechen- 
blatt, die „Politik", genaue Angaben über den Umfang 
dieser Agitation. „Die Parole, dass die Bisthümer in 
Böhmen nach der Nationalität getheilt werden sollen", 
heisst es in dieser Mittheilung, „findet bei dem deut- 
schen Klerus in Böhmen mehr und mehr Wohlge- 
fallen. Es wurden mehrere Petitionen nach Wien ge- 

25* 



388 



sendet, in welchen die Theiiung verlangt wird: es 
wurden auch viele Konferenzen darüber abgehalten^ 
Der tschechische Klerus wurde durch diese Agitation 
tief beunruhigt. Er hat eine Petition an die Nuntiatur 
in Wien verfasst, in welcher die religiösen und 
nationalen Zustände in Böhmen erörtert werden» 
Diese Petition wurde vom tschechischen Klerus in 
allen Vikariaten reichlich unterschrieben, namentUch 
in der Königgrätzer Diöcese, wo der Bischof Dr. 
Eduard Brynych selbst mit dieser Aktion völlig ein- 
verstanden war und dann noch im privaten Wege 
als Oberhirt bei der Wiener Regierung und beim 
päpstlichen Stuhl in Rom intervenirte. Infolge dieser 
nicht zu unterschätzenden Bewegung setzte die Regie- 
rung die Angelegenheit von der Tagesordnung ab^ 
wie es auch thatsächlich an die einzelnen bischöf- 
lichen Ordinariate mitgetheilt w^urde". Der tschechische 
Klerus, versichert der Schreiber dieser Mittheilung 
an die „Politik", ist tief beunruhigt, denn es sei 
offenbar, dass es sich dem deutschen Klerus um die 
Vernichtung der tschechischen Minoritäten handle. 
Dies werde durch die deutschen Diöcesankataloge 
erwiesen, wo früher bei den sprachlich gemischten 
Städten und Gemeinden beide Sprachen, nämlich 
lingua germanica et bohemica, angeführt wurden. 
Aber in den letzten Diöcesankatalogen liest man bei 
vielen Städten, z. B. Reichenberg, Brüx, Teplitz, Dux, 
Aussig a. d. Elbe, Trautenau, Gablonz, Saaz lingua 
germanica. Die Worte et bohemica sind verschwunden. 
Und das soll als eine amtliche Nachweisung gelten. 
Die tschechischen Geistlichen, so klagt der Berichter- 
statter der „Politik", führen in dem „geschlossenen 
Sprachgebiete" kein angenehmes Leben. Aber ihre 
ärgsten Gegner seien nicht die deutschen Bewohner 
der einzelnen Pfarrspr enget, sondern die deutschen 
Priester selbst. Auf den Vikariats-Konferenzen dienen 
die tschechischen Priester den deutschen Priestern 
als Stichblat der grössten Invektiven. Das Konsisto- 
rium und die obersten Kirchenbehörden würden in 
diesen Konventikeln auf eine solche Art kritisirt^ 
wie dies der tschechische Priester nie wagen dürfe. 
^Der tschechische Klerus", heisst es dann weiter^ 



389 



, erwartet, dass die kompetenten Behörden ein ent- 
scheidendes Wort sprechen werden, denn unter die- 
sen Umständen müssten die tschechischen Priester 
aus dem gemischten Sprachgebiete wirklich fortgehen, 
wie es der heisseste Wunsch des deutsch-national 
gesinnten Klerus verlangt. Diese Reinigung wäre ein 
Unglück für die Kirche und für das ganze Reich." 
Dass man auf deutscher Seite die Schaffung der 
deutschen Diöcesen und die Berufung deutscher Priester 
mit Fug und Recht wünscht, beweisen die Klagen 
über das provokatorische Vorgehen der tschechischen 
Kapläne, die es als ihre Pflicht ansehen, in deutschen 
Gemeinden mit aller Macht zu tschechisiren. So 
meldet die mit ruhiger Entschiedenheit für die Inter- 
essen des Deutächthums eintretende „Bohemia" 
über Vorgänge in der deutschen Sprachinsel Bowitz 
und Unter-Groschum, welche der tschechischen Pfarre 
Netolitz zugetheilt sind: „Früher wurde die Acht-Uhr- 
Frühmesse deutsch gehalten, und es wurde hiebei 
deutsch gesungen. Das hat aufgehört. Nur das Evan- 
gelium wird in beiden Sprachen gelesen Sobald der 
Priester deutsch zu lesen beginnt, da geht ein Räu- 
spern los, so dass man die deutschen Worte nicht 
vernehmen kann. In Netolitz ist ein Kaplan, der als 
glühendster Hasser alles Deutschen bekannt ist. 
Während der Weihnachtsfeiertage hielt er eine Predigt, 
die vollends jedem Deutschen das Kirchengehen ver- 
leidet. Die ganze Predigt handelte nur von der 
„Nemci". Nicht einmal andeutungsweise können die 
einzelnen Kraftstellen wiedergegeben werden. Als 
zahm können noch die Worte bezeichnet werden: 
„In Böhmen sieht es jetzt traurig aus. In den deut- 
schen Schulen ist es verboten tschechisch zu beten, 
und doch leben diese „Nemci" in Böhmen, im Lande 
des heiligen Wenzel, der doch nur Eine Zunge hatte, 
die tschechische u. s. w." So gehen nach der leiden- 
schaftslosen Schilderung der „Bohemia" die Tschechen 
vor. Dieselben Leute aber, die den Deutschen in 
Bowitz und Groschum den Gottesdienst in deutscher 
Sprache verwehren wollen, ereifern sich über den 
^barbarischen Hakatismus" der preussischen Regie- 
rung, die in einem seit mehr denn 100 Jahren mit 



390 



Preussen vereinigten ehemals polnischen Landestheil 
nicht etwa den polnischen Gottesdienst einzuschrän- 
ken sucht — denn davon ist in Posen und West- 
preussen nirgends die Rede — sondern nur so „rück- 
sichtslos und gewaltthätig ist", den des Deutschen 
vollkommen mächtigen Schulkindern in der Schule 
den Religionsunterricht in deutscher Sprache er- 
theilen zu lassen und ihnen, wenn sie die Renitenz. 
gegen den Gebrauch der deutschen Sprache bis zum 
Aeussersten treiben, unter Anwendung der überall 
gebräuchlichen Mittel der Schul disciplin eine durch- 
aus berechtigte Lektion zu ertheilen. Die ungebärdigen 
Rangen werden dann nicht nur als die Blüthe des 
Polenthums gefeiert, sondern als Märtyrer ihres na- 
tionalen Empfindens und ihrer religiösen Ueberzeugung 
in allen Tonarten gepriesen ! Es ist wirklich schwer,, 
hier keine Satire zu schreiben !" 

So weit das reichsdeutsche Blatt. Wir wollen 
noch einige Bilder aus anderen Ländern hinzufügen^ 
Die Regierung des Sagasta hatte Mitte 1902 ange- 
ordnet, dass in Katalonien nur die spanische Sprache 
in den Schulen anzuwenden sei, und auch der Reli- 
gionsunterricht dürfe im Katalonischen nicht ertheilt 
werden. Die Folge dieses Regierungsaktes war ein 
Aufstand in ganz Katalonien. Die Lehrer und Priester 
durften der Anordnung gar nicht Folge leisten, das 
Volk hätte sie gelyncht. Kardinal Gasanas, Erzbischof 
von Barcelona, sagte bei der Ertheilung der Firmung 
in Kaldetas den versammelten Gläubigen folgendes : 
Die Lehre Christi soll jedem Volke in seiner Volks- 
sprache verkündigt und gelehrt werden. Darum gab 
Gott den Aposteln die Sprachengabe. 

Die Kirche darf sich um die Massnahmen der 
Politiker und Regierungsmänner, die etwa die Gew^alt 
in Händen haben, nicht kümmern. Die Politiker kom- 
men und gehen, die Kirche aber bleibt und sie darf 
nichts von ihren Traditionen preisgeben. Gebrauchet 
also die Sprache beim Unterricht der hl. Religion, 
welche ihr von euerer Mutter erlernt habt. Die ruch- 
losen Gauner, welche in Frankreich die Gewalt in 
Händen haben und dieselbe zur völhgen Ausrottung 
der katholischen Kirche nun anwenden, gaben auch 



391 



für die Bretagne das Verbot, die Priester dürfen in 
der bretonischen Mundart weder predigen noch in 
der Schule Religionsunterricht ertheilen. Der Abge- 
ordnete Lamy brachte am 16. Jänner 1903 eine Inter- 
pellation in der Kammer vor. Der Interpellant er- 
klärte, da die bretonische Mundart vor den Friedens- 
gerichten gestattet sei und überdies Predigten in bas- 
kischer, deutscher und italienischer Sprache geduldet 
würden, sei es ungerecht, Predigten in bretonischem 
Dialekt zu verbieten. 

Minister-Präsident Gombes erwiderte, er habe sich 
den von Fallieres und Waldeck-Rousseau erlassenen 
Girkulären, durch welche sämmtliche lokalen Dialekte 
bei religiösen Uebungen verboten worden seien, an- 
gepasst. In der Kirche wie in den staatlichen Schulen 
müsse einzig und allein die französische Sprache zur 
Anwendung gelangen. In der Bretagne werde sicher- 
lich Friede einkehren, jedoch nur durch die Unter- 
werfung des Klerus unter die Befehle der Regierung. 
Bald darauf wurde über 40 Pfarrern in der Bretagne 
die Gehaltssperre von der Regierung verhängt, [st das 
nicht eine Warnung für unsere Opitzianer, sie sollen 
nicht ins Feuer Oel giessen und die germanisirende 
Regierung auch in die Kirche hineinrufen, wie sie es 
in der verruchten Schrift über die Errichtung ein- 
sprachiger Diöcesen in Böhmen gethan haben ? Es ist 
bekannt, dass die Bretagne ein treues katholisches 
Volk hat, über welches die Juden, Freimaurer bis 
jetzt absolut keine Gewalt haben erlangen können. 
Wir können uns über diesen wichtigen Gegenstand 
nur sehr gedrängt fassen. So könnten wir die 
furchtbaren Verheerungen in der katholischen nicht- 
magyarischen Bevölkerung in Ungarn durch Aufzwin- 
gung der magyarischen Sprache beschreiben. Wir 
geben hier nur folgendes an. Am 9. Jänner 1903 
brachte das grosse Judenblatt, der „Pester Lloyd" diese 
Nachricht : 

(Labor omnia vincit !) Mit diesem alten Wahr- 
spruche ermuthigt Kardinal-Fürstprimas Klaudius 
Vaszary die Schulinspektoren seiner Erzdiözese in 
einem Rundschreiben, das der Verbreitung der unga- 
rischen Sprache gewidmet ist. Se. Eminenz fordert 



392 



die erwähnten Organe auf, dahin zu wirken, dass der 
Religionsunterricht in den gemischtsprachigen Schulen 
ungarisch erfolge, damit derart der Boden für rein 
ungarische Predigten vorbereitet werde. Er ersucht 
sie, vor etwaigen Schwierigkeiten und Mühseligkeiten 
nicht zurückzuschrecken und ertheilt praktische, be- 
herzigenswerthe Weisungen, wie diese Verfügung am 
zweckmässigsten auch dort durchzuführen wäre, wo 
die Kinder jetzt der ungarischen Sprache noch gar 
nicht mächtig sind. Wenn diese von wahrem patrio- 
tischen Geiste diktirte Verordnung des Fürstprimas 
streng eingehalten wird, dann wird sie die von un- 
serer Unterrichtsverwaltung mit dem Volksschulwesen 
verknüpften edlen Ziele jedenfalls wesentlich fördern. 
Also Fürstprimas Kardinal Vaszary ordnet an, dass 
auch in den Schulen, wo die Kinder das Ungarische 
gar nicht verstehen, die Religion doch in dieser Sprache 
unterrichtet werden sollte. Wir wollen uns weiterer 
Kritik enthalten, fügen jedoch bei, dass alle ehrlichen 
Priester die Pflicht hätten, den Kardinal in Rom an- 
zuzeigen, denn seine Weisung bedeute wohl einen 
massenhaften Seelenmord und keine Seelsorge. Am 
12. Februar 1903 brachte der „Pester Lloyd" diese 
Nachricht : 

(Bestrafung eines ungarnfeindlichen Katecheten.) 
Wie dem „Pol. Ert." aus Deva gemeldet wird, hat 
Kultus- und Unterrichtsminister Julius Wlassics den 
griechisch-katholischen Katecheten Johann Stupinianu, 
welcher an der staatlichen Elementarschule den Re- 
ligionsunterricht besorgt, dieser Funktion enthoben 
und gegen ihn vor dem kompetenten Strafgerichte die 
Anzeige erstatten lassen. Der Seelsorger rief den 
Knaben, welche ihn in ungarischer Sprache begrüssten, 
wiederholt zu: „Ihr seid keine Ungarn; grüsset mich 
nur in rumänischer Sprache!* Das Lugoser Konsisto- 
rium hat wohl die gegen den Katecheten erhobene 
Beschwerde des Schulinspektors als unbegründet zu- 
rückgewiesen, der Minister enthob Stupinian jedoch, 
wie erwähnt, seiner Funktion. Welches werden denn 
die Folgen sein? Was die Jahrhunderte dauernde 
Türkenherrschaft nicht zu Wege brachte, die Ent- 
christlichung Ungarns, das werden wohl in kurzer 



393 



Zeit ungarische Bischöfe zu Wege bringen, sie sollen 
nur sofort dem Staate dienen, und die Kirche miss- 
achten, es wird die Zeit kommen, wo die Bischöfe 
selbst dann überflüssig sein werden. Das Gericht Gottes 
stellt sich über kurz oder lang mit eiserner Konse- 
quenz ein. Wen würde denn das Drama in Wr eschen 
das Herz nicht erschüttern, wo kleine polnische Kinder 
vor den Richtern aussagten, sie könnten das „Vater 
unser" in deutscher Sprache nicht über die Lippen 
bringen! Und da wagt ein Kardinal Vaszary selbst 
die Herzen der Kleinen zu vergiften ? Kennt er den 
Ausspruch des Heilandes vom Mühlstein? Fürchtet 
er sich nicht vor der Strafe Gottes? Man könnte 
ganze Bände darüber schreiben, wie das ganze Volk 
der Slovaken, welches doch über 3 Millionen Seelen 
zählt, selbst vom ungarischen Episkopat preisgegeben 
wird, es soll ganz ausgerottet werden und die unga- 
rischen Bischöfe helfen mit, trotz des Veto, das der 
apostolische Stuhl ihnen gegeben hat. Ebenso traurige 
Zustände herrschen im Süden Oesterreichs, also sehr 
nahe an Rom. 

Ende Januar 1903 schrieb der „Edinost" folgen- 
des. In der Diözese Parenzo-Pola sind zur Zeit 10 Ka- 
nonikate, 34 Pfarr- und 12 Kaplanstellen, zumeist im 
kroatischen Gebiete, nicht besetzt. Es werden die be- 
treffenden Titulare nicht ernannt und die Stellen 
bleiben entweder ganz unbesetzt oder werden von 
minder besoldeten Hilfsgeistlichen versehen. Die Geist- 
lichkeit der Diöcese wird dabei um eine Einnahme 
von rund 600.000 Kronen gebracht, welche für die 
Titulare sonst aus dem Religionsfonde gezahlt würden. 
Der Diöcesanbischof verfolgt dabei den Zweck, dass 
die slavischen Priester in keine ständige Stellung 
kanonisch investirt werden, so dass sie jederzeit amo- 
virbar sind. Dieses System besteht in beiden Diöcesen 
der Halbinsel Istrien zur Förderung der Italienisirung 
der slavischen Diöcesanen. Diesem Zwecke werden 
die kirchlichen Interessen der katholischen Kirche 
rücksichtslos preisgegeben und geopfert. Die Folgen 
davon beginnen sich schon zu zeigen I Zur Versiege- 
lung von Kirchen wird sich wohl immer genug Sie- 
gelwachs finden, aber die Entsiegelung dürfte schon 



394 



mit einigen Schwierigkeiten verbunden sein. Die Ge- 
meinde Ricmanje wollte die altslavische Liturgie vom 
Konsistorium bestätigt haben. Da dies A^erweigert 
wurde, meldete sich die Gemeinde zur unirten grie- 
chisch-orientalischen Kirche. Die Protestanten machten 
der Gemeinde ein Angebot von 280.000 Gulden, falls 
alle Einwohner zum Protestantismus übertreten woll- 
ten. Das Angebot wurde zurückgewiesen. Der „Edi- 
riüst* berichtet weiter : 

Angesichts der Strenge, welche das bischöfliche 
Ordinariat von Triest gegen Ricmanje entwickelt hat, 
traten die Triester Slovenen mit der Forderung her- 
vor, das Ordinariat möge mit entsprechender Energie 
auch dafür sorgen, dass die willkürliche, Nichtchristen 
zuliebe verfügte Ausschliessung der slovenischen 
Sprache aus den Kirchen zurückgenommen und dem 
slovenischen Volk sein ungesetzlich entzogenes Recht 
wieder zurückerstattet werde. So wird denn vom 
Ordinariat die Wiedereinführung der slovenischen 
Predigten in den Triester Kirchen zu Set. Justus und 
Antonius Major gefordert, wo sie seit Menschenge- 
denken stattgefunden haben, bis sie auf Betreiben des 
Triester Magistrats beseitigt worden sind. Sie fordern, 
dass der Religionsunterricht den slovenischen Kindern 
in ihrer Muttersprache ertheilt werde, wie dies seit 
jeher geschah, bis italienische Priester kamen, weiche 
dem slovenischen Volke die italienische Sprache auf- 
zwingen wollen. „Es ist bekannt," heisst es im Auf- 
rufe weiter, „dass in Oesterreich preussische Agita- 
toren für das Lutherthum arbeiten und thatsächlich 
Tausende der katholischen Kirche abwendig gemacht 
und sie zum Lutherthum hinübergezogen haben. Wie 
gehen kirchliche Behörden in diesen Fällen vor und 
welche politische Behörde unterstützt sie dabei? Ein 
uniatischer Geisthcher durfte in Ricmanje keinen 
Gottesdienst halten, weil er kein österreichischer 
Unterthan war. Wann aber sind jene Pastoren, welche 
aus Deutschland nach Oesterreich kommen, um hier 
den Lutherglauben zu verbreiten, österreichische 
Unterthanen geworden?" Während man aber die 
germanische Irredenta im Norden, wenn auch nicht 
bekämpft, so doch wenigstens nicht direkt unterstützte 



395 



erfreut sich die italienische Irredenta im Süden der 
Unterstützung der kirchlichen, wie der staatlichen 
Behörden, welche ihr zuliebe die Sprache der einhei- 
mischen Bevölkerung aus der Kirche und der Seel- 
sorge, aus Amt und Schule ausschliessen, damit diö 
Irredenta, welche offen die Losreissung dieser Länder 
und deren Vereinigung mit Italien betreibt, behaupten 
könne, dass sie italienisch seien! Im Norden wird 
„pour le roi de Prusse", im Süden „pour le roi 
d'Italie** gearbeitet; dass man gar nicht dazu kommt, 
sich auch einmal des Kaisers von Oesterreich, des 
legitimen Landesherrn zu erinnern, ist bei einem sol- 
chen System nur zu begreiflich ! 

Ein weiterer Bericht desselben Blattes sagt. In 
Ricmanje gab es Donnerstag (den 5. Februar 1903) 
um 9 Uhr Früh wieder eine Kommission. Es fanden 
sich eine grössere Anzahl von Beamten mit dem 
Bezirkshauptmann an der Spitze ein, in deren Mitte 
drei Priester, unter denen sich auch der neue Kaplan 
von Ricmanje befand. Die ganze Kommission begab 
sich in die Kaplanei, blieb dort etwa fünf Minuten, 
schloss sie wieder ab. Der Bezirkshauptmann und die 
Gensdarmen grüssten nach allen Seiten freundlich, 
aber Niemand nahm von ihnen Notiz. Erst später 
erfuhren die Leute, dass die Kommission der Instal- 
lirung des neuen lateinischen, recte italienischen Orts- 
kaplan galt. Die Kirche blieb jedoch vorläufig ver- 
siegelt. Der Name „Ricmanje" bürgert sich allmälig 
als Fachbezeichnung für den Widerstand gegen die 
Italienisirung der katholischen Kirchen im Küsten- 
lande ein. Dieser Tage erschien eine Slovenin in der 
Pfarre zu Set. Jakob in Triest, um dort einen Sterbe- 
schein für ihren Gatten zu erheben. Die Geistlichen 
verweigerten ihr die Ausfertigung eines slovenischen 
Sterbescheins, weil sie gar nicht' slovenisch verstehen. 
Auch der Kirchendiener und sein Gehilfe wollten 
nicht slovenisch verstehen. Der Katechet Bullo, an 
den sich die Frau dann wendete, bemerkte zu ihr, ob 
sie denn aus Ricmanje sei? Der Pfarrer, an den sich 
die Frau zuletzt w^enden wollte, schlug ihr die Thür 
vor der Nase zu ! So werden gläubige Katholiken auf 
katholischen Pfarren behandelt — wenn sie — Slo- 



396 



venen sind! Wir schliessen dieses Kapitel und über- 
lassen den Lesern ihre Betrachlungen über die hier 
angeführte Thatsachen anzustellen. Ferne sei von uns 
jedes herbe Wort, das wir mit Recht hier anbringen 
könnten. Wir sind der Ueberzeugung, dass auch die 
Vorsehung Gottes, wann die Zeit reif sein wird, hier 
W^andel schaffen wird. Das Eine ist sicher, dass dort, 
wo Menschen unterdrückt werden, von einem Ghristen- 
thum nicht die Rede sein könne und wäre der Ort 
selbst eine Kirche.*) 

XXIV. Zukunftspläne des Protestantismus. 
Die Weltpolltik Preussen-Deutschlands. 

Die katholische Kirche hat im Laufe der Jahr- 
hunderte schwere Verluste erlitten. Der erste grosse 
Verlust war das Schisma im Osten, welches vollendet 
wurde im Jahre 1050 durch den Patriarchen Michael 
Caerularius. Durch dieses Schisma gieng fast der ganze 
asiatische Orient der katholischen Kirche verloren und 
wurde Beute des Islam. Der europäische Osten gieng 
an den russischen Gar, welcher das Oberhaupt der 
russischen orthodoxen Kirche ist, verloren. Den zweiten 
grossen Verlust erlitt die katholische Kirche im Westen 
Europas durch die deutsche und englische Glaubens- 
spaltung. Das Schicksal der katholischen Kirche wurde 
in den Gebieten des jetzigen Deutschen Reiches, dann 
in Dänemark, Schweden und Norwegen durch den 
30jährigen Krieg entschieden. Diese Länder vordem 
einig und zugehörig zu Rom, giengen der katholischen 
Kirche zum grossen Theil verloren. Luthers Saat trug 
tausendfache Früchte Eine grosse Anzahl Landes- 
fürsten wurde protestantisch und mit ihnen ein Theil 
des Adels, die sich alle einig um die grossen Kirchen- 
güter theilten. Der Protestantismus ist in seiner Wiege 
und seinem Wesen nach ein Raubzug an den Gütern 
der katholischen Kirche. Historische Belege dazu liefert 
ja massenhaft Janssens „Geschichte des deutschen 
Volkes" und Döllingers „Die Reformation". Was nach 



*) Anmerkung. Als Urheber der Schrift „Zur Frage der 
Errichtung deutscher Bisthümer in Böhmen" werden hier in Prag 
allgemein bezeichnet Weihbischof Frind und Theologie-Professor 
Dr. Hilgenreiner in Prag. 



397 



dem Westphälischen Friedensschluss in den Ländern 
des jetzigen Deutschen Reiches der katholischen Kirche 
verblieb, das wurde nach den napoleonischen Kriegs- 
wirren und während derselben der katholischen Kirche 
vollends weggenommen. So schrieb Anfangs März 190S 
das „Bayerische Vaterland" folgendes nieder. „1803 bi& 
1903. Vor 100 Jahren hat der sog. Reichsdeputation- 
hauptschluss im deutschen Lande sog. Ordnung ge- 
schaffen. 420 Millionen rheinische Gulden Kirchengut 
wurden säkularisirt. 

Kostbare Paramente und Kirchengefässe, Reli- 
quiarien sammt ihrem heil. Inhalt wurden an Juden 
verkauft, werthvolle Bibliotheken beraubt und ver- 
schleudert" (Kirchenlexikon). Ja die Juden haben allen 
Grund, den 25. Feber als die Gentenarfeier des Be- 
ginnes ihrer finanziellen Grossmachtstellung in Deutsch- 
land zu begehen, denn der grösste Theil des geraubten 
Kirchenvermögens fiel den Juden in die Hände. Auf- 
fallend, dass gerade nach 1803 das Vermögen der 
Rothschild so rapid in's Wachsen kam, nachdem doch 
der alte Rothschild im Jahre 1800 noch so viel wie 
gar nichts hatte. Bezeichnend ist auch die Vorliebe 
der Rothschilds für alte Altäre und sonstige kirchliche 
Einrichtungsgegenstände ; ihre Sammlungen geniessen 
Fachruf. 

Freilich wird die säkularisirte Masse auch vielen 
christlichen und besonders katholischen Kapitalisten 
der damaligen Zeit in die. Augen gestochen haben^ 
aber ihr Gewissen hielt sie davon ab, sich mit ge- 
raubtem Kirchengut zu bereichern und so hatten die 
Juden dank dieser frommen Scheu christlicher Kapi- 
talisten vor dem Fluche, der auf dem Verbrechen des 
Sakrilegiums und der Beihilfe dazu lag, freies Spiel 
und konnten mit dem um wahre Schleuderpreise er- 
kauften Kirchengute schachern und wuchern ganz nach 
Herzenslust. Unsere Herren Altphilologen können 
nicht genug jammern über den Vandalismus der Türken, 
die die Bibliothek von Alexandrien verbrannten und 
dadurch der Literatur einen unersetzbaren Schaden 
zufügten. Ueber die Juden vom Jahre 1803 aber jammern 
die Herren nicht, gerade als ob sie nicht wüssten, 
dass diese ganze Stösse von Urkunden und kostbaren 



398 



Büchern und Handschriften den ehrsamen Metzgern, 
Käsern und Bäckern am Anfange des vorigen Jahr- 
hunderts pfundweise als Makulatur verkauften. Den 
Juden gegenüber ist Alles feige, was liberal ist oder 
aus dem Liberalismus hervorgegangen ist." Wie wir 
gesehen haben, ist der Protestantismus seit 30 Jahren 
im geeinigten Deutschen Reiche im stetigen Wachsen 
begriffen und das auf Kosten der katholischen Kirche. 
Preussen führt im geeinten Deutschen Reiche die poli- 
tische Hegemonie und diese führt nothwendig nach 
sich auch die Oberherrschaft des Protestantismus auf 
allen anderen Gebieten im Deutschen Reiche. Die 
Bestrebungen der Alldeutschen sind denn auch darauf 
hingerichtet, die deutsche Nation in der Glaubens- 
einheit zu organisiren durch die Schaffung einer deut- 
schen Nationalkirche unter der Oberhoheit der hohenzol- 
lerischen Dynastie, also ein deutscher Gäsaropapismus 
nach Art des russischen. Der Traum der Hohenstaufen 
soll nun nach 1000 Jahren in Erfüllung gehen. Was 
die Hohenstaufen gegen Innocenz III. nicht erkämpfen 
konnten, das soll nun Wilhelm IL und seinen Nach- 
kommen gelingen. Der letzte mächtige Hohenstaufe 
Friedrich IL starb 1250 und bald nach ihm seine 
Nachkommen. Die Hohenstaufen unterlagen völlig im 
Kampfe mit dem Papst. Die Hohenzollern haben 
grössere Pläne als die Hohenstaufen. 

Das Organ der deutsch-socialen Partei „Der 
Hammer" schreibt in Nr. 14, Jahrgang 1903, folgendes : 
„Als in der Mitte der 70er Jahre die deutsche Social- 
demokratie am heftigsten tobte, die blutrothen Most 
und Hassel mann, glaubten viele junge Handwerker 
und Arbeiter, dass die sociale Revolution sehr bald 
schon dem ganzen „Kaiser-Rummel" ein Ende be- 
reiten würde Der kluge Herr August Bebet verkün- 
dete späterhin noch im offenen Reichstag, dass der 
„grosse Kladderadatsch" höchstens noch fünf Jahre 
auf sich warten lasse. Wilhelm I. ist schon 14 Jahre 
todt : wir hatten inzwischen einen Kaiser Friedrich IIL 
und haben gegenwärtig einen prononcirt monarchi- 
schen Wilhelm IL ; die Deutschen werden wohl auch 
noch einen Wilhelm IIL und IV. und einen V. und VI. 
haben. Sollten die Hohenzollern einmal abblühen, so 



399 



wird ein Wettiner oder ein anderer königlicher Bun- 
des-Fürst das deutsche Kaiser-Scepter ergreifen ; durch 
die Bundes-Verfassung erscheint das Kaiserthum in 
Deutschland stark und fest vernietet. Es wankt nicht 
so leicht, wie die Throne in Frankreich. Diese weite 
historische Perspektive thut dem deutschen Auge 
wohl, wo die Socialdemokratie immer noch ihren 
kurzgesehenen Kladderadatsch verkündet. Der sichere 
Ausblick in eine weite Ferne gibt Ruhe für die Ge- 
genwart und Geduld und Sinn und behagliche Be- 
dachtsamkeit, die Fundamente des deutschen Glücks 
tiefer zu legen, als es die jüdische Nervös -Macherei 
dulden möchte. Herrn Paul Singer, der kürzlich erst 
im Reichstag die Republik für das Ziel der Social- 
demokratie erklärte, wird diese weite und sichere 
Kaiser-Perspektive in die deutsche Reichs-Zukunft 
nicht passen, um so mehr sollten die Deutschen sich 
durch sie politisch beruhigt und aufgerichtet und zu 
weittragenden Volks-Ideen angeregt fühlen. Deutsch- 
land steht erst im Jünglings-Alter seines historischen, 
und erst im Kindesalter seines inneren Staatslebens. 
Die männlichsten Aufgaben harren seiner noch, nach 
aussen wie nach innen. Die Aufgaben nach aussen 
kann man leicht an den Gefahren ermessen, die dem 
central gelegenen Deutschland von allen Seiten drohen 
können. 

Die Aufgaben nach innen sind nicht kleiner. 
Man denke nur, welch ein Riesengeist dazu gehören 
wird, den Deutschen nach der jetzt errungenen Reichs-, 
Rechts-, Münz- und Heeres-Einheit die — Glaubens- 
Einheit wiederzugeben, ein Problem, das noch kaum 
in Angriff genommen wurde. Schwer lasten ferner die 
socialen Räthsel aut dem deutschen Gemüth, das bis 
jetzt auf seinem eigenen Grund und Boden noch kein 
rechtes Behagen gefunden hat. Hier gilt es Riesen- 
Arbeiten zu verrichten : aber alle diese Aufgaben kann 
das deutsche Volk lösen, wenn es nur eben soviel 
guten Willen, wie es kraft seiner Jugendlichkeit gute 
Zeit dazu hat. Wie ein Gebet klingen die herrlichen 
Verse Freiligrath's, die er in der 48er Zeit dichtete, 
die aber weit besser für das heute in der Kaiserknospe 
ruhende Deutschland passen: 



400 



„Der Du die Blumen auseiiianderfallest, 
O Hauch des Lenzes, weh auch uns heran! 
Der Du der Völker heil'ge Knospen spaltest, 
O Hauch der Freiheit, weh auch diese an! 
In ihrem tiefsten, stillsten Heiligthume 
O, küss' sie auf zu Duft und Glanz und Schein — 
Herr Gott im Himmel, welche Wunderblume 
Wird einst vor allen dieses Deutschland sein!" 

Heinrich Heine verspottete die Deutschen, die 
den Kölner Dom nie fertig bringen würden ; sie haben 
es nach vielen harten Jahrhunderlen endlich doch 
gethan, trotz Kriegsnoth, Philisterthum und Judenspott. 
So werden sie auch den Idealbau ihres Volksthums 
vollenden, der politisch weit- und wetterfest, religiös 
erhaben und social gemüthvoll und behaglich weit 
in die Ferne der Zeiten ragen wird. Dann wird man 
erkennen, dass die Zeit des alten Wilhelm, Bismarck's 
und Moltke's, die man in leichten Festreden so gern 
als die eigentliche Zeit des deutschen Reichs-Früh- 
lings anpreisen hört, in Wahrheit nur eine schwere 
Zeit der Wintersaat war. Bismarck ist im April und 
der alte Wilhelm im März geboren und um beide hat 
es gewiss genug geschneit, gehagelt und gestürmt. 
Die lieblichsten Tage des Vaterlandes kommen erst 
und sie kommen so sicher, wie aus den frischen 
Zügen des im Mai geborenen Kronprinzen uns das 
Bild des ersten deutschen Frühlings-Kaisers entgegen 
blickt!" 

Hier haben wir deutlich die Forderung nach der 
Einheit des Glaubens für die ganze deutsche Nation 
ausgesprochen. Der Führer diese Partei ist der Abge- 
ordnete Liebermann von Sonnenberg. Ganz präcise 
verlangt „Die Wartburg" vom 2. Jänner 1903 die 
Glaubenseinheit für die deutsche Nation und fordert 
natürlich, dass dazu nur der Protestantismus als solcher 
berechtigt sein könne. Die „Wartburg" schreibt: „Das 
innerliche Recht zu dem Kampf, der gegen den Pa- 
pismus im Interesse unseres Volkes und im Namen 
der christlichen Religion zu führen ist, wird durch 
das Wort des grossen Theologen Schleiermacher be- 
zeichnet : „Die evangelische Kirche kann mit gutem 
Gewissen dahin streben, die Reformation über alle 
germanischen Völker als die ihnen eigentlich ange- 



40 L 



niessene Form des Ghristenthums zu verbreiten.'' Das 
ist eben deutsch-evangelisch. Wir sind nicht der 
Meinung, als würde der Protestantismus nur als Aus- 
fluss und Besitzthum unserer Volksart erklärt. Warum 
sollten nicht Romanen und Slaven für das hohe Gut 
des romfreien Evangeliums empfänglich sein ? Die 
Geschichte bezeugt, dass die Franzosen einst in kräf- 
tigster Weise das biblische Ghristenthum vertraten ; 
Flammenzeichen am Horizont unserer Tage wecken 
die Hoffnung, der Tag sei nahe, wo sie gesta dei, die 
Thaten Gottes, wieder allein unter der Führung des 
Herrn Jesu Christi vollbringen und nicht mehr unter 
dem Banner des Pontifex sich sammeln. Ja, wir hegen 
auch die Zuversicht, dass sich die Tschechen auf ihre 
im Widerspruch gegen Rom rege Vergangenheit be- 
sinnen und durch Hinkehr zum Evangelium ihrem 
Volke eine bessere Zukunft sichern werden. Die 
Menschheit wird nicht eher frei aufathmen, als bis sie, 
vom Druck des Ultramontanismus erlöst, auf die 
Strasse der Reformation einbiegt. 

Wenn wir deutsch-evangelisch sagen, so sprechen 
wir damit die Thatsache aus, dass unser Volk durch 
das Werk Luthers die ihm zusagende und entspre- 
chende Form des Ghristenthums gefunden hat, eine 
Form, in der es mit heisser Liebe an dem Heiland 
hangen, mit festem Muth auf den himmlischen Vater 
vertrauen, sein gesammtes Leben in sittlicher Kraft zum 
Gottesdienste weihen und durch dies alles zugleich 
seine geistigen Kräfte auf allen Gebieten des Daseins 
frei und glücklich entfalten konnte. Deutsch und 
evangelisch gehören zusammen. Gott hat die beiden 
in einander gefügt, und niemand soll sie scheiden. 
Niemand vermag es. Luther bleibt der Heros und der 
Liebling unseres Volkes, Luther in seiner Frömmig- 
keit. Es ist ein Schandfleck der Ultramontanen, dass 
sie diesen Helden mit allen ihnen zu Gebote stehen- 
den Mitteln ins Gemeine herabzuziehen beflissen 
waren ; selbst auf sein Sterbebett schleuderten sie 
giftige Verleumdung. Es ist die Grösse Luthers, dass 
er trotz allem den obersten Platz im Herzen der deut- 
schen Protestanten behauptete, durch römische Hand 
nicht zu beflecken, dass er selbst einen Döllinger, der 

2f5 



402 



einst in römischer Art wider ihn geschrieben hatte, 
dazu zwang, ihn später als den gewaltigsten Volks- 
mann anzuerkennen. Dass aber Luther aus seiner gei- 
stigen Führerstellung, aus der Liebe und Verehrung 
seines Volkes, aus der deutschen Geschichte nicht 
verdrängt worden konnte, dass er heute wieder in 
der vollen Macht seiner Persönlichkeit unter uns lebt 
und auf dem Plane der Gegenwart arbeitet, das war 
nur möglich, weil in ihm und seinem Glauben unser 
deutsches Volk den klarsten Ausdruck seiner Geistes- 
art und seines religiösen Sehnens und Bedürfens er- 
kannt hat. Deutsch und evangelisch gehören zusammen. 
Gewiss sieht es jetzt in Deutschland traurig aus; aus 
dem schlechten Metall des Ultramontanismus ist 
manche Münze geprägt, die in der Politik ihren Kurs 
hat. Das Gentrum sitzt oben auf; romanisches Wesen 
und italienische Anschauungen schwirren durch die 
Berliner. Luft. Aber sie leisten schliesslich doch nur 
den Dienst, den der feindliche Gegensatz in der Ge- 
schichte zu vollbringen hat. Der Uebermuth des Ro- 
manismus, der nach der vollen Herrschaft über das 
Deutsche Reich seine begehrlichen Finger ausstreckt, 
der unsere Gaaen mit Kutten und Jesuiten besiedeln 
will, der unsere Universitäten zu seiner Domäne, 
unsere Volksschule zu seiner Dienerin machen möchte, 
der auf heimlichen Pfaden und laut polternd jede 
energische Regung des evangehschen Ghristenthums 
lahm zu legen sich bestrebt, wird gerade das Gegen- 
theil von dem, was er erträumt, erreichen. Er hilft 
dazu, den Protestantismus zu neuem, kräftigem Be- 
wusstsein seines Werthes und seiner Wahrheit, zu 
der Einigung seiner mannigfaltigen Richtungen und 
kirchlichen Gestaltungen, zu entschiedenem, thatkräf- 
tigem Widerspruch gegen den archaistischen (alter- 
thümelnden) Versuch zu bringen, das deutsche Volk 
auf die romanische Frömmigkeit zurückzuschrauben 
und zu einer Figur auf dem Schachbrett derPontifex- 
politik zu benutzen. 

Schliesslich werden die Ultraraontanen auch in 
ihrer noch geduldigen Gefolgschaft den Boden ver- 
lieren ; bei dieser muss und wird das Gefühl des 
deutschen Volksthums lebendiger werden und die 



403 



üeberzeugung vorbereiten, dass die romanische Form 
des Ghristenthums, welche ihre Priester zu Gunsten 
des Bischofs in Rom vertreten, nicht auf das deutsche 
Volksthum zugeschnitten ist ; sie werden das Wort 
Schleiermachers verstehen lernen, dass die evange- 
lische Kirche mit gutem Gewissen dahin streben dürfe, 
die Reformation über alle germanischen Völker als 
die ihnen eigentlich angemessene Form des Ghristen- 
thums zu verbreiten." 

Soweit die „Wartburg". Man muss diese Aus- 
führungen sehr genau erwägen. Die „Wartburg" erklärt 
hier, dass der Protestantismus nicht allein die ganze 
deutsche Nation, sondern auch andere Nationen er- 
obern solle, also Welteroberung. 

Wie reimt sich das aber mit der Erklärung, 
dass der Protestantismus die Nationalkirche der 
deutschen Nation sein wolle ? Wie sollen da noch 
andere Völker aufgenommen werden ? Das kann nur 
offenbar geschehen auf Kosten ihrer Nationalität. Als 
Welteroberung durch den Protestantismus auch in 
politischer Beziehung, ein grossartiger Gaesaropapis- 
mus der Dynastie Hohenzollern. Wie der Protestan- 
tismus im Osten des Deutschen Reiches arbeitet, 
davon geben folgende Zahlen ein Beleg. Der Bericht 
der Kolonisationskommission für Posen sagt : Der 
Gesammtankauf im Jahre 1902 beträgt 22.007 Hektar 
zum Kaufpreise von 19,094.531 M. Unter Hinzurech- 
nung der Erwerbungen aus den Vorjahren umfasst 
der Gesammtgrunderwerb der Ansiedlungskommission 
am Schlüsse des Jahres 1902 an Gutsareal 180.761 
Hektar zum Kaufpreise von 127,378.773 M., an bäu- 
erlichem Areal 5740 Hektar zum Kaufpreise von 
5,630.743 M., zusammen 186.501 Hektar zum Kauf- 
preise von 133,009.516 M. Seit dem Jahre 1886 bis 
Ende 1902 betrug die Zahl der Anfragen seitens 
evangelischer 17.637, seitens katholischer Anwärter 
1327, die Zahl der Zuschläge bei Evangelischen 
5627 = 34 v. H., bei Katholiken 279 = 21 v. H. 
Hierbei ist zu bemerken, dass von den katholischen 
Bewerbern einmal zahlreiche unerfüllbare Anträge 
auf Ueberlassung grösserer Güter gestellt wurden, 
andererseits auch verhältnismässig viel Eingesessene 

26* 



404 



der Ansiedlungsprovinzen sich meldeten, bei denen 
die Erfüllung der nationalen Bedingungen für die 
Zulassung als Ansiedler nicht zvveifelfrei war." 

Also der officiell preussische Bericht spricht 
hier offen seinen Argwohn zu Ansiedlern katholischer 
Konfession aus. Zu dem muss erwähnt werden, dass 
katholische Ansiedler absolut keine Priester erhalten 
zur Errichtung einer Kirchengemeinde. Der Protestan- 
tismus arbeitet nicht nur innerhalb des Deutschen 
Reiches, sondern auch ausserhalb desselben, wo 
immer die preussisch-deutsche Politik eine feste 
Unterlage für ihre Zukunftspläne haben will. Einen 
sehr interessanten Einblick gewährt uns der Bericht 
aus Eski-Schehir in Klein-Asien (Kafhol. Missionen 
Nov. 1902, Seite 37). Die Oberin der dortigen Ordens- 
schwestern schreibt : „Unsere Schule hat sich gut ent- 
wickelt, fühlt aber immer mehr die starke Konkurrenz, 
der Schismatiker und Protestanten. Aus politischen 
Rücksichten suchen namentlich die Deutschen unsere 
Missionsunternehmungen zu kopieren, um so die 
französische Sprache durch die deutsche zu ver- 
drängen und eifersichtig die Sympathie der Bevölke- 
rung zu gewinnen, die sich bislang uns zugewandt 
hat. Bis vor Kurzem hielt sich dieser Wettbetrieb 
innerhalb (Jer Grenzen der Loyalität und Gerechtigkeit, 
und brachte uns wenig Schaden. Letztes Jahr jedoch 
haben unsere Gegner, angesichts der Fruchtlosigkeit 
ihrer bisherigen Versuche sich entschlossen, einen 
grossen Schlag gegen uns zu führen. 

Um nur von der deutschen protestantischen 
Schule zu reden, die hier kurzweg die „Schule der 
Gesellschaft" genannt wird, weil sie auf Kosten der 
Anatolischen Bahngesellschaft unterhalten wird, so 
sehen wir mit Schmerz, wie man auf die Leute den 
gehässigsten Druck ausübt. Von vielen nur ein Bei- 
spiel aus jüngster Zeit. Einer der Oberingenieure in 
den Werken der Gesellschaft Hess die Eltern eines, 
der Kinder, das unsere Schule besucht, vor sich 
kommen und stellte folgendes Verhör mit ihnen an. 
„In welche Schule gehen eure Kinder?" — Zu den 
Schwestern, Herr Ingenieur." — „Wie, zu den Schwe- 
stern? Kennt ihr denn nicht das Rundschreiben der 



405 



Bahndirektion, das allen Angestellten zur Pflicht 
macht, ihre Kinder in die deutsche Schule zu schicken? 
Wenn innerhalb 3 Tage euer Mädchen nicht in der 
Schule der Gesellschaft ist, werdet ihr aus dem 
Dienste entlassen." — Was sollten diese braven 
Katholiken thun? Wollten sie nicht ihren Verdienst 
verlieren, so durften sie ihr Kind nicht länger in 
unsere Schulen schicken. Es schien ihnen aber besser, 
dasselbe zu Hause zu behalten, als es einem Lehrer 
anzuvertrauen, der keine Gelegenheit unbenutzt vor- 
übergehen lässt, unsere heilige Religion und ihre 
Uebungen zu verunglimpfen. Leider haben nicht alle 
Katholiken gleichen Muth, und so sehen wir mit 
Schmerz, wie manche unserer Kinder ihren religiösen 
Grundsätzen entfremdet Werden. Um diesem Uebel- 
stande nach Kräften entgegenzuwirken, halten wir in 
der Bahnkapelle, die unweit von der protestantischen 
Schule liegt, wöchentlich zweimal Christenlehre. 
Freilich,' was vermögen diese wenigen Unterrichte 
gegenüber dem schädlichen Beispiele der Gottlosigkeit 
und Sittenlosigkeit, welche die Kinder täglich vor 
Augen haben ! Wir haben auch bei den betreffenden 
Behörden Schritte gethan, um auf Abstellung sowohl 
der erwähnten Zwangsmassregeln wie des antireli- 
giösen Unterrichtes zu dringen. Von 110—130 Zög- 
lingen wird die Mehrzahl gratis unterrichtet, die 
übrigen zahlen monatlich 1—2 Fr. Schulgeld. Die 15 
Internen werden meist umsonst gehalten. Ihre Eltern 
wohnen weithin zerstreut längs der Bahnlinien Eski- 
Schehir — Angora und Eski-Schehir— Ruiah." Dies 
alles bedeutet für die Schwestern eine schwere 
finanzielle Last, die sie nur mit Hilfe grossmüthiger 
Seelen in Europa tragen können. Dieser Brief der 
französischen Schwester ist, mögen auch einige 
Stellen durch nationales Vorurtheil etwas gefärbt sein, 
recht beachtenswerth, weil er auf die Thatsache hin- 
weist, dass das Deutschthum in der Türkei, speciell 
in Kleinasien, immer mehr an Bedeutung gewinnt. 
Dass das Deutsche Reich dort umfassende koloniale 
Pläne verfolgt und ihnen durch die deutsche Bahn- 
linie, die bis Bagdad reichen soll, einen mächtigen 
Stützpunkt schafft, ist kein Geheimnis, und jeder 



406 



Deutsche wird diese Bestrebungen freudig begrüssen, 
Dass dieselben naturgemäss zu einer Verdrängung des 
französischen Einflusses führen, ist klar und vom 
Standpunkt der Mission aus nur insofern zu bedauern, 
als die Begriffe französisch und katholisch im Orient 
vielfach zusammenfallen. Wir glauben nicht, dass die 
deutsche Bahngesellschaft religiöse Propaganda treibt. 
Sie befürwortet aber die deutschen Schulen aus 
nationalen Gründen. Wir glauben sicher, dass deut- 
sche katholische Schulen auch auf die Unterstützung 
der Regierung rechnen könnten. Es ist daher lebhaft 
zu bedauern, dass das katholisch-deutsche Missions- 
element in diesen Ländern so schwach vertreten ist 
und speciell dass unsere blühenden kathoHschen 
Schwesterschaften nicht in grösserem Masstabe sich 
dort ein Wirkungsfeld schaffen. Bislang sind sie unseres 
Wissens blos durch einige deutsche Borromäerinnen 
von Neisse in Alexandrien, Haiffa und Jerusalem ver- 
treten. Deutsch darf im Orient nicht länger gleich- 
beteutend mit protestantisch gelten." 

Die Kritik, welche die Redaktion der katholischen 
Missionen an den Bericht der französischen Ordens- 
schwester knüpft, ist nach Art des Weihbischofs Frind 
gehalten. Der Bau der Bagdadbahn ist der erste 
grössere Versuch der preussischen Eroberungspolitik, 
aber es scheint mit dem Baue nicht recht vorwärts 
gehen zu wollen, das Geld geht aus. Der englische 
Ministerpräsident Balfour sprach über den Bau der 
Bagdadbahn in der Sitzung des engl. Abgeordneten- 
hauses am 8. April 1903 Folgendes: Die deutschen 
und die französischen Finanzgruppen sind darüber 
einig, dass früher oder später das Unternehmen 
ausgeführt werden wird. Eine Schwierigkeit der 
Geldbeschaffung ist nicht vorhanden. Freilich steht 
es in der Macht der englischen Regierung, jedem 
Projekt Unbequemlichkeiten zu bereiten, aber dass 
das Projekt schliesslich mit oder ohne unsere 
Zustimmung oder Theilnahme durchgeführt werden 
wird, ■ ist ausser Frage. Der Punkt, über den die 
Regierung sich schliesslich zu entscheiden haben 
wird, ist der, ob es nicht wünschenswerth ist, 
dass, wenn diese Bahn, die die Operationsbasen des 



407 



Mittelmeers mit dem Persischen Golf verbindet, gebaut 
werden soll, britisches Kapital und britische Interessen 
dabei in ebenso hohem Masse vertreten sein sollen, 
als Kapital und Interessen irgend einer anderen 
Macht. Es sind noch wichtige Nebenfragen zu berück- 
sichtigen, aber die eben erwähnte ist die Hauptfrage. 
Die geplante Erhöhung der türkischen Eingangszölle 
verdient unsere sorgfältige Aufmerksamkeit. Wir 
würden, ehe wir unsere Zustimmung zu der Zoller- 
höhung geben, ganz abgesehen v n der Frage der 
Bagdad-Eisenbahn ein quid pro quo verlangen in 
Bezug auf Abänderung der für das Sanitätswesen 
geltenden Bestimmungen und andere für den briti- 
schen Handel sehr wichtige Dinge; diese Forde- 
rungen würden wir an die türkische Regierung gegen 
die Bedingung stellen, dass wir mit den anderen 
Mächten dahin übereinkommen, der Türkei in der 
Frage der türkischen Eingangszölle grössere Erleichte- 
rungen zuzugestehen. Sie würde zu erwägen haben, 
ob es erwünscht ist, dass das, was unzweifelhaft der 
kürzeste Weg nach Indien sein würde, gänzlich in 
Händen französischer oder deutscher Kapitalisten 
sein soll, ferner ob es wünschenswerth ist, dass die 
Erschliessung des Handels im Persischen Golf in den 
Gebieten eines Scheiks erfolgt, der unter unserem 
besonderen Schutz steht und mit dem wir besondere 
Verträge haben, oder in einem Theil des Persischen 
Golfes, in dem wir keine solche Vorzugsrechte besitzen. 
Wir haben vor allem zu erwägen, ob es rathsam ist, 
den Reiseverkehr gänzlich unter der Kontrole anderer 
Nationen zu lassen, die nicht mit uns die gleichen 
Interessen haben. Unsere Politik bezüglich jener we- 
niger civilisierten Welttheile geht dahin, eine oder 
mehrere andere Nationen dort thätig zu sehen, als 
allein zu handeln. Ob in diesem Falle ein Schritt in 
der Richtung dieser allgemeinen Politik geschieht, 
darüber können Zweifel bestehen, aber im grossen 
und ganzen liegt es in unserem Interesse, dass Länder 
die wir nicht aufsaugen können, auch nicht gänzlich 
von irgend einer anderen Macht aufgesaugt werden. 
Es ist besser, dass solche in Händen von drei grossen 
Mächten sind, als in denen von zweien oder einer, 



408 



und wenn sie in europäischen Händen sein sollen, 
so lässt sich viel dafür sagen, dass sie theilweise in 
Händen von England, Deutschland und Frankreich 
sind. Ueber eine etwaige baldige Entscheidung der 
Regierung kann ich noch nichts sagen." 

In den Preussischen Jahrbüchern (Feberheft 1903) 
verlangt Arnold Diezmann eine gänzliche Umänderung 
des Unterrichtes der Geschichte und der Erdkunde 
im Sinne des Alldeutschthums. Hier werden die Um- 
risse der grossen Weltpolitik der Dynastie Hohen- 
zollern deutlich angegeben. 

Diezmann sagt, „dass das deutsche Staatsgefühl 
in deutsches Nationalgefühl umgeprägt werden müsse, 
dass darum politische Grenzen nicht zu gelten haben 
und dass in diesem Geiste die gesammte deutsche 
Jugend zu erziehen seL" „Das etwas unklare National- 
gefühl, das sich zur Zeit der Sänger- und Schützen- 
feste regte," so führt der Autor aus, „ist nicht zur 
Reife gelangt, sondern von dem neu aufgekommenen 
Staatsgefühle verdrängt worden . . . Das Staatsgefühl, 
das so gerne, aber mit Unrecht Nationalgefühl ge- 
nannt wird, hat Alles überwuchert, hat auch den 
Geschichts- und Geographieunterricht in den Mittel- 
schulen in seine Bande geschlagen und lässt schon 
bei der heranwachsenden Jugend das Moment der 
politischen Erziehung völlig in den Hintergrund tre- 
ten. Interesse soll geweckt werden für das neue Reich, 
mit Recht — aber weiter auch keins, und das ist 
der Mangel. Der Unterricht in der Geschichte berück- 
sichtigt vor Allem Deutschland, aber nicht etwa das 
gesammte von Deutschen in Europa besetzte Gebiet, 
sondern nur das neue Reich und soll Liebe wecken 
nur für diejenigen Volkstheile, die im Reiche zu- 
sammengeschlossen sind, als ob die jetzigen Reichs- 
grenzen schon vom Vertrage von Verdun an zu Recht 
bestanden hätten oder wenigstens hätten zu Recht 
bestehen sollen. Was ausserhalb liegt, ist nicht 
„Deutsch" im modernen staatlichen Sinne und geht 
uns daher nichts an. Wenn ein Buch für die reifere 
Jugend erscheint, in dem etwa Deutschland oder gar 
„Alldeutschlands" Heerführer zu Lande und zur See 
geschildert werden, so hält man sich streng an die 



409 



schwarz-weiss-rothen Grenzpfähle. Die eigenartige 
Stammesentwickelung der Niederländer, Schweizer 
und Balten seit ihrer Loslösung vom alten Reiche 
wird kaum mit einem Worte gestreift, ebenso wenig 
der Ausbau des österreichischen Staates seit der 
Wiedererwerbung Ungarns von den Türken. Da 
müssen die Slaven erst recht zu kurz kommen, nicht 
nur die Polen und Russen, sondern sogar die Ge- 
chen, die bei den Husitenkriegen plötzlich auftauchen, 
dann in der Versenkung verschwinden, zu Beginn 
des 30jährigen Krieges nochmals auftreten und dann 
völliger Vergessenheit anheimfallen. Ebenso steht es 
mit der Urkunde. Wenn in dem bekannten Daniel' 
sehen Leitfaden noch heute daran festgehalten wird^ 
dass das geographische Deutschland von der Rhein- 
mündung bis Pressburg und vom Memel bis zum 
Waadtlande reicht, wenn unter der allgemeinen Ueber- 
schrift „Deutschland" die einzelnen deutschen Staaten, 
und zwar 1. Deutsches Reich, 2. Oesterreich, 3. Schweiz, 
4. Niederlande, 5. Belgien abgehandelt werden, so ist 
das von Seiten des Herausgebers eine politische That, 
für die ihm jeder politisch-denkende Deutsche seine 
Anerkennung aussprechen muss. Leider steht sie ganz 
vereinzelt da . , . Das sind vielleicht alles Kleinig- 
keiten, aber in ihnen spricht sich der Mangel an po- 
litischem Denken aus, der jetzt geflissentlich gross- 
gezogen wird. Wir sollen aus einem Geschlechte, das 
an so bescheidene Selbstgenügsamkeit gewöhnt wird, 
Männer in grösserer Zahl hervorgehen, die über das 
enge Staatsgefühl hinaus die Augen offen zu halten 
verstehen, die begreifen, dass das Deutsche Reich, 
wenn es sich nun einmal mit Alldeutschland und 
dem deutschen Volksthum gerne identificirt, Aufgaben 
nicht nur innerhalb seines jetzigen Bereiches zu lösen 
hat, sondern Lebensinteressen in Nord, Süd, Ost und 
West wahrzunehmen hat? Wo sollen die Männer 
herkommen, die bei Verhandlungen mit Russen und 
Engländern ihren Parten die Stange zu halten ver- 
mögen und ihnen an Weite des Blickes und der aus 
dieser Weite entspringenden Entschlossenheit des 
Handelns gleichzusetzen wären? Wir müssen und 
werden den Kürzeren ziehen, so lange wir auf dem 



410 



Standpunkte des reichsdeutschen Partikularismus ver- 
harren und in unserem Denken und Wollen nicht 
mehr sein wollen, als ein etwas stattlicherer Terri- 
torialstaat. Wenn wir mit den Allüren einer solchen 
Weltpolitik treiben wollen, werden wir immer unter- 
liegen, nicht nur den Engländern und Nordameri- 
kanern, sondern auch den Russen gegenüber," 

Diesem Ziele der alldeutschen Politik kann 
nur eine dauernde Unterlage gegeben werden, wenn 
zuvor der Protestantismus in besagten Ländern festen 
Fuss fasst. Die Ansätze der preussisch-deutschen Welt- 
politik sind nach dem Beispiele aus den preussischen 
Jahrbüchern grossartig angelegt, ob sie nun einmal 
verwirklicht werden, das können sterbliche Menschen 
nicht voraus sicherstellen. Schoenerer hat sich zwar 
gebrüstet in einer alldeutschen Volksversammlung in 
Troppau Ende März 1903, dass ihm, dem Schoenerer, 
Ministerpräsident Koerber mitgetheilt habe, er betrachte 
die Pläne der Alldeutschen nicht für undurchführbar. 
Bis heute hat Preussen-Deutschland mit seiner Welt- 
politik kein absonderliches Glück gehabt. Seine afri- 
kanischen Besitzungen Deutsch-Ost und Deutsch-Süd- 
westafrika sind zur Kolonisation für Europäer wegen 
des mörderischen Klima und der Unfruchtbarkeit des 
Bodens absolut unbrauchbar. Die Bahnen, welche 
Deutschland in diesen Kolonien gebaut hat, haben 
solche Güterzüge, dass oft im ganzen solchen Güterzug 
blos 10 Metercentner Kaffee aufgeladen sind, welche 
kostbare Ladung von einer Plantage zur Küste ge- 
fahren wird. Wäre es Gold, dann wäre die Regie 
gedeckt. Wenn deutsche Landwirthe eine Anfrage 
richten an die Gouverneure dieser afrikanischen 
Kolonien, so bekommen sie im vertraulichen Brief die 
Antwort, sie sollen ruhig zu Hause im Deutschen 
Reiche bleiben. Die Weltpolitik Preussens besorgt 
vorderhand die Geschäfte einiger gieriger Spekulanten 
von der bekannten Ea^e, die auch dem Deutschen 
Reiche mit Fug und Recht den Namen „deutsch- 
jüdisches" Reich geben. Das hat mehr als genug die 
Gampagne nach China bewiesen, aber noch mehr die 
Afaire mit Venezuela. 

Der belgische Generalkonsul berichtete Anfangs 



411 



Februar 1903 über Venezuela folgendes: „Am l.Jäner 
1901 betrugen die inneren Schulden der Republik 
Venezuela insgesammt 73,391.058 Bolivar (ä 81 Pf.). 
Die äussere Schuld belief sich am gleichen Tage auf 
120,041.476 Bol., darunter die sog. britische 3proa 
Anleihe mit 66,614.050 Bol., die öproc. Anleihe bei 
der Diskontogesellschaft mit 46,880.000 Bol. An fälligen 
Zinsen sind 36,297.872 Bol. rückständig. Als Schulden- 
posten müssen ferner in Betracht gezogen werden die 
seitens der Regierung bei der „Banco Venezuela'^ 
gegen Verpfändung von Antheilen der staatlichen Salz- 
bergwerke aufgenommene Anleihe von 5,500.000 Bol. 
und ferner 10,000.000 Bol., welche das Debetsaldo in 
laufender Rechnung der Staatskassa bei der oben- 
genannten Bank darstellen. Als Gesammtbetrag der 
venezolanischen Staatsschulden ergibt sich demnach 
die Summe von 245,230.406 Bol. — Der letzte Etat 
der Republik (für die Zeit vom I.Juni 1901 bis dahin 
1902) schloss in Ausgabe mit 37,000.000 Bol. ab, 
wobei die zur Tilgung von Schuldenzinsen vorge- 
sehene Summe derartig bemessen war, dass sie zur 
Bezahlung von 50 pGt. der fälligen Kupons ausreichte. 
Für das Jahr 1901 belief sich das Deficit der Staats- 
einnahmen (41,763.919 Bol.) auf 2,607.956 Bol.; die 
Einnahmen aus den Eingangszöllen betrugen 24,267.678 
Bolivar. Im Verlaufe der Streitigkeiten mit Kolumbien 
wurde die Zinszahlung völlig eingestellt, und die 
gegenwärtigen kriegerischen Wirren lassen den Zeit- 
punkt nicht voraussehen, mit welchem dieselbe wieder 
beginnen wird. Fast alle in Venezuela vorhandenen 
Handelshäuser von Bedeutung betreiben Bankgeschäfte. 
Die Zahl der ausgesprochen reinen Bankgeschäfte be- 
läuft sich auf drei : Die Banco Venezuela, die Banco 
Caracas und die Banco de Maracaibo. Die Banco 
Venezuela wurde 1882 mit einem Kapital von 12 Mill. 
Bolivar gegründet. Seit 1883 ist sie zugleich Staats- 
bank und verwaltete die Finanzen der venezolani- 
schen Regierung. An Dividende wurden in den letzten 
zehn Jahren durchschnittlich 12 pGt. pro Jahr ver- 
theilt. Die Banco Caracas ist eine Handelsbank mit 
einem Kapital von 6,000.000 Bolivar, wovon drei 
Viertel zur Einzahlu? gelangt sind. An Dividenden 



412 



hat die Bank seit 1890 durchschnittlich 8 pGt. pro 
Jahr vertheilt. Was schliesslich die Banco de Mara- 
caibo anbelangt, so beschränkt sich deren Geschäfts- 
betrieb auf den Geldverkehr in Venezuela ; das Grün- 
dungskapital betrug 1,250.000 Bolivar. Der Haupt- 
erwerbszweig auf landwirtschaftlichem Gebiete bildet 
die Produktion von Kaffee, zu dessen Kultur sich der 
Boden Venezuelas sehr gut eignet. Ausser Kaffee pro- 
ducirt Venezuela Cacao, Tabak, Kautschuk, Baum- 
wolle, Indigo, Bananen und in beträchtlichem Masse 
Zuckerrohr. Die ausgedehnten Waldungen Venezuelas 
bergen reiche Vorräthe an tropischen Produkten und 
Hölzern aller Art. Die mit der Ausfuhr solcher Hölzer 
gemachten Versuche sind indess bisher an der Unzu- 
länglichkeit der Transportmittel und den bedeutenden 
Frachtunkosten gescheitert. Die Viehzucht, die vor 
dem Unabhängigkeitskriege in hoher Blüthe gestanden 
hatte, ist sehr zurückgegangen; Massregeln zur Wieder- 
belebung derselben werden getroffen. Die industriellen 
Anlügen Venezuelas sind durchweg von nur geringem 
Umfange. Beträchtlich ist der Reichthum Venezuelas 
an Mineralien. Kupfererze sind in Venezuela im Ueber- 
fluss vorhanden. Die Kupfererzminen bei Aroa nehmen 
eine Fläche von 111.336 ha. ein; in dem Zeitraum 
vom Jahre 1878—1891 sind dort insgesammt 72,267.060 
Tons Kupfer gewonnen worden, die in Grossbritannien 
abgesetzt wurden und 3,902.421 Lstrl. eingebracht 
haben. Im Jahre 1896 sind die Bergwerke in Aroa 
dem Kupfertrust einverleibt und seitdem nicht weiter 
ausgebeutet worden. Mit der Asphaltgewinnung be- 
fassen sich drei Gesellschaften, von denen die bedeu- 
tendste die „Newyork and Bermudez"- Gesellschaft 
ist. Das Eisenbahnnetz Venezuelas hat eine Länge 
von 827 Km. Gebaut sind die Bahnen von verschie- 
denen Gesellschaften, die zusammen über ein Kapital 
im Nennwerthe von 192,300.000 Fr. verfügen." 

Einer der grössten financiellen Ausbeuter Vene- 
zuelas ist also die Berliner Diskontogesellschaft. Diese 
saubere Gesellschaft hielt Ende März 1903 ihre General- 
versammlung ab, also nachdem die deutschen Kriegs- 
schiffe wieder von der Blokade heimgekehrt waren. 
Die Finanzjuden hatten also ruhiges Blut. Der Berliner 



4ia 



Börsencourier berichtet Folgendes: „In der General- 
versammlung war ein Gommanditkapital von 2,219.400 
M. mit 3699 Stimmen vertreten. Von einem Gomman- 
ditisten (M. Stern, Hannover) wurde etwa Folgendes 
ausgeführt: Wie bekannt, habe sich die Norddeutsche 
Bank in Hamburg, deren Kapital bekanntlich im Be- 
sitz der Diskontogesellschaft ist, mit 4 Millionen Mark 
bei dem Bankhause Ephraim Meyer & Sohn betheiligt. 
Dieses habe grosse Verluste bei dem Konkurse Ter« 
linden, Gewerkschaft Dahlhausen etc. erlitten. Es frage 
sich nun, ob diese Verluste auch die Norddeutsche 
Bank und damit indirekt die Diskontogesellschaft be- 
rühren könnten. Das genannte Bankhaus in Hannover 
habe ferner eine Gesellschaft für industrielle Unter- 
nehmungen ins Leben gerufen und durch diese Werthe 
unter das Publikum gebracht, wegen deren Processe 
schweben. So seien die Aktien der hannover-braun- 
schweigischen Kohlenwerke, die jetzt nichts werth 
seien, zu 60 pGt. erworben und bald darauf zu 135 pCt^ 
in grossen Beträgen in hannoverschen Adelskreisen 
untergebracht worden. Wegen dieser Angelegenheit 
schwebe ein Process in zweiter Instanz, bei dem die 
Norddeutsche Bank in Mitleidenschaft gezogen werden 
könne, wenn die Processe zu Ungunsten von Ephraim 
Meyer & Sohn entschieden würden. Geh. Kommerzien- 
rath V. Hansemann bemerkte hierzu, dass die ganze 
Angelegenheit nicht die Generalversammlung der 
Diskontogesellschaft beschäftigen könne. Was die 
Aktien der Norddeutschen Bank betreffe, so seien 
diese ein werthvoller Besitz für die Diskontogesell- 
schaft und viel mehr werth, als sie zu Buch stünden. 
Er, Redner, zweifele nicht daran, dass bei der Bilanz- 
aufstellung dieser Bank derartige Angelegenheiten, 
wie sie zur Sprache gebracht worden sind, genügende 
Berücksichtigung gefunden hätten. Im übrigen seien 
in den Darstellungeu des Gommanditisten sicherlich 
Uebertreibungen vorhanden. Der Geschäftsinhaber 
Schinkel erklärte, dass auch nach seiner Ansicht die 
ganze Angelegenheiten nicht vor die Generalver- 
sammlung der Diskontogesellschaft gehöre. Die Be- 
hauptung, dass Aktien zu 60 pGt, erworben und zu 
135 pGt. verkauft worden seien, entspreche nicht den. 



414 



Thatsachen. Im übrigen sei der Process in dieser 
Sache in zweiter Instanz zu Gunsten des Bankhauses 
Ephraim Meyer & Sohn entschieden worden. Die 
Norddeutsche Bank bedauere jedenfalls nicht, sich an 
diesem Bankhause betheiligt zu haben. Dass in den 
hinter uns liegenden Jahren auch von dem Bankhause 
Ephraim Meyer & Sohn Geschäfte gemacht worden 
seien, die Verluste gebracht hätten, sei nicht zu be- 
streiten. Diese seien dann aber auch in den Bilanzen 
berücksichtigt worden. Der Gommanditist Stern hielt 
seine Behauptungen vollkommen aufrecht und ver- 
wahrte sich dagegen, dass er sich Uebertreibungen 
schuldig gemacht hätte. Er könne, um nur einen 
Namen zu nennen, mittheilen, dass einem Herrn Baron 
V. Gotzenbach zu 135 pGt. ein grösserer Posten der 
bezeichneten Aktien verkauft worden sei. Wenn auch 
der Process in zweiter Instanz zu Gunsten von Ephraim 
Meyer & Sohn entschieden sei, so sei er damit noch 
nicht aus der Welt geschafft, denn er werde sicher 
bis zum Reichsgericht verfolgt werden. Der Jahres- 
abschluss für 1902 wurde hierauf genehmigt und die 
sofort zahlbare Dividende aufSpGt. für das Gommandit- 
kapital von 130,000.000 M. und auf 2^^ pGt. für die 
neu ausgegebenen Gommanditantheile von 20,000.000 
M festgesetzt." 

Geschäftsinhaber der Diskontogesellschaft, Sitz in 
Berlin W. unter den Linden 35, ist A. v. Hansemann, 
geheimer Gommerzienrath, E. Rüssel, Generalkonsul, 
A. Lent, Baurath, A. Schoeller, geheimer Seehandlungs- 
rath, Moses Schinckel, Hamburg, Dr. Arthur Sala- 
monsohn, sämmtlich in Berlin. Der Aufsichtsrath 
wimmelt von Excellenzen ausser Dienst. Es sind: 

JUDr. Karl Herzog, Staatssekretär a. D., Excellenz, 
F. Bail, Moritz Böninger, Alex. Borgnis, Hermann 
Brauns, Gommerzienrath, Dr. Fischer, Unterstaats- 
sekretär a. D., Excellenz, Albert Ballin, Direktor der 
Hamburg-Amerika-Linie, Max v. Duttenhofer, Gom- 
merzienrath, Dr. Wiegand, Generaldirektor des Nordd. 
Lloyd, etc. 

Das fetteste Jahr der Diskontogesellschaft war 
das Jahr 1872, Dividende 24%» Jahr 1873 Dividende 
270/0. Wahrscheinlich hat damals die Diskontogesell- 



415 



Schaft Frankreichs Kriegstribut einkassirt. Es fand 
sich im deutschen Reichstage nur ein Mann, der auf 
diese Art von Preussens Vorkämpfer für die Welt- 
politik hinzuweisen den Muth und den richtigen Blick 
hatte. Abg. Ahlwardt war seinerzeit Rektor einer Ge- 
meindeschule in Berlin. Seine Stellung entsprach bei- 
läufig der eines Oberlehrers in München. An die brei- 
tere Oeffentlichkeit trat Ahlwardt zuerst mit einer 
Broschür: „Der Verzweiflungskampf der arischen Völ- 
ker gegen das Judenthum". Ahlwardt hatte in den 
achtziger Jahren eine Bürgschaft für einen Lehrer- 
koliegen übernommen, wurde für eine hohe Summe 
zur Zahlung herangezogen und kam dadurch in die 
Hände jüdischer Wucherer. Es nahm sich dann seiner 
anscheinend in menschenfreundlichster Absicht der 
damalige Chef des kaiserlichen Givilkabinets, Geheim- 
rath Manchee, ein getaufter Jude, an, um ihn noch 
tiefer in das Judennetz zu verstricken und selbst 
finanzielle Vortheile daraus zu ergattern. In dieser 
Broschür, die ungeheueres Aufsehen erregte und als- 
bald beschlagnahmt wurde, schilderte Ahlwardt den 
schändlichen Judenwucher, die schamlosen Machina- 
tionen des kaiserlichen Geheimrathes und gewisse 
Manipulationen jüdischer Spekulanten in der Berliner 
Gemeindeverwaltung. Das Judenthum schrie Zeter und 
Mordio, Behörden erwiesen sich als die dienstbereiten 
Helfer der Juden, und der Staatsanwalt erhob sofort 
gegen Ahlwardt Anklage wegen Beleidigung des Ge- 
heimrathes Manchee und des Berliner Stadtmagistrates. 
In der Untersuchungssache Manchee hatte Ahlwardt 
allein 40 Vernehmungen, man schleppte ihn von 
einer Gerichtsstube in die andere, — um schliesslich 
das Verfahren gegen Ahlwardt in dieser Sache einzu- 
stellen, ja man war genöthigt gegen Manchee selbst 
vorzugehen. Es stellte sich heraus, dass der saubere 
Ghef des kaiserlichen Givili^abinets ein ganz gemeiner 
Schacherer gewesen war, Handel mit Titeln und Orden 
und sonstigen kaiserlichen Gnadenerweisungen trieb 
und erhebliche Geldbeträge und andere Vortheile 
daraus gewann. Obwohl man die Untersuchung auf 
möglichst wenige Fälle beschränkte, wurde Manchee, 
der bei seinen unsauberen Geschäften mit einem ganzen 



416 



Heere von Juden, jüdischen Commerzienräthen und 
Wucherern verbunden war, schliesslich doch zu neun 
Monaten Gefängnis verurtheilt. Die Klage des Berliner 
Magistrates gegen Ahlwardt dagegen zog sich jahre- 
lang hin, seiner Beweisführung stellten sich die grössten 
Schwierigkeiten entgegen und Ahlwardt wurde zu drei 
Monaten Gefängnis verurtheilt, was seine Dienstent- 
lassung zur Folge hatte. Gleiches Aufsehen erregte Ahl- 
wardt durch seine Angriffe auf den jüdischen „Meineid- 
baron" Gerson von Bleichröder. ßleichröder hat die 
Beschuldigung, einen Meineid geleistet zu haben, auf 
sich sitzen lassen, freilich gelang es auch dem gewalti- 
gen Einflüsse Bleichröders, zu verhindern, dass gegen 
ihn ein Verfahren wegen dieses Meineides zur Durch- 
führung gelangte. Die grösste Sensation erregte Ahl- 
wardt durch seine Broschür über die Löwy'schen 
„Judenflinten". Obwohl Ahlwardt in dem dieser Ver- 
öffentlichung folgenden Processe den grössten Theil 
seiner Behauptungen erweisen konnte — bei einem 
einzigen Bataillon fielen während eines kurzen Manö- 
vers von den neuen aus der Löwy'schen Fabrik be- 
zogenen Armeegewehren hunderte von Visieren her- 
unter — wurde Ahlwardt doch auch hier zu schwerer 
Gefängnisstrafe verurtheilt. Es war damals ja eine 
„herrliche Zeit". Der Jude Lasker herrschte im Reichs- 
parlament, der Jude Friedberg war Justizminister, der 
Jude Friedländer sass im Polizeipräsidium, an dessen 
Spitze ein Madai stand, im kaiserlichen Givilkabinet 
war ein Manchee möglich gewesen. Wie konnte es 
an den schärfsten Bestrafungen für alle Verbrechen 
gegen die Majestät des Judentums und seiner niedrige 
oder hochgestellten Zuhälter, Schmuser und Gewinn- 
betheiligten fehlen? 1893 wurde Ahlwardt in Arns- 
walde und Neustettin gleichzeitig und mit grossen 
Majoritäten in den Reichstag gewählt, die Versamm- 
lungen, in denen der „Rektor aller Deutschen" sprach^ 
waren von riesigen Menschenmassen besucht, im 
„Münchner Kindl" in München drängten sich zu seinem 
ersten Vortrage im Jahre 1895 an zehntausend Per- 
sonen. Ahlwardt zeigte sich als ein glänzender Redner; 
er dürfte als Agitator unerreicht dastehen. Als Po- 
litiker bewährte sich Ahlwardt indessen ebensowenig 



417 



wie als Parteiführer. Er hat sich vielfach irreführen 
lassen und sah sein Vertrauen häufig getäuscht. So 
gab er sich manche Blossen, die von seinen hass- 
erfüUten Gegnern in unglaublich skrupelloser und 
gemeiner Weise gegen ihn ausgebeutet wurden. 

Die Judenpresse bezeichnete den Ahlwardt immer 
als einen Narr, wie sie es ja auch dem Abgeordneten 
Schneider in Wien konsequent anthut, und die „blöden" 
Gojims müssen es glauben. Das ist bekannte Juden- 
manier. Gefährliche Gegner schickt man in das Irren- 
haus. Der Begründer des Deutschen Reiches Bismarck 
und sein kaiserlicher Herr Wilhelm I. hatten ja über 
30 Jahre ihr Geldvermögen beim Kohn in Dessau in 
Verwaltung, der sich auch überall als des preussischen 
Königs treuester Diener unterschrieb. 

Am 18. Februar 1903 sagte auf dem deutschen 
Reichstag Ahlwardt zu der Partei Bebel's gewendet : 
„Im Zukunftsstaat gibt es also nur eine grosse, viel- 
leicht gut gefütterte Herde ohne Willen und Freiheit. 
Dem Handwerk fehlt eine Entfesselung seiner Kräfte. 
Das kann erzielt werden durch einen ausreichend 
hohen, langfristigen Credit, der den Organisationen 
von der Reichsbank gewährt werden könnte. Dadurch 
werden die Leute von der Börse abgehalten, wo im 
Schaukelspiel ihnen das Geld doch abgenommen wird, 
um in die Hände einiger weniger abzufliessen, von 
denen ich hier nicht sprechen will, damit mein Vor- 
trag nicht unterbrochen wird. (Heiterkeit.) In der 
Brotfrage haben Sie (nach links zeigend) recht (Heiter- 
keit), und Sie (nach rechts zeigend) auch (Heiterkeit). 
Da sitzt aber jemand dazwischen (Heiterkeit). Der 
Producent bekommt zu wenig, der Konsument zu viel, 
ein Dritter heimst die Millionen ein. Das ist das 
Wesen der socialen Frage überhaupt, üeberlegen Sie 
einmal und bedenken Sie das ernsthaft! Was kann 
helfen? Nur Verstaatlichung der Reichsbank und des 
Getreidehandels. Damit können wir Russland sofort 
zahlungsunfähig machen. Dies mein Programm hat 
seinerzeit sogar bei meinen Freunden Kopfschütteln 
erregt. Den Aufkauf von Gütern im Osten billige ich 
nicht; viel werthvoller ist es, die Kanalvorlage aus- 
zuführen. Die Grossmächte haben sich in Geldmächte 

27 



418 



verwandelt, das hat auch Frankreich mit dem Erwerb 
seiner afrikanischen Kolonie gethan. Fragen Sie die 
Wähler, ob sie das wollen ! Wenn die Kandidaten 
das nicht wollen, sollen die Wähler einen Antise- 
miten wählen, der wird dafür eintreten/^ Ahlwardt 
behandelt sehr richtig sowohl die Juden, wie ihre 
Agenten die Socialisten, deren sich Preussen-Deutsch- 
land heute in Frankreich bedient, um in der franzö- 
sischer Nation den Revanchegedanken zu unterdrücken 
und das Elsass-Lothringen auf immer sich zu sichern. 
Am 25. Januar 1903 sprach der Führer der franzö- 
sischen Socialisten Jaures vom Weltfrieden und sagte 
zum Schluss folgendes : 

„Aber hier steht Frankreich vor der schmerz- 
lichsten Alternative, dem tragischesten Problem. Ja, 
wir gehen dem Frieden, gehen einer Neuordnung der 
Nationen entgegen, aber unsere Nation hat vor 32 
Jahren eine schwere Antastung erlitten, die nicht nur 
eine Antastung seiner Grösse, sondern auch eine 
Rechtsverletzung war. Menschliche Wesen sind ge- 
waltsam dem von ihnen gewünschten und erwählten 
Vaterlande entrissen worden. Wenn es also wahr ist, 
dass das Recht verletzt worden, und wenn es richtig 
ist, dass man die Wiederherstellung des Rechtes nur 
von einer Rückkehr zur Gewalt erwarten kann, welch 
tragische Alternative für unser Land . . . Meine Herren, 
bei den gegenwärtigen Verhältnissen Europas kann 
nicht der I&ieg die^e Frage lösen. Er könnte nur 
endlose Gewalthaten auf diejenigen herabbeschwören, 
die wir der Gewalt entreissen wollen. Nein, die einzige 
Lösung besteht in der Befestigung des allgemeinen 
Friedens, in der Befreiung der Demokratien . . . 
Frankreich bedarf keiner brutalen und wilden Re- 
vanche. Ah, wenn es vor 32 Jahren in diesen tra- 
gischen Tagen sich einer Schwäche überlassen, wenn 
es nicht der Welt und sich selber seinen Muth be- 
wiesen, könnte es, um sich in seinen eigenen Augen 
wieder zu erheben, den Kampf neu beginnen wollen. 
Aber Frankreich bedarf keines neuen Zeugnisses, es 
ist besiegt, nicht gedemüthigt worden. Es hat bis 
zum letzten Athemzuge gekämpft, hat seinen Herois- 
mus und sein Blut verausgabt, hat alle seine Söhne 



419 



zum verzweifelten Widerstände vereinigt, von den 
Royalisten des Westens bis zu den Revolutionären 
Blanquis, die in Paris die Sturmglocke für das „Vater- 
land und Gefahr" läuteten ... Es hat, unter dem 
glühenden und organisatorischen Ansporn Gambettas, 
seine unablässige Zähigkeit gegenüber all' den nie 
endenden Schicksalsschlägen, seine feste Hoffnungs- 
freudigkeit, die seinen Stolz überdauerte, seine immer 
erneute Willenskraft, die dem Unglück standhielt, be- 
wiesen. Es hat bei dem plötzlichen Erstehen der Re- 
publik eine wunderbare Wiedergeburt der nationalen 
Energie gehabt, den Stolz eines verwundeten Volkes, 
das von seinem wiedergefundenen Ideal die Kraft zu 
leben und zu siegen erhofft, den S'olz des verwun- 
deten Adlers, der die Sonne anfleht, ihm die Kraft 
zum weiteren Fluge zu geben. Nein, Frankreich be- 
darf keiner neuen Zeugnisse der Geschichte für seinen 
Heroismus und seinen Muih, und wenn es ihm morgen, 
in einem weitsichtigen Verstehen der Zukunft, gefällt 
den grossen Menschheils frieden anzubahnen, schleppt 
es keine erniedrigenden Erinnerungen hinter sich 
her. Selbst wenn die Kriege von 1870, wie wir es 
hoffen und wie wir es wollen, die letzten Kriege 
zwischen Frankreich und Deutschland bleiben, strahlen 
sie einen solchen Heroismus aus, dass wir ohne 
Zaudern das abscheuliche Buch des Krieges bei dieser 
schmerzlichen aber grossen Seite schliessen dürfeli." 
Die Herrschaft der Socialisten und der von Elsass 
eingewanderten Juden mit Reinach an der Spitze, 
die jetzt über Frankreich besteht, wird von Berlin 
aus kräftig unterstützt. Mit solchen Waffen arbeitet 
das oficielle evangelische Preussen. Genau so benimmt 
sich Preussen in der Orientfrage. Ende April 1903 
berichtete der „Ikdan" in Konstantinopel, Kaiser 
Wilhelm hat den Waffenfabriken Krupps und Mausers 
den Befehl ertheilt alle anderen Bestellungen bei 
Seite zu schieben und nur die Bestellungen für die 
türkische Armee schleunigst zu effektuiren. 

Also dem grössten Mörder der Christen Abdul 
Hamid liefert Wilhelm IL die Waffenvorräthe. Die 
Absichten sind ja klar; genau so ging Friedrich der 
Grosse gegen die Kaiserin Maria Theresia vor. Die 

27* 



420 



Alleinherrschaft des Protestantismus und des Preussen- 
thums innerhalb des Deutschen Reichs haben die 
Bundesstaaten in Hülle und Fülle zu verkosten. Am 
meisten seufzt darunter Bayern. Ein Bajuvare Ingenieur 
Kuhn gab Anfangs März 1902 in München bei Seyfried 
die Schrift heraus: Die Mobilisierung der Reichsidee 
in Bayern. Wir führen aus dieser Schrift folgendes an. 
„Wer die wirthschaftliche Entwicklung Bayerns seit 1871 
objektiv verfolgt, der wird obigem Satze zustimmen 
müssen. An dieser Thathsache ändert auch der Um- 
stand nichts, dass heute in ganz Deutschland gedrückte 
Verhältnisse an der Tagesordnung sind. Bayern trat als 
der reichste und wohlhabendste Bundesstaat in das 
Deutsche Reich, und ist der erste geworden, der seine 
wirthschaftliche Erschöpfung zugestehen muss. Es gab 
im Jahre 1871 in Preussen eine Sekte, welche, als 
sich die Thüre nach längerem freundlichen Zureden 
geöffnet hatte, die den Eintritt in das gesegnete Bayer- 
land gestattete, sich zur Aufgabe machte, die Schätze 
zu heben, die in dem Märchenlande voll blauer Seen, 
blühender Felder und wilder Gebirge vergraben waren. 
In dichten Schaaren wallfahrteten die Schatzgräber 
durch das offene Thor und erregten vor allem bei dem 
Bayernvolk durch ihren Dialekt und durch die Hurtig- 
keit, sich auf die Hochschullehrstuhle zu schwingen, 
stumme Verwunderung, — Diesen ersten Pionieren 
folgte auf dem Fusse ein Heer kleiner Gommis- 
Voyageure, meist orientalischen Exterieurs, jeder mit 
einem Musterkoffer voll der entzückendsten Sächelchen 
beladen, diesen folgte gemessenen Schrittes die Horde 
mit dem Gründerblick, unter ihnen manch zweifel- 
hafte Erscheinung mit geflickten Sandalen, dann kam 
ein schier endloser Zug von Maschinen, von denen 
jede mit mindestens drei goldenen Medaillen auf den 
Ausstellungen in San Francisco, Baltimore und Berlin 
prämiirt war. — Der ganze wilde Zug schritt unter 
dem Banner des neuen Reichsadlers und unter dem 
Liede : „Deutschland, Deutschland über alles !" 

Und siehe da, das Eselein streckte sich ; wie flogen 
die alten guten Thaler aus den altdeutschen Truhen 
der Städter und Bauern. (Hier folgt nun eine humor- 
volle Schilderung der lächerlichen Manie, alles Preussi- 



421 



sehe besser zu finden als das Einheimische, wie sie 
durch die [aus dem Reptilienfond genährte] Presse 
grossgezogen und von dem Minister Lutz auf allen 
Gebieten begünstigt wurde.) Auf allen Gebieten des 
öffentlichen Lebens in Bayern konnte man bald den ein- 
gebornen Liberalen und den Eingewanderten, welchem 
Vorspanndienste geleistet wurden, in festen, gut do- 
tierten Stellungen schalten und walten sehen, und 
die neuen Fabriken und Geschäfte blühten, aber das 
bayerische Geld wurde immer weniger. In den zehn 
Jahren von 1889 — 1899 wurde an bayerischen Post- 
schaltern durch Postanweisungen die Summe von 
5V2 Milliarden einbezahlt. Die Summe der eingegan- 
genen Postanweisungen betrug während dieser Zeit 
um 300 Millionen Mark weniger. — Diese 300 Millionen 
sind zum grösste i Theil in barem Geld aus dem Be- 
sitz der bayerischen Bevölkerung nach Preussen ge- 
wandert — Leider fehlt uns eine amtliche Aufstellung 
darüber, welche Einbusse das Vermögen des bayeri- 
schen Volkes in denjenigen Fällen erlitten, in welchen 
die Zahlungen nicht durch die Postbehörden, sondern 
durch die Banken etc. etc. vermittelt wurden. Da es 
sich in letzterem Falle um höhere Beträge handelt, 
so dürfte es nicht zu hoch gegriffen sein, wenn man 
einen Baarverlust von circa einer Milliarde in zehn 
Jahren, also drei Milliarden innerhalb der Zeit von 
1871 — 1901 verzeichnet. Kann man sich da wundern, 
dass Bayern heute seine Erschöpfung zugestehen 
muss?" Berlin hatte, um gegen die Eigenart der Bayern 
erfolgreich zu arbeiten, seine Männer in München an 
die preussischen Vorposten gestellt, so das Ministerium 
Lutz und Crailsheim. Welche Zustände in Bayern 
herrschten, darüber veröffentlichte das Münchener 
Volksblatt ein Schreiben eines ansehnlichen bajuvari- 
schen Patrioten am 29. März 1903. Es heisst da: 

„Die Vorgänge der jüngsten Zeit, welche mit zum 
Rücktritt des Grafen von Crailsheim geführt haben 
dürften, haben unser officiöses Presswesen wieder 
einmal in einem ausserordentlich widerlichen Lichte 
erscheinen lassen. Dinge, die der leitende Minister 
zur Kenntnis seiner Landesangehörigen bringen wollte, 
kamen diesem auf Um- und Schleichwegen und mei- 



422 



stens durch Vermittlung von Pressjuden via Karlsruhe 
zu. Diese und unzählige andere Vorgänge im Laufe 
der Zeit haben bewiesen, dass für eine Regierung, 
die sich ihrer Rechte und Pflichten eingedenk ist, 
namentlich seit dem Regierungsantritt Wilhelms 11.^ 
ein eigenes Pressorgan als Sprachrohr unentbehrlich 
ist. Die bayerische Regierung braucht wieder eine 
Zeitung, durch welche sie ihre Stellungnahme zu wich- 
tigen Fragen und ihre Willensmeinung nach allen 
Seiten offen kundgibt. Diese Zeitung darf vor allem 
im Volke niemals Zweifel über die strikte Wahrung 
unserer verfassungsmässigen Rechte durch die Regie- 
rung aufkommen lassen, wie dies bisher häufig in so 
hohem Masse der Fall gewesen ist. Die Art, wie die 
Regierung bisher die Presse für ihre Zwecke benützte, 
ist auf die Dauer nicht mehr angängig. Verfügte 
man in Bayern schon vor einem halben Jahrhundert 
über ein officiöses Pressoigan — die „Neue Münchener 
Zeitung", — so kann der Nutzen eines officiösen 
Blattes für die Regierung in der Gegenwart erst recht 
nicht verkannt werden. Auf die Gründe, welche anno 
1867 zur Einstellung des officiellen bayerischen Press- 
organs führten, soll hier nicht näher eingegangen, 
sondern nur der Thatsache gedacht werden, dass die 
amtlichen Bekanntmachungen und die verschiedenen 
Inserate etc. der Staats- und Gemeindebehörden u. 
s. w. damals zum grössten Theile auf die „Münchner 
Neuesten Nachrichten" übergegangen sind und wesent- 
lich zum Aufschwung dieses Blattes mit beigetragen 
haben. Das Konsortium, in dessen Besitze sich die 
„Neuesten" befinden und an welchem die Juden einen 
erheblichen Antheil besitzen, streicht alljährlich für 
die amtlichen Inserate horrende Summen ein und er- 
freut sich der Thatsache, dass Tausende ein Zvvangs- 
abonnemenl auf die „Neuesten" nehmen müssen, für 
welche das Lesen dieser Bekanntmachungen unent- 
behrlich ist. Und in welcher Weise übt dieses Blatt 
— im Volksmund Preussen- und Judenblatt genannt — 
seine Erkenntlichkeit gegen den bayerischen Staat 
und seine Bevölkerung aus? Herrschte bis vor dreissig 
Jahren tiefster Frieden und Eintracht unter den ver- 
schiedenen christlichen Konfessionen in unserer Münch- 



423 



ner Stadt, so begann mit der Aera Knorr und Hirt 
eine unerhörte Minier- und Wühlarbeit zugunsten des 
preussischen Einheitsstaates und des Hauses Hohen- 
zollern und zugleich der Krieg gegen den Katholicis- 
mus in der hässlichsten Form, als erste Etappe auf 
dem Wege der erstrebten Zerstörung des Ghristen- 
thums überhaupt. Seit jener Zeit leuchtet aus jeder 
Zeile der „M. N. N." ein infernalischer Hass gegen 
die katholische Kirche, ihre Diener und Einrichtungen, 
während der Protestantismus zunächst noch möglichst 
geschont, ja als Sturmbock gegen den Katholicismus 
missbraucht und als solcher begünstigt wird. Der 
Rabbiner ist a priori sakrosankt. Bayern, seine Ge- 
schichte, seine Bevölkerung und ihre Eigenart wird 
in der gemeinsten Weise verhöhnt, beschimpft und 
herabgewürdigt; sein Herrscherhaus unter dem Deck- 
mantel der Loyalität und Verehrung für den greisen 
Regenten herabgesetzt und degradiert. Vielfach hört 
man im Publikum die Meinung äussern, dass mit 
dem Geiste, der dieses Blatt durchzieht, die Leser 
tropfenweise vergiftet werden. Jeder erfahrene Mann, 
jeder denkende und vorurtheilsfreie Zeitungsleser, der 
ausser der „Kuhhaut" noch Blätter anderer Richtung 
liest, wird zugeben, dass die „Münchner Neuesten 
Nachrichten" das grösste und raffinierteste Hetzblatt 
in Bayern, wenn nicht im Reiche sind. Die Verleger 
dieses Blattes scheinen keine Ahnung zu haben, mit 
welcher Missachtung das Gros der Bevölkerung und 
selbst die politischen Gesinnungsgenossen der „Neue- 
sten" von dieser Zeitung, ihrer Verleumdungssucht,, 
ihrer Arroganz und unausgesetztem Hetzen spricht.. 
Die „Münchner Neuesten" können es anscheinend nicht 
erwarten und die Verstellung fällt ihnen offenbar recht 
schwer, bis die letzte Perle aus der Krone Bayerns 
verschwunden ist. Sie haben die Katze schon zu oft 
aus dem Sacke gelassen, um dies noch leugnen zu 
können. Wenn ein in Berlin erscheinendes notorisches 
Bayernblatt gegen den preussischen Staat, seine Dy- 
nastie, das Volk und den Protestantismus eine solche 
Sprache führen würde, wie die „Neuesten" umgekehrt 
in München, man würde seine Redakteure längst 
wegen Hochverrath, Beschimpfung der Religion und 



424 



Störung des konfessionellen Friedens verurtheilt, seine 
Herausgeber mit dem Besen aus dem Lande gejagt 
haben. 

Eine würdige Genossin hat das Färbergrabenblatt 
an der „Munchener Allgemeinen Zeitung", welche von 
dem ehedem so hochangesehenen und vornehm ge- 
haltenen Blatte, als welches es in Augsburg erschienen 
war, nur mehr den Namen besitzt, sonst aber zur 
reinen Stadtfraubas herabgesunken ist, die mit fast 
völligem Ausschluss der Oeffentlichkeit erscheint. 
Dieses Blatt, dessen Redakteure von bayerischen Ver- 
hältnissen nicht die geringste Kenntnis besitzen, zieht 
mit seiner Gesinnungsschwester, den „Neuesten", an 
einem Strange. Das merkwürdigste ist, dass dieses 
Blatt, welches unter den Zeitungslesern nur „das 
preussische Reptil" genannt wird, vom Ministerium 
den bayerischen Behörden zum Abonnement empfoh- 
len wird." 

Der Abgeordnete Dr. Schädler sagte Ende Januar 
1903 am Delegirtentag der Gentrumspartei in München 
unter anderem Folgendes : „Meine Herren! Wir haben 
dem Ministerium unser Misstrauen erklärt, das Miss- 
trauen unserer Wähler, des katholischen Volkes im Lande. 
Und in diesen Tagen, mit Stolz kann ich es konstatiren, 
haben wir den Beweis dafür erhalten, dass unsere Wähler 
im ganzen Lande mit Begeisterung zu uns stehen, dass 
sie mit uns eins sind in diesem Misstrauen, in der 
Vergangenheit und für die Zukunft. Würden die hohen 
Herren einmal heramhören im Volke, so könnten sie 
erfahren, dass nicht bloss die Herren Dalier, Hebel, 
Schädler, Pichler, lauter geistliche Herren, wie es in 
einem liberalen Blatte hiess, sich zum Mandwalt der 
kochenden Volksseele gemacht haben, sie würden sich 
überzeugen, dass die Volksseele nicht bloss kocht, 
sondern dass sie am Ueberschäumen ist Und all die 
Bitterkeit und all der Schmerz, der sich seit weit 
über ein Decennium hinaus aufgehäuft darüber, dass 
in einem zu zwei Dritteln katholischen Lande der 
katholische Theil systematisch auf allen Gebieten zu- 
rückgesetzt, als quantite negligeable behandelt wird, 
diese Bitterkeit und dieser Groll ist aufgekocht und 
das Volk ruft energisch : Bis hieher und nicht weiter I 



425 



Und es fordert seine Vertreter auf, dem durch die 
That Ausdruck zu geben. Und das, meine Herren, das 
soll der sanfte Wind sein, der vom blauen Himmel 
weht? Was hat sich denn geändert eigentlich seit 
Schluss des Landtags? Im wesentlichen gar nichts! 
Ist denn die Entscheidung, die bezüglich der Schule 
in Weissenburg getroffen wurde, eine Koncession an 
uns? Betrachtet man es vielleicht schon als eine 
solche, dass ein bestehendes Gesetz nicht gedreht und 
gewendet wird gegen uns? Oder ist vielleicht die 
Ernennung eines neuen Justizministers eine Konces- 
sion an uns? Dann scheint es fast, als ob schon der 
Besitz eines katholischen Taufscheins bei der Beför- 
derung gefährlich werden kann. Hat etwa die Hetze 
gegen uns abgenommen im Lande von gewisser Seite ? 
Ich glaube, wir werden es auch in sehr naher Zeit 
erleben, dass die Klage, dass katholische Gelehrte mit 
Absicht hintangesetzt werden, eine neue Bestätigung 
finden wird. Und, meine Herren, was soll man denn 
dazu sagen, wenn man in Bayern von München aus 
einen katholischen Bischof herunterreissen darf, wie 
es in der „Freistatt" geschehen ist, in deren Nr. 4 
geredet wird von einem Pöbel in der Soutane ! 
(Der Redner verliest eine längere Stelle aus diesem 
Artikel.) Das Blatt hat sich damit als eine Freistatt 
der Gemeinheit erwiesen. Da möchte man doch fragen, 
ob man nicht von München aus einmal den Hebel 
ansetzen sollte; das wäre doch angezeigter, als dass 
man es gegen unseren Kollegen Hebel gethan hat. 
Nicht zu vergessen, wie in der dem Ministerium oder 
besser einzelnen Ministern nahestehenden Presse gegen 
einzelne Abgeordnete scharfgemacht wird und sie zu 
diskreditiren gesucht werden, die auf sich wohl mit 
mehr Recht als die Schreiber in der Preussenfiliale 
an der Bayerstrasse das Wort des Königs Jakob an- 
wenden dürfen an Archibald Douglas: Der ist in 
tiefster Seele treu, der die Heimat so liebt wie du. 
Meine Herren ! Wohin kommen wir, wenn wir die 
Kaiseridee fassen nach der Anschauung des Volkes? 
Welches Volk ist denn da gemeint? Gehören wir 
nicht auch noch dazu? (Zuruf: „F moa' do' scho'!" 
Grosse Heiterkeit.) Wie nun, wenn vielleicht die Kaiser- 



426 



idee im Sinne des Volkes sich dahin entwickeln würde 
im Laufe der Jahre, dass auch die Abrandung dazu 
gehörte, dass es vielleicht besser wäre, wenn etwa 
auch Bayern das Schicksal von Hannover theilte. 
Meine Herren! Man hat uns heute ein Bouquett dar- 
gebracht in der Mittheilung der „Münchener Neuesten 
Nachrichten", wonach sie erfahren haben, dass der 
Prinz-Regent sich mit besonderer Freude und Aner- 
kennung über die Rede des Reichskanzlers geäussert 
und dass er den Ministerpräsidenten beauftragt habe, 
den hiesigen preussischen Gesandten davon in Kenntnis 
zu setzen. Meine Herren! Wir anerkennen aus vollem 
Herzen die edle Ritterlichkeit des Regenten, der dem 
Mitverbündelen Verlegenheiten erspart. Wir haben 
diese nicht zu üben; wohl aber stehen wir da als 
Vertreter der bayerischen Rechte gegen Ansprüche» 
von woher sie auch kommen mögen. Und in diesem 
Sinne sage ich: Wir schützen das Haus Witteisbach 
und seinen Regenten gegen diese Kaiseridee! Einzig 
und allein gibt es für uns die Kaiseridee, nicht wie 
sie in Bülow's Kopf sich ausmalt, sondern wie sie 
Artikel 11 der Reichsverfassung klipp und klar aus- 
spricht: als Präsidium unter den Gleichen." 

Der bekannte Wiener Schriftsteller Houston Ste- 
wart Ghambarlain, der Konfession nach offenbar ein 
Protestant, sagt in der Vorrede seines Werkes „Die 
Grundlagendes 19. Jahrhunderts": „Ein ganz anderes 
Gebilde ist „Rom". Es ist das Imperium romanum 
in seiner letzten und verhängnissvollsten Gestalt; der 
Geist des grossen Reiches ohne dessen Leib ; eine 
ausschliesslich politische und — wohl betrachtet — 
durchaus unreligiöse Gewalt, die den religiösen Wahn 
nur grosszieht, um ihn seinen Zwecken dienstbar zu 
machen. Es ist nicht nur erlaubt, eine solche Macht 
als eine politische zu kennzeichnen, vielmehr müssen 
wir einsehen lernen, dass hier gleichsam die Quint- 
essenz aller Politik in die Erscheinung tritt. Das ja 
gerade ist es, was sie so gefährlich macht; denn 
überall anderswo ist alle Politik nichts weiter als 
ein System von ewig erneuten Kompromissen zwischen 
den Bedürfnissen gewisser Gruppen lebender, arbei- 
tender Menschen und den Bedürfnissen anderer Grup- 



427 



pen eben solcher Menschen; überall und immer ist 
Politik ein Mittel, nicht ein Ziel, ein ewiges Ungefähr 
nie eine Doktrin; sie ist gleichsam ein unvermeid- 
liches Uebel und findet ihre Rechtfertigung nur in 
ihren nichtpolitischen Erfolgen. Rom dagegen — das 
heutige Rom — ist abstrakte, absolute Politik, Politik 
als Selbstzweck. Die Givitas Dei, mit dem Papst an 
der Spitze als unumschränktem Gebieter, ist ein 
Ideal ; es wächst nicht aus thatsächlichen, praktisch 
gegebenen Verhältnissen heraus, sondern soll von 
oben her diesen Verhältnissen aufgezwungen werden ; 
kurz, es ist nicht Leben, sondern Lehre. Und Das 
heisst nichts Anderes als absolute Politik. Von Be- 
dürfnissen, denen diese Politik dienen sollte, kann 
keine Rede sein ; die Männer, die sie betreiben, 
entsagen — mehr oder weniger — aller völkischen 
Gemeinschaft und treten sogar aus der Familie aus; 
mit anderen Worten: sie scheiden aus der mensch- 
lichen Gesellschaft; folglich existirt für sie die un- 
erlässliche Politik der praktischen Bedürfnisse nicht 
mehr, sondern sie sind frei, das eine grosse, doch 
sonst allseitig bedingte Werkzeug aller Politik — die 
Gewalt — als deren Zweck zu erfassen und sich 
diesem einen Zweck -- der Allgewalt — ungetheilt 
zu widmen. Und je reiner und uneigennütziger — 
uneigennützig, meine ich, im Sinn weltlicher Genüsse 
— eine solche Politik, um so gefährlicher ist sie für 
die Staaten. Die Berechtigung aller praktischen Po- 
litik und die Entschuldigung für die Gewaltsamkeiten 
zu denen sie häufig greifen muss, ist gerade, dass 
materielle Vortheile auf dem Spiel stehen und dass 
die Völker, wie die Einzelnen, eine materielle Grund- 
lage nicht entbehren können ; das ideale Element des 
Lebens muss das Volk aus anderen Quellen speisen, 
die Politik dagegen kann gar nicht zu ausschliesslich 
„real" sein. Hingegen greift eine Politik wie die 
Roms um so tiefer in das Leben der Völker ein, je 
abstrakter und reiner sie ist; hier ist Logik, was bei 
den Staaten Kanonen sind; und je selbstloser und 
sittenreiner die führenden Männer, um so fanatischer 
werden sie auf das Ziel losgehen. Ein Papst, der 
Maitressen hält und Künstler beschäftigt, ist harmlos 



428 



gegenüber dem milden Greis, der jetzt auf dem Thron 
sitzt. Es liegt auf der Hand, dass eine politische 
Macht dieser Art die Schwächung und endliche Ver- 
nichtung jedes Staatwesens unausgesetzt betreiben 
muss ; hier nützen selbst die besten Absichten — wo 
solche vorhanden sind — nichts, denn die Logik der 
Situation ist stärker als der stärkste Einzelwille. Es 
ist nur konsequent, wenn das katholische Staats- 
lexikon die Bildung der europäischen Nationalstaaten 
als einen „Zerfall der Christenheit" beklagt. Treitschke 
bemerkt: „Die katholische Kirche nimmt immer Partei 
für die Sprache der geringeren Kultur" ; wir sehen 
es in diesem Augenblick in Posen, wo Rom das 
ganze Gewicht seines Einflusses in die Wagschale 
des Polenthumes wirft, — hier, wo es die schönste 
Gelegenheit hätte, sich als staaterhaltend zu erweisen, 
wenn es das wäre; wir sehen es in Böhmen, wo 
Rom rein deutsche Gegenden mit tschechischen 
Pfarrern überfluthet und so die mächtigste Förderin 
der Entdeutschung wird; wir sehen es in Irland, wo 
Rom allein das für heutige Verhältnisse völlig nutz- 
lose keltische Idiom am Leben erhält und von der 
Kanzel herab die „Teufelsprache" der Engländer ver- 
flucht; wir sehen es in der Bretagne, wo die Ordens- 
schulen so viel wie irgend möglich die französische 
Sprache unterdrücken und wo selbst in Städten, 
deren Einwohner zum grossen Theil nur französisch 
verstehen, dennoch vielfach ausschliesslich bretonisch 
gepredigt wird. Das kann aber gar nicht anders sein 
und man darf mit apodiktischer Gewissheit behaupten, 
dass, was wir bei den Sprachen deutlich erblicken, 
auf jedem einzelnen Gebiet des Lebens in genau der- 
selben Weise geschieht und dass Rom ausnahmslos 
Das thut, Das züchtet. Das fördert, was den Staat 
— als solchen — schwächt. Dazu ist ja Rom da. 
Das ist seine raison d'etre; und wenn es heute sein 
politisches Ideal aufgäbe, so wäre es morgen ver- 
schwunden; denn Religion an und für sich bedarf 
solcher gewaltigen Zurüstungen nicht; im Gegentheil." 
Man beachte doch diese Schreibweise. Jeder 
Satz ist ein protestantischer frecher Schwind), nichts 
wird bewiesen, alles frech nur behauptet, ganz nach 



429 



Judenart. Wo steht geschrieben, dass das päpstliche 
Rom eine auschliesslich politische Gewalt sei? Das 
schreiben die Protestanten, den Beweis bleiben sie 
schuldig. Dass die katholische Kirche die kleineren 
Nationen und ihre Sprache achtet, ist nur ein Beleg 
ihrer göttlichen Sendung, wie ja der göttliche Heiland 
mit Vorliebe die Schwachen und Unterdrückten zu 
sich rief und aufsuchte. Dann sagt Herr Ghamber- 
lain in der Vorrede noch folgende Liebenswürdigkeit. 
Der gewaltigen Erscheinung der römischen Hier- 
archie gegenüber achtlos, skeptisch, gleichgiltig, in 
blasser Sympathie oder blasser Antipathie — wie 
Millionen von Protestanten und Katholiiien — zu ver- 
harren : Das kann nur Blindheit oder geistige Schwäche 
erklären. Wer dagegen erkennt, was hier vorgeht und 
wie hier die Zukunft der ganzen Menschheit, insbe- 
dere aber die Zukunft alles Germananthumes auf 
dem Spiele steht, hat nur die eine Wahl: entweder 
Rom zu dienen oder Rom zu bekämpfen; abseits zu 
bleiben, ist ehrlos. Grundlegend ist aber hierbei 
die Erkenntnis, dass man Rom, diese rein politi- 
sche Macht, der auch einzig politisch beizukommen 
ist, bekämpfen kann, ohne darum die katholische 
Religion zu bekämpfen; im Gegentheil: indem man 
ihr selbst angehört oder ihr herzliche Sympathie ent- 
gegenbringt und fühlt, die Welt wäre ärmer — auch 
ärmer an Hoffnungen für die Zukunft, — wenn sie 
nicht wäre. Nicht auf Worte kommt es uns an, sondern 
auf Dinge, auch nicht auf Theorien über Das, was 
sein müsste, sondern auf die Thatsachen, wie sie 
sind. „Römisch" und „Katholisch" sollten — nach 
den Lehren der Hierarchie — das Selbe sein; sie 
sind es aber nicht ; darum unterscheiden wir sie. Ich 
schliesse mit einem oft gehörten, doch nie zu oft wieder- 
holten Worte Kant's: „Das Reich Gottes auf Erden: 
Das ist die letzte Bestimmung, des Menschen Wunsch. 
Dein Reich komme ! Christus hat es herbeigerückt ; 
aber man hat ihn nicht verstanden und das Reich 
der Priester errichtet, nicht das Gottes in uns. Im 
ganzen Weltall sind tausend Jahre ein Tag. Wir 
müssen geduldig an diesem Unternehmen arbeiten 
und warten." Auf uns machen diese anscheinend 



430 



frommen protestantischen Phrasen keinen Eindruck 
und können wir uns mit ihnen nicht eingehend be- 
fassen. Die Geschichte der Völker lenkt die göttliche 
Vorsehung, daran glauben wir fest. Hat auch die 
katholische Kirche grosse Verluste erlitten, kann sie 
wieder bei anderen Völkern willige Aufnahme finden. 
Ob jemals die Zukunftspläne des deutschen Protestan- 
tismus in Erfüllung gehn werden, ob das AUdeutsch- 
thum von der Ost-See und Nord-See über ganz Oester- 
reich bis hinab in die sonnigen Gestade des Bosporus 
und Salonichi hinreichen wird, darüber werden wir 
uns den Kopf nicht zerbrechen. Die angegriffenen 
Völker werden sich wehren und der Sieg wird doch 
der gerechten Sache zufallen. Hoffen wir, dassPreussen- 
Deutschland seinen friedlichen Nachbar Oesterreich- 
Ungarn nicht verschlingen wird, wie sehr es auch die 
Pastoren wünschen. 

XXV. Die Früchte des Nationalitätenhaders, Vor- 
gänge bei der Volkszählung. 

Das Leben ist für die meisten Menschen eine 
ununterbrochene Kette von Sorgen um das tägliche 
Brot. Millionen Menschen gehn an diesen Sorgen vor- 
zeitig zu Grunde, ihre Lebensdauer wird durch un- 
genügende Nahrung und Entkräftung abgekürzt. Je 
grösser die Lebenssorgen, je furchtbarer die Kämpfe 
um das Brot, je schrecklicher der Konkurrenzkampf 
der Hungernden und Nahrungsuchenden, desto mehr 
wächst die Bürde, und die Verachtung des Lebens, es 
mehren sich die Selbstmorde. Je rücksichtsloser die 
Menschen gegeneinander werden, desto mehr wächst 
die Verbitterung der Gemüther, der Krieg aller gegen 
alle verbreitet sich, der Bruder verräth den Bruder, 
das eigene Blut wird nicht geschont, alles wird 
käuflich. Man findet wohl nirgends auf der Welt die 
Lebensverachtung so allgemein verbreitet wie in Japan, 
China und Ostindien, besonders wenn die Reisernte 
missrathet und Hungersnoth einbricht. Diese heidni- 
schen Völker mit der grausamen Mandarinen- und 
Brahmanenherrschaft kennen weder Gerechtigkeit 
noch Nächstenliebe, hier herrscht überall das kalte 
Recht des Stärkeren, das Recht der oberen Kasten. 



431 



Darum finden wir massenhaft den Selbstmord vor, 
die Lebensverachtung, das Harakiri. Unter den christ- 
lichen Völkern hat die christliche Religion die Men- 
schen gelehrt das Leben zu lieben und dem nothlei- 
denden Mitmenschen nach Kräften in seiner Noth bei- 
zustehen. Aber je mehr die sociale Noth wächst, die 
Menschen sich mehren, die Erwerbsverhältnisse immer 
schwieriger werden, der Reichthum einiger Weniger 
meist Juden zum wahnsinnigen Luxus und bestiali- 
sche Hartherzigkeit zur Noth Anderer sich breit 
machen, schwinden mehr und mehr die Grundsätze 
der christlichen Nächstenliebe, es verbreitet sich der 
Krieg der Individuen gegeneinander, von denen viele 
glauben, wenn sie den Nachbar zu Grunde richten, 
sich selbst einen guten Dienst zu erweisen. Unter 
diesen Umständen gewinnt auch der Nationalitäten- 
hader einen fast revolutionären und bestialischen 
Charakter. 

Wenn in Oesterreich für den Loskauf der Neger- 
sklaven in Afrika milde Gaben gesammelt werden, 
so möge doch nicht vergessen werden, dass zum 
Beispiel in Ried und anderen Ortschaften Nieder- 
Oesterreichs auch Märkte gehalten werden, arme böh- 
mische Kinder verdingen sich da als landwirthschaft- 
liches Gesinde. Was kostet der Böhm? So fragen die 
Bauern die Vermittler. Was könnte ein böhmischer 
Lehrling erzählen, der in einer Werkstätte in Wien 
seine Leidensjahre durchmacht, der nicht anders be- 
nannt wird als der böhmische Sau- und Dickschädel 
und der mit ungezählten Schlägen und Misshandlungen 
Vorlieb nehmen muss. Man braucht nicht nach Afrika 
zu gehen, wir haben zu Hause Sklaverei mehr als 
genug. Am 6. Juli 1902 war im Gasthaus des Eduard 
Hörnig in Blazim bei Postelberg eine Tanzunterhaltung. 
Es kamen auch hin 4 Dragonersoldaten Jelinek, Mi- 
kuläs, Safafik und Derfl. Gegen 7 Uhr Abends bei 
einer Pause fiengen die Dragoner ein böhmisches 
Soldatenlied an zu singen. Das brachte die anwesen- 
den Deutschen so in Wuth, dass sie die Dragoner, 
welche ihre Seitenwaflfe abgelegt hatten, umzingelten 
und den Dragoner Jelinek in den Hofraum schleppten. 
Dort versetzte ihm Anton Schweiger einen Schlag 



432 



mit einer 3 m langen Wagfendeichsel und erschlug ihn. 
Jelinek starb am 7. Juli zu Mittag, nachdem er infolge 
des Schlages das Bewusstsein verlor und bewusst- 
los auch blieb. Am 19. September wurde Ant. Schweiger 
von den Geschworenen in BrQx für unschuldig erklärt 
und freigelassen. Sein Vertheidiger der Advokat Jude 
Kornfeld bezeichnete ganz ungestraft die Aussagen 
böhmischer Zeugen als unglaubwürdig, wegen der 
Nationalitätsangehörigkeit zum Ermordeten. Ende 
September 1902 veröffentlichte die berüchtigte „Brüxer 
Zeitung" (Nr. 79) folgende Aufforderung an die Deut- 
schen in Brüx : Dem Einwandern von Angehörigen 
böhmischer Nationalität muss Einhalt gethan werden. 
Angehörigen böhmischer Nationalität soll nicht 
gestattet werden, dass sie sich in Brüx dauernd nieder- 
lassen, dass sie Häuser erwerben. Gewerbetreibende 
und Handwerksgesellen sollen aus dem deutschen 
Reiche berufen werden, um die böhmischen Arbeits- 
kräfte zu verdrängen. Ueber diese Arbeitskräfte soll 
ein Evidenzkataster geführt werden. Eine Dienstver- 
mittlung für Deutsche soll gegründet werden, damit 
böhmische Dienstboten, Arbeiter, Gesellen, Gewerbe- 
treibende, Eisenbahnbedienstete und Staatsbeamte 
verdrängt werden." Derartige Aufforderungen bringen 
deutschnationalle Blätter in Böhmen fortwährend. 
„Gablonzer Tagblatt" veröffentlichte Anfangs Oktober 
1902 (in Nr. 250) die Namen böhmischer Eisenbahn- 
angestellten auf der Gablonzer Linie, darauf meldeten 
sich bei der Gentralleitung in Prag diese Angestellten 
zur deutschen Nationalität aus Angst, dass sie nicht 
brodlos werden. In Dux liess der Bürgermeister 
Franzel alle Grabsteine mit böhmischen Inschriften 
demolieren. Das Grab der Tochter des Lehrers der 
Duxer böhmischen Schule wurde verwüstet nebst 
anderen Gräben, wo böhmische Grabsteine waren. In 
Ervenic bei Brüx erschoss der Wachmann Rieger am 
Gemeindeplatz einen Bergmann. Rieger ging straflos 
aus, der Bergmann war ein Böhme. Der Gemeinde- 
rath in Ladowitz bei Brüx, dann der Gemeinderath in 
Karbitz affichierte die Bekanntmachung, dass auf dem 
Friedhofe nur deutsche Inschriften geduldet werden. 
Aus den Textilfabriken Liebigs werden von schöneriani- 



435 



sehen Beamten böhmische Arbeiter entlassen, wenn 
sie nicht ihre Kinder in deutsche Schulen senden 
v/ollen. Johann Hilger war in der Fabrik in Eisen- 
brod seit dem Jahr 1867 beschäftigt, nach 35 Jahren 
ist er entlassen worden. In Hainspach war im Thun- 
schen Brauhause der Obermälzer Prochazka angestellt. 
Er diente hier zur vollen Zufriedenheit 10 Jahre» Im 
J. 1897 kam Wolf nach Hainspach und wurde beim 
Braumeister bewirtet. Bei dieser Gelegenheit forderte 
Wolf den Braumeister auf, keine böhmischen Mälzer 
und Arbeiter zu beschäftigen. 

Daraufhin bekam der Obermälzer Prochazka die 
Kündigung; trotzdem dass er Vater einer zahlreichen 
Familie war, ist er ins Elend hinaus gestossen worden. 
Es wird auf allen Linien ein Vernichtungs-Kampf ge- 
führt, der an Grausamkeit nichts zu wünschen übrig 
lässt. Das alldeutsche „Gablonzer Tagblatt", alldeutsche 
Zeitung für die Provinz Böhmen, wie es im Kopf des 
Blattes gedruckt steht, schreibt am 23. Lenzmond 1902 : 
Deutscher Hausfrauen- Verein. Derselbe hielt am Frei- 
tag Nachmittags unter Leitung der Obmännin Frau 
Adelheid Rössler seine Jahreshauptversammlung ab. 
Dem Berichte der Schriftführerin Frau Lilie sei Fol- 
gendes entnommen: Der Verein kann mit den im 
letzten Geschäftsjahre erzielten Erfolgen zufrieden sein. 
Es wurden von der deutschen Dienstboten-Herberge 
120 deutsche Mädchen herangezogen, 265 Vermittelun- 
gen abgeschlossen und 455 Posten in Vormerk ge- 
nommen. Seit dem Jahre 1898 sind durch Vermittelung 
des Vereines 620 deutsche Mädchen von auswärts 
nach Gablonz in Dienst gebracht worden. Mit jeder 
derselben sei ein Stück nationaler Arbeit thatsächlich 
geleistet und eine tschechische überflüssig gemacht 
worden. Kein anderer der örtlichen nationalen Schutz- 
vereine leiste das Gleiche, und doch werde keiner 
mehr benörgelt und missachtet, als der Hausfrauen- 
Verein. Es könne nicht genug betont werden, dass 
der Verein besonders die Deutscherhaltung des hei- 
mischen Gewerbes fördere. Hunderte von deutschen 
Dienstboten, die der Verein mit Aufwand vieler Mittel 
und Arbeit heranziehe, wendeten sich der Haus- 
industrie zu, gründeten einen Hausstand und ver- 



434 



mehrten den Grundstock deutscher Familien der 
Heimat. Von dieser Seite aus werde die Wirksamkeit 
des Vereines gar nicht betrachtet." In der Nummer 
vom 3. Ostermond 1902 schreibt dasselbe Blatt 
Folgendes: „Vom Bunde der Deutschen in Böhmen. 
Aus Grünwald wird uns geschrieben: In letzter 
Zeit macht der Name „Gilli" viel Staub, so auch 
Troppau, Brunn, Budweis. Das Slaventhum sucht mit 
Gewalt überall die deutsche Linie zu durchbrechen. 
Schritt für Schritt, ohne dass es beachtet wird, ge- 
schieht dieses Vordringen fast naturgemäss. Dieses Vor- 
dringen aber lässt sich durch den Willen, durch den 
festen Willen des Angegriffenen zurückhalten oder 
wenigstens doch vermindern. Durch die Gründung 
völkischer Schutzvereine ist an manchen Orten das 
Vordringen zum Stillstande gebracht worden, manche 
gefährdeten Orte sind gerettet worden. Der mächtigste 
Schutzverein ist für Böhmen der Bund der Deutschen. 
Auch Grünwald besitzt eine Ortsgruppe des Bundes. 
Aber leider steht dieselbe nicht auf jener Stufe, auf 
welcher sie sollte und könnte. Darüber werden und 
können sich unsere Gegner, leider auch Deutsche, nur 
freuen. Die Ursachen, warum viele fernbleiben und 
sogar austreten, sind mitunter sonderbarer Art. Wenn 
vielleicht eine missliebige Person im Vereine ist, wenn 
vielleicht jemand von einem Mitgliede beleidigt wird, 
so kann das doch keine rechte Ursache sein, den 
Verein oder die gute deutsche Sache dafür büssen zu 
lassen. Viele andere ähnliche Ursachen halten manchen 
zurück; vielleicht auch nur angeblich. Möchte sich jeder 
vor Augen halten, dass der Bund nicht politisch ist, dass 
er nur dem Volke, dem bedrohten und armen Deutschen 
dienen soll; möchte jeder bedenken, welche Erfolge der 
Bund erreicht hat, Erfolge, welche wir hier nicht wahr- 
nehmen, welche aber an der Sprachengrenze (Adlerge- 
birge, Trebnitz) erzielt worden sind; möchte jeder be- 
denken, dass die Abwehr der slavischen Gefahr ein 
Nutzen für jeden Einzelnen und für seine Nachkommen 
ist ! Möchte jeder bedenken, dass der Mitgliedsbeitrag (1 K 
20 h) ein sehr geringer ist, dass mit Geld viel erreicht 
wird, und daher jeder Deutsche dieses kleine Opfer leiste, 
damit die gefährdetsten Orte, denen keine Geldmittel 



435 



'^ur Verfügung stehen, gerettet werden. Soll aach 
unsere Heimat, unser Ort nicht in Gefahr gerathen, 
30 heisst es, jetzt schon auf der Hut zu sein. Da gibt 
es nur ein Mittel : Deutsche, unterstützet den deutschen 
Arbeiter, den deutschen Handwerker und nehmt in 
Eure Familie und Euer Haus nur Deutsche! Dann 
ist kein Feind hier, dann bleibt uns und unseren 
Nachkommen ein Kampf erspart, ein recht lästiger 
und schädlicher Kampf. Also Deutschgesinnte von 
Grünwald! tretet dem Bunde bei und wirkt im Sinne 
des Bundes." Das sind nur kleine Beispiele von der 
Art, wie die deutschnationale und alldeutsche Presse 
gegen Angehörige des böhmischen Volkes hetzen. 

Die „Politik" schreibt darüber am 24. September 1902 
folgendes : Die Spukgeister des Aufruhrs wirken eben 
fort in den deutschen Landen und allüberall herrscht 
hier der Obstruktionstrieb, der schon einmal in solcher 
UeberfüUe sieghaft war. Am meisten aber ist diese 
Willkür im Norden Böhmens zu spüren, der ohnehin 
seit jeher ein Gau der Lieblosigkeit und Unduldsam- 
keit war. Was hier seit Jahr und Tag das zur Furiosität 
aufgestachelte Nationalgefühl gesündigt hat, das hat 
in erschreckender Weise den von Grillparzer vorher- 
gesagten Entwickelungsgang wahr gemacht: „Vom 
Humanismus durch den Nationalismus zum Bestialis- 
mus." Es ist ein wahrer Vertilgungskrieg, der hier 
wider Alles geführt, wird, was böhmisch ist. 

Die meisten der Städte im „geschlossenen Sprach- 
gebiete" sind böhmischen Ursprunges. Breite Land- 
striche weisen noch heute die alten böhmischen Flur- 
namen auf. Der grösste Theil des Ackerbodens da- 
selbst ist von den böhmischen Ansiedlern urbar ge- 
macht worden, die meisten Deutschen, sofern sie 
nicht selber böhmischer Abkunft sind, haben es der 
Berufung böhmischer Könige zu danken, dass sie 
überhaupt ins Land kamen. Und auch heute noch 
ist das, was man mit Stolz als deutsche Industrie 
bezeichnet, zu nicht geringem Theile ein Ergebniss 
böhmischen Fleisses und böhmischer Arbeit. Trotz 
Alledem aber werden unsere Minoritäten, die doch 
eine wirtschaftliche Nothwendigkeit und die unerläss- 
liche Ergänzung der deutschen Unternehmerlust dar- 

28* 



436 



stellen, wie entrechtete Eindringlinge, wie enterbte 
Parias behandelt. Man verkümmert ihnen mit den 
brutalsten Mitteln des Boycotts die Geltendmachung 
ihrer staatsbürgerlichen Rechte, man verweigert ihnen 
das Wort Gottes in der Muttersprache, man will 
ihnen sogar das freie Verfügungsrecht über die 
eigenen Kinder entreissen, um diese schon im zarte^ 
sten Alter dem angestammten Volksthum abtrünnig 
zu machen. In jüngster Zeit hat sich zu diesem alten 
Brauche noch eine ganze Reihe neuer Trics hinzu- 
gesellt. In einer Dorfschule ist der Lehrer verdächtig, . 
ein „Gechenfreund* zu sein, flugs wird ein Schüler- 
strike veranstaltet, und kurze Zeit darauf ist der miss- 
liebige Lehrer beseitigt. Ein Kaplan oder Pfarrer gilt 
als Böhme; die Gemeinde droht mit dem Abfalle, 
und die Verfügung der kompetenten Instanzen wird, 
skrupellos umgestossen. In einem besonders strammen 
Wetterwinkel beschliessen die deutschen Kleinstädter, 
einem zutransferirten böhmischen Beamten Wohnung 
und Speisung zu verweigern und seine Vorgesetzten 
revociren pünktlich die Ernennung. Die Väter einer 
Gemeinde, die eine Bahn erhalten soll, dekretiren, 
dass blos Beamte deutscher Nationalität angestellt 
werden dürfen, und die Bahnverwaltung sucht dieselben 
gehorsamst in allen Ecken und Winkeln Oesterreichs 
zusammen. Ein besonders kühner Bürgermeister ver- 
bietet die Anbrigungeu zweisprachiger Bahninschriften 
und es bleibt bei dem angemassten Diktate. Ja, in 
einem Orte ging man sogar so weit, dass man vom 
Staate das urkundliche Gelübde abverlangte, er werde 
nie und nimmer, was auch kommen möge, in den 
Gau einen böhmischen Beamten entsenden. Böhmische 
Vereine wollen ihr statutarisches Befugniss geselliger 
Zusammenkünfte ausüben; irgend ein nationaler 
Schriftleiter oder sonst ein müssiger Leuteverhetzer 
wiegelt die deutschen Ortsbewohner auf, die Lokal- 
blätter bringen Aufrufe, in welchen sie zu Massen- 
demonstrationen und förmlicher Anwendung von 
Brachialgewalt animiren, und die Behörde schreitet 
gegen die böhmischen Festveranstalter ein und ver- 
bietet ihnen die Ausübung ihres statutarischen Be- 
fugnisses, ihres staatsbürgerlichen Rechtes. Auf der- 



437 



anderen Seite aber wird den Deutschen, wie es|das 
Littauer Exempel zeigt, der Einbruch in böhmische 
Städte zu dem eingestandenen Zwecke der Auf- 
wühlung des Bürgerfriedens anstandslos gestattet. 
Wo immer man hinblicken mag, überall drängt sich 
• der Geist der Auflehnung hervor und überall im 
•deutschen Lager bleibt er sieghaft. Die Obstruktion 
und der Triumph, der ihr zutheil wurde, wirken all- 
überall in ungeschwächter Kraft nach; sie dringen 
in die Städte und Dörfer ein, lösen überall die Bande 
des Rechtes und erfüllen die Bewohner mit Unbot- 
mässigkeit und Unverträglichkeit und lassen die Geister 
der Revolte nicht zur Ruhe kommen. Die gouverne- 
mentalen Kreise aber nähren und fördern diese Stim- 
mung noch durch die Benevolenz, mit der sie allen 
diesen Aeusserungen des überströmenden deutschen 
Kraftgefühles gewähren lassen, und werden dabei gar 
nicht inne, dass sie damit sich selber weit mehr 
schaden, als uns Böhmen. Die Kapitulation vor der 
•deutschen Obstruktion hat unserem Volke zwar eine 
herbe Enttäuschung gebracht, aber unser Recht wird 
und muss über kurz und lang doch wieder zur Geltung 
kommen; weit ärger aber wurde der Staat in die 
Mitleidenschaft gezogen, denn er wird noch lange 
nicht die Erschütterungen zu überwinden vermögen, 
welche diese Beugung seiner Autorität rief. Auch 
unsere Minoritäten werden die Drangsale überdauern, 
welchen sie jetzt ausgesetzt sind; ja, sie werden da- 
•durch nur vor Verweichlichung und Entnationalisirung 
bewahrt. Aber wohin ein Staatswesen steuert, das 
nicht den Willen hat, den sich immer tiefer einnisten- 
den Geist der Unbotmässigkeit in einem grossen Theile 
-seiner Unterthanen zu bannen, das zu errathen, setzt 
wohl keinen allzugrossen Scharfsinn voraus. Eine Re- 
gierung, deren Chef sich den Deutschen in einem 
harten Veto verschrieb, deren Unterrichtsminister sich 
in alldeutschen Redewendungen gefällt, deren Justiz- 
minister durch Geheimweisungen die Beamtenschaft 
irritirt und deren Eisenbahnminister vor jeder 
Aeusserung — deutschen Trotzes zurückweicht: eine 
solche Regierang besitzt wohl nicht die Eignung, der 
verkümmerten Staatsautorität wieder zu uneingeengtem 



438 



Respekte zu verhelfen. Wohin aber steuern wir dann- 
in Oesterreich?" 

Das stenographische Protokoll wimmelt von An- 
trägen alldeutscher und völkischer Abgeordneten^ 
welche hinzielen auf Vertreibung der Angehörigen 
böhmischer Nation. So enthält das stenographische 
Protokoll der Sitzung vom 26. Februar 1901 auf Seite 
630 Folgendes: „Anfrage der Abgeordneten Dr. Tschan, 
Kittel, Iro, Berger, Johann Laurenz Hofer, Dr. Eisen- 
kolb, Kliemann und Genossen an Seine Excellenz den 
Herrn Eisenbahnminister. Die k. k. Staatsbahn, Di- 
rection Pilsen, Strecke Dux-Pilsen, durchfährt von 
Dux bis Scheles in einer Ausdehnung von 100 Km. 
lediglich rein deutsches Gebiet. Nichtsdestoweniger 
sind alle Stationen mit doppelsprachigen Aufschriften 
deutsch und cechisch versehen und ebenso sind auch 
die von diesen Stationen ausgegebenen Fahrkarten 
deutsch und cechisch. In einem geradezu entwürdi- 
genden Verhältnisse stehen aber die deutschen Be- 
amten und Diener zu den Gechen, wie nachstehende 
Aufzählung darthut: 



Orte 



Beamte 



Diener 





deutsche Cechisclie 


deutsche 


Cechisc 


Ladowitz . . . 


2 


4 


10 


90 


Bilin 


3 


4 


60 


40 


Potscherad . . 


— 


4 


14 


86 


Postelberg . . 


1 


3 


15 


85 


Lischan .... 


— 


3 


— 


100 


Saaz 


3 


5 


15 


88 


Saaz Heizhaus . 


— 


— 


11 


89 


Schaboglück . . . 


1 


2 


20 


80 


Kaschitz . . . 


— 


5 


— 


100 


Podersam . . . 


1 


4 


15 


85 


Rudig 


— 


3 


15 


85 


Kriegern . . . 


— 


3 


— 


100 


Petersburg . . . 


— 


3 


33 


67 


Pladen .... 


— 


4 


— 


100 


Scheles .... 


— 


3 


17 


83 



Im Procenten ausgedrückt sind in diesen rein 
deutschen Stationen 18 Procent deutsche und 82 
Procent öechische Beamte und 15 Procent deutsche 



439 



und 85 Procent cechische Diener angestellt. Warum 
in rein deutschen Stationen auch die Diener Gechen 
sein müssen, lässt sich nur dadurch erklären, dass 
die k. k. Staatsbahn die Gechisirung in diesen rein 
deutschen Gebieten systematisch betreibt. Infolge 
dieses ganz unqualificirbaren Vorgehens der k. k. 
Staatsbahn ist auch das deutsche Volk auf das ärgste 
verbittert und aufgeregt. Es erfolgt deshalb die An- 
frage: „„Was gedenkt Seine Excellenz der Herr Eisen- 
bahnminister zu veranlassen: 1. Um diesen mit den 
bestehenden gesetzlichen Bestimmungen in Wider- 
spruch stehenden Zustand der doppelsprachigen 
Stationsaufschriften und Fahrkarten zu beseitigen? 
2. Um in diesen rein deutschen Stationen dem deut- 
schen Volke sein Recht auf deutsche Beamte und 
deutsche Diener zu wahren?"" Wien, 23. Februar 1901. 

Dagegen brachte der Abgeordnete Schneider in 
der Sitzung vom 20. März 1901 ein anderes Bild zur 
Ansicht. Es heisst im stenographischen Protokoll 
Seite 1533: 

„Interpellation des Abgeordneten Schneider und 
Genossen an Seine Excellenz den Herrn Eisenbahn- 
minister. Seit der mit 1. Mai 1897 erfolgten Ueber- 
nahme der Amtsleitung der Staatsbahndirektion in 
Lemberg durch den Direktor Wierzbicki, welcher als 
Personalreferenten seine Vertrauten, den bisherigen 
Vorstand des Personalbureau Georg Guttmann mit 
einigen anderen Beamten mitgebracht hat (der erste 
Fall in Oesterreich, wo ein versetzter Ghef seine ganze 
Glique mitnimmt), wird das jüdische Element im 
Personalstande des Staatsbahndirektions-Bezirkes Lem- 
berg in erschreckender Weise saccessive derart ver- 
mehrt, dass es nur noch einer kurzen Zeit bedarf^ 
dass dieses Element alles beherrscht, was aus nach- 
folgender Darstellung entnommen werden möge: Es 
wurden als Beamtenkandidaten aufgenommen: 

im Jahre 1897 1 Jude, 
„ ,, 1898 10 Juden, 
» „ 1899 11 „ 
„ „ 1900 12 „ 

Die Kandidaten für niedere Posten werden nicht 
in Berücksichtigung gezogen. Die Bevorzugung des 



440 



jüdischen Elementes tritt bei der Besetzung der Posten 
bei der Staatsbahndirektion selbst sehr drastisch her- 
vor, und zwar waren bei dieser Direktion beschäftigt: 
im Jahre 1896 31 Juden, 

„ „ 1897 35 „ 

. „ 1898 40 „ 

„ „ 1899 42 „ 
■ „ „ 1900 52 „ 

und ist dieser Stand in den letzten Monaten auf 64 
gestiegen. Die meisten Juden sind in den kommer- 
ziellen und Kontrolbureaux und als Erhebungskom- 
missäre beschäftigt (auf fünf Erhebungskommissäre 
in Verkehrsangelegenheiten sind vier Juden und nur 
ein Christ). Bei der Exekutive sind die Verhältnisse 
nicht günstiger; in der Station Lemberg zum Beispiel 
sind unter 58 Beamten 18 Juden beschäftigt (und 
zwar gegen jede Vorschrift zwei Brüder Dubsky). Die 
sich um Versetzung von einer Station, Dienststelle 
oder von einem Status in den anderen zum Zwecke 
eines rascheren Fortkommens bewerbenden Juden 
werden sofort berücksichtigt. So sind viele Juden von 
der Krakauer und Stanislauer Direktion zur Lem- 
berger Direktion versetzt worden (in letzterer Zeit 
sind zwei solcher Fälle, und zwar die Versetzung des 
Bier von Krakau und die des Dubsky von Stanislau 
zu verzeichnen). Es bedarf wohl keiner weiteren Er- 
örterung, dass das fernere Bestehen der bisherigen 
Verhältnisse bei der Staatsbahndirektion Lemberg, 
namentlich das Belassen des Personalreferates in den 
Händen des Guttmann, welcher das unbeschränkte 
Vertrauen seines Chefs in einer für die Verwaltung 
äusserst schädlichen Weise missbraucht, unberechen- 
bare Folgen nach sich ziehen würde." 

In der Sitzung des Abgeordnetenhauses am 12. 
März 1901 war die Debatte über die Bewilligung des 
erhöhten Rekrutenkontingents. Der verstorbene Abge- 
ordnete Hofica sagte Folgendes: (Stenogr. Protokoll 
12. März 1901, Seite 1245.) 

„Seine Excellenz der Herr Landes vertheidigungs- 
minister hat die Güte gehabt, uns mitzutheilen, dass 
er den sinnwidrigen Erlass, durch den die Gendarmen 
in böhmischen Bezirken und Städten gezwungen 



441 



waren, bei Gericht in rein böhmischen Streitsachen 
deutsch auszusagen, schon aufgehoben hat. Seine Ex- 
cellenz hat also festgestellt, dass ich ihm Unrecht 
gethan habe, wenn ich diesen Erlass angegriffen habe. 
Es ist nun wieder geheim geblieben, dass dieser Er- 
lass nun hoffentlich wirklich bereits aufgehoben wurde. 
Dagegen ist die Oeffentlichkeit gedrungen, wie noch 
vor kurzem kannibalisch die Gendarmen bestraft 
wurden, die sich erlaubten, bei Gericht böhmisch zu 
sprechen. Wenn also Seine Excellenz diesen Erlass 
aufgehoben hat, so hat er gewiss energisch und human 
gehandelt, und ich hoffe, geradeso energisch, wie er 
versichert hat, dass er die Dienstsprache zu wahren 
verstehe. Aber ich will nun dazu schreiten, thatsäch- 
lich zu berichtigen, was uns Seine Excellenz ver- 
schwiegen hat. Seine Excellenz hat nämlich mit keinem 
Worte davon Erwähnung gethan, in welcher Weise 
die Militärverwaltung bei der Volkszählung eine ganz 
sonderbare Politik getrieben hat. Bei uns werden 
nämlich die statistischen Ausweise nicht nach der 
Umgangssprache, sondern nach der Nationalität ge- 
geben, und daraus ergibt sich das etwas seltsame 
Schauspiel, dass es in der österreichischen Armee 
ungarische und polnische Offiziere, aber keine böh- 
mischen, keine slcvenischen oder kroatischen Offi- 
ziere gibt. Die werden geschmuggelt. Wie das ge- 
schieht, das wissen wir alle. Wir haben doch selbst 
gedient. Man nimmt den Mann, wenn man sein Grund- 
buchsblatt macht, her und fragt ihn, ob er deutsch 
kann. Wenn er sagt: Ja, ein wenig deutsch, dann 
heisst es, seine Umgangssprache ist deutsch, und in 
•der Volkszählung werden auf diese Weise bei rein 
böhmischen Regimentern alle Unteroffiziere und Offi- 
ziere, ob sie nun Pospischil oder Kralochwill, ob sie 
nun Nowak oder Nowotny heissen, ob sie nun ein 
gut böhmisches Herz und eine feste böhmische Zunge 
haben — das nützt ihnen nichts, als deutsch einge- 
tragen- Es ist das wichtig zu sagen, weil immer 
Herren kommen, welche sagen, wir Deutsche zahlen 
zwei Drittel aller Steuern in Oesterreich. Mit diesen 
zwei Dritteln ist es gerade so wie mit der Umgangs- 
sprache, die dann in Nationalität umgewandelt wird. 



442 



Die ganzen Nationalitäten verschwinden durch einen 
Zählungsschwinde], der leider auch so energisch beim 
Militär betrieben wird, und durch den die cechische 
Nation um Tausende und Abertausende braver cechi- 
scher Söhne ganz einfach betrogen wird. Ich weiss, 
wie zum Beispiel im letzten Jahre bei der letzten 
Volkszählung in der Kadettenschule in Prag gezählt 
wurde. Da hat man natürlich niemand gefragt. Die 
Umgangssprache aller war die deutsche und sind alle 
400 Frequentanten als Deutsche eingeschrieben worden. 
Meine Herren! Man wundert sich, dass die Leute 
jetzt so wenig in die Kadettenschule gehen, denn, 
wie Sie wissen, ist jetzt ein grosser Mangel an Fre- 
quentanten. Ja, warum denn? Wenn der böhmische 
Beamte seinen Sohn in eine Kadettenschule gibt, 
dann ist der arme Teufel moralischen Misshandlungen 
preisgegeben, und es ist in der Armee gang und gäbe, 
dass die Kameraden einen solchen Frequentanten als 
„Sauböhm" ansprechen. Ja, meine Herren, das ist 
aber etwas Erlaubtes, das ist nämlich keine Beleidi- 
gung, und der Beschimpfte kann nicht zum Rapport 
gehen und gehorsamst melden, er sei von dem und 
dem „Sauböhm ^^ geschimpft worden. Da sagt ihm 
sogleich der Oberlieutenant: „Sind Sie denn kein 
Sauböhm? Ist denn das eine Beleidigung?" Das 
mochte im Mittelalter geschehen oder vielleicht noch 
in vormärzlicher Zeit, wo der adelige Offizier da war, 
der schnell vorwärts gekommen ist, und der dienst- 
leistende Offizier, der arme Teufel, der als Koch an- 
gefangen hat und endlich mit 60 Jahren Hauptmann 
geworden ist." 

Am schrecklichsten entbrennen die nationalen 
Leidenschaften in Oesterreich und zwar auf allen 
Seiten im Norden und Süden der Monarchie während 
der Volkszählung. Ueber diese Vorgänge entspann 
sich im Abgeordnetenhause am 20. März 1901 eine 
eingehende Debatte, die wir wiederzugehen uns leider 
versagen müssen aus Raummangel. Wir führen hier 
nur an einige Interpellationen und zwar nach dem 
stenographischen Protokoll der 12. Sitzung der XVII. 
Session vom 27. Februar 1901, Seite 681: „Interpel- 
lation der Abgeordneten Silen;^, Dr. Kurz, Wenzel 



443- 



Hruby und Genossen an Seine Excellenz den Herrn 
Minister des Innern in Angelegenheit der Volkszäh- 
lung in Znaim und in Selletitz bei Znaim. Auch in 
Znaim wurde die letzte Volkszählung am 31. De- 
zember 1900 derart durchgeführt, dass das Resultat 
derselben nicht richtig sein kann und dass diese 
Volkszählung ungiltig ist. Dieselbe wurde etwa unter 
solchen Umständen durchgeführt, wie in den übrigen 
Orten mit (böhmischen) Minoritäten unter dem gegen 
das böhmische Volk ausgeübten deutschen Terro- 
rismus. Diese Volkszählung hat die Stadtgemeinde 
Znaim nicht durch ihre „amtlichen" Zählungskom- 
missäre vorgenommen, sondern die Zählungsbogen 
wurden in den Häusern vertheilt und zwar aus dem 
Grunde, weil diese Zählungskommissäre denn doch 
für die „deutsche Umgangssprache" nicht so frei 
wirken konnten, als wenn die Bogen an die einzelnen 
Parteien zur Vertheilung gelangen. Durch die Zeitun- 
gen wurde allerdings bekanntgegeben und dann durch 
besondere gedruckte Girkulare den Hausherren strenge 
aufgetragen, dafür zu sorgen, dass den in ihren Häu- 
sern wohnenden Parteien niemand die Zählungsbogen 
ausfülle, als entweder der Hausherr selbst oder die 
anlässlich der Volkszählung von der Gemeinde be- 
orderten Vertrauensmänner, welche jedermann mit 
Rath behilflich sein werden. Und diese Vertrauens- 
männer haben in böhmischen Familien gehörig ge- 
wüthet. Vor der Volkszählung schrieben die hiesigen 
Zeitungsblätter, insbesondere das „Znaimer Tagblatt" 
(welches dem preussischen Staatsangehörigen Karl 
Bornemann gehört, der, obwohl er das Druckerge- 
werbe nicht erlernt hat, trotzdem eine Druckereikon- 
cession besitzt), dass alle in Znaim lebenden Böhmen 
als Deutsche angemeldet werden müssen und dass 
jedermann, der Einfluss und Macht besitzt, einen 
jeden Böhmen als Deutschen anmelden müsse. Des- 
gleichen hat der Verein ,, Eiche" Plakate affichirt,. 
womit alle Deutschen aufgefordert wurden, ihre Pflicht 
zu thun und alles als deutsch anzumelden. Obwohl 
dieses Beginnen eine Aufforderung zu gesetzwidrigen 
Handlungen involvirte, hat der Staatsanwalt dennoch 
die Konfiskation nicht verfügt. Der Hergang bei der 



444 



Volkszählung war nun folgender: 1. Zahlreiche Haus- 
herren deutscher Nationalität haben die Zählungs- 
bogen ihren böhmischen Miethsparteien gar nicht zur 
Ausfüllung übergeben, sondern von denselben bloss 
die erforderlichen Dokumente (Tauf- und Heimat- 
scheine, Matrikenauszüge etc.) eingeholt, selbst aber 
die Bogen ausgefüllt, ohne in die letzteren ihren 
Miethsparteien Einsicht zu gewähren, indem sie vorher 
die nicht ausgefüllten Bogen von ihnen fertigen Hessen 
oder aber nicht einmal dieses thaten. Der Feldwebel 
Slavik des 99. Regimentes in Znaim hat in seinem 
Hause in Znaim elf Miethsparteien. Die Zählungsbogen 
hat derselbe diesen Miethsparteien gar nicht ausgefolgt, 
sondern erst als sie der Wachmann sammeln kam, 
hat dieselben entweder er selbst ausgefüllt oder der 
Wachmann und zwar mit der deutschen Umgangs- 
sprache, obwohl dies grösstentheils böhmische Par- 
teien sind; erst nachher Hess er die Bogen durch die 
Parteien fertigen. Ein Hausherr, namens Gandl, hat, 
als ihm ein Miether den Bogen böhmisch ausgefüllt 
hat, in seiner Wuth den Bogen in den Ofen geworfen 
und angeordnet, dass, wenn der betreffende Miether 
den zweiten Bogen nicht deutsch ausfüllt, derselbe 
sofort die Wohnung verlassen müsse. Ein anderer, 
Herr Habrdle, Hausbesitzer auf dem Ringpiatze, hat 
den Miethsparteien gleichfalls alle böhmisch ausge- 
füllten Bogen zurückgestellt. Herr Hosinsk^, Sattler, 
hat seinen Leuten die Bogen gleichfalls gar nicht vor- 
gelegt und Hess sie bloss unterferügen. Als die letz- 
teren dagegen protestirten, sagte er: „Gut, wenn Ihr 
die Bogen böhmisch ausgefüllt haben wollt, so packet 
Euch gleich aus dem Hause !" Auf diese und ähnliche Art 
wurden sehr viele böhmische Bewohner durch die 
Wuth der deutschen Hetzer dazu gebracht, dass sie 
nachgegeben haben, indem sie sich zur deutschen 
Umgangssprache anmeldeten. Welchen Werth hat 
dann eine solche „Volkszählung"? 2. Andere Haus- 
herren stellten ihren Miethsparteien die böhmisch aus- 
gefüllten Zählungsbogen zurück, indem sie erklärten, 
es sei nicht gestattet, die Bogen böhmisch auszu- 
füllen, noch auch die böhmische Umgangssprache an- 
zugeben, da — wie sie hinzufügten — jedermann, 



445 



der sich zur böhmischen und nicht zur deutschen 
Umgangssprache bekennen würde, aus Znaim abge- 
schoben werden wird. Böhmisch ausgefüllte Zählungs- 
bogen wurden von den Haasherren zerrissen und 
verbrannt, den Miethsparteien aber neue, deutsch aus- 
gefüllte Bogen (mit der deutschen Umgangssprache) 
neuerdings zur Unterschrift vorgelegt. Diesem Terro- 
rismus unterlagen zahlreiche böhmische Arbeiter- und 
Handwerkerfamilien, wenn sie auch kein Wort deutsch 
gekannt haben. 3. Als die böhmischen Parteien (böh- 
mische und deutsche Hausherren) die Zählungsbogen 
am Rathhause abgegeben haben, wurden die betref- 
fenden Familien von den Vertrauensmännern der Ge- 
meinde (insbesondere Fleischhacker, Säckel und an- 
dere) überlaufen, welche deutsche Abschriften der 
ursprünglich bOhmisch und mit der böhmischen Um- 
gangssprache ausgefüllten Zählungsbogen mitbrachten^ 
in denen jedoch die- deutsche Umgangssprache ein- 
getragen war, und verlangten von den böhmischen 
Parteien, ja zwangen dieselben, diese Bogen zu unter- 
fertigen, weil ihre bei der Gemeinde abgegebenen 
Zählungsbogen unrichtig und ungiltig seien, sie aber 
von der Gemeinde entsendet worden seien, diese 
neuen korrekten Bogen unterfertigen zu lassen. Unter 
diesen Leuten, die so manipulirt haben, befanden 
sich auch städtische Wachleute (wie Smejkal und 
der Gemeindebeamte Haase). Die Gemeindebeamten 
hatten zu diesem Zwecke Amtsferien. Diese Aktion 
hatte auf das Zählungsresultat einen bedeutenden^ 
Einfluss, obwohl hiezu kein Grund vorhanden war, 
denn die böhmisch ausgefüllten Bogen waren richtig,, 
da dieselben von drei böhmischen Kommissionen aus- 
gefüllt worden sind, welche in verschiedenen Stadt- 
theilen errichtet und mit genauen Instruktionen ver- 
sehen waren. Die böhmisch und mit der böhmischen 
Umgangssprache ausgefüllten Zählungsbogen, welche 
bei der Gemeinde abgegeben worden sind, wurden 
beim Polizeiamte von Polizisten in deutsche umge- 
schrieben, wobei auch die böhmische Umgangssprache 
in die deutsche umgewandelt wurde. Diese Bogen 
wurden sodann von den Polizisten und sonstigen 
Agenten zur Unterschrift mit dem Bemerken ausge- 



446 



tragen, dass die ursprünglichen Bogen unkorrekt ge- 
wesen seien. Belege dieser Unkorrektheiten befinden 
sich in den Händen der Vertreter der böhmischen 
Bevölkerung. Die weitaus meisten Arbeitgeber haben 
ihre Angestellten als Deutsche angemeldet, wenn sie 
auch kein Wort deutsch gekannt haben. Solcher An- 
gestellten gibt es in Znaim etwa 90 Percent Böhmen — 
ganz abgesehen von den Dienstmädchen. Als ein 
markanter Fall wird bloss angeführt, dass der Bau- 
meister Schweighofer die Familien der bei ihm in der 
Ziegelei beschäftigten Leute, 135 Personen an der 
Zahl, als Deutsche angemeldet hat, obwohl von ihnen 
niemand deutsch kann und er selbst mit ihnen böh- 
misch sprechen muss. 4. In denjenigen Stadttheilen, 
wo namentlich die ärmere Arbeiterklasse wohnt, 
wurde durch Gemeindewachleute und andere Per- 
sonen verkündigt, dass jedermann, der sich nicht zu 
den Deutschen melden wird, ausgewiesen werden 
wird." 

Auf Seite 683 desselben ProtokoUes steht fol- 
gende Interpellation: 

^Interpellation der Abgeordneten Dr. Kurz, Dr. 
Silen}^ und Wenzel Hrub^ und Genossen an Seine 
Excellenz den Herrn Ministerpräsidenten als Leiter 
des Ministeriums des Innern. 

Bei der diesjährigen Volkszählung in Budweis 
wurden seitens der hiesigen Deutschen solche Unkor- 
rektheiten verübt und^ eine derartige Pression auf nur 
halbwegs abhängige Gechen ausgeübt, dass die bei 
der Volkszählung erhobenen Daten gänzlich unrichtig 
sind, und wenigstens, was die Umgangssprache be- 
trifft, der Wahrheit und den thatsächlichen Verhält- 
nissen der Bevölkerung in Budweis ganz und gar 
nicht entsprechen. Da die Deutschen in Budweis 
sahen, dass ihre Zahl sich fortwährend verniindert 
und daher mit Recht besorgten, dass die eben durch- 
zuführende Volkszählung ihre Schwäche im richtigen 
Lichte zeigen wird, so wendeten sie alle Mittel an, 
um die grösstmögliche Zahl von Cechen auf Deutsche 
umzuschreiben. Zu diesem Behufe scheuten sie weder 
Gewalt noch Betrug, ja ihre Zutreiber fürchteten und 
schämten sich nicht, selbst als gemeine Diebe in die 



44' 



Wohnungen der Gechen einzubrechen, daselbst den 
Zählungsbogen ohne Wissen des Wohnungsinhabers 
zu stehlen und, unrichtig ausgefüllt, dann abzugeben. 
Es klingt dies zwar unglaublich, nichtsdestoweniger 
ereignete es sich so im Hause Nr.-C. Sl./IH. in der 
Klaudiusgasse, woselbst in die Wohnung einer ge- 
wissen Katharina J. der städtische „Fleischrevisor" 
Winkler mit dem Hausherrn Ed. Bayer eindrang, in 
ihrer Abwesenheit aus dem Koffer ihren Zählungs- 
bogen zugleich mit dem Zählungsbogen des Jak. Mayer, 
Oemeindestrassenkehrers, nahm und ohne Wissen und 
gegen den Willen dieser Personen die Bogen deutsch 
ausfüllte und abgab. Der eben erwähnte Mayer wurde 
später, als er verlangte, mit böhmischer Umgangs- 
sprache eingeschrieben zu werden, aus den Gemeinde- 
diensten entlassen. Der Gemeinde Budweis gebührt 
allerdings an allen verübten Unkorrektheiten der Lö- 
wenantheil, denn sie übte an ihren Angestellten und 
an nur halbwegs von der Gemeinde abhängigen Leuten 
die unmoralischeste Gewalt. Nicht nur die Gemeinde- 
wachmänner in Givilkleidung, sondern auch eine ganze 
Meute sogenannter „Meerschweinchen" — von der 
Gemeinde gezahlten Agitatoren niedrigster Kategorie 
— zerstreute sich in der ganzen Stadt, drang in alle, 
nur halbwegs von der Gemeinde abhängige Familien 
ein, bot sich unter dem Vorwande an, dass sie aus 
dem Rathhause behufs Ausfüllung der Fragebogen 
geschickt sei, und machte aus den Cechen durch einen 
Federstrich Deutsche, ohne das mindeste nach ihrer 
Umgangssprache zu fragen. Wie sie sich dabei be- 
nahmen, davon zeugen folgende Fälle : 

In das Haus Nr.-G. 277./III. kam der bereits er- 
wähnte „Fleischrevisor" Winkler, bot sich an, dass 
er die Zählungsbogen denMiethparteien selbst schreiben 
wird, frug sie (allerdings böhmisch) über ihr Nati- 
onale aus, Hess dann die Bogen in bianco unter- 
schreiben und trug sie mit dem Bemerken davon, 
dass er dieselben zuhause selbst ausfüllen werde. So 
geschah es bei Jakob Weiss (5 Familienmitglieder), 
bei Katharina Dvorak (2 Familienmitglieder), bei Franz 
Fiedler (7 Familienmitglieder), bei Martin Formänek 
(6 Familienmitglieder), bei J. Hartl (6 Familienmit- 



448 



glieder) und noch bei zwei weiteren Miethparteien 
(6 Familienmitglieder), sämmtlich im Hause Nr.-G. 
277./III. Diese sämmtlichen Personen, obwohl sie 
Gechen sind und obwohl ihre Umgangssprache einzig 
und allein die böhmische Sprache ist, wurden gegen 
ihren Willen und ohne ihr Wissen seitens des Wir^kler 
mit deutscher Umgangssprache eingeschrieben. Erst 
infolge der persönlichen Intervention des Herrn Jakob 
Weiss, welcher durch Zeitungen auf die betrügeri- 
schen Praktiken Winklers aufmerksam gemacht worden 
war, geschah es, dass bei ihm und bei Katharina 
Dvorak die Bogen nachträglich und zwar bereits im 
Rathhause, richtig gestellt wurden. Die Zählungsbogen 
der übrigen eben genannten Familien blieben jedoch 
auch weiterhin ohne Korrektur, obschon die in den- 
selben von Winkler gemachten Angaben wissentlich 
falsch und nach § 40 der Volkszählungsvorschrift 
strafbar sind. Marie Zäbehlickä, in der Bischofgasse 
Nro. 7, hat den richtig ausgefüllten Zählungsbogen 
für sich und ihre Familie abgegeben. Nach einigen 
Tagen kam zu ihr ein gewisser Docekal, „städtischer 
Angestellter", brachte ihr einen neuen Bogen unter 
dem Vorwande, dass der alte Bogen schlecht ausge- 
füllt sei, und erlangte, dass ihm dieser neue Bogen 
von der Frau Zäbehlickä in bianco unterfertigt wurde. 
Wie sich herausgestellt hat, bestand die von Docekal 
durchgeführte Korrektur darin, dass er die ganze Fa- 
milie gegen deren Willen, ohne deren Wissen mit. 
der deutschen Umgangssprache einschrieb, obzwar es 
eine böhmische Familie ist. Derselbe Docekal hat 
auch der Frau Kalät in demselben Hause die Ferti- 
gung eines leeren Zählungsbogens unter dem Vor- 
wande herausgelockt, dass der bereits abgegebene- 
Zählungsbogen richtiggestellt werden müsse. Auch in 
diesem Falle wurde die Fertigung des neuen Bogens 
nur zu dem Zwecke erschwindelt, damit diese Familie 
sammt dem Aftermiether Dr. Sachs unkorrekt und 
gegen ihren Willen mit der deutschen Umgangssprache 
eingeschrieben werde. Bei Herrn Ernst Laager in der 
Wienergasse Nr. 10 wohnten Frl. Johanna Laager und 
M. Zäbehlickä jun., die beide sfch in den Zählungs- 
bogen mit böhmischer Umgangssprache eingeschrieben 



449 



haben. Ihre Angabe wurde jedoch am Rathhause (un- 
bekannt durch wen) ohne ihr Wissen und gegen ihren 
Willen korrigirt und sie beide wurden mit deutscher 
Umgangssprache eingeschrieben. Benedikt Mathias, 
Fabriksarbeiter, und Kozäk Johann, Schuhmacher, 
beide wohnhaft auf der Linzerstrasse Nr. 76, haben 
leere Bogen unterschrieben, die ihnen Johann Sleha^ 
Gemeindeschreiber, abnahm und sodann ausfüllte; 
dieselben, sowie ihre Familien sprechen nur böhmisch, 
sind aber seitens des erwähnten Sleha mit deutscher 
Umgangssprache angemeldet. Kohout Peter, Kutscher, 
Stadtpark Nr. 38, wurde gegen seinen Willen von 
Kajetan Princ, Gemeindeschreiber, sammt der ganzen 
Familie mit deutscher Umgangssprache eingeschrieben. 
Eben dasselbe geschah bei Marie Tichä, Landstrasse 
Nr. 121, der ein gewisser Neubauer, Gemeindeschreiber, 
den Bogen abgenommen hat. Der deutsche Lehrer 
Gans kam in die Wohnung der Frau Ber und Herrn 
Koci in der Böhmgasse Nr. 20 neu, bot sich zur Aus- 
füllung der Zählungsbogen an und schrieb die eben 
genannten Familien mit deutscher Umgangssprache 
ein, obwohl diese Familien deutsch überhaupt nicht 
sprechen. 

Aber die Gemeinde Budweis hat noch in einer 
anderen Weise dafür Sorge getragen, dass die Zahl 
der Deutschen bei der Volkszählung vermehrt werde. 
Die böhmischen Gemeindeangestellten wurden aufge- 
fordert, sich im Rathhause einzufinden, wo ihnen die 
Zählungsbogen ausgefüllt und sogleich auch abge- 
nommen wurden. Die Gemeindestrassenkehrer Mayer, 
Lexa und Bukac wurden aus der Arbeit entlassen, 
weil sie sich zur böhmischen Umgangssprache bekannt 
haben. Die Folge davon war, dass sich alle übrigen 
durchwegs als Deutsche meldeten, mancher von ihnen 
vielleicht nach hartem Kampfe in seinem Innern. Es 
sind dies insbesonders folgende Gemeindearbeiter 
und Angestellte, welche gezwungen waren, sich und 
ihre Familien mit deutscher Umgangssprache anzu- 
melden, obschon sie nach ihrer Abstammung und 
Sprache Gechen sind: 

Piskäöek Josef, Kneisselgasse Nr. 150, 

Blazek Laurenz, Wienergasse Nr. 8, 

29 



450 



Stepän Felix, Plachygasse Nr. 184, 
Rataj Johann, Plachygasse Nr. 21, 
Liska Josef, Schanzgasse Nr. 16, 
Heller Franz, Altstädtergasse Nr. 29 a), 
Sima Thomas, Backhausgasse Nr. 288, 
Zahrädka Johann, Backhausgasse Nr. 75 neu, 
Moudry Anton, Backhausgasse Nr. 89 neu, 
Holy Kaspar, Backhausgasse Nr. 89 neu, 
Prokes Peter, Todtengräber am jüdischen Fried- 
hof Nr. 646/ir., 

Noväk Franz, Haasgasse Nr. 32, 
Vlcek Augustin, Pflasterer (hat Gemeindearbeit), 
Gymnasium gasse Nr. 521, 

Sabrt A„ Chorsänger, Gymnasiumgasse Nr. 404, 
Pechotsch Wenzel, Girowetzgasse Nr. 513, 
Toman Kamillo, Fischgasse Nr. 64, 
Urban Matthäus, Musiker bei den „Schützen", 
Linzerstrasse Nr. 29 a), 

Pucelik August, Arbeiter im Wasserthurm, 
Komärek Adalbert, Wunderlichgasse Nr. 35, 
Nuska Josef, Pragerstrasse Nr. 724, 
Libl M., städtische Hebamme, Wienergasse Nr. 8, 
Höffer M., Wienergasse Nr. 8 (bezieht von der 
Gemeinde eine Unterstützung). 

Dass auf die bei der Gemeinde beschäftigten 
Arbeiter thatsächlich eine Pression ausgeübt wurde, 
dies beweist besonders klar der folgende Fall: Thomas 
Krcka, Gemeindearbeiter, kam zum Redakteur der 
„Jihoceske Listy", Herrn Kubicek, und Hess sich bei 
ihm aus eigener Motion den Zählungsbogen ausfüllen. 
Dieser füllte den Bogen natürlich böhmisch aus, weil 
die sämmtlichen Mitglieder der Familie böhmischer 
Nationalität sind, und zwar: Thomas Krcka, seine 
Frau Marie, die Nichte Emilie Einöder, Fabriksarbei- 
terin, und die vierjährige Rosa Bernardickä, welche 
bei der Familie Krcka erzogen wird. Als Krcka jedoch 
den Bogen abgeben sollte, kam er mit seiner Frau 
wieder zum Redakteur Kubicek und ersuchte sicht- 
lich bewegt, ihm einen anderen Bogen zu verschaffen 
und deutsch auszufüllen, weil die Gemeinde jene 
Arbeiter, welche sich zur böhmischen Umgangssprache 
bekennen, aus der Arbeit entlasse, und machte gleich 



451 



einige Arbeiter namhaft, welche entlassen wurden. 
Als Redakteur Kubicek dieses sein Ersuchen abwies, 
verschaffte er sich selbst einen anderen Bogen und 
Hess ihn auf dem Rathhause so ausfüllen, wie es die 
Herren bei der Gemeinde wünschten, das heisst mit 
der deutschen Umgangssprache. Aus Furcht vor dem 
Verluste seiner Existenz gab also Krcka wissentlich 
eine Unwahrheit an, und zwar nicht nur rücksicht- 
lich seiner selbst, sondern auch rücksichtlich seiner 
Frau und der beiden übrigen Mitbewohner, von denen 
überhaupt niemand deutsch kann, was übrigens be- 
züglich der Familien aller eben genannten Gemeinde- 
angestellten gilt. 

Gharakterisch ist auch der folgende Fall: Georg 
Frey, städtischer Wachmann, Mühlfeldgasse Nr. 195, 
liess seine Frau und seine zwei Kinder mit deutscher 
Umgangssprache einschreiben, obwohl weder sie noch 
die Kinder deutsch können und auch nicht sprechen. 
In seinem Familienbogen sind noch zwei andere Per- 
sonen eingetragen, welche bei ihm überhaupt nie 
wohnen und auch am Tage der Volkszählung nicht 
wohnten. Dieser Fall deutet darauf hin, dass die Zahl 
der deutschen Bewohner in Budweis künstlich erzeugt 
wurde, und gibt es viele solche Fälle, was wir be- 
weisen werden, wenn unserem Vertrauensmanne ge- 
stattet werden wird, in die amtlichen Zählungsbogen 
Einsicht zu nehmen. Hinter der Gemeinde Budweis 
blieb das hiesige deutsche Bräuhaus keineswegs zurück. 
Die Bräuhausangestellten wurden kontroliert, was sie 
in den Zählungsbogen und insbesondere in die Rubrik 13 
eintragen, die Zählungsbogen mussten sie in der 
Kanzlei vorlegen und dort wurde ihnen die deutsche 
Umgangssprache hineingeschrieben, wenn auch die 
Mehrzahl der Arbeiter gar nicht deutsch kann. Und 
wehe dem Arbeiter, der es wagen würde, gegen den 
Willen der Brauereiverwaltung den Bogen auszufüllen. 
So geschah es, dass die folgenden Angestellten des 
bürgerlichen Bräuhauses sich und ihre Familie mit 
deutscher Umgangssprache anmeldeten, obzwar ihre 
Frauen und Kinder deutsch überhaupt nicht kennen 
und im Fämilienverkehr nur böhmisch gesprochen 
wird : 

29* 



452 



Bauer Wenzel, Girowetzgasse Nr. 453, 
Ploner Wenzel, Moosgasse Nr. 44, 
Neuzil Martin, Linzerstrasse Nr. 49, 
Bina J., Kutscher, Linzerstrasse Nr. 11, 
Speväk Franz, Böttcher, Moosgasse, 
Zerl Anton, Arbeiter, Mühlfeldgasse Nr. 17 
u. s. w. 
Die sämmtlichen Fälle, wo die Brauereiangestellteii 
infolge Pression von Seite der Verwaltung der deut- 
sehen Brauerei unkorrekt gemeldet sind, werden wir 
nach Einsichtnahme in die Zählungsbogen anführen; 
die eben genannten Fälle sind nur eine kleine Probe 
davon." 

Damit haben wir nur einige Beispiele angeführt 
wie die Nationalitätenzählung in Oesterreich betrieben 
Avird. Auf dieser Art Zählung wird dann das be- 
rüchtigte geschlossene deutsche Sprachgebiet kon- 
struirt, auf welchem auch das berüchtigte Buch über 
die nationale Theilung der Diöcesen im Königreich 
Böhmen beruht. Wenn wir die Interpellationen eines 
Schoenerer lesen oder die furchtbaren Hetzerein der 
alldeutschen und völkischen Presse, so finden wir 
eine Erklärung, diese Leute suchen und finden darin 
ihr Brod. Aber was sollen wir sagen, wenn die ano- 
nymen Schreiber der schon citierten Schandschrift 
„Zur Frage deutscher Bisthümer in Böhmen" auf 
Seite 76 (2. Auflage) folgendes leisten: „Man fürchtet 
also angeblich für die Seelsorge der cechischen Mi- 
noritäten in dem Falle, dass die Diöcesen sprachlich 
getrennt wären. Es läge die Antwort nahe, dass unser 
Augenmerk wohl vor allem auf die Seelsorge der er- 
drückenden Majoritäten der deutschen Bevölkerung 
gerichtet sein müsse, welche durch die Theilung be- 
fördert- werden soll (werden die Opitzianer nach der 
Durchführung der nationalen Theilung der Diöcesen 
etwa eifriger in der Seelsorge arbeiten als sie es 
jetzt thun, wer hindert sie am Eifer? Schamlose Pha- 
risäer!), damit sie nicht als „Indianer", als „Schwarze 
irgendwo in Mittelafrika" behandelt werden (diesen 
Vorwurf müsste man nur auf Rechnung der Opitzianer 
setzen), indem das zusammenhängende deutsche 
Sprachgebiet Böhmens (welches in Wirklichkeit eben 



453 



nicht besteht) in dem oben berührten Sinne zum 
^, Missionsland" herabgedrückt wird. Erst wenn diese 
besorgt sein, so könnten wir auch an die Minoritäten 
denken. (Welche Logik!) Doch nein, wir wollen gerade- 
aus unsere Meinung sagen, indem wir uns auf die Worte 
«ines ruhig prüfenden Autors beziehen (Weihbischof 
Frind : Das sprachliche und sprachlich nationale Recht, 
Seite 109): Wer ob seines Broterwerbes unter einer 
fremden Nation sich ansiedelt, hat es sich selbst zu- 
zuschreiben, wenn er auf manches Liebe und Schöne 
verzichten muss, das ihm die eigentliche Heimat ge- 
boten. Dahin gehört auch der Verzicht auf seine Spra- 
«che als Verkehrsmittel. Das eigene Gesammtinteresse 
nöthigt den Einwanderer in den Verkehr mit der Be- 
völkerung zu treten. Aus seinem Interesse folgt die 
natürliche und sittliche Nothwendigkeit (wie kommt 
hierher das Wort sittlich? Ist der böhmische Arbeiter, 
der sein Brod im Schweisse seines Angesichtes ver- 
dient und sein Leben daran setzt, ein Sünder, wenn 
er die Sprache seines Ausbeuters nicht erlernt?), dass 
er die Sprache des neuen Domicils erlerne. Nur selten 
wird das Interesse ein umgekehrtes sein oder er selbst 
uninteressiert bleiben oder beruflich ausser Zusammen- 
hang mit der Bevölkerung stehen, das mag eine Last 
für ihn sein, die der bereits Ansässige nicht hat, aber 
diese Ungleichmässigkeit der Vertheilung der Last 
gründet sich auf die Natur des Gesellschaftskörpers, 
demzufolge nicht der winzige Theil dasselbe bedeutet, 
wie die moralische Gesammtheit." Man muss wirklich 
alle Kraft zusammennehmen, um diese Ergüsse einer 
:solchen edlen Seele zu lesen. Es wurde noch nie in 
einer ekelhafteren Form das Recht des Stärkeren 
gelehrt, als es hier geschieht. Wir wollen uns mit 
diesen Ergüssen „der Nächstenliebe" des Dr. Frind 
nicht weiter abgeben. 

Damit wir doch das ganze Trauerspiel der Unter- 
drückung der slavischen Nationen in Oesterreich er- 
kennen, wollen wir die Staatsgrundgesetze anführen, 
welche von den Deutschen am 21. Dezember 1867 
ausgegeben und vom Monarchen sanktioniert worden 
sind. Artikel II. Vor dem Gesetze sind alle Staats- 
bürger gleich. Artikel IIL Die öffentlichen Aemter 



454 



sind für alle Staatsbürger gleich zugänglich. Artikel IV. 
Die Freizügigkeit der Person und des Vermögens 
innerhalb des Staatsgebietes unterliegt keiner Be- 
schränkung. Artikel VI. Jeder Staatsbürger kann an 
jedem Orte des Staatsgebietes seinen Aufenthalt und 
Wohnsitz nehmen, Liegenschaften jeder Art erwerben 
und über dieselben frei verfügen, sowie unter den 
gesetzlichen Bedingungen jeden Erwerbzweig ausüben. 
Artikel VIII. Die Freiheit der Person ist gewährleistet. 
Artikel XIX. Alle Volksstämme des Staates sind gleich- 
berechtigt und jeder Volksstamm hat ein unverletz- 
liches Recht auf Wahrung und Pflege seiner Nationa- 
lität und Sprache. Die Gleichberechtigung aller landes- 
üblichen Sprachen in Schule, Amt und öffentlichen 
Leben wird vom Staate anerkannt. An der Kreiirung^ 
dieser Staatsgrundgesetze waren damals die böhmi- 
schen Abgeordneten nicht betheiligt, sie sind nur von 
Deutschen abgestimmt worden. Man vergleiche doch 
mit diesen Staatsgrundgesetzen die nackte Wirklich- 
keit. Schon der IV. Artikel von der Freizügigkeit 
macht doch alle sogenannten geschlossenen Sprach- 
gebiete unmöglich. Man versuche nur einem Juden 
auf die Zehe zu treten, so schreit er gleich nach 
Wahrung der Rechte des Staatsbürgers und zu seinem 
Schutz rückt gleich Militär aus. Der böhmische Arbeiter 
aber ist ein Parias in Oesterreich. 

XXVI. Die Ausbeutung der Völker durch das inter- 
nationale Kapital. 

Während die Regierungen der Weltmächte darnach 
streben, ihre Herrschaft möglichst zu verbreiten, haben 
sie im Laufe der letzten 50 Jahre eine andere Macht 
über sich heranwachsen lassen, welcher sämmtliche 
sogenahnte KuUurstaaten ohne Ausnahme jetzt unter- 
worfen sind, es ist das internationale Kapital, welches 
weder Geschichte noch Abstammung, noch Vaterland 
kennt und lediglich auf Gewinn ausgeht und in der 
Gewalt einiger weniger Besitzer sich befindet. Niemand 
lässt seine Tasche freiwillig von Jemandem anderen 
visitieren und so können auch die Angaben über das 
Kapitalsvermögen nur den Werth der Wahrscheinlich- 
keit beanspruchen. Der Werth des Eigenthums der 



455 



Welt in Geld ausgedrückt soll etwa 450.000 Millionen 
Dollars betragen. Das geprägte Silber und Goldgeld 
soll etwa 7500 Millionen Dollars, davon das Goldgeld 
allein etwa 3750 Millionen Dollars betragen. 

Nach Mulhall betrug der Reichthum Europas 
am Ende des 19. Jahrhundertes 1,175.000 Millionen 
Mark, davon das bewegliche Kapital allein 500.000 
Millionen Mark. Hinsichtlich des Gesammtreichthums 
ordnen sich die Hauptstaaten Europas in folgender 
Reihenfolge: England 295 Milliarden, Frankreich 247, 
Deutschland 201, Russland 160, Oesterreich 103, Ita- 
lien 79, Belgien 25, Holland 22 Milliarden. — Die Ent- 
wicklung des Reichsthums im 19. Jahrhundert ist be- 
sonders in England eine ungewöhnliche gewesen, 
während sie für Frankreich weit geringere Verschie- 
bungen aufweist. Das bewegliche Kapital wird für die 
wichtigeren Staaten wie folgt angegeben : England 106 
Milliarden, Frankreich 65, Deutschland 37, Russland 14, 
Oesterreich 10, Italien und Belgien je 7, Holland 6 
Milliarden. Die Reihenfolge ist also dieselbe wie bei 
dem Gesammtreichthum, aber das Verhältniss ist 
schwankend, am grössten ist es bei den Industrie- 
ländern, am schwächsten bei denen, deren Industrie 
und Handel erst am Anfang ihrer Entwicklung stehen. 
Während es in England 35 v. H. beträgt, in Belgien 
28, in Holland 27, in Frankreich 26, in Deutschland 
18, fällt es in Russland, Oesterreich und Italien auf 
9 V. H. Wenn das Gesammtvermögen der einzelnen 
Länder auf die Kopfzahl der Bevölkerung berechnet 
wird, so gelangt man zu einer anderen Reihenfolge. 
Jeder Engländer besitzt durchschnittlich etwa 5920 
Mark, der Franzose 5290, der Holländer 3680, der 
Belgier und Deutsche je 3120, der Oesterreicher und 
Italiener je 2000 und der Russe 1200 Mark. Wenn 
nur das bewegliche Kapital in Betracht gezogen wird, 
so besitzt der Engländer im Durchschnitt 2120 Mark, 
der Franzose 1360 Mark, der Holländer 1000, der 
Belgier 855, der Deutsche und Italiener je 560, der 
Russe 115 Mark. Die Belastung des Budgets für die 
verschiedenen Staaten Europas wird in runden Ziffern 
folgendermassen angegeben : Deutschland 4 Milliarden, 
also 2 Proc. seines Gesammtreichthums, England 3 



456 



Milliarden oder 1 Proc, Frankreich 3V2 Milliarden 
oder 1-4 Proc, Russland 2 Milliarden 700 Millionen 
oder 17 Proc, Oesterreich 2 Milliarden oder 18 Proc, 
Italien 1 Milliarde 800 Millionen oder 2*3 Proc, Belgien 
375 Millionen oder 15 Proc, Holland 300 Millionen 
oder 1*4 Proc Danach würde die Belastung des Na- 
tionalvermögens durch die Staatsausgabe in Italien 
am grössten sein und es folgen weiter: Deutschland, 
Oesterreich, Russland, Belgien, Frankreich, Holland 
und England. 

Nach den Schätzungen des internationalen stati- 
stischen Institutes war das bewegliche Vermögen 
Europas Ende 1897 folgendermassen konskribiert : 

im Milliarden 
Francs 



England 7.246,902.736 Pfund Sterl. 



= 182-6 



Niederlande 6.486,480.000 Gulden . . . = 13-6 

Belgien 6.193,419.000 Francs . . . = 6*2 

Deutschland .... 73.641,000.000 Mark = 92-0 

Oesterreich 11.680,800.000 Gulden ö. W. . = 24-5 

Rallen 17.500,000.000 Lire = 17*5 

Rumänien 1.214,048.000 Lei = 1-2 

Norwegen 500—600 Mill. Kronen . = 0-7 

Dänemark 2.045,679.000 Kronen . . . = 2 7 

Frankreich 80.000,000.000 Francs . . . = 80*0 

Russland 25.439,000 OOO Francs . . . = 25-4 

Zusamen rund . . 446'4 

Dieses riesige Vermögen erfordert eine jährliche 
Verzinsung, welche in die Kassen der Kapitalisten 
strömt. Die christlichen Völker Europas dürften jähr- 
lich an das Kapital 4000 Millionen Mark reichsdeut- 
scher Währung Zinstribut entrichten, dabei sind nicht 
gerechnet die Steuern und die Hypothekarschulden 
in ihrem ganzen Umfang. In der angeführten Summe 
des beweglichen Besitzes sind die Staatsschuldscheine 
und auch Hypothekarbelastungen, nämlich die Pfand- 
briefe einbegriffen. Aber die übrigen Grundbuch- 
schulden sind hier nicht angegeben. Sie werden für 
Europa auf 60.000 Millionen Mark geschätzt. Das ist 
«ine Zinsenlast jährlich von mindestens 240 Millionen 
Mark. Nehmen wir noch dazu die Staatsausgaben von 
ganz Europa, die sich jährlich auf ungefähr 25.000 
Millionen Mark belaufen, so haben wir folgende Lasten : 
Zinsen des Kapitalsvermögens 4000 Mill. Mark, Zinsen 



457 



für die Hypothekarschulden 240 Mill. M., öffentliche 
Lasten u. Steuern 25.000 Mill. M. Diese furchtbare Last, 
welche auf den Völkern Europas ruht, ist nicht einmal 
50 Jahre alt. Wie lange können die Völker diese Last 
ertragen? Wir sind der Ueberzeugung, dass der Zeit- 
punkt kommen wird, wo die Völker den Nationalitäten- 
streit werden fallen lassen, und werden genöthigt 
sein, ihre Existenz zu wahren vor dem Erdrückt- 
werden durch das internationale Kapital. Während 
die Deutschen in Oesterreich nach der deutschen 
Staatssprache rufen, zahlen die Steuerträger Oester- 
reichs, worunter also auch die Deutschen sind, ruhig 
jährlich 400 Mill. Kronen Zinsen in das Ausland für 
österreichische Werthpapiere, die sich in den Händen 
ausländischer Kapitalisten befinden. Dabei wissen 
auch die Deutschen nicht, ob dieser riesige Tribut 
dem Kaiman Levy in Paris oder dem Bleichröder in 
Berlin in die Taschen fliesst. Wir geben nun eine 
gedrängte Darstellung der Kapitalskräfte einzelner 
Staaten, soweit wir eben das Material bei der Hand 
haben. 

a) Der Kapitalismus in Oesterreich. 

Nach dem Raubzuge Preussens gegen Oesterreich 
im J. 1866 begann in diesem Reiche die Herrschaft 
der Judenliberalen, die nur durch eine kurze Pause 
des Ministeriums Hohenwart unterbrochen war. Der 
Kapitalismus feierte in Oesterreich seine Orgien, an 
welchen sich auch die Minister wie Giskra, Banhans, 
Finanzminister Brück in hervorragender Weise be- 
theiligten. Für die Geschäfte, welche zum Beispiel 
Finanzminister Brück besorgte, wäre die richtige Di- 
vidende der Galgen oder mehrjähriger Aufenthalt im 
Zuchthaus. 

Die Zeiten sind nun vorüber, das Gründerthum 
ist im Misskredit, das Publikum ist arm geworden 
und lässt sich jemand fangen, so geschieht es nur 
durch einen Betrug beim Advokaten oder Wechsel- 
stubeninhaber, die dann im gegebenen Momente 
entweder Gyankali oder Revolver nehmen oder rasch 
über das grosse Wasser nach New- York zu kommen 
trachten. Nichtsdestoweniger ist das mobile Kapital in 



458 



Oesterreich zu einer ansehnlichen Höhe herange- 
wachsen. Der Hauptgrund der Entwicklung des Ka- 
pitalismus ist das Schuldenmachen im populären 
Sinne. Heute ist Jedermann voll von Schulden, vom 
Staate angefangen bis zum letzten Häusler; die In- 
haber der Schuldscheine sind die glücklichen Kapi- 
talisten. 

Ende des Jahres 1902 hatten an der Börse in 
Wien die Staatsschuldscheine folgenden Kurswerth : 
Allgemeine Staatsschuld 5437-6 Mill. K; die Staats- 
schuld österreichischer Länder 2065*7, der ungarischen 
Länder 4436-5 Mill. K. Zusammen machte Ende 1902 
die Staatsschuld eine Netto-Summe von 11.939*8 Mill. K. 
Die Steuerzahler müssen für die jährlichen Zinsen 
aufkommen, die jetzt die Summe von 700 Mill. K 
überschreiten. Ein guter Theil davon fällt ja auf die 
landwirthschafthche Bevölkerung. Wie sich doch die 
Zeiten ändern. Im Jahre 1850 haben die Steuerzahler 
in der ganzen Monarchie, Oesterreich und Ungarn 
zusammen, 53,718.361 ü. Zinsen für die Staatsschuld 
gezahlt, im Jahre 1900 haben die Steuerzahler in 
Oesterreich 172,015.002 und in Ungarn 174,226.866 fl. 
Zinsen für die Staatsschuld gezahlt. Gehen wir 
weiter. 

Die vom österreichischen Staate übernommenen 
Eisenbahnschuldverschreibungen hatten Ende 1902 
einen Kurswerth von 1425*1 Mill. K. Weiter kursierten 
an der Börse in Wien öffentliche Anleiiien der Länder, 
Städte etc. für 1262.7 Mill. K, Pfandbriefe und Obh- 
gationen für 3750 Mill. K, Eisenbahnprioritäten für 
3643*7 Mill. K, Eisenbahnaktien für 1682-3 Mill. K, 
Bankaktien für 1474*6 Mill. K, Industrieaktien für 
1101*7 Mill. K. Der gesammte Kapitalsbesitz, welcher 
Ende 1902 an der Börse in Wien kursierte, hatte 
einen Börsenwerth von 27.094*7 Mill. K. Während 
des Jahres 1902 ist das Kapitalsvermögen des an der 
Börse in Wien notierten mobilen Besitzes um 1375 
Mill. K gewachsen, bei einer Vermehrung dieses Ver- 
mögens von 580 Mill. K durch Zulassung neuer 
Werlhpapiere. Ende des Jahres 1894 betrug der Kurs- 
werth sämmtlicher Tilres an der Börse in Wien 
24.234*4 Millionen Kronen. 



45^ 



Das mobile Kapitalsvermögen in Oesterreich ist 
in 9 Jahren um 2740 Millionen Kronen angewachsen. 
Das Jahr 1901 war für die Börse in Wien ein Hexen> 
jähr, ungefähr wie im Jahre 1873. Zahlreiche Schäflein 
wurden von der Börse rasiert ohne Blut, ohne Messer. 
Das dumme Publikum in Oesterreich wurde im Jahre- 
1901 von der Börse um eine Kleinigkeit von 483 Mil- 
Honen Kronen geprellt. So viel betrug der Kurs- 
verlust von Industrie- und Bankaktien während dieses 
Jahres. Der Geschäftsumfang der Börse in Wien ist 
nicht immer gleich. Es wurden Effekten verkauft und 
gekauft : 

Millionen Kronen 

im Jahre 1874 1286 

„ 1881 9252 

„ ,, 1895 10328 

„ „ 1898 4504 

„ „ 1899 5889 

„ „ 1900 3685 

Man sieht an diesen Zahlen, dass die Glanz- 
periode der Börsengeschäfte in Oesterreich vorüber 
ist. Die dummen christlichen Gojims haben nichts 
mehr. Im Jahre 1901 waren an der Börse in Wien 
folgende Schrankenfirmen aufgestellt : Moritz Alter^ 
Angloösterr. Bank, Samuel Auspitz, Sigmund Bauer,. 
Simon u. Bauer, Moses Biedermann, Breisach u. Comp.,. 
Brühl u. Kalimus, Jak. Bunzel, Jaques Ehrenzweig,. 
Elissen u. Schloss, Ephrussi u. Comp., Felix Epstein, 
Brüder Feldmann, Ferd. Figdor, Jos. Figdor u. Söhne^ 
Moritz Frankl, Friedenstein u. Comp., Garai u. Kohn^ 
Siegmund Geiringer, Moritz Gerstbauer, Goldberger u. 
Pollak, Philipp Gomperz, Gebrüder Gutmann, Moser 
Hassberg, Herz und Strauss, Theod. Kantor, Gebrüder 
Kohn, Joseph Kohnet u. Comp., KoHsch, Stiassny u. 
Comp., Landesberger u. Schmeichler, Leop. Langer,. 
Lieben u. Comp., Louis Lob, Nagel, Stern u. Comp.. 
Nagel u. Wortmann, Nathanson u. Kallier, Alfred 
Neu u. Comp., Oplatek u. Hock, Pichler u. Schick, 
Julius Pollak, Samuel Reitzes u. Gebrüder, Rosenberg^ 
u. Rosin, Rosenfeld u. Comp., S. Moses Rothschild, 
Mathias Rusov, Schlesinger u. Reihmann, J. Singer,. 
Singer. Walter und Comp., J. Stametz, Nachfolger^ 



460 



J. Stern, Leopold Stern, Strisomer u. Schwarz, Urbach 
u. Comp.. J. Weinsberger u. Comp., Adolf Weiss, 
Jaques Weiss, Moses Weiss, Weissenberger, Frid u. 
Comp., David Weiswetter, J. Zett, Bab und Comp. 
Sollte sich in dieses Verzeichniss ein Christ verirrt 
haben, können wir natürlich nicht wissen. Wir haben 
vor uns also die Creme der privilegierten Staats- 
bürger Oesterreichs, die in Wirklichkeit seine Regie- 
rung bilden. Sollte mal Schönerer oder Funke es 
wagen diese Finanzgrössen anzugreifen, dann würde 
ein Tanz losgehn, wie ihn die Welt noch nicht erlebt 
hat. Die „dummen" Christen werden gegen einander 
gehetzt, armen Arbeitern werden Wohnungen ge- 
kündigt, die Gelegenheit zum Brodverdienst verweigert, 
weil sie zur deutschen Nation nicht gehören, aber 
den Volksausbeutern, die keine Nationalität überhaupt 
kennen, an diese Finanzgrössen hat sich noch kein 
Deutschnationaler herangewagt. 

Die Judenzeitungen sind natürlich nicht wenig 
stolz darauf, dass in Oesterreich die Finanzbarone 
diejenigen sind, um die sich der ganze Staat drehen 
muss. So schreibt das „Berliner Tageblatt" Ende April 
1903 folgendes : „Zwei Wiener Financiers. Fast in 
keinem Staate ist der persönliche Einfluss einzelner 
Financiers ein so weitgehender wie in Oesterreich. 
Zum Theile ist dies wohl dem Umstände zuzuschreiben, 
dass es in Oesterreich überhaupt weniger hervorra- 
gende Persönlichkeiten auf finanziellem Gebiete giebt 
als in anderen Ländern. Von den Persönlichkeiten, 
die zur Zeit die hervorragendste Rolle spielen, steht 
jede einzelne an der Spitze einer ganzen Reihe von 
Aktiengesellschaften und in einer dominirenden Po- 
sition in einer der Wiener Banken. Das Princip der 
Solidität wird in erster Reihe von dem Direktor der 
Oesterreichischen Kreditanstalt Gustav Ritter von 
Mauthner repräsentirt. Ritter von Mauthner hat alle 
Stadien eines geschulten und geübten Finanzmannes 
durchgemacht. Er kam in ganz bescheidener Stellung 
zu dem Institute, in dem jetzt sein Wille ausschlag- 
gebend ist. Nur für ganz kurze Zeit hatte er den 
Dienst der Oesterreichischen Kreditanstalt verlassen 
imd zwar im Jahre 1872, wo er als Disponent der 



461 



damaligen Allgemeinen Oesterreichischen Bank thätig- 
war. Durch seine Verheirathung mit der Tochter des 
Präsidenten der Oesterreichischen Kreditanstalt, Ritter 
V. Weiss, trat er schon in verhältnissmässig jungea 
Jahren in intime Beziehungen zu den Leitern des 
Instituts. Bei allen umfangreichen Finanzoperationen,, 
welche die Oesterreichische Kreditanstalt in den 
letzten zwei Decennien durchführte, war Ritter von 
Mauthner hervorragend thätig. Seine Domäne bilden 
die staatsfmanziellen Geschäfte, die bis zu einem ge- 
wissen Grade auch das Privilegium der Oester- 
reichischen Kreditanstalt geworden sind. Ungeachtet 
der grossen Erfolge ist Ritter v. Mauthner stets eine 
bescheidene Natur geblieben. Grossen Aufwand zu 
treiben, verschmäht er. Seine Zerstreuung bildet die 
Jagd, die ihn auch häufig mit dem Chef des hiesigen 
Welthauses Baron Albert v. Rothschild zusammen- 
führt. Mauthner gehört dem Herrenhause an und ist 
damit der höchsten Auszeichnung theilhaftig ge- 
worden, die für einen jüdischen Staatsbürger in Oester- 
reich erreichbar ist. Die Nobilitirung Mauthners datirt 
noch von der Zeit, wo die eiserne Krone dritter Klasse 
die Erhebung in der Adelstand mit sich brachte. Ob- 
gleich noch in voller Schaffenskraft stehend, beschäftigt 
sich Mauthner ernstlich mit dem Gedanken, seine 
Direktorstelle aufzugeben, um sich mehr seiner Fa- 
milie widmen zu können. Wahrscheinlich wird er 
alsdann Präsident des Verwaltungsrathes werden. Der 
Augenblick hiefür wird wohl dann gekommen sein, 
wenn der gegenwärtige Präsident der Oesterreichischen 
Kreditanstalt, Ritter v. Gomperz, der in diesem Jahre 
seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert hat, zu- 
rücktritt. Wahrscheinlich wird das schon im nächsten 
Jahre geschehen, da Ritter von Gomperz nur dem 
Drängen der Verwaltung nachgebend in diesem Jahre 
noch seine Stelle als Präsident behalten hat. Eine so 
hervorragende Rolle auch Ritter v. Mauthner im ge- 
sellschaftlichen Leben spielt, ist er vor Allem doch 
Geschäftsmann geblieben, und wer immer in Ange- 
legenheiten der Oesterreichischen Kreditanstalt ge- 
schäftlich bei ihm vorsprechen will, findet Gelegen- 
heit, sein Anliegen vorzubringen. Einen Ersatz für 



462 



diesen fleissigen und umsichtigen Direktionsleiter 
wird die Oesterreichische Kreditanstalt nicht leicht 
finden. Ungleich impulsiver und energischer als der 
leitende Direktor der Oesterreichischen Kreditanstalt 
ist der Generaldirektor der Oesterreichischen Boden- 
kreditanstalt Ritter von Taussig. Er ist in einem 
Augenblicke in die Leitung der Oesterreichischen 
Bodenkreditanstalt berufen worden, in dem dieses 
Institut am Rande des Konkurses stand. Nur der 
Intervention der österreichischen Regierung war es 
damals zu danken, dass die grosse Hypothekenbank 
ihren Verpflichtungen nachkommen konnte. Die ge- 
rammte Kundschaft des Instituts musste gesichtet 
werden. Es galt, die unsoliden Elemente, welche auf 
Kosten der Bank waghalsige Spekulationen einge- 
gangen waren, zu beseitigen. Leicht war diese Auf- 
gabe nicht, weil sich unter diesen Kunden auch 
Persönlichkeiten befanden, die den vornehmsten Krei- 
sen Oesterreichs nahestanden. Entschlossen und ziel- 
bewusst hat Ritter von Taussig Ordnung geschaffen. 
Auch die Verwaltung der Bank musste davon über- 
zeugt werden, dass nur solides und ehrliches Ge- 
schäftsgebaren auf finanziellem Gebiete zu Erfolgen 
führe. Mit einer bewunderungswürdigen Klugheit hat 
Ritter von Taussig später die Persönlichkeiten aus- 
findig gemacht, welche berufen waren, der Verwaltung 
«eines Instituts grosse Dienste zu leisten. Die ersten 
Sektionschefs aus den Ministerien, die Berather des 
Hofes wurden in die Verwaltung der Oesterreichischen 
Bodenkreditanstalt berufen. Trotz eines verhältniss- 
mässig bescheidenen Kapitals hat die Bodenkredit- 
anstalt ihre Einflussphäre zusehends erweitert. Die 
grössten Erfolge hat Ritter von Taussig dadurch er- 
zielt, dass er stets einen grossen Theil des Rein- 
gewinns für spätere Zeiten reservirte, um auf diesem 
Wege die Leistungsfähigkeit und Sicherheit des Insti- 
tuts, dem er angehört, zu erhöhen. Heute sind die Re- 
serven der Bodenkreditanstalt bis zu einem Betrage 
angewachsen, mittels dessen die Vollzahlung der nur mit 
100 fl. eingezahlten Aktien bewerkstelligt werden könnte. 
Die eigentliche Domäne Taussig's bildet das 
Eisenbahnwesen. Hier hat er seine grössten Erfolge 



46B 



erzielt. Seiner Initiative war es hauptsächlich zu 
danken, dass die Oesterreichisch-ungarische Staats- 
eisenbahngesellschaft immer mehr dem französischen 
Einflüsse entrückt worden ist; er hat den Verkauf 
des ungarischen Netzes der Staatseisenbahngesellschaft 
durchgeführt und die Industrieunternehmen der Staats- 
eisenbahngesellschaft zu einer befriedigenden Ent- 
wickelung gebracht. Seit Jahren steht er an der 
Spitze des Verwaltungsrathes der Staatseisenbahn- 
gesellschaft. 

Sein Votum ist zugleich entscheidend für die Ent- 
schliessungen der Verwaltungen der Oesterreichischen 
Nordwestbahn, der Elbethalbahn und der Pardubitzer 
Bahn, dem Verwaltungsrathe der Nordwestbahn ge- 
hört er als Vicepräsident an. Gestählt und gekräftigt 
durch den fortwährendenKampf mit den Regierungen, 
fühlt sich Ritter v. Taussig förmlich wohl, so oft es 
neue Differenzpunkte zwischen dem Eisenbahnminister 
und den Transportunternehmungen auszutragen gilt. 
Trotz der fortgesetzten Kämpfe besteht jedoch keine 
Animosität zwischen ihm und dem Eisenbahnminister, 
und dieser ist von Taussig's Tüchtigkeit derart über- 
zeugt, dass er in allen wichtigen Eisenbahn- und Ver- 
kehrsfragen Ritter v. Taussig gern als Ratgeber hört. 
Mit der Nordwestbahn und der Staatseisenbahn- 
gesellschaft ist das Herrschergebiet Taussig's noch 
keineswegs erschöpft. Ritter v. Taussig verfügt auch 
über die Majorität der Aktien der Donau-Dampf- 
schiffahrt, und zum Theil werden wichtige Fragen 
in Südbahnangelegenheiten gleichfalls im Bureau der 
Oesterreichischen Bodenkreditanstalt gelöst, weil der 
Chef der Firma Rothschild, Baron Albert v. Rothschild, 
auf das Urtheil des Direktors der Oesterreichi- 
schen Bodenkreditanstalt grosses Gewicht legt. 
Ritter v. Taussig steht in den. besten Jahren und 
zeigt zur Stunde noch nicht die geringste Spur von 
Ermüdung. Vom frühen Morgen bis in den späten 
Abend ist er mit Konferenzen vollauf beschäftigt. 
Seine Persönlichkeit gilt als ausnehmend liebens- 
würdig, und diesem seinem Wesen dankt er es auch, 
dass seine Häuslichkeit zum Mittelpunkte des gesell- 
schaftlichen Verkehrs in Wien geworden ist." 



464 



Die gute Hälfte von dem mobilen Kapital Oester- 
reichs dürfte wohl Albert Nathaniel Rothschild haben. 
Mitte Dezember 1901 schrieb das in Wien erschei- 
nende „Deutsche Volksblatt" folgendes: „Die diesjähr. 
Juni-Bilanz des Wiener Hauses schloss mit einem 
Aktiv-Saldo von 11.116,594.672 K 12 h ab! Also 
mehr als 11 Milliarden Kronen besitzt das Wiener 
Haus allein ! ! Nimmt man nur einen 4procentigen 
Zinsfuss an ~ obwohl Rothschild, Dank seiner Be- 
theiligung an allerlei industriellen Unternehmungen 
und seiner im grössten Stile betriebenen Börsen- 
operationen mehr als 10 Procent erzielt — so hat 
der Chef des Wiener Hauses über ein Jahreseinkom- 
men von rund 440 Mill. Kronen zu verfügen. Repar- 
tirt gibt dies einen Tagesrevenu von mehr als 
1,200.000 K. Auf die Stunde entfallen noch immer 
50.000 K, auf die Minute 833 K und in der Sekunde 
kann sich der arme Albert auch noch 13 K leisten.'^ 
Zur näheren lUüstrirung der kolossalen Summen^ 
die in der Rothschild' sehen Bilanz figuriren, bringt, 
das Blatt dann noch folgende interessante Proben 
bei: „In Mairente besitzt der Wiener Chef nur 
63,400.000 fl., die mit 124,264.000 K eingestellt sind, 
dafür verfügt er über mehr als 132 Mill. Kronen in 
4procentiger österreichischer Goldrente, ferner über 
128 Mill. in österreichischer Kronenrente, 122 MilL 
in 4procentiger ungarischer Goldrente, 22 Millionen 
in Schuldverschreibungen der Elisabethbahn, über 
121 Mill. in 4procentiger ungarischer Kronenrente, 
70 Mill. in Februarrente, in Silberrente die riesige 
Summe von mehr als 290 Mill. Kronen. Im Albert 
Rothschild' sehen Besitze befinden sich ferner 28.500 
Stück Nordbahnaktien, welche mit 179,550.000 K 
Werth eingestellt sind! 120.000 Stück Kreditaktien 
repräsentiren einen Werth von ca. 80 Mill. ! Franzd^- 
sische Wertheffekten besitzt Rothschild für 1231 Mill., 
englische gar für 2374 Mill. ! Realitäten und Güter 
sind mit 165 Mill. eingestellt, während der Rest von 
Rothschild' s Vermögen in Industriewerthen investirt 
ist: Petroleumquellen, Edelsteingruben, Bergwerken 
etc. . . . Der Antheil des Barons Albert Rothschild 
an den Petroleumquellen zu Baku warf allein pro 



465 



1899 einen Ertrag von 98,208.865 K ab ! Diese Anga- 
ben sind so detaillirt, dass der Aufsehen erregende 
Artikel mit dem „besten Willen" nicht ignorirt wer- 
den konnte. Finanzminister v. Böhm warf sich denn 
auch alsbald für den armen Albert Rothschild ins 
Geschirr und „stellte fest", dass die Behauptungen 
des „D. V." haltlos seien. Räthselhaft bleibt es in- 
dess, woher Herr v. Böhm diese Kenntniss hat, da 
gleichzeitig der Vorstand der Steueradministration I. 
für Wien, Hofrath v. Lesigang, der doch genau wissen 
muss, wie viel Rothschild versteuert, behufs näherer 
Information den Herausgeben des „D. Volksbl.", Hrn. 
Vergani, zu sich bat. Dieser hat nun mit massgeben- 
den Persönlichkeiten der christlich-socialen Partei 
Fühlung genommen, um es dem Gewährsmann des 
Blattes zu ermöglichen, ohne Nachtheile für seine 
Existenz, sich der Behörde zur Verfügung zu stellen 
und ihr genauere Informationen nebst Belegen zu 
geben Hat ja doch schon der Goi, der nur einen 
galizischen Pinkeljuden „beleidigte", seiner Lebtage 
vor der internationalen Mischpoche keine Ruhe, wie 
viel weniger der, der einem Rothschild etwas zu nahe 
tritt?!" 

Nach den Schätzungen der Steuerbehörden be- 
trug im Jahre 1900 der Reinertrag des ganzen be- 
steuerten Grund und Bodens Oesterreichs die Summe 
von 306,429.178 Kronen. Multiplicirt man diese Zahl 
mit 25, so bekommt man den Kapitalswerth der be- 
steuern Bodenfläche, das wäre 76507 Mill. Kronen. 
Der ganze Grund und Boden Oesterreichs gehörte 
Ende 1900 4,932.651 Menschen, welche Grundsteuer 
zahlten. Nehmen wir noch die Angehörigen dazu, 
ernährt die Land- und Forstwirthschaft in Oester- 
reich über 13 Millionen Menschen. Nun könnte Roth- 
schild allein mit seinem Kapital zweimal den ganzen 
Bodenbesitz Oesterreichs käuflich erwerben. Der ganze 
fruchtbare Boden des Königreiches Böhmen beträgt 
5,027.306 Hektar, davon gehören 1,699.241 Hektar 
dem Grossgrundbesitz, d. i. 34 Procent, der andere 
Theil 3,228.065 Hektar sind bäuerlicher Besitz, d. i. 
66 Procent. Vom Grossgrundbesitze gehören 55.136 
Hektar dem kaiserlichen Hause, 634.735 Hektar 39 

30 



466 



Eigenthümern fürstlichen Ranges, 532.787 Hektar 
107 Eigenthümern gräflichen Ranges, 100.143 Hektar 
66 Freiherren, 56.268 Hektar 79 Eigenthümern von 
einfachem adeligen Stande. Der geistliche Besitz be- 
trägt 99.082 Hektar. Nebstdem hat das Aerar, der 
Landesausschuss, dann einige Städte Bodenbesitz. 
Der bäuerliche Grund ist vertheilt an 816.979 Eigen- 
thümer mit 9,262.754 Parcellen. Pächter gab es nach 
der Zählung vom Jahre 1890 in Böhmen 15.773. Der 
Werth des Bodens des Grossgrundbesitzes im König- 
reich Böhmen wird geschätzt auf 1.968,334.000 Kronen, 
der Bodenwerth des Bauernlandes auf 2.384,698.400 
Kronen. Albert Nathaniel Rothschild kann also den 
Grund und Boden des ganzen Adels in Böhmen 6mal 
käuflich erwerben. Ein einziger Jude wiegt also 6mal 
mehr als der ganze Adel eines alten glorreichen 
Königreichs. Zu den Finanziers, die in Wien eine her- 
vorragende und entscheidende Rolle spielen, zählt 
auch der Generaldirektor des Wiener Bankvereins, Herr 
Moric Bauer. Reichsdeutscher Abstammung, ist Bauer 
auch jederzeit Deutscher geblieben, obgleich er bereits 
vor längerer Zeit die österreichische Staatsbürger- 
schaft erworben hat und in Oesterreich zu einer sehr 
einflussreichen Stellung gelangt ist. In innigster 
Fühlung mit den hervorragendsten deutschen Insti- 
tuten hat er es als seine hauptsächliche Aufgabe be- 
trachtet, dem deutschen Kapital in Oesterreich die 
Wege zu ebnen. Es gibt wenige Persönlichkeiten, 
welche in verhältnissmässig so kurzer Zeit sich zu 
solcher Geltung gebracht haben wie Bauer. Zu einem 
nicht geringen Theile verdankt er diese Erfolge seinem 
verbindlichen Wesen und seinem oratorischen Ta- 
lente. In welcher Versammlung oder Körperschaft er 
immer sich zum Wort meldet, reisst er die Anwe- 
senden förmlich mit sich fort. Er versteht es wie 
selten Einer, seine Zuhörerschaft zu überzeugen. 

Oesterreich-Ungarn dankt ihm eine grosse Zahl 
von hervorragenden und leistungsfähigen Aktienunter- 
nehmen. Der Wiener Bankverein, Bauer's eigentliche 
Domäne, war zu der Zeit, wo er in die Direktion be- 
rufen wurde, ein kleines Institut, und waren ihm nur 
zwei oder drei Industriegesellschaften attachirt. Heute 



467 



verfügt die Bank über ein Aktienkapital von 80 Milli- 
onen Kronen und über bedeutende Reserven. Ein 
starker Rückhalt des Instituts liegt in dem engen 
Anschlüsse an die Deutsche Bank. Auch die Dresdner 
Bank, die Würtembergische Vereinsbank und andere 
grössere deutsche Banken pflegen sich an den Syn- 
dikatsgeschäften des Wiener Bankvereins mit ansehn- 
lichen Quoten zu betheiligen. Wo immer in Oester- 
reich sich die Gelegenheit bietet, gewinnbringende 
Operationen durchzuführen, ist der Wiener Bankverein 
an hervorragender Stelle zu finden. Er hat sich zu- 
letzt bei der Eisenbahnverstaatlichung in Oesterreich 
wirksam bethätigt und nimmt auch eine führende 
Stellung bei den Eisenkartellverhandlungen ein. Mit 
geschickter Hand wusste Herr Bauer der Rima- 
Muranyer Gesellschaft eine Position zu verschaffen, 
die ihm die Gelegenheit bietet, ein Machtwort hin- 
sichtlich des Eisenkartells zu sprechen. Auch in Un- 
garn ist der Bankverein zu grosser Beli